1829

[98] 45/90.

An die Großherzogin Louise

[Concept.]

Ew. Königliche Hoheit

vergönnen, daß ich meinen treusten Wünschen bey der neuen eintretenden Jahresepoche eine kleine Gabe hinzufüge, welche für mich den großen Werth hat: daß sie nichts enthält, als was zu der Zeit entstanden, da ich des Glücksgenoß, Höchst Denenselben anzugehören.

Zugleich sey mir verziehen, wenn ich es als ein gutes Omen betrachte, daß in der Dresdner Kunstverlosung zwar kein bedeutendes, aber doch, wie man mir so eben meldet, gutgedachtes Bildchen auf eine von Höchst Deroselben Nummern gefallen. Möge es nicht unwürdig seyn, in der neuen Wohnung, zu der wir alle Glück wünschen, ein bescheidenes Plätzchen einzunehmen.

Verehrend angehörig.

Weimar den 1. Januar 1829.


[99] 45/91.

An den Großherzog Carl Friedrichund die Großherzogin Maria Paulowna

[Concept.]

Durchlauchtigstes Fürsten-Paar.

Ew. Hoheiten vergönnen, daß ich mit den wenigsten Worten, bey der eintretenden neuen Jahresepoche, mich mit so vielen andern Getreuen schuldigst darstelle.

Ich könnte nichts fühlen, denken und wünschen, was Höchst Denenselben nicht schon bekannt wäre. Die Dankbarkeit, die ich empfinde für so viel Gnade und Güte, würde mich oft beschämen, wenn meine Gedanken nicht immerfort dahin gerichtet wären, alle Kräfte, die mir übrig sind, Höchst Ihro Dienste zu widmen, so wie der Inhalt meiner Wünsche nur das Wohl meiner Fürsten und alles Angehörigen seyn und bleiben kann.

Wie ich mich denn, als den Treustgewidmeten, zu fernerer höchster Huld und Gnade empfehlen darf.

Weimar den 1. Januar 1829.


45/92.

An Carl Friedrich Zelter

Sey dir vielmals gedankt, mein Guter, daß du mir durch dein Schreiben Gelegenheit gibst, in leidlicher Stunde etwas Freundliches zu erwidern.

Zuerst will ich also des guten Jungius gedenken und versichern, daß mir das Wenige, was du vom Anfange des 17. Jahrhunderts sagst, schon genügt. [100] Über einige Stellen des Heftes wünsche aufgeklärt zu seyn und werde nächstens deshalb das Weitere vermelden.

Meine Mutter pflegte zu sagen, wenn ihr gar zu viel Freunde über den Hals kamen: Sie lassen mich die Nase nicht putzen. Ich freue mich, daß ich dich in einer ähnlichen Verlegenheit sehe.

Dagegen sagen aber auch die Leute, daß du keine der Gelegenheiten, über die du dich beklagst, zu versäumen pflegest und das ergo bibamus durchaus wissest gelten zu machen.

Ich bin seit vier Wochen und länger nicht aus dem Hause, fast nicht aus der Stube gekommen; meine Wandernden, die zu Ostern bey euch einsprechen werden, wollen ausgestattet seyn. Das Beginnen, das ganze Werk umzuarbeiten, leichtsinnig unternommen, will sich nicht leichtfertig abthun lassen, und so hab ich denn noch vier Wochen zu ächzen, um diesen Alp völlig wegzudrängen, ganz im Gegensatz von deinem Wesen und Thun, da du mit völlig Fertigem und Bereitem retardirt und bey Seite geschoben wirst.

Herr Pascal ist kein fleißiger Leser von Kunst und Alterthum, sonst hätte er seiner liebenswürdigen Sendung, S. 402 des letzten Stücks, freundliche Erwähnung gefunden. Ich halte zwar in meinen Papieren die allermöglichste Ordnung, sonst könnt ich auch nicht einen Tag leben; aber doch fehlt's manchmal in einzelnen Puncten, und ich konnte den Namen jenes[101] höchst freundlichen Gebers, den ich zu nennen wünschte, nicht auffinden. Nur zu spät erinnerte ich mich, daß sein Schreiben unter den Papieren, auf jenen Geburtstag bezüglichen, sorgfältig niedergelegt war. Danke ihm zum schönsten. Des hübschen Töchterchens wirst du dich ohne Aufmunterung annehmen. Hat er keine meiner Medaillen, so schick ich sie dir.

Die großherzogliche gewünschte hab ich selbst nicht in Kupfer gesehen. Ich besitze sie durch des Herren Gunst in Gold. Ich will forschen, ob unter seinem Nachlaß vielleicht broncene vorhanden sind und mir für deinen Freund und mich zugleich ein Exemplar ausbitten.

Herrn Krüger habe ohnmöglich einige Stunden schenken können, ob er es gleich gar wohl verdient hätte; denn durch ein Bild des Prinzen Wilhelm hat er sich bey mir sehr in Credit gesetzt. Niemand begreift aber, was mir die Stunden in einer Folge werth sind, da ich die unterbrochenen für völlig verloren nicht allein, sondern für schädlich und zerstörend achten muß. So sind auch die Fremden, die nicht begreifen, was mir gerade durch eine Unterbrechung geraubt wird.

Und doch ist es mir immer unangenehm, wenn ich weit herkommende Menschen, mich selbst vertheidigend, abweisen muß.

Du hast dich über Gleiches zu beklagen, aber als Musicus mußt du es mit der Welt halten; die Welt [102] hat nichts von mir, als was sie schwarz auf weiß sehen kann.

Wenn ich meine Wandergesellen, redlich ausgestattet, fortgeschickt habe, so mögt ihr leichtsinniges Volk sie aufnehmen, wie ihr könnt; ich aber werde mich alsobald nach der Natur wenden und vor allen Dingen eine französische Übersetzung meiner Metamorphose der Pflanzen, mit einigen Zuthaten, zu befördern suchen. Die paar Monate in Dornburg haben die alten Anschauungen und Betrachtungen wieder auf's anmuthigste angeregt und begünstigt.

Überhaupt muß ich nun versuchen, Tag für Tag, Stunde für Stunde zu seyn, was noch zu leisten ist, um das Gegründete rein aufzurichten und praktisch zu befestigen. Es gibt sehr vorzügliche junge Leute, aber die Hansnarren wollen alle von vornen anfangen und unabhängig, selbstständig, original, eigenmächtig, uneingreifend, gerade vor sich hin, und wie man die Thorheiten alle nennen möchte, wirken und dem Unerreichbaren genug thun. Ich sehe diesem Gange seit 1789 zu und weiß, was hätte geschehen können, wenn irgend einer rein eingegriffen und nicht jeder ein Peculium für sich vorbehalten hätte. Mir ziemt jetzt 1829 über das Vorliegende klar zu werden, es vielleicht auszusprechen; und wenn mir das auch gelingt, wird's doch nichts helfen, denn das Wahre ist einfach und gibt wenig zu thun, das Falsche gibt Gelegenheit, Zeit und Kräfte zu zersplittern.

[103] Das nimm nun also hin, was ich in gewonnener einsamer Stunde für dich dictire, und gib mir Anlaß, auch an einem deiner guten Worte mich wieder zu erbauen.

unwandelbar

Weimar den 2. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/93.

An Justus Christian Loder

Die letzten Tage des Jahres, wo wir des Sonnenlichtes so sehr entbehren, sind mir von jeher ungünstig und drückend; was mir deshalb in solchen Stunden Gutes, Liebes und Erfreuliches zukommt, gewinnt für mich einen doppelten, dreyfachen Werth, sowohl in dem Augenblick, als in der nachherigen Fortwirkung.

Vielleicht erinnern Sie sich, verehrter Mann, noch dieser Idiosynkrasie aus jener Zeit, die weder für mich, noch für die Academie Jena so glücklich und productiv wiedergekommen ist. Gegenwärtig gilt es aber von dem Zustande, in welchem die vorzügliche, unter dem 6. September dieses Jahres angekündigte Sendung mich fand und den sie durchaus verbesserte.

Nur mit wenigem danke in diesem Augenblick zuerst für das Modell der einzigen Goldmasse, welche mehrere Monate her bey mir aufgestellt, jedermann zur Bewunderung ruft, sodann für die anziehende Mineraliensammlung. Ich fand in diesen Tagen noch nicht Raum sie auszupacken, will aber, dem Wunsche [104] des Herrn Rittmeister Küster in Braunschweig gemäß, dieses Blatt nur vorläufig absenden. Welch ein fröhliches neues Jahr wird es mir aber werden, wenn ich die durch den Catalog mir schon gleichsam gegenwärtigen Schätze ausgepackt und geordnet wirklich vor Augen sehe! Es wird mir zu vollständiger Anerkennung und weiterer Mittheilung den schönsten Anlaß geben. Zwar wird mein Dank, mit mehr oder weniger Worten ausgesprochen, immer derselbige bleiben, tief empfunden sowohl für diese Gabe als für alles, was mir in früherer Zeit durch einen so unterrichteten, als thätig geneigten Freund Gutes geworden. Wie ich denn auch überzeugt bin, daß Dieselben, wenn Sie Ihren Lebensgang recapituliren, sich meiner als eines mehrjährigen treuen Begleiters und Wissenschaftsgenossen erinnern werden.

Liebe und Leidenschaft für die Naturkunde ist mit den Jahren nur gewachsen, da gar manches Andere in den Hintergrund zurücktritt, womit man früher seiner Thätigkeit mehr schmeichelt, als daß man sie wahrhaft beschäftigte.

Deshalb kommt auch die bedeutende Sendung so höchst willkommen, weil ich meistens in Weimar, ja zu Hause gehalten werde und daher die Schätze des jenaischen Museums nicht mehr zu Auffrischung und Erweiterung meiner Kenntnisse benutzen kann.

Nur mit den wenigsten Worten berühre noch den großen Verlust, den wir in der Hälfte des vorigen [105] Jahres erlitten, und an welchem Sie wahrhaft theilgenommen, sowie denjenigen gleichbedeutenden, der Sie in der letzten Zeit betroffen, und den wir von Grund aus mit empfinden. Mir persönlich bleibt es immer höchst schmerzhaft, so manche große, herrliche, jüngere Personen vor mir dahin gehen zu sehen, und dabey nichts übrig als fortzuwirken, so lange es Tag ist, und der früher oder später eintretenden Nacht getrost entgegen zu leben.

unwandelbar treu angehörig

Weimar den 2. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/94.

An Friedrich Wilhelm Riemer

Wollten Sie, mein Theuerster, indem Sie die Mängel ohne weiteres corrigiren, zugleich überlegen und bemerken, ob dieses oder jenes am Orte nicht zulässig sey.

Das Beste wünschend.

Weimar den 3. Januar 1829.

G.


45/95.

An Carl Emil Helbig

[Concept.]

Können Ew. Hochwohlgeboren die Bezahlung inliegender beiden Rechnungen noch aus der alten Casse bewirken, so geschieht mir ein bedeutender Dienst und [106] Gefalle. Wie ich denn die dankbar wieder zu erstattenden 2 Flaschen Madeira in Ihrem Andenken und mit den besten Wünschen nach und nach zu genießen gedenke. In Hoffnung baldiger mündlichen Unterhaltung.

Weimar den 6. Januar 1829.


45/96.

An Carl Friedrich Zelter

Canzonetta nuova

sopra la Madonna, quando si portò in Egitto col

bambino Gesù e san Giuseppe.


Zingarella.

Dio ti salvi, bella Signora,

E ti dia buona ventura!

Benvenuto, vecchiarello,

Con questo bambino bello!


Madonna.

Ben trovata, sorella mia!

La sua grazia Dio ti dia;

Ti perdoni i tuoi peccati

L'infinita sua bontade.


Zingarella.

Siete stanchi e meschini,

Credo, poveri pellegrini,

Che cercate d'alloggiare.

Vuoi, Signora, scavalcare?


[107] Madonna.

Voi, che siete, sorella mia,

Tutta piena di cortesia,

Dio vi renda la carità

Per l'infinita sua bontá.


Zingarella.

So' una donna zingarella;

Benchè sono poverella,

Ti offerisco la casa mia,

Benchè non è cosa per tia.


Madonna.

Sia per me Dio lodato,

E da tutti ringraziato!

Sorella, le vostre parole

Mi consolano il mio cuore.


Zingarella.

Or scavalca, Signora mia;

Hai una faccia d'una Dia,

Ch'io terrò la creatura,

Che sto core m'innamora.


Madonna.

Noi veniam da Nazaretto;

Siamo senza alcun ricetto,

Arrivati alla strania,

Stanchi e lassi dalla via.


Zingarella.

Aggio qua una stallella

Buona per sta somarella;

[108] Paglia e fieno ce ne getto,

Vi è per tutti lo ricetto.

Se non è come meritate,

Signoruccia, perdonate;

Come posso io meschina

Ricettare una regina?

E tu, vecchiarello, siedi,

Sei venuto sempre a piedi;

Avete fatto, oh bella figlia,

Da trecento e tante miglia.

Oh ch'è bello sto figliarello,

Che par fatto col penello!

Non ci so dare assomiglio;

Bella madre e bello figlio.

Hai presenza di regina;

Lo mio core l'indovina,

Questo figlio è il tuo sposo:

Troppo è bello e grazioso.

Se ti piace, oh mia Signora,

T'indovino la ventura.

Noi, Signora, cosi sino

Facciam sempre l'indovino.


Nun fährt die Zigeunerin fort, der Mutter Gottes bescheidentlich vorzuerzählen, was seit der Verkündigung sich ereignet, und was von nun an sich ereignen werde. Das alles in so anmuthigen Reimen, wie man es nur von einer Legende wünschen kann. Und so singen [109] italiänische Kinder und Frauen auf das behaglichste eine kunstlose Harmonie der vier Evangelisten und befestigen den christlichen Glauben in ihren Gemüthern.

Wer sich des Gesprächs Christi mit der Samariterin, das ich vor vielen Jahren herausgegeben, mit Wohlgefallen erinnert, der wird an diesem Parallel-Gedichte nicht weniger Freude haben.

Wünsche davon einige Unterhaltung, so wie von dem Beygelegten, bis ich mich aus dem augenblicklichen drangvollen Zustand erhole und freundliche Zuschriften mit einigermaßen gehaltvollen Worten erwidern kann.

treu eiligst

Weimar den 6. Januar 1829.

G.


[Beilage.]

