1823

[208] 826.*


1823, 3. Februar.


Mit Friedrich von Müller

Ich traf ihn gegen 6 Uhr Abends ganz allein; nur sein kleiner Enkel blätterte in Bilderbüchern und ward bei seinem lebhaften Wesen und öftern Fragen von dem alten Herrn auf's geduldigste von Zeit zu Zeit beschwichtigt, endlich aber durch allerlei Persuasion vermocht, sich aus das Bett im Cabinet schlafen zu legen.

Die wichtige Tagesneuigkeit des Krieges mit Spanien gab unserm Gespräch die erste Unterlage. Goethe hält sich überzeugt, daß zu Verona bereits ein fester Plan der Unterstützung Frankreichs durch Nachrücken der Armeen verabredet sei, daß man Spanien, es koste was es wolle, bezwingen werde, und daß viel ernsthaftere Maßregeln, als man sich irgend träumen lasse, ehestens zum Vorschein kommen würden. Die Opposition der [209] Württemberger gegen Osterreichs Allgewalt erscheint ihm absurd, wie jede Opposition, die nicht zugleich etwas positives anstrebe.

»Hätte ich das Unglück in der Opposition sein zu müssen, ich würde lieber Aufruhr und Revolution machen, als mich im finstern Kreise ewigen Tadels des Bestehenden herumtreiben. Ich habe nie im Leben mich gegen den übermächtigen Strom der Menge oder der herrschenden Princips in feindliche, nutzlose Opposition stellen mögen; lieber habe ich mich in mein eigenes Schneckenhaus zurückgezogen und da nach Belieben gehauset. Zu was das ewige Opponiren und übellaunige Kritisiren und Regiren führt, sehen wir an Knebeln: es hat ihn zum unzufriedensten, unglücklichsten Menschen gemacht; sein Inneres, gleich einem Krebs, ganz unterfressen; nicht zwei Tage kann man mit ihm in Frieden leben, weil er alles angreift, was einem lieb ist.«

Wir kamen aus die Landtagswahlen und auf die Glieder des Regierungscollegiums zu sprechen, die ich ihm nach ihrer Individualität schildern mußte. Riemer's gegenwärtige Verstimmung gab Anlaß sich über ihn auszusprechen. »Er hat mehr Talent und Wissen,« bemerkte Goethe, »als er nach dem Maße seiner Charakterstärke ertragen kann.«

Ich suchte Goethen vorsichtig dahin zu bringen, daß er zu Riemer's Ermuthigung durch freundliche Attention beitragen möge, was denn auch seine gute Wirkung hatte. Da kam er aus eine förmliche Theorie der Unzufriedenheit. [210] »Was wir in uns nähren, das wächst; das ist ein ewiges Naturgesetz. Es gibt ein Organ des Mißwollens, der Unzufriedenheit in uns, wie es eines der Opposition, der Zweifelsucht gibt. Je mehr wir ihm Nahrung zuführen, es üben, je mächtiger wird es, bis es sich zuletzt aus einem Organ in ein krankhaftes Geschwür umwandelt und verderblich um sich frißt. Dann setzt sich Reue, Vorwurf und andere Absurdität daran, wir werden ungerecht gegen andere und gegen uns selbst. Die Freude am fremden und eignen Gelingen und Vollbringen geht verloren ; aus Verzweiflung suchen wir zuletzt den Grund alles Übels außer uns, statt es in unsrer Verkehrtheit zu finden. Man nehme doch jeden Menschen, jedes Ereigniß in seinem eigentlichen Sinne, gehe aus sich heraus, um desto freier wieder bei sich einzukehren.«

Gegen 8 Uhr verließ ich ihn, und gerne, schien es, hätte er noch länger mich bei sich behalten.


[110] 1709.*


1823, 14. Februar.


Mit Friedrich von Müller

Mittwoch Abend, den 12. Februar, erfuhr ich zuerst von seinem Übelbefinden, auf das man jedoch kein Gewicht legte. Donnerstag ließ er mir sagen, daß er sich bereits wieder bessere. Freitags Nachmittags traf ich ihn recht munter mit seiner Schwiegertochter noch am Tisch sitzend an und brachte ihm Gagern's neues Buch »Mein Antheil an der Politik«, auf das er sich sehr gefreut hatte. Er klagte nur, daß der Kopf nicht recht hell sei und äußerte: er fühle sich gerade wie einer, der imbegriff sei, recht fromm und bigott zu werden und denke es sich gar schön, ein vorgehaltenes Altartuch mit dem Lämmlein und einer Kreuzesfahne gläubig anzublicken. Eine Novelle von Tieck im Berliner Almanach »Die Verlobung«, welche seine Schwiegertochter ihm anpries, mochte die Gelegenheit zu jener Ideenverbindung gegeben haben, da sie gegen die modernen Frömmler gerichtet sein soll. Ich sagte ihm, daß ich imbegriff stehe, nach Jena zu reisen, worauf er mir Verschiedenes an Knebel auftrug.


[111] 1710.*


1823, 17. Februar.


Mit Friedrich von Müller

Ich ging gegen 4-5 Uhr nachmittags zu ihm und fand ihn angekleidet im Bette liegend, sehr jammernd und klagend über fortwährende Schmerzen und Ermattung. Er hatte einen äußerst heftigen Fieberfrost gehabt, der ihn über zwei Stunden lang durchschüttelt hatte ..... Rehbein kam bald darauf und gab guten Trost. Man hoffte auf Schweiß. Er verlangte etwas Wein zu trinken, was man zu gestatten nicht wagte. »Allmächtiger Gott! Was muß der arme Teufel leiden! Wie krank bin ich, kränker, als in vielen Jahren!« rief er ein Mal über das andere aus. Sodann: »Die Götter halten uns hart in solchen kranken Tagen und doch auch gar nicht sonderlich in den gesunden.« Die Kammer, worin er lag, war ganz dunkel, seine Hand kalt, alles umher unheimlich, doch nahm er noch großen Antheil an allem, was ich von Knebel und von Stroganoff referirte und trieb mich an, ins Theater zu gehen, um die Tableaux zu sehen, die man zu Ehren des Geburtstagsfestes der Großfürstin darstellen wollte. Gegen sechs Uhr verließ ich ihn noch ganz ohne ernstliche Besorgniß.


[112] 1711.*


1823, 19. Februar.


Während Goethes Krankheit

Mitwoch, den 19. Februar schien es etwas besser zu gehen, doch hatte er schon so vor sich hin gesagt: »Diesen Schmerz,« (den am Herzen meinend) »dieser unbesiegbare Schmerz wird mich noch an die Schwelle meines Lebens bringen.«


[112] 1712.*


1823, 20. bis 22. Februar.


Während Goethes Krankheit

Donnerstags bis Sonnabends wechselten Besserung und Verschlimmerung immerfort ab .... Er war öfters betäubt, phantasirte mitunter halb und halb, doch immer dazwischen ganz theilnehmend und verständig sprechend. Donnerstag gab er sich noch sehr mit seinem älteren Enkel ab, sang ihm sogar ein Liedchen aus dem »Spiegel von Arkadien« vor. Er fragte oftmals nach Personen, die ihm sonst gleichgültig waren, z.B. Graf Keller, Graf Marschall u.s.w. Dazwischen sagte er einmal: »Mischt sich der Großherzog noch immer in meine Kur?« Und als man, seine Intention mißverstehend, mit »Nein« antwortete, äußerte er: »Es wird ihm wol zu langweilig werden.« Er wiederholte öfters sein Bedauern, um Stroganoff's Besuch gekommen zu [113] sein und in der Fortsetzung von »Kunst und Alterthum« gehemmt zu werden. »Und doch ist die Anzeige der Boisserée'schen neuesten Lieferungen so dringend; die muß ich ja rühmen und beloben.« Zu seinem Diener Stadelmann sprach er einmal leise: »Du glaubst nicht, wie elend ich bin, wie sehr krank!« Den Ärzten gab er öfters auf, sich ernstlich über seinen Zustand zu bedenken, indem er einigen Unglauben an ihrer Kunst merken ließ. »Treibt nur Eure Künste! Das ist alles recht gut, aber Ihr werdet mich doch wol nicht retten.« Mehrmalen verlangte er ein warmes Bad, das man jedoch für zu gewagt hielt. Einmal, als die Ärzte sich leise miteinander beredet hatten, sagte er: »Da gehen die Jesuiten hin! Berathen können sie sich wol, aber nicht rathen und retten.« Er jammerte, daß jeder ihm willkührlich verfluchtes Zeug zu schlucken gebe, und daß man die guten Kinder Ottilie und Ulrike mißbrauche, es ihm beizubringen. Sobald er sich momentan erleichtert fühlte, wollte er alsobald, daß seine Schwiegertochter ihrer gewohnten, geselligen Weise nachgehe, den Hof oder das Theater besuchen sollte. Jede Dienstleistung erwiederte er durch ein dankbares, artiges Wort oder durch einen verbindlichen Gestus. »Nun, Ihr Seidenhäschen, was schleicht Ihr so leise herbei?« sagte er Sonnabends morgens zu Ottilien, als sie an sein Bett trat. Er saß fast beständig auf dem Bette oder in dem Großvaterstuhl der Oberkammerherrin v. Egloffstein, den er sehr anpries und hinzusetzte: [114] durch diese Sendung habe sie sich eine Staffel in den Himmel verdient. Sonnabend Mittag ließ man ihn ein Glas Champagner trinken, ohne sichtliche Wirkung. Mit großem Behagen aß er eine Bergamottenbirne und Annanas gelée. Einmal sprach er halblaut zu sich selbst: »Mich soll nur wundern, ob diese so zerrissene, so gemarterte Einheit wieder als neue Einheit wird auftreten und sich gestalten können?« Zu Ulriken sagte er: »Ach Du glaubst nicht, wie die Ideen mich quälen, wie sich durchkreuzen und verwirren!«


[210] 827.*


1823, 23. Februar.


Während Goethes Krankheit

Ach, liebe Julie, ich [Caroline Freifrau V. Egloffstein geb. v. Aufseß] bin recht betrübt. Die Worte, so er [Goethe] Dir zum Abschied gab, sind wahrscheinlich die letzten, so er niederschrieb. Es ist mir höchst erfreulich, daß mein Großvaterstuhl der einzige ist, in[211] dem er gerne sitzt. Der Großherzog und Frau v. Stein haben ihm welche geschickt, aber keiner behagt ihm, und er sagte noch heute: »Die gute Oberkammerherrin baut sich eine Stufe im Himmel durch die Wohlthat, so sie uns erweist.« Ottilie pflegt ihn und wacht die Nächte ..... Sie muß ihn unterhalten und wie in gesunden Tagen ihm erzählen. So beklagt er, daß er Stroganow, welcher sich in Konstantinopel so brav benahm, nicht gesehen habe. Kurz, obgleich er sich sehr krank fühlt, so ist er dennoch gefaßt wie immer und betrachtet das Treiben der Ärzte, als wären es Experimente, die sie an einem Fremden machen. »Probirt nur immer! « sagt er ; »der Tod steht in allen Ecken und breitet seine Arme nach mir aus, aber laßt Euch nicht stören!«


[114] 1713.*


1823, 23. Februar.


Während Goethes Krankheit

Sonntag, den 23. Februar, war er am schlechtesten, auch sagte er zu seinem Sohne: »Der Tod steht in allen Ecken um mich herum«; zu Huschke'n mehrmals: »Ich bin verloren!« Einmal soll er auch geäußert haben: »O Du christlicher Gott! Wie viele Leiden häufst Du auf Deine armen Menschen, und doch sollen wir in Deinen Tempeln Dich dafür loben und preisen!« Ich war vormittags in Stadelmann's Kammer neben seinem Zimmer, abends vor Hofe wieder eine Stunde im Hause. Rehbein sagte ihm: ›Das Inspiriren geht leichter als das Exspiriren.‹ »Freilich!« antwortete er, »ich fühle das ambesten, Ihr Hundsfötter!«


[211] 828.*


1823, 24. Februar.


Während Goethes Krankheit

Eben komme ich [v. Müller ] von Goethes Krankenbette, wo ich vier Stunden in großer Spannung zubrachte. Es scheint eine Krisis eingetreten, die wieder Hoffnung schöpfen läßt; das Bewußtsein ist wieder ganz frei, das Athemholen ruhig, die Schmerzen minder, die Todeskälte in den Händen beginnt zu weichen und deutet auf eine ruhige Nacht. Welche merkwürdige Äußerungen that er, wie klar beurtheilt er seine Krankheit, [212] wie die eines Fremden, und wie liebevoll, wie graziös spricht er noch immer mit seinen Familiengenossen, wie humoristisch, ja ironisch mit den Ärzten! »Der Tod steht in allen Ecken um mich,« sprach er ganz heiter diesen Morgen, und diesen Abend: »Es ist ein Hinderniß in mir zu leben, wie zu sterben; mich soll nur wundern, wie es werden wird.« Wenn er morgen überlebt, ist er gerettet – glaubt man.


[115] 1714.*


1823, 24. Februar.


