452. Die Eselswiese zu Querfurt.538

[387] Der interessanteste Markt der Stadt Querfurt ist der Wiesenmarkt bei der Stadt, welcher eine religiöse Veranlassung hatte. Bruno III., Edelherr von Querfurt, ist gewissermaßen der Stifter. Derselbe war Domherr zu Magdeburg, stiftete die dasige Schloßkirche und wurde Benedictinermönch. Papst Gregor ordnete ihm den Bischof Albert in Prag zu, die Preußen zu bekehren und auf Papst Sylvesters Befehl zog er im Jahre 999/1000 wirklich dahin. Nach drei Jahren kam er wieder zurück und besuchte den Papst. Dieser nannte ihn den zweiten Bonifacius und Kaiser Heinrich II. ernannte ihn zu seinem Hofkaplan. Auf die Nachricht von dem Absterben einiger Priester in Preußen machte sich Bruno wieder auf, reiste aber zuvor noch einmal nach Querfurt. Seine Brüder Burkhard und Gebhard begleiteten ihn auf der Abreise bis an die Wiese und wollten sich da von ihm trennen, doch Bruno's Maulthier war nicht von der Stelle zu bringen. Die Brüder führten ihm nun Bileams Esel zu Gemüthe und baten ihn umzukehren und bei ihnen zu verweilen. Doch er unternahm die vorgesetzte Reise und starb im Jahre 1008 an den Grenzen von Preußen und Litthauen, wo ihm die Hände und Füße und endlich der Kopf abgehauen ward, als Märtyrer. Der Papst sprach ihn heilig und seine Brüder stifteten ihm deshalb eine Kapelle auf der Wiese, wo vielleicht früher auch sein Leichnam oder doch wenigstens etwas von seinem Heergeräthe aufbewahrt ward. Dieses und seine Heiligsprechung, auch daß jedesmal 8 Tage nach Ostern durch einen Abt das Sacrament in Prozession dorthin getragen ward, veranlaßte Wallfahrten und viel Zulauf[387] des Volkes nach dieser Wiesenkapelle, Eselstedt in den alten Urkunden genannt, und daraus entstand dann endlich ein Markt und Eselstedt erhielt die Marktfreiheit. Anfänglich waren es nur 2 Tage, allein die Herzöge von Weißenfels, zu deren Besitzungen die Stadt Querfurt mit gehörte, setzten noch einen dritten Tag hinzu, und da dieselben sich des Markts über dort aufzuhalten pflegten, so ward im Jahre 1721 die Kapelle weggerissen und auf dem Platze derselben ein Wohngebäude für den Hof errichtet, das nach dem Aussterben der Linie Sachsen-Weißenfels zu einem Vergnügungsorte der dortigen Einwohnerschaft umgeschaffen ward. Der Markt, mit dem zugleich ein Roßmarkt verbunden ist, wo früher dem Stallmeister von Wendelstein die Pferde vorgeritten werden mußten, wird den Tag nach den Osterfeiertagen gehalten und zur Erinnerung an die Stiftung desselben haben die dasigen Töpfer das Privilegium erhalten, kleine thönerne bunt bemalte Esel zu verkaufen, welche die Marktbesuchenden den Ihrigen als ein spaßhaftes Wiesengeschenk mit nach Hause zu nehmen pflegen.

