Nach 1824.
Ich [Robert Springer] sprach dann über Goethe's Verhältniß zu Zelter und äußerte:... Zelter müsse meiner Vermuthung nach der intimste Freund Goethe's gewesen sein. Schuchardt wollte das nicht zugeben; Zelter sei zu einseitig gewesen. ›Derjenige‹, sagte er, ›mit welchem Goethe im herzlichsten Einvernehmen stand, war Heinrich Meyer.‹ – »Jedenfalls weil derselbe in allen Kunstanschauungen mit ihm übereinstimmte.« – ›Ja, aber merkwürdigerweise standen sie sich dessen ungeachtet immer gegenüber und hatten stets mit einander zu streiten.‹ – Dieß war mir neu und [134] widerlegte die oft ausgesprochene Behauptung, daß Goethe sich amliebsten mit unterthänigen Nachschleichern und solchen Leuten umgeben habe, die ihm keinen Widerspruch entgegensetzten.
Auf die eigenen Erfahrungen im Umgang mit Goethe hingelenkt, erzählte mir der alte Herr manche ausdrucksvolle Charakterzüge. ›Er war ein verdammt liebenswürdiger Kerl!‹ rief er, sich halb vergessend, in seiner treuherzigen thüringischen Mundart aus. ›Stets war er ruhig, heiter und human; ich habe ihn nie anders gesehen. Mit jedem hatte er Geduld und Nachsicht, selbst mit Kerlen, die ich amliebsten zur Thüre hinausgeworfen hätte. Erst im reiferen Alter wurde es mir klar, weshalb er jeden so ruhig und widerspruchslos anhörte: es lag ihm vorallem daran, die Menschen, mit denen er, wenn auch nur vorübergehend, zu thun hatte, kennen zu lernen, und er wußte wohl, daß dieß ambesten dadurch erreicht wird, wenn man das Individuum, anstatt es durch Widerspruch zu verwirren und zu reizen, frei seine Meinung aussprechen läßt. Auch an mir, dem damals noch jungen Mann, hatte er oft Gelegenheit seine Geduld und Nachsicht zu bewähren. Niemals schalt er, wenn ich gegen oder ohne seinen Willen nach meinem eigenen Sinne gehandelt hatte. Er fragte mich nur in größter Ruhe: ›Warum haben Sie das gethan?‹ und widerlegte mich dann mit wenigen überzeugenden Worten. In seinen Zurechtweisungen war er immer bündig und praktisch und einmal legte er mir selber [135] die Hand aus das Lineal zurecht, als ich mich beim Liniiren ungeschickt benahm. – Ein Dintenfleck aus dem Manuscript war ihm ein Greuel, aber dennoch wurde er niemals unwillig, sondern suchte mich einfürallemal durch eine kleine Anekdote zu bessern. ›Ich will Ihnen einmal etwas erzählen, junger Mann,‹ sagte er bei dieser Gelegenheit; ›wenn es dem Herzog von Gotha beim Briefschreiben begegnete, daß die Schleife eines Buchstabens, wie beim h, g u.s.w. in der Dinte zusammenlief, so fing er den Brief vonneuem an.‹‹
Ob Goethe beim Dictiren im Zimmer aufundnieder gegangen sei, fragte ich weiter; denn es war für mich von Interesse, zu erfahren, unter welchen äußeren Umständen sich die erhabensten Gedankenfrüchte aus der körperlichen Rinde gelöst hätten. ›Auf und nieder ging er nicht‹; war die Antwort; ›denn dazu fehlte es in dem engen Zimmer an Raum. Goethe ging, wenn er dictirte, um den Tisch herum. Von dieser Art des Dictirens können Sie sich schwerlich eine Vorstellung machen: es floß ihm ohne Unterbrechung, ohne Stockung vom Munde, daß man Mühe hatte, mit der Feder zu folgen. Keine Störung konnte ihn wesentlich irre machen. Es geschah leider oft genug, daß er durch lästige Besuche abgerufen wurde; er zog dann gewöhnlich in der Eile einen blauen Überrock an und begab sich [136] in das Empfangszimmer. Wenn er aber zurückkehrte, nahm er das Dictat an der Stelle wieder auf, wo er stehen geblieben war, ohne sich die letzten Sätze erst in die Erinnerung zurückrufen zu lassen.‹
Dieses geläufige Produciren, meinte ich, sei wol eben daraus zu erklären, daß Goethe schon vor dem Dictiren die Stoffe jahrelang in sich herumgetragen, in seinem Geiste bewegt und theilweise schon völlig ausgearbeitet habe. ›Freilich wol!‹ bestätigte Schuchardt. ›Meyer, gegen den ich mich verwundert darüber aussprach, erzählte mir sogar: Goethe habe ihn aus einer Fahrt von Jena nach Weimar im Wagen ganze Abschnitte aus den »Wahlverwandtschaften«, von denen damals noch nichts niedergeschrieben gewesen, so geläufig vorgetragen, als ob er von einem Buche abgelesen habe. Aber es erklärt sich besonders daraus, daß Goethe sich beim Vortrage ganz in die Sache versetzte, alle Vorgänge, die er schilderte, im Geiste miterlebte. Er sprach mit mächtiger Stimme, mit dramatischem Ausdruck, und ich fuhr manchmal zusammen, wenn er, mir zu den »Wanderjahren« dictirend, die Personen drastisch oder pathetisch vorführte. Dabei schien er weder mich noch irgendetwas von seiner alltäglichen Umgebung zu bemerken.‹
1825, 10. Januar.
Bei seinem großen Interesse für die englische Nation hatte Goethe mich ersucht, die hier anwesenden jungen Engländer ihm nach und nach vorzustellen. Heute um fünf Uhr erwartete er mich mit dem englischen Ingenieuroffizier Herrn H., von welchem ich ihm vorläufig viel Gutes hatte sagen können. Wir gingen also zur bestimmten Stunde hin und wurden durch den Bedienten in ein angenehm erwärmtes Zimmer geführt, wo Goethe in der Regel nachmittags und abends zu sein pflegt. Drei Lichter brannten auf dem Tische; aber Goethe war nicht darin, wir hörten ihn in dem anstoßenden Saale sprechen .....
Nachdem wir einige Minuten gewartet hatten, trat Goethe zu uns herein und begrüßte uns freundlich. »Ich darf Sie geradezu in deutscher Sprache anreden,« wendete er sich an Herrn H.; »denn ich höre, Sie sind im Deutschen schon recht bewandert.« Dieser erwiederte hierauf mit wenigem freundlich, und Goethe bat uns darauf, Platz zu nehmen.
Die Persönlichkeit des Herrn H. mußte auf Goethe einen guten Eindruck machen, denn seine große Liebenswürdigkeit und heitere Milde zeigte sich dem Fremden gegenüber heute in ihrer wahren Schönheit. »Sie [123] haben wohlgethan,« sagte er, »daß Sie, um deutsch zu lernen, zu uns herübergekommen sind, wo Sie nicht allein die Sprache leicht und schnell gewinnen, sondern auch die Elemente, worauf sie ruht, unsern Boden, Klima, Lebensart, Sitten, gesellschaftlichen Verkehr, Verfassung und dergleichen mit nach England im Geiste hinübernehmen.«
»Das Interesse für die deutsche Sprache,« erwiederte Herr H., »ist jetzt in England groß und wird täglich allgemeiner, sodaß jetzt fast kein junger Engländer von guter Familie ist, der nicht deutsch lernte.«
»Wir Deutschen,« versetzte Goethe freundlich, »haben es jedoch Ihrer Nation in dieser Hinsicht um ein halbes Jahrhundert zuvorgethan. Ich beschäftige mich seit fünfzig Jahren mit der englischen Sprache und Literatur, sodaß ich Ihre Schriftsteller und das Leben und die Einrichtung Ihres Landes sehr gut kenne. Käme ich nach England hinüber, ich würde kein Fremder sein.
Aber, wie gesagt, Ihre jungen Landsteute thun wohl, daß sie jetzt zu uns kommen und auch unsere Sprache lernen; denn nicht allein daß unsere eigene Literatur es an sich verdient, sondern es ist auch nicht zu leugnen, daß wenn einer jetzt das Deutsche gut versteht, er viele andere Sprachen entbehren kann. Von der französischen rede ich nicht, sie ist die Sprache des Umgangs und ganz besonders auf Reisen unentbehrlich, weil sie jeder versteht und man sich in allen Ländern mit ihr statt eines guten Dolmetschers aushelfen [124] kann. Was aber das Griechische, Lateinische, Italienische und Spanische betrifft, so können wir die vorzüglichsten Werke dieser Nationen in so guten deutschen Übersetzungen lesen, daß wir ohne ganz besondere Zwecke nicht Ursache haben, auf die mühsame Erlernung jener Sprachen viele Zeit zu verwenden. Es liegt in der deutschen Natur, alles Ausländische in seiner Art zu würdigen und sich fremder Eigenthümlichkeit zu bequemen. Dieses und die große Fügsamkeit unserer Sprache macht denn die deutschen Übersetzungen durchaus treu und vollkommen.
Und dann ist wohl nicht zu leugnen, daß man im allgemeinen mit einer guten Übersetzung sehr weit kommt. Friedrich der Große konnte kein Latein, aber er las seinen Cicero in der französischen Übersetzung ebenso gut als wir andern in der Ursprache.«
Dann das Gespräch auf das Theater wendend, fragte Goethe Herrn H., ob er es viel besuche. »Ich besuche das Theater jeden Abend,« antwortete dieser, »und ich finde, daß der Gewinn für das Verstehen der Sprache sehr groß ist.« – »Es ist merkwürdig,« erwiederte Goethe, »daß das Ohr und überall das Vermögen des Verstehens dem des Sprechens voraufeilt, sodaß einer bald sehr gut alles verstehen, aber keineswegs alles ausdrücken kann.« – »Ich finde täglich,« entgegnete Herr H., »daß diese Bemerkung sehr wahr ist; denn ich verstehe sehr gut alles, was gesprochen wird, auch sehr gut alles, was ich lese, ja ich fühle[125] sogar, wenn einer im Deutschen sich nicht richtig ausdrückt. Allein wenn ich spreche, so stockt es, und ich weiß nicht recht zu sagen was ich möchte. Eine leichte Conversation bei Hofe, ein Spaß mit den Damen, eine Unterhaltung beim Tanz und dergleichen gelingt mir schon. Will ich aber im Deutschen über einen höhern Gegenstand meine Meinung hervorbringen, will ich etwas Eigenthümliches und Geistreiches sagen, so stockt es und ich kann nicht fort.« – »Da trösten und beruhigen Sie sich nur,« erwiederte Goethe; »denn dergleichen Ungewöhnliches auszudrücken wird uns wohl in unserer eigenen Muttersprache schwer.«
Goethe fragte darauf Herrn H., was er von deutscher Literatur gelesen habe. »Ich habe den ›Egmont‹ gelesen,« antwortete dieser, »und habe an dem Buche so viele Freude gehabt, daß ich dreimal zu ihm zurückgekehrt bin. So auch hat ›Torquato Tasso‹ mir vielen Genuß gewährt. Jetzt lese ich den ›Faust‹; ich finde aber, daß er ein wenig schwer ist.« Goethe lachte bei diesen letzten Worten. »Freilich,« sagte er, »würde ich Ihnen zum ›Faust‹ noch nicht gerathen haben. Es ist tolles Zeug und geht über alle gewöhnlichen Empfindungen hinaus. Aber da Sie es von selbst gethan haben, ohne mich zu fragen, so mögen Sie sehen, wie Sie durchkommen. Faust ist ein so seltsames Individuum, daß nur wenige Menschen seine innern Zustände nachempfinden können. So der Character des Mephistopheles ist durch die Ironie und als lebendiges [126] Resultat einer großen Weltbetrachtung wieder etwas sehr Schweres. Doch sehen Sie zu, was für Lichter sich Ihnen dabei aufthun. Der ›Tasso‹ dagegen steht dem allgemeinen Menschengefühl bei weitem näher, auch ist das Ausführliche seiner Form einem leichtern Verständniß günstig.« – »Dennoch,« erwiederte Herr H., »hält man in Deutschland den ›Tasso‹ für schwer, sodaß man sich wunderte, als ich sagte, daß ich ihn lese.« – »Die Hauptsache beim ›Tasso‹,« sagte Goethe, »ist die, daß man kein Kind mehr sei und gute Gesellschaft nicht entbehrt habe. Ein junger Mann von guter Familie mit hinreichendem Geist und Zartsinn und genugsamer äußern Bildung, wie sie aus dem Umgange mit vollendeten Menschen der höhern und höchsten Stände hervorgeht, wird den ›Tasso‹ nicht schwer finden.«
Das Gespräch lenke sich auf den ›Egmont‹, und Goethe sagte darüber folgendes: »Ich schrieb den ›Egmont‹ im Jahre 1775, also vor fünfzig Jahren. Ich hielt mich sehr treu an die Geschichte und strebte nach möglichster Wahrheit. Als ich darauf zehn Jahre später in Rom war, las ich in den Zeitungen, daß die geschilderten revolutionären Scenen in den Niederlanden sich buchstäblich wiederholten. Ich sah daraus, daß die Welt immer dieselbige bleibt, und daß meine Darstellung einiges Leben haben mußte.«
Unter diesen und ähnlichen Gesprächen war die Zeit des Theaters herangekommen, und wir standen auf und wurden von Goethe freundlich entlassen.
[127] Im Nachhausegehen fragte ich Herrn H., wie ihm Goethe gefallen. »Ich habe nie einen Mann gesehen,« antwortete dieser, »der bei aller liebevollen Milde so viel angeborene Würde besäße. Er ist immer groß, er mag sich stellen und sich herablassen wie er wolle.«
1825, 18. Januar.
Ich ging heute um 5 Uhr zu Goethe, den ich in einigen Tagen nicht gesehen hatte, und verlebte mit ihm einen schönen Abend. Ich fand ihn in seiner Arbeitsstube in der Dämmerung sitzend, in Gesprächen mit seinem Sohn und dem Hofrath Rehbein, seinem Arzt. Ich setzte mich zu ihnen an den Tisch. Wir sprachen noch eine Weile in der Dämmerung; dann ward Licht gebracht, und ich hatte die Freude, Goethe vollkommen frisch und heiter vor mir zu sehen.