Während Goethes Krankheit

Nachmittags wurde er sehr heftig gegen die Ärzte, befahl mit Ungestüm ihm Kreuzbrunnen zu geben und sagte: »Wenn ich denn doch sterben soll, so will ich auf meine eigene Weise sterben.« Er trank auch wirklich ein Fläschchen Kreuzbrunnen mit sichtbar gutem Erfolg. Kurz vorher sagte er zu seinem Sohn: »Das ist ein Kampf zwischen Leben und Tod.« Von 4 1/2-9 Uhr war ich [v. Müller] im Nebenzimmer, seine Stimme klang ziemlich sonor und kräftig .... Ich hörte ihn nach allen Umständen und dem Hergang seiner Krankheit fragen, Rechenschaft fordern, wie von einer fremden, abgeschlossenen Sache. Er triumphirte, daß sein scharfer Geschmack etwas Anis in einer Arznei entdeckt habe, und daß man sich, weil ihm diese Kräuter stets verhaßt gewesen, zur Umänderung des Receptes entschlossen. Mit Wohlgefallen hörte er, daß man ihm Arnica geben wolle und hielt ganz behaglich eine kleine botanische Vorlesung über diese Blume, die er sehr häufig und sehr schön in Böhmen getroffen. »Die Phantasien sind nur Plünderungen des Verstandes und Geistes.« – »Es lasten solche Massen von Krankheitsstoff auf mir seit 3000 Jahren; man gewahrt deutlich, wie sich das Conventionelle, das Einbildige dazwischen schiebt.« Sehr oft fragte er, wer alles von Freunden [116] dagewesen, sich nach ihm zu erkundigen. »Das ist sehr artig von den guten Leuten.« Er wurde sichtbar besser, trieb die Seinigen zur Ruhe: sie sollten sich selbst bedenken; für das Wenige, was er bedürfe, sei ja gesorgt. »So habe ich doch nicht alle Eure Feste gestört.« Die Hoffnung kehrte ihm selbst wieder; er meinte: »Morgen werde ich ordentlich den Kreuzbrunnen wieder trinken und dann bald wieder ein ordentlicher Mensch mit Folge werden.« Er fragte, ob man sein Tagebuch fortgesetzt und jammerte, daß es nicht geschehen.


[212] 829.*


1823, 25.1 Februar.


Während Goethes Krankheit

Der heutige Tag war in bezug aus Goethe noch sehr beunruhigend, indem diesen Mittag die Besserung nicht erfolgte, wie gestern. In einem Anfall von Schwäche sagte er zu seiner Schwiegertochter: »Ich fühle, daß der Moment gekommen, wo in mir der Kampf zwischen Leben und Tod beginnt.«

Doch hatte der Kranke am Abend sein volles geistiges Bewußtsein und zeigte schon wieder einigen scherzhaften Übermuth. »Ihr seid zu furchtsam mit Euern Mitteln,« sagte er zu Rehbein, »Ihr schont mich zu sehr! Wenn man einen Kranken vor sich hat, wie ich es bin, so muß man ein wenig Napoleonisch mit ihm zu Werke [213] gehen.« Er trank daraus eine Tasse eines Decocts von Arnica, welche gestern, im gefährlichsten Moment von Huschke angewendet, die glückliche Krisis bewirkt hatte. Goethe machte eine graziöse Beschreibung dieser Pflanze und erhob ihre energischen Wirkungen in den Himmel. Man sagte ihm, daß die Ärzte nicht hätten zugeben wollen, daß der Großherzog ihn sehe. »Wäre ich der Großherzog,« rief Goethe, »so würde ich viel gefragt und mich viel um Euch bekümmert haben!«

In einem Augenblick, wo er sich besser befand und wo seine Brust freier zu sein schien, sprach er mit Leichtigkeit und klarem Geiste, worauf Rehbein einem der Nahestehenden in's Ohr flüsterte: »Eine bessere Respiration pflegt eine bessere Inspiration mit sich zu führen.« Goethe, der es gehört, rief darauf mit großer Heiterkeit: »Das weiß ich längst; aber diese Wahrheit paßt nicht auf Euch, Ihr Schelm!«

Goethe saß aufrecht in seinem Bette der offenen Thür seines Arbeitszimmers gegenüber, wo seine nähern Freunde versammelt waren, ohne daß er es wußte. Seine Züge schienen mir [Soret] wenig verändert; seine Stimme war rein und deutlich, doch war darin ein feierlicher Ton, wie der eines Sterbenden. »Ihr scheint zu glauben,« sagte er zu seinen Kindern, »daß ich besser bin; aber ihr betrügt euch.« Man suchte ihm jedoch seine Apprehensionen scherzend auszureden, welches er sich denn auch gefallen zu lassen schien.


1 Die Angabe des 24. als Monatstag dürfte irrig, dagegen die des Wochentags – Dienstag – richtig sein.


[214] 830.*


1823, 26. Februar. 1


Während Goethes Krankheit

Goethe hat sich Rechenschaft ablegen lassen über das Verfahren, das man bisher mit ihm beobachtet, auch hat er die Listen der Personen gelesen, die sich bisher nach seinem Befinden erkundigt und deren Zahl täglich sehr groß war. Er empfing darauf den Großherzog und schien später von dem Besuch nicht angegriffen .... Goethe hat heute das erste Mal nach einem seiner Freunde verlangt, nämlich nach seinem ältesten Freunde Meyer. Er wollte ihm eine seltene Medaille zeigen, die er aus Böhmen erhalten hat und worüber er entzückt ist.

Ich [Soret] kam um zwölf Uhr, und da Goethe hörte, daß ich dort war, ließ er mich in seine Nähe rufen. Er reichte mir die Hand, indem er mir sagte: »Sie sehen in mir einen vom Tode Erstandenen.« Er beauftragte mich sodann, Ihrer kaiserlichen Hoheit für die Theilnahme zu danken, die sie ihm während seiner Krankheit bewiesen. »Meine Genesung wird sehr langsam sein,« sagte er darauf hinzu, »aber den Herren Ärzten bleibt doch nichtsdestoweniger die Ehre, ein kleines Wunder an mir gethan zu haben.«

Nach ein paar Minuten zog ich mich zurück. Seine Farbe ist gut, allein er ist sehr abgemagert und athmet [215] noch mit einiger Beschwerde. Es kam mir vor, als würde ihm das Sprechen schwieriger als gestern. Die Geschwulst des linken Armes ist sehr sichtbar; er hält die Augen geschlossen und öffnet sie nur, wenn er spricht.


1 Hier ebenso Mittwoch , also der 26., die richtige Angabe.


[116] 1715.*


1823, 25. Februar.


Während Goethes Krankheit

Gegen zwei Uhr besuchte ihn der Großherzog. Sie sprachen meist von der Edelsteinsammlung des Großherzogs und von der Kunst, die Diamanten nachzumachen, Rehbein vertrieb den Fürsten, als er merkte, daß die Unterhaltung den Patienten angriff.


[215] 831.*


1823, 2. März.


Während Goethes Krankheit

Imaginez vous [Julie Gräfin Egloffstein] que j'ai [Soret] passé plus d'une heure dans la chambre de Monsieur de Goethe, assis vis-à-vis de lui et ayant Mad. de Goethe à gauche et M. Riemer à droite. Quel changement prodigieux s'est encore opéré depuis trois jours dans sa physiognomie et dans sa voix! Il s'est levé seul, il a marché devant moi, ses yeux sont presque toujours ouverts, il parle volontiers, il mange avec appetit sa soupe, il lit ses lettres, il agit des deux mains, tant l'enflure a diminué. Enfin Stadelmann m'a dit que ses pieds sont moins enflés qu'ordinairement le matin lorsqu'il se porte bien. Ce n'est pas tout; pour la première fois on a pris le thé comme de coutume sur la grande table. Mad. de Goethe a detaché de son bonnet un noeud de rubans roses qu'elle a fixé en signe de triomphe a la théière; cette action a fait sourire le convalescent. Comme il doit être doux de revenir à la vie lorsqu'on [216] voit le bonheur briller sur les traits de tous ceux qui vous environnent! Une collection de pierres fausses a été mise sous nos yeux; pendant que nous étions occupés à les admirer... j'en laisse tomber une que disparait sous le bureau; tout se met en mouvement pour la retrouver; je m'empare d'une lumière et je me couche sous ta table avec tant de bonheur qui je mets le feu à ma perruque. Nouvelle confusion, odeur détestable. L'excellent M. de Goethe n'avait pas l'air d'en être fâché ni dérangé. Honteux de ma sottise je prends mon chapeau et je fais la révérence, non sans me répandre en excuses.


[216] 832.*


1823, Mitte März.


Mit Charlotte von Schiller

Ich war diese Woche bei ihm [Goethe] und fand ihn an seinem großen Tisch sitzen mit allerhand Papieren umgeben, denn er arbeitet wieder. Er ist sehr mager geworden, doch sieht er nicht krank aus; seine Hände sind auch mager. Er tritt fest aus und kam uns entgegen. Seine Stimme ist kräftig und er war so liebenswürdig, theilnehmend und mittheilend, daß es einem recht wohl that.

Er lobte die consequente Behandlung seiner Ärzte und sagte, daß sie vierzehn Tage auf einem Mittel beharrt [217] hätten; von dem, was um ihn herum vorgegangen, wußte er nichts. Auch dem Sohn hat er gesagt, daß der Kampf des Lebens mit dem Tode beginne, und er wolle sehen, wer den Kampf bestehe. Doch das ist alles in dem Fieberzustand gesprochen worden.


[217] 833.*


1823, 16. März.


Mit Friedrich von Müller

Ich war von 5-6 1/2 Uhr bei Goethe, der anfangs matt, nachher sehr heiter war. Er sprach unter anderm sehr geistreich und anschaulich über die drei Hauptursachen der französischen Revolution, welche Weber1 ausgestellt, und gesellte ihnen eine vierte zu: Antoinettens gänzliche Vernachlässigung aller Etiquette. »Wenn man einmal mehrere Millionen aufwendet an einem Hof, um gewisse Formen als Schranken gegen die Menge zu haben, so ist es thöricht und lächerlich, wenn man solche selbst wieder über den Haufen wirft.«


1 Joseph Weber: Mémoires concernant la Reine Antoinette. Publié par Berville et Barrière. Paris 1822.


[218] 834.*


1823, 21. März.


Mit Friedrich von Müller

Ich war Abends zwei Stunden ganz allein bei Goethe. Die heutigen Dramatiker müssen die Schillerschen Trauerspiele ganz anders sehen und hören, wie unsereines, sonst könnten sie unmöglich selbst so verwirrtes, absurdes Zeug schreiben. Zuletzt erzählte er noch sehr gemüthlich und klar die Flucht Louis XVI. nach Varennes.


[116] 1716.*


1823, 23. März.


Mit Friedrich von Müller

Zwischen dem Hof bei Goethe mit Linen [Gräfin Egloffstein]. »Ein lieber Engel, eine verständige Dame; [117] sie gehört zu den guten Geistern.« – »Leonore ist eben auch eine Tochter Eva's, auf deren Erziehung ich viel Mühe verwendet habe. Da ich so viel in den ›Tasso‹ hineingelegt, so freut es mich, wenn es allmälig heraustritt. Alles geschieht darin nur innerlich; ich fürchtete daher immer, es werde äußerlich nicht klar genug werden.«


[218] 835.*


1823, 30. März.


Mit Niels Lauritz Höyen

Ich spazirte in dem herzoglichen Garten; endlich schlug die Uhr 10 3/4 und nun begab ich mich zu Goethe ..... Ich wurde zuerst in ein Cabinet geführt, durch dessen offene Thür ich in die anstoßenden Zimmer hineinsah. Das Ganze war elegant, aber keineswegs prächtig eingerichtet: hübsche Teppiche aus dem Fußboden; die Thüren in die Wand hineinzuschieben; die Wände waren decorirt mit einer Menge schöner Zeichnungen und Gemälde ..... Aber ich kam nicht dazu, dies alles recht zu betrachten, weil Goethe nun eintrat. Der Diener, welcher ihm folgte, setzte zwei Stühle hin und entfernte sich wieder. Ich war also nun allein mit Goethe, und wir setzten [219] uns ..... Er bewegte sich mit Leichtigkeit; in seiner schlanken festen Haltung war keine Spur von einer kürzlich überstandenen Krankheit zu finden; sein Gesicht war ernst und doch milde, die Gesichtsfarbe bräunlich; alle Züge verkündeten den Greis, aber ohne Schwäche. Seine Augen waren mir besonders merkwürdig: das Weiße darin fing an, gelb zu werden, auch hatten die Runzeln des Alters sich stark um die Augenlider gesammelt, aber die Pupille besaß noch die schöne braune Farbe unverdunkelt; sie funkelte fast. Die Stimme war etwas leise, aber äußerst weich und leicht fließend. Es ward mir sehr schwer zu reden: ich wollte so gerne recht genießen, mir recht sein Bild einprägen, es war mir daher ganz unmöglich zu versuchen, eine ordentliche Unterhaltung anzuknüpfen, und so ward das Ganze, obwohl eigentlich keine Pause stattfand, mehr eine Reihe von Fragen, Antworten und aphoristischen Äußerungen. Goethe fragte nach Carus, von dem ich einen Brief überbracht, beklagte Tieck's Schicksal und daß dieser »herrliche« Mann fast beständig leidend sein sollte; fragte, wohin ich nun zu reisen gedächte, womit Oehlenschläger sich beschäftigte; sprach von den unzähligen Schwierigkeiten, welche mit meinem Studium verbunden seien, und meinte, daß es für Einen Mann fast unmöglich sei, die neuere Kunstgeschichte zu liefern. Ich beantwortete seine Fragen kurz; einige Male folgte aus meine Antworten ein »Hm, hm!« »Ja, ja!« aber ganz leise. Seine Stimme klang fest und war immer von[220] gleichmäßigem Tone; nur ein Mal erhob sie sich, als wir von Carus redeten. Ich äußerte, daß es mir fast unbegreiflich sei, wie dieser Mann außer zur Erfüllung seiner Pflichten und Vollendung literarischer Arbeiten noch Zeit erübrigen könne, sich auch mit der Malerci zu beschäftigen. Goethe antwortete, daß es auch ihm außerordentlich vorkomme, »doch« – setzte er hinzu, und nun hob seine Stimme sich – »der, welcher das Leben recht zu benutzen versteht, vermag wirklich sehr viel auszurichten.« Es schien mir, daß er selbst, indem er dies sagte, sich seines eigenen thatenreiches Lebens bewußt war. – Der Diener kam unterdessen und zog die Thüren zusammen, da jemand (Ottilie v. Goethe) eine Musikstunde haben sollte. Ich wollte mich empfehlen, aber Goethe bat mich zu bleiben und kurz darauf tönte eine herrliche Sopranstimme von Zeit zu Zeit in's Zimmer herein. Endlich wünschte Goethe mir »alles mögliche Glück«, und lud mich ein, ihn wieder zu besuchen, wenn ich auf meiner Rückreise nach Weimar kommen sollte.


