1811

1503.*


1811 (?).


Bei Zacharias Werners Abfall

Der... äußeren Trennung Werner's von Goethe und von Weimar folgte die bedeutsamere innere, indem nachmals Goethen poetische Productionen Werner's zu Gesichte kamen, in welchen die sogenannte christliche Romantik sein großes Mißfallen erregte .... Am tiefsten aber wurde der innere Zwiespalt, als die Nachricht einlief, daß Werner zum Katholicismus übergetreten sei. Ich [F. Schubart] erinnere mich, daß mir Goethes Sohn diese Nachricht mittheilte und hinzufügte, sein Vater habe beschlossen, ihn, wenn Werner nach Weimar zurückkehre, demselben einige Stationen entgegenzuschicken und ihm sagen zu lassen, daß er seine Schwelle nicht wieder betreten möge. Der junge Mann erzählte mir auch von den vorangegangenen katholischen Gedichten Werner's und von dem Urtheile seines Vaters über dieselben, und es ist immerhin merkwürdig und bezeichnend für die Auffassung des Christenthums in[312] Goethes Hause, in welcher Weise er sich gegen mich darüber ausdrückte. Ich habe seine burschikosen Worte nicht wieder vergessen: »Ich bin ein Christ,« sagte er, »das dank' mir der Teufel! aber muß ich deshalb solches Zeug schreiben?«[313]


519.*


1811 (?).


Über »Aus meinem Leben«

Was Sie [Böttiger] über Goethes Leben II. sagen, stimmt fast gänzlich mit meinem [Rochlitzens] Urtheil zusammen – auch in Ansehung jener Stellen über den Katholicismus. Sie ist meiner Einsicht nach nicht einmal durchgehends wahr, und daß sie eben jetzt, eben von diesem Manne, eben so dreist und überraschend ausgesprochen worden, muß von vielen und auf Schwache von sehr üblen Folgen sein. Goethen war, wie ich gewiß weiß, schon vor dem Druck manche Vorstellung über diese Stelle gemacht worden, er hat sie alle zurückgewiesen, weil, wer einmal mit einem solchen Buche auftrete, auch alle seine Ansichten und Überzeugungen ohne Rücksicht auf irgendetwas außer der Sache selbst heraussagen müsse – jenes sei aber wirklich seine Überzeugung.[1]


520.*


1811, Mitte Januar (?).


Mit Charlotte von Schiller

Diese [Brüder Boisserée] hab' ich auch kennen lernen; sie sind jetzt in Heidelberg. Sie haben eine[1] ganze Sammlung Madonnenbilder vom Anfang der Schulen und kaufen, was sie können, und sammeln in dieser Idee fort, die Fortschritte der Kunst zu beurkunden. Diese wollten herkommen mit ihren Schätzen, und der Meister [Goethe] hat durch Minister Reinhard, dessen Theilnehmer sie bei seinem Gut [Apollinarisberg] sind, diese Herkunft (unter uns gesagt) nicht zustande bringen lassen. Er erzählt' es mir, der Meister nämlich, und freut sich darüber. Da sagte ich: mir ist's auch nicht unlieb; denn ich bin auch entübrigt, diesen Herren eine Artigkeit zu erzeigen. Da entgegnete der Meister: »Liebes Kind! Eure Artigkeiten, nimm es mir nicht übel, kenne ich schon. Da nehmt Ihr einen alten Topf, füllt ihn mit Colonialwaaren und setzt die Fremden da herum und glaubt alles gethan zu haben, während wir andern wirklich artig sein müssen.«[2]


521.*


1811, 20. Januar.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Das Zurückführen der Wirkung auf die Ursache ist bloß ein historisches; z.B. die Wirkung, daß ein Mensch getödtet worden, auf die Ursache der losgefeuerten Büchse.«[2]


522.*


1811, 10. März.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Der Egoist« sollte ein Roman werden, dessen Motive Goethe mir erzählte den 10. März 1811. Der Sinn war: daß die Meisterschaft für Egoismus gelte. Er hat wenigstens diesen Gedanken aufbewahrt in Bd. XLIX, 74 [Maximen und Reflexionen, III. Abtheilung].[3]


523.*


1811, 30. März.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

Abends »Schweizerfamilie«; spielte Demoiselle **** »wie eine, die den furor uterinus hat und das Heimweh dazu, entzückte aber alle Männer.«[3]


524.*


1811, April oder Mai (?).


Mit Charlotte von Schiller

Unser Meister [Goethe] ist wohl jetzt, doch hatte er den Katarrh. Er ist heiter und freundlich und besucht Frau v. Stein alle Morgen. Über Karl [v. Schiller] hat er sich recht gefreut und mir so viel Gutes gesagt. Er spricht recht mit Behagen von ihm und freut sich, daß unsre Söhne keine falschen Ansprüche haben und[3] mit Ernst und Eifer ihrer Bildung nachstreben, und daß wir sie so erzogen haben, daß sie nur den Werth ihrer Väter fühlen, um ihnen nachzustreben und nicht, darauf zu ruhen und sich zu stützen. – Vor 14 Tagen war er bei der Hoheit [Großfürstin Maria Paulowna] zum Thee und hat mit Ihrer Frau Mutter [Herzogin Luise] so interessant gesprochen, und ich hörte und sprach auch mit, weil mich der gute Zufall, wie sie vom Tarok aufstand, ihr nahe brachte. Er hat über seine Lieblingsideen, Bildung und Entstehung der Erde, gesprochen und prächtige Sachen gesagt.[4]


525.*


1811, 3. Mai.


