Zahme Xenien

2

[648] Mit Bakis' Weissagen vermischt


Wir sind vielleicht zu antik gewesen,

Nun wollen wir es moderner lesen.


»Sonst warst du so weit vom Prahlen entfernt,

Wo hast du das Prahlen so grausam gelernt?«

Im Orient lernt ich das Prahlen.

Doch seit ich zurück bin, im westlichen Land

Zu meiner Beruhigung find ich und fand

Zu Hunderten Orientalen.


Und was die Menschen meinen,

Das ist mir einerlei;

Möchte mich mir selbst vereinen,

Allein wir sind zu zwei;

Und im lebend'gen Treiben

Sind wir ein Hier und Dort,

Das eine liebt zu bleiben,

Das andere möchte fort;

Doch zu dem Selbstverständnis

Ist auch wohl noch ein Rat:

Nach fröhlichem Erkenntnis

Erfolge rasche Tat.
[648]

Und wenn die Tat bisweilen

Ganz etwas anders bringt,

So laßt uns das ereilen,

Was unverhofft gelingt.


Wie ihr denkt oder denken sollt,

Geht mich nichts an;

Was ihr Guten, ihr Besten wollt,

Hab ich zum Teil getan.

Viel übrig bleibt zu tun,

Möge nur keiner lässig ruhn! –

Was ich sag, ist Bekenntnis,

Zu meinem und eurem Verständnis.

Die Welt wird täglich breiter und größer,

So macht's denn auch vollkommner und besser!

Besser sollt es heißen und vollkommner;

So sei denn jeder ein Willkommner.


Wie das Gestirn,

Ohne Hast,

Aber ohne Rast,

Drehe sich jeder

Um die eigne Last.


Ich bin so guter Dinge,

So heiter und rein,

Und wenn ich einen Fehler beginge,

Könnt's keiner sein.


Ja, das ist das rechte Gleis,

Daß man nicht weiß,

Was man denkt,

Wenn man denkt;

Alles ist als wie geschenkt.
[649]

»Warum man so manches leidet,

Und zwar ohne Sünde? –

Niemand gibt uns Gehör.«


Wie das Tätige scheidet,

Alles ist Pfründe,

Und es lebt nichts mehr.


»Manches können wir nicht verstehn.«

Lebt nur fort, es wird schon gehn.


»Wie weißt du dich denn so zu fassen?«

Was ich tadle, muß ich gelten lassen.


»Bakis ist wieder auferstanden!«

Ja, wie mir scheint, in allen Landen.

Überall hat er mehr Gewicht

Als hier im kleinen Reimgedicht.


Gott hat den Menschen gemacht

Nach seinem Bilde;

Dann kam er selbst herab,

Mensch, lieb und milde.


Barbaren hatten versucht,

Sich Götter zu machen;

Allein sie sahen verflucht,

Garstiger als Drachen.


Wer wollte Schand und Spott

Nun weiter steuern?

Verwandelte sich Gott

Zu Ungeheuern?
[650]

Und so will ich ein für allemal

Keine Bestien in dem Göttersaal!

Die leidigen Elefantenrüssel,

Das umgeschlungene Schlangengenüssel,

Tief Urschildkröt' im Weltensumpf,

Viel Königsköpf auf einem Rumpf,

Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,

Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.


Der Ost hat sie schon längst verschlungen:

Kalidas' und andere sind durchgedrungen;

Sie haben mit Dichterzierlichkeit

Von Pfaffen und Fratzen uns befreit.

In Indien möcht ich selber leben,

Hätt es nur keine Steinhauer gegeben.

Was will man denn vergnüglicher wissen!

Sakontala, Nala, die muß man küssen,

Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,

Wer schickt ihn nicht gerne zu Seelenverwandten!


»Willst du, was doch Genesene preisen,

Das Eisen und handhabende Weisen

So ganz entschieden fliehen und hassen?«

Da Gott mir höhere Menschheit gönnte,

Mag ich die täppischen Elemente

Nicht verkehrt auf mich wirken lassen.


Als hätte, da wär ich sehr erstaunt,

Der Nabel mir was ins Ohr geraunt,

Ein Rad zu schlagen, auf 'm Kopf zu stehn,

Das mag für lustige Jungen gehn;

Wir aber lassen es wohl beim alten,

Den Kopf wo möglich oben zu halten.
[651]

Die Deutschen sind ein gut Geschlecht,

Ein jeder sagt: »Will nur, was recht;

Recht aber soll vorzüglich heißen,

Was ich und meine Gevattern preisen;

Das übrige ist ein weitläufig Ding,

Das schätz ich lieber gleich gering.«


Ich habe gar nichts gegen die Menge;

Doch kommt sie einmal ins Gedränge,

So ruft sie, um den Teufel zu bannen,

Gewiß die Schelme, die Tyrannen.


Seit sechzig Jahren seh ich gröblich irren

Und irre derb mit drein;

Da Labyrinthe nun das Labyrinth verwirren,

Wo soll euch Ariadne sein?


»Wie weit soll das noch gehn!

Du fällst gar oft ins Abstruse,

Wir können dich nicht verstehn.«

Deshalb tu ich Buße;

Das gehört zu den Sünden.

Seht mich an als Propheten!

Viel Denken, mehr Empfinden

Und wenig Reden.


Was ich sagen wollt,

Verbietet mir keine Zensur!

Sagt verständig immer nur,

Was jedem frommt,

Was ihr und andere sollt;[652]

Da kommt,

Ich versichr' euch, so viel zur Sprache,

Was uns beschäftigt auf lange Tage.


O Freiheit süß der Presse!

Nun sind wir endlich froh;

Sie pocht von Messe zu Messe

In dulci jubilo.

Kommt, laßt uns alles drucken

Und walten für und für;

Nur sollte keiner mucken,

Der nicht so denkt wie wir.


Was euch die heilige Preßfreiheit

Für Frommen, Vorteil und Früchte beut?

Davon habt ihr gewisse Erscheinung:

Tiefe Verachtung öffentlicher Meinung.


Nicht jeder kann alles ertragen:

Der weicht diesem, der jenem aus;

Warum soll ich nicht sagen:

Die indischen Götzen, die sind mir ein Graus?


Nichts schmerzlicher kann den Menschen geschehn,

Als das Absurde verkörpert zu sehn.


Dummes Zeug kann man viel reden,

Kann es auch schreiben,

Wird weder Leib noch Seele töten,

Es wird alles beim alten bleiben.
[653]

Dummes aber, vors Auge gestellt,

Hat ein magisches Recht;

Weil es die Sinne gefesselt hält,

Bleibt der Geist ein Knecht.


Auch diese will ich nicht verschonen,

Die tollen Höhl'-Exkavationen,

Das düstre Troglodytengewühl,

Mit Schnauz und Rüssel ein albern Spiel;

Verrückte Zieratbrauerei,

Es ist eine saubre Bauerei.

Nehme sie niemand zum Exempel,

Die Elefanten- und Fratzentempel.

Mit heiligen Grillen treiben sie Spott,

Man fühlt weder Natur noch Gott.


Auf ewig hab ich sie vertrieben,

Vielköpfige Götter trifft mein Bann,

So Wischnu, Kama, Brahma, Schiven,

Sogar den Affen Hannemann.

Nun soll am Nil ich mir gefallen,

Hundsköpfige Götter heißen groß:

O wär ich doch aus meinen Hallen

Auch Isis und Osiris los!


Ihr guten Dichter ihr,

Seid nur in Zeiten zahm!

Sie machen Shakespeare

Auch noch am Ende lahm.


Im Auslegen seid frisch und munter!

Legt ihr's nicht aus, so legt was unter.
[654]

Was dem einen widerfährt,

Widerfährt dem andern;

Niemand wäre so gelehrt,

Der nicht sollte wandern,

Und ein armer Teufel kommt

Auch von Stell zu Stelle,

Frauen wissen, was ihm frommt,

Welle folgt der Welle.


»Ich zieh ins Feld!

Wie macht's der Held?«

Vor der Schlacht hochherzig,

Ist sie gewannen, barmherzig,

Mit hübschen Kindern liebherzig;

Wär ich Soldat,

Das wär mein Rat.


»Gib eine Norm zur Bürgerführung!«

Hienieden,

Im Frieden,

Kehre jeder vor seiner Türe;

Bekriegt,

Besiegt,

Vertrage man sich mit der Einquartierung.


Wenn der Jüngling absurd ist,

Fällt er darüber in lange Pein;

Der Alte soll nicht absurd sein,

Weil das Leben ihm kurz ist.


»Was hast du uns absurd genannt!

Absurd allein ist der Pedant.«
[655]

Will ich euch aber Pedanten benennen,

Da muß ich mich erst besinnen können.


Titius, Cajus, die wohl Bekannten! –

Doch wenn ich's recht beim Licht besah,

Einer steht dem andern so nah,

Am Ende sind wir alle Pedanten.


Das mach ich mir denn zum reichen Gewinn,

Daß ich getrost ein Pedante bin.


Tust deine Sache und tust sie recht,

Halt fest und ehre deinen Orden;

Hältst du aber die andern für schlecht,

So bist du selbst ein Pedant geworden.


Wie einer denkt, ist einerlei,

Was einer tut, ist zweierlei;

Macht er's gut, so ist es recht,

Gerät es nicht, so bleibt es schlecht.


Von Jahren zu Jahren

Muß man viel Fremdes erfahren;

Du trachte, wie du lebst und leibst,

Daß du nur immer derselbe bleibst.