[220] 836.*


1823, 31. März.


Mit Friedrich von Müller

und Friedrich Wilhelm Riemer

Heute war ich von 6-9 1/4 Uhr bei ihm, mit Riemer, anfangs auch mit Meyer.

Einer der interessantesten, behaglichsten und gemüthlichsten Abende unter vielen! Goethe war durchaus [221] heiter, gemäßigt, mittheilend, lehrreich, keine Pique, keine Ironie, nichts Leidenschaftliches oder Abstoßendes.

Er theilte uns seine Recension über Varnhagen's Biographien von Graf Schulenburg, Graf Bückeburg und Theodor von Neuhof, mit. »Weltmärchen« nannte er sie. Dann auch seine Antwort an den Übersetzer und Travestirer seiner Lebensbeschreibung in Paris, Msr. Bitry.1

Der Eingang ist besonders glücklich, nach kurzer Entschuldigung der langen Zögerung sogleich in die Mitte des Gegenstandes sich versetzend und bei aller Billigung des jenseitigen Verfahrens doch nicht ohne Ironie und kleine Seitenhiebe. Dann las er uns seine Einleitung und Analyse der von Helvig'schen Übersetzung schwedischer Romanzen von Tegnér nach alten Sagen und eine solche Romanze selbst, »die Königswahl«, pathetisch vor, die von überaus großer Naivetät und Anmuth ist.

Die Gespräche über den Kölnischen Carneval leiteten auf Herrn v. Haxthausen daselbst, der viele neugriechische Lieder besitzt, aber aus Unentschlossenheit nicht herausgibt.

»Nichts ist verderblicher, als sich immer feilen und bessern zu wollen, nie zum Abschluß kommen; das hindert alle Production.«

[222] Durch Gedankenassociation brachte ich das Gespräch auf den verstorbenen Geh. Reg. Rath Hetzer und seine Geschäftsreste und dann ging es auf Geh. Rath V. Fritsch, den Vater, über.

Goethe rühmte, daß dieser stets redlich gegen ihn gewesen, obgleich sein, Goethes Treiben und Wesen ihm durchaus nicht habe zusagen können. Aber er habe doch Goethes reinen Willen, uneigennütziges Streben und tüchtige Leistungen anerkannt. Seine Gegenwart, seine Äußerlichkeit sei nicht gerade erfreulich gewesen, vielmehr scheinbar starr, ja hart; er habe nichts Behagliches oder Feines in seinen Formen gehabt, aber viel Energie des Willens, viel Verstand, wie schon aus seinen zwei Söhnen sich schließen lasse, die denn doch selbstständig genug auf eignen Füßen ständen.

Riemer bemerkte, daß es ein großer Irrthum sei, das Wissen und den Charakter von einander zu trennen; eins sei erst durch das andere etwas, durch den Charakter trete jenes erst recht hervor; man könne allenfalls ohne Wissen, aber nicht ohne Charakter leben. »Ja wohl«, versetzte Goethe, »der Charakter ersetzt nicht das Wissen, aber er supplirt es. Mir ist in allen Geschäften und Lebensverwickelungen das Absolute meines Charakters sehr zu statten gekommen; ich konnte Vierteljahre lang schweigen und dulden, wie ein Hund, aber meinen Zweck immer festhalten; trat ich dann mit der Ausführung hervor, so drängte ich unbedingt mit aller Kraft zum Ziele, mochte fallen rechts oder links, was [223] da wollte. Aber wie bin ich oft verlästert worden; bei meinen edelsten Handlungen am meisten. Doch das Geschrei der Leute kümmerte mich nichts. Die Kinder und ihr Benehmen gegen mich waren oft mein Barometer hinsichtlich der Gesinnungen der Eltern. Ich nahm alle Zustände der Personen, meine Kollegen z.B. durchaus real, als gegebene, einmal fixirte Naturwesen, die nicht anders handeln können als sie handeln, und ordnete hiernach meine Verhältnisse zu ihnen. Dabei suchte ich ringsum mich selbst richtig zu sehen. In die Kriegscommission trat ich nur, um den Finanzen durch die Kriegscasse aufzuhelfen, weil da am ersten Ersparnisse zu machen waren.

Der Ilmenauer Bergbau würde sich wohl gehalten haben, wäre er nicht isolirt da gestanden; hätte er sich an ein Harzer oder Freiberger Bergwesen anschließen können.

Einen Parvenu wie mich konnte bloß die entschiedenste Uneigennützigkeit aufrecht erhalten. Ich hatte von vielen Seiten Anmahnungen zum Gegentheil; aber ich habe meinen schriftstellerischen Erwerb und zwei Drittel meines väterlichen Vermögens hier zugesetzt und erst mit 1200 Thaler, dann mit 1800 Thaler bis 1815 gedient.«

Riemer sagte: »Ach wie glücklich sind Sie, daß Sie immer so real im Leben stehen konnten; ich komme mit aller Anstrengung nie hinein in's Leben, geschweige durch.«


1 Mémoires de Goethe, trad. de l'allemand par Aubert François, Jean Philib. de Vitry, Paris 1823. 2 vol.


[224] 837.*


1823, 2.1 April.


Mit Friedrich Soret

Ich brachte Goethe von seiten Ihrer kaiserlichen Hoheit [Maria Paulowna, Erbgroßherzogin von Sachsen] eine Nummer des französischen Modejournals, worin von einer Übersetzung seiner Werke die Rede war. Wir sprachen bei dieser Gelegenheit über »Rameau's Neffen«, wovon das Original lange verloren gewesen. Verschiedene Deutsche glauben, daß jenes Original nie existirt habe und daß alles Goethes eigene Erfindung sei. Goethe aber versichert, daß es ihm durchaus unmöglich gewesen sein würde, Diderot's geistreiche Darstellung und Schreibart nachzuahmen, und daß der deutsche »Rameau« nichts weiter sei als eine sehr treue Übersetzung.


1 Über die von der Vorlage abweichende Datirung der Gespräche mit Soret bis 6. Mai 1823 s. Anmerkung zum 25. und 26. Februar 1823.


[224] 838.*


1823, 4. April.


Mit Friedrich Soret

und Clemens Wenzeslaus Coudray

Einen Theil des Abends bei Goethe zugebracht in Gesellschaft des Herrn Oberbaudirektors Coudray. Wir sprachen über das Theater und die Verbesserungen, die dabei seit einiger Zeit eingetreten sind. »Ich bemerke [225] es ohne hinzugehen,« sagte Goethe lachend. »Noch vor zwei Monaten kamen meine Kinder des Abends immer mißvergnügt nach Hause; sie waren nie mit dem Plaisir zufrieden, das man ihnen hatte bereiten wollen. Aber jetzt hat sich das Blatt gewendet; sie kommen mit freudeglänzenden Gesichtern, weil sie doch einmal sich recht hätten satt weinen können. Gestern haben sie diese ›Wonne der Thränen‹ einem Drama von Kotzebue zu verdanken gehabt.«


[225] 839.*


1823, 7. April.


Mit Friedrich von Müller

Nachmittags besuchte ich Goethen, den ich zum ersten Male wieder im vordern Zimmer traf. Wir unterhielten uns über [des Generalsuperintendent] Röhr letzte [Oster-] Festpredigt: quilibet habet suos manes, was Goethe übersetzte: »Jeden plagt sein Dämon.« (Zur unrechten Zeit nämlich.) Wir sprachen über Rationalismus überhaupt, und wie er mit dem, was die geläutertste Philosophie aufstelle und annehme, ganz zusammentreffe.


[225] 840.*


1823, 13. April.


Mit Friedrich Soret

Abends mit Goethe allein. Wir sprachen über Litteratur, Lord Byron, dessen »Sardanapal« und »Werner«. [226] Sodann kamen wir auf den »Faust«, über den Goethe oft und gern redet. Er möchte, daß man ihn in's Französische übersetzte, und zwar im Charakter der Zeit des Marot. Er betrachtet ihn als die Quelle, aus der Byron die Stimmung zu seinem »Manfred« geschöpft. Goethe findet, daß Byron in seinen beiden letzten Tragödien entschiedene Fortschritte gemacht, indem er darin weniger düster und misanthropisch erscheint. Wir sprachen sodann über den Text der »Zauberflöte«, wovon Goethe die Fortsetzung gemacht, aber noch keinen Komponisten gefunden hat, um den Gegenstand gehörig zu behandeln. Er giebt zu, daß der bekannte erste Theil voller Unwahrscheinlichkeiten und Späße sei, die nicht jeder zurechtzulegen und zu würdigen wisse; aber man müsse doch auf alle Fälle dem Autor zugestehen, daß er im hohen Grade die Kunst verstanden habe, durch Kontraste zu wirken und große theatralische Effekte herbeizuführen.


[226] 841.*


1823, 14. April.


Mit Friedrich Soret

und Caroline von Egloffstein

Abends bei Goethe mit Gräfin Caroline Egloffstein. Goethe scherzte über die deutschen Almanache und andere periodische Erscheinungen, alle von lächerlicher Sentimentalität durchdrungen, die an der Ordnung des Tages zu sein scheine. Die Gräfin bemerkte, daß die [227] deutschen Romanschreiber den Anfang gemacht, den Geschmack ihrer zahlreichen Leser zu verderben, und daß nun wiederum die Leser die Romanschreiber verdürben, die, um für ihre Manuskripte einen Verleger zu finden, sich jetzt ihrerseits dem herrschenden schlechten Geschmack des Publikums bequemen müßten.


[227] 842.*


1823, 21. April.


Mit Friedrich von Müller

Goethe sprach über die philosophischen Systeme Kant's, Rèinhold's, Fichte's und Schelling's, und bemerkte, daß durch des letztern zweizüngelnde Ausdrücke über religiöse Gegenstände große Verwirrung entstanden sei, und die rationelle Theologie um ein halbes Jahrhundert zurückgebracht worden wäre.


[117] 1717.*


1823, 25. April.


Mit Friedrich von Müller

und Friedrich Wilhelm Riemer

Abends bei Goethe mit Riemer. Ersterer war sehr heiter und kräftig. Er sprach über generatio aequivoca, von Hoff's Preisschrift, die unerklärbaren Phänomene in der Natur, die man anerkennen und sich darein ergeben müsse; ferner über das nothwendige Ablehnen fremdartiger Gegenstände, wenn es darauf ankomme, bestimmte Begriffe festzuhalten und zu entwickeln.


[227] 843.*


1823, 27. April.


Mit Friedrich Soret,

Clemens Wenzeslaus Coudray

und Heinrich Meyer

Ich fand Coudray und Meyer bei Goethe. Man sprach über verschiedene Dinge. »Die großherzogliche Bibliothek,« sagte Goethe unter anderm, »besitzt einen Globus, der unter der Regierung Karl's V. von einem Spanier verfertigt worden. Es finden sich auf ihm einige merkwürdige Inschriften, wie z.B. die folgende [228] ›Die Chinesen sind ein Volk, das sehr viel Ähnlichkeit mit den Deutschen hat.‹ In älteren Zeiten,« fuhr Goethe fort, »waren auf den Landkarten die afrikanischen Wüsten mit Abbildungen wilder Thiere bezeichnet. Heutzutage aber thut man dergleichen nicht; vielmehr ziehen die Geographen vor, uns carte blanche zu lassen.«


[228] 844.*


1823, 27. April.