Mit Sulpiz Boisserée

Ich komme eben von Goethe, der mich recht kalt und steif empfing; ich ließ mich nicht irre machen und war wieder gebunden und nicht unterthänig. Der alte Herr ließ mich eine Weile warten, dann kam er mit gepudertem Kopf, seine Ordensbänder am Rock; die Anrede war so steif vornehm, als möglich. Ich brachte ihm eine Menge Grüße; »recht schön!« sagte er. Wir kamen gleich auf die Zeichnungen, das Kupferstichwesen, die Schwierigkeiten, den Verlag mit Cotta und alle die äußern Dinge. »Ja, ja! schön! hem, hem!« Darauf kamen wir an das Werk selbst, an das Schicksal der alten Kunst und ihre Geschichte. Ich hatte mir einmal[4] vorgenommen, der Vornehmigkeit ebenso vornehm zu begegnen, sprach von der hohen Schönheit und Vortrefflichkeit der Kunst im Dom so kurz als möglich, verwies ihn darauf, daß er sich durch die Zeichnungen ja selbst davon überzeugt haben würde – er machte bei allem ein Gesicht, als wenn er mich fressen wollte. Erst als wir von der alten Malerei sprachen, thaute er etwas auf; bei dem Lob der neugriechischen Kunst lächelte er; er fragte nach Eick, bekannte, daß er noch nichts von ihm gesehen hatte, fragte nach den Malern zwischen ihm und Dürer und nach Dürer's Zeitgenossen in den Niederlanden; daß wir gerade so schöne Bilder hätten, weil überhaupt die Kunst in Niederland viel edler und gefälliger, als im übrigen Deutschland gewesen, leuchtete ihm ein. Ich war in allen Stücken so billig, wie Du [Melchior Boisserée] mich kennst, aber auch so bestimmt und frei wie möglich und ließ mich gar nicht irre machen durch seine Stummheit oder sein »Ja, ja! schön! merkwürdig!« Ich gab großmüthig meine Gedanken über den Gang der Malerei durch die Einwirkung von Eick zum besten, jedoch mit aller Vorsicht, zugleich aber ließ ich nicht undeutlich merken, daß man eben bei der noch ganz frischen Entdeckung, die wir das Glück gehabt zu machen, seine Gedanken noch nicht gerne ausspreche; ich gab sie auch nur in allgemeinen Zügen. Das ließ er sich alles sehr wohl und behaglich einlaufen. Endlich war von Reinhard die Rede; das Gespräch führte zu unserem gemeinschaftlichen[5] Besitz von Apollinarisberg, von seinen Verhältnissen zur Regierung, zu seiner Frau, sodaß ziemlich das Wesentlichste berührt wurde; das machte den alten Herrn freundlicher, das Lächeln wurde häufiger, er lud mich auf morgen zu Tisch, erinnerte mich noch zum Erbprinzen zu gehen; ich müßte den Herrschaften die Zeichnungen zeigen; er wolle alles schon einleiten.

Ich kündigte ihm Cornelius' Zeichnungen an; das gefiel ihm (ich schickte sie ihm nach Tisch); ich wollte ihm nur mit ein paar Worten sagen, daß sie in altdeutschem Stil seien, aber er wurde abgerufen: es kam ein anderer Besuch, er gab mir einen oder zwei Finger, – recht weiß ich es nicht mehr – aber ich denke, wir werden es bald zur ganzen Hand bringen. Als ich durch's Vorzimmer ging, sah ich ein kleines, dünnes, schwarz gekleidetes Herrchen in seidenen Strümpfen mit ganz gebücktem Rücken zu ihm hineinwandeln.[6]


526.*


1811, 4. Mai.


Mit Sulpiz Boisserée u.a.

Mit dem alten Herrn geht mir's vortrefflich: bekam ich auch den ersten Tag nur einen Finger, den andern hatte ich schon den ganzen Arm. Vorgestern, als ich eintrat, hatte er die Zeichnungen von Cornelius vor sich. »Da sehen sie einmal, Meyer!« sagte er zu diesem, der auch hereinkam, »die alten Zeiten stehen[6] leibhaftig wieder auf.« Der alte kritliche Fuchs murmelte (ganz wie Tieck ihn nachmacht, ohne die geringste Übertreibung); er mußte der Arbeit Beifall geben, konnte aber den Tadel über das auch angenommene Fehlerhafte in der altdeutschen Zeichnung nicht verbeißen. Goethe gab das zu, ließ es aber als ganz unbedeutend liegen und lobte mehr, als ich erwartet hatte. Sogar der Blocksberg gefiel ihm; die Bewegung des Arms, wo Faust ihn der Gretchen bietet, und die Scene in Auerbachs Keller nannte er besonders gute Einfälle. Vor der Technik hatte Meyer alle Achtung, freute sich, daß der junge Mann sich so heraufgearbeitet habe. Ich gab zu verstehen, daß Cornelius sich über seinen Beifall doppelt freuen würde, weil er bei dem schlechten Licht, worin sich manche Nachahmer des Alten gesetzt, gefürchtet, diese Art allein würde ihm schon nachtheilig sein. Gäbe nun aber Goethe etwas dergleichen Lob, so wäre das umsomehr werth, weil man dabei von der höchsten Unbefangenheit überzeugt sei, und daher könne er auch mit um so besserem Nachdruck und Erfolg die wirklichen Fehler rügen.