Er erkundigte sich, wie gewöhnlich, theilnehmend nach dem, was mir in diesen Tagen Neues begegnet, und ich erzählte ihm, daß ich die Bekanntschaft einer Dichterin1 gemacht habe. Ich konnte zugleich ihr nicht gewöhnliches Talent rühmen, und Goethe, der einige ihrer Produkte gleichfalls kannte, stimmte in dieses Lob mit ein. »Eins von ihren Gedichten,« sagte er, »wo sie eine Gegend ihrer Heimath beschreibt, ist von einem höchst eigenthümlichen Character. Sie hat eine [128] gute Richtung auf äußere Gegenstände, auch fehlt es ihr nicht an guten innern Eigenschaften. Freilich wäre auch manches an ihr auszusetzen, wir wollen sie jedoch gehen lassen und sie auf dem Wege nicht irren, den das Talent ihr zeigen wird.«
Das Gespräch kam nun auf die Dichterinnen im allgemeinen, und der Hofrath Rehbein bemerkte, daß das poetische Talent der Frauenzimmer ihm oft als eine Art von geistigem Geschlechtstriebe vorkomme. »Da hören Sie nur,« sagte Goethe lachend, indem er mich ansah, »geistigen Geschlechtstrieb! – wie der Arzt das zurechtlegt!« – »Ich weiß nicht, ob ich mich recht ausdrücke,« fuhr dieser fort, »aber es ist so etwas. Gewöhnlich haben diese Wesen das Glück der Liebe nicht genossen, und sie suchen nun in geistigen Richtungen Ersatz. Wären Sie zu rechter Zeit verheirathet und hätten sie Kinder geboren, sie würden an poetische Productionen nicht gedacht haben.«
»Ich will nicht untersuchen,« sagte Goethe, »in wiefern Sie in diesem Falle recht haben; aber bei Frauenzimmertalenten anderer Art habe ich immer gefunden, daß sie mit der Ehe aufhörten. Ich habe Mädchen gekannt, die vortrefflich zeichneten, aber sobald sie Frauen und Mütter wurden, war es aus; sie hatten mit den Kindern zu thun und nahmen keinen Griffel mehr in die Hand.
Doch unsere Dichterinnen,« fuhr er sehr lebhaft fort, »möchten immer dichten und schreiben so viel sie [129] wollten, wenn nur unsere Männer nicht wie die Weiber schrieben! Aber das ist es, was mir nicht gefällt. Man sehe doch nur unsere Zeitschriften und Taschenbücher, wie das alles so schwach ist und immer schwächer wird! Wenn man jetzt ein Kapitel des ›Cellini‹ im ›Morgenblatt‹ abdrucken ließe, wie würde sich das ausnehmen!
Unterdessen,« fuhr er heiter fort, »wollen wir es gut sein lassen und uns unsers kräftigen Mädchens in Halle [Therese Albertine Luise v. Jakob] freuen, die uns mit männlichem Geiste in die serbische Welt einführt. Die Gedichte sind vortrefflich! Es sind einige darunter, die sich dem ›Hohen Liede‹ an die Seite setzen lassen, und das will etwas heißen. Ich habe den Aufsatz über diese Gedichte beendigt, und er ist auch bereits abgedruckt.« Mit diesen Worten reichte er mir die ersten vier Aushängebogen eines neuen Heftes von ›Kunst und Alterthum‹ zu, wo ich diesen Aufsatz fand. »Ich habe die einzelnen Gedichte ihrem Hauptinhalte nach mit kurzen Worten characterisirt, und Sie werden sich über die köstlichen Motive freuen. Rehbein ist ja auch der Poesie nicht unkundig, wenigstens was den Gehalt und Stoff betrifft, und er hört vielleicht gern mit zu, wenn Sie diese Stelle vorlesen.«
Ich las den Inhalt der einzelnen Gedichte langsam.
– – – – – – –
Ich bemerkte, daß diese bloßen Motive so viel Leben in mir anregten, als läse ich die Gedichte selbst, und daß ich daher nach dem Ausgeführten gar kein Verlangen trage.
[130] »Sie haben ganz recht,« sagte Goethe, »es ist so. Aber Sie sehen daraus die große Wichtigkeit der Motive, die niemand begreifen will. Unsere Frauenzimmer haben davon nun vollends keine Ahnung. Dies Gedicht ist schön, sagen sie, und denken dabei blos an die Empfindungen, an die Worte, an die Verse. Daß aber die wahre Kraft und Wirkung eines Gedichts in der Situation, in den Motiven besteht, daran denkt niemand. Und aus diesem Grunde werden denn auch Tausende von Gedichten gemacht, wo das Motiv durchaus null ist und die blos durch Empfindungen und klingende Verse eine Art von Existenz vorspiegeln. Überhaupt haben die Dilettanten und besonders die Frauen von der Poesie sehr schwache Begriffe. Sie glauben gewöhnlich, wenn sie nur das Technische loshätten, so hätten sie das Wesen und wären gemachte Leute; allein sie sind sehr in der Irre.«
Professor Riemer ließ sich melden; Hofrath Rehbein empfahl sich. Riemer setzte sich zu uns. Das Gespräch über die Motive der serbischen Liebesgedichte ging fort. Riemer kannte schon, wovon die Rede war, und er machte die Bemerkung, daß man nach den obigen Inhaltsandeutungen nicht allein Gedichte machen könne, sondern daß auch jene Motive, ohne sie aus dem Serbischen gekannt zu haben, von deutscher Seite schon wären gebraucht und gebildet worden. Er gedachte hierauf einiger Gedichte von sich selber, so wie mir während dem Lesen schon [131] einige Gedichte von Goethe eingefallen waren, die ich erwähnte.
»Die Welt bleibt immer dieselbe,« sagte Goethe, »die Zustände wiederholen sich; das eine Volk lebt, liebt und empfindet wie das andere, warum sollte denn der eine Poet nicht wie der andere dichten? Die Situationen des Lebens sind sich gleich, warum sollten denn die Situationen der Gedichte sich nicht gleich sein?«
»Und eben diese Gleichheit des Lebens und der Empfindungen,« sagte Riemer, »macht es ja, daß wir imstande sind, die Poesie anderer Völker zu verstehen. Wäre dieses nicht, so würden wir ja bei ausländischen Gedichten nie wissen, wovon die Rede ist.«
»Mir sind daher,« nahm ich das Wort, »immer die Gelehrten höchst seltsam vorgekommen, welche die Meinung zu haben scheinen, das Dichten geschehe nicht vom Leben zum Gedicht, sondern vom Buche zum Gedicht. Sie sagen immer: das hat er dort her, und das dort! Finden sie z.B. beim Shakespeare Stellen, die bei den Alten auch vorkommen, so soll er es auch von den Alten haben! So giebt es unter andern beim Shakespeare eine Situation, wo man beim Anblick eines schönen Mädchens die Eltern glücklich preist, die sie Tochter nennen, und den Jüngling glücklich, der sie als Braut heimführen wird. Und weil nun beim Homer dasselbige vorkommt, so soll es der Shakespeare auch vom Homer haben! Wie wunderlich! Als ob man nach solchen Dingen so weit zu gehen brauchte, und [132] als ob man dergleichen nicht täglich vor Augen hätte und empfände und ausspräche!«
»Ach ja,« sagte Goethe, »das ist höchst lächerlich.«
»So auch,« fuhr ich fort, »zeigt selbst Lord Byron sich nicht klüger, wenn er Ihren ›Faust‹ zerstückelt und der Meinung ist, als hätten Sie dieses hier her und jenes dort.«
»Ich habe,« sagte Goethe, »alle jene von Lord Byron angeführten Herrlichkeiten größtentheils nicht einmal gelesen, viel weniger habe ich daran gedacht, als ich den ›Faust‹ machte. Aber Lord Byron ist nur groß, wenn er dichtet; sobald er reflectirt, ist er ein Kind. So weiß er sich auch gegen dergleichen ihn selbst betreffende unverständige Angriffe seiner eigenen Nation nicht zu helfen; er hätte sich stärker dagegen ausdrücken sollen. Was da ist, das ist mein – hätte er sagen sollen, und ob ich es aus dem Leben oder aus dem Buche genommen, das ist gleichviel; es kam blos darauf an, daß ich es recht gebrauchte! Walter Scott benutzte eine Scene meines ›Egmont‹, und er hatte ein Recht dazu, und weil es mit Verstand geschah, so ist er zu loben. So auch hat er den Character meiner Mignon in einem seiner Romane nachgebildet; ob aber mit ebenso viel Weisheit, ist eine andere Frage. Lord Byron's verwandelter Teufel ist ein fortgesetzter Mephistopheles, und das ist recht. Hätte er aus origineller Grille ausweichen wollen, er hätte es schlechter machen müssen. So singt mein [133] Mephistopheles ein Lied von Shakespeare, und warum sollte er das nicht? Warum sollte ich mir die Mühe geben, ein eigenes zu erfinden, wenn das von Shakespeare eben recht war und eben das sagte, was es sollte? Hat daher auch die Exposition meines ›Faust‹ mit der des ›Hiob‹ einige Ähnlichkeit, so ist das wiederum ganz recht, und ich bin deswegen eher zu loben als zu tadeln.«
Goethe war in der besten Laune. Er ließ eine Flasche Wein kommen, wovon er Riemern und mir einschenkte; er selbst trank Marienbader Wasser. Der Abend schien bestimmt zu sein, mit Riemern das Manuscript seiner fortgesetzten Selbstbiographie durchzugehen, um vielleicht hinsichtlich des Ausdrucks hin und wieder noch einiges zu verbessern. »Eckermann bleibt wohl bei uns und hört mit zu,« sagte Goethe, welches mir sehr lieb war zu vernehmen. Und so legte er denn Riemern das Manuscript vor, der mit dem Jahre 1795 zu lesen anfing.
In Goethen . . . war die geschilderte Lebensepoche rege, er schwelgte in Erinnerungen und ergänzte bei Erwähnung einzelner Personen und Vorfälle das Geschriebene durch detaillirte mündliche Erzählung. Es war ein köstlicher Abend! Der bedeutensten mitlebenden Männer ward wiederholt gedacht; zu Schillern jedoch, der dieser Epoche von 1795 bis 1800 am engsten verflochten war, kehrte das Gespräch immer von neuem zurück. Das Theater war ein Gegenstand ihres gemeinsamen [134] Wirkens gewesen; so auch fallen Goethes vorzüglichste Werke in jene Zeit: der ›Wilhelm Meister‹ wird beendigt, ›Hermann und Dorothea‹ gleich hinterher entworfen und geschrieben, ›Cellini‹ übersetzt für die ›Horen‹, die ›Xenien‹ gemeinschaftlich gedichtet für ›Schillers Musenalmanach‹. An täglichen Berührungspunkten war kein Mangel. Dieses alles kam nun diesen Abend zur Sprache, und es fehlte Goethen nicht an Anlaß zu den interessantesten Äußerungen.
»›Hermann und Dorothea‹«, sagte er unter anderm, »ist fast das einzige meiner größern Gedichte, das mir noch Freude macht; ich kann es nie ohne innigen Antheil lesen. Besonders lieb ist es mir in der lateinischen Übersetzung; es kommt mir da vornehmer vor, als wäre es, der Form nach, zu seinem Ursprunge zurückgekehrt.«
Auch vom ›Wilhelm Meister‹ war wiederholt die Rede. »Schiller,« sagte er, »tadelte die Einflechtung des Tragischen, als welches nicht in den Roman gehöre. Er hatte jedoch unrecht, wie wir alle wissen. In seinen Briefen an mich sind über den ›Wilhelm Meister‹ die bedeutendsten Ansichten und Äußerungen. Es gehört dieses Werk übrigens zu den incalculabelsten Productionen, wozu mir fast selbst der Schlüssel fehlt. Man sucht einen Mittelpunkt, und das ist schwer und nicht einmal gut. Ich sollte meinen: ein reiches mannigfaltiges Leben, das unsern Augen vorübergeht, wäre auch an sich etwas ohne ausgesprochene Tendenz, die [135] doch blos für den Begriff ist. Will man aber dergleichen durchaus, so halte man sich an die Worte Friedrich's, die er am Ende an unsern Helden richtet, indem er sagt: ›Du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand.‹ Hieran halte man sich; denn im Grunde scheint doch das Ganze nichts anderes sagen zu wollen, als daß der Mensch trotz aller Dummheiten und Verwirrungen, von einer höhern Hand geleitet, doch zum glücklichen Ziele gelange.«
Der großen Cultur der mittlern Stände ward darauf gedacht, die sich seit den letzten funfzig Jahren über Deutschland verbreitet, und Goethe schrieb die Verdienste hierum weniger Lessing zu als Herder und Wieland. »Lessing,« sagte er, »war der höchste Verstand, und nur ein ebenso großer konnte von ihm wahrhaft lernen. Dem Halbvermögen war er gefährlich.« Er nannte einen Journalisten, der sich nach Lessing gebildet und am Ende des vorigen Jahrhunderts eine Rolle, aber keine edle gespielt habe, weil er seinem großen Vorgänger so weit nachgestanden.
»Wielanden,« sagte Goethe, »verdankt das ganze obere Deutschland seinen Stil. Es hat viel von ihm gelernt, und die Fähigkeit, sich gehörig auszudrücken, ist nicht das geringste.«
Bei Erwähnung der ›Xenien‹ rühmte Goethe besonders die von Schiller, die er scharf und schlagend nannte, dagegen seine eigenen unschuldig und geringe. [136] »Den ›Thierkreis‹«, sagte er, »welcher von Schiller ist, lese ich stets mit Bewunderung. Die guten Wirkungen, die sie zu ihrer Zeit auf die deutsche Literatur ausübten, sind gar nicht zu berechnen. Viele Personen wurden bei dieser Gelegenheit genannt, gegen welche die ›Xenien‹ gerichtet waren; ihre Namen sind jedoch meinem Gedächtniß entgangen.«
Nachdem nun so, von diesen und hundert andern interessanten Äußerungen und Einflechtungen Goethes unterbrochen, das gedachte Manuscript bis zu Ende des Jahres 1800 vorgelesen und besprochen war, legte Goethe die Papiere an die Seite und ließ an einem Ende des großen Tisches, an dem wir saßen, decken und ein kleines Abendessen bringen. Wir ließen es uns wohl sein; Goethe selbst rührte aber keinen Bissen an, wie ich ihn denn nie abends habe essen sehen. Er saß bei uns, schenkte uns ein, putzte die Lichter und erquickte uns überdieß geistig mit den herrlichsten Worten. Das Andenken Schiller's war in ihm so lebendig, daß die Gespräche dieser letzten Hälfte des Abends nur ihm gewidmet waren.