Mit Friedrich von Müller

Die Krankheit der Großherzogin gab Goethe Veranlassung zur Beurtheilung derselben. Sie trage nie nach, sagte er, spreche stets ihre Meinung aus, sei es Beifall, sei es Mißbilligung; ohne Reue und ohne Gewissensverletzung geht sie durch das Leben.


[228] 845.*


1823, 7. Mai.


Mit Friedrich Soret

Abends bei Goethe. Er suchte mir einen Begriff seiner Farbenlehre zu geben. Das Licht, sagte er, sei keineswegs eine Zusammensetzung verschiedener Farben; auch könne das Licht allein keine Farben hervorbringen, vielmehr gehöre immer dazu eine gewisse Modifikation und Mischung von Licht und Schatten.


[229] 846.*


1823, 13. Mai.


Mit Friedrich Soret

Ich fand Goethe beschäftigt, seine kleinen Gedichtchen und Blättchen an Personen zusammenzusuchen. »In frühern Zeiten,« sagte er, »wo ich leichtsinniger mit meinen Sachen umging und Abschriften zu nehmen unterließ, sind Hunderte solcher Gedichte verloren gegangen.«


[229] 847.*


1823, 15. Mai.


Mit Friedrich von Müller

»Wer keinen Geist hat,« äußerte Goethe bei Besprechung der Nachdrucksfrage, »glaubt nicht an Geister und somit auch nicht an geistiges Eigenthum der Schriftsteller.«


[229] 848.*


1823, 2. Juni.


Mit Friedrich Soret,

Friedrich von Müller,

Friedrich Wilhelm Riemer

und Heinrich Meyer

Der Kanzler, Riemer und Meyer waren bei Goethe. Man sprach über die Gedichte von Béranger, und Goethe kommentirte und paraphrasirte einige derselben mit großer Originalität und guter Laune.

Sodann war von Physik und Meteorologie die Rede. Goethe ist im Begriff die Theorie einer Witterungslehre [230] auszuarbeiten, wobei er das Steigen und Fallen des Barometers gänzlich den Wirkungen des Erdballs und dessen Anziehung und Entlassung der Atmosphäre zuschreiben wird.

»Die Herren Gelehrten und namentlich die Herren Mathematiker,« fuhr Goethe fort, »werden nicht verfehlen, meine Ideen durchaus lächerlich zu finden; aber auch sie werden noch besser thun, sie werden sie vornehmerweise völlig ignoriren. Wissen Sie aber warum? Weil sie sagen, ich sei kein Mann vom Fache.«

Der Kastengeist der Gelehrten, erwiederte ich, wäre wohl zu verzeihen. Wenn sich in ihre Theorien einige Irrthümer eingeschlichen haben und darin fortgeschleppt werden, so muß man die Ursache darin suchen, daß sie dergleichen zu einer Zeit als Dogmen überliefert bekommen haben, wo sie selber noch auf den Schulbänken saßen.

»Das ist's eben!« rief Goethe. »Eure Gelehrten machen es wie unsere weimarischen Buchbinder. Das Meisterstück, das man von ihnen verlangt, um in die Gilde aufgenommen zu werden, ist keineswegs ein hübscher Einband nach dem neuesten Geschmack. Nein, weit entfernt! es muß noch immer eine dicke Bibel in Folio geliefert werden, ganz wie sie vor zwei bis drei Jahrhunderten Mode war, mit plumpen Deckeln und in starkem Leder. Die Aufgabe ist eine Absurdität. Aber es würde dem armen Handwerker schlecht gehen, wenn er behaupten wollte, seine Examinatoren wären dumme Leute.«


[117] 1718.*


1823, 2. Juni.


Mit Friedrich von Müller u.a.

Abends bei Goethe. Er sammelt jetzt Schiller's Briefe an ihn und sprach mit Entzücken davon.


[231] 849.*


1823, 10. Juni.


Mit Johann Peter Eckermann

Vor wenigen Tagen bin ich hier angekommen; heute war ich zuerst bei Goethe. Der Empfang seinerseits war überaus herzlich, und der Eindruck seiner Person auf mich der Art, daß ich diesen Tag zu den glücklichsten meines Lebens rechne.

Er hatte mir gestern, als ich anfragen ließ, diesen Mittag zwölf Uhr als die Zeit bestimmt, wo ich ihm willkommen sein würde. Ich ging also zur gedachten Stunde hin und fand den Bedienten auch bereits meiner wartend und sich anschickend mich hinaufzuführen.

– – – – – – – – – – – – – – –

Es währte nicht lange, so kam Goethe, in einem blauen Oberrock und in Schuhen; eine erhabene Gestalt! Der Eindruck war überraschend. Doch verscheuchte er sogleich jede Befangenheit durch die freundlichsten Worte. Wir setzten uns auf das Sopha. Ich war glücklich verwirrt in seinem Anblick und seiner Nähe, ich wußte ihm wenig oder nichts zu sagen.

Er fing sogleich an, von meinem Manuskript [»Beiträge zur Poesie«] zu reden. »Ich komme eben von Ihnen her,« sagte er; »ich habe den ganzen Morgen in Ihrer Schrift gelesen; sie bedarf keiner Empfehlung, sie empfiehlt sich selber.« Er lobte darauf die Klarheit der Darstellung und den Fluß der Gedanken, und daß[232] alles auf gutem Fundament ruhe und wohl durchdacht sei. »Ich will es schnell befördern,« fügte er hinzu; »heute noch schreibe ich an Cotta mit der reitenden Post, und morgen schicke ich das Packet mit der fahrenden nach.« Ich dankte ihm dafür mit Worten und Blicken.

Wir sprachen darauf über meine fernere Reise. Ich sagte ihm, daß mein eigentliches Ziel die Rheingegend sei, wo ich an einem passenden Ort zu verweilen und etwas Neues zu schreiben gedenke. Zunächst jedoch wollte ich von hier nach Jena gehen, um dort die Antwort des Herrn von Cotta zu erwarten.

Goethe fragte mich, ob ich in Jena schon Bekannte habe; ich erwiederte, daß ich mit Herrn von Knebel in Berührung zu kommen hoffe, worauf er versprach, mir einen Brief mitzugeben, damit ich einer desto besseren Aufnahme gewiß sei.

»Nun, nun,« sagte er dann, »wenn Sie in Jena sind, so sind wir ja nahe beieinander und können zueinander und können uns schreiben, wenn etwas vorfällt.«

Wir saßen lange beisammen, in ruhiger liebevoller Stimmung. Ich drückte seine Knie, ich vergaß das Reden über seinem Anblick, ich konnte mich an ihm nicht satt sehen. Das Gesicht so kräftig und braun und voller Falten, und jede Falte voller Ausdruck. Und in allem solche Biederkeit und Festigkeit, und solche Ruhe und Größe! Er sprach langsam und bequem, so[233] wie man sich wohl einen bejahrten Monarchen denkt, wenn er redet. Man sah ihm an, daß er in sich selber ruht und über Lob und Tadel erhaben ist. Es war mir bei ihm unbeschreiblich wohl; ich fühlte mich beruhigt, so wie es jemand sein mag, der nach vieler Mühe und langem Hoffen endlich seine liebsten Wünsche befriedigt sieht.

Er kam sodann auf meinen Brief, und daß ich recht habe, daß, wenn man eine Sache mit Klarheit zu behandeln vermöge, man auch zu vielen andern Dingen tauglich sei.

»Man kann nicht wissen, wie sich das dreht und wendet,« sagte er dann; »ich habe manchen hübschen Freund in Berlin, da habe ich denn dieser Tage Ihrer gedacht.«

Dabei lächelte er liebevoll in sich. Er machte mich sodann aufmerksam, was ich in diesen Tagen in Weimar alles noch sehen müsse, und daß er den Herrn Sekretär Kräuter bitten wolle, mich herumzuführen. Vor allem aber solle ich ja nicht versäumen, das Theater zu besuchen. Er fragte mich darauf, wo ich logire, und sagte, daß er mich noch einmal zu sehen wünsche und zu einer passenden Stunde senden wolle.

Mit Liebe schieden wir auseinander; ich im hohen Grade glücklich, denn aus jedem seiner Worte sprach Wohlwollen, und ich fühlte, daß er es überaus gut mit mir im Sinn habe.


[234] 850.*


1823, 11. Juni.


Mit Johann Peter Eckermann

Diesen Morgen erhielt ich abermals eine Einladung zu Goethe, und zwar mittels einer von ihm beschriebenen Karte. Ich war darauf wieder kein Stündchen bei ihm. Er erschien mir heute ein ganz anderer als gestern, er zeigte sich in allen Dingen rasch und entschieden wie ein Jüngling.

Er brachte zwei dicke Bücher, als er zu mir hereintrat. »Es ist nicht gut,« sagte er, »daß Sie so rasch vorübergehen, vielmehr wird es besser sein, daß wir einander etwas näher kommen. Ich wünsche Sie mehr zu sehen und zu sprechen. Da aber das Allgemeine so groß ist, so habe ich sogleich auf etwas Besonderes gedacht, daß als ein Tertium einen Verbindungs- und Besprechungspunkt abgebe. Sie finden in diesen beiden Bänden die ›Frankfurter gelehrten Anzeigen‹ der Jahre 1772 und 1773, und zwar sind auch darin fast alle meine damals geschriebenen kleinen Recensionen. Diese sind nicht gezeichnet, doch da Sie meine Art und Denkungsweise kennen, so werden Sie sie schon aus den übrigen herausfinden. Ich möchte nun, daß Sie diese Jugendarbeiten etwas näher betrachteten und mir sagten, was Sie davon denken. Ich möchte wissen, ob sie werth sind, in eine künftige Ausgabe meiner Werke aufgenommen zu werden. Mir selber stehen diese Sachen [235] viel zu weit ab, ich habe darüber kein Urtheil. Ihr Jüngeren aber müßt wissen, ob sie für euch Werth haben und inwiefern sie bei dem jetzigen Standpunkte der Literatur noch zu gebrauchen. Ich habe bereits Abschriften nehmen lassen, die Sie dann später haben sollen, um sie mit dem Original zu vergleichen. Demnächst, bei einer sorgfältigen Redaction, würde sich denn auch finden, ob man nicht gut thue, hier und da eine Kleinigkeit auszulassen oder nachzuhelfen, ohne im ganzen dem Character zu schaden.«

Ich antwortete ihm, daß ich sehr gern mich an diesen Gegenständen versuchen wolle, und daß ich dabei weiter nichts wünsche, als daß es mir gelingen möge, ganz in seinem Sinne zu handeln.

»Sowie Sie hineinkommen,« erwiederte er, »werden Sie finden, daß Sie der Sache vollkommen gewachsen sind; es wird Ihnen von der Hand gehen.«

Er eröffnete mir darauf, daß er in etwa acht Tagen nach Marienbad abzureisen gedenke, und daß es ihm lieb sein würde, wenn ich bis dahin noch in Weimar bliebe, damit wir uns während der Zeit mitunter sehen und sprechen und persönlich näher kommen möchten.

»Auch wünsche ich,« fügte er hinzu, »daß Sie in Jena nicht bloß wenige Tage oder Wochen verweilten, sondern daß Sie sich für den ganzen Sommer dort häuslich einrichteten, bis ich gegen den Herbst von Marienbad zurückkomme. Ich habe bereits gestern wegen [236] einer Wohnung und dergleichen geschrieben, damit Ihnen alles bequem und angenehm werde.«

»Sie finden dort die verschiedenartigsten Duellen und Hülfsmittel für weitere Studien, auch einen sehr gebildeten geselligen Umgang; und überdies ist die Gegend so mannigfaltig, daß Sie wohl fünfzig verschiedene Spaziergänge machen können, die alle angenehm und fast alle zu ungestörtem Nachdenken geeignet sind. Sie werden Muße und Gelegenheit finden, in der Zeit für sich selbst manches Neue zu schreiben und nebenbei auch meine Zwecke zu fördern.«

Ich fand gegen so gute Vorschläge nichts zu erinnern und willigte in alles mit Freuden. Als ich ging, war er besonders liebevoll; auch bestimmte er aus übermorgen eine abermalige Stunde zu einer fernern Unterredung.


[236] 851.*


1823, 16. Juni.


Mit Johann Peter Eckermann

Ich war in diesen Tagen wiederholt bei Goethe. Heute sprachen wir größtentheils von Geschäften. Ich äußerte mich auch über seine Frankfurter Recensionen, die ich Nachklänge seiner akademischen Jahre nannte, welcher Ausspruch ihm zu gefallen schien, indem er den Standpunkt bezeichne, aus welchem man jene jugendlichen Arbeiten zu betrachten habe.

[237] Er gab mir sodann die ersten elf Hefte von »Kunst und Alterthum«, damit ich sie neben den Frankfurter Recensionen als eine zweite Arbeit nach Jena mit hinübernehme.

»Ich wünsche nämlich,« sagte er, »daß Sie diese Hefte gut studirten und nicht allein ein allgemeines Inhaltsverzeichniß darüber machten, sondern auch aufsetzten, welche Gegenstände nicht als abgeschlossen zu betrachten sind, damit es mir vor die Augen trete, welche Fäden ich wieder aufzunehmen und weiter fortzuspinnen habe. Es wird mir dieses eine große Erleichterung sein, und Sie selber werden davon den Gewinn haben, daß Sie auf diesem praktischen Wege den Inhalt aller einzelnen Aufsätze weit schärfer ansehen und in sich aufnehmen, als es bei einem gewöhnlichen Lesen nach persönlicher Neigung zu geschehen pflegt.«

Ich fand dies alles gut und richtig, und sagte, daß ich auch diese Arbeit gern übernehmen wolle.