Bei Tisch kam die Rede auf allerlei: auf Lezay, auf Reinhard; sie haben der Prinzeß Stephanie ihre Zeichnungen gezeigt; Reinhard hat mir etwas davon verrathen. Ich fragte ihn nach dem »Diego« von Kettenburg; »das ist ein Schillerus redivivus,« antwortete er, »eine Stimme aus dem Grabe, ganz ohne Kraft und Mark.« Je weiter wir in's Essen und[7] Trinken kamen, desto mehr thaute er auf. Nach Tisch wurde auf dem Flügel gespielt; ein Baron Oliva von Wien, Kapellmeister, wenn ich recht gehört, trug einiges vor; es war das kleine höfliche Männchen von Tags zuvor. In dem Musiksaal hingen Runge's Arabesken, oder symbolische allegorische Darstellungen von Morgen, Mittag, Abend und Nacht. Goethe merkte, daß ich sie aufmerksam betrachtete, griff mich in den Arm und sagte: »Was! kennen Sie das noch nicht? Da sehen Sie einmal, was das für Zeug ist! Zum Rasendwerden! Schön und toll zugleich.« Ich antwortete: Ja, ganz wie die Beethovensche Musik, die der da spielt; wie unsere ganze Zeit. »Freilich,« sagte er, »das will alles umfassen und verliert sich darüber immer in's Elementarische, doch noch mit unendlichen Schönheiten im einzelnen. Da sehen Sie nur! was für Teufelszeug! und hier wieder, was da der Kerl für Anmuth und Herrlichkeit hervorgebracht! Aber der arme Teufel hat's auch nicht ausgehalten; er ist schon hin. Es ist nicht anders möglich: wer so auf der Kippe steht, muß sterben oder verrückt werden; da ist keine Gnade.« Ich schreibe Dir dieses Gespräch nur, um Dir die Vertraulichkeit und den Eifer des alten Herrn zu schildern; Du kannst denken, daß es viel mannigfaltiger war und sehr vieles dabei wechselseitig zur Rede kam ..... Nachher kamen wir auf die Philosophie, auf Deutschland, auf unsere Aussichten, auf deutsche Bildung zu sprechen. Er sagte: »Sie glauben[8] nicht: für uns Alte ist es zum Tollwerden, wenn wir da so um uns herum die Welt müssen vermodern und in die Elemente zurückkehren sehen, daß – weiß Gott wann? – ein Neues daraus erstehe.« Und doch, sagte ich, ist es noch der einzige Trost, daß wir Jungen, als Leichenträger, gleichsam das Bessere, was in der Pest noch übrig bleibt, die alten Schätze der Bildung, zu retten suchen und mit der Zeit, vielleicht erst in unsern Enkeln die Schulmeister und so auch die Herren der jungen Völker werden, die uns einst beherrschen sollen; alle anderen Hoffnungen und Bestrebungen sind leer. »Was Sie da aussprechen, das ist das Rechte,« sagte er, »aber die Dinge so anzusehen, dazu gehört Charakter; denn zur Resignation gehört Charakter.« – es ist natürlich nicht möglich, solche Gespräche in ihrer ganzen Folge wiederzugeben, zumal nicht in der Eile, in der ich schreiben muß.[9]


527.*


1811, 6. Mai.


Mit Sulpiz Boisserée u.a.

Heute war ich von elf Uhr an wieder bei ihm bis spät Nachmittags. Er hatte den Baumeister Stieler gebeten, der mir ein Portefeuille mit der neugriechischen Klosterkirche von Paulinzell hier in der Nähe vorlegte; ich holte meine neugriechischen Sachen, das gefiel dem alten Herrn alles sehr wohl. Wir sprachen sehr viel[9] und ausschließend über das alte Bauwesen; Meyer und Riemer waren recht fleißig dabei nach ihrer Art. Das Bauwesen, besonders die Grundrisse von den kölnischen Thürmen, die zufällig zwischen den neugriechischen Kirchen gelegen, hatten die ganze Aufmerksamkeit von Goethe auf sich gezogen, und als ich fortgehen wollte, sagte er mir (was ich eben selbst fordern wollte): »Hören Sie! wir müssen die Sache einmal recht mit Ernst betreiben: ich will morgen um elf Uhr zu Ihnen kommen, daß wir einmal allein sprechen können; wir müssen die Zeit nutzen, so lange wir beisammen sind; mündlich und die Zeichnungen zur Hand versteht man sich erst recht.« Du kannst Dir denken, daß ich nun ganz offenherzig und ehrlich mit Freuden- und Ehrenbezeugungen herausrückte, die ihm sehr angenehm sein mußten; indessen lehnte ich es ab, daß er zu mir käme: ich schicke mein großes Portefeuille morgen zu ihm.[10]


528.*


1811, 7. Mai.


Mit Sulpiz Boisserée

Alle Einwendungen des Alten gegen die eigene vaterländische Erfindung der gothischen Baukunst verstummen, und alles, was er wegen dem Straßburger Münster zu sagen hatte, ließ er bald fallen. Er brummte am Dienstag, als ich bei ihm mit den Zeichnungen allein war, wie ein angeschossener Bär; man[10] sah, wie er in sich kämpfte und mit sich zu Gericht ging, so Großes je verkannt zu haben.

Die Vergleichung mit dem Straßburger Münster führte uns vor allem auf die Thürme; je tiefer wir da in die Untersuchung kamen, desto höher stieg sein Erstaunen. Am meisten äußerte sich das an der Vorhalle und ihren ungeheuern, reich gegliederten innern Pfeilern; denen hatte er in der kleinen Gestalt des ganzen Risses keinen Verstand abgewinnen können: jetzt, wo ich sie ihm groß vorlegte und von allem Rechenschaft gab, drangen sie ihm die lebhafteste Bewunderung ab, und es freute mich, daß er sich von selbst gerade hier an das dickste, verwickeltste Ende machte, worin so tiefe Schönheit und Geist verborgen liegt, und wozu ich noch immer so wenige Menschen habe bewegen können. Da sieht man doch, wo der rechte Sinn zu Hause ist. Selbst die schöne Rose am Straßburger Münster hat er zwar nicht aufgegeben, wiewohl das zum Theil Widerstrebende mit den spitzen, dreieckigen Gestalten des Ganzen eingestanden, und daß er dem großen Fenster, als unserer Domkirche angemessener, für diese durchaus den Vorzug einräume, wie er das runde Rad zu dem übrigen Bau von Straßburg ziemender halte.[11]


529.*


1811, 8. Mai.


Mit Sulpiz Boisserée


a.

Am Mittwoch fand ich ihn Morgens im Garten; wir sprachen über Cornelius; er hatte ihm geschrieben und ihn recht gelobt, ihm aber zu verstehen gegeben, daß er bei altdeutschem Geist, Tracht u.s.w. mehr Freiheit in der Behandlung selber wünsche und hatte ihn an Dürer's Gebetbuch verwiesen. Er fragte, ob ich dem nicht Beifall gäbe? Du kannst denken, daß das ganz willig geschah, ich aber meinen Tadel über vieles andere von Dürer bündig hinzufügte. Ich bemerkte ihm dabei: er würde wohl an meiner ganzen Denkart, so sehr ich mich auch in das deutsche Alterthum vertieft, eine redliche Unbefangenheit wahrgenommen haben, und da leugne ich denn recht viele Widerwärtigkeiten von unserm handfesten Meister Dürer durchaus nicht, und wir seien über das, wie über manches andere ähnlicher Art oft mit Schlegel uneins gewesen, der bei seinem regen, eifrigen Sinn für das Bessere gerade da, wo es vergraben und verkannt ist, nie der Sünde einer ungewöhnlichen Einseitigkeit entgehen könne.


b.

