Das IX Hauptstück.
Von den Vorwörtern (praepositionibus.)

[445] 1 §.


Da nun alle bisherige Nebenwörter sich mehr auf die Zeitwörter, als auf die andern beziehen: so folget nunmehr auch eine Gattung, die sich mehr an die Hauptwörter hält, und gleichsam zu ihnen gehöret. Z.E. wenn man saget: Vom Himmel, durch die Luft, bis auf die Erde: so sind von, durch, und auf, solche Wörter, die hier zum Himmel, zur Luft und zur Erde gehören. Weil sie nun, nebst andern ihres gleichen, ordentlicher Weise vor den Hauptwörtern stehen: so haben schon die Lateiner sie PRAEPOSITIONES, d.i. Vorwörter, genennet.

2 §. Man bemerket aber, daß alle diese Vorwörter gewisse Endungen der Nennwörter fodern. So hatten in dem obigen Exempel von die sechste, durch und auf aber, die vierte Endung hinter sich. So nimmt das wegen, in meines Vortheils wegen, die zweyte Endung; vor aber, in vor mir stehen, die sechste; in mir vorstehen aber, die dritte, u.d.m. Daher entsteht nun der Unterschied, den man unter ihnen zu machen hat. Denn einige von ihnen fodern immer dieselbe Endung; andere aber bald diese, bald jene, doch in gewisser Ordnung. Und wenn gleich einige Landschaften in Deutschland darinn von der guten Mundart abgehen: so machet doch dieß die Regeln nicht zweifelhaft; zumal wenn etwa, wie insgemein geschieht, nur das Plattdeutsche eine Unordnung verursachet.[445]

3 §. Wir wollen also zuerst diejenigen Vorwörter hersetzen, die allezeit nur eine und dieselbe Endung des Geschlechtswortes, Nennwortes und Fürwortes, imgleichen der Mittelwörter, nach sich fodern. Man bleibt am besten in der Ordnung: und da die erste und fünfte Endung von keinem Vorworte begehret werden; so machen den Anfang diejenigen


1 Vorwörter,

welche die zweyte Endung fodern.


Anstatt meiner,laut seiner Handschrift,

in Beyseyn meiner,unangesehen alles Einwendens,

besage dessen,unerachtet aller Schwierigkeit,

diesseits, des Berges,aller Sorgfalt ungeachtet,

in Gegenwart meiner,vermöge dessen,

seines Wortes halben,vermittelst dessen,

jenseit des Grabens,in Vollmacht seiner,

Inhalts dessen,wegen einer Zusage,

kraft seiner Zusage,um des Himmels willen.


2 Vorwörter,

welche die dritte Endung fodern.


Bey mir, nicht mich,nächst ihm,

dir zuwider,neben mir, nicht mich,

mir entgegen,zu mir, nicht mich,

gegen über mir,zunächst mir,

nach mir,zwischen mir.


3 Vorwörter,

welche die vierte Endung fodern.


Durch mich,Ohne mich,(nicht mir,)

Für alle,Sonder ihn,(nicht ihm,)

Gegen mich,(nicht mir,)Wider alle,

Gen Jerusalem,Nach Rom.


4 Vorwörter.

welche die sechste Endung fodern.


Aus der Schlacht,

Mit aller Gewalt,

Nebst seiner Gesellschaft,

Ob der Ens, ob dem Rechte, ob dem Guten halten: d.i. über der Ens etc. ist schon veraltet.

Sammt seinem Gefolge,

Von dem, oder vom Kriege,

Von Hause aus,

Von seiner Jugend auf,

Von unserer Kindheit an.[446]


4 §. Endlich folgen diejenigen Vorwörter, die in verschiedenen Redensarten zweyerley Endungen leiden können, oder ausdrücklich begehren; und zwar erstlich:


1 Vorwörter, welche

die zweyte und sechste Endung fodern.


Außer Landes,und außer dem Hause,

Außerhalb Landes,und außerhalb dem Lande,

Innerhalb des Landes,und dem Hause,

Oberhalb des Berges,und dem Berge,

Unterhalb des Hügels,und dem Hügel.


2 Vorwörter, welche

die sechste und vierte Endung nehmen.


Hier zeiget sich der Unterschied bey den Fragen wo, und wohin. Bey der ersten nehmen sie die sechste; bey der zweyten aber die vierte zu sich.


Wo?Wohin?

Es liegt an mir,es kömmt an mich,

es beruhet auf mir,es fällt auf mich,

es liegt hinter mir,wirf es hinter dich,

es stecket in mir,er dringt in mich,

er ist in der Kirche,er geht in die Kirche,

es steht neben mir,es geht über mich,

es schwebet über mir,lege es neben dich,

er sitzt unter mir,stoß es unter dich,

er steht vor mir,tritt vor den Richter,

er ist zwischen mir und dir.setze es zwischen mich und dich.


Man kann dieses zu erleichtern, auch sagen: daß diese neun Vorwörter, wenn sie eine Ruhe bedeuten, die sechste; und wenn sie eine Bewegung anzeigen, die vierte Endung fodern.

5 §. Gewissermaßen könnte man sagen, daß auch die unabsonderlichen Vorwörter, be, emp, ent, er, mis, ver, u.d.gl. gewisse Endungen regierten. Allein, davon wird in der Wortfügung gehandelt werden. Ihre Ursprünge und Bedeutungen hat Herr Wächter in seinem kleinen GLOSSARIO[447] erkläret: welches eigentlich nicht für uns gehöret. Emp, in empfehlen, scheint von anbefehlen zu kommen, allein in empfangen, empfahen, empfunden, ist es ganz etwas anders. Ent ist gleichfalls zweifelhaft: und von un, und mis habe ich oben schon die verschiedenen Bedeutungen angezeiget. Man kann in Sprachen nicht von allem Ursache geben, und lernet alles am besten aus dem Gebrauche guter Schriftsteller.[448]

Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. 12 Bände, Band 8, Berlin und New York 1968–1987, S. 445-449.
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