[237] 852.*


1823, 19. Juni.


Mit Johann Peter Eckermann

Ich wollte heute eigentlich schon in Jena sein, Goethe sagte aber gestern wünschend und bittend, daß ich doch noch bis Sonntag bleiben und dann mit der Post fahren möchte. Er gab mir gestern die Empfehlungsbriefe [238] und auch einen für die Familie Frommann. »Es wird Ihnen in diesem Kreise gefallen,« sagte er, »ich habe dort schöne Abende verlebt. Auch Jean Paul, Tieck, die Schlegel, und was in Deutschtand sonst Namen hat, ist dort gewesen und hat dort gern verkehrt, und noch jetzt ist es der Vereinigungspunkt vieler Gelehrten und Künstler und sonst angesehener Personen. In einigen Wochen schreiben Sie mir nach Marienbad, damit ich erfahre, wie es Ihnen geht und wie es Ihnen in Jena gefällt. Auch habe ich meinem Sohn gesagt, daß er Sie während meiner Abwesenheit drüben einmal besuche.«

Ich fühlte mich Goethen für so viele Sorgfalt sehr dankbar, und es that mir wohl, aus allem zu sehen, daß er mich zu den Seinigen zählt und mich als solchen will gehalten haben.


[118] 1719.*


1823, 20. Juni.


Mit Friedrich von Müller

Von 8 1/2-10 Uhr bei Goethe .... Unsere Ansichten über Preßfreiheit und desfallsige Vorgänge am Bundestage contra Professor Krug divergirten sehr. Es ist mit Goethe hierüber inderthat nicht zu streiten, da er viel zu einseitig und despotisch sich ausspricht. Éloge von Delambre aus dem Moniteur. Des armen Hofrath Meyer's Krankheitsanfall unterwegs zu Gotha. Über Voßens energische Recension von Schorn's Anmerkungen zu Tischbein's Homer. Goethe wollte auch nicht worthaben, daß die Jenaische Literaturzeitung einige Zeit lang geringhaltiger gewesen. Kurz, wir waren beständig in der Opposition.


[118] 1720.*


1823, 24. Juni.


Mit Friedrich von Müller

Abends bei Goethe. Er nahm Partei für Gall's Lehre gegen die Pariser Kritiker. Weniger mittheilend und heiter, als sonst, nahm er meine Äußerungen, morgen ihn nochmals besuchen zu wollen vor seiner Abreise, so feierlich dankbar an, daß ich – wol mit Unrecht – es dafür nahm, als würde ich ihn geniren.


[238] 853.*


1823, 29. Juni nebst Nachträglichem.


Mit Joseph Sebastian Grüner

Goethe ging mir liebevoll, mich herzlich grüßend, entgegen. Auf die verschiedenen Fragen, was ich Neues im Gebiete wahrgenommen, aufgefunden und allenfalls getauscht habe, antwortete ich:

Wenn Eure Excellenz erlauben, so werde ich morgen Rechenschaft hierüber ablegen, worauf ich mich so sehr gefreut habe. Eure Excellenz haben uns aber während [239] der schweren Krankheit in außerordentliche Ängsten versetzt, und wir können es dem Herrn Sohne nicht genug danken, daß er uns von der eintretenden Genesung in Kenntniß gesetzt hat.

Darauf Goethe: »Ich habe meinem Sohne ausdrücklich dazu den Auftrag gegeben, weil ich von Ihrer Theilnahme überzeugt war. Übrigens muß ich Ihnen sagen, daß ich seit dreißig Jahren mit niemandem auf einem so vertraulichen Fuße stehe, als mit Ihnen. In Weimar bin ich nicht für jeden zugänglich; ich kann mir die Zeit nicht rauben lassen, und man mag mich für stolz gehalten haben. Gerne aber lasse ich jene vor, welche ein Ränzchen aus Italien und Sicilien mit bringen, um wahrzunehmen, was seit meinem dortigen Aufenthalte sich geändert hat.«

Wenn ich mich nicht eines so erhebenden Ausspruches Goethes in Betreff meiner erfreuen könnte, so würde ich schwerlich folgendes mit ihm geführte Gespräch, das der Zeitfolge nach einen andern Platz finden müßte, hier einschalten.

»Jeder Mensch,« sagte Goethe zu mir, »hat eigene Zustände. Da wir so vertraut sind, so lassen Sie hören, wo Sie Ihre Studien, wahrscheinlich in Prag, vollendet haben, welcher Studienplan auf der Prager Universität vorgeschrieben war, und welche Professoren nach diesem vortrugen. Es wird mir Alles angenehm sein, was Sie mir aus Ihren Erlebnissen erzählen wollen.«

[240] [In der folgenden Mittheilung über seine Gymnasialzeit zu Eger erwähnte Grüner der vorzüglichen erzieherischen Thätigkeit eines Exjesuiten Grassold.]

Darauf Goethe: »Wer kann in Abrede stellen, daß die Jesuiten große Gelehrte hatten, es ist löblich, daß Sie sich seiner so dankbar erinnern. Es wäre zu wünschen, daß diesen so lobenswürdigen Fußtapfen so manche Professoren folgen möchten. Wie viele Jahre mußten Sie im Gymnasium zubringen, bevor Sie bei der Universität aufgenommen wurden?«

[Nach Beantwortung dieser Frage erzählt Grüner seine Begegnisse auf der Universität in Prag und erwähnt dabei den Professor Meißner, der Ästhetik, sowie römische und griechische Literatur gelesen habe, worauf]

Goethe bemerkte: »Wenn ich nicht irre, hat Meißner den Ruf nach Prag durch die Herausgabe seines ›Alcibiades‹ erhalten. Er war in der römischen und griechischen Geschichte sehr bewandert, und hatte als Schriftsteller sich ein großes Publicum erworben. Wie waren Sie sonst mit ihm zufrieden?«

[Bei Beantwortung dieser Frage erzählte Grüner Beweise der Zuneigung der Studenten gelegentlich seines Abgangs nach Fulda, wobei]

Goethe sagte: »In Fulda, so wie ich hörte, hat Meißner mit seiner Familie traurige Schicksale erlebt,« – und forderte mich aus, weiter zu erzählen.

So fuhr ich denn fort: Der gute ehrwürdige Exjesuit Widra war Professor der Mathematik. Im [241] zweiten Semester der Logik1 erhielt der Director der philosophischen Fakultät Auftrag, die Stipendisten früher als die übrigen Hörer der Philosophie prüfen zu lassen. Da ich ein kleines Stipendium genoß, wurde ich auch dazu vorgeladen. Weil aber die bestimmte Prüfungszeit einige Wochen früher als die gewöhnliche angeordnet war, so war ich noch nicht gänzlich vorbereitet. Theils mußte ich, um mir besseren Unterhalt zu verschaffen, diese Zeit aus das Unterrichten von Kindern verwenden, theils war ich überzeugt gewesen, noch hinlängliche Zeit zu haben, um mich zur Prüfung gehörig vorzubereiten. Indeß ging es nicht wohl an, sie aufzuschieben und so unterzog ich mich ihr. Professor Widra sah in den Katalog, und da ich im ersten Semester gut von ihm klassificirt worden war, er vielleicht durch meine Prüfung Ehre vor dem Director einlegen wollte, gab er mir ein bedeutendes Problem zu lösen. Als er wahrnahm, daß ich aus der Tafel einen ganz falschen Ansatz machte, löschte er ihn mit dem Schwamm aus, sagte zu mir ganz leise: Etiam nihil didicisti, und gab mir einige leichte Fragen, die ich gut beantworten konnte.

Goethe lächelte, notirte sich etwas und später las ich in seinen gedruckten Aphorismen: Ein Professor[242] sagte zu seinem Schüler etiam nihil didicisti und ließ ihn für einen guten laufen.

Nachdem ich, sagte ich in meiner Erzählung fortfahrend, meine Lage und das Nachtheilige überdacht hatte, was durch eine schlechte Klasse für mich hätte entstehen können, faßte ich den ernstlichen Vorsatz, nie wieder anders als vollkommen vorbereitet zu einer Prüfung zu gehen. Mögen Eure Excellenz es nicht für Eitelkeit anrechnen, wenn ich anführe, daß ich den gefaßten Entschluß strenge gehalten, und auch von dieser Zeit an stets durchaus Vorzugsklassen, selbst bei den Prüfungen vor dem Appellationsgerichte, erworben habe.

Darauf Goethe: »Der Mensch kann Unglaubliches leisten, wenn er die Zeit einzutheilen und recht zu benutzen weiß. Ich erfreue mich an Ihren offenen Confessionen. Lassen Sie daher von Ihren Zuständen, Erlebnissen noch Weiteres hören.«

[Im weiteren Verfolg erwähnt Grüner seine Reisen als Student und wie er von Frankfurt a. M. enttäuscht gewesen sei, worauf]

Goethe sagte: »Im Jahre 1801 werden Sie nach Ihrer vorgefaßten Vorstellung Frankfurt freilich nicht günstig haben beurtheilen können. In wissenschaftlicher Hinsicht war Frankfurt von keiner Bedeutung.«

[Am Schlusse seiner Reiseberichte bemerkte Grüner, daß er dabei Entbehrungen und Anstrengungen mit Leichtigkeit ertragen habe.]

Darauf Goethe: »Sie haben mit Ihrem Körper schwere Proben versucht, und da Sie diese ohne nachtheilige [243] Folgen überstanden haben, so muß Ihnen eine lange gesunde Lebensdauer wohl in sicherer Aussicht stehen.«


1 Der erste Jahrgang des philosophischen Kursus pflegte auf den österreichischen Hochschulen Logik, der zweite Physik genannt zu werden.


[243] 854.*


1823, 1. Juli.


Mit Joseph Sebastian Grüner

Beim Einsteigen in den Wagen [zu einer Spazierfahrt nach dem Siech- oder Jägerhaus] wäre ich auf Goethes Wink zur rechten Hand zu sitzen gekommen, daher setzte ich mich so auf den Rücksitz, daß ich ihn nicht genirte. Aber ich mußte neben ihm Platz nehmen und nach einer Weile erzählte er mir folgende Anekdote:

»Unter dem Könige Ludwig XIV. von Frankreich rühmten die Hofleute einen Chevalier als den feinstartigen Mann in Frankreich. Laden Sie ihn zu einer Jagdpartie ein, befahl der König, ich will mich überzeugen. Als dieser Chevalier unter den gewöhnlichen Ceremonien vorgestellt war, gab der König ihm mit der Hand ein Zeichen, er möge sich in seinen Wagen setzen. Obschon er zur rechten Hand des Königs zu sitzen kam, so sprang er doch gleich in den Wagen zu dem angewiesenen Sitz; denn er nahm die Deutung des Königs als Befehl.«


[244] 855.*


1823, 12. Juli.


Mit Joseph Sebastian Grüner

und Jerome König von Westfalen

Ich fand Goethe äußerst aufgeheitert, sehr gut und lebhaft aussehend, und erlaubte mir daher die Bemerkung, daß die Kur in Marienbad ihm vortrefflich anschlage.

Goethe erwiederte: »Der Kur wegen reise ich nicht in die Badeörter, ich lebe hier sehr angenehm, die reine Lust und der Umgang mit liebenswürdigen Personen erheitern meine Tage. Unter andern sollen Sie auch die liebenswürdige polnische Gräfin Ludovica1, eine Virtuosin auf dem Fortepiano, hier kennen lernen. Nun, Freund, was haben Sie Gutes, Neues mitgebracht?«

Ich las nun die diktirte Relation über meine mineralogische Excursion, mehrere Bogen stark, vor, und war kaum noch zu Ende, als der Bediente den ehemaligen König von Westfalen meldete, und dieser sogleich trippelnd eintrat. Ich entfernte mich sofort in das Nebenzimmer, hörte ihn aber noch sagen: »Je suis bien faché,« worüber? konnte ich nicht mehr vernehmen, vielleicht schloß ich aus seiner Miene richtig: Deßhalb, weil Goethe sich zurückgezogen und ihn nicht besucht habe. Goethe war im gewohnten Schlafrocke, hatte nicht Zeit sich in ein anderes Gewand zu werfen, [245] und schien etwas überrascht zu sein, verlor aber, soviel ich noch im Weggehen bemerken konnte, nicht im Geringsten seine Haltung.

Ich ließ in Goethes Wohnung mein Manuscript zurück.


1 Gemeint ist Marie Szymanowska.


[245] 856.*


1823, 13. Juli.


Mit Joseph Sebastian Grüner

und dessen Gattin

Als ich ihn [Goethe] wieder, diesmal meine Frau mitbringend, besuchte, fand ich ihn mit meinem Manuscripte und mit der geognostischen Karte beschäftigt.

