1827

[1] 1069.*


1827, 3. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Heute bei Tische sprachen wir über Cannings treffliche Rede für Portugal.

»Es giebt Leute,« sagte Goethe, »die diese Rede grob nennen; aber diese Leute wissen nicht was sie wollen, es liegt in ihnen eine Sucht, alles Große zu frondiren. Es ist keine Opposition, sondern eine bloße Frondation. Sie müssen etwas Großes haben, das sie hassen können. Als Napoleon noch in der Welt war, haßten sie den, und sie hatten an ihm eine gute Ableitung. Sodann als es mit diesem aus war, frondirten sie die heilige Allianz, und doch ist nie etwas Größeres und für die Menschheit Wohlthätigeres erfunden worden. Jetzt kommt die Reihe an Canning. Seine Rede für Portugal ist das Product eines großen Bewußtseins. Er fühlt sehr gut den Umfang seiner Gewalt und die Größe seiner Stellung, und er hat recht, daß er spricht wie er sich empfindet. Aber das können diese Sansculotten nicht begreifen, und was uns andern groß erscheint, erscheint ihnen grob. Das Große ist ihnen unbequem, sie haben keine Ader, es zu verehren; sie können es nicht dulden.«


[2] 1070.*


1827, 4. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Goethe lobte sehr die Gedichte von Victor Hugo. »Er ist ein entschiedenes Talent,« sagte er, »auf den die deutsche Literatur Einfluß gehabt. Seine poetische Jugend ist ihm leider durch die Pedanterie der klassischen Partei verkümmert; doch jetzt hat er den ›Globe‹ auf seiner Seite, und so hat er gewonnen Spiel. Ich möchte ihn mit Manzoni vergleichen. Er hat viel Objectives und erscheint mir vollkommen so bedeutend als die Herren de Lamartine und Delavigne. Wenn ich ihn recht betrachte, so sehe ich wohl, wo er und andere frische Talente seinesgleichen herkommen. Von Chateaubriand kommen sie her, der freilich ein sehr bedeutendes rhetorisch-poetisches Talent ist. Damit Sie nun aber sehen, in welcher Art Victor Hugo schreibt, so lesen Sie nur dies Gedicht über Napoleon: ›Les deux îles.‹«

Goethe legte mir das Buch vor und stellte sich an den Ofen. Ich las. »Hat er nicht treffliche Bilder?« sagte Goethe, »und hat er seinen Gegenstand nicht mit sehr freiem Geiste behandelt?« Er trat wieder zu mir. »Sehen Sie nur diese Stelle, wie schön sie ist!« Er las die Stelle von der Wetterwolke, aus der den Helden der Blitz von unten hinauf trifft. »Das ist schön! Denn das Bild ist wahr, welches man in Gebirgen finden wird, wo man oft die Gewitter unter [3] sich hat und wo die Blitze von unten nach oben schlagen.«

»Ich lobe an den Franzosen,« sagte ich, »daß ihre Poesie nie den festen Boden der Realität verläßt. Man kann die Gedichte in Prosa übersetzen und ihr Wesentliches wird bleiben.«

»Das kommt daher,« sagte Goethe: »die französischen Dichter haben Kenntnisse; dagegen denken die deutschen Narren, sie verlören ihr Talent, wenn sie sich um Kenntnisse bemühten, obgleich jedes Talent sich durch Kenntnisse nähren muß und nur dadurch erst zum Gebrauch seiner Kräfte gelangt. Doch wir wollen sie gehen lassen, man hilft ihnen doch nicht, und das wahrhafte Talent findet schon seinen Weg. Die vielen jungen Dichter, die jetzt ihr Wesen treiben, sind gar keine rechten Talente; sie beurkunden weiter nichts als ein Unvermögen, das durch die Höhe der deutschen Literatur zur Productivität angereizt worden.

Daß die Franzosen,« fuhr Goethe fort, »aus der Pedanterie zu einer freiern Art in der Poesie hervorgehen, ist nicht zu verwundern. Diderot und ihm ähnliche Geister haben schon vor der Revolution diese Bahn zu brechen gesucht. Die Revolution selbst sodann sowie die Zeit unter Napoleon sind der Sache günstig gewesen. Denn wenn auch die kriegerischen Jahre kein eigentlich poetisches Interesse aufkommen ließen und also für den Augenblick den Musen zuwider waren, so haben sich doch in dieser Zeit eine[4] Menge freier Geister gebildet, die nun im Frieden zur Besinnung kommen und als bedeutende Talente hervortreten.«

Ich fragte Goethe, ob die Partei der Classiker auch dem trefflichen Béranger entgegen gewesen. »Das Genre, worin Béranger dichtet,« sagte Goethe, »ist ein älteres, herkömmliches, woran man gewöhnt war; doch hat auch er sich in manchen Dingen freier bewegt als seine Vorgänger und ist deshalb von der pedantischen Partei angefeindet worden.«

Das Gespräch lenkte sich auf die Malerei und auf den Schaden der alterthümelnden Schule. »Sie prätendiren kein Kenner zu sein,« sagte Goethe, »und doch will ich Ihnen ein Bild vorlegen, an welchem Ihnen, obgleich es von einem unserer besten jetzt lebenden deutschen Maler gemacht worden, dennoch die bedeutendsten Verstöße gegen die ersten Gesetze der Kunst sogleich in die Augen fallen sollen. Sie werden sehen, das einzelne ist hübsch gemacht, aber es wird Ihnen bei dem Ganzen nicht wohl werden, und Sie werden nicht wissen was Sie daraus machen sollen. Und zwar dieses nicht, weil der Meister des Bildes kein hinreichendes Talent ist, sondern weil sein Geist, der das Talent leiten soll, ebenso verfinstert ist wie die Köpfe der übrigen alterthümelnden Maler, sodaß er die vollkommenen Meister ignorirt und zu den unvollkommenen Vorgängern zurückgeht und diese zum Muster nimmt.

Raphael und seine Zeitgenossen waren aus einer[5] beschränkten Manier zur Natur und Freiheit durchgebrochen. Und statt daß jetzige Künstler Gott danken und diese Avantagen benutzen und auf dem trefflichen Wege fortgehen sollten, kehren sie wieder zur Beschränktheit zurück. Es ist zu arg, und man kann diese Verfinsterung der Köpfe kaum begreifen. Und weil sie nun auf diesem Wege in der Kunst selbst keine Stütze haben, so suchen sie solche in der Religion und Partei; denn ohne beides würden sie in ihrer Schwäche gar nicht bestehen können.

Es geht,« fuhr Goethe fort, »durch die ganze Kunst eine Filiation. Sieht man einen großen Meister, so findet man immer, daß er das Gute seiner Vorgänger benutzte, und daß eben dieses ihn groß machte. Männer wie Raphael wachsen nicht aus dem Boden. Sie fußten auf der Antike und dem Besten, was vor ihnen gemacht worden. Hätten sie die Avantagen ihrer Zeit nicht benutzt, so würde wenig von ihnen zu sagen sein.«

Das Gespräch lenkte sich auf die altdeutsche Poesie; ich erinnerte an Fleming. »Fleming,« sagte Goethe, »ist ein recht hübsches Talent, ein wenig prosaisch, bürgerlich; er kann jetzt nichts mehr helfen. Es ist eigen,« fuhr er fort, »ich habe doch so mancherlei gemacht, und doch ist keins von allen meinen Gedichten, das im lutherischen Gesangbuch stehen könnte.« Ich lachte und gab ihm recht, indem ich mir sagte, daß in dieser wunderlichen Äußerung mehr liege, als es den Anschein habe.


[6] 1071.*


1827, 12. Januar.


Abendgesellschaft bei Goethe

Ich [Eckermann] fand eine musikalische Abendunterhaltung bei Goethe, die ihm von der Familie Eberwein nebst einigen Mitgliedern des Orchesters gewährt wurde. Unter den wenigen Zuhörern waren: der Generalsuperintendent Röhr, Hofrath Vogel und einige Damen. Goethe hatte gewünscht, das Quartett eines berühmten jungen Componisten zu hören, welches man zunächst ausführte. Der zwölfjährige Karl Eberwein spielte den Flügel zu Goethes großer Zufriedenheit und in der That trefflich, sodaß denn das Ouartett in jeder Hinsicht gut executirt vorüberging.

»Es ist wunderlich,« sagte Goethe, »wohin die aufs höchste gesteigerte Technik und Mechanik die neuesten Componisten führt; ihre Arbeiten bleiben keine Musik mehr, sie gehen über das Niveau der menschlichen Empfindungen hinaus und man kann solchen Sachen aus eigenem Geist und Herzen nichts mehr unterlegen. Wie ist es Ihnen? Mir bleibt alles in den Ohren hängen.« Ich sagte, daß es mir in diesem Falle nicht besser gehe. »Doch das Allegro,« fuhr Goethe fort, »hatte Character. Dieses ewige Wirbeln und Drehen führte mir die Hexentänze des Blocksbergs vor Augen, und ich fand also doch eine Anschauung, die ich der wunderlichen Musik supponiren konnte.«

[7] Nach einer Pause, während welcher man sich unterhielt und einige Erfrischungen nahm, ersuchte Goethe Madame Eberwein um den Vortrag einiger Lieder. Sie sang zunächst nach Zelter's Composition das schöne Lied ›Um Mitternacht‹, welches den tiefsten Eindruck machte. »Das Lied bleibt schön,« sagte Goethe, »So oft man es auch hört. Es hat in der Melodie etwas Ewiges, Unverwüstliches.« Hierauf folgten einige Lieder aus der ›Fischerin‹, von Max Eberwein componirt. Der ›Erlkönig‹ erhielt entschiedenen Beifall; sodann die Arie: ›Ich hab's gesagt der guten Mutter‹, erregte die allgemeine Äußerung: diese Composition erscheine so gut getroffen, daß niemand sie sich anders denken könne. Goethe selbst war im hohen Grade befriedigt.

Zum Schluß des schönen Abends sang Madame Eberwein auf Goethes Wunsch einige Lieder des ›Divan‹ nach den bekannten Compositionen ihres Gatten. Die Stelle: ›Jussufs Reize möcht' ich borgen‹, gefiel Goethen ganz besonders. »Eberwein,« sagte er zu mir, »übertrifft sich mitunter selber.« Er bat sodann noch um das Lied: ›Ach um deine feuchten Schwingen‹, welches gleichfalls die tiefsten Empfindungen anzuregen geeignet war.

Nachdem die Gesellschaft gegangen, blieb ich noch einige Augenblicke mit Goethe allein. »Ich habe,« sagte er, »diesen Abend die Bemerkung gemacht, daß diese Lieder des ›Divan‹ gar kein Verhältniß mehr zu mir haben. Sowohl was darin orientalisch als was[8] darin leidenschaftlich ist, hat aufgehört in mir fortzuleben; es ist wie eine abgestreifte Schlangenhaut am Wege liegen geblieben. Dagegen das Lied ›Um Mitternacht‹ hat sein Verhältniß zu mir nicht verloren, es ist von mir noch ein lebendiger Theil und lebt mit mir fort.

Es geht mir übrigens öfter mit meinen Sachen so, daß sie mir gänzlich fremd werden. Ich las dieser Tage etwas Französisches und dachte im Lesen: der Mann spricht gescheidt genug, du würdest es selbst nicht anders sagen. Und als ich es genau besehe, ist es eine übersetzte Stelle aus meinen eigenen Schriften.«


[8] 1072.*


1827, 15. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Vor mehrern Wochen hörte ich .. von seinem Secretär [John], daß er an einer neuen Novelle arbeite; ich hielt mich daher abends von Besuchen zurück und begnügte mich, ihn bloß alle acht Tage bei Tische zu sehen.

Diese Novelle war nun seit einiger Zeit vollendet, und er legte mir diesen Abend die ersten Bogen zur Ansicht vor.

Ich war beglückt und las bis zu der bedeutenden Stelle, wo alle um den todten Tiger herumstehen und der Wärtel die Nachricht bringt, daß der Löwe oben an der Ruine sich in die Sonne gelegt habe.

[9] Während des Lesens hatte ich die außerordentliche Deutlichkeit zu bewundern, womit alle Gegenstände bis auf die kleinste Localität vor die Augen gebracht waren. Der Auszug zur Jagd, die Zeichnungen der alten Schloßruine, der Jahrmarkt, der Feldweg zur Ruine, alles trat entschieden vor die Anschauung, sodaß man genöthigt war, sich das Dargestellte gerade so zu denken wie der Dichter es gewollt hatte. Zu gleich war alles mit einer solchen Sicherheit, Besonnenheit und Herrschaft geschrieben, daß man vom Künftigen nichts vorausahnen und keine Zeile weiter blicken konnte als man las.

»Euer Excellenz,« sagte ich, »müssen nach einem sehr bestimmten Schema gearbeitet haben.«

»Allerdings habe ich das,« antwortete Goethe; »ich wollte das Sujet schon vor dreißig Jahren ausführen, und seit der Zeit trage ich es im Kopfe. Nun ging es mir mit der Arbeit wunderlich. Damals, gleich nach ›Hermann und Dorothea‹, wollte ich den Gegenstand in epischer Form und Hexametern behandeln und hatte auch zu diesem Zwecke ein ausführliches Schema entworfen. Als ich nun jetzt das Sujet wieder vornehme, um es zu schreiben, kann ich jenes alte Schema nicht finden und bin also genöthigt, ein neues zu machen und zwar ganz gemäß der veränderten Form, die ich jetzt dem Gegenstande zu geben willens war. Nun aber nach vollendeter Arbeit findet sich jenes ältere Schema wieder, und ich freue mich nun, daß ich[10] es nicht früher in Händen gehabt, denn es würde mich nur verwirrt haben. Die Handlung und der Gang der Entwickelung war zwar unverändert, allein im Detail war es doch ein ganz anderes; es war ganz für eine epische Behandlung in Hexametern gedacht und würde also für diese prosaische Darstellung gar nicht anwendbar gewesen sein.«

Das Gespräch lenkte sich auf den Inhalt. »Eine schöne Situation,« sagte ich, »ist die, wo Honorio der Fürstin gegenüber am todt ausgestreckten Tiger steht, die klagende, weinende Frau mit dem Knaben herzugekommen ist, und auch der Fürst mit dem Jagdgefolge zu der seltsamen Gruppe soeben herbeieilt. Das müßte ein treffliches Bild machen, und ich möchte es gemalt sehen.«

»Gewiß,« sagte Goethe, »das wäre ein schönes Bild; – doch,« fuhr er nach einigem Bedenken fort, »der Gegenstand wäre fast zu reich und der Figuren zu viele, sodaß die Gruppirung und Vertheilung von Licht und Schatten dem Künstler sehr schwer werden würde. Allein den frühern Moment, wo Honorio auf dem Tiger kniet und die Fürstin am Pferde gegenübersteht, habe ich mir wohl als Bild gedacht; und das wäre zu machen.« Ich empfand, daß Goethe recht hatte, und fügte hinzu, daß ja dieser Moment auch eigentlich der Kern der ganzen Situation sei, worauf alles ankomme.

