Erster Auftritt


[94] Saal.

Prinzessin. Tasso.


TASSO.

Unsicher folgen meine Schritte dir,

O Fürstin, und Gedanken ohne Maß

Und Ordnung regen sich in meiner Seele.

Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich

Gefällig anzulispeln: komm, ich löse

Die neu erregten Zweifel deiner Brust.

Doch werf ich einen Blick auf dich, vernimmt

Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe,

So wird ein neuer Tag um mich herum

Und alle Bande fallen von mir los.

Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann,

Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft

Aus einem schönen Traum mich aufgeweckt;

Sein Wesen, seine Worte haben mich

So wunderbar getroffen, daß ich mehr

Als je mich doppelt fühle, mit mir selbst

Aufs neu in streitender Verwirrung bin.

PRINZESSIN.

Es ist unmöglich, daß ein alter Freund,

Der lang entfernt ein fremdes Leben führte,

Im Augenblick da er uns wiedersieht

Sich wieder gleich wie ehmals finden soll.

Er ist in seinem Innern nicht verändert;

Laß uns mit ihm nur wenig Tage leben,

So stimmen sich die Saiten hin und wider,

Bis glücklich eine schöne Harmonie

Aufs neue sie verbindet. Wird er dann

Auch näher kennen was du diese Zeit

Geleistet hast: so stellt er dich gewiß

Dem Dichter an die Seite, den er jetzt

Als einen Riesen dir entgegen stellt.

TASSO.

Ach meine Fürstin, Ariostens Lob

Aus seinem Munde hat mich mehr ergötzt[94]

Als daß es mich beleidigt hätte. Tröstlich

Ist es für uns den Mann gerühmt zu wissen,

Der als ein großes Muster vor uns steht.

Wir können uns im stillen Herzen sagen:

Erreichst du einen Teil von seinem Wert,

Bleibt dir ein Teil auch seines Ruhms gewiß.

Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte,

Was mir noch jetzt die ganze Seele füllt,

Es waren die Gestalten jener Welt,

Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer

Um einen großen, einzig klugen Mann

Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet,

Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt.

Begierig horcht ich auf, vernahm mit Lust

Die sichern Worte des erfahrnen Mannes;

Doch ach! je mehr ich horchte, mehr und mehr

Versank ich vor mir selbst, ich fürchtete

Wie Echo an den Felsen zu verschwinden,

Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren.

PRINZESSIN.

Und schienst noch kurz vorher so rein zu fühlen

Wie Held und Dichter für einander leben,

Wie Held und Dichter sich einander suchen,

Und keiner je den andern neiden soll?

Zwar herrlich ist die liedeswerte Tat,

Doch schön ist's auch, der Taten stärkste Fülle

Durch würdge Lieder auf die Nachwelt bringen.

Begnüge dich aus einem kleinen Staate,

Der dich beschützt, dem wilden Lauf der Welt,

Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn.

TASSO.

Und sah ich hier mit Staunen nicht zuerst,

Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt?

Als unerfahrner Knabe kam ich her,

In einem Augenblick, da Fest auf Fest

Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre

Zu machen schien. O! welcher Anblick war's!

Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze

Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte,

Umschloß ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht

So bald zum zweitenmal bescheinen wird.[95]

Es saßen hier gedrängt die schönsten Frauen,

Gedrängt die ersten Männer unsrer Zeit.

Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge;

Man rief: sie alle hat das Vaterland,

Das eine, schmale, meerumgebne Land,

Hierher geschickt. Zusammen bilden sie

Das herrlichste Gericht, das über Ehre,

Verdienst und Tugend je entschieden hat.

Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen,

Der seines Nachbarn sich zu schämen brauche! –

Und dann eröffneten die Schranken sich.

Da stampften Pferde, glänzten Helm und Schilde,

Da drängten sich die Knappen, da erklang

Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd,

Getroffen tönten Helm und Schilde, Staub,

Auf einen Augenblick, umhüllte wirbelnd

Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach.

O laß mich einen Vorhang vor das ganze,

Mir allzu helle Schauspiel ziehen, daß

In diesem schönen Augenblicke mir

Mein Unwert nicht zu heftig fühlbar werde.

PRINZESSIN.

Wenn jener edle Kreis, wenn jene Taten

Zu Müh und Streben damals dich entflammten,

So konnt ich, junger Freund, zu gleicher Zeit

Der Duldung stille Lehre dir bewähren.

