Erster Auftritt

[67] Zimmer der Nichte.

Die Nichte. Ein Mädchen.


NICHTE bei der Toilette. Ein Mädchen hilft ihr sich ankleiden und geht sodann in die Garderobe; sie kommt mit einem Bündel zurück und geht über das Theater. Was trägst du da? Was ist in dem Bündel?

MÄDCHEN. Es ist das Kleid, das Sie mir befahlen zum Schneider zu schaffen.

NICHTE. Gut. Daß ich es, wo möglich, morgen oder übermorgen wiederhabe.


Mädchen geht ab.


NICHTE. Nun bin ich angezogen, wie es meine Tante befohlen hat. – Was mag diese neue Mummerei bedeuten? –[67] Wenn ich bedenke, was mir heute begegnet ist, so habe ich alles zu befürchten. Kaum erhole ich mich von jener schauderhaften Szene, so mutet man mir zu, mich umzukleiden, und wenn ich mich recht ansehe, so ist daß ungefähr, wie ich die Prinzessin beschrieben habe. Der Domherr liebt die Fürstin, und ich soll sie wohl gar vorstellen? In welche Hände bin ich geraten! Was hab ich zu erwarten? Welchen grausamen Gebrauch macht meine Tante von dem Vertrauen, das ich ihr zu voreilig hingab! Wehe mir! Ich sehe niemanden, an den ich mich wenden könnte. Die Gesinnungen des Marquis werden mir nun deutlicher. Es ist ein eitler, frecher, leichtsinniger Mann, der mich unglücklich gemacht hat und bald in mein Verderben willigen wird, um mich nur loszuwerden. Der Domherr ist ebenso gefährlich. Der Graf ein Betrüger. – – Ach, nur der Ritter wäre der Mann, an den ich mich wenden könnte. Seine Gestalt, sein Betragen, seine Gesinnungen zeichneten mir ihn im ersten Augenblicke als einen rechtschaffenen, einen zuverlässigen tätigen Jüngling; und wenn ich mich nicht irre, war ich ihm nicht gleichgültig. – Aber ach! betrogen durch die unverschämte Mummerei der Geisterszene, hält er mich für ein Geschöpf, das der größten Verehrung wert ist. Was soll ich ihm bekennen? Was soll ich ihm vertrauen? – – Es komme, wie es wolle, ich will es wagen! Was hab ich zu verlieren? Und bin ich nicht schon in diesen wenigen Stunden der Verzweiflung nahe gebracht? – Es entstehe, was wolle, ich muß ihm schreiben. Ich werde ihn sehen, mich ihm vertrauen; der edle Mann kann mich verdammen, aber nicht verstoßen! Er wird einen Schutzort für mich finden. Jedes Kloster, jede Pension soll mir ein angenehmer Aufenthalt werden. Sie spricht und schreibt.

»Ein unglückliches Mädchen, das Ihrer Hülfe bedarf und von dem Sie nicht übler denken müssen, weil sie Ihnen vertraut, bittet Sie morgen früh um eine Viertelstunde[68] Gehör. Halten Sie sich in der Nähe, ich lasse Ihnen sagen, wenn ich allein bin. Die traurige Lage, in der ich mich befinde, nötigt mich zu diesem zweideutigen Schritt.«

So mag es sein! – – Der kleine Jäck ist mir wohl ein sichrer Bote. Sie geht an die Türe und ruft. Jäck!


Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Berlin 1960 ff, S. 67-69.
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