Nachmittags nach Tisch saßen wir allein; er lobte recht mit aller Wärme und allem Gewicht meine Arbeit.

[12] Ich hatte das erhebende Gefühl des Siegs einer großen, schönen Sache über die Vorurtheile eines der geistreichsten Menschen, mit dem ich in diesen Tagen recht eigentlich einen Kampf hatte bestehen müssen; ich hätte ihn gewiß nicht errungen, wäre ich nicht durch so genaue Bekanntschaft mit meinem Gegner, mit dessen Gesinnungen ich besonders durch Reinhard sehr vertraut war, gar trefflich vorbereitet gewesen. Ich gewann hauptsächlich dadurch, – was auch meiner eigenen innersten Neigung und Überzeugung am gemäßesten ist – daß ich rein die Sache wirken ließ und immer nur auf die Gelegenheit bedacht war, wann ich sie am besten wirken lassen konnte; er äußerte sich auch ganz demgemäß über das Werk. »Ja, was Teufel! man weiß da, woran man sich zu halten hat: die Gründlichkeit und Beharrlichkeit, womit die Sache bis in's Kleinste verfolgt ist, zeigt, daß es lediglich nur um die reine Wahrheit und nicht darum zu thun, zu wirken, um Aufsehen zu erregen.« Ich fühlte die uns im Leben so selten beschiedene Freude, einen der ersten Geister von einem Irrthum zurückkehren zu sehen, wodurch er an sich selber untreu geworden war; es konnte keinen wohlthätigern wahren Beifall für mich geben; ich sagte ihm, wie ich es erkenne, wie hoch ich den Beifall schätze, von ihm, der diese Kunst gewissermaßen ein für allemal abgefertigt gehabt, wie sehr mich eine so ernste, wahrhafte Erkenntniß meines Strebens in der Sache entschädige, für den oft schmerzhaften, nie aber[13] das Herz erfreuenden, leider unentbehrlichen Beifall der großen Welt, zumeist der Fürsten, die gewöhnlich jedem Hanswurst und Schauspieler denselben schenken.

Ich sprach, wie eben meine Stimmung mir es eingab; ich weiß nicht, wie ich die Worte setzte, sie mußten meine Bewegung kundgeben; denn der Alte wurde ganz gerührt davon, drückte mir die Hand und fiel mir um den Hals; das Wasser stand ihm in den Augen.[14]


530.*


1811, 9. Mai.


Mit Sulpiz Boisserée

Gestern aß ich wieder bei ihm – denn ich esse nun alle Tage mit ihm – und ich brachte die Rede auf die Schlegel. Er hatte sich in den ersten Tagen freundlich nach Friedrich bei mir erkundigt, über unsere Verhältnisse mit ihm, und hatte sich recht gut, aber kurz über ihn geäußert; jetzt wollte ich einmal näher wissen, wie er dachte. Da kam nun leider eine schwache Seite zum Vorschein: gemischter Neid und Stolz des furchtsamen Alters. Er schalt sie unredlich, und alles was ich mit Mäßigung, doch mit Bestimmtheit in Rücksicht Friedrichs, an den ich mich hauptsächlich hielt, dagegen wandte, diente nur dazu, um ihm Erklärungen zu entlocken, die zwar zum Theil gegründet und mit dem, was man jedem, der Schlegel nicht genauer kennt, einräumen muß, zusammenstimmen, indessen blieb eine[14] Menge und das Hauptsächlichste übrig, was sich lediglich auf Persönlichkeiten stützen kann. Alle kleinen Kränkungen: Novalis, das Stillschweigen von August Wilhelm über »Die natürliche Tochter« u. s. w. wurden angerechnet und jedes, worin sie die Anerkennung seines Werthes an den Tag gelegt, als Absicht ausgelegt: sie hätten ihn mehr aus Klugheit, als aus Achtung – den einzigen von den Alten – noch bestehen lassen; alles sei Absicht. Er sagte: wenn er ganz in meine Ansicht einginge, die sich bei Friedrich mit allem Schein von Unredlichkeit ganz gut vertrüge, ohne sie im geringsten zuzugeben, sei das einzige, was er da sagen könne, doch immer: wer zuviel unternimmt, muß am Ende ein Schelm werden, mag er sonst so redlich sein, wie er will. Und damit ließ ich es eben gut sein. In dem ganzen Gespräch setzte er mein Treiben mit dem Dom, als ein redliches, jenem entgegen, und ich verstand erst noch mehr, was er am Tag vorher gemeint hatte.[15]


531.*


1811, 10. Mai.


Mit Sulpiz Boisserée

Heute vor Tisch haben wir die Zeichnungen wieder bei der Hand gehabt; Quaglio's Blätter waren gestern angekommen. Die Säulen sind recht schön geworden, und die Straßburger Originalrisse wurden zuerst aufgemacht. Die Augen öffnen sich dem Alten immer[15] mehr und mehr; wir sprachen wieder recht viel, und bei Tisch äußerte er: es sei ihm leid, daß er die Abreise nicht aufschieben könne; er sehe wohl, die Sache wolle ergründet sein und werde immer wichtiger, je mehr man hineinkomme. Er reist am Sonntag; morgen früh haben wir große Ausstellung bei Hof. Goethe will, ich soll Kupferstiche, Straßburger Originalrisse, neugriechische Gebäude – alles mit hinnehmen; um es bequem zu haben, verlangte ich, daß er Anstalten zu einer ruhigen Ausstellung treffen solle. Du [Bertram] kannst Dir denken, daß ihm das zugleich auch ganz recht ist. Und so sind denn schon Baumeister, Ebenist, Castellan und allerlei Volks bestellt, um uns morgen die Sachen vorher zu ordnen, damit der Geheimerath, Excellenz, und meine Wenigkeit unsere Erklärungen in Ruhe von uns geben und die hohen Herrschaften schönstens belehren können.[16]


532.*


1811, 11. Mai.