Noch hatte ich an dem Gelesenen zu bemerken, daß [11] diese Novelle von allen übrigen der ›Wanderjahre‹ einen ganz verschiedenen Character trage, indem darin alles Darstellung des Äußern, alles real sei. »Sie haben recht,« sagte Goethe, »Innerliches finden Sie in dem Gelesenen fast gar nicht, und in meinen übrigen Sachen ist davon fast zu viel.«

»Nun bin ich neugierig zu erfahren,« sagte ich, »wie man sich des Löwen bemeistern wird; daß dieses auf eine ganz andere Weise geschehen werde, ahne ich fast, doch das Wie ist mir gänzlich verborgen.« – »Es wäre auch nicht gut, wenn Sie es ahnten,« sagte Goethe, »und ich will es Ihnen heute nicht verrathen. Donnerstag Abend gebe ich Ihnen das Ende; bis dahin liegt der Löwe in der Sonne.«

Ich brachte das Gespräch auf den zweiten Theil des ›Faust‹, insbesondere auf die ›Classische Walpurgisnacht‹, die nur noch in der Skizze dalag, und wovon Goethe mir vor einiger Zeit gesagt hatte, daß er sie als Skizze wolle drucken lassen. Nun hatte ich mir vorgenommen, Goethen zu rathen, dieses nicht zu thun; denn ich fürchtete, sie möchte, einmal gedruckt, für immer unausgeführt bleiben. Goethe mußte in der Zwischenzeit das bedacht haben, denn er kam mir sogleich entgegen, indem er sagte, daß er entschlossen sei, jene Skizze nicht drucken zu lassen. »Das ist mir sehr lieb,« sagte ich, »denn nun habe ich doch die Hoffnung, daß Sie sie ausführen werden.« – »In einem Vierteljahre,« sagte er, »wäre es gethan, allein[12] woher will die Ruhe kommen! Der Tag macht gar zu viele Ansprüche an mich; es hält schwer, mich so sehr abzusondern und zu isoliren. Diesen Morgen war der Erbgroßherzog bei mir, auf morgen Mittag hat sich die Großherzogin melden lassen. Ich habe solche Besuche als eine hohe Gnade zu schätzen, sie verschönern mein Leben; allein sie nehmen doch mein Inneres in Anspruch, ich muß doch bedenken, was ich diesen hohen Personen immer Neues vorlegen und wie ich sie würdig unterhalten will.«

»Und doch,« sagte ich, »haben Sie vorigen Winter die ›Helena‹ vollendet, und Sie waren doch nicht weniger gestört als jetzt.« – »Freilich,« sagte Goethe, »es geht auch, und muß auch gehen, allein es ist schwer.« – »Es ist nur gut,« sagte ich, »daß Sie ein so ausführliches Schema haben.« – »Das Schema ist wohl da,« sagte Goethe, »allein das Schwierigste ist noch zu thun; und bei der Ausführung hängt doch alles gar zu sehr vom Glück ab. Die ›Classische Walpurgisnacht‹ muß in Reimen geschrieben werden, und doch muß alles einen antiken Character tragen. Eine solche Versart zu finden, ist nicht leicht. Und nun den Dialog!« – »Ist denn der nicht im Schema mit erfunden?« sagte ich. – »Wohl das Was,« antwortete Goethe, »aber nicht das Wie. Und dann bedenken Sie nur, was alles in jener tollen Nacht zur Sprache kommt! Fausts Rede an die Proserpina, um diese zu bewegen, daß sie die Helena herausgiebt; was muß [13] das nicht für eine Rede sein, da die Proserpina selbst zu Thränen davon gerührt wird! Dieses alles ist nicht leicht zu machen und hängt sehr viel vom Glück ab, ja fast ganz von der Stimmung und Kraft des Augenblicks.«


[13] 1073.*


1827, 17. Januar.


Mittag bei Goethe

In der letzten Zeit, wo Goethe sich mitunter nicht ganz wohl befand, hatten wir in seiner nach dem Garten gehenden Arbeitsstube gegessen. Heute war wieder in dem sogenannten Urbino-Zimmer gedeckt, welches ich [Eckermann] als ein gutes Zeichen nahm. Als ich hereintrat, fand ich Goethe und seinen Sohn; beide bewillkommneten mich freundlich in ihrer naiven liebevollen Art; Goethe selbst schien in der heitersten Stimmung, wie dieses an seinem höchst belebten Gesicht zu bemerken war. Durch die offene Thür des angrenzenden sogenannten Deckenzimmers sah ich, über einen großen Kupferstich gebogen, den Herrn Kanzler von Müller; er trat bald zu uns herein, und ich freute mich, ihn als angenehme Tischgesellschaft zu begrüßen. Frau von Goethe wurde noch erwartet, doch setzten wir uns vorläufig zu Tische. Es ward mit Bewunderung von dem Kupferstich gesprochen, und Goethe erzählte mir, es sei ein Werk des berühmten Gérard in [14] Paris, womit dieser ihm in den letzten Tagen ein Geschenk gemacht. »Gehen Sie geschwind hin,« fügte er hinzu, »und nehmen Sie noch ein paar Augen voll, ehe die Suppe kommt.«

Ich that nach seinem Wunsche und meiner Neigung; ich freute mich an dem Anblick des bewundernswürdigen Werks, nicht weniger an der Unterschrift des Malers, wodurch er es Goethen als einen Beweis seiner Achtung zueignet. Ich konnte jedoch nicht lange betrachten, Frau von Goethe trat herein, und ich eilte nach meinem Platz zurück. »Nicht wahr,« sagte Goethe, »das ist etwas Großes? Man kann es tage- und wochenlang studiren, ehe man die reichen Gedanken und Vollkommenheiten alle herausfindet. Dieses,« sagte er, »soll Ihnen auf andere Tage vorbehalten bleiben.«

Wir waren bei Tische sehr heiter. Der Kanzler theilte einen Brief eines bedeutenden Mannes aus Paris [Saint-Aignan] mit, der zur Zeit der französischen Occupation als Gesandter hier einen schweren Posten behauptet und von jener Zeit her mit Weimar ein freundliches Verhältniß fortgesetzt hatte. Er gedachte des Großherzogs und Goethes und pries Weimar glücklich, wo das Genie mit der höchsten Gewalt ein so vertrautes Verhältniß haben könne.

Frau von Goethe brachte in die Unterhaltung große Anmuth. Es war von einigen Anschaffungen die Rede, womit sie den jungen Goethe neckte, und wozu dieser sich nicht verstehen wollte. »Man muß den schönen[15] Frauen nicht gar zu viel angewöhnen,« sagte Goethe, »denn sie gehen leicht ins Grenzenlose. Napoleon erhielt noch auf Elba Rechnungen von Putzmacherinnen, die er bezahlen sollte. Doch mochte er in solchen Dingen leicht zu wenig thun als zu viel. Früher in den Tuilerien wurden einst in seinem Beisein seiner Gemahlin von einem Modehändler kostbare Sachen präsentirt. Als Napoleon aber keine Miene machte, etwas zu kaufen, gab ihm der Mann zu verstehen, daß er doch wenig in dieser Hinsicht für seine Gemahlin thue. Hierauf sagte Napoleon kein Wort, aber er sah ihn mit einem solchen Blick an, daß der Mann seine Sachen sogleich zusammenpackte und sich nie wieder sehen ließ.« – »That er dieses als Consul?« fragte Frau von Goethe. – »Wahrscheinlich als Kaiser,« antwortete Goethe, »denn sonst wäre sein Blick wohl nicht so furchtbar gewesen. Aber ich muß über den Mann lachen, dem der Blick in die Glieder fuhr und der sich wahrscheinlich schon geköpft oder erschossen sah.«

Wir waren in der heitersten Laune und sprachen über Napoleon weiter fort. »Ich möchte,« sagte der junge Goethe, »alle seine Thaten in trefflichen Gemälden oder Kupferstichen besitzen und damit ein großes Zimmer dekoriren.« – »Das müßte sehr groß sein,« erwiederte Goethe, »und doch würden die Bilder nicht hineingehen, so groß sind seine Thaten.«

Der Kanzler brachte Ludens ›Geschichte der Deutschen‹ ins Gespräch, und ich hatte zu bewundern, mit welcher [16] Gewandtheit und Eindringlichkeit der junge Goethe dasjenige, was öffentliche Blätter an dem Buche zu tadeln gefunden, aus der Zeit, in der es geschrieben, und den nationalen Empfindungen und Rücksichten, die dabei in dem Verfasser gelebt, herzuleiten wußte. Es ergab sich, daß Napoleons Kriege erst jene des Cäsar ausgeschlossen. »Früher,« sagte Goethe, »war Cäsar's Buch freilich nicht viel mehr als ein bloßes Exercitium gelehrter Schulen.«

Von der altdeutschen Zeit kam das Gespräch auf die gothische. Es war von einem Bücherschrank die Rede, der einen gothischen Character habe; sodann kam man auf den neuesten Geschmack, ganze Zimmer in altdeutscher und gothischer Art einzurichten und in einer solchen Umgebung einer veralteten Zeit zu wohnen.

»In einem Hause,« sagte Goethe, »wo so viele Zimmer sind, daß man einige derselben leer stehen läßt und im ganzen Jahre vielleicht nur drei-, viermal hineinkommt, mag eine solche Liebhaberei hingehen und man mag auch ein gothisches Zimmer haben, sowie ich es ganz hübsch finde, daß Madame Panckoucke in Paris ein chinesisches hat, allein sein Wohnzimmer mit so fremder und veralteter Umgebung auszustaffiren, kann ich gar nicht loben. Es ist immer eine Art von Maskerade, die auf die Länge in keiner Hinsicht wohlthun kann, vielmehr auf den Menschen, der sich damit befaßt, einen nachtheiligen Einfluß haben muß; denn so [17] etwas steht im Widerspruch mit dem lebendigen Tage, in welchen wir gesetzt sind, und wie es aus einer leeren und hohlen Gesinnungs- und Denkungsweise hervorgeht, so wird es darin bestärken. Es mag wohl einer an einem lustigen Winterabend als Türke zur Maskerade gehen, allein was würden wir von einem Menschen halten, der ein ganzes Jahr sich in einer solchen Maske zeigen wollte? Wir würden von ihm denken, daß er entweder schon verrückt sei, oder daß er doch die größte Anlage habe, es sehr bald zu werden.«

Wir fanden Goethes Worte über einen so sehr ins Leben eingreifenden Gegenstand durchaus überzeugend, und da keiner der Anwesenden etwas davon als leisen Vorwurf auf sich selbst beziehen konnte, so fühlten wir ihre Wahrheit in der heitersten Stimmung.

Das Gespräch lenkte sich auf das Theater, und Goethe neckte mich, daß ich am letzten Montag Abend es ihm geopfert. »Er ist nun drei Jahre hier,« sagte er, zu den übrigen gewendet, »und dies ist der erste Abend, wo er mir zuliebe im Theater gefehlt hat; ich muß ihm das hoch anrechnen. Ich hatte ihn eingeladen, und er hatte versprochen zu kommen, aber doch zweifelte ich, daß er Wort halten würde, besonders als es halb sieben schlug und er noch nicht da war. Ja ich hätte mich sogar gefreut, wenn er nicht gekommen wäre; ich hätte doch sagen können: Da ist ein ganz verrückter Mensch, dem das Theater über seine liebsten [18] Freunde geht und der sich durch nichts von seiner hartnäckigen Neigung abwenden läßt. Aber ich habe Sie auch entschädigt! Nicht wahr? Habe ich Ihnen nicht schöne Sachen vorgelegt?« Goethe zielte mit diesen Worten auf die neue Novelle.

Wir sprachen sodann über Schiller's ›Fiesco‹, der am letzten Sonnabend war gegeben worden. »Ich habe das Stück zum ersten Male gesehen,« sagte ich, »und es hat mich nun sehr beschäftigt, ob man nicht die ganz rohen Scenen mildern könnte; allein ich finde, daß sich wenig daran thun läßt, ohne den Character des Ganzen zu verletzen.«

»Sie haben ganz recht, es geht nicht,« erwiederte Goethe, »Schiller hat sehr oft mit mir darüber gesprochen, denn er selbst konnte seine ersten Stücke nicht leiden, und er ließ sie, während wir am Theater waren, nie spielen. Nun fehlte es uns aber an Stücken, und wir hätten gern jene drei gewaltsamen Erstlinge dem Repertoire gewonnen. Es wollte aber nicht gehen, es war alles zu sehr miteinander verwachsen, sodaß Schiller selbst an dem Unternehmen verzweifelte und sich genöthigt sah, seinen Vorsatz aufzugeben und die Stücke zu lassen wie sie waren.«

»Es ist schade darum,« sagte ich; »denn trotz aller Roheiten sind sie mir doch tausendmal lieber als die schwachen, weichen, forcirten und unnatürlichen Stücke einiger unserer neuesten Tragiker. Bei Schiller spricht doch immer ein grandioser Geist und Character.«

[19] »Das wollte ich meinen,« sagte Goethe. »Schiller mochte sich stellen wie er wollte, er konnte gar nichts machen, was nicht immer bei weitem größer herauskam als das Beste dieser Neuern; ja wenn Schiller sich die Nägel beschnitt, war er größer als diese Herren.«

Wir lachten und freuten uns des gewaltigen Gleichnisses.

»Aber ich habe doch Personen gekannt,« fuhr Goethe fort, »die sich über die ersten Stücke Schiller's gar nicht zufrieden geben konnten. Eines Sommers in einem Bade ging ich durch einen eingeschlossenen sehr schmalen Weg, der zu einer Mühle führte. Es begegnete mir der Fürst *** [Putiatin], und da in demselben Augenblicke einige mit Mehlsäcken beladene Maulthiere auf uns zukamen, so mußten wir ausweichen und in ein kleines Haus treten. Hier, in einem engen Stübchen, geriethen wir nach Art dieses Fürsten sogleich in tiefe Gespräche über göttliche und menschliche Dinge; wir kamen auch auf Schiller's ›Räuber‹, und der Fürst äußerte sich folgendermaßen: ›Wäre ich Gott gewesen‹, sagte er, ›im Begriff die Welt zu erschaffen, und ich hätte in dem Augenblick vorausgesehen, daß Schiller's ›Räuber‹ darin würden geschrieben werden, ich hätte die Welt nicht erschaffen.‹« Wir mußten lachen. »Was sagen Sie dazu?« sagte Goethe; »das war doch eine Abneigung, die ein wenig weit ging und die man sich kaum erklären konnte.«

»Von dieser Abneigung,« versetzte ich, »haben dagegen [20] unsere jungen Leute, besonders unsere Studenten, gar nichts. Die trefflichsten, reifsten Stücke von Schiller und andern können gegeben werden, und man sieht von jungen Leuten und Studirenden wenige oder gar keine im Theater; aber man gebe Schiller's ›Räuber‹ oder Schiller's ›Fiesco‹, und das Haus ist fast allein von Studenten gefüllt.« – »Das war,« versetzte Goethe, »vor funfzig Jahren wie jetzt und wird wahrscheinlich nach funfzig Jahren nicht anders sein. Was ein junger Mensch geschrieben hat, wird auch wieder am besten von jungen Leuten genossen werden. Und dann denke man nicht, daß die Welt so sehr in der Cultur und gutem Geschmack vorschritte, daß selbst die Jugend schon über eine solche rohere Epoche hinaus wäre! Wenn auch die Welt im ganzen vorschreitet, die Jugend muß doch immer wieder von vorn anfangen und als Individuum die Epochen der Weltcultur durchmachen. Mich irritirt das nicht mehr, und ich habe längst einen Vers darauf gemacht, der so lautet:

Johannisfeuer sei unverwehrt,

Die Freude nie verloren!

Besen werden immer stumpf gekehrt

Und Jungens immer geboren.


Ich brauche nur zum Fenster hinauszusehen, um in straßenkehrenden Besen und herumlaufenden Kindern die Symbole der sich ewig abnutzenden und immer sich verjüngenden Welt beständig vor Augen zu haben. Kinderspiele und Jugendvergnügungen erhalten sich daher [21] und pflanzen sich von Jahrhundert zu Jahrhundert fort; denn so absurd sie auch einem reifern Alter erscheinen mögen, Kinder bleiben doch immer Kinder und sind sich zu allen Zeiten ähnlich. Deshalb soll man auch die Johannisfeuer nicht verbieten und den lieben Kindern die Freude daran nicht verderben.«

Unter solchen und ähnlichen heitern Unterhaltungen gingen die Stunden des Tisches schnell vorüber. Wir jüngern Leute gingen sodann hinauf in die obern Zimmer, während der Kanzler bei Goethe blieb.


[21] 1074.*


1827, 18. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Auf diesen Abend hatte Goethe mir den Schluß der Novelle versprochen. Ich ging halb sieben Uhr zu ihm und fand ihn in seiner traulichen Arbeitsstube allein. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch, und nachdem wir die nächsten Tagesereignisse besprochen hatten, stand Goethe auf und gab mir die erwünschten letzten Bogen. »Da lesen Sie den Schluß,« sagte er. Ich begann. Goethe ging derweile im Zimmer auf und ab und stand abwechselnd am Ofen. Ich las wie gewöhnlich leise für mich.

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Nicht ohne Rührung hatte ich die Handlung des Schlusses lesen können. Doch wußte ich nicht, was ich [22] sagen sollte, ich war überrascht, aber nicht befriedigt. Es war mir als wäre der Ausgang zu einsam, zu ideal, zu lyrisch, und als hätten wenigstens einige der übrigen Figuren wieder hervortreten und, das Ganze abschließend, dem Ende mehr Breite geben sollen.

Goethe merkte, daß ich einen Zweifel im Herzen hatte, und suchte mich ins Gleiche zu bringen. »Hätte ich,« sagte er, »einige der übrigen Figuren am Ende wieder hervortreten lassen, so wäre der Schluß prosaisch geworden. Und was sollten sie handeln und sagen, da alles abgethan war? Der Fürst mit den Seinigen ist in die Stadt geritten, wo seine Hilfe nöthig sein wird; Honorio, sobald er hört, daß der Löwe oben in Sicherheit ist, wird mit seinen Jägern folgen; der Mann aber wird sehr bald mit dem eisernen Käfig aus der Stadt da sein und den Löwen darin zurückführen. Dieses sind alles Dinge, die man voraussieht und die deshalb nicht gesagt und ausgeführt werden müssen. Thäte man es, so würde man prosaisch werden.

Aber ein ideeller, ja lyrischer Schluß war nöthig und mußte folgen; denn nach der pathetischen Rede des Mannes, die schon poetische Prosa ist, mußte eine Steigerung kommen, ich mußte zur lyrischen Poesie, ja zum Liede selbst übergehen.

Um für den Gang dieser Novelle ein Gleichniß zu haben,« fuhr Goethe fort, »so denken Sie sich aus der Wurzel hervorschießend ein grünes Gewächs, das eine Weile aus einem starken Stengel kräftige grüne[23] Blätter nach den Seiten austreibt und zuletzt mit einer Blume endet. Die Blume war unerwartet, überraschend, aber sie mußte kommen; ja das grüne Blätterwerk war nur für sie da und wäre ohne sie nicht der Mühe werth gewesen.«

Bei diesen Worten athmete ich leicht auf, es fiel mir wie Schuppen vom Auge, und eine Ahnung von der Trefflichkeit dieser wunderbaren Composition fing an sich in mir zu regen.

Goethe fuhr fort: »Zu zeigen, wie das Unbändige, Unüberwindliche oft besser durch Liebe und Frömmigkeit als durch Gewalt bezwungen werde, war die Aufgabe dieser Novelle, und dieses schöne Ziel, welches sich im Kinde und Löwen darstellt, reizte mich zur Ausführung. Dies ist das Ideelle, dies die Blume. Und das grüne Blätterwerk der durchaus realen Exposition ist nur dieserwegen da und nur dieserwegen etwas werth. Denn was soll das Reale an sich? Wir haben Freude daran, wenn es mit Wahrheit dargestellt ist, ja es kann uns auch von gewissen Dingen eine deutlichere Erkenntniß geben; aber der eigentliche Gewinn für unsere höhere Natur liegt doch allein im Idealen, das aus dem Herzen des Dichters hervorging.«

Wie sehr Goethe recht hatte, empfand ich lebhaft, da der Schluß seiner Novelle noch in mir fortwirkte und eine Stimmung von Frömmigkeit in mir hervorgebracht hatte, wie ich sie lange nicht in dem Grade[24] empfunden. Wie rein und innig, dachte ich bei mir selbst, müssen doch in einem so hohen Alter noch die Gefühle des Dichters sein, daß er etwas so Schönes hat machen können! Ich enthielt mich nicht, mich darüber gegen Goethe auszusprechen, sowie überhaupt mich zu freuen, daß diese in ihrer Art einzige Production doch nun existire.

»Es ist mir lieb,« sagte Goethe, »wenn Sie zufrieden sind, und ich freue mich nun selbst, daß ich einen Gegenstand, den ich seit dreißig Jahren in mir herumgetragen, nun endlich los bin. Schiller und Humboldt, denen ich damals mein Vorhaben mittheilte, riethen mir ab, weil sie nicht wissen konnten, was in der Sache lag, und weil nur der Dichter allein weiß, welche Reize er seinem Gegenstande zu geben fähig ist. Man soll daher nie jemand fragen, wenn man etwas schreiben will. Hätte Schiller mich vor seinem ›Wallenstein‹ gefragt, ob er ihn schreiben solle, ich hätte ihm sicherlich abgerathen; denn ich hätte nie denken können, daß aus solchem Gegenstande überall ein so treffliches Theaterstück wäre zu machen gewesen. Schiller war gegen eine Behandlung meines Gegenstandes in Hexametern, wie ich es damals gleich nach ›Hermann und Dorothea‹ willens war; er rieth zu den achtzeiligen Stanzen. Sie sehen aber wohl, daß ich mit der Prosa letzt am besten gefahren bin. Denn es kam sehr auf genaue Zeichnung der Localität an, wobei man doch in solchen Reimen wäre genirt gewesen. Und dann [25] ließ sich auch der anfänglich ganz reale und am Schluß ganz ideelle Character der Novelle in Prosa am besten geben, sowie sich auch die Liederchen jetzt gar hübsch ausnehmen, welches doch so wenig in Hexametern als in den achtzeiligen Reimen möglich gewesen wäre.«

Die übrigen einzelnen Erzählungen und Novellen der ›Wanderjahre‹ kamen zur Sprache, und es ward bemerkt, daß jede sich von der andern durch einen besondern Character und Ton unterscheide.

»Woher dieses entstanden,« sagte Goethe, »will ich Ihnen erklären. Ich ging dabei zu Werke wie ein Maler, der bei gewissen Gegenständen gewisse Farben vermeidet und gewisse andere dagegen vorwalten läßt. Er wird z.B. bei einer Morgenlandschaft viel Blau auf seine Palette setzen, aber wenig Gelb. Malt er dagegen einen Abend, so wird er viel Gelb nehmen und die blaue Farbe fast ganz fehlen lassen. Auf eine ähnliche Weise verfuhr ich bei meinen verschiedenartigen schriftstellerischen Productionen, und wenn man ihnen einen verschiedenen Character zugesteht, so mag es daher rühren.«

Ich dachte bei mir, daß dies eine höchst kluge Maxime sei, und freute mich, daß Goethe sie ausgesprochen.

Sodann hatte ich, vorzüglich bei dieser letzten Novelle, noch das Detail zu bewundern, womit besonders das Landschaftliche dargestellt war.

»Ich habe,« sagte Goethe, »niemals die Natur [26] poetischer Zwecke wegen betrachtet. Aber weil mein früheres Landschaftszeichnen und dann mein späteres Naturforschen mich zu einem beständigen genauen Ansehen der natürlichen Gegenstände trieb, so habe ich die Natur bis in ihre kleinsten Details nach und nach auswendig gelernt, dergestalt, daß, wenn ich als Poet etwas brauche, es mir zu Gebote steht und ich nicht leicht gegen die Wahrheit fehle. In Schillern lag dieses Naturbetrachten nicht. Was in seinem ›Tell‹ von schweizer Localität ist, habe ich ihm alles erzählt; aber er war ein so bewundernswürdiger Geist, daß er selbst nach solchen Erzählungen etwas machen konnte, das Realität hatte.«

Das Gespräch lenkte sich nun ganz auf Schiller, und Goethe fuhr folgendermaßen fort:

»Schiller's eigentliche Productivität lag im Idealen, und es läßt sich sagen, daß er so wenig in der deutschen als einer andern Literatur seinesgleichen hat. Von Lord Byron hat er noch das meiste; doch dieser ist ihm an Welt überlegen. Ich hätte gern gesehen, daß Schiller den Lord Byron erlebt hätte, und da hätt' es mich wundern sollen, was er zu einem so verwandten Geiste würde gesagt haben. Ob wohl Byron bei Schiller's Leben schon etwas publicirt hat?«

Ich zweifelte, konnte es aber nicht mit Gewißheit sagen. Goethe nahm daher das ›Conversations-Lexicon‹ und las den Artikel über Byron vor, wobei er nicht fehlen ließ, manche flüchtige Bemerkung einzuschalten.

[27] Es fand sich, daß Lord Byron vor 1807 nichts hatte drucken lassen, und daß also Schiller nichts von ihm gesehen.

»Durch alle Werke Schiller's,« fuhr Goethe fort, »geht die Idee von Freiheit, und diese Idee nahm eine andere Gestalt an, sowie Schiller in seiner Cultur weiter ging und selbst ein anderer wurde. In seiner Jugend war es die physische Freiheit, die ihm zu schaffen machte und die in seine Dichtungen überging, in seinem spätern Leben die ideelle.

Es ist mit der Freiheit ein wunderlich Ding, und jeder hat leicht genug, wenn er sich nur zu begnügen und zu finden weiß. Und was hilft uns ein Überfluß von Freiheit, die wir nicht gebrauchen können! Sehen Sie dieses Zimmer und diese angrenzende Kammer, in der Sie durch die offene Thür mein Bette sehen, beide sind nicht groß, sie sind ohnedies durch vielerlei Bedarf, Bücher, Manuscripte und Kunstsachen eingeengt, aber sie sind mir genug, ich habe den ganzen Winter darin gewohnt und meine vordern Zimmer fast nicht betreten. Was habe ich nun von meinem geräumigen Hause gehabt und von der Freiheit, von einem Zimmer ins andere zu gehen, da ich nicht das Bedürfniß hatte, sie zu benutzen!

Hat einer nur so viel Freiheit, um gesund zu leben und sein Gewerbe zu treiben, so hat er genug, und so viel hat leicht ein jeder. Und dann sind wir alle nur frei unter gewissen Bedingungen, die wir erfüllen[28] müssen. Der Bürger ist so frei wie der Adelige, sobald er sich in den Grenzen hält, die ihm von Gott durch seinen Stand, worin er geboren, angewiesen. Der Adelige ist so frei wie der Fürst; denn wenn er bei Hofe nur das wenige Ceremoniell beobachtet, so darf er sich als seinesgleichen fühlen. Nicht das macht frei, daß wir nichts über uns anerkennen wollen, sondern eben, daß wir etwas verehren, das über uns ist; denn indem wir es verehren, heben wir uns zu ihm hinauf und legen durch unsere Anerkennung an den Tag, daß wir selber das Höhere in uns tragen und werth sind, seinesgleichen zu sein. Ich bin bei meinen Reisen oft auf norddeutsche Kaufleute gestoßen, welche glaubten meinesgleichen zu sein, wenn sie sich roh zu mir an den Tisch setzten. Dadurch waren sie es nicht; allein sie wären es gewesen, wenn sie mich hätten zu schätzen und zu behandeln gewußt.

Daß nun diese physische Freiheit Schillern in seiner Jugend so viel zu schaffen machte, lag zwar theils in der Natur seines Geistes, größerntheils aber schrieb es sich von dem Drucke her, den er in der Militärschule hatte leiden müssen.

Dann aber in seinem reifern Leben, wo er der physischen Freiheit genug hatte, ging er zur ideellen über, und ich möchte fast sagen, daß diese Idee ihn getödtet hat; denn er machte dadurch Anforderungen an seine physische Natur, die für seine Kräfte zu gewaltsam waren.

[29] Der Großherzog bestimmte Schillern bei seiner Hierherkunft einen Gehalt von jährlich tausend Thalern und erbot sich, ihm das Doppelte zu geben, im Fall er durch Krankheit verhindert sein sollte zu arbeiten. Schiller lehnte dieses letzte Anerbieten ab und machte nie davon Gebrauch. ›Ich habe das Talent‹, sagte er, ›und muß mir selber helfen können.‹ Nun aber, bei seiner vergrößerten Familie in den letzten Jahren, mußte er der Existenz wegen jährlich zwei Stücke schreiben, und um dieses zu vollbringen, trieb er sich, auch an solchen Tagen und Wochen zu arbeiten, in denen er nicht wohl war; sein Talent sollte ihm zu jeder Stunde gehorchen und zu Gebote stehen.

