Der dritte Auftritt.

[398] Menalkas. Amaryllis. Atalanta. Damon und Myrtillus versteckt.


MENALKAS.

Was machst du hier allein? Ist denn dein Eigensinn

Und deine Lust zur Jagd nicht endlich überhin?

AMARYLLIS.

Wie wollt ich mich doch so, an Leib und Geist, ermüden?

Und meine Ruhe fliehn?

ATALANTA.

Gebt euch doch nur zufrieden!

Mein süßer Zeitvertreib ist aller Unschuld voll:

Drum seh ich keinen Grund, daß ich ihn lassen soll.

Was mir Vergnügen giebt und eure Lust nicht störet,

Dawider wird von mir kein Warnen angehöret.[398]

MENALKAS.

Indessen raubt die Jagd dir alle Menschlichkeit,

Man spüret nichts an dir als strenge Wildigkeit:

Und wird es länger noch mit deinem Hetzen währen;

So wirst du dich zuletzt selbst in ein Wild verkehren.

AMARYLLIS.

Die Schönheit der Gestalt verschwindet nach und nach;

Das macht der viele Schweiß, der täglich, als ein Bach

Vom Angesichte läuft: die angenehmen Wangen

Sind blaß und halb zerritzt. Und was hast du gefangen?

Wo ist die Beute doch, darnach du läufst und rennst?

ATALANTA.

Man sieht wohl, daß du nicht die Lust des Jagens kennst?

Man jaget nicht aus Geiz, man jaget zum Vergnügen.

Hier läuft ein schüchtern Reh, dort sieht man Wachteln fliegen:

Das eine treibt der Hund, der fast den Winden gleicht;

Das andre trifft der Pfeil, der durch die Lüfte streicht.

Darinn besteht die Lust, dieß alles anzusehen:

Doch, wenn ihrs haben wöllt, so solls nicht mehr geschehen.

Ich zieh den Wäldern gern die stillen Hütten vor;

Befreyet aber erst mein ungeduldig Ohr

Von allem Ungestüm der Schäfer, die mich plagen,

Und mir kein kluges Wort, als nur vom Lieben, sagen.

Das ist mir höchst verhaßt!

MENALKAS.

Allein wie geht es an,

Daß man den Leuten so die Mäuler stopfen kann?[399]

AMARYLLIS.

Ich weis den besten Rath: ergieb dich selber einem,

Und leide nach der Zeit die Klagen sonst von keinem.

Sie werden selbst schon fliehn, wenn sie nur erstlich sehn,

Daß endlich doch von dir dergleichen Wahl geschehn.

Was dünkt dich? Sprich einmal: heut will ich mich vermählen.

ATALANTA.

So schleunig kann ich mir doch keinen Gatten wählen,

Weil mir kein einziger nur halb und halb gefällt.

Die Freyheit bleibt allein mein liebstes auf der Welt.

Komm, Schwester, folge mir, wir wollen einsam bleiben.

AMARYLLIS.

Wie wollen wir indeß die lange Zeit vertreiben?

ATALANTA.

Sieh nur die Raserey verliebter Schäfer an;

Da hat man Stoff genug, daß man brav lachen kann.


Sie gehen ab.


MENALKAS.

Wenn wird der Eigensinn sich endlich noch bequemen,

Und sich mit Ernst und Reu der alten Thorheit schämen?

Doch wenn ichs sagen soll, gesteh ichs gleichwohl frey,

Daß mir ihr edler Sinn nicht ganz zuwider sey.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 398-400.
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