611. Die Soge von der Tidianshöhle.719

[568] Wenn der Wanderer vom Falkenstein hinab in das Thal der Selke steigt, so gähnt ihn am Fuße eines hohen Berges die Oeffnung einer Höhle[568] an, die nach der Sage früher zugänglich gewesen, es aber jetzt nicht mehr ist. Man erzählt nämlich, es sei früher hier eine Goldgrube gewesen, die weit hinein in den Berg gegangen sei; darin habe eine kolossale Statue von gediegenem Golde gestanden, von der nach und nach durch Abschlagen große Stücke weggetragen worden seien. Umher habe Goldsand in Massen gelegen und ein Jeder habe sich nach Belieben davon nehmen können, da habe sich plötzlich das Innere der Höhle geschlossen und nur der Vorhof derselben sei geblieben, den hätten späterhin sogenannte schatzgrabende Venetianer um und um gewühlt, hätten aber nichts finden können. Daß die Höhle sich aber geschlossen, sei die Folge einer grausamen That gewesen, die einer der Falkensteiner Grafen begangen.

Es lebte nämlich zu Anfang des 13. Jahrhunderts auf dem Schlosse ein Graf Hermann von Falkenstein, der hatte einen Hirten in seinem Dienst, Matthias genannt, der im Schlosse geboren und ein rechtschaffener treuer Bursche war. Einst weidete er die Kühe tief unten im Thale nahe bei der Tidianshöhle, hingestreckt lag er im Schatten einer uralten Eiche und rund um ihn her im Kreise hatte sich seine Heerde gelagert, mit Wiederkäuen beschäftigt. Da tönte auf einmal hoch vom Berge herab das Glöcklein der Schloßkapelle zur Feier des Tages des heil. Johannes. Matthias erhob sich bei diesem Rufe zur Andacht, sank auf die Kniee und betete zu Gott ein andächtiges Vaterunser. Als er geendigt und sein Haupt wieder bedeckt hatte, schlug eben die Uhr auf der Burg Zwölf und vor sich in geringer Entfernung sah er auf der Wiese eine purpurne Blume in prachtvoller Farbenpracht stehen, wie er deren noch nie gesehen zu haben sich erinnerte. Er konnte sich nicht enthalten, auf sie zuzueilen und sie zu brechen. Er steckte sie an seinen Hut und ahnete nicht, daß dies die wunderwirkende Blume sei, die jährlich nur einmal am Tage des heiligen Johannes Mittags um zwölf Uhr sich entfaltet und den guten Menschen, der sie in diesem Augenblicke an sich bringt, beglückt. Matthias wollte zu seinem Ruheplatze unter der Eiche zurückkehren, da sah er vor sich an der Felsenwand des Thales die Oeffnung einer Höhle. Er stutzte, sah sich überall um, ob er sich noch auf der vorigen Stelle im Thale befinde, fand rings die alten bekannten Bäume, Felsen, Sträucher, Höhen und Plätze, Alles war bis auf die Höhlenöffnung noch so wie früher. Er glaubte seinen Sinnen nicht mehr trauen zu können, denn da, wo jetzt eine weite Oeffnung im Berge gähnte, war doch vorher nichts als kahles Felsgestein gewesen. Um sich von der Wahrheit dessen, was er sah, zu überzeugen, näherte er sich ihr nun nicht ohne einige Bangigkeit, was er in der Höhle erblicken werde. Jetzt stand er vor ihr und fühlte das sanfte Ausströmen einer erquickenden Frische, sah weit hinein vom Tageslicht erhellt die Bildung der Höhle und wie ihr Fußboden mit flimmerndem Sande bedeckt war. Aber hineinzutreten wagte er für's Erste nicht, denn des Grauens konnte er sich nicht erwehren, daß, wie die Höhle sich so wunderbar geöffnet, sie sich ebenso wunderbar wieder schließen könne. Endlich überwand jedoch die Neugier die Furcht, als ein Sonnenstrahl auf den flimmernden Sand fiel und diesen wie flüssiges Gold erscheinen ließ. »Ach wieviel Gold liegt hier!« rief Matthias voller Freuden aus, schritt hurtig vorwärts, hob eine Hand voll auf und eilte damit wieder ins Freie. Von der Sonne beschienen erschien der Sand wunderschön goldgelb und prüfend[569] wog er ihn und konnte seines Gewichtes wegen nicht zweifeln, daß es wirklich Goldsand sei. Dies machte ihm Muth, er ging zum zweiten Mal in die Höhle, nahm aber seinen Eßranzen mit, füllte denselben mit dem flimmernden Sande, trieb die Heerde früher heim als gewöhnlich und ließ sich kaum wenige Stunden zum Schlafen, dann machte er sich auf gen Magdeburg, um bei Zeiten wieder zu Hause sein zu können, und stand bald nach Sonnenaufgang schon vor dem Hause seines dort als Goldschmied lebenden Vetters. Derselbe war freilich ganz verwundert, so früh schon Besuch zu bekommen, allein wie spitzte er die Ohren, als er die Ursache des so frühen Kommens seines Vetters erfuhr. Derselbe zeigte ihm seinen Fund, zwar that der Goldschmied anfänglich, als habe sich der Hirt geirrt, und es sei dies ganz gewöhnlicher Sand, allein als derselbe sich nicht nur nicht von seiner Meinung abbringen lassen wollte, sondern im Gegentheil darauf bestand, noch einen andern Goldschmied fragen zu wollen, ob dies nicht wirklich Goldsand und was sein Fund wohl werth sei, da zog er andere Saiten auf und sagte: »in der Voraussetzung, daß der Sand wirklich Gold enthalte, wolle er ihn nehmen und gut bezahlen, er müsse aber versprechen, ihm noch mehr desgleichen zu bringen, damit das Schmelzen desselben sich der Mühe verlohne, was bei einer solchen Kleinigkeit, wie er ihm jetzt gebracht, nicht der Fall sei.«