»Sie werden böse auf mich sein« sagte er zu meiner Frau, daß »Ihnen so viele Steine in das Haus gebracht werden.«

Die schönen Steine habe ich zwar gerne, erwiederte sie, aber er bringt so manche nach Hause, die so gemein aussehen, und wenn er beim Auspacken nur die polirten Tische verschonen möchte.

»Machen Sie sich nichts daraus«, sagte Goethe, »ich habe auch manche Fuhre zur Verbesserung der Wege wieder hinausgeschafft, die Sache läutert sich und macht uns Vergnügen, wenn wir eines Besseren belehrt werden; er weiß die Sache gehörig anzugreifen und durchzuführen; der Aufsatz, den er mir übergeben hat, macht mir vieles Vergnügen. Ich habe so eben einige große Klumpen Bergkrystall von einem [246] Juden eingehandelt, wovon ich Ihnen (mir hinlangend) einen übergebe.«

Es war ein Klumpen von mehreren Pfunden, der in Rauchtopas schon überzugehen schien.


[370] 1537.*


1823, Juli oder August.


Über österreichische Finanzen

Da der Onkel [Friedrich Jakob Lewald] ein Talent für Nachahmung besaß, wußte er sehr ergötzlich darzustellen, wie ein einfältiger österreichischer Graf sich eines Tages abgemüht, Goethe zu beweisen, daß es sehr leicht sei, sich in der Rechnung mit Münz-und Scheingeld zurechtzufinden. »Zwei Kreuzer sind fünf Kreuzer, und vier Kreuzer sind zehn Kreuzer, und zwei Gulden sind fünf Gulden« hatte der Graf immerfort erklärt, und Goethe hatte das mit unerschütterlicher Gelassenheit angehört. Endlich aber hatte er mit seiner olympischen Ruhe gesagt: »Daß das Publicum sich damit in's Gleiche zu setzen versteht, das glaube ich gern, wie aber die Regierung sich einmal aus dem Dilemma zwischen Schein und Sein herauswickeln und mit ihrer Finanzwirthschaft in Ordnung kommen wird, das möchte schwerer zu bestimmen sein.« Der Graf hatte ihn [371] indeß versichert, daß »das All's 'ne Kleinigkeit« sei und sich in bester Ordnung befinde, und Goethe ihn mit der Bemerkung entlassen: »Es soll mich sehr erfreuen, mein Herr Graf! in diesem Punkte mich geirrt zu haben.«


[371] 1538.*


1823, Juli oder August.


Mit Friedrich Jakob Lewald

Ein andermal hatte Goethe den Onkel um unsere Vaterstadt Königsberg befragt, die ihn um Kant's, Hamann's und Hippel's willen interessirte, und der Onkel konnte es nicht genug rühmen, wie vortrefflich Goethe durch seine wohlberechneten Fragen die Menschen bei demjenigen festzuhalten gewußt, was er von ihnen zu hören verlangt.


[119] 1721.*


1823, August.


Mit Theodor von Bernhardi

In Eger erfuhr ich, daß Goethe in Marienbad sei ..... Nach seinen letzten Werken sowohl, als nach allen Beschreibungen, dachte ich mir einen überaus vornehmen Minister, der alle Worte wie ein Orakel von sich giebt und sehr unzugänglich ist. Wie angenehm fand ich mich enttäuscht! Ich brachte dem freundlichen Greise einen Gruß von Dir [Friedrich Tieck] und ward sehr gut von ihm aufgenommen. Wenige Menschen habe ich noch getroffen, mit denen mir der Umgang so leicht geworden, und mehrere Tage verlebten wir ganz miteinander. Es schmeichelte meiner edleren Eitelkeit,... daß er mich zuletzt recht herzlich zu sich nach Weimar einlud.


[246] 857.*


1823, Mitte August.


Mit Karl Johann Braun von Braunthal

In Marienbad angekommen und in Klinger's Hotel mit Wagen und Pferd eingestellt, machte ich sofort ein wenig Toilette und begab mich auf den Weg. Ich stieg wallenden Blutes die Höhe – gradus ad Parnassum – hinan, wo Goethe thronte, wie überall, wo er wohnte. Von meinen »Werken« hatte ich nichts bei mir, als mein Tagebuch, ein Heft von zwölf Bogen, dessen Hälfte meine seltsame Autobiographie enthielt, während das Übrige aus Aphorismen über Goethe, Shakespeare u. a. bestand. Dieses Tagebuch sollte meine Visitenkarte vorstellen. Und so geschah es auch.

Ich trat mit heiliger Scheu in das kleine, von dem großen Manne bewohnte Haus ein und präsentirte mich seinem Secretär. Er ließ mich freundlich an, nahm mein Tagebuch... entgegen, bestellte mich auf den nächsten Tag um dieselbe Stunde (zwölf) und wünschte mir einen Guten-Morgen .....

Gegen zwölf stand ich im Vorzimmer von Goethes Wohnung ..... Eine Viertelstunde.. mochte hingeschwunden [247] sein, als der Secretär eintrat und mich mit den Worten begrüßte: »Wollen Sie sich in den Salon begeben! Der Herr Geheimrath wünscht Sie zu sprechen.«... Hier ..... that sich die eine der zwei Seitenthüren auf und ich befand mich nur ein paar Schritte weit vor dem leibhaftigen Jupiter Olympicus in einem weißflanellenen Schlafrocke.

– – – – – – – – – – – – – – – –

Er faßte mich in's Auge wie die königliche Boa Constrictor ein Reh; nur zermalmte er mich nicht, sondern schritt langsam dem Diwan zu,... mich mit sanfter Handbewegung einladend, ihm zu folgen und dann... an seiner Seite mich niederzulassen ..... Und nun an seiner, an Goethes Seite vernahm ich, immer noch halb träumend, mit einmal kräftige und zugleich melodische Töne wie Orgelklänge. Er begann mildernst das Gespräch und dabei empfand ich durch alle Glieder einen wohlthätigen Schlag, der davon herrührte, daß der herrliche Dichtergreis meine Hand, meine vor Entzücken und Verehrung zitternde Hand sanft erfaßte und mit seinen beiden Händen weich umrahmte, wobei er, den Blick auf mich ruhen lassend, also sprach:

»Ich habe Ihr Tagebuch durchblättert und werde noch bis zu Ihrer Abreise von Marienbad darin weiter lesen; ich fand des Annehmlichen und Zukunftsverheißenden bereits manches. Ihren da und dort ausgesprochenen Vorsatz, die Heimath [Österreich] zu verlassen, will ich nicht gutheißen. Sie haben ein schönes, [248] ein großes Vaterland, wo sich viel des Fördernden für Phantasie und Gemüth findet, vieles, das, richtig geschätzt und mit Eifer verwendet, zu erfreulichem Gedeihen, zu allseitig Wünschenswerthem zu führen vermag. Die scharfe Denkerluft Deutschlands dürfte wenigstens in Ihrer jetzigen Blüthezeit auf Ihr reizbares Wesen nachtheilig wirken, Versprechendes im Keime vernichten. Und so meine ich denn, mein junger Freund! Sie kehren heim, nehmen vielverheißend Begonnenes mit Besonnenheit auf, setzen fort und streben, Jugendliches zu Mannhaftem zu steigern, sich in sich selbst ergänzend. Haben Sie dann das eine oder das andere Werk zum Abschluß gebracht, so senden Sie es mir nach Weimar. Ich liebe jugendliches Streben auf diesem Gebiete und wende mich nur von dem sich überstürzenden ab ....«

So sprach Goethe zu mir. Mir waren mittlerweile die Augen feucht geworden, und nun begann ich, mir ein Herz fassend, meinen Entschluß zu begründen. Er hörte mir ruhig zu, ohne mich zu unterbrechen, immer meinen Blick und meine Hand festhaltend; dann aber nahm er wieder das Wort und seine Rede ward zu einem Strom flüssigen Goldes der – Wahrheit. Ich preßte hingerissen meine Lippen auf seine Rechte, erhob mich und schied von dem Herrlichen mit der feierlichen Zusage, ihm Folge zu leisten. – Und ich habe Wort gehalten.


[379] 1544.*


1823, zwischen Ende Mai und Anfang Juli.


Mit Joseph Stieler

Im Jahre 1828 erhielt Stieler von König Ludwig den ehrenvollen Auftrag, nach Weimar zu reisen, um den greisen Dichter nach dem Leben zu malen. »Wir müssen eilen,« sagte Goethe, bald nachdem Stieler bei ihm eingetreten war1, »wir müssen eilen, das Gesicht zu bekommen. Der Großherzog ist weggegangen« (mit Bezug auf dessen Tod) »und nicht wiedergekommen; wer verbürgt einem, daß man morgen erwacht?« Goethe war mit dem Portrait äußerst zufrieden und bemerkte [380] nach dessen Vollendung unter anderm scherzhaft: »Ich danke dem König, daß er nicht den Scharfrichter geschickt hat, um meinen Kopf zu besitzen. Hier ist mein Kopf von Ihnen auf eine bequeme Weise abgenommen.«...

Goethe äußerte einmal zu Stieler in Weimar: »Die Maler sind die Götter der Erde, nichts ist der Dichter: ein Buch muß er schreiben, um vor das Publicum treten zu können; auf einer Tafel mit einem Blick vermag der Künstler sich auszusprechen, die höchste und allgemeinste Wirkung zu erreichen.« – weiter bemerkte er: »Die bildende Kunst muß durch die Sinne des Gesichts empfangen werden, sie ist folglich durch die technischen Vollkommenheiten bedingt und ohne Zeichnung und Colorit, Schatten und Licht gar nicht denkbar. Ich schätze wegen letzterem die Engländer (!) sehr. Ich halte diese Vorzüge höher, als einen glücklichen Gedanken, der, wenn er dem Auge nicht gehörig vorgestellt wird, nur der Poesie angehört.« Goethe hatte bei diesem Ausspruch die Cornelius'sche Kunstrichtung im Sinne, die er kurzweg die »altdeutsche« nannte und über die er sich gegen Stieler, der sich dieser Richtung auf's Wärmste annahm, gar nicht sehr günstig äußerte. Dürer, sagte er, würde ein ganz anderer Künstler geworden sein, wenn er in Italien gelebt hätte, und nun lege man sich dieselben Fesseln an, welche Dürer und seine deutschen Kunstgenossen gern würden abgeschüttelt haben, wenn es ihre Zeit[381] erlaubt hätte. Ja, Goethe ging wunderlich genug so weit, den geleckten Retzsch als Illustrator des ›Faust‹ über Cornelius zu stellen. Er möge den Cornelius'schen ›Faust‹ nicht leiden, versicherte er; er trete nicht auseinander, er sei ihm zu altdeutsch und Goethe fügte hinzu: »Dieses Gedicht hat man sooft darstellen gesucht, ich halte aber dafür, daß es wenig für die bildende Kunst geeignet ist, weil es zu poetisch ist. Retzsch hat mehr das wirklich Darzustellende ergriffen.«

Einen starken Anknüpfungspunkt mündlichen, wie später schriftlichen Verkehrs zwischen beiden Männern bildete Goethes Farbenlehre. Der Künstler (Stieler) – heißt es in dem Aufsatz [von Marggraff im ›Abendblatt der Münchener Zeitung‹] – hatte längst die praktische Anwendbarkeit der Goethe'schen Lehre erprobt, und es darf uns daher nicht wundernehmen, wenn Goethe in solchen und ähnlichen Erfahrungen die Unumstößlichkeit seines Systems bestätigt fand.


1 Selbstverständlich irrige Zeitbestimmung; der Großherzog starb erst während St.'s Anwesenheit


[249] 858.*


1823, 20. August.


Mit Joseph Sebastian Grüner

Goethes Blick [bei der Fahrt von Marienbad nach Eger] war meistens nach oben gerichtet, er blieb wiederholt dabei, daß man auch dem Wolkenzuge durch häufige und genaue Beobachtung in verschiedenen Ländern, etwas abgewinnen könne. Schäfer und Hirten, die immer im Freien sich bewegen, wären dabei nicht außer Spiel zu lassen. Die Gegend, wo der Menilith bei Grottensee, Königswarther Herrschaft, vorkömmt, und welchen Professor Zippe den schaalichten Opal nannte, faßte er scharf ins Auge und sagte: Den wollen wir auch noch besuchen.


[249] 859.*


1823, 21. August.


Mit Joseph Sebastian Grüner

und C. S. von Knorring

Herr von Knorring, ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, war ein anmuthiger Gesellschafter. Von den verschiedenen witzigen Gesprächen habe ich bloß angemerkt, daß Herr von Knorring erzählte, er habe, als er durch die Stadt Dux fuhr, bei dem Thore auf einer Tafel geschrieben gefunden: »Hier ist verboten betteln zu gehen und Tabak zu rauchen.«

Der Schuhmacher Braunholder war zugleich Lichterzieher. [250] Die Aufschrift über seinem Laden war: »Braun holder Lichterzieher.«

In Riga gibt es ein Schild mit der Aufschrift: »Ach Jesu.«

Goethe erzählte: »Ein Nadelmacher hatte zum Hausschild: ›Das gequälte Herz,‹ das gequälte Herz war mit Nadeln durchstochen.«


[250] 860.*


1823, 23. August.


