Bergschloß

[65] Da droben auf jenem Berge,

Da steht ein altes Schloß,

Wo hinter Toren und Türen

Sonst lauerten Ritter und Roß.


Verbrannt sind Türen und Tore,

Und überall ist es so still;

Das alte, verfallne Gemäuer

Durchklettr' ich, wie ich nur will.


Hierneben lag ein Keller,

So voll von köstlichem Wein;

Nun steiget nicht mehr mit Krügen

Die Kellnerin heiter hinein.


Sie setzt den Gästen im Saale

Nicht mehr die Becher umher,

Sie füllt zum heiligen Mahle

Dem Pfaffen das Fläschchen nicht mehr.


Sie reicht dem lüsternen Knappen

Nicht mehr auf dem Gange den Trank

Und nimmt für flüchtige Gabe

Nicht mehr den flüchtigen Dank.


Denn alle Balken und Decken,

Sie sind schon lange verbrannt,

Und Trepp und Gang und Kapelle

In Schutt und Trümmer verwandt.


Doch als mit Zither und Flasche

Nach diesen felsigen Höhn

Ich an dem heitersten Tage

Mein Liebchen steigen gesehn,


[66] Da drängte sich frohes Behagen

Hervor aus verödeter Ruh,

Da ging's wie in alten Tagen

Recht feierlich wieder zu.


Als wären für stattliche Gäste

Die weitesten Räume bereit,

Als käm ein Pärchen gegangen

Aus jener tüchtigen Zeit.


Als stünd in seiner Kapelle

Der würdige Pfaffe schon da

Und fragte: Wollt ihr einander?

Wir aber lächelten: Ja!


Und tief bewegten Gesänge

Des Herzens innigsten Grund,

Es zeugte statt der Menge

Der Echo schallender Mund.


Und als sich gegen den Abend

Im stillen alles verlor,

Da blickte die glühende Sonne

Zum schroffen Gipfel empor.


Und Knapp und Kellnerin glänzen

Als Herren weit und breit;

Sie nimmt sich zum Kredenzen

Und er zum Danke sich Zeit.


Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin 1960 ff, S. 65-66.
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