Dritter Auftritt

[82] Der Ritter. Der Oberst der Schweizergarde. Sechs Schweizer kommen von der linken Seite aus den vordern Kulissen.


OBERST der zuletzt herauskommt, nach der Szene. Hier bleibt versteckt und rührt euch nicht eher, es mag sich zutragen, was will, bis ihr Waldhörner hört. In dem Augenblick, da sie stillschweigen, fallt zu und nehmt gefangen, wen ihr im Garten findet. Zu den Schweizern, die auf dem Theater stehn. Ihr gebt auf das nämliche Signal acht. Viere verbergen sich bei der großen Pforte; laßt herein, es komme, wer will, aber niemanden hinaus.

EIN SCHWEIZER. Herein mögen sie kommen, hinaus soll keiner.

DER OBERST. Und wer hinaus will, den haltet fest.

SCHWEIZER. Wir wollen schon wacker anfassen.[82]

OBERST. Und wenn die Waldhörner schweigen, so bringt hierher, wen ihr etwa angehalten habt. Zwei aber halten die Pforte besetzt.

SCHWEIZER. Ja, Herr Obrist. Ich und mein Kamrad bringen Euch die Gefangenen, und der Michel und der Dusle bleiben bei der Pforte, daß nicht etwa ein anderer hinausschlupfet.

OBERST. Geht nur, Kinder, geht, so ist's recht!


Die vier Schweizer gehen ab.


OBERST. Ihr beiden tretet etwa zehn Schritte von hier ins Gebüsch; das übrige wißt ihr.

SCHWEIZER. Gut.

OBERST. So, Ritter, wären unsre Posten alle besetzt. Ich zweifle, daß uns einer entgeht. Wenn ich sagen soll, so glaub ich, wir werden hier auf diesem Platze den besten Fang tun.

RITTER. Wieso, Herr Oberst?

OBERST. Da von Liebeshändeln die Rede ist, so werden sie dieses Plätzchen gewiß aussuchen. In dem übrigen Garten sind die Alleen zu gerade, die Plätze zu licht; dieses Buschwerk, diese Lauben sind für die Schalkheiten der Liebe dicht genug zusammengewachsen.

RITTER. Ich bin recht in Sorgen, bis alles vorüber ist.

OBERST. Unter solchen Umständen sollt es einem Soldaten erst recht wohl werden.

RITTER. Ich wollte als Soldat lieber an einem gefährlichen Posten stehn. Sie werden mir es nicht verdenken, daß es mir bang um das Schicksal dieser Menschen ist, wenn sie gleich nichtswürdig genug sind und meine Absicht ganz löblich war.

OBERST. Sein Sie ruhig! Ich habe Befehl vom Fürsten und vom Minister, die Sache in der Kürze abzutun; man verläßt sich auf mich. Und der Fürst hat sehr recht. Denn wenn es Händel gibt, wenn die Geschichte Aufsehn macht, so denken doch die Menschen von der Sache, was[83] sie wollen, und es ist also immer besser, man tut sie im stillen ab. Desto größer wird auch Ihr Verdienst, lieber junger Mann, das gewiß nicht unbelohnt bleiben wird. Mich dünkt, ich höre was; lassen Sie uns beiseite treten.


Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Berlin 1960 ff, S. 82-84.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Großkophta
Der Großkophta