Mit Joseph Sebastian Grüner

Nach eingenommenem Gabelfrühstück und mitgenommenem Proviantfuhren wir früh neun Uhr nach Booden, um den Rehberg zu untersuchen. Goethe blieb auf der Höhe sitzen, und schlürfte aus einer vergoldeten Pilgrimschale von Silber den hineingegossenen Rheinwein. Ich ging um den Rehberg herum, und weil ich auf der West-, der Ost- und der Nordseite Thonschiefer fand, so berichtete ich, daß der Berg aus Thonschiefer bestehe.

»Haben Sie ihn auch auf der Südseite untersucht?« fragte Goethe, und als ich mit Nein antwortete, sagte er: »Ihr jungen Leute laßt euch durch Leidenschaft öfters zu Fehlschlüssen verleiten. Kann denn gegen Süden und im Innern nicht etwas Anderes als Thonschiefer sein? Es kann nicht der Schluß gezogen werden, daß, weil am Fuße des Berges südlich dieses und nördlich jenes Gestein vorkömmt, die ganze Unterlage des Berges [251] daraus besteht; denn es mag etwas dazwischen liegen. Ebenfalls ist nicht richtig, daß weil mich das Mädchen den ersten und dritten Tag geküßt hat, sie den zweiten Tag nicht auch einen anderen geküßt haben kann. Die Leidenschaft verleitet gewöhnlich den Menschen zu solchen Schlüssen.«

Er trank aus der Pilgrimsschale, ich mußte mich zu ihm setzen und seinen Wein, seinen Proviant mit verzehren helfen. Verweilen Eure Excellenz, sagte ich, hier noch, ich werde den Berg auch gegen Süden untersuchen, eilte von ihm weg, und kam sofort mit schöneren Basalten als vom Kammerbühle zurück; denn der Olivin in den Basaltschlacken war viel frischer und größer.

»Woher, Freund, haben Sie diese schönen Schlacken?« fragte Goethe, erhob sich in diesem Momente rasch wie ein Jüngling und sagte: »das müssen wir an Ort und Stelle untersuchen.«

Im Dorfe Booden am Fahrwege sind große Klumpen dieses porösen Basalts entblößt. Ein kleiner Hügel ist mit verschiedenen Schlacken bedeckt; es wurde in der Mitte desselben eine Vertiefung wahrgenommen, die schon größtentheils ausgefüllt ist. Die Einwohner sagten uns, daß dort eine große Vertiefung und in ihr auf der Sohle Wasser sich befunden habe. Nach und nach wäre sie durch das Hineinwerfen der Schlacken ausgefüllt worden.

Goethe war eifrig, dem großen Klumpen Basalt[252] etwas abzugewinnen; ich zerschlug, sammelte verschiedene Schlacken, die alle vorsichtig eingepackt und von mir und dem Diener nach der Höhe hinaufgetragen wurden.

»Wir haben«, sagte Goethe, »eine wichtige Entdeckung in dieser Gegend gemacht, die zu weiteren Nachforschungen dienen wird.«

Dann gingen wir in nördlicher Richtung den Berg abwärts auf das Dorf Albenreuth zu, wo auf den Feldern glänzende zertrümmerte Basalthornblende, nahe am Dorfe hohe Schichten von vulkanischem Sande mit porösen Basaltstückchen und Hornblende entdeckt wurden.

Als wir den schönen Fund nach der Heimkunft auspackten, sagte Goethe: »Morgen gibt es zu ordnen und zu verzeichnen. Sie bleiben doch noch bei mir, wir wollen noch Manches besprechen.«

Nachdem er das Oberkleid mit dem Schlafrock vertauscht hatte, mußte ich mich zu ihm setzen, und er sprach: »Wir haben heute unser Tagewerk vollbracht, und wollen nun ausruhen; diese merkwürdige Gegend wünschte ich doch mit Ihnen noch einmal zu besuchen, wenn es Ihre Geschäfte zulassen. Wir haben den in der Nähe östlich liegenden Dillenberg, wo die edlen Granaten vorkommen, noch nicht besucht, und der südlich von uns gelegene Berg, Hochwald genannt, dürfte nebst den schönen Andalusiten noch andere Ausbeute liefern. Ihre Gebirgskarte hat mich zu dem abermaligen Besuche bestimmt; denn ich glaube, daß die [253] Gebirgsformation gegen Westen aus anderem Gestein, als jene gegen Süden bestehe; die Thäler dazwischen und die äußere Form dieser Gebirge dürften meine Meinung bestärken. Finden wir bei der Trennung derselben Spalten Wasserrisse, so kommen wir bald ins Reine, auch den Bach dürfen wir nicht unbeachtet lassen, denn Regengüsse führen manches hinab, was wir brauchen, und uns daran erfreuen können.«


[253] 861.*


1823, 24. August.


Mit Joseph Sebastian Grüner,

sodann Heinrich Meyer

Die Kleidertracht der Egerländer bildete in meiner Abhandlung eine eigene Abtheilung. Ich hatte die älteste und die neueste Tracht bildlich dargestellt, um zu vergleichen, ob und in wieferne der allgemein herrschende Luxus auch auf sie eingewirkt habe. Zugleich gab ich den Stoff und das Ellenmaß bestimmt an, wobei ich die ältesten und die jüngsten Bauernschneider zu Rathe gezogen hatte.

»Das hat sein Gutes«; sagte Goethe, »man kann in der Folge wahrnehmen, ob und in wiefern der Luxus auf sie eingewirkt hat. Es wäre interessant, solche Aufzeichnungen auch von anderen Völkern zu haben.«

Abends kam Hofrath Meyer. »Einer meiner ältesten Freunde,« sagte Goethe, »dem ich in Beurtheilung von Kunstwerken viel zu verdanken habe.«

[254] Hofrath Meyer, ein anspruchsloser Mann, der im Dialekte den gebornen Schweizer noch etwas verrieth, schien bei dieser Äußerung Goethes in Verlegenheit zu gerathen. Goethe lenkte aber das Gespräch sogleich auf die früheren Zeiten, auf Italien, auf Rom, wo Hofrath Meyer sich insbesondere ausgebildet hatte. Von dem Gespräche zwischen Goethe und Meyer habe ich nur folgende Äußerung Goethes aufgezeichnet:

»Neue Erfindungen können und werden geschehen, allein es kann nichts Neues ausgedacht werden, was auf den sittlichen Menschen Bezug hat. Es ist alles schon gedacht, gesagt worden, was wir höchstens unter andern Formen und Ausdrücken wiedergeben können. Man komme über die Orientalen, da findet man erstaunliche Sachen.«


[254] 862.*


1823, 25. August.


Mit Joseph Sebastian Grüner

a.

Als Hofrath Meyer Abschied genommen hatte, sagte Goethe: »Den Tod dieses Mannes wünsche ich nicht zu überleben. Er ist ein gediegener tüchtiger, nicht zu ersetzender Mann. Ich bin an ihn gewöhnt, und er bleibt öfters bei mir bis Nachts ein Uhr.«

Die Zusammenkunft in Hartenberg bei dem Grafen Auersperg wurde besprochen.


b.

[255] Ich hatte Goethe zwar vorgeschlagen, den 28. August abermals in Hartenberg, wie es der Graf [Auersperg] so sehr wünschte, zu verleben, allein er war nicht dazu zu bewegen, schützte seine nothwendige Anwesenheit in Karlsbad vor.


[255] 863.*


1823, Anfang September (?).


Mit Marie und August Wilhelm Rehberg

Gern möchte ich... recht viel vom Gespräch mit Goethe erzählen können, aber es geht aus vielen Gründen nicht. Am Morgen, da ich bei ihm allein war, blieb natürlich die Unterhaltung in der Sphäre der Gewöhnlichkeit; ich hatte mich so gut in meinen Basenmantel1 eingemummt, daß ihm gar kein Zweifel aufsteigen konnte, als habe ich je eine Zeile von ihm gelesen, ja, ob ich überhaupt lesen und schreiben könne, blieb ungewiß. »Ach, sage Se mer doch, Ihr Excelenz, ob Se sich wieder recht gut befinde? Ach, wie wird sich mein Herr Vetter freie! Und viele, viele Leit werde sich freie. Is es denn wahr, daß Sie sich selbst curirt [256] habe? Die Leit habe sagt, die Docter hätte Sie nicht ksund mache könne.«

Er kam nicht aus dem Lächeln über die komische Base, zog sie immer wieder auf's Kanapee und sagte, ob sie denn heute nicht in Karlsbad bleiben wolle. »Ach nein, Ihr Ex.! Sehn Se, ich reis' mit einem alten Herrn, der hat absolut nich herkwollt; aber ich hab'n soviel kbitt, bis ers kthan hatt. Mer wolle nach Prag; das soll e schöne Stadt sein, und zu Dresde soviel schöne Bilder etc.« – Was war auf solches Zeug zu antworten und was konnte man so einer Base sagen?

Den Nachmittag hätte ich nun gar zu gern mir meinen Pardon allein geholt und ihn womöglich in die alte Zeit zurückgeführt, zu meinem Vater und Merck u.s.w., aber Rehberg wollte doch auch sein Theil von ihm haben und blieb »als verwünschter Dritter« dabei sitzen. Ich war nach meiner üblen Gewohnheit auf Reisen halb taub, und so entging mir vieles, was er mit R. über allerlei literarische Gegenstände und über Göttingen sprach. Er hat eine Herausgabe seiner Correspondenz mit Schiller vor, wovon ihn aber doch noch, wie er sagte, die Furcht abhielte, manchen unter den Lebendigen zu verletzen und Anstoß zu geben, was ihm Rehberg auszureden und ihn zu bewegen suchte, seine Correspondenz der Welt baldmöglichst zu schenken. Die Geschichte seines Lebens, sagte er, sei geschlossen. Ich brachte ihn doch noch auf Darmstadt und Merck, wobei er ein [257] Wort aussprach, was das ganze Leben Rehberg's bezeichnete und mir mit einem Blitzstrahl den Punkt erleuchtete, um den sich sein ganzes Schicksal gedreht hat. Ach! – konnte ich nicht umhin im Stillen zu seufzen – wer das R. vor 30 Jahren zugerufen hätte! Und wenn er's hätte befolgen können! Aber hier erkannte ich meinen Dichter, an dem ich vor allem den gefunden Menschenverstand bewundert habe, womit er immer den Nagel auf den Kopf trifft.

Überhaupt ist es nicht möglich, sich etwas Einfacheres, Natürlicheres, als sein Gespräch zu denken. Er ist sich seiner innern Kraft und Vollendung auf's Vollkommenste bewußt und läßt sich darum nur so ganz ruhig gehen. Sein Anstand ist vornehm, imposant, ohne eine Spur von Aufgeblasenheit, ohne die Steifheit, deren ihn so manche angeklagt haben. Manchmal geht seine Natürlichkeit in Naivetät über, und das steht ihm ganz bezaubernd. Im Laufe des Gesprächs erinnerte ich ihn einmal, daß er gesagt habe: Gott segne die Pedanten, da sie soviel Nützliches beschicken! »Ja,« sagte er freundlich, »das schickt sich wohl für mich, die Partie der Pedanten zu übernehmen, da ich selbst einer bin.« – Wenn man ihm etwas Verbindliches sagt, so zieht ein freundliches Lächeln über sein Gesicht, was ohne Worte zu sagen scheint: ich danke für Deine gute Absicht. – Die wenigen gütigen Zeilen, die er mir ins Reisestammbuch schrieb, habe ich Ihnen, glaub' ich, schon mitgetheilt.

[258] Beim Abschied nahm er noch zwei Steine aus seiner Mineraliensammlung und gab sie mir mit den Worten: »Ich muß Ihnen doch auch ein Andenken schenken! Da sind ein paar Steine; aber ich nenne sie nicht. Fragen Sie nur den ersten besten Mineralogen darnach.« – Auf meine Frage sagte mir Hausmann: der eine heiße Pyroxène – der Feuergast, der andere Amphibole – die Zweideutige. Da hatte ich also meine gnädige Strafe.


1 Frau Rehberg hatte sich als Verwandte des Geheimenrath Götz in Rüdesheim, bei welchem Goethe 1814 gewohnt, eingeführt.


[258] 864.*


1823, 6. September.


Mit Joseph Sebastian Grüner

und Graf Auersperg

[Grüner hatte von dem 1816 und 1817 herrschenden Nothstand gesprochen und dabei erwähnt, daß die Erzgebirger trotzdem nicht in Eger verblieben waren, wo ihnen Erwerb verschafft wurde.]

»Allerdings« – sagte Goethe – »hängen die Gebirgsbewohner mit ganzer Seele an ihrer Heimat. Wenn ich nicht irre, ist unter Ludwig XIV. unter den schwersten Strafen das Blasen einer Schalmei verboten worden, weil in den Schweizerregimentern die Leute dadurch zu sehr an ihre Heimat erinnert wurden, und viele an Heimweh dahinstarben. Der Fall, den Sie uns mittheilten, ist sehr merkwürdig und hätte öffentlich zur Warnung bekannt gemacht werden sollen.«


[259] 865.*


1823, 8. September.