Mit Sulpiz Boisserée am Hof

Am Samstag hatten wir unsere große Ausstellung bei Hofe ..... Goethe in seiner Hofuniform half mir redlich zu dieser ganzen Einrichtung mit eigener Hand und war höchst glücklich, daß die Sache sich so gut machte. Wir waren kaum mit unseren Anstalten fertig, als die Herzogin hereintrat; sie hatte ein Frühstück zurichten, auch viele Personen dazu einladen lassen.

[16] Da kamen nach und nach die Großfürstin, mehrere Damen und einige Herren vom Hofe, worunter sich auch Wieland fand, dem ich vorgestellt wurde; dann später der Herzog mit dem Herzog von Coburg, der Erbprinz und der Prinz von Coburg, etwa 25 bis 30 Personen. Es war ein rechtes Glück, daß ich mich auf diesen Wirrwarr vorgesehen und die Zeichnungen vertheilt hatte; ich mußte unaufhörlich Red und Antwort geben, und Goethe half von seiner Seite da, wo ich nicht sein konnte, so gut, als er es vermochte; denn seine Würde machte ihn in dieser Umgebung etwas steif und vielleicht verlegen. Er nöthigte mich auch, meine neugriechischen Architekturzeichnungen und was ich sonst noch von Kupferstichen hatte, alles herauszukramen und gab den fürstlichen Personen immer kurze Winke, wie merkwürdig und wichtig das alles sei.

– – – – – – – – – – – –

Cornelius Zeichnungen, die den Beschluß gemacht, hatten allgemein gefallen; ich benutzte dies, um den Alten wegen einem öffentlichen Urtheil anzugehen, welches mir doch mit der Hauptzweck war, woraus Cornelius es angelegt. Ich ließ den alten Herrn das Gewicht seines Einflusses fühlen, und wie er dadurch den jungen Mann, der nach Italien gehen wolle, unterstützen könne. »Ja, warum nicht?« war die Antwort; »Zeigen Sie nun erst einmal die Blätter in Leipzig, vielleicht findet sich da ein Verleger, und ich will meinerseits auch gern etwas dafür thun.« Ebenso bereitwillig[17] zeigte er sich, als ich nach Tisch von meiner eigenen Unternehmung sprach und ihm den zweideutigen Ruf in's Gedächtniß rief, worin er sich durch Unterdrückung seiner Rede über den Straßburger Münster [von 1773, die damals in Goethes Werke nicht aufgenommen war] gesetzt habe; es stehe ihm so gut an, daß er in seinem Alter für alles von Bedeutung, sei es auch seiner bisherigen Ansicht fremd, doch immer jugendlich empfänglich geblieben, und es habe ohne Unterschied aller Welt Freude gemacht, als das noch zuletzt so schön bei den Dürer'schen Randzeichnungen offenbar geworden. Das gefiel ihm; wir kamen in ein längeres Gespräch darüber, und er versprach alles. Einige Tage vorher hatte er mir schon einmal gesagt: bei den Durer'schen Zeichnungen habe er recht erfahren, daß es gut sei, wenn man alt würde, hätte er doch sonst den Dürer gar nicht eigentlich kennen gelernt.

Die Anwendung auf die Baukunst sprach er nicht aus, aber er hat mir in jedem Stück nur zu sehr gezeigt, wie es ihm auch hier wieder lieb war, daß er alt geworden, weil er sonst das altdeutsche Bauwesen nie recht kennen gelernt hätte.[18]


533.*


1811, 12. Mai.


Mit Sulpiz Boisserée

Er [Goethe] gab mir Sonntags noch seine Rathschläge zu meinem Werk: ich sollte doch ja das kleinere[18] historische auch gleich anfangen, damit auf das erste Heft des Doms unmittelbar dieses folgen und so jenes erläutern, stützen, seine Stelle im Ganzen anzeigen könne – gerade so, wie ich ihm mein Vorhaben in dem ersten Brief geschrieben habe. Über die Art zu schreiben und das Ganze zu behandeln konnte ich ihn nicht recht zum Sprechen bringen; er meinte, das würde sich alles schon von selbst finden, ich sollte nur mein Wesen so forttreiben, fleißig reisen und mich durch die Anschauung immer tiefer in die Sache hineinsetzen, da könne ja das, worauf es eigentlich ankomme, am Ende nicht fehlen.[19]


534.*


1811, 16. Mai.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Sinnliche Abstracta der Kunst z.B. Des Grieux et Manon l'Escaut [von Prévot d'Exiles], idealische Abstracta z.B. ›Alarcos‹ etc.«[19]


535.*


1811, 24. Mai.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Unser ganzes Kunststück besteht darin, daß wir unsere Existenz aufgeben, um zu existiren. – Das Thier ist von kurzer Existenz. Beim Menschen wiederholen sich seine Zustände.«[19]


536.*


1811, 29. Mai.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Wenn die Männer sich mit den Weibern schleppen, wie Stolberg mit der ***, Werner mit der ***1, so werden sie so gleichsam abgesponnen wie ein Wocken.«


1 Sophie v. Schardt?[20]


537.*


1811, 2. Juni.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

Daß der größte Theil der Geschichte nichts weiter, als ein Klatsch sei, bemerkte Goethe bei Gelegenheit von Plutarch's Schrift de malignitate Herodoti.[20]


538.*


1811, Juni (?).


Mit Friedrich Wilhelm Riemer


a.

»Die Geschichte ist ein Mährchen im Anfang, auf ihm schwimmt ein Factum, wie auf dem Wasser, bis das Wasser verschwindet.«


b.

»Zufälle nennt man in der Natur, was beim Menschen Freiheit heißen würde, nämlich Ereignisse eines Nothwendigen in Absicht der Folgen, aber willkürlich in Absicht der Zeit.«


c.

[20] »Die dramatischen Einheiten heißen weiter nichts, als einen großen Gehalt mit Wahrscheinlichkeit unter wenige Personen austheilen und darstellen.

So hat Racine den Gehalt des Tacitus in griechische Form gebracht.«


d.

»Mit thätigen Menschen fährt man immer besser gegenwärtig als abwesend; denn sie kehren entfernt meistens die Seite hervor, die uns entgegensteht; in der Nähe jedoch findet sich bald, inwiefern man sich vereinigen kann.«[21]


1657.*


1811, 12. oder 13. Juni.