Matthias versprach's, strich das erhaltene Geld ein und kehrte freudig nach Falkenstein zurück. Doch er mißbrauchte sein Glück nicht, denn nur dann erst ging er wieder zur Goldgrube, den Ranzen zu füllen und nach Magdeburg zu tragen, wenn das erhaltene Geld verzehrt oder gut angelegt war. Und so setzte er ein ganzes Jahr lang, in den sichern Schleier des Geheimnisses gehüllt, seine einträglichen Gänge fort und sammelte nach und nach so viel an, daß er hoffen konnte, seinen Dienst aufzugeben, sich selbst ein kleines Besitzthum kaufen und seine Geliebte, die Tochter eines Bauers im nächstgelegenen Dorfe Meisdorf, ehelichen zu können.

Nun begab es sich, daß sein Herr, der Graf von Falkenstein, nach Magdeburg ritt, um zu seiner bevorstehenden Vermählung mit einem schönen Edelfräulein bei demselben Goldschmied, den der Hirt so reichlich mit Goldsand versah, Ringe und andere Kostbarkeiten zu kaufen. Wie erstaunte derselbe aber, als ihn der Goldschmied fragte, ob er gewöhnliches oder Tidianisches Gold haben wolle, denn ihm war wohl bekannt, daß in seinen Waldungen ein ganzer Strich den Namen des Tidians führe. Auf seine Frage, was das für Gold sei und wo er es herhabe, belehrte ihn der Goldschmied, daß das tidianische Gold vom Harze komme, das schönste und reinste sei, was man bis jetzt kenne, und daß sein Vetter ihm von Zeit zu Zeit solches bringe. Der Graf, durch diese Antwort noch neugieriger gemacht, sagte, er werde sich einige Tage in Magdeburg aufhalten, und wenn im Laufe derselben sein Goldlieferant wiederkomme, möge er es ihm doch sagen lassen. Wie gedacht, so geschehen; nach Verlauf weniger Tage erschien Matthias abermals bei dem Goldschmied und bot ihm Goldsand zum Kauf an. Derselbe ließ seines Versprechens eingedenk den Grafen holen und wie erstaunte dieser, als er seinen Kuhhirten vor sich stehen und diesen im Besitz solcher Reichthümer sah. Freilich war Letzterer nicht ebenso erfreut, allein was wollte er machen, er sah sich genöthigt, seinem Herrn Alles zu bekennen und[570] versprach ihm auch, wenn er nach dem Falkenstein zurückgekehrt sein werde, ihn zur Höhle mitnehmen und Alles zeigen zu wollen. Nach zwei Tagen waren Beide wieder auf der Burg und der Graf hatte nichts Eiligeres zu thun, als sich von Matthias sofort zur Höhle führen zu lassen. Dieser trug noch immer die Wunderblume, deren geheime Kräfte er jedoch nicht kannte, auf seinem Hute. Durch die Kraft derselben geschah es denn auch, daß sich die Höhle sogleich für Beide öffnete. Sie traten ein, der Graf erstaunte beim Anblick des unermeßlichen Reichthums an Goldsand, hob als Zeichen der höchsten Verwunderung beide Arme gen Himmel, umarmte den armen Hirten und dankte ihm aufs Herzlichste, daß er ihn an seinem Geheimniß habe Theil nehmen lassen. Nun wurden die mitgebrachten Beutel gefüllt und auf die Burg geschafft. Täglich setzten sie nun ihre Gänge nach der unversiegbaren Goldgrube fort und so trieb es der Graf ein ganzes Jahr hindurch immer in Begleitung seines Hirten, den er mit den kräftigsten Versicherungen seines lebenslänglichen Dankes und seiner Freundschaft überhäufte. Da überkam ihn trotz seines täglich wachsenden Reichthums der Teufel der Habsucht, er meinte, wie schlimm es sei, daß er diese Schätze mit einem Zweiten theilen müsse, und so beschloß er denn in schnöder Undankbarkeit, sich denselben vom Halse zu schaffen. Alles menschlichen Gefühls baar ließ er den armen Hirten, als er den andern Tag wieder aufs Schloß kam, ergreifen, binden und des Augenlichtes berauben. Da schrie der Unglückliche im höchsten Schmerz und Zorn: »Verflucht seist Du und verdammt, Du undankbares Ungeheuer, verflucht und vermaledeit Deine Seele, daß sie nie zu Gott komme! Schließen wird sich die Höhle, die Dir Reichthümer gab, auf immer für Dich und Deine Nachkommenschaft und sich nicht eher wieder für einen Besitzer dieser Burg öffnen, als bis drei derselben als Krüppel auf derselben gelebt haben, nämlich ein Lahmer, ein Stummer und ein Blinder. Bis dahin aber werden Jahrhunderte vergehen und alle Deine Nachkommen werden Dich und Dein Andenken verfluchen, weil Du Deine Familie durch Deine Undankbarkeit um diese nie versiegende Quelle des Reichthums gebracht hast!« Mit diesen Worten sank der von heftiger Aufregung und Schmerzen gequälte Unglückliche zu Boden, richtete faltend die Hände gen Himmel, bat Gott, seinen Geist aufzunehmen und sank leblos zurück.

Alle standen stumm und betäubt, verließen lautlos das Gemach und berichteten dem Burgherrn die grausame Begebenheit. Allein derselbe verlachte höhnisch die Prophezeiung des Gemordeten und eilte den Burgberg hinab zur Höhle. Doch wie ward ihm, als er den tiefern Eingang in dieselbe mit Felsen fest verwachsen und von Goldsand keine Spur mehr sah. Betäubt kehrte er zur Burg zurück und versank von Stund an in düsteres Hinbrüten, welches nach einiger Zeit in Wahnsinn überging, so daß er wie ein wildes Thier gebunden werden mußte und sich so zu Tode raste.

Noch zur Stunde ist die Oeffnung der Tidianshöhle sichtbar, tiefer aber in dieselbe einzudringen unmöglich, denn obgleich bis jetzt ein lahmer und ein stummer Burgbesitzer gelebt haben, so fehlt es noch immer an dem dritten Gebrechlichen, dem Blinden, bis zu dessen Erscheinen mithin an eine Wiedereröffnung der Goldhöhle nicht zu denken ist.

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S. Gottschalck Bd. II. S. 247 etc. Sagen und Geschichten aus der Verzeit des Harzes Bd. I. S. 1 etc.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 568-571.
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