Schiller hat nie viel getrunken, er war sehr mäßig; aber in solchen Augenblicken körperlicher Schwäche suchte er seine Kräfte durch etwas Liqueur oder ähnliches Spirituoses zu steigern. Dies aber zehrte an seiner Gesundheit und war auch den Productionen selbst schädlich; denn was gescheite Köpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus dieser Quelle her. Alle solche Stellen, von denen sie sagen, daß sie nicht just sind, möchte ich pathologische Stellen nennen, indem er sie nämlich an solchen Tagen geschrieben hat, wo es ihm an Kräften fehlte, um die rechten und wahren Motive zu finden. Ich habe vor dem kategorischen Imperativ allen Respect, ich weiß wie viel Gutes aus ihm hervorgehen kann, allein man muß es damit nicht zu [30] weit treiben, denn sonst führt diese Idee der ideellen Freiheit sicher zu nichts Gutem.«

Unter diesen interessanten Äußerungen und ähnlichen Gesprächen über Lord Byron und berühmte deutsche Literatoren, von denen Schiller gesagt, daß Kotzebue ihm lieber, weil er doch etwas hervorbringe, waren die Abendstunden schnell vorübergegangen, und Goethe gab mir die Novelle mit, um sie für mich zu Hause nochmals in der Stille zu betrachten.


[30] 1075.*


1827, 21. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Ich ging diesen Abend halb acht zu Goethe und blieb ein Stündchen bei ihm. Er zeigte mir einen Band neuer französischer Gedichte der Demoiselle Gay und sprach darüber mit großem Lobe. »Die Franzosen,« sagte er, »machen sich heraus, und es ist der Mühe werth, daß man sich nach ihnen umsieht. Ich bin mit Fleiß darüber her, mir von dem Stande der neuesten französischen Literatur einen Begriff zu machen und, wenn es glückt, mich auch darüber auszusprechen. Es ist mir höchst interessant zu sehen, daß diejenigen Elemente bei ihnen erst anfangen zu wirken, die bei uns längst durchgegangen sind. Das mittlere Talent ist freilich immer in der Zeit befangen und muß sich aus denjenigen Elementen nähren, die in ihr liegen. Es [31] ist bei ihnen bis auf die neueste Frömmigkeit alles dasselbige wie bei uns, nur daß es bei ihnen ein wenig galanter und geistreicher zum Vorschein kommt.«

»Was sagen aber Euer Excellenz zu Béranger und dem Verfasser der Stücke der Clara Gazul? [Mérimée]«

»Diese nehme ich aus,« sagte Goethe, »das sind große Talente, die ein Fundament in sich selber haben und sich von der Gesinnungsweise des Tages frei erhalten.« – »Dieses zu hören ist mir sehr lieb,« sagte ich, »denn ich hatte über diese beiden ungefähr dieselbige Empfindung.«

Das Gespräch wendete sich von der französischen Literatur auf die deutsche. »Da will ich Ihnen doch etwas zeigen,« sagte Goethe, »das für Sie Interesse haben wird. Reichen Sie mir doch einen der Bände, die vor Ihnen liegen. Solger ist Ihnen bekannt?« – »Allerdings,« sagte ich, »ich habe ihn sogar lieb. Ich besitze seine Übersetzung des Sophokles, und sowohl diese als die Vorrede dazu gaben mir längst von ihm eine hohe Meinung.« – »Sie wissen, er ist vor mehrern Jahren gestorben,« sagte Goethe, »und man hat jetzt eine Sammlung seiner nachgelassenen Schriften und Briefe herausgegeben. In seinen philosophischen Untersuchungen, die er in der Form der platonischen Dialoge giebt, ist er nicht so glücklich, aber seine Briefe sind vortrefflich. In einem derselben schreibt er an Tieck über die ›Wahlverwandtschaften‹, und diesen muß [32] ich Ihnen vorlesen, denn es ist nicht leicht etwas Besseres über jenen Roman gesagt worden.«

Goethe las mir die treffliche Abhandlung vor, und wir besprachen sie punktweise, indem wir die von einem großen Character zeugenden Ansichten und die Consequenz seiner Ableitungen und Folgerungen bewunderten. Obgleich Solger zugestand, daß das Factum in den ›Wahlverwandtschaften‹ aus der Natur aller Charactere hervorgehe, so tadelte er doch den Character des Eduard.

»Ich kann ihm nicht verdenken,« sagte Goethe, »daß er den Eduard nicht leiden mag, ich mag ihn selber nicht leiden, aber ich mußte ihn so machen, um das Factum hervorzubringen. Er hat übrigens viele Wahrheit; denn man findet in den höhern Ständen Leute genug, bei denen ganz wie bei ihm der Eigensinn an die Stelle des Characters tritt.«

Hoch vor allen stellte Solger den Architekten; denn wenn alle übrigen Personen des Romans sich liebend und schwach zeigten, so sei er der einzige, der sich stark und frei erhalte. Und eben das Schöne an seiner Natur sei nicht sowohl dieses, daß er in die Verirrungen der übrigen Charactere nicht hineingerathe, sondern daß der Dichter ihn so groß gemacht, daß er nicht hineingerathen könne.

Wir freuten uns über dieses Wort. »Das ist freilich sehr schön,« sagte Goethe. – »Ich habe,« sagte ich, »den Character des Architekten auch immer sehr [33] bedeutend und liebenswürdig gefunden, allein daß er eben deswegen so vortrefflich sei, daß er vermöge seiner Natur in jene Verwickelungen der Liebe nicht hineingerathen könne, daran habe ich freilich nicht gedacht.« -»Wundern Sie sich darum nicht,« sagte Goethe; »denn ich habe selber nicht daran gedacht, als ich ihn machte. Aber Solger hat recht, es liegt allerdings in ihm.

Dieser Aufsatz,« fuhr Goethe fort, »ist schon im Jahre 1809 geschrieben, und es hätte mich damals freuen können, ein so gutes Wort über die ›Wahlverwandtschaften‹ zu hören, während man in jener Zeit und später mir eben nicht viel Angenehmes über jenen Roman erzeigte.

Solger hat, wie ich aus diesen Briefen sehe, viel Liebe zu mir gehabt; er beklagt sich in einem derselben, daß ich ihm auf den ›Sophokles‹, den er mir zugesendet, nicht einmal geantwortet. Lieber Gott – aber wie das bei mir geht! Es ist nicht zu verwundern. Ich habe große Herren gekannt, denen man viel zusendete. Diese machten sich gewisse Formulare und Redensarten, womit sie jedes erwiederten, und so schrieben sie Briefe zu Hunderten, die sich alle gleich und alle Phrase waren. In mir aber lag dieses nie. Wenn ich nicht jemand etwas Besonderes und Gehöriges sagen konnte, wie es in der jedesmaligen Sache lag, so schrieb ich lieber gar nicht. Oberflächliche Redensarten hielt ich für unwürdig, und so ist es denn gekommen, [34] daß ich manchem wackern Manne, dem ich gern geschrieben hätte, nicht antworten konnte. Sie sehen ja selbst, wie das bei mir geht und welche Zusendungen von allen Ecken und Enden täglich bei mir einlaufen, und müssen gestehen, daß dazu mehr als ein Menschenleben gehören würde, wenn man alles nur flüchtig erwiedern wollte. Aber um Solger thut es mir leid; er ist gar zu vortrefflich und hätte vor vielen andern etwas Freundliches verdient.«

Ich brachte das Gespräch auf die Novelle, die ich nun zu Hause wiederholt gelesen und betrachtet hatte. »Der ganze Anfang,« sagte ich, »ist nichts als Exposition, aber es ist darin nichts vorgeführt als da Nothwendige, und das Nothwendige mit Anmuth, sodaß man nicht glaubt, es sei eines Andern wegen da, sondern es wolle bloß für sich selber sein und für sich selber gelten.«

»Es ist mir lieb,« sagte Goethe, »wenn Sie dieses so finden. Doch eins muß ich noch thun. Nach den Gesetzen einer guten Exposition nämlich muß ich die Besitzer der Thiere schon vorn austreten lassen. Wenn die Fürstin und der Oheim an der Bude vorbeireiten, müssen die Leute heraustreten und die Fürstin bitten, auch ihre Bude mit einem Besuch zu beglücken.« – »Gewiß,« sagte ich, »Sie haben recht; denn da alles übrige in der Exposition angedeutet ist, so müssen es auch diese Leute werden, und es liegt ganz in der Sache, da sie sich gewöhnlich an der Casse aufhalten, [35] daß die Fürstin nicht so unangefochten werden vorbeireiten lassen.« – »Sie sehen,« sagte Goethe, »daß man an einer solchen Arbeit, wenn sie auch schon im ganzen fertig daliegt, im einzelnen noch immer zu thun hat.«

Goethe erzählte mir sodann von einem Ausländer, der in dieser Zeit ihn hin und wieder besucht und davon gesprochen, wie er dieses und jenes von seinen Werken übersetzen wolle. »Er ist ein guter Mensch,« sagte Goethe, »doch in literarischer Hinsicht bezeigt er sich als ein wahrer Dilettant; denn er kann noch kein Deutsch und spricht schon von Übersetzungen, die er machen, und von Portraits, die er machen will vordrucken lassen. Das ist aber eben das Wesen der Dilettanten, daß sie die Schwierigkeiten nicht kennen, die in einer Sache liegen, und daß sie immer etwas unternehmen wollen, wozu sie keine Kräfte haben.«.


[35] 1076.*


1827, 29. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

und Friedrich Soret

Begleitet von dem Manuscript der Novelle und einer Ausgabe des Béranger ging ich gegen sieben Uhr zu Goethe. Ich fand Herrn Soret bei ihm in Gesprächen über die neue französische Literatur. Ich hörte mit Interesse zu, und es kam zur Sprache, daß die neuesten Talente hinsichtlich guter Verse sehr viel von [36] Delille gelernt. Da Herrn Soret, als einem geborenen Genfer, das Deutsche nicht ganz geläufig war, Goethe aber im Französischen sich ziemlich bequem ausdrückt, so ging die Unterhaltung französisch und nur an solchen Stellen deutsch, wo ich mich in das Gespräch mischte. Ich zog den Béranger aus der Tasche und überreichte ihn Goethe, der diese trefflichen Lieder von neuem zu lesen wünschte. Das den Gedichten vorstehende Portrait fand Herr Soret nicht ähnlich. Goethe freute sich, die zierliche Ausgabe in Händen zu halten. »Diese Lieder,« sagte er, »sind vollkommen und als das Beste in ihrer Art anzusehen, besonders wenn man sich das Gejodel des Refrains hinzudenkt, denn sonst sind sie als Lieder fast zu ernst, zu geistreich, zu epigrammatisch. Ich werde durch Béranger immer an den Horaz und Hafis erinnert, die beide auch über ihrer Zeit standen und die Sittenverderbniß spottend und spielend zur Sprache brachten. Béranger hat zu seiner Umgebung dieselbige Stellung. Weil er aber aus niederm Stande heraufgekommen, so ist ihm das Liederliche und Gemeine nicht allzu verhaßt, und er behandelt es noch mit einer gewissen Neigung.«

Viel Ähnliches ward noch über Béranger und andere neuere Franzosen hin- und hergesprochen, bis Herr Soret an den Hof ging und ich mit Goethe allein blieb.

Ein versiegeltes Paket lag auf dem Tische. Goethe legte seine Hand darauf. »Was ist das?« sagte er. »Es ist die ›Helena‹, die an Cotta zum Druck abgeht.« [37] Ich empfand bei diesen Worten mehr als ich sagen konnte, ich fühlte die Bedeutung des Augenblicks; denn wie bei einem neuerbauten Schiff, das zuerst in die See geht und wovon man nicht weiß, welche Schicksale es erleben wird, so ist es auch mit dem Gedankenwerk eines großen Meisters, das zuerst in die Welt hinaustritt, um für viele Zeiten zu wirken und mannigfaltige Schicksale zu erzeugen und zu erleben.

»Ich habe,« sagte Goethe, »bis jetzt immer noch Kleinigkeiten daran zu thun und nachzuhelfen gesunden. Endlich aber muß es genug sein, und ich bin nun froh, daß es zur Post geht und ich mich mit befreiter Seele zu etwas anderm wenden kann. Es mag nun seine Schicksale erleben! Was mich tröstet, ist, daß die Cultur in Deutschland doch jetzt unglaublich hoch steht und man also nicht zu fürchten hat, daß eine solche Production lange unverstanden und ohne Wirkung bleiben werde.«

»Es steckt ein ganzes Alterthum darin,« sagte ich. – »Ja,« sagte Goethe, »die Philologen werden daran zu thun finden.« – »Für den antiken Theil,« sagte ich, »fürchte ich nicht; denn es ist da das große Detail, die gründlichste Entfaltung des Einzelnen, wo jedes geradezu das sagt, was es sagen soll. Allein der moderne, romantische Theil ist sehr schwer; denn eine halbe Weltgeschichte steckt dahinter; die Behandlung ist bei so großem Stoff nur andeutend und macht sehr große Ansprüche an den Leser.« – »Aber doch,« sagte [38] Goethe, »ist alles sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, daß die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen, wie es ja auch bei der ›Zauberflöte‹ und andern Dingen der Fall ist.«

»Es wird,« sagte ich, »auf der Bühne einen ungewohnten Eindruck machen, daß ein Stück als Tragödie anfängt und als Oper endigt. Doch es gehört etwas dazu, die Großheit dieser Personen darzustellen und die erhabenen Reden und Verse zu sprechen.« – »Der erste Theil,« sagte Goethe, »erfordert die ersten Künstler der Tragödie, sowie nachher im Theile der Oper die Rollen mit den ersten Sängern und Sängerinnen besetzt werden müssen. Die Rolle der Helena kann nicht von einer, sondern sie muß von zwei großen Künstlerinnen gespielt werden; denn es ist ein seltener Fall, daß eine Sängerin zugleich als tragische Künstlerin von hinlänglicher Bedeutung ist.«

»Das Ganze,« sagte ich, »wird zu großer Pracht und Mannigfaltigkeit in Decorationen und Garderobe Anlaß geben, und ich kann nicht leugnen, ich freue mich darauf, es auf der Bühne zu sehen. Wenn nur ein recht großer Componist sich daran machte!« – »Es müßte einer sein,« sagte Goethe, »der wie Meyerbeer lange in Italien gelebt hat, sodaß er seine deutsche Natur mit der italienischen Art und Weise verbände.[39] Doch das wird sich schon finden, und ich habe keinen Zweifel; ich freue mich nur, daß ich es los bin. Auf den Gedanken, daß der Chor nicht wieder in die Unterwelt hinab will, sondern auf der heitern Oberfläche der Erde sich den Elementen zuwirft, thue ich mir wirklich etwas zu gute.« – »Es ist eine neue Art von Unsterblichkeit,« sagte ich.