Mit Joseph Sebastian Grüner

Beim Eintritte begrüßte mich Goethe freundlich mit: »Glück auf! Nun lassen Sie, mein Guter, Ihre neuen Acquisitionen sehen. Man würde Ihnen ans Herz greifen, wenn ich mir davon etwas wählen wollte.«

Für Eure Excellenz, sagte ich, steht Alles zu Diensten; denn ich habe Ihnen ja Alles zu verdanken.

Darauf Goethe: »Ich will Sie nicht beunruhigen, denn künftig ließen sie vielleicht Ihre vorzüglichsten Stücke mir nicht mehr sehen.«

Da er indeß die schön krystallisirten Andalusiten lobte, suchte ich einen vorzüglichen für ihn aus, den er wohlgefällig mit den Worten annahm: »Jemand anderem würden Sie ihn gewiß nicht so bereitwillig ohne reichlichen Ersatz gegeben haben; nicht wahr, mein Lieber?«

Bei Euer Excellenz sagte ich, gereicht es mir nur zum Vergnügen, und ich schätze mich glücklich, in den Stand gesetzt zu sein, nun etwas Annehmbares anbieten zu können, aber, wie gesagt, es bemächtigt sich meiner eine so unendliche Leidenschaft des Geizes, daß ich ihr kaum widerstehen kann; ich möchte nur immer schöne Mineralien acquiriren, und, wenn ich tausche, fällt es mir schwer, sehr schwer, mich von schönen Stufen zu trennen, und dennoch muß ich es thun, [260] weil der Freund dann gezwungen ist, mir auch schöne Sachen dafür zu liefern.

»Sie sind schon auf dem rechten Wege,« sagte Goethe, »so muß es kommen. Fahren Sie nur so fort, wo Ihre Arme noch nicht hinreichen, werde ich meine z.B. nach England, Chile, Sicilien ausstrecken.«

Während des in Goethes Tagebuche angemerkten Spazierganges richtete sein Auge sich bald auf das schöne Egerthal, bald auf die Wolken, denen, wie er sich oft äußerte, etwas abzugewinnen sei.

Bei meinem Abendbesuche erkundigte er sich über die Ceremonie bei Einführung eines Pfarrers, über die Anzahl der zum Eger'schen Magistrate gehörigen Patronate und über die Obliegenheit eines Patrons. Ich gab die erforderliche Auskunft.


[260] 866.*


1823, 13. September.


Mit Friedrich von Müller

Als ich Abends 7 Uhr bei ihm [Goethe] eintraf, lenkte sich das Gespräch gar bald auf Rehbein's Braut [Katharina v. Gravenegg], die dieser heimzuholen gerade jenen Abend nach Eger abgereist war. Diese schöne Gelegenheit ergriff der alte Herr auf's Schlauste, sein eignes Glaubensbekenntniß auszusprechen. Er lobte nämlich die Braut über alle Maaßen, nannte es aber doch einen dummen Streich, daß Rehbein sich so rasch [261] vereheliche. »Sie wissen«, sagte er, »wie ich alles Extemporiren hasse, vollends eine Verlobung oder Heirath aus dem Stegreife war mir von jeher ein wahrer Greuel. Eine Liebe wohl kann im Nu entstehen, und jede ächte Neigung muß irgend einmal gleich dem Blitze plötzlich aufgeflammt sein, aber wer wird sich denn gleich heirathen, wenn man liebt? Liebe ist etwas Ideelles, Heirathen etwas Reelles, und nie verwechselt man ungestraft das Ideelle mit dem Reellen. Solch ein wichtiger Lebensschritt will allseitig überlegt sein und längere Zeit hindurch, ob auch alle individuelle Beziehungen, wenigstens die meisten, zusammen passen. Übrigens ist Rehbein's Heirathsgeschichte so wunderbar, daß offenbar die Dämonen sich hineingemischt haben, und da hütete ich mich dagegen zu sprechen, ob ich gleich innerlich wüthend war.«


[261] 867.*


1823, 15. September.


Mit Johann Peter Eckermann

Nach einem beiderseitigen fröhlichen Begrüßen fing Goethe sogleich an über meine Angelegenheit zu reden.

»Ich muß gerade heraussagen,« begann er, »ich wünsche, daß Sie diesen Winter bei mir in Weimar bleiben.« Dies waren seine ersten Worte, dann ging er näher ein und fuhr fort: »In der Poesie und Kritik steht es mit Ihnen auf's beste, Sie haben darin ein [262] natürliches Fundament; das ist Ihr Metier, woran Sie sich zu halten haben und welches Ihnen auch sehr bald eine tüchtige Existenz zuwege bringen wird. Nun ist aber noch manches, was nicht eigentlich zum Fache gehört und was Sie doch auch wissen müssen. Es kommt aber darauf an, daß Sie hierbei nicht lange Zeit verlieren, sondern schnell darüber hinwegkommen. Das sollen Sie nun diesen Winter bei uns in Weimar, und Sie sollen sich wundern, wie weit Sie Ostern sein werden. Sie sollen von allem das beste haben, weil die besten Hilfsmittel in meinen Händen sind. Dann stehen Sie für's Leben fest und kommen zum Behagen und können überall mit Zuversicht auftreten.«

Ich freute mich dieser Vorschläge und sagte, daß ich mich ganz seinen Ansichten und Wünschen überlassen wolle.

»Für eine Wohnung in meiner Nähe,« fuhr Goethe fort, »werde ich sorgen; Sie sollen den ganzen Winter keinen unbedeutenden Moment haben. Es ist in Weimar noch viel Gutes beisammen, und Sie werden nach und nach in den höhern Kreisen eine Gesellschaft finden, die den besten aller großen Städte gleichkommt. Auch sind mit mir persönlich ganz vorzügliche Männer verbunden, deren Bekanntschaft Sie nach und nach machen werden und deren Umgang Ihnen im hohen Grade lehrreich und nützlich sein wird.«

Goethe nannte mir verschiedene angesehene Namen und bezeichnete mit wenigen Worten die besondern Verdienste jedes einzelnen.

[263] »Wo finden Sie«, fuhr er fort, »auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes? Auch besitzen wir eine ausgesuchte Bibliothek und ein Theater, was den besten anderer deutschen Städte in den Hauptsachen keineswegs nachsteht. Ich wiederhole daher: bleiben Sie bei uns, und nicht bloß diesen Winter, wählen Sie Weimar zu Ihrem Wohnort. Es gehen von dort die Thore und Straßen nach allen Enden der Welt. Im Sommer machen Sie Reisen und sehen nach und nach, was Sie zu sehen wünschen. Ich bin seit funfzig Jahren dort, und wo bin ich nicht überall gewesen! Aber ich bin immer gern nach Weimar zurückgekehrt.«


[263] 868.*


1823, 17. September.


Mit Johann Peter Eckermann

Gestern morgen, vor Goethes Abreise [von Jena] nach Weimar, war ich so glücklich, wieder ein Stündchen bei ihm zu sein. Und da führte er ein höchst bedeutendes Gespräch, was für mich ganz unschätzbar ist und mir auf mein ganzes Leben wohlthut. Alle jungen Dichter in Deutschland müßten es wissen, es könnte ihnen helfen.

Er leitete das Gespräch ein, indem er mich fragte, ob ich diesen Sommer keine Gedichte gemacht. Ich antwortete ihm, daß ich zwar einige gemacht, daß es mir aber imganzen dazu an Behagen gefehlt. »Nehmen Sie sich in Acht,« sagte er darauf, »vor einer großen [264] Arbeit! Das ist's eben, woran unsere Besten leiden, gerade diejenigen, in denen das meiste Talent und das tüchtigste Streben vorhanden. Ich habe auch daran gelitten und weiß, was es mir geschadet hat. Was ist da nicht alles in den Brunnen gefallen! Wenn ich alles gemacht hätte, was ich recht gut hätte machen können, es würden keine hundert Bände reichen.

Die Gegenwart will ihre Rechte; was sich täglich im Dichter von Gedanken und Empfindungen aufdrängt, das will und soll ausgesprochen sein. Hat man aber ein größeres Werk im Kopfe, so kann nichts daneben aufkommen, so werden alle Gedanken zurückgewiesen, und man ist für die Behaglichkeit des Lebens selbst so lange verloren. Welche Anstrengung und Verwendung von Geisteskraft gehört nicht dazu, um nur ein großes Ganzes in sich zu ordnen und abzurunden, und welche Kräfte und welche ruhige ungestörte Lage im Leben, um es dann in einem Fluß gehörig auszusprechen! Hat man sich nun im ganzen vergriffen, so ist alle Mühe verloren; ist man ferner bei einem so umfangreichen Gegenstande in einzelnen Theilen nicht völlig Herr seines Stoffes, so wird das Ganze stellenweise mangelhaft werden, und man wird gescholten; und aus allem entspringt für den Dichter statt Belohnung und Freude für so viele Mühe und Aufopferung nichts als Unbehagen und Lähmung der Kräfte. Faßt dagegen der Dichter täglich die Gegenwart auf, und behandelt er immer gleich in frischer Stimmung, was sich ihm darbietet, [265] so macht er sicher immer etwas Gutes, und gelingt ihm auch einmal etwas nicht, so ist nichts daran verloren.

Da ist der August Hagen in Königsberg ein herrliches Talent! Haben Sie seine ›Olfried und Lisena‹ gelesen? Da sind Stellen darin, wie sie nicht besser sein können: die Zustände an der Ostsee, und was sonst in dortige Lokalität hineinschlägt, alles meisterhaft. Aber es sind nur schöne Stellen, als Ganzes will es niemand behagen. Und welche Mühe und welche Kräfte hat er daran verwendet, ja er hat sich fast daran erschöpft! Jetzt hat er ein Trauerspiel gemacht!«

Dabei lächelte Goethe und hielt einen Augenblick inne. Ich nahm das Wort und sagte, daß, wenn ich nicht irre, er Hagen in »Kunst und Alterthum« gerathen, nur kleine Gegenstände zu behandeln. »Freilich habe ich das,« erwiederte Goethe; »aber thut man denn was wir Alten sagen? Jeder glaubt, er müsse es doch selber am besten wissen, und dabei geht mancher verloren, und mancher hat lange daran zu irren. Es ist aber jetzt keine Zeit mehr zum Irren, dazu sind wir Alten gewesen; und was hätte uns all unser Suchen und Irren geholfen, wenn ihr jüngern Leute wieder dieselbigen Wege laufen wolltet? Da kämen wir ja nie weiter! Uns Alten rechnet man den Irrthum zu gute, weil wir die Wege nicht gebahnt fanden; wer aber später in die Welt eintritt, von dem verlangt man mehr, der soll nicht abermals irren und suchen, sondern [266] er soll den Rath der Alten nutzen und gleich auf gutem Wege fortschreiten. Es soll nicht genügen, daß man Schritte thue, die einst zum Ziele führen, sondern jeder Schritt soll Ziel sein und als Schritt gelten.

Tragen Sie diese Worte bei sich herum und sehen Sie zu, was Sie davon mit sich vereinigen können. Es ist mir eigentlich um Sie nicht bange, aber ich helfe Ihnen durch mein Zureden vielleicht schnell über eine Periode hinweg, die Ihrer jetzigen Lage nicht gemäß ist. Machen Sie vor der Hand, wie gesagt, immer nur kleine Gegenstände, immer alles frischweg, was sich Ihnen täglich darbietet, so werden Sie in der Regel immer etwas Gutes leisten, und jeder Tag wird Ihnen Freude bringen. Geben Sie es zunächst in die Taschenbücher, in die Zeitschriften; aber fügen Sie sich nie fremden Anforderungen, sondern machen Sie es immer nach Ihrem eigenen Sinn. Die Welt ist so groß und reich und das Leben so mannigfaltig, daß es an Anlässen zu Gedichten nie fehlen wird. Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte sein, das heißt, die Wirklichkeit muß die Veranlassung und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetisch wird ein specieller Fall eben dadurch, daß ihn der Dichter behandelt. Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden. Von Gedichten aus der Luft gegriffen halte ich nichts.

Man sage nicht, daß es der Wirklichkeit an poetischem [267] Interesse fehle; denn eben darin bewährt sich ja der Dichter, daß er geistreich genug sei, einem gewöhnlichen Gegenstande eine interessante Seite abzugewinnen. Die Wirklichkeit soll die Motive hergeben, die auszusprechenden Punkte, den eigentlichen Kern; aber ein schönes belebtes Ganzes daraus zu bilden, ist Sache des Dichters. Sie kennen den Fürnstein, den sogenannten Naturdichter; er hat ein Gedicht gemacht über den Hopfenbau, es läßt sich nicht artiger machen. Jetzt habe ich ihm Handwerkslieder aufgegeben, besonders ein Weberlied, und ich bin gewiß, daß es ihm gelingen wird; denn er hat von Jugend auf unter solchen Leuten gelebt, er kennt den Gegenstand durch und durch, er wird Herr seines Stoffes sein. Und das ist eben der Vortheil bei kleinen Sachen, daß man nur solche Gegenstände zu wählen braucht und wählen wird, die man kennt, von denen man Herr ist. Bei einem großen dichterischen Werke geht das aber nicht, da läßt sich nicht ausweichen: alles, was zur Verknüpfung des Ganzen gehört und in den Plan hinein mit ver