Riemer erinnerte an Schiller's Persönlichkeit. »Der Bau seiner Glieder, sein Gang auf der Straße, jede seiner Bewegungen« sagte er, »war stolz, nur die Augen waren sanft.« – »Ja,« sagte Goethe, »alles übrige an ihm war stolz und großartig, aber seine Augen waren sanft. Und wie sein Körper war sein Talent. Er griff in einen großen Gegenstand kühn [137] hinein und betrachtete und wendete ihn hin und her, und sah ihn so an und so, und handhabte ihn so und so. Er sah seinen Gegenstand gleichsam nur von außen an, eine stille Entwickelung aus dem Innern war nicht seine Sache. Sein Talent war mehr desultorisch. Deßhalb war er auch nie entschieden und konnte nie fertig werden; er wechselte oft noch eine Rolle kurz vor der Probe. Und wie er überall kühn zu Werke ging, so war er auch nicht für vieles Motiviren. Ich weiß, was ich mit ihm beim ›Tell‹ für Noth hatte, wo er geradezu den Geßler einen Apfel vom Baum brechen und vom Kopf des Knaben schießen lassen wollte. Dies war nun ganz gegen meine Natur, und ich überredete ihn, diese Grausamkeit doch wenigstens dadurch zu motiviren, daß er Tells Knaben mit der Geschicklichkeit seines Vaters gegen den Landvogt großthun lasse, indem er sagt, daß er wohl auf hundert Schritte einen Apfel vom Baume schieße. Schiller wollte anfänglich nicht daran, aber er gab doch endlich meinen Vorstellungen und Bitten nach und machte es so, wie ich ihm gerathen.
Daß ich dagegen oft zu viel motivirte, entfernte meine Stücke vom Theater. Meine ›Eugenie‹ ist eine Kette von lauter Motiven, und dies kann auf der Bühne kein Glück machen.
Schiller's Talent war recht für's Theater geschaffen. Mit jedem Stücke schritt er vor und ward er vollendeter; doch war es wunderlich, daß ihm noch [138] von den ›Räubern‹ her ein gewisser Sinn für das Grausame anklebte, der selbst in seiner schönsten Zeit ihn nie ganz verlassen wollte. So erinnere ich mich noch recht wohl, daß er im ›Egmont‹ in der Gefängnißscene, wo diesem das Urtheil vorgelesen wird, den Alba in einer Maske und in einen Mantel gehüllt im Hintergrunde erscheinen ließ, um sich an dem Effect zu weiden, den das Todesurtheil auf Egmont haben würde. Hierdurch sollte sich der Alba als unersättlich in Rache und Schadenfreude darstellen. Ich protestirte jedoch, und die Figur blieb weg. Er war ein wunderlicher großer Mensch.
Alle acht Tage war er ein anderer und ein vollendeterer; jedesmal wenn ich ihn wiedersah, erschien er mir vorgeschritten in Belesenheit, Gelehrsamkeit und Urtheil. Seine Briefe sind das schönste Andenken, das ich von ihm besitze, und sie gehören mit zu dem Vortrefflichsten, was er geschrieben. Seinen letzten Brief bewahre ich als ein Heiligthum unter meinen Schätzen.« Goethe stand auf und holte ihn. »Da sehen und lesen Sie,« sagte er, indem er mir ihn zureichte.
Der Brief war schön und mit kühner Hand geschrieben. Er enthielt ein Urtheil über Goethes Anmerkungen zu ›Rameaus Neffen‹, welche die französische Literatur jener Zeit darstellen, und die er Schillern in Manuscript zur Ansicht mitgetheilt hatte. Ich las den Brief Riemern vor. »Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein Urtheil treffend und beisammen ist, und wie die [139] Handschrift durchaus keine Spur irgend einer Schwäche verräth. Er war ein prächtiger Mensch, und bei völligen Kräften ist er von uns gegangen. Dieser Brief ist vom 24. April 1805 – Schiller starb am 9. Mai.«
Wir betrachteten den Brief wechselsweise und freuten uns des klaren Ausdrucks wie der schönen Handschrift, und Goethe widmete seinem Freunde noch manches Wort eines liebevollen Andenkens, bis es spät gegen elf Uhr geworden war und wir gingen.
1 Agnes Franz?
1825, 26. Januar.
Ich traf ihn in den vordern Zimmern und brachte ihm Hiob1 zum Geschenk von Umbreit. »Es ist ein schwer zu verstehendes Buch, man wird nie darüber einig werden; einige setzen es sogar vor Moses. Ich habe meine eigenen Gedanken darüber, die ich aber nicht aufdringen will.«
Von mir an die Herausgabe der Fortsetzung vom ›Diwan‹ erinnert, erwiederte er, sie müsse bis zur Herausgabe seiner sämmtlichen Werke verschoben bleiben, die er durchaus noch bei Lebzeiten besorgen und daher Bedacht [140] nehmen müsse, daß täglich etwas zu diesem Zwecke Förderliches geschehe und geleistet werde.
Seine ›zahmen Xenien‹ lagen im Manuscript vor ihm. In einer derselben kommt vor: ›Auch den Verdruß müsse man sich zu Nutze machen, denn er sei ja auch ein Theil und zwar ein großer des Lebens.‹
Er commentirte viel hierüber, entfernte sich dann und ließ mich nach einer kleinen Weile ins hintere Zimmer rufen, da es ihm um diese Abendzeit in dem kleinen stillen Raume wohnlicher sei. Und auch mir war es so. Ich las ihm aus einem Briefe des Grafen Reinhard vor, worin eine Stelle über Jacobi vorkommt.
Dies gab zu den herrlichsten Schilderungen von Jacobi's Persönlichkeit und zu höchst wichtigen Aufschlüssen über ihn und sein Verhältniß zu Goethe Anlaß, die ich immer noch mehr durch Vorlesung anschlagender Stellen aus Jacobi's Briefsammlung hervorzurufen bemüht war.
»Die Speculation, die metaphysische,« sagte er, »ist Jacobi's Unglück geworden: war er doch eigentlich nicht dazu geboren noch erzogen. Ihm haben die Naturwissenschaften gemangelt, und mit dem bischen Moral allein läßt sich doch keine große Weltansicht fassen. Er war mehr zu einem liebenswürdigen, seinen Hof- und Weltmann geboren, zumal bei unverkennbarer Eitelkeit, die man ihm jedoch nicht verargen muß. Es kommt nur darauf an, ob sie sich nach außen oder[141] nach innen richtet. Von stattlicher Figur, edler Haltung, seinen Manieren und würdigem Ernst, wüßte ich nicht leicht mir eine liebenswürdigere Erscheinung zu denken als eben Jacobi.
Ihm starb aber seine heitere, lebensfrohe, tüchtige Gattin, die eine echt niederländische Figur, wie wir sie in Rubens besten Gestaltungen finden, viel zu früh.
Bei seinem Bedürfniß nach weiblicher Pflege und Anregung fiel er dann bald unter die Tutel seiner Schwestern, die sich die Herrschaft über ihn anmaßten und ihn verweichlichten. Die jüngere, klar, voll Verstand und Character, aber auch voll Einseitigkeit und bitterer Schärfe, ist für ihn und andere zu einem wahren Reibeisen geworden.«
Wir kamen auf den Hofrath Wilhelm Müller aus Dessau zu sprechen, der uns dieser Tage besucht hatte. »Es ist mir eine unangenehme Personnage, sagte er, suffisant, überdieß Brillen tragend, was mir das Allerunleidlichste ist. Frau von Varnhagen und die Arnim haben mir Müllers Gattin ganz richtig geschildert, die wirklich recht liebenswürdig ist. Die Arnim ist übrigens jetzt selten mehr redlich, sondern erzschelmisch. Was sie in früheren Jahren sehr gut gekleidet, die halb Mignon- halb Gurli-Maske, nimmt sie jetzt nur als Gaukelei vor, um ihre List und Schelmerei zu verbergen. Das italienische Blut in ihr hat freilich die Mignon auf's lebhafteste auffassen müssen. Solche problematische Charactere aber interessiren mich immer, um so mehr, [142] je schwieriger es mir wird, sie zu erklären und zu entziffern.
Ich muß gestehen, ich wüßte auch nichts mit der ewigen Seligkeit anzufangen, wenn sie mir nicht neue Aufgaben und Schwierigkeiten zu besiegen böte. Aber dafür ist wohl gesorgt, wir dürfen nur die Planeten und Sonnen anblicken, da wird es auch Nüsse genug zu knacken geben.«
Seine Monita zu meinem Brief an den König von Bayern wollte er auch heute nicht kund geben.
»Mit der Farbenlehre ist es wie mit dem Whistspiel; man lernt nie aus, muß es aber beständig spielen, um weiter zu kommen. Es läßt sich nur darin thun, nicht überliefern, nicht lehren.
Jede Hoffnung ist eigentlich eine gute That.«
1 Übersetzung und Auslegung von Fr. W. Umbreit. Heidelberg 1824.
1825, 24. Februar.
»Wäre es meine Sache noch, dem Theater vorzustehen,« sagte Goethe diesen Abend, »ich würde Byron's ›Dogen von Venedig‹ auf die Bühne bringen. Freilich ist das Stück zu lang und es müßte gekürzt werden; aber man müßte nichts daran schneiden und streichen, sondern es so machen: man müßte den Inhalt jeder Scene in sich aufnehmen und ihn blos kürzer wiedergeben. Dadurch würde das Stück zusammengehen, ohne [143] daß man ihm durch Änderungen schadete, und es würde an kräftiger Wirkung durchaus gewinnen, ohne im wesentlichen von seinem Schönen etwas einzubüßen.«
Diese Äußerung Goethes gab mir eine neue Ansicht, wie man beim Theater in hundert ähnlichen Fällen zu verfahren habe, und ich war über diese Maxime, die freilich einen guten Kopf, ja einen Poeten voraussetzt, der seine Sache versteht, höchst erfreut.
Wir sprachen über Lord Byron weiter, und ich erwähnte, wie er in seinen Conversationen mit Medwin es als etwas höchst Schwieriges und Undankbares ausgesprochen habe, für das Theater zu schreiben. »Es kommt darauf an,« sagte Goethe, »daß der Dichter die Bahn zu treffen wisse, die der Geschmack und das Interesse des Publicums genommen hat. Fällt die Richtung des Talents mit der des Publicums zusammen, so ist alles gewonnen. Diese Bahn hat Houwald mit seinem ›Bilde‹ getroffen, daher der allgemeine Beifall. Lord Byron wäre vielleicht nicht so glücklich gewesen, insofern seine Richtungen von der des Publicums abwichen. Denn es fragt sich hierbei keineswegs, wie groß der Poet sei; vielmehr kann ein solcher, der mit seiner Persönlichkeit aus dem allgemeinen Publicum wenig hervorragt, oft eben dadurch die allgemeinste Gunst gewinnen.«
Wir setzten das Gespräch über Lord Byron fort, und Goethe bewunderte sein außerordentliches Talent. [144] »Dasjenige, was ich die Erfindung nenne,« sagte er, »ist mir bei keinem Menschen in der Welt größer vorgekommen als bei ihm. Die Art und Weise, wie er einen dramatischen Knoten löst, ist stets über alle Erwartung und immer besser als man es sich dachte.« – »Mir geht es mit Shakespeare so,« erwiederte ich, »namentlich mit dem Falstaff, wenn er sich festgelogen hat und ich mich frage, was ich ihn thun lassen würde, um sich wieder loszuhelfen, wo denn freilich Shakespeare alle meine Gedanken bei weitem übertrifft. Daß aber Sie ein Gleiches von Lord Byron sagen, ist wohl das höchste Lob, das diesem zu theil werden kann. Jedoch,« fügte ich hinzu, »steht der Poet, der Anfang und Ende klar übersieht, gegen den befangenen Leser bei weitem im Vortheil.«
Goethe gab mir recht und lachte dann über Lord Byron, daß er, der sich im Leben nie gefügt und der nie nach einem Gesetz gefragt, sich endlich dem dümmsten Gesetz der drei Einheiten unterworfen habe. »Er hat den Grund dieses Gesetzes so wenig verstanden,« sagte er, »als die übrige Welt. Das Faßliche ist der Grund, und die drei Einheiten sind nur insofern gut, als dieses durch sie erreicht wird. Sind sie aber dem Faßlichen hinderlich, so ist es immer unverständig, sie als Gesetz betrachten und befolgen zu wollen. Selbst die Griechen, von denen diese Regel ausging, haben sie nicht immer befolgt; im ›Phaëthon‹ des Euripides und in andern Stücken wechselt der Ort, und man sieht also, daß die [145] gute Darstellung ihres Gegenstandes ihnen mehr galt als der blinde Respect vor einem Gesetz, das an sich nie viel zu bedeuten hatte. Die Shakespeare'schen Stücke gehen über die Einheit der Zeit und des Orts so weit hinaus als nur möglich; aber sie sind faßlich, es ist nichts faßlicher als sie, und deshalb würden auch die Griechen sie untadelig finden. Die französischen Dichter haben dem Gesetz der drei Einheiten am strengsten Folge zu leisten gesucht, aber sie sündigen gegen das Faßliche, indem sie ein dramatisches Gesetz nicht dramatisch lösen, sondern durch Erzählung.«
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Goethe fuhr über Lord Byron zu reden fort. »Seinem stets ins Unbegrenzte strebenden Naturell,« sagte er, »steht jedoch die Einschränkung, die er sich durch Beobachtung der drei Einheiten auflegte, sehr wohl. Hätte er sich doch auch im Sittlichen so zu begrenzen gewußt! Daß er dieses nicht konnte, war sein Verderben, und es läßt sich sehr wohl sagen, daß er an seiner Zügellosigkeit zu Grunde gegangen ist.
Er war gar zu dunkel über sich selbst. Er lebte immer leidenschaftlich in den Tag hin und wußte und bedachte nicht, was er that. Sich selber alles erlaubend und an andern nichts billigend, mußte er es mit sich selbst verderben und die Welt gegen sich aufregen. Mit seinen ›English Bards and Scotch Reviewers‹ verletzte [146] er gleich anfänglich die vorzüglichsten Literatoren. Um nachher nur zu leben, mußte er einen Schritt zurücktreten. In seinen folgenden Werken ging er in Opposition und Mißbilligung fort; Staat und Kirche blieben nicht unangetastet. Dieses rücksichtslose Hinwirken trieb ihn aus England und hätte ihn mit der Zeit auch aus Europa getrieben. Es war ihm überall zu enge, und bei der grenzenlosesten persönlichen Freiheit fühlte er sich beklommen; die Welt war ihm ein Gefängniß. Sein Gehen nach Griechenland war kein freiwilliger Entschluß, sein Mißverhältniß mit der Welt trieb ihn dazu. Daß er sich vom Herkömmlichen, Patriotischen lossagte, hat nicht allein einen so vorzüglichen Menschen persönlich zu Grunde gerichtet, sondern sein revolutionärer Sinn und die damit verbundene beständige Agitation des Gemüths hat auch sein Talent nicht zur gehörigen Entwickelung kommen lassen. Auch ist die ewige Opposition und Mißbilligung seinen vortrefflichen Werken selbst, so wie sie daliegen, höchst schädlich. Denn nicht allein daß das Unbehagen des Dichters sich dem Leser mittheilt, sondern auch alles opponirende Wirken geht auf das Negative hinaus, und das Negative ist nichts. Wenn ich das Schlechte schlecht nenne, was ist da viel gewonnen? Nenne ich aber gar das Gute schlecht, so ist viel geschadet. Wer recht wirken will, muß nie schelten, sich um das Verkehrte gar nicht bekümmern, sondern nur immer das Gute thun. Denn es kommt nicht darauf an, daß eingerissen, sondern daß [147] etwas aufgebaut werde, woran die Menschheit reine Freude empfinde.«
Ich erquickte mich an diesen herrlichen Worten und freute mich der köstlichen Maxime.
»Lord Byron,« fuhr Goethe fort, »ist zu betrachten: als Mensch, als Engländer, und als großes Talent. Seine guten Eigenschaften sind vorzüglich vom Menschen herzuleiten; seine schlimmen, daß er ein Engländer und ein Peer von England war; und sein Talent ist incommensurabel.
Alle Engländer sind als solche ohne eigentliche Reflexion; die Zerstreuung und der Parteigeist lassen sie zu keiner ruhigen Ausbildung kommen. Aber sie sind groß als praktische Menschen.
So konnte Lord Byron nie zum Nachdenken über sich selbst gelangen; deswegen auch seine Reflexionen überhaupt ihm nicht gelingen wollen, wie sein Symbolum: Viel Geld und keine Obrigkeit! beweist, weil durchaus vieles Geld die Obrigkeit paralysirt.
Aber alles, was er produciren mag, gelingt ihm, und man kann wirklich sagen, daß sich bei ihm die Inspiration an die Stelle der Reflexion setzt. Er mußte immer dichten, und da war denn alles, was vom Menschen, besonders vom Herzen ausging, vortrefflich. Zu seinen Sachen kam er wie die Weiber zu schönen Kindern: sie denken nicht daran und wissen nicht wie.
Er ist ein großes Talent, ein geborenes, und die [148] eigentlich poetische Kraft ist mir bei niemand größer vorgekommen als bei ihm. In Auffassung des Äußern und klarem Durchblick vergangener Zustände ist er ebenso groß als Shakespeare. Aber Shakespeare ist als reines Individuum überwiegend. Dieses fühlte Byron sehr wohl, deshalb spricht er vom Shakespeare nicht viel, obgleich er ganze Stellen von ihm auswendig weiß. Er hätte ihn gern verleugnet; denn Shake speare's Heiterkeit ist ihm im Wege: er fühlt, daß er nicht dagegen aufkann. Pope verleugnet er nicht, weil er ihn nicht zu fürchten hatte. Er nennt und achtet ihn vielmehr wo er kann; denn er weiß sehr wohl, daß Pope nur eine Wand gegen ihn ist«
Goethe schien über Byron unerschöpflich, und ich konnte nicht satt werden ihm zuzuhören. Nach einigen kleinen Zwischengesprächen fuhr er fort:
»Der hohe Stand als englischer Peer war Byron sehr nachtheilig; denn jedes Talent ist durch die Außenwelt genirt, geschweige eins bei so hoher Geburt und so großem Vermögen. Ein gewisser mittler Zustand ist dem Talent bei weitem zuträglicher, weshalb wir denn auch alle großen Künstler und Poeten in den mittlern Ständen finden. Byron's Hang zum Unbegrenzten hätte ihm bei einer geringern Geburt und niederm Vermögen bei weitem nicht so gefährlich werden können; so aber stand es in seiner Macht, jede Anwandlung in Ausführung zu bringen, und das verstrickte ihn in unzählige Händel. Und wie sollte [149] ferner dem, der selbst aus so hohem Stande war, irgend ein Stand imponiren und Rücksicht einflößen? Er sprach aus, was sich in ihm regte, und das brachte ihn mit der Welt in einen unauflöslichen Conflict.
Man bemerkt mit Verwunderung,« fuhr Goethe fort, »welcher große Theil des Lebens eines vornehmen reichen Engländers in Entführungen und Duellen zugebracht wird. Lord Byron erzählt selbst, daß sein Vater drei Frauen entführt habe. Da sei einer einmal ein vernünftiger Sohn!
Er lebte eigentlich immer im Naturzustande, und bei seiner Art zu sein mußte ihm täglich das Bedürfniß der Nothwehr vorschweben. Deßwegen sein ewiges Pistolenschießen. Er mußte jeden Augenblick erwarten, herausgefordert zu werden.
Er konnte nicht allein leben. Deßwegen war er trotz aller seiner Wunderlichkeiten gegen seine Gesellschaft höchst nachsichtig. Er las das herrliche Gedicht über den Tod des Generals Moore einen Abend vor, und seine edeln Freunde wissen nicht, was sie daraus machen sollen. Das rührt ihn nicht, und er steckt es wieder ein. Als Poet beweist er sich wirklich wie ein Lamm. Ein anderer hätte sie dem Teufel übergeben!«
1825, 9. März.
Goethe, der sehr freundlich war, sprach heute über die gefährliche Zerstreuung durch Tageslectüre: »der Mensch nimmt am Ende doch nur an, was ihm gemäß ist.«
1825, 21. März.
Heute Nachmittag gab mir Goethe seinen Wunsch zu erkennen, mich und Riemern zu Executoren seines literarischen Nachlasses zu machen.
1825, 22. März.
[Nach Erzählung des Theaterbrandes in der Nacht vom 21. zum 22. März berichtet Eckermann:]
Ich ging nach Hause, um ein wenig zu ruhen, dann im Laufe des Vormittags zu Goethe.
Der Bediente sagte mir, er sei unwohl und im Bette. Doch ließ Goethe mich in seine Nähe rufen. Er streckte mir seine Hand entgegen. »Wir haben alle verloren,« sagte er, »allein was ist zu thun! Mein Wölfchen kam diesen Morgen früh an mein Bette; er[151] faßte meine Hand, und indem er mich mit großen Augen ansah, sagte er: ›So geht's den Menschen!‹ Was läßt sich weiter sagen als dieses Wort meines lieben Wolf, womit er mich zu trösten suchte. Der Schauplatz meiner fast dreißigjährigen liebevollen Mühe liegt in Schutt und Trümmer. Allein, wie Wolf sagt, so geht's den Menschen! Ich habe die ganze Nacht wenig geschlafen; ich sah aus meinen vordern Fenstern die Flamme unaufhörlich gegen den Himmel steigen. Sie mögen denken, daß mir mancher Gedanke an die alten Zeiten, an meine vieljährigen Wirkungen mit Schiller und an das Herankommen und Wachsen manches lieben Zöglings durch die Seele gegangen ist, und daß ich nicht ohne einige innere Bewegung davongekommen bin. Ich denke mich daher heute auch ganz weislich zu Bette zu halten.«
Ich lobte ihn wegen seiner Vorsicht. Doch schien er mir nicht im geringsten schwach und angegriffen, vielmehr ganz behaglich und heiterer Seele. Es schien mir vielmehr dieses im Bette Liegen eine alte Kriegslist zu sein, die er bei irgend einem außerordentlichen Ereigniß anzuwenden pflegt, wo er den Zudrang vieler Besuche fürchtet.
Goethe bat mich, auf einem Stuhle vor seinem Bette Platz zu nehmen und ein wenig dazubleiben. »Ich habe viel an Euch gedacht und Euch bedauert,« sagte er. »Was wollt Ihr nun mit Euern Abenden anfangen!«
[152] »Sie wissen,« erwiederte ich, »wie leidenschaftlich ich das Theaterliebe. Als ich vor zwei Jahren hierher kam, kannte ich außer drei bis vier Stücken, die ich in Hannover gesehen, so gut wie gar nichts. Nun war mir alles neu, Personal wie Stücke; und da ich nun nach Ihrem Rath mich ganz den Eindrücken der Gegenstände hingab, ohne darüber viel zu denken und reflectiren zu wollen, so kann ich in Wahrheit sagen, daß ich diese beiden Winter im Theater die harmlosesten, lieblichsten Stunden verlebt habe, die mir je zutheil geworden. Auch war ich in das Theater so vernarrt, daß ich nicht allein keine Vorstellung versäumte, sondern mir auch Zutritt zu den Proben verschaffte; ja, auch damit noch nicht zufrieden, konnte ich wohl am Tage, wenn ich im Vorbeigehen zufällig die Thüren offen fand, mich halbe Stunden lang auf die leeren Bänke des Parterre setzen und mir Scenen imaginiren, die man etwa jetzt spielen könnte.«
»Ihr seid eben ein verrückter Mensch,« erwiederte Goethe lachend; »aber so hab' ich's gerne. Wollte Gott, das ganze Publicum bestände aus solchen Kindern! Und im Grunde habt Ihr recht, es ist was. Wer nicht ganz verwöhnt und hinlänglich jung ist, findet nicht leicht einen Ort, wo es ihm so wohl sein könnte als im Theater. Man macht an Euch gar keine Ansprüche, Ihr braucht den Mund nicht aufzuthun, wenn Ihr nicht wollt; vielmehr sitzt Ihr im völligen Behagen wie ein König und laßt Euch alles bequem vorführen[153] und Euch Geist und Sinne tractiren, wie Ihr es nur wünschen könnt. Da ist Poesie, da ist Malerei, da ist Gesang und Musik, da ist Schauspielkunst, und was nicht noch alles! Wenn alle diese Künste und Reize von Jugend und Schönheit an einem einzigen Abend, und zwar auf bedeutender Stufe, zusammenwirken, so giebt es ein Fest, das mit keinem andern zu vergleichen. Wäre aber auch einiges schlecht und nur einiges gut, so ist es immer noch mehr, als ob man zum Fenster hinaussähe oder in irgend einer geschlossenen Gesellschaft beim Dampf von Cigarren eine Partie Whist spielte. Das weimarische Theater ist wie Sie fühlen, noch keineswegs zu verachten; es ist immer noch ein alter Stamm aus unserer besten Zeit da, dem sich neuere frische Talente zugebildet haben, und wir können immer noch etwas produciren, das reizt und gefällt und wenigstens den Schein eines Ganzen bietet.«
»Ich hätte es vor zwanzig, dreißig Jahren sehen mögen!« versetzte ich.
»Das war freilich eine Zeit,« erwiederte Goethe, »die uns mit großen Avantagen zu Hilfe kam. Denken Sie sich, daß die langweilige Periode des französischen Geschmacks damals noch nicht gar lange vorbei und das Publicum noch keineswegs überreizt war, daß Shakespeare noch in seiner ersten Frische wirkte, daß die Opern von Mozart jung, und endlich daß die Schiller'schen Stücke erst von Jahr zu Jahr hier entstanden und auf dem weimarischen Theater, durch ihn [154] selber einstudirt, in ihrer ersten Glorie gegeben wurden – und Sie können sich vorstellen, daß mit solchen Gerichten Alte und Junge zu tractiren waren, und daß wir immer ein dankbares Publicum hatten.«
»Ältere Personen,« bemerkte ich, »die jene Zeit erlebt haben, können mir nicht genug rühmen, auf welcher Höhe das weimarische Theater damals gestanden.«
»Ich will nicht leugnen,« erwiederte Goethe, »es war etwas. Die Hauptsache aber war dieses, daß der Großherzog mir die Hände durchaus frei ließ, und ich schalten und machen konnte wie ich wollte. Ich sah nicht auf prächtige Decorationen und eine glänzende Garderobe, aber ich sah auf gute Stücke. Von der Tragödie bis zur Posse, mir war jedes Genre recht; aber ein Stück mußte etwas sein, um Gnade zu finden. Es mußte groß und tüchtig, heiter und graziös, auf alle Fälle aber gesund sein und einen gewissen Kern haben. Alles Krankhafte, Schwache, Weinerliche und Sentimentale, sowie alles Schreckliche, Greuelhafte und die gute Sitte Verletzende war ein für allemal ausgeschlossen; ich hätte gefürchtet, Schauspieler und Publicum damit zu verderben.
Durch die guten Stücke aber hob ich die Schauspieler; denn das Studium des Vortrefflichen und die fortwährende Ausübung des Vortrefflichen mußte nothwendig aus einem Menschen, den die Natur nicht im Stich gelassen, etwas machen. Auch war ich mit den Schauspielern in beständiger persönlicher Berührung. [155] Ich leitete die Leseproben und machte jedem seine Rolle deutlich; ich war bei den Hauptproben gegenwärtig und besprach mit ihnen, wie etwas besser zu thun; ich fehlte nicht bei den Vorstellungen und bemerkte am andern Tage alles, was mir nicht recht erschienen.
Dadurch brachte ich sie in ihrer Kunst weiter. Aber ich suchte auch den ganzen Stand in der äußern Achtung zu heben, indem ich die Besten und Hoffnungsvollsten im meine Kreise zog und dadurch der Welt zeigte, daß ich sie eines geselligen Verkehrs mit mir werth achtete. Hierdurch geschah aber, daß auch die übrige höhere weimarische Gesellschaft hinter mir nicht zurückblieb und daß Schauspieler und Schauspielerinnen in die besten Zirkel bald einen ehrenvollen Zutritt gewannen. Durch alles mußte für sie eine große innere wie äußere Cultur hervorgehen. Mein Schüler Wolff in Berlin sowie unser Durand sind Leute von dem feinsten geselligen Tact; Herr Ols und Graff haben hinreichende höhere Bildung, um der besten Gesellschaft Ehre zu machen.
Schiller verfuhr in demselbigen Sinne wie ich. Er verkehrte mit Schauspielern und Schauspielerinnen sehr viel. Er war gleich mir bei allen Proben gegenwärtig, und nach jeder gelungenen Vorstellung von einem seiner Stücke pflegte er sie zu sich einzuladen und sich mit ihnen einen guten Tag zu machen. Man freute sich gemeinsam an dem, was gelungen, und besprach sich über das, was etwa das nächste Mal besser [156] zu thun sei. Aber schon als Schiller bei uns eintrat, fand er Schauspieler wie Publicum bereits im hohen Grade gebildet vor, und es ist nicht zu leugnen, daß es dem raschen Erfolg seiner Stücke zugute kam.«
Es machte mir viel Freude, Goethe so ausführlich über einen Gegenstand sprechen zu hören, der für mich immer ein großes Interesse hatte und der besonders durch das Unglück dieser Nacht bei mir obenauf war.
»Der heutige Brand des Hauses,« sagte ich, »in welchem Sie und Schiller eine lange Reihe von Jahren so viel Gutes gewirkt, beschließt gewissermaßen auch äußerlich eine große Epoche, die für Weimar so bald nicht zurückkommen dürfte. Sie müssen doch in jener Zeit bei Ihrer Leitung des Theaters und bei dem außerordentlichen Erfolge, den es hatte, viel Freude erlebt haben!«
»Auch nicht geringe Last und Noth!« erwiederte Goethe mit einem Seufzer.
»Es mag schwer sein,« sagte ich, »ein so vielköpfiges Wesen in gehöriger Ordnung zu halten.«
»Sehr viel,« erwiederte Goethe, »ist zu erreichen durch Strenge, mehr durch Liebe, das meiste aber durch Einsicht und eine unparteiische Gerechtigkeit, bei der kein Ansehen der Person gilt.
Ich hatte mich vor zwei Feinden zu hüten, die mir hätten gefährlich werden können. Das eine war meine leidenschaftliche Liebe des Talents, die leicht in den Fall kommen konnte, mich parteiisch zu machen; [157] das andere will ich nicht aussprechen, aber Sie werden es errathen. Es fehlte bei unserm Theater nicht an Frauenzimmern, die schön und jung und dabei von großer Anmuth der Seele waren. Ich fühlte mich zu mancher leidenschaftlich hingezogen, auch fehlte es nicht, daß man mir auf halbem Wege entgegenkam. Allein ich faßte mich und sagte: Nicht weiter! Ich kannte meine Stellung und wußte, was ich ihr schuldig war. Ich stand hier nicht als Privatmann, sondern als Chef einer Anstalt, deren Gedeihen mir mehr galt als mein augenblickliches Glück. Hätte ich mich in irgend einen Liebeshandel eingelassen, so würde ich geworden sein wie ein Compaß, der unmöglich recht zeigen kann, wenn er einen einwirkenden Magnet an seiner Seite hat.
Dadurch aber, daß ich mich durchaus rein erhielt und immer Herr meiner selbst blieb, blieb ich auch Herr des Theaters, und es fehlte mir nie die nöthige Achtung, ohne welche Autorität bald dahin ist.«
Dieses Bekenntniß Goethes war mir sehr merkwürdig. Ich hatte bereits von andern etwas Ähnliches über ihn vernommen und freute mich, jetzt aus seinem eigenen Munde die Bestätigung zu hören. Ich liebte ihn mehr als je und verließ ihn mit einem herzlichen Händedruck.
1825, 22. März.
Nach dem Theaterbrande besuchte ich Goethen, der sehr angegriffen war. »Die Brandstätte ist das Grab meiner Erinnerungen. Aber,« setzte er hinzu, »nur durch frische Thätigkeit sind die Widerwärtigkeiten zu überwinden, und ich will deßhalb noch heute mit Riemer eine Session halten.«
1825, kurz nach dem 22. März.
Für die Stimmung Goethes in jenen Tagen giebt eine Außerung Meyer's Licht, der zum Kanzler Müller sagte: Ich begreife nicht, warum Goethe sich so außerordentlich um das Theater betrübt. Ich habe mich aber nie vermessen, ihm meine Ansichten und Empfindlichkeiten aufdringen zu wollen, sonst wären wir wohl auch nicht so gute Freunde geblieben. Ich habe das Hinwegsetzen über unabwendliche Ereignisse gerade in Goethes Schule gelernt, und nun wird er seiner Lehre selbst untreu. Was will er mit »traurigen Vorzeichen für das Jubeljahr«?
1825, 24. März.
[Eckermann] bei Goethe zu Tische. Der Verlust des Theaters bildete fast den ausschließlichen Gegenstand des Gesprächs. Frau von Goethe und Fräulein Ulrike lebten in Erinnerung glücklicher Stunden, die sie in dem alten Hause genossen. Sie hatten sich aus dem Schutt einige Reliquien gesucht, die sie für unschätzbar hielten; es war aber am Ende weiter nichts als einige Steine und angebrannte Stücke einer Tapete. Aber diese Stücke sollten gerade von der Stelle sein, wo sie auf dem Balcon ihre Plätze gehabt!
»Die Hauptsache ist,« sagte Goethe, »daß man sich schnell fasse und sich so schnell als möglich wieder einrichte. Ich würde schon in nächster Woche wieder spielen lassen, im Fürstenhause, oder im großen Saale des Stadthauses, gleichviel. Nur darf keine zu lange Pause eintreten, damit das Publicum für seine langweiligen Abende sich nicht erst andere Ressourcen suche.«
»Aber von Decorationen ist ja so gut wie gar nichts gerettet!« bemerkte man.
»Es bedarf keiner vielen Decorationen,« erwiederte Goethe. »Auch bedarf es keiner großen Stücke. Auch ist gar nicht nöthig, daß man ein Ganzes gebe, noch weniger ein großes Ganzes. Die Hauptsache ist, daß[160] man Sachen wählt, bei denen kein großer Ortswechsel stattfindet. Irgend ein einactiges Lustspiel, oder eine einactige Posse oder Operette. Dann irgend eine Arie, irgend ein Duett, irgend ein Finale einer beliebten Oper – und Ihr werdet schon ganz passabel zufrieden sein. Es ist nur daß der April leidlich vorübergehe, im Mai habt Ihr schon die Sänger des Waldes.
Indessen,« fuhr Goethe fort, »werdet Ihr das Schauspiel haben, im Laufe der Sommermonate ein neues Haus hervorsteigen zu sehen. Dieser Brand ist mir sehr merkwürdig. Ich will Euch nur verrathen, daß ich die langen Abendstunden des Winters mich mit Coudray beschäftigt habe, den Riß eines für Weimar passenden neuen schönen Theaters zu machen. Wir hatten uns von einigen der vorzüglichsten deutschen Theater Grund- und Durchschnittsrisse kommen lassen, und indem wir daraus das Beste benutzten und das uns fehlerhaft Scheinende vermieden, haben wir einen Riß zustande gebracht, der sich wird können sehen lassen. Sobald der Großherzog ihn genehmigt, kann mit dem Bau begonnen werden, und es ist keine Kleinigkeit, daß dieses Unheil uns sehr merkwürdigerweise so durchaus vorbereitet findet.«
Wir begrüßten diese Nachricht Goethes mit großer Freude.
»In dem alten Hause,« fuhr Goethe fort, »war für den Adel gesorgt durch den Balcon und für die dienende Classe und jungen Handwerker durch die [161] Galerie. Die große Zahl des wohlhabenden und vornehmen Mittelstandes aber war oft übel daran; denn wenn bei gewissen Stücken das Parterre durch die Studenten eingenommen war, so wußten jene nicht wohin. Die paar kleinen Logen hinter dem Parterre und die wenigen Bänke des Parquets waren nicht hinreichend. Jetzt haben wir besser gesorgt. Wir lassen eine ganze Reihe Logen um das Parterre laufen und bringen zwischen Balcon und Galerie noch eine Reihe Logen zweiten Ranges. Dadurch gewinnen wir sehr viel Platz, ohne das Haus sonderlich zu vergrößern.«
Wir freuten uns dieser Nachricht und lobten Goethe, daß er es so gut mit dem Theater und Publicum im Sinne habe.
1825, 27. März.
[Eckermann] bei Goethe zu Tische in größerer Gesellschaft. Er zeigte uns den Riß des neuen Theaters. Es war so, wie er uns vor einigen Tagen gesagt hatte: der Riß versprach sowohl für das Äußere als das Innere ein sehr schönes Haus.
Es ward bemerkt, daß ein so hübsches Theater auch schöne Decorationen und bessere Anzüge als bisher verlange. Auch war man der Meinung, daß auch das Personal anfange nach und nach lückenhaft zu werden, [162] und daß sowohl für das Schauspiel als die Oper einige ausgezeichnete junge Mitglieder müßten engagirt werden. Zugleich aber verhehlte man sich nicht, daß alles dieses mit einem bedeutenden Kostenaufwande verbunden sei, wozu die bisherigen Mittel der Kasse nicht reichen dürften.
»Ich weiß recht gut,« viel Goethe ein, »man wird unter dem Vorwande, die Kasse zu schonen, einige Persönchen engagiren, die nicht viel kosten. Aber man denke nur nicht, mit solchen Maßregeln der Kasse zu nützen. Nichts schadet der Kasse mehr, als in solchen wesentlichen Dingen sparen zu wollen. Man muß daran denken, jeden Abend ein volles Haus zu bekommen. Und da thut ein junger Sänger, eine junge Sängerin, ein tüchtiger Held und eine tüchtige junge Heldin von ausgezeichnetem Talent und einiger Schönheit sehr viel. Ja, stände ich noch an der Spitze der Leitung, ich würde jetzt zum Besten der Kasse noch einen Schritt weiter gehen, und ihr solltet erfahren, daß mir das nöthige Geld nicht ausbliebe.«
Man fragte Goethe, was er zu thun im Sinne habe.
»Ein ganz einfaches Mittel würde ich anwenden,« erwiederte er. »Ich würde auch die Sonntage spielen lassen. Dadurch hätte ich die Einnahme von wenigstens vierzig Theaterabenden mehr, und es müßte schlimm sein, wenn die Kasse dabei nicht jährlich zehn- bis funfzehntausend Thaler gewinnen sollte.«
[163] Diesen Ausgang fand man sehr praktisch. Es kam zur Erwähnung, daß die große arbeitende Classe, die an den Wochentagen gewöhnlich bis spät in die Nacht beschäftigt sei, den Sonntag als einzigen Erholungstag habe, wo sie denn das edlere Vergnügen des Schauspiels dem Tanz und Bier in einer Dorfschenke sicher vorziehen würde. Auch war man der Meinung, daß sämmtliche Pächter und Gutsbesitzer sowie die Beamten und wohlhabenden Einwohner der kleinen Städte in der Umgegend den Sonntag als einen erwünschten Tag ansehen würden, um in das weimarische Theater zu fahren. Auch sei bisher der Sonntagabend in Weimar für jeden, der nicht an Hof gehe oder nicht Mitglied eines glücklichen Familienkreises oder einer geschlossenen Gesellschaft sei, sehr schlimm und langweilig; denn der einzelne wisse nicht wohin. Und doch mache man Ansprüche, als müsse am Abend eines Sonntags sich irgend ein Ort finden lassen, wo es einem wohl sei und man die Plage der Woche vergesse.
Goethes Gedanke, auch die Sonntage spielen zu lassen, wie es in den übrigen deutschen Städten üblich, fand also die vollkommenste Zustimmung und ward als ein sehr glücklicher begrüßt. Nur erhob sich ein leiser Zweifel, ob es auch dem Hofe recht sein würde.
»Der weimarische Hof,« erwiederte Goethe, »ist zu gut und weise, als daß er eine Maßregel hindern sollte, die zum Wohl der Stadt und einer bedeutenden Anstalt gereicht. Der Hof wird gewiß gern das kleine[164] Opfer bringen und seine Sonntags-Soiréen auf einen andern Tag verlegen. Wäre dies aber nicht annehmlich, so gäbe es ja für die Sonntage Stücke genug, die der Hof ohnedies nicht gern sieht, die aber für das eigentliche Volk durchaus geeignet sind und ganz trefflich die Kasse füllen.«
Das Gespräch wendete sich auf die Schauspieler, und es ward über den Gebrauch und Mißbrauch ihrer Kräfte sehr viel hin und wieder geredet.
»Ich habe in meiner langen Praxis,« sagte Goethe, »als Hauptsache gefunden, daß man nie ein Stück oder gar eine Oper einstudiren lassen solle, wovon man nicht einen guten Succeß auf Jahre hin mit einiger Bestimmtheit voraussieht. Niemand bedenkt hinreichend das Aufgebot von Kräften, die das Einstudiren eines fünfactigen Stückes oder gar einer Oper von gleicher Länge in Anspruch nimmt. Ja, ihr Lieben, es gehört viel dazu, ehe ein Sänger eine Partie durch alle Scenen und Acte durchaus inne habe, und sehr viel, ehe die Chöre gehen, wie sie gehen müssen. Es kann mich gelegentlich ein Grauen überfallen, wenn ich höre, wie leichtsinnig man oft den Befehl zum Einstudiren einer Oper giebt, von deren Succeß man eigentlich nichts weiß und wovon man nur durch einige sehr unsichere Zeitungsnachrichten gehört hat. Da wir in Deutschland schon ganz leidliche Posten besitzen, ja sogar anfangen Schnellposten zu bekommen, so würde ich bei der Nachricht von irgend einer auswärts gegebenen [165] und gepriesenen neuen Oper den Regisseur oder ein anderes zuverlässiges Mitglied der Bühne an Ort und Stelle schicken, damit er sich durch seine persönliche Gegenwart bei einer wirklichen Aufführung überzeuge, inwiefern die gepriesene neue Oper gut und tüchtig, und inwiefern unsere Kräfte dazu hinreichen oder nicht. Die Kosten einer solchen Reise kommen gar nicht in Betracht im Vergleich der enormen Vortheile, die dadurch erreicht, und der unseligen Mißgriffe, die dadurch verhütet werden.
Und dann: ist einmal ein gutes Stück oder eine gute Oper einstudirt, so soll man sie in kurzen Zwischenpausen so lange hintereinander geben, als sie irgend zieht und irgend das Haus füllt. Dasselbe gilt von einem guten ältern Stück oder einer guten ältern Oper, die vielleicht seit Jahr und Tag geruht hat und nun gleichfalls eines nicht geringen erneuten Studiums bedurfte, um wieder mit Succeß gegeben werden zu können. Eine solche Vorstellung soll man in kurzen Zwischenpausen gleichfalls so oft wiederholen, als das Publicum irgend sein Interesse daran zu erkennen giebt. Die Sucht, immer etwas Neues haben und ein mit unsaglicher Mühe einstudirtes gutes Stück oder Oper nur einmal, höchstens zweimal sehen zu wollen, oder auch zwischen solchen Wiederholungen lange Zeiträume von sechs bis acht Wochen verstreichen zu lassen, wo denn immer wieder ein neues Studium nöthig wird, ist ein wahrer Verderb des Theaters und ein Mißbrauch [166] der Kräfte des ausübenden Personals, der gar nicht zu verzeihen ist.«
Goethe schien diese Angelegenheit so wichtig zu halten und sie schien ihm so sehr am Herzen zu liegen, daß er darüber in eine Wärme gerieth, wie sie ihn bei seiner großen Ruhe selten anwandelt.
»In Italien,« fuhr Goethe fort, »giebt man eine und dieselbige Oper vier bis sechs Wochen lang jeden Abend, und die italienischen großen Kinder verlangen darin keineswegs eine Änderung. Der gebildete Pariser sieht die klassischen Stücke seiner großen Dichter so oft, daß er sie auswendig weiß und für die Betonung einer jeden Silbe ein geübtes Ohr hat. Hier in Weimar hat man mir wohl die Ehre erzeigt meine ›Iphigenie‹ und meinen ›Tasso‹ zu geben; allein wie oft? Kaum alle drei bis vier Jahre einmal. Das Publicum findet sie langweilig. Sehr begreiflich! Die Schauspieler sind nicht geübt, die Stücke zu spielen, und das Publicum ist nicht geübt, sie zu hören. Würden die Schauspieler durch öftere Wiederholung sich in ihre Rollen so hineinspielen, daß die Darstellung ein Leben gewönne, als wäre es nicht eingelernt, sondern als entquölle alles aus ihrem eigenen Herzen, so würde das Publicum sicher auch nicht ohne Interesse und ohne Empfindung bleiben.
