191. Der Kobold zu Beseram.253

[169] In der Mark Brandenburg, eine kleine Meile von der Stadt dieses Namens, liegt ein Kapitelsdorf mit Namen Beseram, wohin Anno 1709 ein Candidat der Theologie, mit Namen Christian Bernardi, vocirt worden, welcher einen sehr guten und christlichen Lebenswandel geführt. Es verheirathete sich dieser mit Jungfrau Regina Gerlach in N., Johann Gerlachs, Prediger in Wittstock, Tochter, führte auch mit selbiger einen sehr christlichen Ehestand. Ohngefähr ein halbes Jahr nach seinem Anzuge äußerte sich was Ungemeines in dem Pfarrhofe, welches zuerst den Knecht und die Mägde betraf, wie solches der im Jahre 1731 noch lebende Knecht Johann Wiis Gozette in diesem Dorfe aussagte, solches auch damals über 50 noch lebende Personen bekräftigten, gleichwie es ebenfalls in der ganzen umliegenden Gegend bekannt war. Es warf hinter dem Gesinde auch am hellen Tage mit Steinen her, besonders aber gegen die Mittagsstunde. Es fühlten nun zwar selbige dieses wohl, sahen auch die Steine fallen, doch geschah es ohne Schaden und Beulen, ja man hätte glauben können, daß es von Nachbarsleuten geschehen müsse, wenn nicht der Pfarrhof von dem Dorfe abgesondert wäre, und auf einer Seite die Kirche nebst dem Kirchhofe, auf der andern aber die Scheune und den verschlossenen Garten zur Bedeckung hätte. Dieserwegen beschwerten sich der Knecht und die Mägde bei dem Pfarrer und verlangten ihrer Dienste entlassen zu sein. Dieser aber speiste sie mit guten Worten ab und verwies sie, wie es einem Prediger gebührt, zur Geduld. Nach besserem Erachten aber mag er wohl selbst ein Thomasianer gewesen sein, welcher von den Geister- und Koboldgeschöpfen keinen Begriff mag gehabt haben. Mit Steinwerfen und Poltern in einem Hause kann wohl ein verstellter Kobold eine Probe thun, welcher dabei einen andern Zweck sucht, dieser aber, welcher sich in eines Predigers Hause einlogirt, wollte auch einen ganz verkehrten Oeconomum abgeben, vielleicht aus der Ursache, weil insgemein von den Pfarrern gesagt wird, daß sie gar zu sehr dem Geiz huldigten. Sein Oeconomus aber war nun gar zu possirlich. Zum Exempel wenn die Mägde den Kühen zu fressen geben wollten, fanden sie solche mit gebundenen Füßen in der Raufe liegen und mußten deswegen die halbe Gemeinde zusammenrufen, damit sie diese gehörnten Puppen aus ihrer ungewöhnlichen Wiege möchten an Ort und Stelle bringen helfen. Es hat dieses nebst dem Folgenden ein augenscheinlicher Zeuge mit Namen Christoph Nicolai, welcher dazumal als Rathmann in Brandenburg ansässig[169] war und öfters in diesem Kirchspiel zu thun hatte, mit angesehen. Also brauchte ferner der gute Herr Pfarrer keine Bereiter, weil dieser Geist seine Pferde dergestalt zu dressiren wußte, daß sie öfters eine ganze Woche nicht auf den Füßen stehen konnten. Gänse, Enten, Hühner, oder was von Geflügelwerk in dem Pfarrhofe war, fand man oftmals zusammengebunden auf dem Schwengel des Brunnens, der mitten im Dorfe stand, oder auf des Küsters Hausdache, ja wohl gar auf den Bäumen in den Gärten, welche außer dem Dorfe standen, des Morgens früh aufgehangen. Mancher Bauer hätte wohl daran einen bessern Fund gethan, als wenn er einen Bienenschwarm seines Nachbars auf seinem Grund und Boden erhascht hätte, wenn er nicht oft von der Kanzel gehört hätte, daß wenn einer sich ein Predigergut anmaßet, diese Sünde nicht mit unter die Vergebung der 77mal mit könne gerechnet werden. Also hatten die Bauern noch dazu die Mühe, selbige herunterzulangen, und dem bedrängten Pfarrer wieder zuzustellen. Was nun noch mehr ist, so nahm er sich auch der Küchenwirthschaft an, er überhob die Magd im Feuermachen, sowohl in der Küche als in dem Backofen, jedoch mit dem Unterschied, daß man öfter geglaubt, der ganze Pfarrhof müsse in Feuer aufgehen, obschon niemals einiger Schade geschehen. Er reinigte das Küchengeschirr, füllte es