Die Feste, die du rühmst, die hundert Zungen

Mir damals priesen und mir manches Jahr

Nachher gepriesen haben, sah ich nicht.

Am stillen Ort, wohin kaum unterbrochen

Der letzte Widerhall der Freude sich

Verlieren konnte, mußt ich manche Schmerzen

Und manchen traurigen Gedanken leiden.

Mit breiten Flügeln schwebte mir das Bild

Des Todes vor den Augen, deckte mir

Die Aussicht in die immer neue Welt.

Nur nach und nach entfernt' es sich und ließ

Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben

Des Lebens, blaß doch angenehm, erblicken.

Ich sah lebendge Formen wieder sanft sich regen.[96]

Zum erstenmal trat ich, noch unterstützt

Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer,

Da kam Lucretia voll frohen Lebens

Herbei und führte dich an ihrer Hand.

Du warst der erste, der im neuen Leben

Mir neu und unbekannt entgegen trat.

Da hofft ich viel für dich und mich, auch hat

Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen.

TASSO.

Und ich, der ich betäubt von dem Gewimmel

Des drängenden Gewühls, von so viel Glanz

Geblendet, und von mancher Leidenschaft

Bewegt, durch stille Gänge des Palasts

An deiner Schwester Seite schweigend ging,

Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald

Auf deine Fraun gelehnt erschienest – Mir

Welch ein Moment war dieser! O! Vergib!

Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn

Der Gottheit Nähe leicht und willig heilt;

So war auch ich von aller Phantasie,

Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe

Mit einem Blick in deinen Blick geheilt.

Wenn unerfahren die Begierde sich

Nach tausend Gegenständen sonst verlor,

Trat ich beschämt zuerst in mich zurück,

Und lernte nun das Wünschenswerte kennen.

So sucht man in dem weiten Sand des Meers

Vergebens eine Perle, die verborgen

In stillen Schalen eingeschlossen ruht.

PRINZESSIN.

Es fingen schöne Zeiten damals an,

Und hätt uns nicht der Herzog von Urbino

Die Schwester weggeführt, uns wären Jahre

Im schönen ungetrübten Glück verschwunden.

Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr

Den frohen Geist, die Brust voll Mut und Leben,

Den reichen Witz der liebenswürdgen Frau.

TASSO.

Ich weiß es nur zu wohl, seit jenem Tage

Da sie von hinnen schied, vermochte dir

Die reine Freude niemand zu ersetzen.

Wie oft zerriß es meine Brust! Wie oft[97]

Klagt ich dem stillen Hain mein Leid um dich!

Ach! rief ich aus, hat denn die Schwester nur

Das Glück, das Recht, der Teuren viel zu sein?

Ist denn kein Herz mehr wert, daß sie sich ihm

Vertrauen dürfte, kein Gemüt dem ihren

Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen?

Und war die eine Frau, so trefflich sie

Auch war, denn alles? Fürstin! o verzeih!

Da dacht ich manchmal an mich selbst und wünschte

Dir etwas sein zu können. Wenig nur

Doch etwas, nicht mit Worten, mit der Tat

Wünscht ich's zu sein, im Leben dir zu zeigen,

Wie sich mein Herz im stillen dir geweiht.

Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft

Tat ich im Irrtum was dich schmerzen mußte,

Beleidigte den Mann den du beschütztest,

Verwirrte unklug was du lösen wolltest,

Und fühlte so mich stets im Augenblick,

Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner.

PRINZESSIN.

Ich habe, Tasso, deinen Willen nie

Verkannt, und weiß wie du dir selbst zu schaden

Geschäftig bist. Anstatt daß meine Schwester

Mit jedem, wie er sei, zu leben weiß,

So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum

In einen Freund dich finden.

TASSO.

Tadle mich!

Doch sage mir hernach, wo ist der Mann?

Die Frau? mit der ich wie mit dir

Aus freiem Busen wagen darf zu reden.

PRINZESSIN.

Du solltest meinem Bruder dich vertraun.

TASSO.

Er ist mein Fürst! – Doch glaube nicht, daß mir

Der Freiheit wilder Trieb den Busen blähe.

Der Mensch ist nicht geboren frei zu sein,

Und für den Edeln ist kein schöner Glück,

Als einem Fürsten, den er ehrt, zu dienen.

Und so ist er mein Herr, und ich empfinde

Den ganzen Umfang dieses großen Worts.

Nun muß ich schweigen lernen wenn er spricht,

Und tun wenn er gebietet, mögen auch[98]

Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen.

PRINZESSIN.