Es giebt jedoch noch eine zweite ganz verschiedene Erzählung von dieser Wiese. Dieselbe lautet also:539 Es hat unter dem Kaiser Friedrich II. auf seiner Burg Querfurt im Thüringer Lande ein Graf Bruno von Querfurt gewohnt, ein ebenso reicher als tapferer und frommer Mann. Der hat Alles besessen, was sich der Mensch nur wünschen kann, nur eins fehlte ihm, er wünschte sich einen Stammhalter, und gerade dieser Wunsch ward nicht erfüllt, seine Gemahlin Ludgarde, ein geborenes Fräulein von Hainsburg, blieb unfruchtbar. Er spendete deshalb reiche Geschenke an die Klöster zu Zeitz und Goseck und ließ in den Kirchen für sich bitten, allein umsonst, und so war er denn deshalb stets gar traurig und bekümmert und zwar vielmehr als sein Weib, der die Sache wenig zu Herzen ging. Eines Abends lustwandelte aber seine Gemahlin am Ufer der Querne mit ihrer Kammerfrau und schwatzte mit ihr von Turnieren und Festen und schönen Kleidern und andern solchen Dingen, an denen das Herz einer eitlen Frau Gefallen findet. Da trat ihr auf einmal ein zerlumpt aussehendes Weib in den Weg, welches zwei Kinder auf den Armen trug, und bat sie um eine Gabe. Die Gräfin, ärgerlich, in ihrem Gespräch gestört zu sein, wollte vorüber eilen, ohne von ihr Notiz zu nehmen. Da fiel ihr die arme Frau zu Füßen, hielt sie am Saume ihres Kleides fest und bat sie, sie möchte sich nur der unschuldigen Würmlein halber ihrer erbarmen und ihr etwas geben. Da stieß sie die Gräfin unbarmherzig mit dem Fuße fort und sprach: »Fort mit Dir, Du unsaubere Vettel! Hättest Du nicht ein unzüchtiges Leben geführt, würde Dich der Herr nicht mit zwei Kindern gestraft haben!« Dies böse Wort ging der Bettlerin durch Mark und Bein, sie raffte sich auf und trat grimmig vor die Gräfin hin und sprach: »Euch soll Gott brandmarken und Ihr sollt über nicht ein volles Jahr 12 Kinder zugleich gebären, damit Euer Gemahl daran Euere Sünde und Schande erkenne!« Von dieser Verwünschung ward die Gräfin wie vom Blitz getroffen und kehrte tiefsinnig, ohne daran zu denken, die Bettlerin aufhalten zu lassen, in's Schloß zurück.

Mehrere Wochen darauf fühlte sie sich Mutter und theilte solches ihrem Gemahl mit, der darüber hocherfreut ward und vor Freude alle Armen im[388] ganzen Gau speisen und tränken ließ, weil Gott seine Bitte erhört hatte. Und als nun die Osterzeit kam und ihre Entbindung herankam, da ritt er nach Kloster Goseck, um dort Messen für seine Gemahlin lesen zu lassen, damit ihr Gott in ihrer schweren Stunde beistehen möchte. Im Kloster aber begegnete ihm der Unfall, daß sein Pferd an der Schwelle der Stallthüre stürzte und gänzlich lahm ward, so daß, da im Kloster keine Rosse gehalten wurden, er froh sein mußte, daß ihm der Pater Guardian des Klosters zum Heimreiten seine Eselin borgte, denn warten wollte er nicht, um nicht seine Frau in ihren Nöthen allein zu lassen. Er bestieg also die Eselin, als er aber in der Nähe der Stadt Querfurt auf eine Wiese kam, da bäumte sich auf einmal die Eselin und wollte nicht vorwärts, er mochte sie noch so sehr antreiben. Das befremdete ihn sehr und er sah sich nach der Ursache um, und siehe, rings um die Eselin sah er einen ellenbreiten Kreis von frischgefallenem Schnee. Nun war aber seit Wochen in dieser Gegend keine einzige Flocke Schnee mehr gefallen, im Gegentheil es war bereits Frühling und die Bäume begannen zu grünen und die ersten Blümchen hervorzusprossen. Er zweifelte also nicht, daß hier etwas Geisterhaftes im Spiele sei, stieg ab und gelobte dem Herrn, hier ein Kirchlein zu bauen, wenn der Spuk ihn weiter reiten ließe. Auf einmal verschwand der Schnee und die Eselin ließ sich bewegen weiter zu gehen; als er aber an das Ufer der Querne kam, da sah er nicht weit vom Wege ab im Gesträuche am Ufer ein Weib mit einem großen Korbe und erkannte sie am Kleide als die Kammerfrau seiner Gemahlin. Er ritt also hin zu ihr und fragte sie, was sie hier zu schaffen habe. Darüber erschrack aber das Weib gar sehr, zog das Tuch über den Korb, als wolle sie etwas verstecken, und sprach mit ängstlicher Stimme: »Es sind junge Hunde da drinnen, die ich ersäufen will.« Darauf befahl er der Frau den Korb zu öffnen, damit er sie sehen könne, als sie sich aber weigerte, stieg er von der Eselin ab, um selbst nachzusehen. Da warf sich das Weib ihm zu Füßen und sagte, sie wolle Alles gestehen, wenn er nur ihres Lebens schonen wolle. Als ihr dies der Graf versprochen, erzählte sie ihm den Fluch der Bettlerin und wie derselbe also in Erfüllung gegangen sei, daß seine Gemahlin in der vergangenen Nacht wirklich von 12 Kindern genesen sei. Sie habe sich nun sehr vor seinem Zorn und etwaigem Argwohn gefürchtet und mit ihr berathen, was zu thun sei. Darauf hätten sie unter 12 Knaben den ausgewählt, der ihnen als der schönste erschienen, und sie habe die 11 übrigen genommen, um sie zu ersäufen.