Ich hatte wirklich einmal den Wahn, als sei es möglich, ein deutsches Theater zu bilden. Ja ich hatte den Wahn, als könne ich selber dazu beitragen und als [167] könne ich zu einem solchen Bau einige Grundsteine legen. Ich schrieb meine ›Iphigenie‹ und meinen ›Tasso‹ und dachte in kindischer Hoffnung, so würde es gehen. Allein es regte sich nicht und rührte sich nicht und blieb alles wie zuvor. Hätte ich Wirkung gemacht und Beifall gefunden, so würde ich euch ein ganzes Dutzend Stücke wie die ›Iphigenie‹ und den ›Tasso‹ geschrieben haben. An Stoff war kein Mangel. Allein, wie gesagt, es fehlten die Schauspieler, um dergleichen mit Geist und Leben darzustellen, und es fehlte das Publicum, dergleichen mit Empfindung zu hören und aufzunehmen.«
1825, 27. März.
Ich hörte im »Erbprinzen«, daß Goethe um 2 Uhr speise, wartete also bis ein Viertel auf vier und ging dann nach seinem Hause am Frauenplatze. Ich hatte kein Einführungsschreiben und zog deshalb die Klingel mit sehr geringem Vertrauen. Der Diener meldete, der Herr Geheimrath sei noch bei Tische. Ich wanderte in den Park und gegen vier Uhr klingelte ich zum zweiten Male an Goethes Hause. Der Diener fragte nach meinem Namen und ich gab ihm meine Karte, auf die ich unter den Namen geschrieben hatte: aus Washington, Amerika. Er kam bald zurück und ließ mich eintreten ..... Der Diener öffnete mir die [168] Thür und mitten im Zimmer stand Goethe groß, aufrecht, majestätisch, den Kopf leicht vorgebogen und die großen leuchtenden Augen auf den Eintretenden gerichtet.
Im Jahr 1825 sah man Amerikaner selten soweit im Innern Deutschlands. Goethe war höchst wahrscheinlich sein ganzes Leben lang nicht mit einem halben Dutzend zusammengetroffen, und die Anmeldung eines solchen für einige müßige Augenblicke nach Tische mochte für ihn, diesen immer und überall Beobachtenden, etwas Pikantes haben. Seine Haltung und sein Ausdruck, als ich eintrat, waren die eines Naturforschers, der mit einiger Spannung das überseeische Phänomen erwartet ..... Er empfing mich mit herzlicher Freundlichkeit, trat mir entgegen und forderte mich auf, neben ihm auf dem Sopha Platz zu nehmen. Nach wenigen Minuten fühlte ich mich ganz behaglich. Er fragte mich, wie lange ich in Europa sei, auf welchem Wege ich gekommen und nach der Seereise. Als er vernommen, daß ich seit fünfviertel Jahren in Göttingen studirt, erkundigte er sich theilnehmend nach einigen Professoren, namentlich nach Blumenbach und Sartorius.
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Und in dieser Unterredung mit dem Ersten der Lehrer, dem Weisesten der Weisen, in einer Unterredung mit Goethe – hunderte der besten und größten Männer würden heute einen Finger, ja, eine Hand drum geben, [169] könnten sie sich dadurch eine solche erkaufen – belehrte nicht Goethe mich, sondern ich belehrte Goethe ..... Ich will kurz erzählen, wie das kam.
Es war eben die Nachricht von der Wahl John Quincy Adam's zum Präsidenten der Vereinigten Staaten in Deutschland angelangt. Goethe erwähnte sie und wünschte sich über die Art und Form einer solchen Wahl zu unterrichten. Ich gab ihm die gewünschte Auskunft, und als ich bemerkte, daß das Volk nicht direct wähle, sondern eine kleine Anzahl Wahlmänner ernenne, brauchte ich den Ausdruck: der Volkswille werde so gleichsam gereinigt oder durchgesiebt. Das Wort gefiel ihm.
1825, 4. April.
Heute war ich ein Stündchen bei Goethe, der Naglern einen Velocifer-Character nannte und an dem Plane der Errichtung eines orthopädischen Institutes großen Antheil nahm. Über die (Jubel-) Medaille sprach er sich noch nicht aus. Er zeigt mir Fragmente von ›Tasso‹, die aus dem Theaterbrande herstammten, und äußerte: »Ich bin fast nicht mehr communicabel nach außen, nur daß mein Inneres etwas werth ist, tröstet mich noch.«
1825, 10. April.
Bei Goethe zu Tische. »Ich habe Euch die gute Nachricht zu vermelden,« sagte er, »daß der Großherzog unsern Riß des neuen Theaters genehmigt hat, und daß mit Legung des Grundes ungesäumt begonnen wird.«
Ich war über diese Eröffnung sehr froh.
»Wir hatten mit allerlei Gegenwirkungen zu kämpfen,« fuhr Goethe fort, »allein wir sind zuletzt glücklich durchgedrungen. Wir haben dabei sehr viel dem Geheimrath Schweitzer zu verdanken, der, wie sich von ihm erwarten ließ, mit tüchtiger Gesinnung treu auf unserer Seite stand. Der Riß ist vom Großherzog eigenhändig unterschrieben und erleidet nunmehr keine weitere Änderung. Freuet euch also; denn ihr bekommt ein sehr gutes Theater.«
1825, 14. April.
Abends bei Goethe. Da unsere Gespräche über Theater und Theaterleitung einmal an der Zeit waren, so fragte ich ihn, nach welchen Maximen er bei der Wahl eines neues Mitgliedes verfahren.
[171] »Ich könnte es kaum sagen,« erwiederte Goethe. »Ich verfuhr sehr verschieden. Ging dem neuen Schauspieler ein bedeutender Ruf voran, so ließ ich ihn spielen und sah, wie er sich zu den andern passe, ob seine Art und Weise unser Ensemble nicht störe, und ob durch ihn überhaupt bei uns eine Lücke ausgefüllt werde. War es aber ein junger Mensch, der zuvor noch keine Bühne betreten, so sah ich zunächst auf seine Persönlichkeit, ob ihm etwas für sich Einnehmendes, Anziehendes inwohne, und vor allen Dingen, ob er sich in der Gewalt habe; denn ein Schauspieler, der keine Selbstbeherrschung besitzt und sich einem Fremden gegenüber nicht so zeigen kann, wie er es für sich am günstigsten hält, hat überhaupt wenig Talent. Sein ganzes Metier verlangt ja ein fortwährendes Verleugnen seiner selbst und ein fortwährendes Eingehen und Leben in einer fremden Maske. –
Wenn mir nun sein Äußeres und sein Benehmen gefiel, so ließ ich ihn lesen, um sowohl die Kraft und den Umfang seines Organs als auch die Fähigkeiten seiner Seele zu erfahren. Ich gab ihm etwas Erhabenes eines großen Dichters, um zu sehen, ob er das wirklich Große zu empfinden und auszudrücken fähig; dann etwas Leidenschaftliches, Wildes, um seine Kraft zu prüfen. Dann ging ich wohl zu etwas klar Verständigem, Geistreichem, Ironischem, Witzigem über, um zu sehen, wie er sich bei solchen Dingen benehme, und ob er hinlängliche Freiheit des Geistes besitze. Dann [172] gab ich ihm etwas, worin der Schmerz eines verwundeten Herzens, das Leiden einer großen Seele dargestellt war, damit ich erführe, ob er auch den Ausdruck des Rührenden in seiner Gewalt habe.
Genügte er mir nun in allen diesen mannigfaltigen Richtungen, so hatte ich gegründete Hoffnung, aus ihm einen sehr bedeutenden Schauspieler zu machen. War er in einigen Richtungen entschieden besser als in andern, so merkte ich mir das Fach, für welches er sich vorzugsweise eigne. Auch kannte ich jetzt seine schwachen Seiten und suchte bei ihm vor allem dahin zu wirken, daß er diese stärke und ausbilde. Bemerkte ich Fehler des Dialects und sogenannte Provinzialismen, so drang ich darauf, daß er sie ablege, und empfahl ihm zu geselligem Umgange und freundlicher Übung ein Mitglied der Bühne, das davon durchaus frei war. Dann fragte ich ihn, ob er tanzen und fechten könne, und wenn dieses nicht der Fall, so übergab ich ihn auf einige Zeit dem Tanz- und Fechtmeister.
War er nun so weit, um auftreten zu können, so gab ich ihm zunächst solche Rollen, die seiner Individualität gemäß waren, und ich verlangte vorläufig nichts weiter, als daß er sich selber spiele. Erschien er mir nun etwas zu feuriger Natur, so gab ich ihm phlegmatische, erschien er mir aber zu ruhig und langsam, so gab ich ihm feurige, rasche Charactere, damit er lerne sich selber abzulegen und in eine fremde Persönlichkeit einzugehen.« [173] Die Unterhaltung wendete sich auf die Besetzung von Stücken, wobei Goethe unter anderm Folgendes aussprach, welches mir merkwürdig erschien.
»Es ist ein großer Irrthum,« sagte er, »wenn man denkt, ein mittelmäßiges Stück auch mit mittelmäßigen Schauspielern besetzen zu können. Ein Stück zweiten, dritten Ranges kann durch Besetzung mit Kräften ersten Ranges unglaublich gehoben und wirklich zu etwas Gutem werden. Wenn ich aber ein Stück zweiten, dritten Ranges auch mit Schauspielern zweiten, dritten Ranges besetze, so wundere man sich nicht, wenn die Wirkung vollkommen null ist.
Schauspieler secundärer Art sind ganz vortrefflich in großen Stücken. Sie wirken dann wie in einem Gemälde, wo die Figuren im Halbschatten ganz herrliche Dienste thun, um diejenigen, welche das volle Licht haben, noch mächtiger erscheinen zu lassen.«
1825, 16. April.
Bei Goethe zu Tische mit d'Alton.
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D'Alton sprach über die Nagethiere und die Bildungen und Modificationen ihrer Scelette, und Goethe konnte nicht satt werden immer noch mehr einzelne Facta zu vernehmen.
1825, 27. April.
Gegen Abend bei Goethe, der mich zu einer Spazierfahrt in den untern Garten hatte einladen lassen. »Ehe wir fahren,« sagte er, »will ich Ihnen doch einen Brief von Zelter geben, den ich gestern erhalten und worin er auch unsere Theaterangelegenheit berührt.«
»Daß Du der Mann nicht bist,« schreibt Zelter unter anderm, »dem Volk in Weimar ein Theater zu bauen, hätte ich Dir schon eher angesehen. Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen. Das möchten nur auch andere Hoheiten bedenken, die den Wein in der Gohre pfropfen wollen. Freunde, wir haben's erlebt, ja erleben es.«
Goethe sah mich an, und wir lachten. »Zelter ist brav und tüchtig,« sagte er, »aber er kommt mitunter in den Fall, mich nicht ganz zu verstehen und meinen Worten eine falsche Auslegung zu geben.
Ich habe dem Volk und dessen Bildung mein ganzes Leben gewidmet, warum sollte ich ihm nicht auch ein Theater bauen! Allein hier in Weimar, in dieser kleinen Residenz, die, wie man scherzhafterweise sagt, zehntausend Poeten und einige Einwohner hat, wie kann da viel von Volk die Rede sein – und nun gar von einem Volkstheater! Weimar wird ohne Zweifel einmal eine recht große Stadt werden, allein wir[175] können immer noch einige Jahrhunderte warten, bis das weimarische Volk eine hinlängliche Masse bildet, um ein Theater bauen und erhalten zu können.« ....
Goethe ließ seine Blicke umherschweifen, bald an den Wolken, bald über das Grün hin, das überall an den Seiten des Weges und auf der Wiese wie an Büschen und Hecken mächtig hervorquoll. »Ein warmer Gewitterregen, wie der Abend es verspricht,« sagte er, »und der Frühling wird in der ganzen Pracht und Fülle abermals wieder da sein.«
Indessen ward das Gewölk drohender, man hörte ein dumpfes Donnern, auch einige Tropfen fielen, und Goethe fand es gerathen, wieder in die Stadt zurückzufahren. »Wenn Sie nichts vorhaben,« sagte er, als wir an seiner Wohnung abstiegen, »so gehen Sie wohl mit hinauf und bleiben noch ein Stündchen bei mir.« Welches denn mit großer Freude von mir geschah.
Zelters Brief lag noch auf dem Tische. »Es ist wunderlich, gar wunderlich,« sagte Goethe, »wie leicht man zu der öffentlichen Meinung in eine falsche Stellung geräth! Ich wüßte nicht, daß ich je etwas gegen das Volk gesündigt, aber ich soll nun ein für allemal kein Freund des Volkes sein. Freilich bin ich kein Freund des revolutionären Pöbels, der auf Raub, Mord und Brand ausgeht und hinter dem falschen Schilde des öffentlichen Wohles nur die gemeinsten egoistischen Zwecke im Auge hat. Ich bin kein Freund solcher Leute, ebenso wenig als ich ein Freund eines Ludwig [176] des Funfzehnten bin. Ich hasse jeden gewaltsamen Umsturz, weil dabei ebenso viel Gutes vernichtet als gewonnen wird. Ich hasse die, welche ihn ausführen, wie die, welche dazu Ursache geben. Aber bin ich darum kein Freund des Volkes? Denkt denn jeder rechtlich gesinnte Mann etwa anders?
Sie wissen, wie sehr ich mich über jede Verbesserung freue, welche die Zukunft uns etwa in Aussicht stellt. Aber, wie gesagt, jedes Gewaltsame, Sprunghafte ist mir in der Seele zuwider, denn es ist nicht naturgemäß.
Ich bin ein Freund der Pflanze, ich liebe die Rose als das Vollkommenste, was unsere deutsche Natur als Blume gewähren kann, aber ich bin nicht Thor genug, um zu verlangen, daß mein Garten sie mir schon jetzt, Ende April, gewähren soll. Ich bin zufrieden, wenn ich jetzt die ersten grünen Blätter finde, zufrieden, wenn ich sehe wie ein Blatt nach dem andern den Stengel von Woche zu Woche weiter bildet; ich freue mich, wenn ich im Mai die Knospe sehe, und bin glücklich, wenn endlich der Juni mir die Rose selbst in aller Pracht und in allem Duft entgegenreicht. Kann aber jemand die Zeit nicht erwarten, der wende sich an die Treibhäuser.
Nun heißt es wieder, ich sei ein Fürstendiener, ich sei ein Fürstenknecht. Als ob damit etwas gesagt wäre! Diene ich denn etwa einem Tyrannen? einem Despoten? Diene ich denn etwa einem solchen, der auf [177] Kosten des Volkes nur seinen eigenen Lüsten lebt? Solche Fürsten und solche Zeiten liegen gottlob längst hinter uns. Ich bin dem Großherzog seit einem halben Jahrhundert auf das innigste verbunden und habe ein halbes Jahrhundert mit ihm gestrebt und gearbeitet; aber lügen müßte ich, wenn ich sagen wollte, ich wüßte einen einzigen Tag, wo der Großherzog nicht daran gedacht hätte etwas zu thun und auszuführen, das dem Lande zum Wohle gereichte, und das geeignet wäre den Zustand des einzelnen zu verbessern. Für sich persönlich, was hatte er denn von seinem Fürstenstande als Last und Mühe! Ist seine Wohnung, seine Kleidung und seine Tafel etwa besser bestellt, als die eines wohlhabenden Privatmannes? Man gehe nur in unsere Seestädte und man wird Küche und Keller eines angesehenen Kaufmanns besser bestellt finden, als die seinigen.
Wir werden,« fuhr Goethe fort, »diesen Herbst den Tag feiern, an welchem der Großherzog seit funfzig Jahren regiert und geherrscht hat. Allein, wenn ich es recht bedenke, dieses sein Herrschen was war es weiter als ein beständiges Dienen! Was war es als ein Dienen in Erreichung großer Zwecke, ein Dienen zum Wohl seines Volkes! Soll ich denn also mit Gewalt ein Fürstenknecht sein, so ist es wenigstens mein Trost, daß ich doch nur der Knecht eines solchen bin, der selber ein Knecht des allgemeinen Besten ist.«
1825, 28. April.
Je suis allé à onze heures chez Goethe. On me dit que M. le ministre de Goethe était malade. Jeremis au domestique la lettre de M. Hegel, et me retirai. J'avais déja fait la moitié de la rue, quand je vis accourir le domestique, qui me dit que M. de Goethe désirait me voir. Je repris donc le bel escalier orné de plâtres et de petites statues; puis on m'introduisit dans cette galerie où, il y a huit ans, j'avais eu le plaisir de faire plusieurs tours avec Goethe, et de cette galerie dans le cabinet, où l'on me dit que Goethe allait venir ..... La porte de la galerie s'ouvrit, et je vis un vieillard, que je reconnus sur-le-champ. Il avait une cravate de couleur nouée négligemment, un pantalon de drap gris, une redingote bleue, et la tête nue. Quelle tête! large, haute, imposante comme celle de Jupiter Olympien. Il s'avança lentement et doucement, me montra un sopha, et s'y assit avec moi.
A chaque mot qu'il prononçait, il toussait, sa voix tremblait. En l'écoutant, je le regardais fixement, et je pus juger des ravages que huit années avaient faits sur cette grande et forte figure. Chaque parole lui coûtait; il avait l'air de souffrir; je le lui dis. »Non; je ne souffre pas trop; mais l'âge! [179] Il faut seulement que je prenne des précautions, que je ne me livre à rien trop longtemps, et me tienne en équilibre pour pouvoir suffire aux occupations dont je suis capable encore.«
Je lui demandai ses commissions pour Paris, où on commençait à s' intéressait à la littérature allemande, où on traduisait Schiller et Goethe. Je voulais l'amener à me parler de l'état de la littérature en France et prendre ses conseils; mais voici tout ce qu'il me dit: »Oui, tant de traductions prouvent un désir du mieux, et on ne peut nier qu'il n'y ait de la bonne volonté en France... Oui, je le sais; mais je n'ai pas lu ces traductions; comme je vous disais, je dois me tenir en équilibre, et me refuser à des lectures qui mes plairaient. Dans ma jeunesse, je me livrais à tout ce qui m' intéressait; maintenant, il faut que je m'abstienne, et me borne à quelques objets .... On a traduit Faust littéralement? Je le conçois pourtant; pour s'améliorer la langue française n'a besoin que de reculer de quelques siècles et de revenir à Marot... Oui, la langue de Marot... Il faut prendre quelques libertés; peu à peu on s'y habitue.«
On comprend tout ce que j'aurais eu á lui répondre, moi qui trouve insupportable l'archaisme de M. Courier, toutes les fois que la passionne vient pas l'ani mer et le rajeunir, et qui préfère incomparablement la prose simple et mâle du XVIIe siècle [180] à la langue souple et gracieuse, il est vrai, mais déjà maniérée du XVIe. Mais ne voulant pas contredire l'illustre vieillard, et voyant que je n'en pourrais tirer davantage sur la France, je changeai de sujet: »Du moins« – lui dis-je – »je suis heureux que, parmi les choses dont vous pouvez vous occuper, vous ayez mis la nouvelle littérature italienne et mon ami Manzoni.« – »Ah! Manzoni!« (en levant les yeux et avec un accent réfléchi) »c'est un jeune homme bien intéressant. Il a commencé à s'écarter des règles reçues, et surtout de l'unité de lieu. Mais les anciennistes,« dit-il en souriant lui-même de son mot, »ne veulent pas cela... Oui, on lui en a voulu, et cependant il ne s'en est écarté qu'avec mesure, et cela me plait. C'est très bien commencé. D'ailleurs, ces querelles dureront toujours, et il n'y a pas de mal; il faut que chacun fasse à sa manière. Oui, j'ai reçu Adelchi. J'en ai même fait un extrait que je publierai peut-être, si j'en ai l'occasion. Je l'ai bien étudié. Il y a de très belles choses. Je n'aime pas à m'arrêter aux particularités, c'est toujours l'ensemble qu'il faut voir; mais, tenez, vous rappelez-vous ce soldat lombard chez qui se réunissent les conjurés, et qui ne songe qu'à sa propre élévation? Comme il arrange tout pour lui!« Ici Goethe, fatigué et toujours toussant, quoique paraissant s'intéresser à la conversation, accompagna le peu de mots qu'il pouvait [181] prononcer de regards et de gestes, comme pour me faire entendre ce qu'il ne pouvait exprimer. »Comme il fait servir les desseins de tout le monde à son but! Et ensuite, à la cour de Charlemagne, comme il à l'air de protéger ceux qu'il a trahis! Oui, Manzoni se tient à l'histoire et aux personnages réels qu'elle fournit; mais il les élève jusqu'à nous par les caractères qu'il leur donne; il leur prête nos sentiments humains, libéraux même, et il a raison. Nous ne pouvons nous intéresser qu'à ce qui nous ressemble un peu, et non aux Lombards ou Longobards et à la cour de Charlemagne, qui serait aussi un peu trop rude. Voyez Adelchi, c'est un caractère de l'invention de Manzoni.«
Là-dessus je lui dis avec un peu d'émotion: »Les sentiments d'Adelchi mourant sont ceux de Manzoni lui-mème. Manzoni, qui est toujours un poëte lyrique, s'est peint dans Adelchi.« – »Oui, vraiment? Il y a longtemps que j'avais connu son âme et sa manière de sentir dans ses Inni sacri. C'est un catholique naïf et vertueux.«
Je lui exprimai ma reconnaisance, comme ami de Manzoni, de ce qu'il avait eu la bonté de le défendre contre la critique du Quarterly Review. Il me répondit, avec un accent vrai et profond: »J'en fais grand cas, j'en fais grand cas! Adelchi est un plus grand sujet; mais le comte de Carmagnola a [182] bien de la profondeur. Et la partie lyrique en est si belle que ce méchant critique anglais l'a louée et même traduite.«
Je lui appris que Manzoni faisait un roman où il serait plus fidèle à l'histoire que Walter Scott, et appliquerait à la rigueur son système historique. »Et quel en est le sujet?« »Le seizième siècle à Milan.« – »Le seizième siècle à Milan! Manzoni est Milanais, il aura bien étudié ce siècle. Si vous voyez Manzoni, dites-lui combien je l'estime et je l'aime.«
Goethe était si fatigué qu'en conscience je ne voulus pas prolonguer l'entretien. Je me levai, et lui demandai ses ordres pour Paris. Il me dit que pour le moment il n'avait aucune commission à me donner. »Mais croyez,« dit-il en me regardant avec ses yeux calmes et pénétrants, »que je m'intéresse bien à vous; et quand vous serez à Paris, donnez-moi de vos nouvelles.« Là-dessus il inclina doucement sa noble tête, et je sortis.
Le soir, quand je dis à Mme de Schw[endler ?], que j'avais vu Goethe le matin, elle en fut bien surprise, et m'apprit que la veille Goethe avait été saigné, et que le médecin lui avait commandé de ne recevoir personne pendant plusieurs jours. M. le chancelier de Muller, l'un des habitués de la maison de Goethe, qui y avait dîné, me dit que Goethe lui avait parlé de moi avec bonté, et qu'il n'avait pas voulu me laisser quitter Weimar sans me voir.
1825, 1. Mai.
Bei Goethe zu Tische. Es ist zu denken, daß der veränderte Theaterbau das erste war, das zwischen uns zur Sprache kam. Ich hatte, wie gesagt, gefürchtet, daß die höchst unerwartete Maßregel Goethe tief verletzen würde. Allein keine Spur! Ich fand ihn in der mildesten, heitersten Stimmung, durchaus über jede kleine Empfindlichkeit erhaben.
»Man hatte,« sagte er, »dem Großherzog von seiten des Kostenpunktes und großer Ersparungen, die bei dem veränderten Bauplan zu machen, beizukommen gesucht, und es ist ihnen gelungen. Mir kann es ganz recht sein. Ein neues Theater ist am Ende doch immer nur ein neuer Scheiterhaufen, den irgend ein Ungefähr über kurz oder lang wieder in Brand steckt. Damit tröste ich mich. Übrigens ein bischen mehr oder weniger, ein bischen auf oder ab ist nicht der Rede werth. Ihr werdet immerhin ein ganz leidliches Haus bekommen, wenn auch nicht gerade so, wie ich es mir gewünscht und gedacht hatte. Ihr werdet hineingehen, und ich werde auch hineingehen, und es wird am Ende alles ganz artig ausfallen.
Der Großherzog,« fuhr Goethe fort, »äußerte gegen mich die Meinung, ein Theater brauche keineswegs ein architectonisches Prachtwerk zu sein; wogegen [184] im ganzen freilich nichts einzuwenden. Er meinte ferner, es sei doch immer nur ein Haus, das den Zweck habe, Geld zu verdienen. Diese Ansicht klingt beim ersten Anhören etwas materiell, allein es fehlt ihr, recht bedacht, auch keineswegs eine höhere Seite; denn will ein Theater nicht blos zu seinen Kosten kommen, sondern obendrein noch Geld erübrigen und Geld verdienen, so muß eben alles durchaus ganz vortrefflich sein. Es muß die beste Leitung an der Spitze haben, die Schauspieler müssen durchweg zu den besten gehören, und man muß fortwährend so gute Stücke geben, daß nie die Anziehungskraft ausgehe, welche dazu gehört, um jeden Abend ein volles Haus zu machen. Das ist aber mit wenigen Worten sehr viel gesagt, und fast das Unmögliche.«
»Die Ansicht des Großherzogs,« sagte ich, »mit dem Theater Geld verdienen zu wollen, scheint also eine durchaus praktische zu sein, indem in ihr eine Nöthigung liegt, sich fortwährend auf der Höhe des Vortrefflichen zu erhalten.«
»Shakespeare und Molière,« erwiederte Goethe, »hatten auch keine andere. Beide wollten auch vor allen Dingen mit ihren Theatern Geld verdienen. Damit sie aber diesen ihren Hauptzweck erreichten, mußten sie dahin trachten, daß fortwährend alles im besten Stande und neben dem alten Guten immer von Zeit zu Zeit etwas tüchtiges Neues da sei, das reize und anlocke. Das Verbot des ›Tartuffe‹ war für [185] Molière ein Donnerschlag – aber nicht sowohl für den Poeten als für den Director Molière, der für das Wohl einer bedeutenden Truppe zu sorgen hatte, und der sehen mußte, wie er für sich und die Seinigen Brot schaffte.
Nichts,« fuhr Goethe fort, »ist für das Wohl eines Theaters gefährlicher, als wenn die Direction so gestellt ist, daß eine größere oder geringere Einnahme der Kasse sie persönlich nicht weiter berührt und sie in der sorglosen Gewißheit hinleben kann, daß dasjenige, was im Laufe des Jahres an der Einnahme der Theaterkasse gefehlt hat, am Ende desselben aus irgend einer andern Quelle ersetzt wird. Es liegt einmal in der menschlichen Natur, daß sie leicht erschlafft, wenn persönliche Vortheile oder Nachtheile sie nicht nöthigen. Nun ist zwar nicht zu verlangen, daß ein Theater in einer Stadt wie Weimar sich selbst erhalten solle und daß kein jährlicher Zuschuß aus der fürstlichen Kasse nöthig sei, allein es hat doch alles sein Ziel und seine Grenze, und einige tausend Thaler jährlich mehr oder weniger sind doch keineswegs eine gleichgültige Sache, besonders da die geringere Einnahme und das Schlechterwerden des Theaters natürliche Gefährten sind, und also nicht blos das Geld verloren geht, sondern die Ehre zugleich.
Wäre ich der Großherzog, so würde ich künftig, bei einer etwa eintretenden Veränderung der Direction, als jährlichen Zuschuß ein für allemal eine feste Summe [186] bestimmen; ich würde etwa den Durchschnitt der Zuschüsse der letzten zehn Jahre ermitteln lassen und danach eine Summe ermäßigen, die zu einer anständigen Erhaltung als hinreichend zu achten wäre. Mit dieser Summe müßte man haushalten. Dann würde ich aber einen Schritt weiter gehen und sagen; wenn der Director mit seinen Regisseuren durch eine kluge und energische Leitung es dahin bringt, daß die Kasse am Ende des Jahres einen Überschuß hat, so soll von diesem Überschuß dem Director, den Regisseuren und den vorzüglichsten Mitgliedern der Bühne eine Remuneration zutheil werden. Da solltet Ihr einmal sehen, wie es sich regen, und wie die Anstalt aus dem Halbschlafe, in welchen sie nach und nach gerathen muß, erwachen würde.
Unsere Theatergesetze,« fuhr Goethe fort, »haben zwar allerlei Strafbestimmungen, allein sie haben kein einziges Gesetz, das auf Ermunterung und Belohnung ausgezeichneter Verdienste ginge. Dies ist ein großer Mangel; denn wenn mir bei jedem Versehen ein Abzug von meiner Gage in Aussicht steht, so muß mir auch eine Ermunterung in Aussicht stehen, wenn ich mehr thue, als man eigentlich von mir verlangen kann. Dadurch aber, daß alle mehr thun als zu erwarten und zu verlangen, kommt ein Theater in die Höhe.«
Frau von Goethe und Fräulein Ulrike traten herein; beide wegen des schönen Wetters sehr anmuthig sommerhaft gekleidet. Die Unterhaltung über Tische war leicht und heiter. Man sprach über allerlei Vergnügungspartien [187] der vergangenen Woche sowie über Aussichten ähnlicher Art für die nächste.
»Wenn wir die schönen Abende behalten,« sagte Frau von Goethe, »so hätte ich große Lust, in diesen Tagen im Park beim Gesang der Nachtigallen einen Thee zu geben. Was sagen Sie, lieber Vater?« – »Das könnte sehr artig sein!« erwiederte Goethe. – »Und Sie, Eckermann,« sagte Frau von Goethe, »wie steht's mit Ihnen? Darf man Sie einladen?« – »Aber Ottilie!« fiel Fräulein Ulrike ein, »wie kannst du nur den Doctor einladen! Er kommt ja doch nicht: und wenn er kommt, so sitzt er wie auf Kohlen, und man sieht es ihm an, daß seine Seele wo anders ist und daß er je eher je lieber wieder fort möchte.« – »Wenn ich ehrlich sagen soll,« erwiederte ich, »so streife ich freilich lieber mit Doolan im Felde umher. Thee und Theegesellschaft und Theegespräch widerstrebt meiner Natur so sehr, daß es mir schon unheimlich wird, wenn ich nur daran denke.« – »Aber, Eckermann,« sagte Frau von Goethe, »bei einem Thee im Park sind Sie ja im Freien und ganz in Ihrem Element.« – »Im Gegentheil,« sagte ich. »Wenn ich der Natur so nahe bin, daß ich alle Düfte wittere und doch nicht eigentlich hinein kann, so wird es mir ungeduldig wie einer Ente, die man in die Nähe des Wassers bringt, aber am Hineintauchen hindert.« – »Sie könnten auch sagen,« bemerkte Goethe lachend, »es würde Ihnen zu Sinne wie einem Pferde, das seinen Kopf zum Stalle[188] hinausstreckt und auf einer gedehnten Weidefläche vor sich andere Pferde frei umherjagen sieht. Es riecht zwar alle Wonne und Freiheit der frischen Natur, aber es kann nicht hinein. Doch laßt nur den Eckermann! er ist wie er ist, und Ihr macht ihn nicht anders. Aber sagen Sie, mein Allerbester, was treiben Sie denn mit Ihrem Doolan die schönen langen Nachmittage im freien Felde?« – »Wir suchen irgend ein einsames Thal,« sagte ich, »und schießen mit Pfeil und Bogen.« – »Hm!« sagte Goethe, »das mag kein schlechtes Vergnügen sein.« – »Es ist herrlich,« sagte ich, »um die Gebrechen des Winters los zu werden.« – »Wie aber in aller Welt,« sagte Goethe, »sind Sie hier in Weimar zu Pfeil und Bogen gekommen?« – »Zu den Pfeilen,« erwiederte ich, »habe ich mir in dem Feldzuge von 1814 ein Modell aus Brabant mitgebracht. Das Schießen mit Pfeil und Bogen ist dort allgemein ..... Ich war damals für das Bogenschießen so begeistert, daß ich dachte, es sei etwas Großes, es in Deutschland einzuführen, und ich war so dumm, daß ich glaubte, es sei möglich. Ich handelte wiederholt auf einen Bogen; allein unter zwanzig Franken war keiner zu haben, und wie sollte ich armer Feldjäger so viel Geld auftreiben! Ich beschränkte mich daher auf einen Pfeil, als das Wichtigere und Künstlichere, den ich in einer Fabrik zu Brüssel für einen Franken kaufte und neben einer Zeichnung als meine einzige Eroberung mit in meine Heimat brachte.«
[189] »Das sieht Ihnen ähnlich,« erwiederte Goethe. »Aber denken Sie nur nicht, man könnte etwas Natürliches und Schönes populär machen. Zum wenigsten will es Zeit haben und verlangt verzweifelte Künste. Aber ich kann mir denken, es mag schön sein dieses Brabanter Schießen. Unser deutsches Kegelbahnvergnügen erscheint dagegen roh und ordinär und hat sehr viel vom Philister.«
»Das Schöne beim Bogenschießen ist,« erwiederte ich, »daß es den Körper gleichmäßig entwickelt und die Kräfte gleichmäßig in Anspruch nimmt. Da ist der linke Arm, der den Bogen hinaushält, straff, stark und ohne Wanken; da ist der rechte, der mit dem Pfeil die Senne zieht und nicht weniger kräftig sein muß. Zugleich beide Füße und Schenkel strack zum Boden gestreckt, dem Oberkörper als feste Basis. Das zielende Auge, die Muskeln des Halses und Nackens, alles in hoher Spannung und Thätigkeit. Und nun das Gefühl und die Freude, wenn der Pfeil hinauszischt und im erwünschten Ziele steckt! Ich kenne keine körperliche Übung, die nur irgend damit zu vergleichen.«
»Es wäre etwas für unsere Turnanstalten,« versetzte Goethe. »Und da sollte es mich nicht wundern, wenn wir nach zwanzig Jahren in Deutschtand tüchtige Bogenschützen zu Tausenden hätten. Überhaupt mit einer erwachsenen Generation ist nie viel zu machen, in körperlichen Dingen wie in geistigen, in Dingen des [190] Geschmacks wie des Characters; seid aber klug und fangt in den Schulen an, und es wird gehen.«
»Aber unsere deutschen Turnlehrer,« erwiederte ich, »wissen mit Pfeil und Bogen nicht umzugehen.«
»Nun,« antwortete Goethe, »da mögen sich einige Turnanstalten vereinigen und einen tüchtigen Schützen aus Flandern oder Brabant kommen lassen. Oder sie mögen auch einige hübsche wohlgewachsene junge Turner nach Brabant schicken, daß sie sich dort zu guten Schützen ausbilden und auch lernen, wie man die Bogen schnitze und die Pfeile mache. Diese könnten dann in deutschen Turnanstalten als Lehrer eintreten, als wandernde Lehrer, die sich bald bei dieser Anstalt eine Zeit lang aufhielten und bald bei einer andern.
Ich bin,« fuhr Goethe fort, »den deutschen Turnübungen durchaus nicht abgeneigt. Um so mehr hat es mir leid gethan, daß sich sehr bald allerlei Politisches dabei einschlich, sodaß die Behörden sich genöthigt sahen, sie zu beschränken oder wohl gar zu verbieten und aufzuheben. Dadurch ist nun das Kind mit dem Bade verschüttet. Aber ich hoffe, daß man die Turnanstalten wieder herstelle, denn unsere deutsche Jugend bedarf es, besonders die studirende, der bei dem vielen geistigen und gelehrten Treiben alles körperliche Gleichgewicht fehlt und somit jede nöthige Thatkraft zugleich. Aber sagen Sie mir noch etwas von Ihrem Pfeil und Bogen. Also einen Pfeil haben Sie sich aus Brabant mitgebracht? Ich möchte ihn sehen.«
[191] »Er ist längst verloren,« erwiederte ich. »Aber ich hatte ihn so gut in Gedanken, daß es mir gelungen ist ihn wieder herzustellen, und zwar statt des einen ein ganzes Dutzend. Das war aber gar nicht so leicht als ich mir dachte ..... Das Schwierigste und Künstlichste war aber jetzt noch zu thun, nämlich den Pfeil zu befiedern. Was habe ich da gepfuscht und für Mißgriffe gethan, ehe es mir gelang und ich es darin zu einiger Geschicklichkeit brachte!«
»Nicht wahr,« sagte Goethe, »die Federn werden nicht in den Schaft eingelassen, sondern aufgeleimt?«
»Sie werden aufgeleimt,« erwiederte ich; »aber das muß so fest, zierlich und gut geschehen, daß es aus sieht als wären sie mit dem Schafte eins und aus ihm hervorgewachsen ..... Zwar sind die abgezogenen Fahnen der Schwungfedern jedes großen Vogels gut, doch habe ich die rothen Flügelfedern des Pfaus, die großen Federn des Truthahns, besonders aber die starken und prächtigen von Adler und Trappe als die vorzüglichsten gefunden.«
»Ich höre dieses alles mit großem Interesse,« sagte Goethe. »Wer sie nicht kennt, sollte kaum glauben, daß Ihre Richtungen so lebendig wären. Aber sagen Sie mir nun auch, wie Sie zu einem Bogen gekommen.«
»Ich habe mir selber einige gemacht,« erwiederte ich, »aber dabei anfänglich auch wieder ganz entsetzlich [192] gepfuscht ..... Man rieth mir darauf, einen Stamm zu nehmen, der stark genug sei um ihn schlachten zu können und zwar zu vier Theilen.«
»Schlachten?« fragte Goethe, »was ist das?«
»Es ist ein Kunstausdruck der Wagner,« erwiederte ich, »und heißt soviel als spalten, und zwar wird dabei ein Keil durch den Stamm der Länge nach von einem Ende bis zum andern durchgetrieben. War nun der Stamm gerade gewachsen, ich meine: strebte die Faser in gerader Richtung aufwärts, so werden auch die geschlachteten Stücke gerade sein und sich durchaus zum Bogen eignen. War aber der Stamm gewunden, so werden die geschlachteten Stücke, indem der Keil der Faser nachgeht, eine gekrümmte, gewundene Richtung haben und zum Bogen nicht zu gebrauchen sein.«
»Wie wäre es aber,« sagte Goethe, »wenn man einen solchen Stamm mit der Säge in vier Theile schnitte? da bekäme man doch auf jeden Fall gerade Stücke.«
»Man würde,« erwiederte ich, »bei einem Stamm mit etwas gewundener Richtung die Faser durchschneiden, und das würde die Theile zu einem Bogen durchaus unbrauchbar machen.«
»Ich begreife,« sagte Goethe, »ein Bogen mit durchschnittener Faser würde brechen. Doch erzählen Sie weiter, die Sache interessirt mich.«
»Ich machte also,« fuhr ich fort, »meinen zweiten Bogen aus einem Stück geschlachteter Esche.«
[193] [Dann setzt Eckermann auseinander, welch' großer Unterschied zwischen demselben Holz von verschiedenen Stämmen ist je nach dem Orte, an dem sie gewachsen.]
»Sie können denken,« sagte Goethe »daß Ihre Beobachtungen für mich, der sich ein halbes Leben mit dem Wachsthum der Pflanzen und Bäume beschäftigt hat, von besonderm Interesse sind. Doch erzählen Sie weiter! Sie machten also wahrscheinlich darauf einen Bogen von der zähen Esche.«
»Ich that so,« erwiederte ich, »und zwar nahm ich ein gutgeschlachtetes Stück von der Winterseite, wo ich auch eine ziemlich seine Faser fand. Auch war der Bogen weich im Aufziehen und von guter Schnellkraft. Allein nachdem er einige Monate in Gebrauch gewesen, zeigte sich bereits eine merkliche Krümmung, und es war deutlich, daß die Spannkraft nicht Stich halte. Ich machte dann Versuche mit dem Stamm einer jungen Eiche, welches auch ganz gutes Holz war, wobei ich aber nach einiger Zeit denselbigen Fehler fand; dann mit dem Stamm der Walnuß, welches besser, und zuletzt mit dem Stamme des feinblätterigen Ahorns, des sogenannten Maßholder, welches das beste war und nichts weiter zu wünschen übrig ließ.«
»Ich kenne das Holz,« erwiederte Goethe; »man findet es auch häufig in Hecken. Ich kann mir denken, daß es gut ist. Doch habe ich selten einen jungen Stamm gefunden, der ohne Äste war, und Sie bedürfen doch wohl zum Bogen ein Holz, das ganz frei von Ästen ist?« [194] »Ein junger Stamm,« erwiederte ich, »ist freilich nicht ohne Äste; doch wenn man ihn zum Baume aufzieht, so werden ihm die Äste genommen, oder wenn er im Dickicht aufwächst, so verlieren sie sich mit der Zeit von selber ..... Man wird daher auf jeden Fall sicher gehen, wenn man bei einer aus solchem Stamm gesägten Bohle sich gleichfalls an die Außenseite hält und einige Zoll von demjenigen Stück sich abschneiden läßt, was zunächst unter der Rinde war, also den Splint und was ihm folgt, welches überhaupt das jüngste, zäheste und zu einem Bogen das tauglichste Holz ist.«
»Ich meinte,« versetzte Goethe, »das Holz zu einem Bogen dürfte nicht gesägt, sondern müßte gespalten oder, wie Sie es nennen, geschlachtet werden.«
»Wenn es sich schlachten läßt,« erwiederte ich, »allerdings. Die Esche, die Eiche, auch wohl die Walnuß läßt sich schlachten, weil es Holz von grober Faser ist. Der Maßholder aber nicht; denn es ist ein Holz von so feiner, fest ineinandergewachsener Faser, daß es sich in der Faserrichtung durchaus nicht trennt, sondern herüber und hinüber reißt, ganz gegen alle Faser und alle natürlich gewachsene Richtung. Das Holz des Maßholder muß daher mit der Säge getrennt werden, und zwar ohne alle Gefahr für die Kraft des Bogens.«
»Hm! Hm!« sagte Goethe. »Sie sind übrigens durch Ihre Bogentendenz zu ganz hübschen Kenntnissen gekommen, und zwar zu lebendigen, die man nur auf [195] praktischem Wege erlangt. Das ist aber immer der Vortheil irgend einer leidenschaftlichen Richtung, daß sie uns in das Innere der Dinge treibt. Auch ist das Suchen und Irren gut, denn durch Suchen und Irren lernt man. Und zwar lernt man nicht blos die Sache, sondern den ganzen Umfang. Was wüßte ich von der Pflanze und der Farbe, wenn man meine Theorie mir fertig überliefert und ich beides auswendig gelernt hätte! Aber daß ich eben alles selber suchen und finden und auch gelegentlich irren mußte, dadurch kann ich sagen, daß ich von beiden Dingen etwas weiß, und zwar mehr als auf dem Papiere steht. Aber sagen Sie mir noch eins von Ihrem Bogen. Ich habe schottische gesehen, die bis zu den Spitzen hinaus ganz gerade, andere dagegen, deren Spitzen gekrümmt waren. Welche halten Sie für die besten?«
»Ich halte dafür,« erwiederte ich, »daß bei einem Bogen mit rückwärts geschweiften Enden die Federkraft bei weitem mächtiger ist. Anfangs machte ich sie gerade, weil ich nicht verstand die Enden zu biegen. Nachdem ich aber gelernt damit umzugehen, mache ich die Enden geschweift, und ich finde, daß der Bogen dadurch nicht allein ein schöneres Ansehen, sondern auch eine größere Gewalt erlangt.«
»Nicht wahr,« sagte Goethe, »man bewirkt die Krümmung durch Hitze?«
»Durch feuchte Hitze,« erw