»Nun,« fuhr Goethe fort, »wie steht es mit der Novelle?« – »Ich habe sie mitgebracht,« sagte ich. »Nachdem ich sie nochmals gelesen, finde ich, daß Euer Excellenz die intendirte Änderung nicht machen dürfen. Es thut gar gute Wirkung, wenn die Leute beim getödteten Tiger zuerst als durchaus fremde neue Wesen mit ihren abweichenden wunderlichen Kleidungen und Manieren hervortreten und sich als Besitzer der Thiere ankündigen. Brächten Sie sie aber schon früher, in der Exposition, so würde diese Wirkung gänzlich geschwächt, ja vernichtet werden.«

»Sie haben recht,« sagte Goethe, »ich muß es lassen wie es ist. Ohne Frage, Sie haben ganz recht. Es muß auch beim ersten Entwurf in mir gelegen haben, die Leute nicht früher zu bringen, eben weil ich sie ausgelassen. Diese intendirte Änderung war eine Forderung des Verstandes, und ich wäre dadurch bald zu einem Fehler verleitet worden. Es ist aber dieses ein merkwürdiger ästhetischer Fall, daß man von einer Regel abweichen muß, um keinen Fehler zu begehen.«

Es kam sodann zur Sprache, welchen Titel man [40] der Novelle geben solle; wir thaten manche Vorschläge, einige waren gut für den Anfang, andere gut für das Ende, doch fand sich keiner, der für das Ganze passend und also der rechte gewesen wäre. »Wissen Sie was,« sagte Goethe, »wir wollen es die ›Novelle‹ nennen; denn was ist eine Novelle anders als eine sich er eignete unerhörte Begebenheit. Dies ist der eigentliche Begriff, und so vieles, was in Deutschland unter dem Titel Novelle geht, ist gar keine Novelle, sondern bloß Erzählung oder was Sie sonst wollen. In jenem ursprünglichen Sinne einer unerhörten Begebenheit kommt auch die Novelle in den ›Wahlverwandtschaften‹ vor.«

»Wenn man es recht bedenkt,« sagte ich, »so entsteht doch ein Gedicht immer ohne Titel und ist ohne Titel das was es ist, sodaß man also glauben sollte, der Titel gehöre gar nicht zur Sache.« – »Er gehört auch nicht dazu,« sagte Goethe; »die alten Gedichte hatten gar keine Titel, es ist dies ein Gebrauch der Neuern, von denen auch die Gedichte der Alten erst in einer spätern Zeit Titel erhalten haben. Doch dieser Gebrauch ist von der Nothwendigkeit herbeigeführt, bei einer ausgebreiteten Literatur die Sachen zu nennen und von einander zu unterscheiden.

Hier,« sagte Goethe, »haben Sie etwas Neues; lesen Sie!« Mit diesen Worten reichte er mir eine Übersetzung eines serbischen Gedichts von Herrn Gerhard. Ich las mit großem Vergnügen, denn das Gedicht war sehr schön und die Übersetzung so einfach [41] und klar, daß man im Anschauen des Gegenstandes nie gestört wurde. Das Gedicht führte den Titel: ›Die Gefängnisschlüssel‹1. Ich sage hier nichts von dem Gang der Handlung; der Schluß indes kam mir abgerissen und ein wenig unbefriedigend vor.

»Das ist,« sagte Goethe, »eben das Schöne; denn dadurch läßt es einen Stachel im Herzen zurück, und die Phantasie des Lesers ist angeregt, sich selbst alle Möglichkeiten auszubilden, die nun folgen können. Der Schluß hinterläßt den Stoff zu einem ganzen Trauerspiele, allein er ist von der Art, wie schon vieles dagewesen ist. Dagegen das im Gedicht Dargestellte ist das eigentlich Neue und Schöne, und der Dichter verfuhr sehr weise, daß er nur dieses ausbildete und das andere dem Leser überließ. Ich theilte das Gedicht gern in ›Kunst und Alterthum‹ mit, allein es ist zu lang; dagegen habe ich mir diese drei gereimten von Gerhard ausgebeten, die ich im nächsten Heft werde abdrucken lassen. Was sagen Sie zu diesem? Hören Sie.«

Goethe las nun zuerst das Lied vom Alten, der ein junges Mädchen liebt, sodann das Trinklied der Weiber, und zuletzt das energische: ›Tanz' uns vor, Theodor‹2. Jedes las er in einem andern Tone und andern Schwunge, vortrefflich, sodaß man nicht leicht etwas Vollkommneres hören konnte.

[42] Wir mußten Herrn Gerhard loben, daß er die jedesmaligen Versarten und Refrains durchaus glücklich und im Character gewählt und alles leicht und vollkommen ausgeführt hatte, sodaß man nicht wußte wie er es hätte besser machen sollen. »Da sieht man,« sagte Goethe, »was bei einem solchen Talent wie Gerhard die große technische Übung thut. Und dann kommt ihm zugute, daß er kein eigentlich gelehrtes Metier, sondern ein solches treibt, das ihn täglich aufs praktische Leben weist. Auch hat er die vielen Reisen in England und andern Ländern gemacht, wodurch er denn bei seinem auf das Reale gehenden Sinn über unsere gelehrten jungen Dichter manche Avantagen hat. Wenn er sich immer an gute Überlieferungen hält und nur diese bearbeitet, so wird er nicht leicht etwas Schlechtes machen. Alle eigenen Erfindungen dagegen erfordern sehr viel und sind eine schwere Sache.«

Hieran knüpften sich manche Betrachtungen über die Productionen unserer neuesten jungen Dichter, und es ward bemerkt, daß fast keiner von ihnen mit einer guten Prosa aufgetreten.

»Die Sache ist sehr einfach,« sagte Goethe. »Um Prosa zu schreiben, muß man etwas zu sagen haben; wer aber nichts zu sagen hat, der kann doch Verse und Reime machen, wo denn ein Wort das andere giebt und zuletzt etwas herauskommt, das zwar nichts ist, aber doch aussieht als wäre es was.«


1 Genau: Die Kerkerschlüssel.


2 Abgedruckt in ›Kunst u. Alterthum‹ VI, 1.


[43] 1077.*


1827, 31. Januar.


Mit Johann Peter Eckermann

Bei Goethe zu Tische. »In diesen Tagen, seit ich Sie nicht gesehen,« sagte er, »habe ich vieles und mancherlei gelesen, besonders auch einen chinesischen Roman, [englisch als: Chinese Courtship] der mich noch beschäftigt und der mir im hohen Grade merkwürdig erscheint.« – »Chinesischen Roman?« sagte ich. »Der muß wohl recht fremdartig aussehen.« – »Nicht so sehr als man glauben sollte,« sagte Goethe. »Die Menschen denken, handeln und empfinden fast ebenso wie wir, und man fühlt sich sehr bald als ihresgleichen, nur daß bei ihnen alles klarer, reinlicher und sittlicher zugeht. Es ist bei ihnen alles verständig, bürgerlich, ohne große Leidenschaft und poetischen Schwung und hat dadurch viele Ähnlichkeit mit meinem ›Hermann und Dorothea‹ sowie mit den englischen Romanen des Richardson. Es unterscheidet sich aber wieder dadurch, daß bei ihnen die äußere Natur neben den menschlichen Figuren immer mitlebt. Die Goldfische in den Teichen hört man immer plätschern, die Vögel auf den Zweigen fingen immer fort, der Tag ist immer heiter und sonnig, die Nacht immer klar; vom Mond ist viel die Rede, allein er verändert die Landschaft nicht, sein Schein ist so helle gedacht, wie der Tag selber. Und das Innere der Häuser so nett und zierlich wie ihre Bilder. [44] Z.B. ›Ich hörte die lieblichen Mädchen lachen, und als ich sie zu Gesichte bekam, saßen sie auf feinen Rohrstühlen.‹ Da haben Sie gleich die allerliebste Situation, denn Rohrstühle kann man sich gar nicht ohne die größte Leichtigkeit und Zierlichkeit denken. Und nun eine Unzahl von Legenden, die immer in der Erzählung nebenher gehen und gleichsam sprichwörtlich angewendet werden. Z. B. von einem Mädchen, das so leicht und zierlich von Füßen war, daß sie auf einer Blume balancieren konnte, ohne die Blume zu knicken. Und von einem jungen Manne, der sich so sittlich und brav hielt, daß er in seinem dreißigsten Jahre die Ehre hatte, mit dem Kaiser zu reden. Und ferner von Liebespaaren, die in einem langen Umgange sich so enthaltsam bewiesen, daß, als sie einst genöthigt waren eine Nacht in einem Zimmer miteinander zuzubringen, sie in Gesprächen die Stunden durchwachten, ohne sich zu berühren. Und so unzählige von Legenden, die alle auf das Sittliche und Schickliche gehen. Aber eben durch diese strenge Mäßigung in allem hat sich denn auch das chinesische Reich seit Jahrtausenden erhalten und wird dadurch ferner bestehen.

Einen höchst merkwürdigen Gegensatz zu diesem chinesischen Roman,« fuhr Goethe fort, »habe ich an den Liedern von Béranger, denen fast allen ein unsittlicher, liederlicher Stoff zum Grunde liegt und die mir im hohen Grade zuwider sein würden, wenn nicht ein so großes Talent wie Béranger die Gegenstände [45] behandelt hätte, wodurch sie denn erträglich, ja sogar anmuthig werden. Aber sagen Sie selbst, ist es nicht höchst merkwürdig, daß die Stoffe des chinesischen Dichters so durchaus sittlich, und diejenigen des jetzigen ersten Dichters von Frankreich ganz Gegentheil sind?«

»Ein solches Talent wie Béranger,« sagte ich, »würde an sittlichen Stoffen nichts zu thun finden.« – »Sie haben recht,« sagte Goethe; »eben an den Verkehrtheiten der Zeit offenbart und entwickelt Béranger seine bessere Natur.« – »Aber,« sagte ich, »ist denn dieser chinesische Roman vielleicht einer ihrer vorzüglichsten?« – »Keineswegs,« sagte Goethe; »die Chinesen haben deren zu Tausenden und hatten ihrer schon, als unsere Vorfahren noch in den Wäldern lebten.

Ich sehe immer mehr,« fuhr Goethe fort, »daß die Poesie ein Gemeingut der Menschheit ist, und daß sie überall und zu allen Zeiten in Hunderten und aber Hunderten von Menschen hervortritt. Einer macht es ein wenig besser als der andere und schwimmt ein wenig länger oben als der andere, das ist alles. Der Herr von Matthisson muß daher nicht denken, er wäre es, und ich muß nicht denken, ich wäre es, sondern jeder muß sich eben sagen, daß es mit der poetischen Gabe keine so seltene Sache sei, und daß niemand eben besondere Ursache habe, sich viel darauf einzubilden, wenn er ein gutes Gedicht macht. Aber freilich wenn [46] wir Deutschen nicht aus dem engen Kreise unserer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in diesen pedantischen Dünkel. Ich sehe mich daher gern bei fremden Nationen um und rathe jedem, es auch seinerseits zu thun. Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen; die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen. Aber auch bei solcher Schätzung des Ausländischen dürfen wir nicht bei etwas Besonderm haften bleiben und dieses für musterhaft ansehen wollen. Wir müssen nicht denken, das Chinesische wäre es, oder das Serbische, oder Calderon, oder die Nibelungen; sondern im Bedürfniß von etwas Musterhaftem müssen wir immer zu den alten Griechen zurückgehen, in deren Werken stets der schöne Mensch dargestellt ist. Alles übrige müssen wir nur historisch betrachten und das Gute, so weit es gehen will, uns daraus aneignen.«

Ich freute mich, Goethe in einer Folge über einen so wichtigen Gegenstand reden zu hören. Das Geklingel vorbeifahrender Schlitten lockte uns zum Fenster; denn wir erwarteten, daß der große Zug, der diesen Morgen nach Belvedere vorbeiging, wieder zurückkommen würde. Goethe setzte indes seine lehrreichen Äußerungen fort. Von Alexander Manzoni war die Rede, und er erzählte mir, daß Graf Reinhard Herrn Manzoni vor nicht langer Zeit in Paris gesehen, wo er als ein junger Autor von Namen in der Gesellschaft wohl aufgenommen gewesen sei, und daß er jetzt wieder in der [47] Nähe von Mailand auf seinem Landgute mit einer jungen Familie und seiner Mutter glücklich lebe.

»Manzoni,« fuhr Goethe fort, »fehlt weiter nichts, als daß er selbst nicht weiß, welch ein guter Poet er ist und welche Rechte ihm als solchem zustehen. Er hat gar zu viel Respect vor der Geschichte und fügt aus diesem Grunde seinen Stücken immer gern einige Auseinandersetzungen hinzu, in denen er nachweist, wie treu er den Einzelheiten der Geschichte geblieben. Nun mögen seine Facta historisch sein, aber seine Charactere sind es doch nicht, so wenig es mein Thoas und meine Iphigenia sind. Kein Dichter hat je die historischen Charactere gekannt, die er darstellte, hätte er sie aber gekannt, so hätte er sie schwerlich so gebrauchen können. Der Dichter muß wissen, welche Wirkungen er hervorbringen will, und danach die Natur seiner Charactere einrichten. Hätte ich den Egmont so machen wollen wie ihn die Geschichte meldet, als Vater von einem Dutzend Kinder, so würde sein leichtsinniges Handeln sehr absurd erschienen sein. Ich mußte also einen andern Egmont haben, wie er besser mit seinen Handlungen und meinen dichterischen Absichten in Harmonie stände; und dies ist, wie Klärchen sagt, mein Egmont.

Und wozu wären denn die Poeten, wenn sie bloß die Geschichte eines Historikers wiederholen wollten! Der Dichter muß weiter gehen und uns womöglich etwas Höheres und Besseres geben. Die Charactere[48] des Sophokles tragen alle etwas von der hohen Seele des großen Dichters, sowie Charactere des Shakespeare von der seinigen. Und so ist es recht, und so soll man es machen. Ja Shakespeare geht noch weiter und macht seine Römer zu Engländern, und zwar wieder mit Recht; denn sonst hätte ihn seine Nation nicht verstanden.

Darin,« fuhr Goethe fort, »waren nun wieder die Griechen groß, daß sie weniger auf die Treue eines historischen Factums gingen, als daraus wie es der Dichter behandelte. Zum Glück haben wir jetzt an den ›Philokteten‹ ein herrliches Beispiel, welches Sujet alle drei großen Tragiker behandelt haben, und Sophokles zuletzt und am besten. Dieses Dichters treffliches Stück ist glücklicherweise ganz auf uns gekommen; dagegen von den ›Philokteten‹ des Äschylus und Euripides hat man Bruchstücke aufgefunden, aus denen hinreichend zu sehen ist, wie sie ihren Gegenstand behandelt haben. Wollte es meine Zeit mir erlauben, so würde ich diese Stücke restauriren, sowie ich es mit dem ›Phaethon‹ des Euripides gethan, und es sollte mir keine unangenehme und unnütze Arbeit sein.

