Siebenter Auftritt


[107] Die Oberstin von Tiefenborn. Herr von Ziegendorf.


FRAU VON TIEFENBORN lacht, als Fräulein Karoline weg ist. Ich dachte es wohl, daß sie böse werden und davonlaufen würde. Glauben Sie mir's, in meinem ganzen Hause meint es niemand redlich mit mir als dies einzige Kind.

HERR VON ZIEGENDORF. Das ist ein schlechter Lohn für soviel genossene Wohltaten! Indessen muß dies Eure Gnaden in Dero Entschlusse nur noch mehr befestigen.

FRAU VON TIEFENBORN. Ja, mein Entschluß bleibt fest gestellt. Ich muß den Frevel meines Neffen und der ältesten Nichtel bestrafen. Aber warum haben Sie mir nicht geschrieben?

HERR VON ZIEGENDORF. Ich habe Eurer Gnaden innerhalb acht Tagen drei Briefe geschrieben.

FRAU VON TIEFENBORN lacht. Ich habe aber keinen einzigen empfangen. Sollten auch die jungen Leute sie bekommen haben?

HERR VON ZIEGENDORF. Ja, wenn ich sie mit einem so dummen Boten geschickt hätte, so wäre es wohl gewiß geschehen: aber mein Kammerdiener ist ihnen viel zu listig.

FRAU VON TIEFENBORN. Warum habe ich denn keinen bekommen?

HERR VON ZIEGENDORF. Weil mein Kammerdiener nicht hat vor Sie kommen können.

FRAU VON TIEFENBORN. Und warum das nicht?[107]

HERR VON ZIEGENDORF. Er ist von den Bedienten immer dem jungen von Kaltenbrunn gemeldet worden. Und der hat ihn niemals vor Eure Gnaden lassen wollen, wofern er ihm nicht sagte, was er wollte.

FRAU VON TIEFENBORN schüttelt den Kopf. Was das für eine Verwegenheit ist!

HERR VON ZIEGENDORF. Ja, zuletzt hat er ihm gedrohet, er wolle ihm eine Kugel durch den Kopf jagen, wofern er sich's unterstünde, noch einmal wiederzukommen.

FRAU VON TIEFENBORN. Das ist ein unverschämter Junge!

HERR VON ZIEGENDORF. Kurzum, Eure Gnaden sind nicht anders als eine Gefangene derer Kinder, die Ihnen doch ihre ganze Erziehung zu danken haben.

FRAU VON TIEFENBORN. Freilich. Kaum hatte Amalie von Ihrer Ankunft bei mir Wind bekommen, so war sie gleich in meinem Zimmer und wollte uns belauschen.

HERR VON ZIEGENDORF. Sie wird auch itzt wohl bald wiederkommen.

FRAU VON TIEFENBORN. Nein, ich habe ihr einen Brief an meinen Kaufmann in der Stadt zu schreiben gegeben. Den kann sie in keiner Stunde fertigbekommen.

HERR VON ZIEGENDORF. Eure Gnaden täten Sünde, wenn Sie die schöne Blüte ihrer Jahre verschleudern und sich durch ein Testament für eine Person erklären wollten, die ins Grab gehört.

FRAU VON TIEFENBORN ziert sich. So? meinen Sie das, Herr Schwager. Ich bin doch aber schon vierzig Jahre vorbei, und wenn ich nicht so reich wäre: so unterstünde sich's wohl mancher, mich für funfzig Jahre alt zu halten.

HERR VON ZIEGENDORF lacht. Ei was, funfzig! Eure Gnaden können es mit den jüngsten Fräuleins aufnehmen; und mein Bruder wird Sie niemals anders als für ein Frauenzimmer von dreißig Jahren ansehen.

FRAU VON TIEFENBORN ziert sich. Meinen Sie das? Herr Schwager?

HERR VON ZIEGENDORF. Ja, dafür stehe ich Eurer Gnaden.

FRAU VON TIEFENBORN. Ja, ich habe ihn immer für einen Kavalier gehalten, der Verstand genug hat, die Änderung einzusehen, die ein großes Vermögen in eines Menschen Verstand, Alter und Vorzügen machen kann.

HERR VON ZIEGENDORF. Ei! das hat er längst gewußt! Man wird[108] nicht leicht zween Brüder treffen, die hierinnen so sehr eines Sinnes sind als wir. Wenn ich meine Frau ihrer Person nach betrachte, so gefällt sie mir eben nicht gar zu sehr: wenn ich aber ihr Vermögen bedenke, was sie mir zugebracht hat, so vertausche ich sie mit keiner Helena.

FRAU VON TIEFENBORN wischt sich die Augen, als wenn sie weinte.

HERR VON ZIEGENDORF bestürzt. Aber was fehlt Euer Gnaden?

FRAU VON TIEFENBORN weint. Ach, lieber Herr Bruder!