Mit Elisabeth von der Recke

Wodurch die Verstorbene [Christiane v. Goethe] sich mir empfohlen hat, ist, daß ich sie nie von andern Böses sprechen hörte; auch war ihre Unterhaltung, so weit ich sie kannte, so, daß ich es mir wohl erklären konnte, daß ihr anspruchsloser, heller, ganz natürlicher Verstand Interesse für unsern Goethe haben konnte, der mir seine Frau mit diesen Worten vorstellte: »Ich empfehle Ihnen meine Frau mit dem Zeugnisse, daß seit sie ihren ersten Schritt in mein Haus that, ich ihr nur Freuden zu danken habe.«[67]


539.*


1811, 20. Juni.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Ernst in beschränkter Sphäre, auf kleine enge Gegenstände gerichtet, ist Fanatismus oder Pedantismus. In einer gewissen Höhe angesehen, erscheint er uns lächerlich, und dies ist in der That das beste Mittel, uns davon herzustellen.«[21]


540.*


1811, 27. Juni.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Zu der Zeit liebt sich's am besten, wenn man noch denkt, daß man allein liebt und noch kein Mensch so geliebt hat und lieben werde.«[21]


541.*


1811, 29. Juni.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Über die verschiedenen Systeme bei den Insekten, wo eins das andere aufzehrt und sich ins andere verwandelt. So auch im Menschen. Im Kinde die Vernunft schon, auf eine andere Weise; dann der Verstand, bei eintretender Pubertät; dann der Ehrgeiz; dann der Nutzen; zuletzt wieder die Vernunft, aber nicht bei allen Menschen, denn viele bleiben beim Nutzen stehen.«[22]


542.*


1811, 4. Juli.


Mit Charlotte von Schiller

und Caroline von Wolzogen

Am Sonntag Nachmittag haben wir... in Jena.. unsern Meister [Goethe] besucht ..... Der Meister war gar gut, freundlich, mittheilend und ernsthaft gestimmt mitunter, wie ich es gerne habe. Er ist mit der Welt nicht in Frieden, scheint es, und sagt, er wolle ein indischer Einsiedler werden, wie die waren, die Apollonius von Thana aufsuchte. Er sieht wohl aus, und keine Abspannung ist in seinen Zügen sichtbar. Eine Beilage will ich hinzufügen von seinem Propos über Oken; Sie [Erbprinzeß von Mecklenburg-Schwerin] müssen es wissen und Sich krank oder gesund lachen .....[22]


Beilage.

»Eine der Ideen in der neuen Naturlehre ist, daß der Mund nur ein verlängerter Darm ist.«

Alsdann erklärt der Meister, daß Oken den füßesten Laut in der Natur einen Ton nenne, den wir nicht gern hören lassen wollen. Es sagt der Meister: »Nun sollte ein Liebender nach dieser Theorie sagen: Deine Stimme tönt mir so süß wie ein .....

Bei einer wohlbesetzten Tafel würde der Philosoph sagen: Gebt euch nicht die Mühe, zu essen, sondern tragt gleich die Speisen dahin, wo sie durch euch hingelangen.

Die Thiere sind Schleimbläschen im Licht. Die Pflanzen sind Schleimbläschen im Dunkel.«[23]


543.*


1811, 7. Juli.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Beide Geschlechter besitzen eine Grausamkeit gegen einander, die sich vielleicht in jedem Individuum zu Zeiten regt, ohne gerade ausgelassen werden zu können: bei den Männern die Grausamkeit der Wollust, bei den Weibern die des Undanks, der Unempfindlichkeit, des Quälens u.a.m.«[23]


544.*


1811, 9. Juli.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Ein Mensch, der eitel ist, kann nie ganz roh sein; denn er wünscht zu gefallen und so accommodirt er sich andern.«[24]


545.*


1811, 20. Juli.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Das Unzulängliche ist productiv. Ich schrieb meine ›Iphigenia‹ aus einem Studium der griechischen Sachen, das aber unzulänglich war. Wenn es erschöpfend gewesen wäre, so wäre das Stück ungeschrieben geblieben.«

Über die Productivität ohne Urtheil, Lust zur Erfindung, Märchen zu ersinnen. »Kann auch hypochondrisch sein. Hängt auch mit dem Charakter zusammen und fließt auf ihn ein.«[24]


546.*


1811, 30. Juli.


Mit Charlotte von Schiller

Obgleich der Brief nicht so schnell fort soll, so wird er doch geschrieben, weil des Meisters zärtlicher Gruß auf dem Papier stehen soll, und heute noch. Diesen Morgen kam er zu mir und war gar freundlich und mild und mittheilend. Er fragte nach Ihnen,[24] meine gnädigste Prinzeß [Caroline von Mecklenburg-Schwerin], recht theilnehmend; da sagte ich ihm, daß ich Ihnen etwas aus den Memoires [»Aus meinem Leben«] vertraut hätte. Da war er recht weich und sagte mit aller Tiefe und Güte seines Gemüths, ich sollte Ihnen von ihm viel Herzliches sagen. Ich sage es gerade so, wie er es gesagt hat. Ich habe neulich wieder den kleinen Kunstroman in den »Propyläen« gelesen: »Sammler«. So etwas Graziöses und Heiteres und Verständiges in dieser Art giebt es nicht wieder. Das sagte ich ihm; das freut ihn sehr, und ich fühlte, daß es ihn bewegte und freute. Caroline und ich sollen zu ihm kommen und die Zeichnungen aus dem »Faust« [von Nauwerk und Natzeburg] sehen, die, wie ich höre, meine allergnädigste Prinzeß Sich an eignen will.[25]


547.*


1811, Juli (?).


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Wer keine Liebe fühlt, muß schmeicheln lernen, sonst kommt er nicht aus« (XLIX, 62), bemerkte G., als vom Charakter der Juden die Rede war.[25]


548.*


1811, Juli (?).


