Ein zärtlich jugendlicher Kummer ...

Ein zärtlich jugendlicher Kummer

Führt mich ins öde Feld; es liegt

In einem stillen Morgenschlummer

Die Mutter Erde. Rauschend wiegt

Ein kalter Wind die starren Äste. Schauernd

Tönt er die Melodie zu meinem Lied voll Schmerz,

Und die Natur ist ängstlich still und trauernd,

Doch hoffnungsvoller als mein Herz.


Denn sieh, bald gaukelt dir, mit Rosenkränzen

In runder Hand, du Sonnengott, das Zwillingspaar

Mit offnem blauen Aug, mit krausem goldnen Haar

In deiner Laufbahn dir entgegen. Und zu Tänzen[63]

Auf neuen Wiesen schickt

Der Jüngling sich und schmückt

Den Hut mit Bändern, und das Mädchen pflückt

Die Veilchen aus dem jungen Gras, und bückend sieht

Sie heimlich nach dem Busen, sieht mit Seelenfreude

Entfalteter und reizender ihn heute,

Als er vorm Jahr am Maienfest geblüht,

Und fühlt und hofft.

Gott segne mir den Mann

In seinem Garten dort! Wie zeitig fängt er an,

Ein lockres Bett dem Samen zu bereiten!

Kaum riß der März das Schneegewand

Dem Winter von den hagern Seiten,

Der stürmend floh und hinter sich aufs Land

Den Nebelschleier warf, der Fluß und Au

Und Berg in kaltes Grau

Versteckt, da geht er ohne Säumen,

Die Seele voll von Ernteträumen,

Und sät und hofft.
[64]

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 2, Berlin 1960 ff, S. 63-65,568-569.
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