Der fünfte Mai

[618] Ode von Alexander Manzoni


Er war – und wie bewegungslos

Nach letztem Hauche-Seufzer

Die Hülle lag, uneingedenk,

Verwaist von solchem Geiste:

So tief getroffen, starr erstaunt

Die Erde steht der Botschaft.


Stumm, sinnend nach der letztesten

Stunde des Schreckensmannes,

Sie wüßte nicht, ob solcherlei

Fußstapfen Menschenfußes

Nochmals den blutgefärbten Staub

Zu stempeln sich erkühnten.


Ihn wetterstrahlend auf dem Thron

Erblickte die Muse schweigend,

Sodann im Wechsel immerfort

Ihn fallen, steigen, liegen;

Zu tausend Stimmen Klang und Ruf

Vermischte sie nicht die ihre.
[618]

Jungfräulich, keiner Schmeichelei

Noch frevler Schmähung schuldig,

Erhebt sie sich plötzlich aufgeregt,

Da solche Strahlen schwinden,

Die Urne kränzend mit Gesang,

Der wohl nicht sterben möchte.


Zu Pyramiden von Alpen her,

Vom Manzanar zum Rheine,

Des sichern Blitzes Wetterschlag

Aus leuchtenden Donnerwolken,

Er traf von Scylla zum Tanais,

Von einem zum andern Meere.


Mit wahrem Ruhm? – Die künft'ge Welt

Entscheide dies! Wir beugen uns,

Die Stirne tief, dem Mächtigsten,

Erschaffenden, der sich einmal

Von allgewalt'ger Geisteskraft

Grenzlose Spur beliebte.


Das stürmische, doch bebende

Erfreun an großen Planen,

Die Angst des Herzens, das ungezähmt,

Dienend nach dem Reiche gelüstet

Und es erlangt zum höchsten Lohn,

Den's törig war zu hoffen.


Das ward ihm all: der Ehrenruhm,

Vergrößert nach Gefahren,

Sodann die Flucht, und wieder Sieg,

Kaiserpalast, Verbannung;

Zweimal zum Staub zurückgedrängt

Und zweimal auf dem Altar.
[619]

Er trat hervor: gespaltne Welt,

Bewaffnet gegeneinander,

Ergeben wandte sich zu ihm,

Als lauschten sie dem Schicksal;

Gebietend Schweigen, Schiedesmann,

Setzt' er sich mitteninne;


Verschwand! – Die Tage Müßiggangs,

Verschlossen im engen Raume,

Zeugen von grenzenlosem Neid

Und tiefem, frommem Gefühle,

Von unauslöschlichem Haß zugleich

Und unbezwungener Liebe.


Wie übers Haupt Schiffbrüchigem

Die Welle sich wälzt und lastet,

Die Welle, die den Armen erst

Emporhob, vorwärtsrollte,

Daß er entfernte Gegenden

Umsonst zuletzt erblickte,


So ward's dem Geist, der wogenhaft

Hinaufstieg in der Erinnrung.

Ach! wie so oft den Künftigen

Wollt er sich selbst erzählen.

Und kraftlos auf das ewige Blatt

Sank die ermüdete Hand hin.


Oh! wie so oft beim schweigsamen

Sterben des Tags, des leeren,

Gesenkt den blitzenden Augenstrahl,

Die Arme übergefaltet,

Stand er, von Tagen, vergangnen,

Bestürmt' ihn die Erinnrung.


Da schaut' er die beweglichen

Zelten, durchwimmelte Täler,[620]

Das Wetterleuchten der Waffen zu Fuß,

Die Welle reitender Männer,

Die aufgeregteste Herrscherschaft

Und das allerschnellste Gehorchen.


Ach, bei so schrecklichem Schmerzgefühl

Sank ihm der entatmete Busen,

Und er verzweifelte! – Nein, die Kraft

Der ewigen Hand von oben

In Lüfte, leichter atembar,

Liebherzig trug ihn hinüber.


Und leitete ihn auf blühende

Fußpfade, die hoffnungsreichen,

Zu ewigen Feldern, zum höchsten Lohn,

Der alle Begierden beschämet;

Er sieht, wie auf Schweigen und Finsternis,

Auf den Ruhm, den er durchdrungen.


Schönste, unsterblich wohltätige

Glaubenskraft, immer triumphend!

Sprich es aus! erfreue dich,

Daß stolzer-höheres Wesen

Sich dem berüchtigten Golgatha

Wohl niemals niedergebeugt hat.


Und also von müder Asche denn

Entferne jedes widrige Wort;

Der Gott, der niederdrückt und hebt,

Der Leiden fügt und Tröstung auch,

Auf der verlaßnen Lagerstatt

Ihm ja zur Seite sich fügte.
[621]

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin 1960 ff, S. 618-622.
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