Bei diesem Sujet war die Aufgabe ganz einfach: nämlich den Philoktet nebst dem Bogen von der Insel Lemnos zu holen. Aber die Art, wie dieses geschieht, das war nun die Sache der Dichter, und darin konnte jeder die Kraft seiner Erfindung zeigen und einer es dem andern zuvorthun. Der Ulyß soll ihn holen, aber soll er vom Philoktet erkannt werden oder nicht, und[49] wodurch soll er unkenntlich sein? Soll der Ulyß allein gehen, oder soll er Begleiter haben, und wer soll ihn begleiten? Beim Äschylus ist der Gefährte unbekannt, beim Euripides ist es der Diomed, beim Sophokles der Sohn des Achill. Ferner, in welchem Zustande soll man den Philoktet finden? Soll die Insel bewohnt sein oder nicht, und wenn bewohnt, soll sich eine mitleidige Seele seiner angenommen haben oder nicht? Und so hundert andere Dinge, die alle in der Willkür der Dichter lagen und in deren Wahl oder Nichtwahl der eine vor dem andern seine höhere Weisheit zeigen konnte. Hierin liegt's, und so sollten es die jetzigen Dichter auch machen, und nicht immer fragen, ob ein Sujet schon behandelt worden oder nicht, wo sie denn immer in Süden und Norden nach unerhörten Begebenheiten suchen, die oft barbarisch genug sind, und die dann auch bloß als Begebenheiten wirken. Aber freilich, ein einfaches Sujet durch eine meisterhafte Behandlung zu etwas zu machen, erfordert Geist und großes Talent, und daran fehlt es.«

Vorbeifahrende Schlitten zogen uns wieder ans Fenster; der erwartete Zug von Belvedere war es aber wieder nicht. Wir sprachen und scherzten unbedeutende Dinge hin und her; dann fragte ich Goethe, wie es mit der Novelle stehe.

»Ich habe sie dieser Tage ruhen lassen,« sagte er, »aber eins muß doch noch in der Exposition geschehen. Der Löwe nämlich muß brüllen, wenn die Fürstin an [50] der Bude vorbeireitet; wobei ich denn einige gute Reflexionen über die Furchtbarkeit des gewaltigen Thiers anstellen lassen kann.«

»Dieser Gedanke ist sehr glücklich,« sagte ich; »denn dadurch entsteht eine Exposition, die nicht allein an sich, an ihrer Stelle, gut und nothwendig ist, sondern wodurch auch alles Folgende eine größere Wirkung gewinnt. Bis jetzt erschien der Löwe fast zu sanft, indem er gar keine Spuren von Wildheit zeigte. Dadurch aber, daß er brüllt, läßt er uns wenigstens seine Furchtbarkeit ahnen, und wenn er sodann später sanft der Flöte des Kindes folgt, so wird dieses eine desto größere Wirkung thun.«

»Diese Art, zu ändern und zu bessern,« sagte Goethe, »ist nun die rechte, wo man ein noch Unvollkommenes durch fortgesetzte Erfindungen zum Vollendeten steigert. Aber ein Gemachtes immer wieder neu zu machen und weiter zu treiben, wie z.B. Walter Scott mit meiner Mignon gethan, die er außer ihren übrigen Eigenheiten noch taubstumm sein läßt, diese Art, zu ändern, kann ich nicht loben.«


[50] 1078.*


1827, 1. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Goethe erzählte mir von einem Besuch des Kronprinzen von Preußen in Begleitung des Großherzogs. »Auch die Prinzen Karl und Wilhelm von Preußen,«[51] sagte er, »waren diesen Morgen bei mir. Der Kronprinz blieb mit dem Großherzog gegen drei Stunden, und es kam mancherlei zur Sprache, welches mir von dem Geist, Geschmack, den Kenntnissen und der Denkweise dieses jungen Fürsten eine hohe Meinung gab.«

Goethe hatte einen Band der ›Farbenlehre‹ vor sich liegen. »Ich bin,« sagte er, »Ihnen noch immer eine Antwort wegen des Phänomens der farbigen Schatten schuldig. Da dieses aber vieles voraussetzt und mit vielem andern zusammenhängt, so will ich Ihnen auch heute keine aus dem Ganzen herausgerissene Erklärung geben, vielmehr habe ich gedacht, daß es gut sein würde, wenn wir die Abende, die wir zusammenkommen, die ganze ›Farbenlehre‹ miteinander durchlesen. Dadurch haben wir immer einen soliden Gegenstand der Unterhaltung, und Sie selbst werden sich die ganze Lehre zu eigen machen, sodaß Sie kaum werfen, wie Sie dazu kommen. Das Überlieferte fängt bei Ihnen an zu leben und wieder productiv zu werden, wodurch ich denn voraussehe, daß diese Wissenschaft sehr bald Ihr Eigenthum sein wird. Nun lesen Sie den ersten Abschnitt.«

Mit diesen Worten legte Goethe mir das aufgeschlagene Buch vor. Ich fühlte mich sehr beglückt durch die gute Absicht, die er mit mir hatte. Ich las von den physiologischen Farben die ersten Paragraphen.

»Sie sehen,« Sagte Goethe, »es ist nichts außer uns, was nicht zugleich in uns wäre, und wie die [52] äußere Welt ihre Farben hat, so hat sie auch das Auge. Da es nun bei dieser Wissenschaft ganz vorzüglich auf Scharfe Sonderung des Objectiven vom Subjectiven ankommt, so habe ich billig mit den Farben, die dem Auge gehören, den Anfang gemacht, damit wir bei allen Wahrnehmungen immer wohl unterscheiden, ob die Farbe auch wirklich außer uns existire, oder ob es eine bloße Scheinfarbe sei, die sich das Auge selbst erzeugt hat. Ich denke also, daß ich den Vortrag dieser Wissenschaft beim rechten Ende angefaßt habe, indem ich zunächst das Organ berichtige, durch welches alle Wahrnehmungen und Beobachtungen geschehen müssen.«

Ich las weiter bis zu den interessanten Paragraphen von den geforderten Farben, wo gelehrt wird, daß das Auge das Bedürfniß des Wechsels habe, indem es nie gern bei derselbigen Farbe verweile, sondern sogleich eine andere fordere und zwar so lebhaft, daß es sich solche selbst erzeuge, wenn es sie nicht wirklich vorfinde.

Dieses brachte ein großes Gesetz zur Sprache, das durch die ganze Natur geht und worauf alles Leben und alle Freude des Lebens beruht. »Es ist dieses,« sagte Goethe, »nicht allein mit allen andern Sinnen so sondern auch mit unserm höhern geistigen Wesen; aber weil das Auge ein so vorzüglicher Sinn ist, so tritt dieses Gesetz des geforderten Wechsels so ausfallend bei den Farben hervor und wird uns bei ihnen so vor allen deutlich bewußt. Wir haben Tänze, die uns im [53] hohen Grade wohlgefallen, weil Dur und Moll in ihnen wechselt, wogegen aber Tänze aus bloßem Dur oder bloßem Moll sogleich ermüden.«

»Dasselbe Gesetz,« sagte ich, »scheint einem guten Stil zum Grunde zu liegen, bei welchem wir gern einen Klang vermeiden, der soeben gehört wurde. Auch beim Theater wäre mit diesem Gesetz viel zu machen, wenn man es gut anzuwenden wüßte. Stücke, besonders Trauerspiele, in denen ein einziger Ton ohne Wechsel durchgeht, haben etwas Lästiges und Ermüdendes, und wenn nun das Orchester bei einem traurigen Stück auch in den Zwischenacten traurige, niederschlagende Musik hören läßt, so wird man von einem unerträglichen Gefühl gepeinigt, dein man gern auf alle Weise entfliehen möchte.«

»Vielleicht,« sagte Goethe, »beruhen auch die eingeflochtenen heitern Scenen in den Shakespeare'schen Trauerspielen auf diesem Gesetz des geforderten Wechsels; allein auf die höhere Tragödie der Griechen scheint es nicht anwendbar, vielmehr geht bei dieser ein gewisser Grundton durch das Ganze.«

»Die griechische Tragödie,« sagte ich, »ist auch nicht von solcher Länge, daß sie bei einem durchgehenden gleichen Ton ermüden könnte, und dann wechseln auch Chöre und Dialog, und der erhabene Sinn ist von solcher Art, daß er nicht lästig werden kann, indem immer eine gewisse tüchtige Realität zum Grunde liegt, die stets heiterer Natur ist.«

[54] »Sie mögen recht haben,« sagte Goethe, »und es wäre wohl der Mühe werth, zu untersuchen, inwiefern auch die griechische Tragödie dem allgemeinen Gesetze des geforderten Wechsels unterworfen ist. Aber Sie sehen, wie alles aneinanderhängt, und wie sogar ein Gesetz der Farbenlehre auf eine Untersuchung der griechischen Tragödie führen kann. Nur muß man sich hüten, es mit einem solchen Gesetz zu weit treiben und es als Grundlage für vieles andere machen zu wollen, vielmehr geht man sicherer, wenn man es immer nur als ein Analogon, als ein Beispiel gebraucht und anwendet.«

Wir sprachen über die Art, wie Goethe seine Farbenlehre vorgetragen, daß er nämlich dabei alles aus großen Urgesetzen abgeleitet und die einzelnen Erscheinungen immer darauf zurückgeführt habe, woraus denn das Faßliche und ein großer Gewinn für den Geist hervorgehe.

»Dieses mag sein,« sagte Goethe, »und Sie mögen mich deshalb loben, aber diese Methode erfordert denn auch Schüler, die nicht in der Zerstreuung leben und die fähig sind, die Sache wieder im Grunde aufzufassen. Es sind einige recht hübsche Leute in meiner Farbenlehre heraufgekommen, allein das Unglück ist, sie bleiben nicht aus geradem Wege, sondern ehe ich es mir versehe, weichen sie ab und gehen einer Idee nach, statt das Object immer gehörig im Auge zu behalten. Aber ein guter Kopf, dem es zugleich um[55] die Wahrheit zu thun wäre, könnte noch immer viel leisten.«

Wir sprachen von Professoren, die, nachdem das Bessere gefunden, immer noch die Newton'sche Lehre vortragen. »Dies ist nicht zu verwundern,« sagte Goethe; »solche Leute gehen im Irrthum fort, weil sie ihm ihre Existenz verdanken. Sie müßten umlernen und das wäre eine sehr unbequeme Sache.« –

»Aber,« sagte ich, »wie können ihre Experimente die Wahrheit beweisen, da der Grund ihrer Lehre falsch ist?« – »Sie beweisen auch die Wahrheit nicht,« sagte Goethe, »und das ist auch keineswegs ihre Absicht, sondern es liegt ihnen bloß daran, ihre Meinung zu beweisen. Deshalb verbergen sie auch alle solche Experimente, wodurch die Wahrheit an den Tag kommen und die Unhaltbarkeit ihrer Lehre sich darlegen könnte.

Und dann, um von den Schülern zu reden, welchem von ihnen wäre es denn um die Wahrheit zu thun? Das sind auch Leute wie andere und völlig zufrieden, wenn sie über die Sache empirisch mitschwatzen können. Das ist alles. Die Menschen sind überhaupt eigener Natur: Sobald ein See zugefroren ist, sind sie gleich zu Hunderten darauf und amusiren sich auf der glatten Oberfläche, aber wem fällt es ein, zu untersuchen, wie tief er ist und welche Arten von Fischen unter dem Eise hin- und herschwimmen? Niebuhr hat jetzt einen Handelstractat zwischen Rom und Karthago entdeckt aus einer sehr frühen Zeit, woraus es erwiesen ist, [56] daß alle Geschichten des Livius vom frühen Zustande des römischen Volks nichts als Fabeln sind, indem aus jenem Tractat ersichtlich, daß Rom schon sehr früh in einem weit höhern Zustande der Cultur sich befunden, als aus dem Livius hervorgeht. Aber wenn Sie nun glauben, daß dieser entdeckte Tractat in der bisherigen Lehrart der römischen Geschichte eine große Reform hervorbringen werde, so sind Sie im Irrthum. Denken Sie nur immer an den gefrorenen See; so sind die Leute, ich habe sie kennen gelernt, so sind sie und nicht anders.«

»Aber doch,« sagte ich, »kann Sie es nicht gereuen, daß Sie die ›Farbenlehre‹ geschrieben; denn nicht allein daß Sie dadurch ein festes Gebäude dieser trefflichen Wissenschaft gegründet, sondern Sie haben auch darin ein Muster wissenschaftlicher Behandlung aufgestellt, woran man sich bei Behandlung ähnlicher Gegenstände immer halten kann.«

»Es gereut mich auch keineswegs,« sagte Goethe, »obgleich ich die Mühe eines halben Lebens hineingesteckt habe. Ich hätte vielleicht ein halb Dutzend Trauerspiele mehr geschrieben, das ist alles, und dazu werden sich noch Leute genug nach mir finden.

Aber Sie haben recht, ich denke auch, die Behandlung wäre gut; es ist Methode darin. In derselbigen Art habe ich auch eine Tonlehre geschrieben, sowie auch meine ›Metamorphose der Pflanzen‹ auf derselbigen. Anschauungs- und Ableitungsweise beruht.

[57] Mit meiner ›Metamorphose der Pflanzen‹ ging es mir eigen; ich kam dazu wie Herschel zu seinen Entdeckungen. Herschel nämlich war so arm, daß er sich kein Fernrohr anschaffen konnte, sondern daß er genöthigt war sich selber eins zu machen. Aber dies war sein Glück; denn dieses selbstfabricirte war besser als alle andern, und er machte damit seine großen Entdeckungen. In die Botanik war ich auf empirischem Wege hereingekommen. Nun weiß ich noch recht gut, daß mir bei der Bildung der Geschlechter die Lehre zu weitläufig wurde, als daß ich den Muth hatte, sie zu fassen. Das trieb mich an, der Sache auf eigenem Wege nachzuspüren und dasjenige zu finden, was allen Pflanzen ohne Unterschied gemein wäre, und so entdeckte ich das Gesetz der Metamorphose.

Der Botanik nun im einzelnen weiter nachzugehen, liegt gar nicht in meinem Wege, das überlasse ich andern, die es mir auch darin weit zuvorthun. Mir lag bloß daran, die einzelnen Erscheinungen auf ein allgemeines Grundgesetz zurückzuführen.

So auch hat die Mineralogie nur in einer doppelten Hinsicht Interesse für mich gehabt: zunächst nämlich ihres großen praktischen Nutzens wegen, und dann um darin ein Document über die Bildung der Urwelt zu finden, wozu die Werner'sche Lehre Hoffnung machte. Seit man nun aber nach des trefflichen Mannes Tode in dieser Wissenschaft das Oberste zu unterst kehrt, gehe ich in diesem Fache öffentlich nicht weiter [58] mit, sondern halte mich im Stillen in meiner Überzeugung fort.

In der ›Farbenlehre‹ steht mir nun noch die Entwickelung des Regenbogens bevor, woran ich zunächst gehen werde. Es ist dieses eine äußerst Schwierige Aufgabe, die ich jedoch zu lösen hoffe. Es ist mir aus diesem Grunde lieb, jetzt mit Ihnen die ›Farbenlehre‹ wieder durchzugehen, wodurch sich denn, zumal bei Ihrem Interesse für die Sache, alles wieder anfrischt.

Ich habe mich,« fuhr Goethe fort, »in den Naturwissenschaften ziemlich nach allen Seiten hin versucht; jedoch gingen meine Richtungen immer nur auf solche Gegenstände, die mich irdisch umgaben und die unmittelbar durch die Sinne wahrgenommen werden konnten; weshalb ich mich denn auch nie mit Astronomie beschäftigt habe, weil hierbei die Sinne nicht mehr ausreichen, sondern weil man hier schon zu Instrumenten, Berechnungen und Mechanik seine Zuflucht nehmen muß, die ein eigenes Leben erfordern und die nicht meine Sachen waren.

Wenn ich aber in denen Gegenständen, die in meinem Wege lagen, etwas geleistet, so kam mir dabei zugute, daß mein Leben in eine Zeit fiel, die an großen Entdeckungen in der Natur reicher war als irgend eine andere. Schon als Kind begegnete mir Franklin's Lehre von der Elektricität, welches Gesetz er damals soeben gefunden hatte. Und so folgte durch mein ganzes [59] Leben, bis zu dieser Stunde, eine große Entdeckung der andern; wodurch ich denn nicht allein früh auf die Natur hingeleitet, sondern auch später immerfort in der bedeutendsten Anregung erhalten wurde.

Jetzt werden Vorschritte gethan, auch auf den Wegen, die ich einleitete, wie ich sie nicht ahnen konnte, und es ist mir wie einem, der der Morgenröthe entgegengeht und über den Glanz der Sonne erstaunt, wenn diese hervorleuchtet.«

Unter den Deutschen nannte Goethe bei dieser Gelegenheit die Namen Carus, d'Alton, Meyer in Königsberg mit Bewunderung.

»Wenn nur die Menschen,« fuhr Goethe fort, »das Rechte, nachdem es gefunden, nicht wieder umkehrten und verdüsterten, so wäre ich zufrieden; denn es thäte der Menschheit ein Positives noth, das man ihr von Generation zu Generation überlieferte, und es wäre doch gut, wenn das Positive zugleich das Rechte und Wahre wäre. In dieser Hinsicht sollte es mich freuen, wenn man in den Naturwissenschaften aufs Reine käme und sodann im Rechten beharrte, und nicht wieder transcendirte, nachdem im Faßlichen altes gethan worden. Aber die Menschen können keine Ruhe halten, und ehe man es sich versieht, ist die Verwirrung wieder oben auf.

So rütteln sie jetzt an den fünf Büchern Moses, und wenn die vernichtende Kritik irgend schädlich ist, so ist sie es in Religionssachen; denn hierbei beruht [60] alles auf dem Glauben, zu welchem man nicht zurückkehren kann, wenn man ihn einmal verloren hat.

In der Poesie ist die vernichtende Kritik nicht so schädlich. Wolf hat den Homer zerstört, doch dem Gedicht hat er nichts anhaben können; denn dieses Gedicht hat die Wunderkraft wie die Selben Walhalla's, die sich des Morgens in Stücke hauen und Mittags sich wieder mit heilen Gliedern zu Tische setzen.«

Goethe war in der besten Laune, und ich war glücklich, ihn abermals über so bedeutende Dinge reden zu hören. »Wir wollen uns nur,« sagte er, »im stillen auf dem rechten Wege forthalten und die übrigen gehen lassen; das ist das Beste.«


[60] 1079.*


1827, 7. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Goethe schalt heute auf gewisse Kritiker, die nicht mit Lessing zufrieden sind und an ihn ungehörige Forderungen machen.

»Wenn man,« sagte er, »die Stücke von Lessing mit denen der Alten vergleicht und sie schlecht und miserabel findet, was soll man da sagen! Bedauert doch den außerordentlichen Menschen, daß er in einer so erbärmlichen Zeit leben mußte, die ihm keine bessern Stoffe gab, als in seinen Stücken verarbeitet sind! Bedauert ihn doch, daß er in seiner ›Minna von[61] Barnhelm‹ an den Händeln der Sachsen und Preußen theilnehmen mußte, weil er nichts Besseres fand! Auch daß er immerfort polemisch wirkte und wirken mußte, lag in der Schlechtigkeit seiner Zeit. In der ›Emilia Galotti‹ hatte er seine Piquen auf die Fürsten, im ›Nathan‹ auf die Pfaffen.«


[61] 1080.*


1827, 16. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Ich erzählte Goethen, daß ich in diesen Tagen Winckelmann's Schrift ›Über die Nachahmung griechischer Kunstwerke‹ gelesen, wobei ich gestand, daß es mir oft vorgekommen als sei Winckelmann damals noch nicht Völlig klar über seine Gegenstände gewesen.

»Sie haben allerdings recht,« sagte Goethe, »man trifft ihn mitunter in einem gewissen Tasten; allein, was das Große ist, sein Tasten weist immer auf etwas hin; er ist dem Columbus ähnlich, als er die Neue Welt zwar noch nicht entdeckt hatte, aber sie doch schon ahnungsvoll im Sinne trug. Man lernt nichts wenn man ihn liest, aber man wird etwas.

Meyer ist nun weiter geschritten und hat die Kenntniß der Kunst auf ihren Gipfel gebracht. Seine ›Kunstgeschichte‹ ist ein ewiges Werk, allein er wäre das nicht geworden, wenn er sich nicht in der Jugend an Winckelmann hinaufgebildet hätte und auf dessen[62] Wege fortgegangen wäre. Da sieht man abermals, was ein großer Vorgänger thut, und was es heißt, wenn man sich diesen gehörig zunutze macht.«


[62] 1081.*


1827, 21. Februar.


Mit Johann Peter Eckermann

Bei Goethe zu Tische. Er sprach viel und mit Bewunderung über Alexander von Humboldt, dessen Werk über Cuba und Columbien er zu lesen angefangen, und dessen Ansichten über das Project eines Durchstiches der Landenge von Panama für ihn ein ganz besonderes Interesse zu haben schienen. »Humboldt,« sagte Goethe, »hat mit großer Sachkenntniß noch andere Punkte angegeben, wo man mit Benutzung einiger in den Mexikanischen Meerbusen fließenden Ströme vielleicht noch vortheilhafter zum Ziele käme als bei Panama. Dies ist nun alles der Zukunft und einem großen Unternehmungsgeiste vorbehalten. So viel ist aber gewiß, gelänge ein Durchstich der Art, daß man mit Schiffen von jeder Ladung und jeder Größe durch solchen Kanal aus dem Mexikanischen Meerbusen in den Stillen Ocean fahren könnte, so würden daraus für die ganze civilisirte und nichtcivilisirte Menschheit ganz unberechenbare Resultate hervorgehen. Wundern sollte es mich aber, wenn die Vereinigten Staaten es sich sollten entgehen lassen,[63] ein solches Werk in ihre Hände zu bekommen. Es ist vorauszusehen, daß dieser jugendliche Staat, bei seiner entschiedenen Tendenz nach Westen, in dreißig bis vierzig Jahren auch die großen Landstrecken jenseit der Felsengebirge in Besitz genommen und bevölkert haben wird. Es ist ferner vorauszusehen, daß an dieser ganzen Küste des Stillen Oceans, wo die Natur bereits die geräumigsten und sichersten Häfen gebildet hat, nach und nach sehr bedeutende Handelsstädte entstehen werden, zur Vermittelung eines großen Verkehrs zwischen China nebst Ostindien und den Vereinigten Staaten. In solchem Falle wäre es aber nicht bloß wünschenswerth, sondern fast nothwendig, daß sowohl Handels- als Kriegsschiffe zwischen der nordamerikanischen westlichen und östlichen Küste eine raschere Verbindung unterhielten, als es bisher durch die langweilige, widerwärtige und kostspielige Fahrt um das Cap-Horn möglich gewesen. Ich wiederhole also: es ist für die Vereinigten Staaten durchaus unerläßlich, daß sie sich eine Durchfahrt aus dem Mexikanischen Meerbusen in den Stillen Ocean bewerkstelligen, und ich bin gewiß, daß sie es erreichen.

Dieses möchte ich erleben; aber ich werde es nicht. Zweitens möchte ich erleben, eine Verbindung der Donau mit dem Rhein hergestellt zu sehen. Aber dieses Unternehmen ist gleichfalls so riesenhaft, daß ich an der Ausführung zweifle, zumal in Erwägung unserer deutschen Mittel. Und endlich drittens möchte ich die [64] Engländer im Besitz eines Kanals von Suez sehen. Diese drei großen Dinge möchte ich erleben, und es wäre wohl der Mühe werth, ihnen zu Liebe es noch einige funfzig Jahre auszuhalten.«


[64] 1082.*


1827, 1. März.


Mit Johann Peter Eckermann

Bei Goethe zu Tische. Er erzählte mir, daß er eine Sendung vom Grafen Sternberg und Zauper erhalten, die ihm Freude mache. Sodann verhandelten wir viel über die Farbenlehre, über die subjectiven prismatischen Versuche, und über die Gesetze, nach denen der Regenbogen sich bildet. Er freute sich über meine fortwährend sich vergrößernde Theilnahme an diesen schwierigen Gegenständen.


[64] 1083.*


1827, 1. März.


Mit Friedrich von Müller

Bei dem großen Lob, das er Vogel1 spendete, sagte er: Die neuern Künstler verstehen gar kein Bild mehr zu machen, sie haben das Falsche, Unnatürliche zum Maxim erhoben. Man probire einmal, schneide solch ein Bild in der Mitte durch und man wird das [65] obere Theil vielleicht recht brav gemalt finden, treu – lebendig, aber das untere Theil wird dann in seiner ganzen Nichtigkeit hervortreten. Als ob nicht jeder Theil zum Ganzen passen müßte, um ein Ganzes zu gestalten.


1 C. Vogel v. Vogelstein.


[144] 1748.*


1827, 1. März.


Mit Friedrich von Müller

[Ergänzungen zu Nr. 1038. Anfang:]


Von 4 1/2 bis nach 6 Uhr war ich bei Goethe. Anfangs waren lange Gesprächspausen, dann war er recht munter und mittheilend. Er sprach über den schlechten Zustand der Akademie bei Gelegenheit der Cassation des Dr. Schenkischen Diploms. »Dergleichen ist kein Vergehen, sondern eine reine Folge, und die läßt sich nicht bestrafen. Es ist niemanden Ernst; das schlendert so hin. Familienconnexionen entscheiden. Da giebt es amende Katastrophen.«


[65] 1084.*


1827, Anfang März (?).


Mit Auguste Sutorius

Auguste Sutorius, die einige Zeit in Weimar gewesen,.. hatte, als sie ihm vorgestellt wurde, in eine garstige Fußangel getreten. Der Berliner Hofschauspieler Krüger, zum Besuch in Weimar anwesend, hatte sich die Erlaubniß erbeten, die junge, talentvolle Schauspielerin bei Goethe einzuführen, und dieser empfing sie denn nun in seiner feierlichen Visitenmanier, in welche sich die Schülerin des Wiener Theatertons schwer zu finden wußte ..... Krüger... kam auf den unglücklichen Gedanken, einzuwerfen: Demoiselle Sutorius hat auch schon die Sophie in den »Mitschuldigen« .... gespielt, worauf die, in der Literatur völlig Unbewanderte mit lebhaftestem Widerwillen erwiedert: »Ach, ich bitt', Herr Krüger! reden Sie mir nicht von dem grauslichen Stück; das ist mir meine zuwiderste Rolle.« Und Goethe – während Krüger auf eine Öffnung in der Diele rechnet, durch die er zu Kellertiefen versinken möchte – spricht mit antiker Ruhe: »Nun, nun! das ist ja schön.«


[66] 1085.*


1827, 21. März.


Mit Johann Peter Eckermann

Goethe zeigte mir ein Büchelchen von Hinrichs über das Wesen der antiken Tragödie. »Ich habe es mit großem Interesse gelesen,« sagte er. »Hinrichs hat besonders den ›Ödip‹ und die ›Antigone‹ von Sophokles als Grundlage genommen, um daran seine Ansichten zu entwickeln. Es ist sehr merkwürdig, und ich will es Ihnen mitgeben, damit Sie es auch lesen und wir darüber sprechen können. Ich bin nun keineswegs seiner Meinung; aber es ist im hohen Grade lehrreich, zu sehen wie ein so durch und durch philosophisch gebildeter Mensch von dem eigenthümlichen Standpunkt seiner Schule aus ein dichterisches Kunstwerk ansieht. Ich will heute nichts weiter sagen, um Ihnen nicht vorzugreifen. Lesen Sie nur, und Sie werden sehen, daß man dabei zu allerlei Gedanken kommt.«


[66] 1086.*


1827, 28. März.


Mit Johann Peter Eckermann

Ich brachte Goethen das Buch von Hinrichs zurück, das ich indes eifrig gelesen. Auch hatte ich sämmtliche Stücke des Sophokles abermals durchgenommen, [67] um im vollkommenen Besitz des Gegenstandes zu sein.