Über die Aufführung des Faust

im Théâtre de la porte S. Martin zu Paris,

den 8. November 1828.


»Es ist der Goethische Faust, es ist Gretchen, es ist Mephistopheles, Martha, aber travestirt, materialisirt, auf Erde und Hölle beschränkt, alles Geistige verwischt. Es sind – aber kraus durcheinander geworfen – alle Scenen des Originals, der Gang im Garten, der feurige Wein, aber in einer Bauernschenke, der Kerker, die Hexen-Scene, selbst der Blocksberg. Gretchens Kommen, Mephistopheles' Lache sind treu nach den Retzschischen Zeichnungen. Dieser hat die Lache beybehalten, aber es ist wilde Hohnlache, im übrigen ein katholischer [110] Teufel. Faustens Vertrag wird rechtskräftig bey'm ersten Verbrechen. Gretchen ist keine Kindermörderin, aber sie vergiftet die Mutter durch einen Schlaftrunk, den ihr Faust zum sichern Rendez-vous reicht, und wo der Teufel die Dose verstärkt. Dafür wird sie gefoltert, und von der Folter zurückgebracht, sieht man sie mit Entsetzen auf ihrem Stroh sich krümmen, an den Fesseln zerren, von Schmerz wahnsinnig auf die gezwickten Stellen deuten. Martha hat sich verkleidet, kommt sie zu retten; Faust tritt ein, verkennt sie und sticht sie nieder. So verstreicht die Frist; Grethchen kann und will nicht, und der Henker kommt sie abzuholen. Draußen hat man schon vorher das Blutgerüst und die Menge gesehen, die auf sie warten. Kaum ist sie hinaus, so steigt eine Wolke nieder und wieder empor, und man erblickt oben das Paradies in bengalischem Feuer und Gretchen, die vor der Jungfrau kniet, unter den Göttern, und Faust zwischen den Teufeln und Flammen in bekannter Manier. Dafür mehr als zwanzig Decorationen, viele brillant und überraschend. Die Gazette und Quotidienne haben Ärgerniß genommen; selbst noch in dieser vierten Vorstellung vernahm ich einige fromme Siflets. Im übrigen wird das Stück sich bezahlt machen; für den Haufen fehlt es nicht an Interesse; für mich lag es im Contrast.

Wie Gretchen vor dem Marienbild kniet, steigt der Teufel aus der Erde auf einem ungeheuren Piedestal,[111] aus Ungeheuern und Schlangen erbaut, und donnert ihr von dieser Höhe herab seine Flüche zu.

So theatralisirt man hier zu Lande den bösen Geist, der in's Ohr flüstert! Noch muß ich eines Walzers gedenken zwischen Mephistopheles und Martha, der wirklich genialisch ist. Der Teufel hat sie inne wie der Magnetiseur die Magnetisirte; mit entsetzlicher Gewalt folgt sie seinen Gesten im schnellwechselnden Ausdruck bald der sinnlichsten hingebendsten Wollust, bald des furchtbarsten Schreckens und der schmerzlichsten Pein.«


45/97.

An Carl Wilhelm Göttling

Ew. Wohlgeboren

haben die Gefälligkeit mir in Beantwortung einer Frage beyräthig zu seyn, die man mir in diesen Tagen vorgelegt.

Auf der Rückseite der goldnen Verdienst-Medaille des höchstseligen Herrn stehen, wie Sie wissen, die Worte: Doctarum frontium praemia; nun wünschte man einen und den andern Vorschlag zu einer Inschrift, die in's Weitere, Allgemeinere deutete. Wir hatten früher auf einer Preismedaille für die Zeichenschule die Inschrift: Fähigen und Fleißigen; in dem gegenwärtigen Falle, wo die Worte sich auf Ältere, Verdiente beziehen sollen, müßte man an etwas Ernsteres denken, als wenn man sagte:


[112] Treuen Geprüften,

Thätigen Geprüften,

Thätigen Ausdauernden,

Treuen Verdienten,

denn um diese Begriffe dreht sich das Ganze herum.

Hiezu wünschte man ein paar lateinische Worte, wo möglich aus irgend einem antiken Verse. Geht Ihnen dergleichen bey, so haben Sie die Güte mir solches mitzutheilen, ich werde es dankbar anerkennen.

Die Niederländer haben ein Ordens-Motto: Felix meritis, welches kaum schöner dürfte gefunden werden; vielleicht führt es uns auf einen guten Gedanken.

Bey dieser Gelegenheit vermelde vorläufig: daß ein geistreicher Freund und Kenner, in allem Ernste, den Pomponius Mela verdächtig macht; ist Ihnen etwa schon früher bekannt, daß man an der Echtheit dieses Autors gezweifelt habe?

Soviel für dießmal. Möge im neuen Jahr Ihnen alles wohlgelingen.

ergebenst

Weimar den 7. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/98.

An Carl Friedrich Zelter

Schon längst wollt ich deinen Hasse wieder zurückschicken; auch weiß ich nicht, ob ich von beyliegenden Analecten schon einige Exemplare zugesendet [113] habe; auf alle Fälle findest du Liebhaber zu den beykommenden.

Eigentlich aber erscheint Beykommendes als Hülle der kleinen wohlgerathenen Medaille, wovon ich mir ein Exemplar zu verschaffen gewußt. Möge dir ein freundlich Gesicht von dem Sammler dafür werden.

Das alte Jahr hat mir noch viele unselige Pflichten hinterlassen; ich darf nicht dran deuten, wie ich im neuen zurecht kommen will. Und so bleibt es mit mir wie immer; dir wird es auch nicht besser gehen.

Somit aber zum schönsten gegrüßt in Hoffnung, entweder öffentlich oder in's bald etwas Angenehmes mitzutheilen.

Hierbey ein Gedichtchen eigner Art, das einen entschiedenen Zustand klar und bestimmt genug darstellt.

Die besten Wünsche.

treulichst

Weimar den 8. Januar 1829.

G.


45/99.

An Wilhelm Reichel

Ew. Wohlgeboren

haben vollkommen Recht; jene Worte: Ein Roman von Goethe sind hier überflüssig und wegzustreichen.

Ich ergreife diese Gelegenheit, gleichfalls zu vermelden, daß Sonntags den 11. d. M. auch der 2. Band [114] mit der fahrenden Post abgehen wird. An dem Abschluß soll es zunächst auch nicht fehlen.

Der ich mit wiederholten Wünschen zum Anfang der neuen Jahresepoche mich und die bedeutende Angelegenheit zu fernerer thätigen Aufmerksamkeit bestens empfehle.

ergebenst

Weimar den 9. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/100.

An Christoph Ludwig Friedrich Schultz

Die Freude, welche mir Ihr letzter Brief gebracht, verehrter geliebter Freund, möcht ich gern so frisch als möglich wieder zu Ihnen hinüberklingen lassen; darum Folgendes eilig ohne Vorbereitung, wie es mir in den Sinn kommt.

Ich habe Sie nie aus den Gedanken, wenn auch schon einige Zeit aus den Augen verloren, war aber immer dabey überzeugt, daß Sie sich derweilen sowohl selbst als auch zugleich andern manches zu Liebe thun würden. Sie setzen mich nunmehr von Ihrer Thätigkeit in Kenntniß; nehmen Sie dafür meinen besten Dank. Die kritische Zwietracht, die Sie erregen werden, muß uns allen willkommen seyn. Ich ehre und liebe das Positive und ruhe selbst darauf, insofern es nämlich von Uralters her sich immer mehr bethätigt [115] und uns zum wahrhaften Grunde des Lebens und Wirkens dienen mag. Dagegen freut mich nicht etwa die Zweifelsucht, sondern ein directer Angriff auf eine usurpirte Autorität. Diese mag Jahrhunderte gelten, denn sie schadet einem düstern dummen Volk nicht, das ohne sie noch übler wäre dran gewesen; aber zuletzt, wenn das Wahre nothwendig wird, um uns das entschieden Nutzende zu verleihen, da mag rechts und links fallen, was da will, ich werde mich darüber nicht entsetzen, sondern nur auf's genauste aufmerken, welche Aussicht ich gewinne, wenn das alte Gehege zusammenstürzt. Manches der Art ist mir in meinem langen Leben schon geworden.

Glück und Heil also zu Ihrem Unternehmen!

Den Pomponius Mela muß ich Ihnen ganz überlassen; ich habe ihn auf meinem Lebenswege niemals berührt. Vom Vitruv kann ich sagen und habe es immer gesagt: daß mir öftere Versuche, durch ihn mich der ältern Architektur zu nähern, jedesmal mißlungen sind. Ich konnte nie in das Buch hineinkommen, noch mir daraus etwas zueignen; davon gab ich mir die Schuld. Und, genau besehen, führte mich mein Weg eigentlich an der römischen Architektur nur vorbey gegen die griechische, die ich denn freylich in einem ganz andern Sinne zu besuchen und zuletzt immer wie eine fremde erhabene Feenwelt zu betrachten hatte.

Das von Ihren Untersuchungen zu Erwartende ist positiv, worauf Sie Ihre Gerechtsame, das bisher [116] Geglaubte, Gewähnte zu bestreiten, kühnlich in den Grund legen; erklären Sie nur den Krieg je eher je lieber, damit ich, für mein übriges Leben höchst Friedliebender, doch auch noch einigen Erfolg des Streitens und des Gelingens zu genießen habe.

Ich selbst werde noch einige Zeit in der Mühsamkeit gehalten, die eine Redaction jeder Art, wenn man abschließen soll, mit sich führt; mögen die Wanderjahre, in der neuen Form, wie sie Ostern erscheinen werden, auch Ihnen irgend eine gute Stunde bereiten. Zu diesem Unternehmen aus innerer Nothwendigkeit, aus äußerer Veranlassung, aus Überzeugung und Grille getrieben, mußte mein Bestes thun, was ich vielleicht besser hätte anwenden können.

Indeß gereicht es mir zur angenehmsten Empfindung, daß die Novelle freundlich aufgenommen wird; man fühlt es ihr an, daß sie sich vom tiefsten Grunde meines Wesens losgelöst hat. Die Conception ist über dreyßig Jahre alt; es müssen sich Spuren davon in der Correspondenz finden.

Und eben diese Correspondenz würdigen Sie vollkommen richtig; man könnte sagen, ich sey sehr naiv dergleichen drucken zu lassen; aber ich hielt gerade den jetzigen Zeitpunct für den eigentlichen, jene Epoche wieder vorzuführen, da, wo Sie, mein verehrter Freund, und so manche andere treffliche Menschen jung waren und strebten und sich zu bilden suchten, da wo wir Älteren aufstrebten, uns auch zu bilden[117] suchten und uns mitunter ungeschickt genug benahmen; solchen damals Gleichzeitigen kommt es eigentlich zu Gute, d.h. zu Heiterkeit und Behagen. Denn was kann heiterer seyn, daß es beynahe komisch wird, die Briefe mit der pomposen Ankündigung der Horen anfangen zu sehen und gleich darauf Redaction und Theilnehmer ängstlich um Manuscript verlegen.

Das ist wirklich lustig anzuschauen, und doch, wäre damals der Trieb und Drang nicht gewesen, den Augenblick auf's Papier zu bringen, so sähe in der deutschen Literatur alles anders aus. Schillers Geist mußte sich manifestiren; ich endigte eben die Lehrjahre, und mein ganzer Sinn ging wieder nach Italien zurück. Behüte Gott! daß jemand sich den Zustand der damaligen deutschen Literatur, deren Verdienste ich nicht verkennen will, sich wieder vergegenwärtige; thut es aber ein gewandter Geist, so wird er mir nicht verdenken, daß ich hier kein Heil suchte; ich hatte in meinen letzten Bänden bey Göschen das Möglichste gethan, z.B. in meinen Tasso des Herzensblutes vielleicht mehr, als billig ist, transfundirt, und doch meldete mir dieser wackere Verleger, dessen Wort ich in Ehren halten muß: daß diese Ausgabe keinen sonderlichen Abgang habe.

Mit Wilhelm Meister ging es mir noch schlimmer. Die Puppen waren den Gebildeten zu gering, die Comödianten den Gentleman zu schlechte Gesellschaft, die Mädchen zu lose; hauptsächlich aber [118] hieß es, es sey kein Werther. Und ich weiß wirklich nicht, was ohne die Schillersche Anregung aus mir geworden wäre. Der Briefwechsel gibt davon merkwürdiges Zeugniß. Meyer war schon wieder nach Italien gegangen, und meine Absicht war, ihm 1797 zu folgen. Aber die Freundschaft zu Schillern, die Theilnahme an seinem Dichten, Trachten und Unternehmen hielt mich, oder ließ mich vielmehr freudiger zurückkehren, als ich, bis in die Schweiz gelangt, das Kriegsgetümmel über den Alpen näher gewahr wurde. Hätt es ihm nicht an Manuscript zu den Horen und Musenalmanachen gefehlt, ich hätte die Unterhaltungen der Ausgewanderten nicht geschrieben, den Cellini nicht übersetzt, ich hätte die sämmtlichen Balladen und Lieder, wie sie die Musenalmanache geben, nicht verfaßt, die Elegien wären, wenigstens damals, nicht gedruckt worden, die Xenien hätten nicht gesummt, und im Allgemeinen wie im Besondern wäre gar manches anders geblieben. Die sechs Bändchen Briefe lassen hievon gar vieles durchblicken.

Indem Sie diesen Brief erhalten und lesen, so denken Sie sich, daß Ihr liebes Blatt auf einmal mir das Bedürfniß erregte, mich wieder mit Ihnen zu unterhalten. Ein stiller Abend gab die Gelegenheit, und so nehmen Sie freundlich, was ich eilig gebe. Gedenken Sie mein zu jeder guten Stunde, und lassen mich wo möglich von Ihren Hauptargumenten [119] in dem wichtigen, so weit schon vorbereiteten Streite das Nöthigste wissen.

Hier aber will ich schließen, damit die nächste Post meinen Dank für Ihr liebwerthes Schreiben überbringe und den Wunsch künftig kürzerer Pausen andringlich ausspreche.

unwandelbar

Weimar den 10. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/101.

An Friedrich Wilhelm Riemer

Mögen Sie beykommendes Mundum bis auf den Dienstag nochmals durchsehen; das Concept ist schon von Ihnen beachtet worden. Zugleich bitte das liebe Frauchen zu versichern, daß ich heute zu Mittag bey dem Vorgenusse des Frühlings ihre Gesundheit trinken werde.

Weimar den 11. Januar 1829.

G.


45/102.

An Johann Jacob und Marianne von Willemer

Anstatt ein langes Verzeichniß aller Hindernisse zu geben, die sich einem schriftlichen Besuch bey meinen theuren Freunden in den Weg stellen, versichere lieber, daß ich, wie früher den Mond, eben so auch die Sterne, nicht weniger die Sonne zum Zeugen anrufen könnte, daß meine Gedanken immer dort sind, wohin sie lange gewidmet waren.

[120] Das vor einiger Zeit angelangte niedliche Kästchen mit anmuthigem Inhalt machte mir viel Freude, doch wüßte ich die angedeuteten Pfeile nicht anders zu versenden als eben auch dahin, wohin schon viele gerichtet wurden, immer mit ganz entschiedener Etiquette.

Der leichte Schleyer kam auch gar sehr gelegen, denn ich konnte ihn alsogleich einem artigen Wesen umhängen, dessen zierlich-grilliger Lebenswandel einem beweglichen Kampf zwischen Paradies-Vögeln und Schmetterlingen gleich sieht. Da denn diese allegorische Gabe die anmuthigsten Scherze veranlaßt.

Was ich aber eigentlich zuerst von meinen weitgereisten Freunden erbitten wollte, war eine folgerechte Reiseroute mit beygefügten Datums. Erhielt ich diese, so würde ich mir die Freyheit nehmen, nach einzelnen Stationen und deren landschaftlichen Umgebungen, nach diesen und jenen Puncten, vielleicht nach der Witterung zu fragen, und dagegen treufreundlich vermelden, unter welchen Umständen, zu dieser oder jener Zeit, ich auch dorthin zu denken oder zu empfinden veranlaßt worden.

Der theure Freund erregt in seiner Nachschrift die allerliebsten Reiseträume und schließt sie mit einer wohlgesinnten Anfrage: was wohl nächsten Sommer meine Plane seyn möchten? Darauf habe ich freylich zu erwidern: Plane darf ich nicht mehr machen, sondern habe von Augenblick zu Augenblick, mit der größten Besonnenheit, zu beachten, was von außen[121] oder innen geboren wird. Die Ausgabe meiner Werke, die ich gewissenhaft behandle, legt mir eine schwere Pflicht auf; hiezu habe ich die Zeit, die mir vergönnt ist, sorgfältigst anzuwenden. Wahrscheinlich, wenigstens nach meinem Wunsche, bring ich einen Theil der Sommermonate wieder auf dem Land in der Nähe zu, wenn ich nicht zufällig nach außen gelockt werden sollte. Doch gebieten mir in meinen Jahren andere Winke, und das Willkürliche wird immer mehr von der Nothwendigen verdrängt.

Mögen, unter allen Umständen, meine Freunde mir gleich gesinnt bleiben, wie sie an mir und meiner Treue gewiß nicht zweifeln werden.

In diesen Stunden kamen denn die Süßigkeiten für die guten Enkel wohlgepackt und glücklich an; auch ist schon eine etwas lebhaftere Wahlverwandtschaft der guten Knaben gegen den stillen Großvater merklich; die Pfeffernüsse haben diese zarten Gefühle eingeleitet, die Brenten werden sie verstärken.

Doch wie die Blume nicht verdrießlich seyn darf, daß dem Schmetterling und der Biene bey dem Hof, den sie ihr machen, eigentlich nur um die Süßigkeit Ernst ist, die sie verheimlicht, so darf ich ja wohl auch der freundlichsten Gesichter genießen, welche diesen schön geformten und wohlschmeckenden Freundesgaben zunächst gemeynt sind. Vielmehr hab ich schönstens zu danken, daß mir in diesen trüben und noch immer allzu kurzen Tagen eine solche Anmuth gegönnt worden. [122] Tausend Grüße daher und alles Gute mit wiederholter Bitte vorerst um die einfache Reiseroute.

unwandelbar

Weimar den 12. Januar 1829.

Goethe.


45/103.

An Julius J. Elkan

[Concept.]

Herr Banquier Elkan wird hiedurch höflichst ersucht, an Herrn M. A. Lehmann et. Comp. L. A. Nr. 19 in Frankfurt a/M. die Summe von 45 Gulden rheinisch gegen alsbaldige Erstattung gefällig auszahlen zu lassen.

Weimar den 12. Januar 1829.


45/104.

An Dorothea von Chassepot,geb. von Knabenau

[Concept.]

[Weimar 13. Januar 1829.]

Erst mir den neuen Abenden des Jahres 1829 gewinn ich einigen Raum, meiner unvergeßlichen liebenswürdigen Freundin wenn auch nur wenige Worte zu sagen und zu versichern, daß ich seit dem Empfang Ihres liebwerthen Briefes, im stillen Zusammenhange, immer an Sie gedacht habe. Gewiß nehm ich den aufrichtigsten Antheil an Ihrem Glück, wie Sie es schildern. Denn eben in meinen hohen Jahren gereicht es mir zur Erquickung, die Guten und Werthen, die [123] mir im Laufe des Lebens begegneten, in erwünschtem Zustand zu wissen, welcher der Anlage nach dauernd und, menschlicher Weise, sicher scheint.

Sie haben mir in dem Augenblick eines großen Verlustes, der eine kaum erträgliche Entbehrung und fortdauernde Schmerzen zur Folge hat, ein freundliches theilnehmendes Wort zugesprochen, weshalb Ihnen denn mein später Dank gleichfalls angenehm seyn möge! Sodann lassen Sie mich vertraulich gestehen, daß das Glück, mit so hohen Personen im Leben nah verbunden zu seyn, mir sodann auch wieder zu größerm Unheil gereicht, indem, was mich sonst als Volks- und Welt-Geschick nur vorübergehend berühren, auf meine nächsten Zustände jedoch kaum einen Einfluß haben würde, mich nunmehr, als einen in solche Verhältnisse Verflochtenen, zu unmittelbarer Theilnahme fordert und verhältnißmäßig unglücklich macht. Sie, meine Beste, werden dieß am ersten mitempfinden, da Sie solche Zustände gleichfalls getheilt und daran nicht wenig gelitten haben. Der Tod der Kaiserin Mutter mit seinen Folgen liegt nun auch schwer auf mir, mit empfindend, was unsre Frau Großfürstin schmerzlich entbehrt.

Nach diesen traurigsten Betrachtungen wird es bis zum Komischen heiter, wenn ich mich zu dem ferneren Inhalt Ihres Briefes wende. Können Sie Ihrem reisenden Freunde eine Mystification verzeihen, wie er sich erlaubt hat, so muß ich mir es ja wohl auch gefallen lassen. Ob der gute Mann in Weimar gewesen, [124] ist mir nicht bekannt geworden; bey mir war er nicht, wie sogar seine nicht glücklich erfundene Relation bey'm ersten Anblick argwohnen läßt. Denn vorerst habe ich lange genug in der Welt gelebt, um zu lernen, daß man sich vor einem Weltfremden nicht triste und abbatu zeigen müsse. Was die Worte sind, die mir der unselige Dramatiker in den Mund legt, so werden sie von solcher Art gefunden, daß Menschenkenntniß und Geschmack meiner lieben Freundin nothwendig daran alsobald zweifeln mußte. Genug der Ehrenmann hat sich durch diesen Scherz an Ihnen und an mir versündigt, er sey nur ganz Ihrer Gnade und Ungnade überlassen.

Es gehört wirklich viel Gutmüthigkeit dazu, nach so vielen Jahren noch Fremde zu sehen, nachdem man sich immer gewärtigen muß, beobachtet, bespionirt, ausgeforscht und zuletzt doch mißverstanden zu werden. Dieses Unheil alles abgezogen bleibt denn doch noch mancher Gewinn übrig, und ich kann nicht über mich gewinnen, wenn ich mich irgend in einem präsentablen Zustand befinde, Angemeldete von nah oder fern abzuweisen. Man müßte ja, wenn man reiste, auch mit so mancherlei Unbekannten verhandeln, warum sollt ich mir die Mühe nicht auf meinem Zimmer geben? Besonders in der Herbstreisezeit ist es höchst unterhaltend, Physiognomien, Darstellung, Rede, Betragen der allerverschiedensten Art in wenigen Stunden bey sich vorüber gehen zu sehen.


[125] 45/105.

An Johann Martin Lappenberg

[Weimar 14. Januar 1829.]

Ew. Wohlgeboren

konnten freylich nicht denken, daß Ihre würdige, auf die Ursprünge der Hamburger sich beziehende Arbeit mich mitten in der Betrachtung früherer Zeiten dieser großen und seit so vielen Jahren höchst bedeutenden Stadt antreffen würde.

Diese räthselhaften Worte eiligst aufzuklären habe zu vermelden, daß die Naturforscher seit einiger Zeit auf die Verdienste des Joachim Jungius, welcher, nachdem er das Amt eines Rectors und Professors in Hamburg gegen dreyßig Jahre geführt, 1657 mit Tode abgegangen, besonders aufmerksam geworden.

Ich war so glücklich, die sämmtlichen seltenen Schriften dieses trefflichen Mannes in unseren Bibliotheken anzutreffen, eben als vorigen Sommer ein ländlicher Aufenthalt mir die Muße gab, mich auf dergleichen Studien zu concentriren, und zwar in dem Grade, daß es mir gelang, über dessen Leben, Thätigkeit und daher entsprungene Schriften einen Aufsatz wenigstens zu entwerfen, welchen, näher durchgedacht, mit verwandten Heften ich gelegentlich heraus zugeben gedenke.

Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, eine für die Naturwissenschaften höchst wichtige Epoche, mußte ich mir bey dieser Gelegenheit vergegenwärtigen, um[126] zu gewahren, wie sich ein tüchtiger Mann als Zeitgenosse Bacos von Verulam, Descartes', Galilei's und anderer Heroen jener Tage benommen und sich doch wieder auf seinem Lebens-, Studien- und Lehrgange unabhängig und originell gehalten habe.

Zu gleicher Zeit mußte bemerklich werden, auf welchen Grad die Schulanstalten sich schon damals in Hamburg gesteigert hatten, da neben einem dergleichen Manne von solchen Kenntnissen und Lehrmethoden eine Anzahl tüchtiger Collegen und bestrebsamer Schüler nothwendig zu denken sind.

Ein gleich würdiger Zustand ergibt sich denn auch noch seinem Tode, wo die Gewissenhaftigkeit Bewunderung verdient, mit der man seine hinterlassenen Schriften (denn die meisten sind nach seinem Ableben edirt) behandelt und herausgegeben hat. Nicht weniger gibt die Administration seiner auf diesen Zweck gerichteten Stiftung sowohl den soliden Vorstehern, als den wohlwollenden Arbeitern das beste Zeugniß.

Mag nun also der unruhige Weltlauf jener Tage auch Hamburg von Zeit zu Zeit widerwärtig berührt haben, so erblickt man doch schon hier ein sicheres städtisches Fundament, welches, wohlgegründet, von dem Zufälligen, wenn auch getroffen, doch nicht erschüttert wird; wie sich's denn auch durch alle Zeiten und neuerlich bey den ungeheuersten Schicksalen bewiesen hat. Ermäßigen Ew. Wohlgeboren nach dem Gesagten, wie angenehm mir Ihre Sendung ist, und[127] mit welcher Theilnahme ich die Gelegenheit ergriff, meine Kenntniß daraus zu erweitern.

Hieran fügte sich nun zuletzt die erfreuliche Jubelmedaille in Erz, die sehr wohlgedacht und gerathen ist, wozu man allerdings Glück zu wünschen hat. Erlauben Sie, daß ich nächstens von meiner Seite etwas mich besonders Betreffendes dagegen zum geneigtem Antheil übersende.

Ew. Wohlgeboren

ergebenster Diener

J. W. v. Goethe.


45/106.

An Friedrich Wilhelm Riemer

Ich wünsche zu erfahren, was von den hierbey verzeichneten Werken Abbate Monti's schon auf großherzoglicher Bibliothek befindlich sey. Weimar den 14. Januar 1829.

G.


45/107.

An Carl Wilhelm Göttling

Ew. Wohlgeboren

erhalten hiebey die vierte Lieferung der kleinen Ausgabe und die erste der in Octav. Wenn ich mit diesen Sendungen fortfahre, so erlauben Sie zugleich den fortgesetzten Wunsch auszusprechen: Sie mögen den Antheil an meinen Arbeiten auch fernerhin erhalten und, wie bis jetzt, gefällig bethätigen. Sie [128] erfreuen und verbinden dadurch einen lebenden Autor, der seinen Dank noch aussprechen kann, da, bey gleicher Begünstigung der Abgeschiedenen, ein treuer Bearbeiter, mit dem größten Fleiß und den besten Absichten, sich oft in Streit und Controversen verwickelt sieht.

Besonders erfreut mich, daß Sie, durch unmittelbare Anschauung der Wirklichkeit, meinen Webern und Spinnern günstig geworden. Denn ich war immer in Sorge, ob nicht diese Verflechtung des streng-trocknen Technischen mit ästhetisch-sentimentalen Ereignissen gute Wirkung hervorbringen könne. So aber bin ich über Sorgfalt und Mühe, die ich auf diese Capitel gewendet, gar freundlich getröstet und hinlänglich belohnt. Der Abschluß des Ganzen folgt nächstens, und ich werde erst wieder frey Athem holen, wenn dieser fisyphische Stein, der mir so oft wieder zurückrollte, endlich auf der andern Bergseite hinunter in's Publicum springt. Bleiben Sie auch dem letzten Schub und Stoß beyhülflich.

ergebenst

Weimar den 17. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


Dankbar hab ich nicht weniger anzuerkennen die reiche Gabe von wirklich schönen Inschriften, wobey die Wohl wehe thun muß, und welche vielleicht den Anlaß gibt, verschiedene Rückseiten zu mehrpassender Anwendung fertigen zu lassen.

wie oben und immer

G.


[129] 45/108.

An Carl Wilhelm von Fritsch

[Concept.]

Ew. Excellenz

beeile mich, die Inschriften vorzulegen, welche aus zutraulichen Behandlungen mit dem vorzüglichen Professor Göttling hervorgegangen; es sind folgende:

Exploratae fidei.

