Howards Ehrengedächtnis

[551] Wenn Gottheit Camarupa, hoch und hehr,

Durch Lüfte schwankend wandelt leicht und schwer,

Des Schleiers Falten sammelt, sie zerstreut,

Am Wechsel der Gestalten sich erfreut,

Jetzt starr sich hält, dann schwindet wie ein Traum,

Da staunen wir und traun dem Auge kaum;


Nun regt sich kühn des eignen Bildens Kraft,

Die Unbestimmtes zu Bestimmtem schafft;

Da droht ein Leu, dort wogt ein Elefant,

Kameles Hals, zum Drachen umgewandt,

Ein Heer zieht an, doch triumphiert es nicht,

Da es die Macht am steilen Felsen bricht;

Der treuste Wolkenbote selbst zerstiebt,

Eh er die Fern erreicht, wohin man liebt.


Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn

Uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn.

Was sich nicht halten, nicht erreichen läßt,

Er faßt es an, er hält zuerst es fest;
[551]

Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein,

Benennt es treffend! – Sei die Ehre dein! –

Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt,

Erinnre dankbar deiner sich die Welt.


Stratus


Wenn von dem stillen Wasserspiegelplan

Ein Nebel hebt den flachen Teppich an,

Der Mond, dem Wallen des Erscheins vereint,

Als ein Gespenst Gespenster bildend scheint,

Dann sind wir alle, das gestehn wir nur,

Erquickt', erfreute Kinder, o Natur!


Dann hebt sich's wohl am Berge, sammelnd breit

An Streife Streifen, so umdüstert's weit

Die Mittelhöhe, beidem gleich geneigt,

Ob's fallend wässert oder luftig steigt.


Cumulus


Und wenn darauf zu höhrer Atmosphäre

Der tüchtige Gehalt berufen wäre,

Steht Wolke hoch, zum herrlichsten geballt,

Verkündet, festgebildet, Machtgewalt

Und, was ihr fürchtet und auch wohl erlebt,

Wie's oben drohet, so es unten bebt.


Cirrus


Doch immer höher steigt der edle Drang!

Erlösung ist ein himmlisch leichter Zwang.

Ein Aufgehäuftes, flockig löst sich's auf,

Wie Schäflein tripplend, leicht gekämmt zu Hauf.

So fließt zuletzt, was unten leicht entstand,

Dem Vater oben still in Schoß und Hand.


[552] Nimbus


Nun laßt auch niederwärts, durch Erdgewalt

Herabgezogen, was sich hoch geballt,

In Donnerwettern wütend sich ergehn,

Heerscharen gleich entrollen und verwehn! –

Der Erde tätig-leidendes Geschick!

Doch mit dem Bilde hebet euren Blick:

Die Rede geht herab, denn sie beschreibt,

Der Geist will aufwärts, wo er ewig bleibt.


Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin 1960 ff, S. 551-553.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827)
Gedichte
Sämtliche Gedichte
Goethes schönste Gedichte (Insel Bücherei)
Wie herrlich leuchtet mir die Natur: Gedichte und Bilder (Insel Bücherei)
Allen Gewalten Zum Trutz sich erhalten: Gedichte und Bilder (Insel Bücherei)

Buchempfehlung

Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich

Deutsche Lieder aus der Schweiz

Deutsche Lieder aus der Schweiz

»In der jetzigen Zeit, nicht der Völkerwanderung nach Außen, sondern der Völkerregungen nach Innen, wo Welttheile einander bewegen und ein Land um das andre zum Vaterlande reift, wird auch der Dichter mit fortgezogen und wenigstens das Herz will mit schlagen helfen. Wahrlich! man kann nicht anders, und ich achte keinen Mann, der sich jetzo blos der Kunst zuwendet, ohne die Kunst selbst gegen die Zeit zu kehren.« schreibt Jean Paul in dem der Ausgabe vorangestellten Motto. Eines der rund einhundert Lieder, die Hoffmann von Fallersleben 1843 anonym herausgibt, wird zur deutschen Nationalhymne werden.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon