Einlaß

[148] Huri


Heute steh ich meine Wache

Vor des Paradieses Tor,

Weiß nicht grade, wie ich's mache,

Kommst mir so verdächtig vor!


Ob du unsern Mosleminen

Auch recht eigentlich verwandt?

Ob dein Kämpfen, dein Verdienen

Dich ans Paradies gesandt?
[148]

Zählst du dich zu jenen Helden?

Zeige deine Wunden an,

Die mir Rühmliches vermelden,

Und ich führe dich heran.


Dichter


Nicht so vieles Federlesen!

Laß mich immer nur herein:

Denn ich bin ein Mensch gewesen,

Und das heißt ein Kämpfer sein.


Schärfe deine kräft'gen Blicke!

Hier! – durchschaue diese Brust,

Sieh der Lebenswunden Tücke,

Sieh der Liebeswunden Lust.


Und doch sang ich gläub'ger Weise:

Daß mir die Geliebte treu,

Daß die Welt, wie sie auch kreise,

Liebevoll und dankbar sei.


Mit den Trefflichsten zusammen

Wirkt ich, bis ich mir erlangt,

Daß mein Nam' in Liebesflammen

Von den schönsten Herzen prangt.


Nein! du wählst nicht den Geringern!

Gib die Hand, daß Tag für Tag

Ich an deinen zarten Fingern

Ewigkeiten zählen mag.

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 3, Berlin 1960 ff, S. 148-149.
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