Intemeratae fidei. (Virgil. Aen. II. )

Decus quaesitum meritis. (Horat. Od. III, 30, 14. )

Merita decorus fronde. (Horat. Od. IV, 2, 35. )

Prosperis laboribus.

Meritorum conscius.

Meritis nobilis.

Digna pro laudibus praemia. (Virg. Aen. IX, 250.)

Diese, wie sie vorliegen, betrachtend und den Zweck vor Augen habend, würde folgende Vorschläge zu einiger Einleitung wagen.

Man behielte für einen Theil der zu verleihenden Medaillen die bisherige Rückseite bey:

Doctarum praemia frontium,

mit einem Kranze von Blumen und Epheu, als Literatoren, Dichtern und Künstlern geziemend, ließe aber noch etwa zwey andere Rückseiten zu schicklicher Auswahl stechen, z.B.

Prosperis laboribus

mit einem Erntekranz, bestehend aus Ähren, Mohn, sowohl Blumen als Köpfen; für Landleute und auch[130] gar wohl für alle technische Verdienste schicklich. Sodann

Meritis nobilis

mit einem Eichenkranze für die übrigen Verdienste um den Staat.

Würdigen Ew. Excellenz diese ohnmaßgeblichen Vorschläge weiterer geneigten Betrachtung und vergönnen, mich in Verehrung und Vertrauen zu unterzeichnen.

Weimar den 18. Januar 1829.


45/109.

An Carl Friedrich Zelter

Nach Ostern werden meine Leser mit den bekannten, zu guter Jahreszeit herantretenden Wanderern eine Fußreise nach den hohen Alpenthälern anzustellen Belieben tragen, um sich's dort bey Spinnerinnen und Weberinnen einige Zeit gefallen zu lassen. Zu geneigter Vorbereitung melde Folgendes:

Ein wohldenkender einsichtiger Freud, der das Geschäft übernahm, das Manuscript vor dem Abdruck durchzusehen, meldet bey Rücksendung Folgendes:

»Man findet sich gern in den Spinnstuben jener einfachen ehrlichen Gebirgsvölker. Gerade die Beschreibung der letztern war mir doppelt interessant, weil ich bekennen darf, früher nichts Ärmlicheres gekannt zu haben als das Leben städtischer Weber und[131] Spinner, bis mich auf meiner letzten Reise der Haushalt eines ehrlichen Schweizers bey Leuk eines andern belehrte. Ich habe bemerkt, daß diese Weber besser zu reden wissen als andere Handwerker, und erinnere mich noch mit Vergnügen des Gesprächs mit ihnen. Auf meine Verwunderung, wie er im Stande sey, bey so starker Familie – vier Kinder spannen bey der Mutter – in einer so kleinen Stube zu wohnen, antwortete er ganz treuherzig: Und was werdet Ihr sagen, wenn Ihr erfahrt, daß in diesem Neste außer dem Weber noch zwey Handwerker wohnen, ein Schuhmacher und ein Schweinschneider, und alle in demselben Bette liegen und alle auf demselben Stuhle sitzen? Ich bin nämlich selbst diese Dreyeinigkeit, und so begreift Ihr, wie wir uns alle hier recht gut vertragen, da ich selbst ein so gutes Beyspiel gebe.«

Vorstehendes sende zu vorläufiger Unterhaltung, mit Bitte, dieser Scene zu gedenken, wenn man von wandernden Freunden in jene Gegenden geführt wird.

Zugleich wollte schönstens danken, daß meine heilige Familie in Ägypten und deren Wirthin so gut angesehen worden. Ich läugne nicht, mir ist bey diesem Gedicht und seinesgleichen immer, als wenn ich etwas Süßes genösse, Bisquit oder dergleichen; es ist immer noch Speise, aber ein Leckerbissen, welcher also Kindern und Frauen an Ort und Stelle gar wohl munden mag. Überhaupt haben die Kinder in Italien[132] etwas unglaublich Zartes, Attachantes und Anmuthiges, mit diesem Lied Harmonirendes.

In diesen Betrachtungen will ich nicht weiter fortfahren, sondern um eine treue Schilderung des v. Holteischen Faust bitten, wie er einem wohldenkenden wohlmeynenden Freunde vorkommt. In der Zeitung erkenn ich meinen alten Theaterfreund nicht mehr; bald ein Schonen und Schwanken, bald ein gebotener Enthusiasmus.

»Also ist es beschaffen, so wird es bleiben« sagt Reinecke Fuchs.

Um den noch übrigen Raum zu nutzen, will hiermit anzeigen: daß mir das Bild einer berühmt-schönen Frascatanerin verehrt worden; man befindet sich, vor ihr stehend, wie im wohlthätigen Sonnenschein.

Doch ist es etwas Wunderbares! Diese regelmäßigen Züge, diese vollkommene Gesundheit, diese innerliche selbstzufriedene Heiterkeit hat für uns arme nordische Krüppel etwas Beleidigendes, und man begreift, warum unsre Kunstwerke kränkeln, weil sie ja sonst niemand ansehen möchte.

Vor einigen Tagen stand ein sehr gut gemahltes Ecce homo an dieser Stelle; jeder, der es anblickt, wird sich wohl fühlen, da er jemand vor sich sieht, dem es noch schlechter geht als ihm. Der Raum nöthigt mich zur rechten Zeit abzuschließen.

jedoch so fort an!

Weimar den 18. Januar 1829.

G.


[133] 45/110.

An Friedrich Jacob Soret

Hierbey, mein Werthester, den Aufsatz für Genf; wenn Sie die Geneigtheit haben, ihn in's Französische zu übersetzen, so werden sich erst die Schwierigkeiten hervorthun, die in der Sache obwalten, und nicht weniger die Nothwendigkeit, sich hierüber mündlich zu erklären; Sie finden mich zu jeder Stunde bereit, darüber zu conferiren.

Auch für diese Gefälligkeit aufrichtig dankbar.

ergebenst

Weimar den 24. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/111.

An Antonie Bovy

[Concept.]

[26. Januar 1829.]

Vorstehendes Bildchen gibt einen genugsamen Begriff, wie man den zweyten Revers der Medaille wünscht; es ist dabey die Absicht, wie auf dem ersten die Tendenz zur Poesie, also hier die Neigung zur Naturforschung, besonders organischer Wesen, anzudeuten.

Zuvörderst aber hat man zu bemerken, daß der Stempel wie die Zeichnung geschnitten werden muß, weil man wünscht, daß auf dem Gepräge das jugendliche Gesicht nach der linken Seite des Beschauers, das [134] ältere nach der rechten hinsehe; welches der Herr Graveur bey dem Wachsmodell beachten würde.

Das jüngere Profil ist so zu halten, wie wir den Antinous zu sehen gewohnt sind, eine in sich befangene Jugend vorstellend, welche die Gegenstände mit stiller Theilnahme und einem ruhigen Blicke ansieht. Der bärtige Kopf ist intentionirt, wie uns auf den geschnittenen Steinen der sogenannte Plato oder, wenn man lieber will, der indische Bachus vorgestellt wird; ein behaglicher Greis, der sich der vorliegenden Früchte wohl erfreuen darf.

Das Massiv der Herme ist etwas ausgehöhlt vorgestellt, damit der Löwenkopf sein Recht behalte und doch nicht zu weit vorspringe.

Hier entsteht nun die Frage: ob der Herr Graveur geneigt sey, das ganze Feld wie eine flachconcave Linse, wie das Segment einer großen Hohlkugel anzunehmen, damit er mit dem Relief der Köpfe nicht genirt sey; wie denn freylich überhaupt alles flach zu halten ist.

Die Ausführung des reichen Einzelnen überläßt man seinem Geschmack. Die Darstellung nimmt den ganzen Raum der Medaille ein, es wird nur ein etwas erhöhter Rand erfordert werden.

Weimar den 23. Januar 1829.


[135] 45/112.

An Joseph Carl Stieler

Manchmal, werthester Mann, mach ich mir Vorwürfe, daß ich Sie um dieses oder jenes Geschäft ersuche und Sie von Ihren wahrhaft würdigen und allgemein erfreulichen Arbeiten auch nur auf einen Augenblick abziehe; aber Ihre Gefälligkeit gibt mir hiezu Muth und eine so lang genossene Unterhaltung frischen Antrieb.

Erlauben Sie also, daß ich auf einem beyliegenden Blättchen Herrn Nickel, den geschickten Optiker, um die Fertigung des bewußten Instrumentes ersuche.

Bleiben Sie überzeugt, daß ich gar oft meine Unterhaltung mit Ihnen zu erneuern wünsche. Mit dem praktischen Künstler ist am besten sprechen, denn das Wahre bewahrheitet sich sogleich an der That. Daß Sie meiner Farbenlehre fortgesetzte Aufmerksamkeit gönnen, freut mich sehr; sie enthält nichts, als was Sie Ihre Lebzeit über gethan haben und thun; wenn Sie sich genau bekannt machen, so werden Sie finden, wie leicht das Ganze zu fassen sey. Nehmen Sie, wie Sie thun, dasjenige zuerst auf, was Sie anmuthen, das Übrige lassen Sie liegen, bis es Sie irgend einmal aufsucht und sich aufdringt. Ich habe mich vierzig Jahre mit dieser Angelegenheit beschäftigt und zwey Octavbände mit der größten Sorgfalt geschrieben; da ist es denn auch wohl billig, [136] daß man diesen einige Zeit und Aufmerksamkeit schenke. Den Mathematiko-Optikern verzeih ich gern, daß sie nichts davon wissen wollen, ihr Geschäft ist in diesem Fache blos negativ; wenn sie die Farbe aus ihren schätzbaren Objectiv-Gläsern los sind, so fragen sie weiter nicht darnach, ob es einen Mahler, Färber, einen die Atmosphäre und die bunte Welt mit Freyheit betrachtenden Physiker, ein hübsches Mädchen, das sich ihrem Teint gemäß putzen will, ob's diese in der Welt gibt, darum bekümmern sie sich nicht; denn freylich die Ehre, den Astronomen den Weg zu den Doppelsternen eröffnet zu haben, ist bedeutend genug. Dagegen lassen wir uns das Recht nicht nehmen, die Farbe in allen ihren Vorkommnissen und Bedeutungen zu bewundern, zu lieben und wo möglich zu erforschen.

Ist mir doch, indem ich dieses dictire, als wenn Sie mich wieder auf den Stuhl gebannt und mit freundlicher künstlerischen Thun zu angenehmer Unterhaltung gefesselt hätten.

Hieraus können Sie sehen, wie gern ich mich recht in die Mitte von München wünschte. Die Hoffnung, von Ihro Majestät großer gesegneter und unermüdeter Thätigkeit unmittelbar zu vernehmen, mit den tiefdenkenden und frohwirkenden Männern mich zu unterhalten, mich und mein Bestreben gefördert und gesteigert zu sehen, würde mir eine wahre Glückseligkeit bereiten.

[137] Gerade jetzt habe ich Herrn v. Cornelius für eine höchst bedeutende Gabe zu danken, Herrn v. Martius die Verfolgung eines Gedankens, den er mir eingeimpft hat, vorzutragen, und von beiden schnellere Förderung zu erbitten; dieß wird mir aber aus der Ferne, da ich meine Gedanken nicht immer gerade auf solche bestimmte Puncte wenden könnte, besonders in dem Augenblicke ganz unmöglich. Suchen Sie mir Verzeihung vorzubereiten. Das Manuscript zu der fünften Lieferung meiner Werke ist noch nicht völlig nach Augsburg abgegangen; Sie werden darin drey erneute, ja neue Bändchen finden, die ich ungern vom Herzen loslasse; da es aber seyn muß, in Hoffnung lebe, daß sie wieder zu Herzen gelangen werden.

Gar manches Andere, besonders auch das Porträt Betreffende verspare bis zum nächstenmale.

treu gedenkend

Weimar den 26. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/113.

An Carl Friedrich Zelter

Die Ankündigung, daß du zum Ritterfeste eingeladen seyst, hat mir freylich viel Freude gemacht; dich sodann Nr. 17 in der Zeitung aufzufinden und in so guter Gesellschaft, vermehrte mein Behagen, und nun erzählst du selbst das Nähere; dabey mag es denn sein freundliches Bewenden haben.

[138] Was den Menschen auf irgend eine Weise aus der Menge hervorgeht, gereicht immer zu seinem Vortheil; wird er auch dadurch in eine neue Menge versenkt, so geräth er doch in ein frisches Element, worin er wieder schwimmen und waten muß. Diese Ehrenzeichen gereichen eigentlich nur zu gesteigerten Mühseligkeiten, wozu man aber sich und andern Glück wünschen darf, weil das Leben immerfort, wenn es gut geht, als ein stets kämpfend-überwindendes zu betrachten ist.

Verzeih diesen abstrusen Worten, ich weiß mich aber nicht anders auszudrücken; denn wie ich mich immer besser zu verstehn glaube, schein ich andern undeutlich zu werden. Du bist ja aber auch ein so wunderlicher Kauz, daß dir von der Art nichts unerklärlich seyn kann.

Ich bin seit acht Wochen kaum aus dem Zimmer gegangen, doch hat es mir da nicht an Anregungen zur Thätigkeit gefehlt. Die nächsten Anforderungen macht das verrückte Volk, das es auf's Wandern angelegt hat. Bis ich sie ausstatte, die Mobilen einschiffe und die Zurückbleibenden unterbringe, hab ich nicht mehr viel, aber Beschwerliches zu thun. Mehr darf ich nicht sagen; zu Ostern wird ein jeder sehn, was er sich von meinem Krame zuzueignen beliebt.

Der Schauspieler Winterberger hat sich heute früh mir vorgestellt, es ist eine angenehme Gegenwart; meine Kinder und Genossen sprechen gut von seinem Auftreten; daß man ihn engagirt hat, beweist, er [139] gefalle doch im Allgemeinen. Und so wollen wir abwarten, wie es ihm ferner gelingt.