Das ist der Fall bei meinem Bruder nie.

Und nun, da wir Antonio wieder haben,

Ist dir ein neuer kluger Freund gewiß.

TASSO.

Ich hofft es ehmals, jetzt verzweifl ich fast.

Wie lehrreich wäre mir sein Umgang, nützlich

Sein Rat in tausend Fällen! Er besitzt,

Ich mag wohl sagen, alles was mir fehlt.

Doch – haben alle Götter sich versammelt

Geschenke seiner Wiege darzubringen?

Die Grazien sind leider ausgeblieben,

Und wem die Gaben dieser Holden fehlen,

Der kann zwar viel besitzen, vieles geben,

Doch läßt sich nie an seinem Busen ruhn.

PRINZESSIN.

Doch läßt sich ihm vertraun, und das ist viel.

Du mußt von einem Mann nicht alles fordern,

Und dieser leistet was er dir verspricht.

Hat er sich erst für deinen Freund erklärt,

So sorgt er selbst für dich wo du dir fehlst.

Ihr müßt verbunden sein! Ich schmeichle mir

Dies schöne Werk in kurzem zu vollbringen.

Nur widerstehe nicht wie du es pflegst!

So haben wir Lenoren lang besessen,

Die fein und zierlich ist, mit der es leicht

Sich leben läßt; auch dieser hast du nie,

Wie sie es wünschte, näher treten wollen.

TASSO.

Ich habe dir gehorcht, sonst hätt ich mich

Von ihr entfernt anstatt mich ihr zu nahen.

So liebenswürdig sie erscheinen kann,

Ich weiß nicht wie es ist, konnt ich nur selten

Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch

Die Absicht hat, den Freunden wohlzutun,

So fühlt man Absicht und man ist verstimmt.

PRINZESSIN.

Auf diesem Wege werden wir wohl nie

Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad

Verleitet uns durch einsames Gebüsch,

Durch stille Täler fortzuwandern; mehr

Und mehr verwöhnt sich das Gemüt, und strebt

Die goldne Zeit, die ihm von außen mangelt,[99]

In seinem Innern wieder herzustellen,

So wenig der Versuch gelingen will.

TASSO.

O welches Wort spricht meine Fürstin aus!

Die goldne Zeit wohin ist sie geflohn?

Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt!

Da auf der freien Erde Menschen sich

Wie frohe Herden im Genuß verbreiteten;

Da ein uralter Baum auf bunter Wiese

Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab,

Und jüngeres Gebüsch die zarten Zweige

Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang;

Wo klar und still auf immer reinem Sande

Der weiche Fluß die Nymphe sanft umfing;

Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange

Unschädlich sich verlor, der kühne Faun

Vom tapfern Jüngling bald bestraft entfloh;

Wo jeder Vogel in der freien Luft

Und jedes Tier, durch Berg und Täler schweifend

Zum Menschen sprach: Erlaubt ist was gefällt.

PRINZESSIN.

Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei:

Allein die Guten bringen sie zurück;

Und soll ich dir gestehen wie ich denke,

Die goldne Zeit, womit der Dichter uns

Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war,

So scheint es mir, so wenig als sie ist,

Und war sie je, so war sie nur gewiß,

Wie sie uns immer wieder werden kann.

Noch treffen sich verwandte Herzen an

Und teilen den Genuß der schönen Welt;

Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund,

Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt.

TASSO.

O wenn aus guten edlen Menschen nur

Ein allgemein Gericht bestellt entschiede,

Was sich denn ziemt! Anstatt daß jeder glaubt,

Es sei auch schicklich was ihm nützlich ist.

Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen

Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles.

PRINZESSIN.

Willst du genau erfahren was sich ziemt

So frage nur bei edlen Frauen an.[100]

Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,

Daß alles wohl sich zieme was geschieht.

Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer

Das zarte leicht verletzliche Geschlecht.

Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie,

Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts.

Und wirst du die Geschlechter beide fragen:

Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.

TASSO.

Du nennest uns unbändig, roh, gefühllos?

PRINZESSIN.

Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Gütern,

Und euer Streben muß gewaltsam sein.

Ihr wagt es, für die Ewigkeit zu handeln,

Wenn wir ein einzig nah beschränktes Gut

Auf dieser Erde nur besitzen möchten,

Und wünschen, daß es uns beständig bliebe.

Wir sind von keinem Männerherzen sicher,

Das noch so warm sich einmal uns ergab.

Die Schönheit ist vergänglich, die ihr doch

Allein zu ehren scheint. Was übrig bleibt,

Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot.