Mit Pauline Gotter

Der alte Herr war diesmal nicht lange in unserer Nähe und ziemlich griesgrämig, wie man sagt. Uns[25] hat er sich zwar nicht so gezeigt, sondern immer wie billig seine Sonntagslaune angelegt. Er pflegt aber auch oft zu sagen: »Deine Gegenwart, liebes Kind, verjüngt mich um zwanzig Jahr!« und das ist immer Musik für mein Ohr.[26]


549.*


1811, 1. August.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Man spricht ja immer nur die Erfahrung identisch aus. Was man erfährt, das ist ja eben die Erfahrung und weiter nichts dahinter. Doppelbild z. E., das ist ja eben, daß ich zwei Bilder sehe.«[26]


550.*


1811, 6. August.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Es wird Einem nichts erlaubt, man muß es nur sich selber erlauben; dann lassen sich's die Andern gefallen oder nicht.«[26]


551.*


1811, etwa 7. August.


Mit Legationssecretär Lefebvre

Avec M. Goethe elle [la conversation] prit sur le champ un vol plus élevé; il embrassa toute la littérature allemande, passée et présente, il y marcha[26] à pas de géant, peignant tout à grands traits, d'une manière rapide, mais avec une touche si vigoureuse et des couleurs si vives, que je ne pouvais assez m'étonner; il parla de ses ouvrages peu et avec modestie, beaucoup des chef d'oeuvres en tout genre de la France, des grands hommes qui l'avaient honorée, du bonheur de sa langue, des beaux génies qui l'avaient maniée, des littérateurs présents, de leur caractère et de celui de leurs productions; enfin, j'étais un. Français qui était allé pour rendre hommage au plus beau génie de l'Allemagne, et je m'apperçus bientôt que M. Goethe me faisait en Allemagne les honneurs de la France. Il est impossible, d'allier plus d'esprit, plus de modestie et de cette urbanité qui jette sur la science un vernis si aimable. Je lui disais en parlant de notre littérature que nous étions enfermés dans des bornes étroites dont nous ne voulions pas sortir, que nous restions obstinément dans les mêmes routes, ce que ne faisaient point les autres peuples. Il me répondit avec une politesse infinie, qu'il ne trouvait pas que les Français eussent de la répugnance à sortir de leurs routes, mais seulement qu'ils étaient plus judicieux que leurs voisins lorsqu'il était question de s'enouvrir de nouvelles. Son oeil est plein de feu, mais d'un feu doux, sa conversation riche et abondante, son expression toujours pittoresque et sa pensée rarement ordinaire.[27]


1658.*


1811, zwischen Mitte August und Mitte September.


Mit Ludwig Achim von Arnim

Von Goethe's »Leben« erscheinen Michaeli zwei Bände ..... Auf ihn scheint dieß Beschreiben seines Lebens dahin gewirkt zu haben, sein Leben aufzugeben; wenigstens sagt er es. Auch nimmt er bei aller Freundlichkeit[67] den wenigsten Antheil an allen Neuen in der Welt und wehrt sich vielmehr dagegen.[68]


552.*


1811, erste Hälfte September.


Mit Bettina von Arnim geb. Brentano

So liebte er wohl ein Gespräch ungebührlich lang auszudehnen, eine Bemerkung immer zu wiederholen, oder wieder darauf zurückzukommen, wenn er merkte, daß einer sich dabei langweilte, der übrigens nicht Ursache hatte, den bereits Unterrichteten zu spielen oder das Air eines Schnellfassenden anzunehmen. Auch bediente er sich dieses oder eines ähnlichen Manoeuvres, wenn er nicht Lust hatte auf etwas einzugehen, um den Zudringlichen ablaufen zu lassen.

Bettine mußte dies erfahren, als sie im Herbst des Jahres 1811 bei ihren abendlichen Besuchen ihm gern von ihrer Liebe oder was sonst... vorgeschwatzt hätte. Er kam ihr beständig dadurch in die Quere, daß er sie auf den Kometen, der damals wunderschön am Abendhimmel stehend in seiner völligen Größe und Pracht zu sehen war, aufmerksam machte und dazu ein Fernrohr nach dem andern herbeiholte und sich des Breitern über dieses Meteor erging. Da war nicht anzukommen: Das Meteor mit seinem langen Schweife wehrte diese wiederkehrende Fliege, die sich ihm gern auf den Schooß gesetzt hätte, dieses alte, damals schon verheirathete Kind wie mit einer Ruthe ab.[28]


553.*


1811, 5. October.


Mit Wilhelm Dorow

Im Jahre 1811 machte der Herausgeber dieser »Denkschriften und Briefe« die persönliche Bekanntschaft von Goethe, bei dem er durch Briefe von Fr. Aug. Wolf und Joh. Fried. Reichardt eingeführt wurde. Ersterer sandte ein Prachtexemplar seiner Übersetzung der »Wolken« des Aristophanes mit. Goethe ließ lange auf sich warten, erschien endlich höchst elegant gekleidet, mit dem Ehrenlegionsorden im Knopfloche, ministeriell, und nachdem die ersten Höflichkeitsbezeigungen vorüber waren und man sich gesetzt hatte, legte er die Briefe uneröffnet beiseite, blätterte in den »Wolken«, schlug auf und sagte: »Ein sehr schönes Format! ein sehr schönes Papier! ja, auch ein sehr schöner Druck! Das ist ein vortreffliches Werk.« Hiermit legte er das vortreffliche Werk beiseite und sah den Überbringer mit großen Augen an. Dieser, über Goethes Art und Weise erzürnt, entgegnete: »Wenn Ew. Excellenz nach solchem Maßstabe die Trefflichkeit eines Buchs beurtheilen, so wäre dieses traurig für Ihre eigenen Werke; denn Herr Cotta hat dazu schlechtes Papier, schlechten Druck und ein schlechtes Format, ähnlich den medicinischen Recepten genommen.« Goethes Gesicht veränderte sich sichtbar in freundlichere Züge; er fing an, über Wolf sehr lobend zu sprechen, Reichardt[29] zu erwähnen vermied er, doch ergoß er sich in theilnehmende Äußerungen über dessen vortreffliche Frau und liebenswürdige Familie und fragte, ob ich schon Wieland gesprochen hätte, der durch den Umsturz mit dem Wagen sehr leidend sei. Auf ein Ja und auf die Bemerkung, daß Wolf jenem gleichfalls ein Exemplar der »Wolken« gesendet habe, wurde Goethes Gesicht wieder sehr verdrießlich. »Hat Wieland das Buch freundlich aufgenommen?« fragte Goethe heftig. Da kein Grund vorhanden war, Wieland's Äußerungen zu verschweigen, so erwiderte ich: »Der freundliche, sanfte Mann, der schmerzensvoll im Lehnstuhl saß, blätterte nicht, wie Ew. Excellenz, ruhig, sondern mit großer Bewegung das Buch durch« – doch schien sich dieses nur auf die Anmerkungen zu beziehen – legte das Buch fort und sagte sehr bewegt: »Ich glaube viel, sehr viel Gutes über Aristophanes und gerade über keine ›Wolken‹ gesagt zu haben, doch nirgend bin ich genannt, nirgend ist meiner erwähnt.« Ich entschuldigte Wolf mit der Versicherung, daß er wenig oder gar keine deutschen Bücher lese und er dieses gewiß aus Unkenntniß also gethan habe. »Ja,« rief der kranke Mann mit funkelnden Augen aus, »ja, darin liegt eben der Stolz! Der da in Berlin und der hier in Weimar, die glauben beide hoch oben auf dem Olymp zu sitzen und hatten alles Lebende für Gewürm, was kaum werth ist zu ihren Füßen zu kriechen.« Dieses erzählte ich einfach und sehr ruhig an Goethe, welcher darauf lächelnd[30] fragte, ob ich den Mann wohl kenne, den Wieland gemeint? Auf meine Versicherung in einem noch etwas gereizten Tone, daß dieses wohl keinem Menschen auf Erden zweifelhaft sein könne, reichte mir Goethe die Hand und hieß mich herzlich willkommen. Dieses war der Beginn meiner Bekanntschaft mit Goethe; ich blieb acht Tage in Weimar, sahe ihn noch öfters in seinem Hause und in spätern Jahren, wenn ich durch Weimar kam, fand ich bei ihm stets eine freundliche Aufnahme.[31]