Die neue Direction ist bis jetzt auf guten Wegen, nicht negativ und ablehnend wie die vorige, und da ist schon alles gewonnen. Wenn man hübschen Männern und Frauen die Bretter gönnt, so ist schon viel gethan, und wenn man in Gastrollen von Zeit zu Zeit ein vorzügliches Talent auftreten läßt, so findet sich unser kleiner Kreis schon zufrieden. Dieß scheint man zu verstehn. Mit neuen Stücken muß man's wagen; was auf dem Repertoir bleibt dankbar bewahren, alte Stücke, die an den Schauspieler starke Forderungen machen, auch wohl einmal als Aufgabe aufstellen, mehr braucht es nicht, in unserm Verhältniß fortzuwirken, wovon doch jetzt nur die Rede seyn kann. Übrigens steht die allgemein ästhetische Bildung so hoch, daß es an Schauspielern nicht fehlen kann, weil sich so manches Talent schon in geselligen Kreisen entwickelt; wenn nur noch halbweg etwas von Handwerk übrig bleibt, so ist das deutsche Theater schon geborgen. In Berlin muß man freylich schon viel Knicken in die Karte machen, wenn man nur einigermaßen Gewinn hoffen und ziehen will.

Wenn ich nun Gegenwärtiges am stillen Abend an dich dictire, ohne mich weiter zu bekümmern, wie Schnee und Kälte draußen ihr Wesen treiben.

Und so fort an!

Weimar den 26. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


[140] 45/114.

An Heinrich Wilmans

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

in Ihrem gefälligen Schreiben vom [7. Januar] ausgesprochenen Wunsch: ich möge einiges zur Einleitung der Übersetzung des Schillerschen Lebens von Carlyle mittheilen, kann ich zu erfüllen zwar nicht versprechen, weil mir gar zu vieles obliegt, was von Tag zu Tag geleistet werden muß. Mögen Sie aber die Einrichtung treffen, daß ich von Zeit zu Zeit die Aushängebogen erhalte, so gewinne ich bey'm Lesen derselben vielleicht eine Anregung, die mich befähigt, zu Ihren löblichen Zwecken mitzuwirken.

Das Weitere erwartend, mit aufrichtigsten Wünschen mich bestens empfehlend.

Weimar den 26. Januar 1829.


45/115.

An Carl Wilhelm Göttling

Ew. Wohlgeboren

verzeihen, wenn ich, nach Art der Sultanin Scheherazade, meine Mährchen stückweise zu überliefern anfange; da es jedoch zu Ende geht, so wünsche nichts mehr, als daß Ew. Wohlgeboren Geduld nicht ermüden und die bisher so treulich bewiesene Theilnahme nicht ermatten möge.

Mit den treusten Wünschen mich bestens empfehlend.

ergebenst

Weimar den 27. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


[141] 45/116.

An Joseph Stanislaus Zauper

In dem Augenblicke, da ein Paquet an des Herrn Grafen Sternberg Excellenz zu siegeln ist, in welches ich auch gern die beykommenden Hefte an Sie, mein Werthester, einzuschließen wünsche, bleibt mir keine Zeit übrig als nur soviel, um zu sagen: daß wir öfters zusammen, Professor Riemer, Doctor Eckermann und ich, Ihre Thätigkeit in Gedanken begleiten, leider nur aus der Ferne, ohne fördernde Einwirkung. Immerfort sich häufende Obliegenheiten heißen, ja nöthigen mich, in so hohen Jahren immer mehr auf Zusammengezogenheit zu denken, weil desjenigen, was vor der Hand liegt, gar zu viel ist.

Hoffentlich finde Raum, ehe unsere Kurgäste sich nach Böhmen begeben, mich auch für Sie zu sammeln, einiges zu senden und zu berichten. Was Sie uns senden wollten, ist alles glücklich angekommen.

Wie sehr ich meine jährlichen Besuche und das Wiedersehn so mancher wackern Personen in Böhmen vermisse, wag ich nicht auszusprechen.

Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlseyn.

das Fernere hoffend

ergebenst

Weimar den 28. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


[142] 45/117.

An Friedrich Theodor von Müller

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

lesen beykommendes Büchlein wohl mit Antheil und senden solches sodann an den wahrhaft guten und redlichen Freund. Aus beyliegendem Briefe sehen Sie, wie artig er für die culinarische Sendung dankt; ingleichen daß wir Hoffnung haben, in der bessern Jahrszeit ihn hier zu sehen, deshalb er aber nochmals zu bitten ist, sich ja anzukündigen, weil wenig Tage auf oder ab in unsern Verhältnissen oft einen großen Unterschied machen.

Mich zugleich schönstens und bestens empfehlend.

Weimar den 28. Januar 1829.


45/118.

An die Großherzogin Louise

[Concept.]

Ew. Königliche Hoheit

genehmigen gnädigst, daß heute bey der Wiederkehr des schönsten Festes ein unauslöschliches Leiden sich in das tiefste Herz verberge und ein heiteres Äußere die Hoffnungen bezeichne, denen ich mit so vielen Andern mich getrost überlasse; Höchst Dieselben werden zunächst bey'm Eintritt in eine heitere Umgebung, mit erneuter Gesundheit und bestätigten Kräften eine [143] Epoche beginnen, welche die innigsten Wünsche der treuen Angehörigen durchaus zu erfüllen geeignet ist.

Mich und das Meinige zu fortdauernden Gnaden und Hulden andringlichst empfehlend.

Weimar den 30. Januar 1829.


45/119.

An Kaspar von Sternberg

Seit dem beruhigenden Schreiben vom 22. Januar hatten Frau v. Löw von Zeit zu Zeit Nachricht von dem bessern Befinden des verehrten Freundes gegeben; nun aber wird es doch Bedürfniß, zu erfahren, wie er die erste Hälfte des Winters zugebracht und wie er in die zweyte hineintritt, welche sich frostig genug andeutet? Wir hatten 21° bei mittlerm Barometerstand, den 22. Januar.

Ich habe diese Zeit her nicht aufgehört, mich mit Beobachtung jener wunderbaren Pflanze zu beschäftigen, seitdem ein bezeichnender Name, Abbildung und kunstgemäße Beschreibung sie noch werther gemacht hat. Nachkommendes möge davon ein Zeugniß geben. Doch muß ich hier noch des Allgemein-Merkwürdigen gedenken, daß vielleicht keine prolifikere zu finden ist, welche gleichzeitig und in so kurzer Zeit so eine unendliche Menge von Blättern, Augen, Zweigen, Blumen und zugleich Wurzeln entwickelt. Denkt man nun, daß in ihrem Geburtslande die Blüthenzahl[144] sich vermehren und die Samen alle reif werden, so reicht keine Einbildungskraft hin, eine so häufige eilige Fortpflanzung zu verfolgen. Zwar hat der Mohn von jeher sich erhoben als eigen lebensreich und fruchtbar:

foecundum super omne germen me Deus fecit.

Dieß mag denn von der Samenkapsel gelten; dafür wächst er aber auch langsam und einzeln in die Höhe. Man wird meine hartnäckige Aufmerksamkeit auf einen so beschränkten Gegenstand belächeln; es ist aber nun meine Eigenschaft, mich monographisch zu beschäftigen, und von so einem Puncte aus mich gleichsam wie von einer Warte rings umher umzusehen.

In das Ganze ward ich wieder gezogen durch meinen Aufenthalt in Dornburg, inmitten von blumig-bunten Terrassen und sogar von Weinbergen, welche damals mehr versprachen, als sie hielten.

Hofrath Soret übersetzt meine Metamorphose der Pflanzen in's Französische; vielleicht lassen wir sie im Laufe des Jahres mit einigen Zusätzen abdrucken. Ich erinnere mich nicht, ob ich hievon früher schon Nachricht gegeben. Was sagte der würdige und erfahrne Freund von der Vermuthung des Franzosen? sur les modifications successives de l'atmosphère. Für mich ist es eine von den läßlichen Hypothesen, welche man immer eine Zeitlang kann gelten lassen, da sie doch eine Art von Fußpfad in die schwer zugängliche Vorzeit eröffnet.

[145] In diesem Augenblicke kommt das unter dem 22. Januar abgesendete Paquet mit angenehmem Inhalt und erwünschtem Schreiben. Höchst erfreut über die darin gegebene Aussicht und Hoffnung sage dießmal nichts weiter, um sogleich dagegen eine Sendung von meiner Seite anzukündigen, welche fertig daliegt, um morgen, Sonntag den 1. Februar, ungesäumt abgehen zu können. Indem ich den Inhalt bestens empfehle, füge noch soviel hinzu: daß mir in dem Augenblick die auf Ostern versprochene Lieferung viel zu schaffen macht. Das Wesentliche liegt glücklicherweise vor, nur fordert die Art und Weise solches zu geben noch mancherlei Betrachtung. Sobald ich dieß Geschäft beseitigt habe, melde ich noch manches und nehme mir die Freyheit über einiges anzufragen.

Weimar am festlichen

treu angehörig

dreyßigsten Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/120.

An Johann Gottlob von Quandt

Ew. Hochwohlgeboren

habe schuldigst zu vermelden, wie das angezeigte Gemählde angekommen und von der nunmehrigen hohen Besitzerin freundlich aufgenommen worden. Für die Zukunft bitte, alles hierher zu Sendende unmittelbar an mich zu adressiren; da ich portofrei bin, so macht es mir keine Beschwerde, und es kommt jederzeit schneller an seine Bestimmung.

[146] Zugleich habe anzuzeigen, daß nächstens mit der fahrenden Post eine von unserm Lythographen Heinrich Müller gegenwärtig in Carlsruhe, auf Stein gefertigte Copie des Müllerischen Kupferstichs nach der Madonna del Sisto an Dieselben abgehen wird, in der einzigen Absicht, die Dresdener Kunstfreunde mit diesem schätzbaren Blatte bekannt zu machen und, soweit es auch Ihren Beyfall erhält, durch anderweite geneigte Empfehlung dessen Absatz zu bessern.

Indem ich nun, in Erwartung der zugesagten Umrisse der von dem ansehnlichen Verein angeschafften Bilder, mich bestens empfehle, so habe die Ehre dankbar anzuerkennen, daß derselbe mich als auswärtiges Comitémitglied betrachten und in den Vereinsli sten geneigt aufführen wolle. Sehr freundlich werde ich die Fortsetzung eines so schätzbaren Verhältnisses auf jede Weise zu ehren für Schuldigkeit erachten.

In aufrichtigster Theilnahme mich zu geneigtem Andenken empfehlend.

Weimar am festlichen dreyßigsten Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/121.

An Henriette von Pogwisch

Die hier zurückgehenden Werke, meine Gnädige, würde um den halben Preis, nachdem sie in der Gesellschaft circulirt haben, zu großherzoglicher Bibliothek [147] gern annehmen. Ich habe jedoch, bis hierüber entschieden ist, die nicht aufgeschnittenen aufzuschneiden nicht räthlich gefunden.

Mich auf das angelegentlichste empfehlend.

gehorsamst

Weimar den 30. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/122.

An Johann Friedrich Rochlitz

Herrn

Hofrath Rochlitz

dem

sinnig Reisenden

empfielt

einen alten

Vorfahren

und

sich selbst

zum

besten und schönsten

J. W. v. Goethe.


Weimar

d. 30. Januar

1829.


[148] 45/123.

An Johann Wolfgang Döbereiner

Ew. Hochwohlgeboren

haben durch die eingesendete Rechnung mich vorläufig angenehm unterrichtet, wie Sie hinreichende Anstalt getroffen, um das chemische Studium sowohl theoretisch als praktisch zu fördern; deshalb denn auch mit der völligen Abzahlung der einzelnen Posten zu Ostern kein Anstand seyn kann.

Nun wird es aber der guten Sache sehr zu Nutzen gereichen, wenn Sie mir in einem kurzen Vortrag zu vernehmen geben, was durch diese neuere Behandlung einer so erreicht werden. Ein solches würde unserer höchsten Gönnerin vorzulegen nicht verfehlen, sowohl um den Erfolg der bisherigen, durch Höchstdieselben bewirkten Thätigkeit dankbarlichst anzuerkennen, als auch dieses edle Bestreben für die Zukunft andringlichst zu empfehlen.

In vorzüglicher Hochachtung.

ergebenst

Weimar den 31. Januar 1829.

J. W. v. Goethe.


[149] 45/124.

An den Großherzog Carl Friedrich

[Concept.]

Ew. Königliche Hoheit

genehmigen gnädigst, daß an dem heutigen höchst erfreulichen Feste mit dem treusten Wünschen zugleich eine Frucht vieljähriger fleißiger Anstrengung vor Augen stelle und zugleich die so wohlgegründeten als freysinnig begünstigten Anstalten, den dießmal sich hervorthuenden Künstler und mich selbst zu Höchst Deroselben Huld und Gnade zu empfehlen wage.

Weimar den 2. Februar 1829.


45/125.

An Adele Schopenhauer

Die Künstlerin mit dem Kunstwerke ist schönstens willkommen, besonders wenn sie gegen zwey Uhr in der Einsiedelei eintreffen und daselbst ein frugales Mittagsmahl einnehmen wollte.

Weimar den 5. Februar 1829.

G.


45/126.

An Johann Heinrich Meyer

Diese Zeit her hab ich mich gar oft zu Ihnen versetzt, auch Sie vielfach zu mir gewünscht, da ich recht hübsche Sachen mitzutheilen habe. Mögen wir doch bald wieder zusammenkommen!

[150] Vorerst also wegen der letzten Anfrage, die Antiquitäten des Raul Rochette betreffend, so hab ich zu vermelden: daß ich sie selbst besitze durch die Gunst des Verfassers, welcher ein gutes Wort von den Weimarischen Kunstfreunden sich wünscht. Gestern hab ich die zwey ersten Hefte der Frau Großherzogin vorgelegt, und sie hält also, wenn es auch von bedeutendem Werth wäre, nicht nöthig, es anzuschaffen, da es zum Nutzen der Kunstfreunde von mir mitgetheilt werden kann.

Durch Gunst und Theilnahme dieser herrlichen Fürstin hoff ich nun auch mit dem unseligen Handel der bey Artaria für uns noch liegenden Fortsetzungen zu Stande zu kommen. Alsdann erst, wenn dieses Geschäft im Reinen ist, können wir überlegen, was fernerhin zu thun sey. Doch läßt sich hoffen, daß man bis Ostern ziemlich im Klaren und in Ordnung seyn werde.

Dieses alles zu besprechen und Ihre Mitwirkung zu erbitten, hoffe nächstens günstige Gelegenheit.

Mit den treusten Wünschen.

Weimar den 6. Februar 1829.

G.


45/127.

An Friedrich Wilhelm Riemer

Mit dem vollkommensten Beyfall, ohne das mindeste Bedencken, sende das gefällig mitgetheilte [151] Gedicht dankbar, nach wiederholtem Lesen zurück. Dem ganzen Unternehmen den besten Succeß wünschend

W. d. 8. F. 1829.

G.