Wenn's Männer gäbe, die ein weiblich Herz

Zu schätzen wüßten, die erkennen möchten,

Welch einen holden Schatz von Treu und Liebe

Der Busen einer Frau bewahren kann,

Wenn das Gedächtnis einzig schöner Stunden

In euren Seelen lebhaft bleiben wollte,

Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist,

Auch durch den Schleier dringen könnte, den

Uns Alter oder Krankheit überwirft,

Wenn der Besitz, der ruhig machen soll,

Nach fremden Gütern euch nicht lüstern machte:

Dann wär uns wohl ein schöner Tag erschienen,

Wir feierten dann unsre goldne Zeit.

TASSO.

Du sagst mir Worte, die in meiner Brust

Halb schon entschlafne Sorgen mächtig regen.

PRINZESSIN.

Was meinst du, Tasso? rede frei mit mir.

TASSO.

Oft hört ich schon, und diese Tage wieder

Hab ich's gehört, ja hätt ich's nicht vernommen,[101]

So müßt ich's denken; edle Fürsten streben

Nach deiner Hand! Was wir erwarten müssen,

Das fürchten wir und möchten schier verzweifeln,

Verlassen wirst du uns, es ist natürlich;

Doch wie wir's tragen wollen, weiß ich nicht.

PRINZESSIN.

Für diesen Augenblick seid unbesorgt!

Fast möcht ich sagen: unbesorgt für immer.

Hier bin ich gern und gerne mag ich bleiben;

Noch weiß ich kein Verhältnis das mich lockte;

Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt,

So laßt es mir durch Eintracht sehn, und schafft

Euch selbst ein glücklich Leben, mir durch euch.

TASSO.

O lehre mich das Mögliche zu tun!

Gewidmet sind dir alle meine Tage.

Wenn dich zu preisen, dir zu danken sich

Mein Herz entfaltet, dann empfind ich erst

Das reinste Glück, das Menschen fühlen können.

Das göttlichste erfuhr ich nur in dir.

So unterscheiden sich die Erdengötter

Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal

Vom Rat und Willen selbst der klügsten Männer

Sich unterscheidet. Vieles lassen sie,

Wenn wir gewaltsam Wog auf Woge sehn,

Wie leichte Wellen unbemerkt vorüber

Vor ihren Füßen rauschen, hören nicht

Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft,

Vernehmen unser Flehen kaum, und lassen,

Wie wir beschränkten armen Kindern tun,

Mit Seufzern und Geschrei die Luft uns füllen.

Du hast mich oft, o Göttliche, geduldet,

Und wie die Sonne trocknete dein Blick

Den Tau von meinen Augenlidern ab.

PRINZESSIN.

Es ist sehr billig, daß die Frauen dir

Aufs freundlichste begegnen, es verherrlicht

Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht.

Zart oder tapfer, hast du stets gewußt

Sie liebenswert und edel vorzustellen:

Und wenn Armide hassenswert erscheint,

Versöhnt ihr Reiz und ihre Liebe bald.[102]

TASSO.

Was auch in meinem Liede widerklingt,

Ich bin nur einer, einer alles schuldig!

Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild

Vor meiner Stirne, das der Seele bald

Sich überglänzend nahte, bald entzöge.

Mit meinen Augen hab ich es gesehn,

Das Urbild jeder Tugend, jeder Schöne;

Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben:

Tancredens Heldenliebe zu Chlorinden,

Erminiens stille nicht bemerkte Treue,

Sophroniens Großheit und Olindens Not.

Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte,

Ich weiß es, sie sind ewig, denn sie sind.

Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte

Zu bleiben und im stillen fort zu wirken,

Als das Geheimnis einer edlen Liebe,

Dem holden Lied bescheiden anvertraut?

PRINZESSIN.

Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen,

Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht?

Es lockt uns nach und nach, wir hören zu,

Wir hören und wir glauben zu verstehn,

Was wir verstehn, das können wir nicht tadeln,

Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt.

TASSO.

Welch einen Himmel öffnest du vor mir,

O Fürstin! Macht mich dieser Glanz nicht blind,

So seh ich unverhofft ein ewig Glück

Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen.

PRINZESSIN.

Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's,

Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen:

Doch andre können nur durch Mäßigung

Und durch Entbehren unser eigen werden.

So, sagt man, sei die Tugend, sei die Liebe,

Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl!


Quelle:
Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 5, Hamburg 1948 ff, S. 94-103.
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