Erster Auftritt


[98] Fräulein Amalie. Herr von Kaltenbrunn.


HERR VON KALTENBRUNN. Wie hat denn die Oberstin diese Nacht geschlafen?

FRÄULEIN AMALIE. Karoline spricht, sie hätte recht gut geschlafen, und es kann auch wohl sein; aber es ist doch nicht ratsam, daß sie das selber glaube: sonst möchte sie etwa das Testament verschoben haben. Ich habe ihr also weisgemacht, daß sie eine rechte elende Nacht gehabt hat.[98]

HERR VON KALTENBRUNN. Da hast du ja recht wohl daran getan, mein Schwesterchen! Ich will mich auch dafür heute auf deine Gesundheit volltrinken.

FRÄULEIN AMALIE spöttisch. Das wird mir eine rechte Ehre sein!

HERR VON KALTENBRUNN. Ja, heute will ich saufen, bis ich das Blaue am Himmel nicht mehr sehen kann! Er springt herum. Heisa! lustig!

FRÄULEIN AMALIE spöttisch. Das wäre eine rechte Heldentat sein! Und wo willst du denn diese schönen Übungen treiben? Gewiß wirst du den Abend wieder bei dem tollen Rittmeister zubringen wollen, der im nächsten Dorfe im Quartiere liegt?

HERR VON KALTENBRUNN. Nein; heute will ich selbst Wirt sein. Ich werde meine Gäste in der Schenke zu Reichenhof bewirten. Der Schmaus wird mich zwar viel Geld kosten; aber ich werde auch recht viel Ehre davon haben!

FRÄULEIN AMALIE. Und wer werden denn die Gäste sein?

HERR VON KALTENBRUNN. Meine allerbesten Freunde! Meine Wohltäter! Die einzigen Menschen in der Welt, die noch ein rechtes ehrliches deutsches Blut in den Adern haben.

FRÄULEIN AMALIE lächelnd. Hilf, Himmel! So nenne mir doch diese trefflichen Leute.

HERR VON KALTENBRUNN. Ich will sie dir endlich wohl nennen; aber du mußt mich nur nicht verraten. Fürs erste mein ordentlicher Weinschenk aus der Stadt ...

FRÄULEIN AMALIE. Der Weinschenk? Dein Wohltäter?

HERR VON KALTENBRUNN. Freilich ist er mein Wohltäter. Ich bin ihm mehr als tausend Taler für Wein schuldig; und doch hat er mich noch niemals gemahnet. Er hat mich vielmehr versichert, wenn die Oberstin mich im Testamente bedächte: so wollte er mir bis an ihren Tod auf Kredit Wein geben: und hernach sollte ich ihm nur jede Kanne vier Groschen höher bezahlen als andere Leute. Das ist ja kein Geld für einen so reichen Kavalier, als ich heute zu werden denke!

FRÄULEIN AMALIE lachend. O ja, freilich!

HERR VON KALTENBRUNN. Nun, so störe mich auch nicht! der Weinschenk also: Er zählet an den Fingern, Amalie lacht, so oft er einen nennet. Hernach mein Schneider: das ist wahrhaftig ein recht braver Mann. Ich[99] glaube, daß ich ihm allein von diesem Jahre mehr für Kleider schuldig bin, als alle andere Edelleute in zwei Jahren brauchen.

FRÄULEIN AMALIE lachend. Ich sehe doch niemals, daß du ein rechtes reiches Kleid anhast.

HERR VON KALTENBRUNN. Ja, Er zuckt die Achseln. wenn man im Spielen unglücklich ist! da muß freilich wohl alles her, was man bei der Seele hat. Hernach habe ich noch der Oberstin ihren Kammerdiener, der mein rechter Herzensfreund ist, und zween Juden gebeten ...

FRÄULEIN AMALIE lachend. Haha! die werden etwa das ehrliche deutsche Blut sein!

HERR VON KALTENBRUNN. Das kann ich dich versichern, daß mir die beiden Leute bessere Dienste getan haben, als mancher Christ mir tun würde. Wo hätte ich manchmal Geld hergenommen, wenn sie mir nicht welches geliehen hätten? Aber freilich werden die lieben Leute mit der Zeit auch ungeduldig: und die alte Oberstin hat hohe Zeit, daß sie ein Testament macht und sich hinlegt und stirbt; sonst muß ich noch vor aller Welt zuschanden werden.

FRÄULEIN AMALIE. Rede du doch von Schande! Was ist dir wohl mehr Schande, als daß du dich mit solchem Lumpengesindel, Schneidern und Lakaien und Juden in eine Gesellschaft setzest? Das ist ein recht schöner Umgang für einen Edelmann!

HERR VON KALTENBRUNN. Das verstehst du nich, meine gute Amalie. Sie sind alle Freimäurer, und bei unserm Orden nehmen wir es mit dem Stande nicht so genau.

FRÄULEIN AMALIE. O ja! euer Orden mag ein trefflicher Orden sein!

HERR VON KALTENBRUNN. Ei! ei! schimpfe du nur nicht wieder drauf, wie du immer zu tun gewohnt bist.

FRÄULEIN AMALIE. Man darf nur dich und deinesgleichen ansehen, so kann man sich wahrhaftig doch keinen vorteilhaften Begriff davon machen. Liederliche junge Windfänge seid ihr! Spielen und Saufen treibt ihr im höchsten Grade. Ihr verschwendet euer Geld; und wenn ihr auch des großen Mogols Schätze hättet, so stürbt ihr doch als Bettler.

HERR VON KALTENBRUNN. Ein jeder stirbt reich oder arm, wie er will. Ich will lieber als ein Bettler sterben, als daß ich mein Vermögen einem so undankbaren Tierchen nachlassen sollte, als du bist.

FRÄULEIN AMALIE. Das weiß ich wohl, daß ich nichts von dir zu hoffen[100] habe, du garstiger Mensch! Sieh nur einmal das Fräulein von Erbenfeld, wieviel Freier sie hat: weil ihr Bruder ein reicher und sparsamer Mensch ist und die Schwindsucht hat, so daß er es nicht lange mehr treiben kann? Du vertust alles Deinige und ...

HERR VON KALTENBRUNN. Und habe auch nicht die Schwindsucht? Nicht wahr? Er lacht und springt herum.

FRÄULEIN AMALIE lächelnd. Nun freilich, du bist gesund wie ein Reitknecht. Man hat gar keinen Vorteil darvon, daß man deine Schwester ist.

HERR VON KALTENBRUNN lachend. Warte nur, du sollst doch noch von mir was erben! Wenn ich erst alles werde vertan haben, was die Oberstin mir vermachen wird, so will ich mir hernach eine Frau nehmen, die eine Bettlerin ist wie ich: denn auf die Gleichheit kömmt im Ehestande viel an.

FRÄULEIN AMALIE muß lachen. O schön! du wilde Hummel! bist du unsinnig?

HERR VON KALTENBRUNN. Und wenn ich denn mit der eine halbe Mandel Kinder bekomme, so will ich mich in Franzbranntwein zu Tode saufen und dir meine kleinen Kinder vermachen.

FRÄULEIN AMALIE halb böse, halb lachend. Ja, den Hals will ich der Bettlerbrut umdrehen! Unterstehe dich nur ...


Quelle:
Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Aufklärung. Band 6, Leipzig 1933–1935, S. 98-101.
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