45/128.

An Carl Wilhelm Göttling

Sehr ungern ersuche Ew. Wohlgeboren die Revision der noch übrigen Bändchen der vorigen Lieferung gefälligst zu fördern; der zwölfte Band der Octavausgabe ist schon abgedruckt, und die Setzer lechzen nach den folgenden. Könnt ich nur den 13. Band indessen haben, so wäre jenes Bedürfniß einigermaßen gestillt. Sehen wir künftig die vierzig Bände in einer Reihe auf dem Repositorium, so werden wir uns mit Vergnügen der überstandenen Unbilden erinnern.

Mich geneigtem Andenken bestens empfehlend.

ergebenst

Weimar den 9. Februar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/129.

An Wilhelm Reichel

Auf das von Ew. Wohlgeboren unter'm 3. Februar an mich erlassene Schreiben erhalten Dieselben durch den Mittwochs, den 11. d. M., von hier abgehenden Postwagen das Manuscript zum dreyundzwanzigsten[152] Bande. Der völlige Abschluß des Werkes kommt nach; er möchte etwa noch drey gedruckte Bogen füllen.

Mit demselben erhalten Sie zugleich noch eine Zugabe zum zweyundzwanzigsten Bande, damit derselbe nicht hinter der normalen Bogenzahl zurückbleibe.

Der revidirte dreyzehnte Band soll baldigst übersendet werden, so wie die folgenden.

Der zweyte Band der Schillerischen Correspondenz wird, auch etwas verspätet, willkommen seyn. Bey so bedeutenden und verschränkten Geschäften kann es wohl einmal solchen Anstoß geben.

Für bisherige Sorgfalt für unser Geschäft schönstens dankbar, mich fortwährender geneigter Mitwirkung sowie einem freundlichen Andenken empfehlend.

ergebenst

Weimar den 9. Februar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/130.

An Johann Georg Lenz

Die an dieser von Batavia angekommenen Sendung fehlenden Bände V und VIII werden wieder aufgelegt, und man verspricht von dorther sie nachzusenden.

Weimar den 9. Februar 1829.

G.


[153] 45/131.

An Friedrich Wilhelm Riemer

Können Sie, mein Werthester, in den nächsten Tagen einige Aufmerksamkeit beykommendem Hefte zuwenden? Ich würde Sie gern von Ihrem sonst so angenehmen Besuch morgen Dienstag Abends dispensiren, wenn wir nur bis gegen Ende der Woche mit diesen Bogen in's Reine kämen. Der lästige Alp lüftet sich nach und nach, und man kann alsdenn mit einiger Freyheit wieder umherschauen.

Von den Abdrücken des Festgedichtes bitte mich bald sehen zu lassen.

Mit den besten Wünschen.

treulichst

Weimar den 9. Februar 1829.

G


45/132.

An Johann Heinrich Meyer

Sie erhalten, mein Theuerster, hiebey das letzte Verzeichniß der bey Artaria in Mannheim für uns bereitliegenden Fortsetzungen; ich habe eben mit gnädigster Genehmigung Ihro Kaiserlichen Hoheit darauf 1000 Gulden rheinisch geboten. Wahrscheinlich wird es annehmen, und dann wäre zu bestimmen, was wir fortsetzen wollen?

Sie haben ein umständlicheres Verzeichniß schon einmal durchgedacht, hier rückt die Sache näher zusammen [154] und ist leichter zu übersehen. Sagen Sie mir ein Wort von Ihrem Befinden, ich hoffe, es geht Ihnen wie mir. Ich befinde mich in einem so leidlichen Zustande, daß ich wenigstens im Zimmer meine Tage nutzen kann und in emsiger Geduld die nächsten Winterwochen zu überstehen hoffen darf.

Möge es Ihnen eben so ergeben, bis wir freudiger wieder zusammen kommen.

Herzlichst

Weimar den 10. Februar 1829.

G.


45/133.

An Carl Victor Meyer

Ihre Sendung, mein Theuerster, erkenne ich dankbar und erwidere sogleich wohlgesinnt Folgendes: Die Frage, wie Sie es zunächst mit Ihren Studien, mit Ihrem Aufenthalt einrichten sollen, kann ich nicht direct entscheiden und beantworten; gehen Sie mit sich selbst und Ihrem Herrn Vater zu Rathe.

In Berlin, wenn Herr Rauch hinweggeht, bleiben Ihnen die Herren Tieck, Wichmann und wie manche Männer, deren Namen ich nicht kenne, deren Gegenwart ich aber bey großen dortigen Anstalten vermuthen muß; Sie kennen den dortigen Gang, haben Verhältnisse, und was sonst auch auf's Leben sich beziehen mag, ist Ihnen klar geworden. Wozu sich noch gesellt, daß Sie auch dort in Bezug auf [155] Gesundheit Ihren Einstand gegeben, also auch dem Klima, und was dazu gehören mag, Ihren Tribut abgetragen haben.

Es ist nun wohl die Hauptfrage: ob Sie, als ein junger rüstiger Mann, der zwar südlichen, aber mancherlei klimatischen Einflüssen ausgesetzten Hauptstadt Bayerns sich anvertrauen wollen? Das, was dort zu schauen, zu lernen, zu gewinnen ist, dürfte wohl auch für den Künstler von der größten Bedeutung seyn. Indem Sie Ihren bisherigen Lehrer dorthin begleiten, bleiben Sie in Ihrem vortheilhaften Studiengang, und was Sie dort unter den Händen des Meisters entstehen sehen, ist von der Art, daß es vielleicht im Leben Ihnen nicht wieder zur Erfahrung kommt.

Sie sehen hieraus, daß ich mich neige, Sie in München zu wissen; aber bereden Sie das mit Herrn Professor Rauch, berathen Sie es mit Ihrem Herrn Vater, ich gebe nur meine Ansichten; die Entscheidung gehört der Einsicht, dem Gefühl derjenigen, die es zunächst angeht.

Für die übersendende Abdrücke danke zum schönsten, ich habe das Glück, sie in meiner Sammlung bey ihren Verwandten niederlegen zu können.

Aufrichtig theilnehmend

Weimar den 10. Februar 1829.

J. W. v. Goethe.


[156] 45/134.

An Friedrich Wilhelm Riemer

Hiebey den Abschluß des Ganzen! Könnten wir dieses Heft, wie es vorliegt, Freytags absolviren, so würde die Versendung dadurch sehr gefördert seyn. Vielleicht können Sie eine Stunde früher; mich verlangt sehr diese Last los zu werden, freylich genau besehen, um eine neue aufzuladen.

Mit den besten Wünschen.

Weimar den 11. Februar 1829.

G.


45/135.

An Nicolaus und Sophie Doris Elise Meyer

Ew. Wohlgeboren

ersehen aus beyliegender Abschrift, was ich Ihrem lieben Sohn auf eine wichtige Anfrage geantwortet, weshalb ich hierüber nichts weiter hinzufüge.

Die Notizen mit dem Interims-Riß der neuen Anstalten an der Einmündung des Weserflusses sind von mir höchst dankbar empfangen worden; sagen Sie das ja Ihrem theilnehmenden Freunde und bitten denselben, von Zeit zu Zeit mir das Nähere wissen zu lassen. Ich habe dabey kein anderes Interesse als das allgemein Deutsch-Continentale. Seit der Cassler Zusammenkunft und den dortigen Beschlüssen muß [157] uns höchst wichtig seyn, eine Unternehmung, die der Weser erst ihre Würde gibt, vorschreiten zu sehen; und wenn an jenem westlichen Ende etwas Bedeutendes der Art eingeleitet wird, so muß es bis zu uns herauf in die Werra bis Wanfried wirken.

In Erwartung des Weitern bitte mir die Orte zu nennen, durch welche der Weg von der neuen Anlage bis Bremen geführt wird; ich habe drey Special-Charten vor mir, und es würde mir angenehm seyn mich näher zu orientiren. Müssen wir doch so viel von den englischen Docks, Schleusen, Canälen und Eisenbahnen uns vorerzählen und vorbilden lassen, daß es höchst tröstlich ist, an unsrer westlichen Küste dergleichen auch unternommen zu sehen.

Das Übersendete ist glücklich angekommen, wir haben uns in die werthen Gaben dankbar getheilt und wünschen, daß eine Gegensendung nebst Schreiben auch gleichfalls wohl möge eingelangt seyn.

Zu fernerem freundschaftlichen Andenken mich und die Meinigen bestens empfehlend und von allen gegrüßten Freunden die besten Grüße erwidernd.

treulichst

Weimar den 10. Februar 1829.

J. W. v. Goethe.


Ein farbiges Blättchen zur Nachschrift ergreifend, begrüße glückwünschend die theuern Eltern, besonders die liebenswürdige Mutter. Wobey ich es für eine große Wohlthat zu achten finde, daß die Stiftungsgesetze [158] unserer protestantischen Orden den verpflichteten Damen nicht hinderlich sind, der Nachkommenschaft gleich anmuthige Sprößlinge zu überliefern. Wenn hiernach einer mir so theuern Familie frischer Zuwachs gegönnt ist, dazu wünsche wiederholt Glück und Heil, in Hoffnung und Aussicht, es werde dieses Ereigniß dereinst auch meinen Enkeln zu Gurte kommen.

Treu angehörig

Weimar den 12. Februar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/136.

An Carl Friedrich Zelter

Deine Sendung, mein Theuerster, ist wohl angekommen; die Medaillen haben Vater und Sohn erfreut; Lessingen hat dieser sogleich sich angemaßt, der eine Sammlung von Denkmünzen auf gute merkwürdige Menschen zu meiner besondern Zufriedenheit sich anlegt. Denn in der immer zunehmend zerstreuten Welt heftet ein so geprägtes Metallstück immer einmal wieder die Aufmerksamkeit des Beschauenden und bringt alterprobte, zwar halb verschollene, doch immer noch fortwirkende Verdienste zur Erinnerung.

(Etwas über die Bronce-Medaille folgt auf einem besondern Blatte, damit du es allenfalls Herrn Mendelssohn zustellen könnest.)

Da nicht nur meine Matrosen auf dem Mastkorb, sondern ich selbst Land erblicke und vor mir sehe,[159] mag ich gern freundlichen Glückwunsch annehmen. Ich wünsche, daß, wenn zu Ostern meine Ware zu euch kommt, ihr auch an dem, was ich von dieser Fahrt mitbringe, möget Freud und Nutzen haben.

Deine Klagen oder vielmehr Invectiven bey nicht gemäßer Ausführung längst vorbereiteter Ton-Exhibitionen glaub ich zu verstehn. Die Tendenz der Zeit, alles in's Schwache und Jämmerliche herunterziehen, geht immer mehr durch und durch. Ich habe ein halb Dutzend Gedichte vorzuweisen, mir zu Lob und Ehren, wo ich aber eigentlich schon als ein selig Abgeschiedener behandelt bin. Am Ende wird noch, der neusten Philosophie gemäß, alles in nichts zerfallen, eh' es noch zu seyn angefangen hat.

Übrigens ist mir die Zeit her allerlei Gutes begegnet. Staatsrath Loder sendete mir eine sehr schöne Sammlung russischer Mineralien, deren Anblick mich wahrhaft erfrischt und auf die mannichfaltige Stereographie der Natur hinweist. Ich überspringe, was sonst auf Natur bezüglich mit Gutes geworden, und sage nur: daß mich Professor Rauch mit einem lebens- und thatenlustigen Basrelief erfreut hat, auch Professor Tieck mit einem ehrenwerthen heldenmäßigen Kriegsgotte.

Mir Ober-Baudirector Coudray ergetze ich mich de Abende an Herrn Schinkels Heften. Die darin mitgetheilte neue und, wie wir hören, schon im Bau begriffene Kirche hat uns einige Abende angenehm [160] unterhalten. Ich wünschte wirklich darin einer Predigt beyzuwohnen, welches viel gesagt ist. Siehst du die Herren, so magst du wohl ihnen von mir ein freundlich Wort sagen und meinen aufrichtigen Dank recht löblich ausdrücken.

Gegenwärtiges dictir ich Abends um acht Uhr, durch die anfrierenden Fensterscheiben in meinen schneebedeckten mondbeschienenen Garten hinausblickend. Einsame Abende kann ich jetzt genug genießen, man spielt viermal in der Woche, und meine sämmtlichen lieben Kinder, Freunde und Genossen gingen, aus zunehmender Gewohnheit, wohl noch öfters hinein. Dagegen kann ich aber auch den jetzigen Theaterführern das Zeugniß geben, daß sie auf guten Wegen sind und die Sachen so zu stellen wissen, daß sich alles nach und nach besser bilden muß. Das ganze Geschäft steht unter dem Hofmarschall, dem es darum zu thun ist, etwas Anziehendes hervorzubringen, wohldenkende und gescheite Leute in's Interesse zieht, und was alles noch dazu gehört, um ein Geschäft zu führen, welches nicht mehr Schwierigkeiten hat als ein anderes, wenn man es einfach nach seiner Art nehmen will. Ostern laß ich vorbey, dann sag ich dir wohl das Besondere. Wünsche du unsern Schau-und Hörlustigen einstweilen zu diesem Allgemeinen Glück.

Und so wie an diesem Theil können wir auch überhaupt zufrieden seyn. An meiner Lage hat sich [161] nichts verändert. Hie und da werd ich, durch die sehr zweckmäßigen Absichten unsrer regierenden Frau Großherzogin, zu ein und anderer Thätigkeit aufgerufen, die meinen Jahren und Kräften noch wohl geziemen mag.

Nach wie vor

der Deine

Weimar den 12. Februar 1829.

Goethe.


N. S. Dieses gehe nun auch den alten herkömmlichen Weg und werde wohl empfangen. Wir haben heute 23-24 Grad Kälte, es ist also schön, daß wir durch Boten communiciren. Versäume nicht zu schreiben; auch bey mir liegt manches allernächst zu Communicirendes.


45/137.

An Johann Lorenz Schmidmer

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

danke verpflichtet für die abermals gefällig übernommene Besorgung; der Majolika-Teller ist gar wohl das Geld werth, die Münzen könnten etwas zu theuer scheinen, doch kommt ja in Auctionen der Preis auf die Concurrenz der Liebhaber an.