aber wohl dann und wann mit etwas anderem, was sich für eine geistliche Küche nicht geziemen will. Das Possirlichste aber war, wenn der gute Pfarrer sich etwa einen Sonntagsbraten wollte zurichten lassen, denn da durfte sich weder Knecht noch Magd, wenn sie nicht für ihre Mühe ein Paar unsichtbare Ohrfeigen davon tragen wollten, in der Küche blicken lassen. Er war Bratemeister und Alles. Man sah den Braten herumlaufen, ohne die Hand, welche ihn wendete; ja man gewöhnte sich dieser Arbeit also an, als wenn sie von einem Dienstboten wäre verrichtet worden; dann und wann aber, wenn man das Fleisch oder Vorkost anrichten wollte, dann war es dergestalt gesalzen oder mit gewisser Würze gemacht, daß es auch einem heißhungrigen Magen den Appetit vertrieben hätte. Absonderlich wußte er sich aus dem Schweinestall solcher Brühen zu bedienen, daß der Geruch einem von selbst das Essen verbot und der gute Pfarrherr mit seiner Familie bei dem nächsten besten Pfarrkinde mit etwas wenigem Zugemüse vorlieb nehmen mußte. Als aber diese Abenteuer gar zu lange dauerten und der gute Herr Pfarrer sich nicht mehr zu retten wußte, hat er auf öffentlicher Kanzel seine Gemeinde gebeten, ein andächtiges Gebet für ihn und seine Familie zu thun, daß ihn doch Gott von diesem Uebel erretten möchte. Je eifriger aber der Bauern Gebet war, desto beschäftigter war unterdessen zu Hause dieser unsichtbare Dienstbote, und wollte der gute Prediger mit Familie und Gesinde was Weniges zu essen haben, so mußte er das Bauerngebet in der Kirche und sein eignes im Hause unterwegs lassen. Doch da die Komödie zu lange gespielt wurde, mußte er endlich selbige höherer geistlicher Obrigkeit anzeigen, obgleich die ganze umliegende Gegend davon genugsam überzeugt war. Das löbliche Oberkonsistorium aber wußte anfänglich nicht, was auf dergleichen Bericht für ein Entschluß sollte gefaßt werden, zumal da das Gebet in der öffentlichen Kirche von der ganzen Gemeine nichts hatte verfangen wollen. Es wollte also in einer so stachlichten Geistermaterie keinen Bescheid geben, besonders weil es keiner fernern Untersuchung nöthig war, auch die abgeordneten Commissarien vielleicht kein besseres[170] Tractament in dem Pfarrhofe von diesem unsichtbaren Speisemeister als der Hausvater selbst zu erwarten gehabt hätten. Deswegen ist die Sache unentschieden geblieben und der gute Prediger zur lieben Geduld verwiesen worden.

Nachdem dies Gerücht mehr und mehr erschollen, zog es gewisse kuriose Gemüther nach sich, welche sich bei diesem unsichtbaren Speisemeister zu Gaste bitten wollten. Es waren dieses drei Domherren aus abgedachtem Stift Brandenburg, die ohnedies um Michaelis ihr gewöhnliches Kapitel hielten, und sich verabredeten, daß sie des andern Tages nach diesem Fest nach dem Mittagsessen dahin reiten wollten. Zum Voraus schickten sie einen fetten Consistorialvogel (Truthahn) nebst einem guten Flaschenfutter Rheinwein ab, mit Befehl an den Prediger, daß er selbigen von seinem unsichtbaren Küchenjungen sollte braten lassen, weil sie selbigen mit ihm verzehren wollten. Der gute Prediger that, was ihm befohlen wurde, ließ ein Gericht Fische und Krebse auf sein Conto holen, damit er seine werthen Gäste bewirthen könne; den Puterhahn aber ließ er an den Spieß stecken und übergab solchen seinem unsichtbaren Handlanger, welcher auch sogleich zu treiben anfing. Der Pfarrer ging seinen ankommenden Gästen entgegen, um sie zu bewillkommnen, welche, nachdem sie von ihren Pferden gestiegen, ohne weiteres Verweilen sogleich in die Küche gingen, ob ihr eingesandter Consistorialvogel wirklich in einem christlichen Hause von einem unsichtbaren Geiste servirt würde, wie solches zum Voraus der Prediger bekräftigt hatte. Sie sahen aber beim Eintritt in die Küche ein wunderliches Abenteuer. Anstatt des Bratens steckte der Kober oder Infel, wie man es zu nennen pflegt, darinnen