554.*


1811, 3. November.


Mit Carl Ludwig von Knebel

Ich hatte gestern mit Goethe eine artige Unterredung, worin er mir sagte, daß er sich nie in seinem Leben eines zufälligen Glückes habe rühmen können, und daß er solches auch im Spiel erfahren, wo ihn das Glück durchaus fliehe.


b.

[31] »Gegen die Kritik kann man sich weder schützen noch wehren; man muß ihr zum Trutz handeln, und das läßt sie sich nach und nach gefallen.« (XLIX, 62.)[32]


556.*


1811, 11. December.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»In dem ungeheuren Leben der Welt, d.h. in der Wirklichwerdung der Ideen Gottes (denn das ist die wahre Wirklichkeit), fällt als ein Peculium für unsere Persönlichkeit ab: das Affirmiren und Regiren, das Vorurtheil und die Apprehension, der Haß und die Liebe; und darin besteht das Zeitliche, und Gott hat auf diese Perturbation mitgerechnet und läßt uns gleichsam darin gebahren.«[32]


557.*


1811, 21. December.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Die Deutschen haben so eine Art von Sonntags-Poesie, eine Poesie, die ganz alltägliche Gestalten mit etwas besseren Worten bekleidet, wo denn auch die Kleider die Leute machen sollen.«[33]


558.*


1811, 28. December.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Die Menschen denken nur ausweichend!«[33]


559.*


1811, 29. December.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer

»Größere Menschen haben nur ein größeres Volumen; Tugenden und Fehler haben sie mit den mindesten gemein, nur in größerer Quantität. Das Verhältniß kann dasselbe sein.«[33]


555.*


1811.


Mit Friedrich Wilhelm Riemer


a.

»Wie etwas als ein unveränderliches Factum vor der Einbildungskraft steht, so daß man mit allem Willen und Widerwillen doch nichts daran ändert: so läßt man[31] sich auch in einer Dichterfabel das Apprehensive gefallen, wie man sich in der Geschichte nach einigen Jahren die Hinrichtung eines alten Königs und die Krönung eines neuen Kaisers gefallen läßt. Das Gedichtete behauptet sein Recht wie das Geschehene.«

(Bei Gelegenheit der »Wahlverwandtschaften«.)[32]


560.*


1811 (?).


Mit Anton Genast

Bei einer andern Gelegenheit, wo »Die neue Frauenschule« von Kotzebue gegeben werden sollte, ein Stück[33] von drei Acten, worin die Handlung nur unter drei Personen stattfindet, legte er [Goethe] die drei Rollen in die Hände von Anfängern. Als er mir dieselben zur Vertheilung übergab, bemerkte ich ihm, daß das Stück verloren sei, wenn nicht das Wolff'sche Ehepaar und die Lortzing die Träger des Ganzen wären. »Ei was!« sagte er mürrisch, »ich weiß, was ich thue. Man muß den jungen Leuten Vertrauen beweisen; denn nur so kann etwas aus ihnen werden.« »Aber hier nicht, Excellenz!« erwiederte ich. »Das Gelingen hängt hier einzig und allein von einer trefflichen Darstellung ab, und diese ist nur zu erwarten, wenn Ew. Excellenz die Rollen den Genannten übertragen. Das Stück, das ohnehin kein Meisterwerk ist, kann nur durch solche tüchtige Kräfte über seine Mittelmäßigkeit gehoben werden, und statt den jungen Leuten zu nützen, schaden Sie ihnen nur. Indessen haben Ew. Excellenz zu befehlen; ich habe nur meiner Pflicht gemäß meine Ansicht ausgesprochen.« Nachdem Goethe mehrere Male mit heftigen Schritten im Zimmer auf- und abgegangen war, blieb er plötzlich vor mir stehen, mich mit seinen wunderbaren Glanzaugen anblickend, und sagte: »Den einmal hingeschriebenen Namen auf einer Rolle wieder ausstreichen, wenn das Mitglied nicht abgegangen oder gestorben ist, das thue ich nicht; das wißt Ihr. So laßt denn die Titelblätter der Rollen nochmals schreiben, damit ich sie für die Wolfs und Madame Lortzing signiren kann.« So geschah es.[34]


Quelle:
Goethes Gespräche. Herausgegeben von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 1–10, Leipzig 1889–1896, Band 3, S. 28-35.
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