»Nun,« sagte Goethe, »wie haben Sie ihn gefunden? Nicht wahr, er geht den Dingen zu Leibe.«

»Ganz wunderlich,« sagte ich, »geht es mir mit diesem Buche. Es hat keins so viele Gedanken in mir angeregt als dieses, und doch bin ich mit keinem so oft in Widerspruch gerathen, als gerade mit diesem.«

»Das ist's eben!« sagte Goethe. »Das Gleiche läßt uns in Ruhe; aber der Widerspruch ist es, der uns productiv macht.«

»Seine Intentionen,« sagte ich, »sind mir im hohen Grade respectabel erschienen; auch haftet er keineswegs an der Oberfläche der Dinge. Allein er verliert sich oft so sehr im Feinen und Innerlichen der Verhältnisse, und zwar auf so subjective Weise, daß er darüber die wahre Anschauung des Gegenstandes im Einzelnen wie die Übersicht des Ganzen verliert, und man in den Fall kommt, sich und den Gegenständen Gewalt anthun zu müssen, um so zu denken wie er. Auch ist es mir oft vorgekommen als wären meine Organe zu grob, um die ungewöhnliche Subtilität seiner Unterscheidungen aufzufassen.«

»Wären Sie philosophisch präparirt wie er,« sagte Goethe, »so würde es besser gehen. Wenn ich aber ehrlich sagen soll, so thut es mir leid, daß ein ohne Zweifel kräftig geborener Mensch von der norddeutschen Seeküste [68] wie Hinrichs durch die Hegel'sche Philosophie so zugerichtet worden, daß ein unbefangenes natürliches Anschauen und Denken bei ihm ausgetrieben, und eine künstliche und schwerfällige Art und Weise sowohl des Denkens wie des Ausdrucks ihm nach und nach angebildet worden, sodaß wir in seinem Buche auf Stellen gerathen, wo unser Verstand durchaus stillsteht und man nicht mehr weiß, was man liest.«

»Das ist mir nicht besser gegangen,« sagte ich. »Doch habe ich mich gefreut auch auf Stellen zu stoßen, die mir durchaus menschlich und klar erschienen sind, wie z.B. seine Relation der Fabel des Ödip.«

»Hierbei,« sagte Goethe, »mußte er sich freilich scharf an der Sache halten. Es giebt aber in seinem Buche nicht wenige Stellen, bei denen der Gedanke nicht rückt und fortschreitet und wobei sich die dunkele Sprache immer auf demselbigen Fleck und immer in demselbigen Kreise bewegt, völlig so wie das Einmaleins der Hexe in meinem ›Faust‹. Geben Sie mir doch einmal das Buch. Von seiner sechsten Vorlesung, über den Chor, habe ich soviel wie gar nichts verstanden. Was sagen Sie z.B. zu diesem, welches nahe am Ende steht:

›Diese Wirklichkeit (nämlich des Volkslebens) ist als die wahre Bedeutung derselben deshalb auch allein nur ihre wahrhafte Wirklichkeit, die zugleich als sich selber die Wahrheit und Gewißheit, darum die allgemein [69] geistige Gewißheit ausmacht, welche Gewißheit zugleich die versöhnende Gewißheit des Chors ist, so daß allein in dieser Gewißheit, die sich als das Resultat der gesammten Bewegung der tragischen Handlung erwiesen, der Chor erst wahrhaft dem allgemeinen Volksbewußtsein gemäß sich verhält und als solcher nicht bloß das Volk mehr vorstellt, sondern selbst an und für sich dasselbe seiner Gewißheit nach ist.‹

Ich dächte, wir hätten genug! Was sollen erst die Engländer und Franzosen von der Sprache unserer Philosophen denken, wenn wir Deutschen sie selber nicht verstehen.«

»Und trotz alledem,« sagte ich, »sind wir darüber einig, daß dem Buche ein edles Wollen zu Grunde liege, und daß es die Eigenschaft habe, Gedanken zu erregen.«

»Seine Idee von Familie und Staat,« sagte Goethe, »und daraus hervorgehen könnenden tragischen Conflicten ist allerdings gut und fruchtbar, doch kann ich nicht zugeben, daß sie für die tragische Kunst die beste oder gar die einzig richtige sei.

Freilich leben wir alle in Familien und im Staat, und es trifft uns nicht leicht ein tragisches Schicksal, das uns nicht als Glieder von beiden träfe. Doch können wir auch ganz gut tragische Personen sein, und wären wir bloße Familien- oder wären wir bloße Staatsglieder. Denn es kommt im Grunde bloß auf[70] den Conflict an, der keine Auflösung zuläßt, und dieser kann entstehen aus dem Widerspruche welcher Verhältnisse er wolle, wenn er nur einen echten Naturgrund hinter sich hat und nur ein echt tragischer ist. So geht der Ajas zu Grunde an dem Dämon verletzten Ehrgefühls, und der Herkules an dem Dämon liebender Eifersucht. In beiden Fällen ist nicht der geringste Conflict von Familienpietät und Staatstugend vorhanden, welches doch nach Hinrichs die Elemente der griechischen Tragödie sein sollen.«

»Man sieht deutlich,« sagte ich, »daß er bei dieser Theorie blos die Antigone im Sinne hatte. Auch scheint er bloß den Character und die Handlungsweise dieser Heldin vor Augen gehabt zu haben, als er die Behauptung hinstellte, daß die Familienpietät am reinsten im Weibe erscheine und am allerreinsten in der Schwester, und daß die Schwester nur den Bruder ganz rein und geschlechtslos lieben könne.«

»Ich dächte,« erwiederte Goethe, »daß die Liebe von Schwester zur Schwester noch reiner und geschlechtloser wäre! Wir müßten denn nicht wissen, daß unzählige Fälle vorgekommen sind, wo zwischen Schwester und Bruder, bekannter- und unbekannterweise, die sinnlichste Neigung stattgefunden.

Überhaupt,« fuhr Goethe fort, »werden Sie bemerkt haben, daß Hinrichs bei Betrachtung der griechischen Tragödie ganz von der Idee ausgeht, und daß er sich auch den Sophokles als einen solchen denkt, [71] der bei Erfindung und Anordnung seiner Stücke gleichfalls von einer Idee ausging und danach seine Charactere und deren Geschlecht und Stand bestimmte. Sophokles ging aber bei seinen Stücken keineswegs von einer Idee aus, vielmehr ergriff er irgend eine längst fertige Sage seines Volks, worin bereits eine gute Idee vorhanden, und dachte nur darauf, diese für das Theater so gut und wirksam als möglich darzustellen. Den Ajas wollen die Atreiden auch nicht beerdigen lassen, aber so wie in der ›Antigone‹ die Schwester für den Bruder strebt, so strebt im ›Ajas‹ der Bruder für den Bruder. Daß sich des unbeerdigten Polyneikes die Schwester und des gefallenen Ajas der Bruder annimmt, ist zufällig und gehört nicht der Erfindung des Dichters, sondern der Überlieferung, welcher der Dichter folgte und folgen mußte.«

»Auch was er über die Handlungsweise des Kreon sagt,« versetzte ich, »scheint ebenso wenig Stich zu halten. Er sucht durchzuführen, daß dieser bei dem Verbot der Beerdigung des Polyneikes aus reiner Staatstugend handle, und da nun Kreon nicht blos ein Mann, sondern auch ein Fürst ist, so stellt er den Satz auf, daß da der Mann die tragische Macht des Staates vorstelle, dieses kein anderer sein könne als derjenige, welcher die Persönlichkeit des Staates selber sei, nämlich der Fürst, und daß von allen Personen der Mann als Fürst diejenige Person sei, welche die sittlichste Staatstugend übe.«

[72] »Das sind Behauptungen,« erwiederte Goethe mit einigem Lächeln, »an die wohl niemand glauben wird. Kreon handelt auch keineswegs aus Staatstugend, sondern aus Haß gegen den Todten. Wenn Polyneikes sein väterliches Erbtheil, woraus man ihn gewaltsam vertrieben, wieder zu erobern suchte, so lag darin keineswegs ein so unerhörtes Vergehen gegen den Staat, daß sein Tod nicht genug gewesen wäre und daß es noch der Bestrafung des unschuldigen Leichnams bedurft hätte.

Man sollte überhaupt nie eine Handlungsweise eine Staatstugend nennen, die gegen die Tugend im allgemeinen geht. Wenn Kreon den Polyneikes zu beerdigen verbietet und durch den verwesenden Leichnam nicht bloß die Luft verpestet, sondern auch Ursache ist, daß Hunde und Raubvögel die abgerissenen Stücke des Todten umherschleppen und damit sogar die Altäre besudeln, so ist eine solche Menschen und Götter beleidigende Handlungsweise keineswegs eine Staatstugend, sondern vielmehr ein Staatsverbrechen. Auch hat er das ganze Stück gegen sich: er hat die Ältesten des Staats, welche den Chor bilden, gegen sich; er hat das Volk im allgemeinen gegen sich; er hat den Teiresias gegen sich; er hat seine eigene Familie gegen sich. Er aber hört nicht, sondern frevelt eigensinnig fort, bis er alle die Seinigen zu Grunde gerichtet hat und er selber am Ende nur noch ein Schatten ist.«

[73] »Und doch,« sagte ich, »wenn man ihn reden hört, so sollte man glauben, daß er einiges Recht habe.«

»Das ist's eben,« erwiederte Goethe, »worin Sophokles ein Meister ist, und worin überhaupt das Leben des Dramatischen besteht. Seine Charactere besitzen aus eine solche Redegabe und wissen die Motive ihrer Handlungsweise so überzeugend darzulegen, daß der Zuhörer fast immer auf der Seite dessen ist, der zuletzt gesprochen hat.

Man sieht, er hat in seiner Jugend eine sehr tüchtige rhetorische Bildung genossen, wodurch er denn geübt worden, alle in einer Sache liegenden Gründe und Scheingründe aufzusuchen. Doch verleitete ihn diese seine große Fähigkeit auch zu Fehlern, indem er mitunter in den Fall kam, zu weit zu gehen.

So kommt in der ›Antigone‹ eine Stelle vor, die mir immer als ein Flecken erscheint, und worum ich vieles geben möchte, wenn ein tüchtiger Philologe uns bewiese, sie wäre eingeschoben und unecht.

Nachdem nämlich die Heldin im Laufe des Stückes die herrlichsten Gründe für ihre Handlung ausgesprochen und den Edelmuth der reinsten Seele entwickelt hat, bringt sie zuletzt, als sie zum Tode geht, ein Motiv vor, das ganz schlecht ist und fast ans Komische streift.

Sie sagt, daß sie das, was sie für ihren Bruder gethan, wenn sie Mutter gewesen wäre, nicht für ihre[74] gestorbenen Kinder und nicht für ihren gestorbenen Gatten gethan haben würde; denn, sagte sie, wäre mir ein Gatte gestorben, so hätte ich einen andern genommen, und wären mir Kinder gestorben, so hätte ich mir von dem neuen Gatten andere Kinder zeugen lassen. Allein mit meinem Bruder ist es ein anderes: einen Bruder kann ich nicht wiederbekommen; denn da mein Vater und meine Mutter todt sind, so ist niemand da, der ihn zeugen könnte.

Dies ist wenigstens der nackte Sinn dieser Stelle, die nach meinem Gefühl in dem Munde einer zum Tode gehenden Heldin die tragische Stimmung stört, und die mir überhaupt sehr gesucht und gar zu sehr als ein dialektisches Calcul erscheint. Wie gesagt, ich möchte sehr gern, daß ein guter Philologe uns bewiese, die Stelle sei unecht.«

Wir sprachen darauf über Sophokles weiter, und daß er bei seinen Stücken weniger eine sittliche Tendenz vor Augen gehabt, als eine tüchtige Behandlung seines jedesmaligen Gegenstandes, besonders mit Rücksicht auf theatralische Wirkung.

»Ich habe nichts dawider,« sagte Goethe, »daß ein dramatischer Dichter eine sittliche Wirkung vor Augen habe, allein wenn es sich darum handelt, seinen Gegenstand klar und wirksam vor den Augen des Zuschauers vorüberzuführen, so können ihm dabei seine sittlichen Endzwecke wenig helfen, und er muß vielmehr ein großes Vermögen der Darstellung und Kenntniß der Bretter [75] besitzen, um zu wissen, was zu thun und zu lassen. Liegt im Gegenstande ein sittliche Wirkung, so wird sie auch hervorgehen, und hätte der Dichter weiter nichts im Auge als seines Gegenstandes wirksame und kunstgemäße Behandlung. Hat ein Poet den hohen Gehalt der Seele wie Sophokles, so wird seine Wirkung immer sittlich sein, er mag sich stellen wie er wolle. Übrigens kannte er die Bretter und verstand sein Metier wie einer.«

»Wie sehr er das Theater kannte,« versetzte ich, »und wie sehr er eine theatralische Wirkung im Auge hatte, sieht man an seinem ›Philoktet‹ und der großen Ähnlichkeit, die dieses Stück in der Anordnung und dem Gange der Handlung mit dem ›Ödip in Kolonos‹ hat.

In beiden Stücken sehen wir den Helden in einem hilflosen Zustande, beide alt und an körperlichen Gebrechen leidend. Der Ödip hat als Stütze die führende Tochter zur Seite, der Philoktet den Bogen. Nun geht die Ähnlichkeit weiter. Beide hat man in ihrem Leiden verstoßen, aber nachdem das Orakel über beide ausgesagt, daß nur mit ihrer Hülfe der Sieg erlangt werden könne, so sucht man beider wieder habhaft zu werden. Zum Philoktet kommt der Odysseus, zum Ödip der Kreon. Beide beginnen ihre Reden mit List und süßen Worten, als aber diese nichts fruchten, so brauchen sie Gewalt, und wir sehen den Philoktet des Bogens und den Ödip der Tochter beraubt.«

[76] »Solche Gewaltthätigkeiten,« sagte Goethe, »gaben Anlaß zu trefflichen Wechselreden, und solche hilflose Zustände erregten die Gemüther des hörenden und schauenden Volkes, weshalb denn solche Situationen vom Dichter, dem es um Wirkung auf sein Publicum zu thun war, gern herbeigeführt wurden. Um diese Wirkung beim Ödip zu verstärken, läßt ihn Sophokles als schwachen Greis auftreten, da er doch allen Umständen nach noch ein Mann in seiner besten Blüthe sein mußte. Aber in so rüstigem Alter konnte ihn der Dichter in diesem Stück nicht gebrauchen; er hätte keine Wirkung gethan, und er machte ihn daher zu einem schwachen hilfsbedürftigen Greise.«

»Die Ähnlichkeit mit dem Philoktet,« fuhr ich fort, »geht weiter. Beide Helden des Stückes sind nicht handelnd, sondern duldend. Dagegen hat jeder dieser passiven Helden der handelnden Figuren zwei gegen sich: der Ödip den Kreon und Polyneikes, der Philoktet den Neoptolemos und Odyß. Und zwei solcher gegenwirkenden Figuren waren nöthig, um den Gegenstand von allen Seiten zur Sprache zu bringen, und um auch für das Stück selbst die gehörige Fülle und Körperlichkeit zu gewinnen.«

»Sie könnten noch hinzufügen,« nahm Goethe das Wort, »daß beide Stücke auch darin Ähnlichkeit haben, daß wir in beiden die höchst wirksame Situation eines freudigen Wechsels sehen, indem dem einen Helden in seiner Trostlosigkeit die geliebte Tochter, und dem [77] andern der nicht weniger geliebte Bogen zurückgegeben wird.«

»Auch sind die versöhnenden Ausgänge beider Stücke sich ähnlich, indem beide Helden aus ihren Leiden Erlösung erlangen: der Ödip, indem er selig entrückt wird, der Philoktet aber, indem wir durch Götterspruch seine Heilung vor Ilion durch den Äsculap voraussehen.«

»Wenn wir übrigens,« fuhr Goethe fort, »für unsere modernen Zwecke lernen wollen uns aus dem Theater zu benehmen, so wäre Molière der Mann, an den wir uns zu wenden hätten.

Kennen Sie seinen ›Malade imaginaire‹? Es ist darin eine Scene, die mir, so oft ich das Stück lese, immer als Symbol einer vollkommenen Bretterkenntniß erscheint. Ich meine die Scene, wo der eingebildete Kranke seine kleine Tochter Louison befragt, ob nicht in dem Zimmer ihrer ältern Schwester ein junger Mann gewesen.

Nun hätte ein anderer, der das Metier nicht so gut verstand wie Molière, die kleine Louison das Factum sogleich ganz einfach erzählen lassen, und es wäre gethan gewesen.

Was bringt aber Molière durch allerlei retardirende Motive in diese Examination für Leben und Wirkung, ind