Ihre Rechnung beträgt 36 Gulden 41 Kreuzer, ich habe Ordre gestellt, daß Ihnen 39 Gulden ausgezahlt werden; für den Überschuß bitte eine kleine Commission [162] zu übernehmen. Hiesige Freunde, welche in vorigen Zeiten sich in Nürnberg aufgehalten, gedenken manchmal scherzhaft gewisser Bratwürstchen, welche dort so vorzüglich gut gefertigt werden, sie sind mit Majoran gewürzt und ein wenig geräuchert. Gedachte Personen wünschte scherzhaft in diesen Wintertagen damit zu überraschen, und Ew. Wohlgeboren ausgezeichnete Gefälligkeit läßt mich hoffen, daß Sie auch diesen vielleicht wunderlichen Auftrag geneigt besorgen zu lassen nicht verschmähen werden.

Mich bestens empfehlend, zu angenehmen Gegendiensten bereit.

Weimar den 13. Februar 1829.


45/138.

An Julius J. Elkan

[Concept.]

Herr Banquier Julius Elkan wird hiedurch höflichst ersucht, die Summe von 39 Gulden rheinisch an Herrn Johannes Schmidmer, Buch- und Kunsthändler in Nürnberg, ingleichen die Summe von 96 Gulden rheinisch an Herrn Buch- und Kunsthändler Velten in Carlsruhe gegen unmittelbare Erstattung auszahlen zu lassen.

Weimar den 13. Februar 1829.


[163] 45/139.

An Wilhelm Reichel

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

werden nunmehr den unter'm 11. hujus abgegangenen dritten Band der Wanderjahre erhalten haben. Das Wenige, was daran, so wie an dem zweyten, noch mangelt, wird nächstens erfolgen. Anbey sende den dreyzehnten Band der kleineren Ausgabe, revidirt, die übrigen sollen nicht außen bleiben; und so wird hoffentlich Ende des Monats alles in Ihren Händen seyn.

Der ich mit den besten Wünschen mich schönstens empfehle.

Weimar den 14. Februar 1829.


45/140.

An die Großherzogin Maria Paulowna

Durchlauchtigste Großherzogin,

gnädigste Fürstin und Frau.

Bey herannahendem, in jedem Sinne höchsterfreulichem Feste erlauben Ew. Kayserliche Hoheit einige Betrachtung über meine eigne Lage, wozu ich mich eben heute dringend aufgefordert fühle.

Wer ich hohen Jahren sich beobachtet und prüft, der findet freylich daß diejenige Munterkeit und Beweglichkeit, welche der Jugend gegönnt ist, womit sie [164] es wagt Plane zu entwerfen und ihre Ausführung zu verfolgen, daß diese sich nach und nach vermindere, wo nicht gar verliere, und man hat solches als ein allgemeines Menschen Schicksal bescheiden dahin zu nehmen; dagegen aber auch möglichst zu Rathe zu halten was noch übrig geblieben und dasselbe wo es nur nutzen kann treulichst anzuwenden.

Welchen lebhaften Dank habe ich daher Ew. Kayserlichen Hoheit abzustatten daß Höchstdieselben das Wenige was ich allenfalls noch zu leisten vermag nicht verschmähen; sondern mir sowohl meine Kräfte zu erproben, als einen rein gewiedmeten Willen darzuthun, gnädigste Veranlassung zu geben geruhen.

Enthalten kann ich mich aber nicht bey dieser Gelegenheit des schmerzlichen Ausdrucks: Höchstdero näheren Umgebung nicht angehören zu können, nicht jeder Zeit, als bereiter unermüdeter Diener Höchstdenenselben zur Seite zu bleiben.

Vorstehendes, welches meine aufrichtigsten Gesinnungen, zugleich mit den lebhaftesten Wünschen für Höchstderoselben und des durchlauchtigsten Hauses Wohl auszudrücken beabsichtigt, möge gnädigster Aufnahme, Verzeihung und Nachsicht in diesen wichtigen Augenblicken sich einigermaßen zu erfreuen haben.

Verehrend, lebenslänglich angeeignet,

Ew. Kayserlichen Hoheit

Weimar den 16. Februar

unterthänigster Diener

1829.

J. W. v. Goethe.


[165] 45/141.

An Carl Franz Anton von Schreibers

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

vergegenwärtigen sich geneigtest und lebhaft den Zustand, in welchen mich das Abscheiden unseres unvergeßlichen Fürsten setzen mußte, und Sie entschuldigen gewiß mein bisheriges Stillschweigen. Seit jenem Augenblick, der uns in die traurige Gewißheit versetzte, fand ich mich, in so hohen Jahren, kaum fähig denen Obliegenheiten genug zu thun, die der Tag gleichgültig von mir forderte, eben als wenn es noch die freudige und behagliche Zeit wäre, wo man unter den Augen des vorzüglichsten Fürsten sich zu beschäftigen das Glück hatte.

Auch ist seit jenem Ereigniß meine Wirkung in die Ferne sehr viel geringer, und erst nach und nachricht ich mich wieder ein, die früheren Verhältnisse, nach Maaßgabe der gegenwärtigen Zustände, wieder anzuknüpfen.

Nehmen Ew. Hochwohlgeboren daher verpflichteten Dank, daß Sie mir Veranlassung geben, zu versichern: Gesinnungen und Vertrauen voriger Zeit seyen noch immer dieselbigen, auch habe sich wahrhafte Hochachtung und treue Anerkennung keineswegs vermindert. Ich erwarte daher dankbar die nächste Sendung der Flora brasiliensis, welche mir besonders in dem Augenblicke sehr [166] willkommen ist, da ich Veranlassung finde mich wieder für einige Zeit mit Botanik zu beschäftigen.

Sollte sich einiges, zur comparirenden Anatomie gehöriges Osteologisches um einen billigen Preis wieder vorfinden, so bitte mir solches als einen Versuch in unsern neuen Verhältnissen zuzusenden. Es steht zu hoffen, daß unser gnädigst regierender Herr seinem Herrn Vater, wie im Übrigen, also auch in Förderniß der Naturwissenschaften nachzustreben sich beeifern werde.

Für die früher mitgetheilten Notizen, die Reise der jungen Giraffe betreffend, danke verpflichtet. Wie ist es diesem zarten, Wärme gewohnten Geschöpf bisher ergangen?

Warum kann ich nicht an Ihrer Seite, und wär es auch nur auf einige Zeit, unter so vielen Schätzen frische Belehrung suchen und gegenwärtig seyn, wenn Ihr brasilianischer Reisender das Allerneuste entfalten.

Hier darf ich wohl aussprechen, daß die Naturbetrachtungen, denen ich so viele Jahre meines Lebens gewidmet, mich erst jetzt in hohem Grade belohnen, indem sie unter den Trost- und Ermunterungsgründen, bey manchen eindringenden Übel, sich am treusten und wirksamsten verhalten.

Viele werthe Männer hinwegraffend hat der Januar sich grausam gegen uns erwiesen. An mehreren Erdpuncten waren unsere vorzüglichen Männer nicht sicher. Adam Müller in Wien, Friedrich Schlegel in Dresden, [167] Doctor Hassel in Weimar, Professor Reisig in Venedig wurden ganz unvermuthet, letzterer am frühzeitigsten, abgerufen; und mir kommt es in meinen hohen Jahren ganz eigen vor, von dem Verluste so vieler Jüngeren Zeuge seyn zu müssen.

Halten Ew. Hochwohlgeboren sich daher versichert, daß ich, so wie den Wissenschaften, also auch treuerprobten Freunden immer gleich anhänglich verbleibe, und lassen mich von Zeit zu Zeit aus dem Reichthum Ihrer Erfahrung das Geeignete freundlichst vernehmen.

Weimar den [16.] Februar 1829.


45/142.

An Heinrich Carl Abraham Eichstädt

Ew. Hochwohlgeboren

darf mit der reinsten Wahrheit versichern, daß gerade das Höchstvorzügliche Ihrer Arbeiten, welche Sie unserm verewigten Fürsten gewidmet, mich gehindert hat, bisher meinen schuldigen Dank für die Übersendung abzutragen. Denn Ihre Darstellungen, wie ich mich wieder zu denselben wendete oder auch nur deren gedachte, erneuerten meinen Schmerz so lebhaft, daß ich die Gedanken davon wieder abzulenken genöthigt war. Und was mußte auch ein solches Talent, auf einen solchen Gegenstand gerichtet, nicht hervorbringen! Hier findet sich das Außerordentliche ohne Übertreibung und das Gewöhnliche ohne Gleichgiltigkeit.

[168] Sie haben unsern Mann und Fürsten durch und durch gekannt, zu seinen edel-großen Zwecken viele Jahre mitgewirkt und daher wußten Sie das in seinem eigentlichsten Werth zu schätzen, was andere wohl im Allgemeinen gelten lassen, aber auf keine Weise in seiner Eigenthümlichkeit zu würdigen verstehen.

Hier darf ich nun nicht weiter fortfahren, sonst komme ich in den Fall, gegenwärtigen Brief unvollendet liegen zu lassen wie manche andere, deren Inhalt mir keineswegs genügen wollte, wenn ich ihn mit demjenigen verglich, was hätte gesagt werden sollen.

Wenn nun Ew. Hochwohlgeboren mitempfinden, wie die Erinnerung an mein vergangenes Leben durchaus verflochten sey in die Erinnerung an den Lebensgang des außerordentlichen Mannes, so werden Sie sich gleichfalls überzeugt halten, daß ich Ihrer, als eines der vorzüglichsten Mitwirkenden, immerfort anerkennend zu gedenken habe.

Erhalten Sie mir auch fernerhin eine wohlwollende Theilnahme und bleiben meiner vorzüglichen lebenslänglichen Hochachtung gewiß.

Ew. Hochwohlgeb.

gehorsamster Diener

Weimar den 16. Februar 1829.

J. W. v. Goethe.


[169] 45/143.

An Carl Georg Hase

[Concept.]

Die Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik 1828 nehme gern für die Hälfte des Preises zu großherzoglicher Bibliothek, weshalb dahin mit den Heften zugleich eine Quittung abzugeben wäre.

Wie ich denn auch, wenn diese Zeitschrift für 1829 fortgesetzt werden sollte, mich fernerhin als Mitglied der Gesellschaft anzuschließen, auch am Ende des Jahrs die Hefte gleichfalls nach obigen Bedingungen großherzoglicher Bibliothek zu acquiriren gedenke.

Weimar den 16. Februar 1829.


45/144.

An Caroline von Wolzogen

Erlauben Sie, verehrte Freundin, daß ich über die erst jetzt bey mir angekommenen Frey-Exemplare des Briefwechsels, nebst einiger Nachricht ohnmaaßgeblichen Vorschlag thue.

Es liegt nämlich contractmäßig vor mir:

Velin-Papier 25.

Den Goetheschen 12.

Den Schillerischen 13.

Gewöhnlich Papier 15.

Den Goetheschen 8.

Den Schillerischen 7.


[170] Die den Schillerischen gehörigen bin sogleich abzuliefern bereit, solche jedoch zu vertheilen, einpacken und versenden zu lassen, ist in meiner Lage ganz unmöglich. Ich wollte daher anfragen: ob ich sie Ihnen nach Jena schicken dürfte, wo die Herren Frommanns, in solchen Dingen gewandt und mit allem versehen, was zur Ausfertigung gehört, die Freundlichkeit wohl haben möchten, nach Ew. Gnaden Einleitung das kleine Geschäft zu übernehmen. Gleicherweise würden wir die folgenden Lieferungen behandeln können. Mich angelegentlichst empfehlend und zu der Herankunft eines fröhlichen Märzes Glück wünschend.

Verehrend

treu angehörig

Weimar den 18. Februar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/145.

An Henriette von Pogwisch

[Concept.]

Die von Ew. Gnaden in dem gefälligen Billette fernerhin bezeichneten Werke bin gleichfalls geneigt, unter den bekannten Bedingungen zur großherzoglichen Bibliothek zu nehmen; deshalb Dieselben bitte, die Titel, nebst zu erlegendem halben Betrag, auf das hiebey zurückgehende Blatt zu bemerken. Ablieferung [171] und Abzahlung werden ja auch in kurzem zu berichtigen seyn.

Mich angelegentlichst empfehlend.

Weimar den 18. Februar 1829.


45/146.

An Friedrich Jacob Soret

[Concept.]

[18. Februar 1829.]

Haben Sie nunmehr die Güte, theuerster Herr und Freund, mir die Übersetzung der Metamorphose gefällig zuzusenden; es wird mit noch langer einsamer Anstrengung das erfreulichste Geschäft seyn, diese gemeinsame Arbeit endlich vorzunehmen.

In Hoffnung baldiger Zusammenkunft.

Weimar den 17. Februar 1829.


45/147.

An Johann Friedrich Cotta

Ew. Hochwohlgeboren

erhalten beykommend die gewünschte Copie des, auf eine so ehrenvolle Weise, abhanden gekommenen Briefes. Damit dieselbe sogleich abgehe, versichre nur noch mit wenigem, daß die Hoffnung, das verehrte Paar bey uns zu sehen, mir und den Meinigen die angenehmste Aussicht verleiht.

Nur noch den Wunsch füge hinzu: es möge gefällig seyn, Ihrem Beauftragten in Leipzig Ordre zu [172] geben, mir ein Exemplar der Italiänischen Reise (Aus meinem Leben, zweyter Abtheilung erster und zweyter Theil) baldigst zu übersenden, welches dankbar anerkennen werde.

Manches Andere auf die zu hoffende persönliche Zusammenkunft versparend, mich angelengetlichst empfehlend.

Hochachtungsvoll

gehorsamst

Weimar den 19. Februar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/148.

An Wilhelm Reichel

Ew. Wohlgeboren

erhalten mit der heut abgehender fahrenden Post den Abschluß der dießmaligen Lieferung. Durch die beykommenden Einzelheiten, unter dem Titel: Betrachtungen pp., wird der XXII. Band das rechte Maaß zu den übrigen erlangen.

Der zweyte Band des Schillerischen Briefwechsels ist gleichfalls angekommen. Das Publicum erweist sich mit mir, wie billig, gegen Druck und Papier ganz wohl zufrieden.

Mit den besten Wünschen.

ergebenst

Weimar den 21. Februar 1829.

J. W. v. Goethe.


[173] 45/149.