der Puthahn eingesteckt worden, am Spieß, welcher sich bei dem Feuer herumdrehete, ohne daß man eine Hand oder was anderes gesehen, welches diese Bewegung verursachte, vom Braten aber war nichts zu sehen. Die sich selbst eingeladenen Gäste sahen einander an und wußten nicht, ob sie lachen oder zürnen sollten. Der Prediger suchte den Braten ängstlich und sah ihn endlich hinter dem Heerde gebraten in dem Wust liegen. Da er denselben aufhob, ward er mit einer solchen Sauce begossen, daß er einem den Appetit vom Neumond an bis auf das dritte Viertel hätte vertreiben können. Dabei hörten sie ein helles Lachen, ohne daß sie eines einzigen andern Menschen hätten ansichtig werden können, jedoch waren sie zur Genüge überzeugt, daß sie nicht umsonst die Macht eines Kobolds selbst anzusehen gereiset wären. Sie fanden sich aber darin betrogen, daß sie von ihrem eingesendeten Braten etwas genießen wollten, da sie nun übrigens selbst mit den Fischen und Krebsen nicht trauten, so ließen sie selbige bei dem Schulmeister außerhalb des Pfarrhofes zurecht machen und gingen unterdessen in des Predigers Garten hinaus. Einer aber von diesen lieben Herren, welcher vielleicht auf einer Universität der sogenannten Cyniker studirt hatte, und dem dieser Affront nebst der Sauce über den Puthahn etwas mehr in die Nase roch, forderte diesen unsichtbaren Speisemeister mit herben Worten auf ein Duell heraus, welches vielleicht der überflüssige Trunk von der Mittagsmahlzeit mag veranlaßt haben. Obgleich die Andern dieses Unternehmen mißbilligten, so fuhr doch dieser liebe Herr Canonicus mit seinem Schimpfen fort, ob sich schon der Geschimpfte nicht im Geringsten verantwortete. Sie verzehrten endlich in dem Garten ihr bei dem Schulzen bestelltes Abendbrot, man war dabei guten Muthes, trank ein Glas Wein, so daß von dem Mitgebrachten dem[171] Prediger nicht viel übrig blieb, und die Gäste wollten bei Mondschein nach Hause reiten. Als man aber die Pferde aus dem Stall ziehen wollte, sahen die Knechte ein widerliches Spektakel, welches bei der Nachwelt allen denjenigen eine Einprägung machen kann, so die körperliche Gewalt und Kraft einem unsichtbaren Geiste entziehen wollen. Das Pferd desjenigen, welcher den Kobold geschimpft hatte, stand zwar bei der Krippe, die ganze Zunge aber nebst dem Schlunde war ihm aus dem Rachen gerissen, und auf der Erde sah man eine große Pfütze Blut liegen. Wie nun der Knecht das Pferd umlenken wollte, fiel es in Beisein der Herren nebst dem Prediger und dem Knechte todt zur Erde nieder. Hätte der gute Domherr gleich wie die andern stille geschwiegen, und in Gedanken bei dem Geisterconsistorium diese Uebertreter und Beschimpfer der hochwürdigen Geistlichkeit verklagt, so wäre es für ihn viel besser gewesen, und hätte er wie die andern sein Pferd behalten, welches er kurz vorher mit 100 Ducaten gekauft hatte. Es war aber bei ihnen nun kein Verweilen mehr, die Probe von der Macht des Koboldes war ihnen gar zu handgreiflich. Sie setzten sich also zu Pferde und ritten wiederum nach Hause, da derjenige, welcher sein Pferd verloren, mit seines Knechtes Pferd den Rückweg nehmen mußte. Dieser Zufall machte noch mehr Lärmen, zumal er nicht so heimlich hat tractirt werden können, daß nicht der Scharfrichter, um das Pferd abzuziehen, aus der Stadt hätte gerufen werden müssen. Dieser hat in Untersuchung solcher Begebenheit ausgesagt, daß sechs der stärksten Männer, wenn auch ein Pferd in dem Nothstall befestigt wäre, nicht im Stande wären, dergleichen zu verrichten, ja wenn es auch mit einer eigenen dazu verfertigten Maschine hätte geschehen sollen, so hätte doch die Zunge abreißen müssen.

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S. Monatl. Unterred. Bd. III. S. 564 etc., 583 etc.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 169-172.
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