HERR VON ZIEGENDORF bestürzt. Ist Ihnen etwa übel, Frau Schwester?

FRAU VON TIEFENBORN weint. Ach nein!

HERR VON ZIEGENDORF bestürzt. Warum weinen Sie denn?

FRAU VON TIEFENBORN weinend. Ach! ich denke an meinen seligen Gemahl!

HERR VON ZIEGENDORF. Ei! Gnädige Frau, was gehen die Toten Sie an? Wir wollen itzt von den Lebendigen reden.

FRAU VON TIEFENBORN weinend. Ach! was würde er sagen, wenn er wüßte, daß seine Witwe, die er so zärtlich ... Sie weint.

HERR VON ZIEGENDORF. Ei, Frau Schwester. Er ist tot und hat keinen Anspruch mehr auf Sie zu machen.

FRAU VON TIEFENBORN weinend. Die er so zärtlich geliebet hat, einen andern Gemahl nehmen will?

HERR VON ZIEGENDORF. Ei! das kann er und das ganze Reich der Toten Ihnen nicht wehren!

FRAU VON TIEFENBORN weinend. Ja, aber mir fällt ein wichtiger Einwurf ein. Sie wischt sich die Augen.

HERR VON ZIEGENDORF. Und welcher denn?

FRAU VON TIEFENBORN weinend. Ach!

HERR VON ZIEGENDORF. So sagen Sie ihn doch; vielleicht kann ich ihn heben.

FRAU VON TIEFENBORN weinend. Ich gab meinem seligen Gemahl auf dem Todbette das Wort, daß ich mein Tage nicht wieder heiraten wollte.

HERR VON ZIEGENDORF lachend. Ist's nichts mehr als das?

FRAU VON TIEFENBORN weinend. Dafür ließ er mich auch im Besitze aller seiner Güter.[109]

HERR VON ZIEGENDORF. Ei, Possen! das versprechen viele Witwen: aber die meisten besinnen sich hernach anders.

FRAU VON TIEFENBORN. Es ist wahr, daß ich ein paar Monate darauf eine ziemliche Neigung zu einem gewissen reichen Kavalier hatte: als ich ihm aber das Jawort geben wollte, so legte er sich hin und starb.

HERR VON ZIEGENDORF lachend. Nun, auf die Gefahr wird es mein Bruder schon ankommen lassen!

FRAU VON TIEFENBORN. Es ist doch aber eine Gewissenssache!

HERR VON ZIEGENDORF. Ei! wer wird sich aus allem gleich ein Gewissen machen!

FRAU VON TIEFENBORN weinend. Aber was man den Toten verspricht, das soll man doch halten.

HERR VON ZIEGENDORF. Wenn man den Sterbenden etwas Unbilliges verspricht, so begeht man einen Fehler: und wenn man das unbillige Versprochene hält, so begeht man zween Fehler.

FRAU VON TIEFENBORN. Ich habe aber einmal in einem sehr hübschen Buche gelesen: Eine Witwe könnte nur zweierlei Ursachen zum Heiraten haben; sonst täte sie sehr unbillig, wenn sie noch einen Mann nähme.

HERR VON ZIEGENDORF lachend. Ei! das Buch ist ein Narr!

FRAU VON TIEFENBORN. Die erste Ursache wäre, wenn sie aus Not heiratete; und die habe ich nicht.

HERR VON ZIEGENDORF schüttelt den Kopf. Ei, Possen!

FRAU VON TIEFENBORN. Und die andere wäre aus Temperament. Sie tut sehr geziert. Und die habe ich auch nicht: ob ich gleich eben so alt noch nicht bin und wohl jeder Mensch Fleisch und Blut hat ... Allein wer reich ist, der kann solche Fehler nicht an sich haben.

HERR VON ZIEGENDORF lachend. Ich sage es Ihnen, das sind alles lauter Possen!

FRAU VON TIEFENBORN. Also hätte das Buch unrecht?

HERR VON ZIEGENDORF. Höchst unrecht! Glauben Sie mir's! Wenn es aber auch recht hätte, und Eure Gnaden hätten die zwo Ursachen nicht, so haben Sie eine dritte, die noch ärger ist als die beiden; nämlich, daß Sie hier gleichsam in Ketten und Banden gehalten werden und für alles Ihr Vermögen noch dazu eine Sklavin Ihrer lachenden Erben sein sollen.[110]

FRAU VON TIEFENBORN. Das ist wohl wahr! davon stand in dem Buche nichts.

HERR VON ZIEGENDORF. Und daß Ihr Neffe Sie noch zur armen Frau schwelgen wird.

FRAU VON TIEFENBORN nimmt eine Glocke vom Tische und klingelt. Das ist wohl wahr. Ich will also den Doktor holen lassen, und wir wollen unsere Abrede mit ihm nehmen.


Quelle:
Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Aufklärung. Band 6, Leipzig 1933–1935, S. 107-111.
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