Fünfter Auftritt

[147] TASSO allein.

Ja gehe nur und gehe sicher weg,

Daß du mich überredest was du willst.

Ich lerne mich verstellen, denn du bist

Ein großer Meister und ich fasse leicht.

So zwingt das Leben uns zu scheinen, ja

Zu sein wie jene die wir kühn und stolz

Verachten konnten. Deutlich seh ich nun

Die ganze Kunst des höfischen Gewebes!

Mich will Antonio von hinnen treiben,

Und will nicht scheinen daß er mich vertreibt.

Er spielt den Schonenden, den Klugen, daß

Man nur recht krank und ungeschickt mich finde,

Bestellet sich zum Vormund, daß er mich

Zum Kind erniedrige, den er zum Knecht

Nicht zwingen konnte. So umnebelt er

Die Stirn des Fürsten und der Fürstin Blick.
[147]

Man soll mich halten, meint er, habe doch

Ein schön Verdienst mir die Natur geschenkt,

Doch leider habe sie mit manchen Schwächen

Die hohe Gabe wieder schlimm begleitet,

Mit ungebundnem Stolz, mit übertriebner

Empfindlichkeit und eignem düstern Sinn.

Es sei nicht anders, einmal habe nun

Den einen Mann das Schicksal so gebildet,

Nun müsse man ihn nehmen wie er sei,

Ihn dulden, tragen und vielleicht an ihm

Was Freude bringen kann am guten Tage

Als unerwarteten Gewinst genießen,

Im übrigen, wie er geboren sei,

So müsse man ihn leben, sterben lassen.


Erkenn ich noch Alfonsens festen Sinn?

Der Feinden trotzt und Freunde treulich schützt,

Erkenn ich ihn, wie er nun mir begegnet?

Ja wohl erkenn ich ganz mein Unglück nun!

Das ist mein Schicksal, daß nur gegen mich

Sich jeglicher verändert, der für andre fest

Und treu und sicher bleibt, sich leicht verändert

Durch einen Hauch, in einem Augenblick.


Hat nicht die Ankunft dieses Manns allein

Mein ganz Geschick zerstört, in einer Stunde?

Nicht dieser das Gebäude meines Glücks

Von seinem tiefsten Grund aus umgestürzt?

O muß ich das erfahren? Muß ich's heut?

Ja, wie sich alles zu mir drängte, läßt

Mich alles nun; wie jeder mich an sich

Zu reißen strebte, jeder mich zu fassen,

So stößt mich alles weg und meidet mich.

Und das warum? Und wiegt denn er allein

Die Schale meines Werts und aller Liebe,

Die ich so reichlich sonst besessen, auf?


Ja alles flieht mich nun. Auch du! Auch du!

Geliebte Fürstin, du entziehst dich mir.[148]

In diesen trüben Stunden hat sie mir

Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt.

Hab ich's um sie verdient? – Du armes Herz

Dem so natürlich war sie zu verehren! –

Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang

Ein unaussprechliches Gefühl die Brust!

Erblickt ich sie, da ward das helle Licht

Des Tags mir trüb; unwiderstehlich zog

Ihr Auge mich, ihr Mund mich an, mein Knie

Erhielt sich kaum, und aller Kraft

Des Geists bedurft ich, aufrecht mich zu halten,

Vor ihre Füße nicht zu fallen, kaum

Vermocht ich diesen Taumel zu zerstreun.

Hier halte fest mein Herz! Du klarer Sinn

Laß hier dich nicht umnebeln! Ja, auch sie!

Darf ich es sagen und ich glaub es kaum,

Ich glaub es wohl und möcht es mir verschweigen.

Auch sie! auch sie! Entschuldige sie ganz,

Allein verbirg dir's nicht: auch sie! auch sie!


O dieses Wort, an dem ich zweifeln sollte

So lang ein Hauch von Glauben in mir lebt,

Ja dieses Wort, es gräbt sich wie ein Schluß

Des Schicksals noch zuletzt am ehrnen Rande

Der vollgeschriebnen Qualentafel ein.

Nun sind erst meine Feinde stark, nun bin ich

Auf ewig einer jeden Kraft beraubt.

Wie soll ich streiten, wenn sie gegenüber

Im Heere steht? Wie soll ich duldend harren,

Wenn sie die Hand mir nicht von ferne reicht,

Wenn nicht ihr Blick dem Flehenden begegnet?

Du hast's gewagt zu denken, hast's gesprochen,

Und es ist wahr eh du es fürchten konntest!

Und eh nun die Verzweiflung deine Sinnen

Mit ehrnen Klauen auseinander reißt,

Ja klage nur das bittre Schicksal an,

Und wiederhole nur, auch sie! auch sie![149]

Quelle:
Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 5, Hamburg 1948 ff, S. 147-150.
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