Wenn ich kennte den Weg des Herrn,

Ich ging' ihn wahrhaftig gar zu gern;

Führte man mich in der Wahrheit Haus,

Bei Gott! ich ging' nicht wieder heraus.
[656]

»Sei deinen Worten Lob und Ehre,

Wir sehn, daß du ein Erfahrner bist.«

Sieht aus, als wenn es von gestern wäre,

Weil es von heut ist.


Das Beste möcht ich euch vertrauen:

Sollt erst in eignen Spiegel schauen.


Seid ihr, wie schön geputzte Braut,

Bei diesem Anblick froh geblieben,

Fragt: ob ihr alles, was ihr schaut,

Mit redlichem Gesicht mögt lieben.


Habt ihr gelogen in Wort und Schrift,

Andern ist es und euch ein Gift.


X hat sich nie des Wahren beflissen,

Im Widerspruche fand er's;

Nun glaubt er alles besser zu wissen

Und weiß es nur anders.


»Du hast nicht recht!« Das mag wohl sein;

Doch das zu sagen ist klein.

Habe mehr recht als ich! das wird was sein.


Da kommen sie von verschiedenen Seiten,

Nord, Ost, Süd, West und anderen Weiten,

Und klagen diesen und jenen an,

Er habe nicht ihren Willen getan![657]

Und was sie dann nicht gelten lassen,

Das sollen die übrigen gleichfalls hassen.

Warum ich aber mich Alter betrübe?

Daß man nicht liebt – was ich liebe.


Und doch bleibt was Liebes immer,

So im Reden, so im Denken;

Wie wir schöne Frauenzimmer

Mehr als garstige beschenken.


Bleibt so etwas, dem wir huld'gen,

Wenn wir's auch nicht recht begreifen;

Wir erkennen, wir entschuld'gen,

Mögen nicht zur Seite weichen.


»Sagt! wie könnten wir das Wahre,

Denn es ist uns ungelegen,

Niederlegen auf die Bahre,

Daß es nie sich möchte regen?«


Diese Mühe wird nicht groß sein

Kultivierten deutschen Orten;

Wollt ihr es auf ewig los sein,

So erstickt es nur mit Worten.


Immer muß man wiederholen:

Wie ich sage, so ich denke!

Wenn ich diesen, jenen kränke,

Kränk auch er mich unverhohlen.
[658]

Störet ja – mir sagt's die Zeitung –

Unverletzten würd'gen Ortes

Dieser jenem, heft'gen Wortes,

Die beliebige Bereitung.


Was der eine will bereiten,

Einem andern will's nicht gelten;

Hüben, drüben muß man schelten:

Das ist nun der Geist der Zeiten.


Läßt mich das Alter im Stich?

Bin ich wieder ein Kind?

Ich weiß nicht, ob ich

Oder die andern verrückt sind.


»Sag nur, warum du in manchem Falle

So ganz untröstlich bist?«

Die Menschen bemühen sich alle

Umzutun, was getan ist.


»Und wenn was umzutun wäre,

Das würde wohl auch getan;

Ich frage dich bei Wort und Ehre,

Wo fangen wir's an?«


Umstülpen führt nicht ins Weite;

Wir kehren frank und froh

Den Strumpf auf die linke Seite

Und tragen ihn so.
[659]

Und sollen das Falsche sie umtun,

So fangen sie wieder von vornen an;

Sie lassen immer das Wahre ruhn

Und meinen, mit Falschem wär's auch getan.


Da steht man denn von neuem still,

Warum das auch nicht gehen will.


Niemand muß herein rennen

Auch mit den besten Gaben;

Sollen's die Deutschen mit Dank erkennen,

So wollen sie Zeit haben.


Das Tüchtige, und wenn auch falsch,

Wirkt Tag für Tag, von Haus zu Haus;

Das Tüchtige, wenn's wahrhaft ist,

Wirkt über alle Zeiten hinaus.[660]

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin 1960 ff, S. 648-661.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827)
Gedichte
Sämtliche Gedichte
Goethes schönste Gedichte (Insel Bücherei)
Wie herrlich leuchtet mir die Natur: Gedichte und Bilder (Insel Bücherei)
Allen Gewalten Zum Trutz sich erhalten: Gedichte und Bilder (Insel Bücherei)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Flucht in die Finsternis

Flucht in die Finsternis

Robert ist krank und hält seinen gesunden Bruder für wahnsinnig. Die tragische Geschichte um Geisteskrankheit und Tod entstand 1917 unter dem Titel »Wahn« und trägt autobiografische Züge, die das schwierige Verhältnis Schnitzlers zu seinem Bruder Julius reflektieren. »Einer von uns beiden mußte ins Dunkel.«

74 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon