664. Zorge und die Jungfernklippe.778

[624] Unterhalb Hohngeiß, der höchstgelegenen Ortschaft des Harzes, zieht sich zwischen Bergen von gewaltiger Höhe ein dunkles enges Thal hin, von riesenhaften[624] Schwarztannen umdüstert und durchflossen von einem murmelnden Waldbache. An beiden Seiten steigen die gewaltigen Bergwände so steil empor, daß man von der mittleren Höhe der einen, an welcher die Fahrstraße hinführt, nicht ohne Grauen in den finstern Abgrunb zu seinen Füßen herabblickt und die Kühnheit derer bewundert, welche die Straße an diesen Abhang legten. Der obere Theil des Thales ist einsam und öde, tiefes Schweigen ruht auf dem Grunde, weiter abwärts dagegen erweitert es sich und wird lebendig, da klappern die Mühlen, dröhnen die Hammerwerke, rollen die Kohlenwagen, eilen die Hüttenleute geschäftig durch einander; hier liegt der Braunschweigische Hüttenort Zorge, so genannt von dem schon erwähnten Waldbache, einem der veränderlichsten aller Harzbäche. Denn während er heute kaum bedeutend genug scheint, um eine Mühle zu treiben, braust er vielleicht morgen schon als ein gewaltiger Strom durch die Gebirge, so rasch füllen sich seine Ufer, wenn von den hohen steilen Bergen rings der Schnee niederrinnt oder ein Gewitterregen herabrauscht. So hat er einst, von Regengüssen schnell angeschwollen, die Kirche des Hospitals St. Cyriaci weggespült, zur Zeit, als eben der Priester das Abendmahl austheilte, und Priester und Communicanten sind beide dabei ertrunken, wie die acht Kreuze an der Kirchenmauer und das darüber angebrachte Bild eines Priesters mit einem Kelche in der Hand noch heute anzeigen. Nun wohnte in jenem Thale vor einigen hundert Jahren ein Förster, der eine sehr schöne Tochter hatte, die aber eben so fromm und gut als hübsch war. Es verheerten aber damals gerade der dreißigjährige Krieg und die damit verbundenen Greuel Deutschlands Gauen. Da zog auf einmal eine Horde österreichischen Kriegsvolks in das bisher so friedliche Thal und schrieb eine schwere Brandschatzung aus, die sollte binnen drei Tagen zusammengebracht sein, wo nicht, so sollte der ganze Ort in Flammen aufgehen und ein Haufen Asche werden. Die Einwohnerschaft war sehr in Aengsten, denn die Brandschatzungssumme schien für ihre Mittel viel zu hoch. Das half aber Alles nichts, sie mußte aufgebracht werden, und inzwischen quartierten sich die wilden Soldaten in die einzelnen Häuser ein und der Anführer, ein roher Kroat, wählte das Haus des Försters als das beste im Orte zu seinem Quartier. Der Förster, der wohl wußte, daß eine Jungfrau jetzt das gefährlichste Gut sei, beschloß sofort seine Tochter Elisabeth in Sicherheit zu bringen und hatte auch einen fast unentdeckbaren Zufluchtsort für sie bereit. Auf der Bergwand, die sich auf der rechten Seite des Thales emporhebt, liegen versteckt in den hohen Tannen die Ruinen eines alten Ritterschlosses, der Staufenburg, deren vordere Seite auf einen Felsenvorsprung auslief, unter dem in grauenvoller Tiefe das Thal der Zorge sich öffnete. Auf der andern Seite aber, wenige hundert Schritte von den Ruinen, befand sich eine Fuchshütte, halb verfallen und kaum bemerkbar denen, die sie nicht kannten. Hier beschloß nun der sorgsame Vater seine Tochter während der Anwesenheit der Feinde zu verstecken, einer seiner Jägerburschen führte sie hin und die übrigen wurden beauftragt, stets die Zugänge des Waldes zu beobachten und sobald etwa Soldaten hineinstreifen würden, den Förster zu benachrichtigen. In unsäglicher Angst verbrachte das Mädchen hier den ersten Tag, jeder Schrei eines Vogels, jedes Fallen eines Astes, der schwere oder leichte Tritt eines der Thiere des Waldes ließen sie aufschrecken, die Sorge um den Vater und[625] das Schicksal ihrer Heimath ließen sie keine Minute zur Ruhe kommen und als die Nacht hereinbrach, gerieth sie gar in Versuchung, ihre Zufluchtsstätte zu verlassen und in die Gemeinschaft der Menschen zurückzukehren, allein die Furcht, zu solcher Stunde allein durch den dichten Wald gehen zu müssen, und der Gedanke, daß ihr dort unten sicher mehr Gefahren drohten als hier oben, hielten sie von diesem unüberlegten Schritte ab. Am andern Morgen brachte ihr ein Jägerbursche Speise und Trank für einige Tage und die Nachricht, daß bis jetzt an dem Orte noch kein bedeutendes Unglück geschehen sei, aber allerdings das Schlimmste nach Ablauf der dreitägigen Frist zu befürchten stehe, weil die geforderten Summen nicht zu schaffen und die Drohungen fürchterlich seien. So verging auch der zweite Tag und die zweite Nacht.

Während dieser Zeit waren aber der Förster und die übrigen Bewohner des Ortes in nicht geringer Angst und Sorge, ersterer wegen seiner Tochter, letztere aber wegen der Gefahr, die ihren Häusern und Eigenthum drohte, wenn sie das verlangte Geld nicht aufbringen würden. Leider aber ereignete sich jetzt etwas, was die Vorsicht des Försters unnütz zu machen drohte. Mehrere Soldaten hatten im Dorfe zufällig von dem schönen Jägermädchen reden hören, sie sprachen davon gegen ihren Hauptmann und dieser beschied sofort den Förster vor sich, ließ ihn hart an, daß er sie weggeschickt habe und gebot ihm, sie sofort wieder herbeizuschaffen. Der Ausrede des Försters, daß sie bei entfernten Verwandten sei, ward kein Glauben geschenkt und auf Befehl des Hauptmanns das ganze Haus von oben bis unten nach ihr durchsucht. Allerdings fand man sie selbst nicht, allein dafür ihr Bild, welches freilich den Kriegsmann durch seine Schönheit noch mehr aufreizte, sich in den Besitz des Mädchens zu setzen. Er befragte also unter Drohungen und Mißhandlungen die verschiedenen Hausgenossen, wo die Schöne sich befinde; Keiner gestand etwas; allein zum Unglück hatte ein Posten des Hauptmanns bemerkt, daß ein Jägerbursche mit Speise und Trank hinauf in den Wald gegangen sei, und das war diesem eine genügende Spur. Er bot also insgeheim mehrere seiner Getreuen auf und ging den bezeichneten Weg, um den Wald zu durchsuchen. Wer beschreibt Elisabeth's Schrecken, als sie auf einmal rauhe Männerstimmen vernahm und durch eine Spalte der Hütte schauend, wilde bärtige Krieger ganz in der Nähe erblickte, deren einer gerade die Hütte wahrnahm und mit wildem Freudenruf den Anführer darauf aufmerksam machte. Mit ein Paar kräftigen Stößen war die morsche Thür eingerannt, sie flog aus ihren Angeln, die rohen Burschen drangen hinein, aber eben so schnell benutzte Elisabeth den freigelassenen Raum, entwich den sie schon ergreifenden Armen und entsprang ihren Verfolgern; der Hauptmann suchte sie am Gewande festzuhalten, allein dasselbe riß und er stürzte zur Erde. Wüthend sprang er auf und eilte ihr von Neuem nach, unterdeß hatte sie aber die Ruinen und jenen Felsenvorsprung erreicht, da war aber ihre Flucht zu Ende; vor ihr gähnte der Abgrund und schaudernd blickte sie hinab auf die schroffen, spitzigen Klippen. Allein sie zauderte keine Minute, den Tod der Schande vorzuziehen, entschlossen sprang sie hinab und ihr Verfolger, der in seiner blinden Wuth weder den Felsen noch den Abgrund sah, flog der Flüchtigen nach in die entsetzliche Tiefe und sein plötzliches Jammergeschrei leitete seine Leute nach der Gegend, wo er eben verschwunden war. Erschüttert schauten sie zu dem Fuße des Felsens hinab, dort lag furchtbar[626] zerschmettert ihr Hauptmann am Boden, neben ihm aber stand lebend, unbeschädigt und mit gefalteten Händen gen Himmel blickend die Jungfrau. Da faßte ein Grauen die wilden Krieger, sie sahen in dem Mädchen ein unter göttlichem Schutze stehendes Wesen, voll Entsetzen eilten sie in's Thal herab, bald wirbelten die Trommeln und riefen zum Abmarsch und schnell, als würden sie von Feinden verfolgt, verließen sie, ohne an die Auszahlung der Brandschatzung zu denken, das Dorf. Nun war aber große Freude im ganzen Orte, Jedermann nannte Elisabeth die Retterin desselben, der Felsen aber unter der Staufenburg, von wo sie herabgesprungen war, bekam den Namen der Jungfernklippe und behielt ihn bis auf den heutigen Tag.

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S. Sagen aus der Vorzeit des Harzes S. 353 etc.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 624-627.
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