An Justus Christian von Loder

Nicht ohne Kopfschütteln werden Sie, verehrter Mann, aus meinem Schreiben vom 2. Januar ersehen haben, daß die mir so freundlich gegönnte Mineralien-Sammlung damals noch nicht ausgepackt gewesen; der geneigtest eigenhändig geschriebene Catalog ließ mich den höchst bedeutenden Werth derselben deutlich erkennen, und weil meine vieljährige Erfahrung mich leider genugsam belehrt hatte, was ein übereiltes Auspacken für Verwirrung und Schaden bringt, so sollte zuerst alles darauf vorbereitet werden. Einzelne Kästchen wurden bestellt, Schubladen der nächsten Mineralienschränke geleert, und, da ich seit Wochen nicht aus meinem Zimmer gekommen, alles in demselben zurecht und die Kiste selbst endlich herbeygetragen.

Diese wollte nun schon von außen einer Mineralien-Kiste nicht ähnlich sehen, und da nun gar bey Eröffnung derselben Baumwolle zum Vorschein kam, ferner eine zugeschnallte lederne Umgebung von etwas Bedeutendem, so riefen die Anwesenden einstimmig: hier müsse ein Irrthum obwalten, diese Kiste sey auf eine oder die andere Weise verwechselt.

Das lederne Gehäus wurde geöffnet, und es ist leicht zu denken, was nach gemeldeten Vorspiel der Anblick eines Prachtkästchens für einen Eindruck machte, [174] dessen Eröffnung nicht Mineralien, sondern wahrhafte Juwelen sehen ließ. Klänge dieses auch einigermaßen poetisch und exaltirt, so ist es doch nicht hinreichend, das vergnügte Erstaunen auszudrücken, was jedermann und mich selbst ergriff; und auch Sie, verehrter Freund, werden eine gewisse Zufriedenheit hegen, daß diese vorzügliche und im besten Sinne beabsichtigte Gabe durch diese Folie des Zweifelns und Zauderns wo möglich noch erhöht worden.

Nicht ohne genügende Heiterkeit trug man die bereiteten Schubladen und Kästchen bey Seite, da man, bey sorgfältigem Auspacken, sogleich zu bemerken hatte, daß jedem schätzbaren Exemplar auch schon sein Fach angewiesen, ja demselben, nach abgenommener Hülle, sogar ein weiches Unterlager bereitet war.

Von dem einzelnen Stücke und zuletzt von dem Ganzen, wie es vor Augen lag, wurde man in diese Wissenschaft, der zu nähern ich mich seit einiger Zeit gehütet hatte, gleichsam wider Willen hineingezogen; wo man denn, wie jener Antäus, durch Berührung des Urbodens wieder gestärkt und neu gekräftet wurde. Diese unschätzbaren Crystalle nöthigen sodann zu der Lehre hin, die wir Hauy verdanken; da mir denn ein Schüler von ihm und Biot, Herr Hofrath Soret von Genf, der treuste Führer bleibt, indem diese neue Sprache, mit ihren wundersamen Worten, Ausdrücken, Terminologien, Ausmessungen und Berechnungen in meine späteren Jahre traf, wo man weder solchen [175] Eindrücken mehr offen, noch auch sie festzuhalten im Stande ist.

An diesen Beyspielen jedoch, die, als ein von so werthem Freunde gegönnter Besitz, mir vielfach lieb und werth seyn mußten, fand ich mich wirklich in kurzer Zeit tiefer eingeführt in dieses Feld, als es mir lange Zeit hatte gelingen wollen, und Sie genehmigen gewiß diese Geschichterzählung, welche, so mancherlei sie darstellt, doch die Zufriedenheit und den Genuß, den ich bey wachsenden Tagen an Ihren herrlichen Gaben empfinde, nicht in ganzen Umfange aussprechen kann.

Nun soll man zwar bey einer so bedeutenden Gabe nicht gleich zu einer dankbaren Erwiderung das Nachsinnen hinwenden; aber das Gefühl darf sich den Wunsch nicht versagen, bey irgend einer Gelegenheit etwas, wo nicht in dem Grade, doch wenigstens der herzlichen Eigenschaft nach, dem so freundlich gesinnten Geber anbieten zu können.

Lassen Sie mich nun fernerhin bezeugen, wie angenehm und interessant es mir gewesen, ausführlichen Bericht Ihrer ununterbrochenen Thätigkeit durch die Reihe so vieler Jahre zu erhalten. Zwar bin ich im Allgemeinen diesem Verfolg so vorzüglichen Strebens und Leistens immer nachgegangen; doch ist es höchst erfreulich, mir denselben nunmehr auf eine so authentischen Weise vergegenwärtigt zu sehen.

Wenn ich nun hierüber meine Betrachtungen anstellte, so konnte mir nicht entgehen, welchen großen[176] Einfluß Ihro der verwittweten Kaiserin Majestät auf diese Angelegenheit ausübe. Dieß ist, was mir bey'm Empfang Ihres werthen Schreibens Bewanderung erregte und Freude gab, bald aber darauf in bittern Schmerz verwandelt ward, als die Nachricht von dem Tode dieser außerordentlichen Frau zu uns gelangte, und deshalb Trauer auf Trauer in unserm Kreise sich anhäufte.

Was man auch nun hiebey denken und empfinden mag, so muß man sich zuletzt bey der tröstlichen Überzeugung beruhigen, daß vorzügliche Personen dasjenige, was von ihnen abhängt, immer dergestalt zu führen, zu leiten und einzurichten wissen, daß nicht allein ein günstiger wirksamer Augenblick, sondern zugleich Folge und Dauer sich daraus entwickeln.

Und so darf ich mir denn auch wohl denken, daß die höchst wichtigen, unter Ihre Leitung gegebenen Anstalten sich schon auf den Grad lebendig und gesichert finden, daß die Thätigkeit des verehrten Freun des sich in einer stetigen Folge wirksam erweisen kann.

Gleiche Beruhigung finden wir in unserer Lage, wo wir den höchstseligen Herrn noch immer als gegenwärtig denken dürfen, indem dasjenige, was er begonnen, gefördert, eingeleitet, gegründet, in stetigem Wachsthum und Fortschreiten sich erweist und denenjenigen, die damit beschäftigt sind, an das Unsterbliche der edelsten Wirkung Glauben und Überzeugung verleiht.

[177] Dieses Blatt abzuschließen ward ich durch mancherlei zusammentreffende Umstände gehindert; doch find ich alle Ursache, meinen lebhaftesten Dank aber-und abermals zu wiederholen, indem jederzeit, nach Tische, der mir gegönnte Schatz eröffnet, durchgeschaut und mit den neusten oryktognostischen Schriften verglichen wird. Da ich denn zu bemerken habe, daß von mehreren vor mir liegenden Mineralien gerade der nordische Fundort nicht angegeben oder mit einem Fragzeichen behandelt ist.

Zum Schluß will ich nur noch vermelden, daß ich so eben meine Correspondenz mit Schillern von den Jahren 1794-1805 wahrscheinlich zum Vergnügen und Erbauung damals mitlebender Freunde getrost abdrucken lasse. Wenn Sie, nächst so manchen theuren Namen, auch den Ihrigen, unter guten Auspicien, wieder finden, so gedenken Sie jener Zeit mit Neigung.

Lassen wir es sodann wechselseitig an einem Zeichen nicht fehlen, daß wir immer noch, auf das freundlichste verbunden, dieses Erdenrund betreten.

In solchen Hoffnungen unwandelbar

Weimar den 22. Februar 1829.

J. W. v. Goethe.


45/150.

An C. Küster

[Concept.]

Ew. Wohlgeboren

haben die Gefälligkeit gehabt, ein Schreiben an des Herrn wirklichen Staatsrath v. Loder Excellenz, [178] welches am 10. Januar übersendet, geneigt zu befördern; in Gefolg dessen ich mir die Freyheit nehme, auch die Bestellung des beykommenden abermals zu empfehlen.

Zugleich bitte um Beantwortung der Frage, ob Herr Christian Heinrich Keitel in Braunschweig, durch dessen Vermittlung mir jene Kiste zugekommen, eine kleinere dorthin zu bestellen geneigt seyn möchte; wobey bemerke, daß dieselbe Bücher enthalten würde, welche, wie man weiß, nicht wohl Eingang in Rußland finden. Indessen würden die deshalb zu nehmenden Cautelen Ew. Wohlgeboren nicht unbekannt, auch die vorkommenden Hindernisse durch das genaue Verhältniß mit Ihrem Herrn Bruder gar wohl zu beseitigen seyn. Weshalb ich denn gefällige Nachricht erbittend, in einiger Zeit ein solches Kistchen würde zu übersenden haben.

Weimar den [23.] Februar 1829.


45/151.

An Friedrich Wilhelm Riemer

Sollte es Ihnen, mein Werthester, nicht unbequem seyn, heute, Montag Abends, oder künftigen Mittwochen mich zu besuchen, so wird es mir angenehm seyn, weil morgen Verhinderungen eintreten.

Das Beste wünschend.

Weimar den 23. Februar 1829.

G.


[179] 45/152.

An Friedrich Wilhelm Riemer

Mögen Sie Beykommendes, mein Werthester, zu guter Stunde durchlesen und das Nöthige dabey bemerken, so würde unsere nächste Conferenz desto besser gefördert werden.

Wollten Sie zugleich das artige Liebesgeschichtchen der guten Frau mit meinen schönsten Grüßen mittheilen, so wird es ihr wohl ein angenehmes Viertelstündchen machen.

Unter den besten Wünschen mich schönstens empfehlend.

Ergebenst

Weimar den 24. Februar 1829.

G.


45/153.

An den Obristen von Lützow

[Concept.]

Ew. Hochwohlgeboren

sende, mit verpflichtetem Danke, das gefällig anvertraute bedeutende Manuscript zurück; es gibt wichtigen, wenn schon unerwünschten Aufschluß über das Vergangene. Möge das Künftige sich dagegen mit größerer Gunst erweisen. Was ich aber sehr zu bedauern habe, ist, mit Ew. Hochwohlgeboren mich hierüber nicht besprechen und mancher aufklärenden Belehrung nicht genießen zu können.

[180] Eine glückliche Reise wünschend, mit geziemender Bitte, mich Ihro des Prinzen Wilhelm Königlicher Hoheit unterthänigst zu empfehlen, mir aber ein wohlwollendes Andenken aus der Ferne geneigtest zu erhalten.

Weimar den 28. Februar 1829.


45/124.

An Peter von Cornelius

Ew. Hochwohlgeboren

haben vollkommen meinen zutraulich ausgesprochenen Wunsch durch Ihre Sendung erfüllt, und mein dagegen zu erwiderndes Dankschreiben ward nur dadurch verzögert, daß ich wünschen mußte, mich ausführlicher über das hiebey empfundene Vergnügen auszusprechen. Für's erste jedoch muß ich dieser angenehmen Pflicht entsagen bey dem Andrang so mancher unausweichlichen Obliegenheiten. Auszusprechen jedoch darf ich nicht unterlassen, wie durch die farbige Ausführung von der einen Seite die Wirkung des Gemähldes mir dergestalt entgegentritt, als wenn ich es von ferne oder durch verkleinernde Linsen ansähe; dagegen aber mit Hülfe der Durchzeichnungen die einzelnen charakteristischen Intentionen in ihrer großen Mannichfaltigkeit, Abstufungen und Gegensätzen, ganz nah und deutlich, dem äußern sowohl als dem innern Sinne mir sich offenbaren. Verarbeitet nun die Einbildungskraft [181] diese Elemente, so scheint mir nach und nach ein Kunstwerk gegenwärtig, von dessen entschiedener Wirkung ich mich überzeugen kann, wenn ich schon niemals hoffen durfte, mich demselben zu nähern und in seiner hochbedeutenden Umgebung mich dessen recht im Zusammenhange zu erfreuen.

Doch ich gerathe ja hier bey'm unmittelbaren Anblick dieser Mittheilungen schon auf den Weg, welchen zu betreten ich fürchtete, und ich würde darauf gerne fortgehen, wenn meine nächste, zugleich eintretende Umgebung mich nicht davon abmahnte.

Darf ich bitten mich denen Herren Stieler und v. Martius bestens zu empfehlen, und wenn meine denenselben schuldigen Antwortschreiben noch einige Zeit außen bleiben, mir gleiche Nachsicht, die ich von Deneselben hoffen darf, zu erbitten.

Ihro des Königs Majestät auf der unternommenen Reise nach Italien mit den frömmsten Wünschen begleitend und auf das fernere Wohlwollen meiner Münchner Freunde fest vertrauend unterzeichne mich hochachtungsvoll,

dankbar verpflichtet

Weimar den 1. März 1829.

J. W. v. Goethe.


45/155.

An Wilhelm von Humboldt

[Concept.]

Ihr werthes Schreiben, theurer verehrter Freund, ob es mich schon zu einem schmerzlichen Antheil aufrief, [182] war mir doch höchst willkommen, indem es mich des wünschenswerthesten Antheils und fortdauernden herzlichen Zutrauens versicherte. Mir aber werden Sie nach so vieljährigen Verhältnissen auch ohne Betheurung glauben, daß mein Andenken immer lebhaft und das Aufhorchen auch aus der Ferne immer thätig sey, im Stillen hie und da zu vernehmen, wie es denjenigen ergehe, die ich nicht anders als an und in mein Leben gegliedert betrachten kann. Den gefährlichen Zustand Ihrer Frau Gemahlin hab ich schon seit einiger Zeit vernommen. Auch dieser hab ich ja unter meinen frühsten Verhältnissen zu gedenken, und erinnere mich noch recht gut der Zeit, wo ich in Erfurt das Gedicht: die Geheimnisse, kaum als es geschrieben war, in ihrer Gegenwart vorlas und großen Antheil erweckte; wie ich denn auch des Malteserritters oft gedenken muß, der sich nach ihr so eifrig in Palermo erkundigte. Möge derselben nach meinem Wunsche noch manche gute Stunde gegönnt seyn.

Bey dem stillen Lebenswandel, den ich gegenwärtig führe, ist meine Beschäftigung gleichsam nur testamentarisch. Das Original meiner Werke dergestalt zuzurichten, daß die vierzig Bände auf jeden Fall, auch ohne mein Zuthun abgedruckt werden können, ist gegenwärtig meine nächste Sorge. Ist nun dieses zunächst abgethan, so hat sich so viel gehäuft, das auch redigirt und zurechte gestellt seyn will, daß ich eigentlich auf mehr Jahre als billig Arbeit vor mir