Als nun der Graf die 11 armen nackten, aber sich sprechend ähnlichen Knäblein ansah, da ward ihm gar sonderbar ums Herz und er dachte bei sich, was doch seine Frau für ein böses unbarmherziges Gemüth haben müsse, daß sie sich zu einer so grausamen That habe entschließen können. Indeß dankte er dem Herrn, daß ihn der spukhafte Schnee so lange aufgehalten hatte, sonst würde er längst vorüber gewesen sein, als die Kammerfrau an das Ufer der Querne kam. Er befahl nun der Letztern, seiner Frau zu sagen, sie habe die Kinder wirklich ersäuft, den Korb mit denselben aber zu einem Töpfermeister in der Stadt Querfurt zu tragen, dem er einstmals eine große Gnade erwiesen hatte. Er begab sich selbst auch zu ihm, theilte ihm so viel von der Sache mit als nöthig war, und machte mit ihm aus, daß derselbe sechs der Knaben selbst bei sich erziehen, die andern aber in[389] der Stadt bei guten Freunden von sich unterbringen und erziehen lassen möchte. Er selbst aber kehrte nach Hause zurück, wo ihm sein falsches Weib den zwölften Knaben als den eben geborenen Stammhalter entgegenhielt und sich stellte, als sei sie über dieses Geschenk Gottes hocherfreut. Der Graf verstellte sich aber auch und heuchelte eine fröhliche Miene, allein in der Folge vermochte er doch nicht mehr das bösartige Weib auch nur zum Schein liebreich zu behandeln, sondern zog sich gänzlich von ihr zurück. Sie aber ließ sich dies wenig kümmern, hatte auch keine Ahnung, daß er ihre Schandthat wisse. In demselben Sommer ließ der Graf aber an der Stelle, wo der Schnee gelegen, ein Kirchlein bauen, und von der Eselin, auf der er geritten war, nannte man die Wiese die Eselswiese.

So waren sechs Jahre vergangen und die elf Knaben waren bei ihren Pflegevätern herrlich gediehen und glichen einer dem andern wie ein Ei. Da ließ der Graf zur Osterzeit am Geburtstage der Knaben seine Vasallen, die Ritter von Takau, Schömberg und Hainsburg, den Töpfermeister und die fünf andern Pflegeväter, sowie die bedeutendsten Bürger der Stadt zu sich aufs Schloß entbieten. Als sie aber alle im großen Rittersaale versammelt waren und die Gräfin mit ihren Kammerfrauen ebenfalls erschienen war, in der Meinung, es solle über irgend Jemand Gericht gehalten werden, da winkte er dem Töpfermeister; derselbe ging hinaus und trat sofort wieder herein, indem ihm die zwölf Söhne des Grafen folgten, sämmtlich in gleichen Kleidern und einander so ähnlich, daß sie Niemand unterscheiden konnte und alle Anwesenden, welche doch nichts von der Sache wußten, verwunderten sich und frugen, wer die Kinder seien? Der Graf aber wandte sich mit stechenden Blicken zu seiner Gemahlin und sprach: »Siehe diese und sage, welcher von ihnen unser Sohn ist?« Die Gräfin aber brach vor Schrecken zusammen und der Graf, der dies nicht achtete, verließ mit seinen Vasallen und Bürgern das Schloß und begab sich mit ihnen unter freien Himmel, wo er ihnen das Verbrechen seiner Gemahlin kund machte. Als aber die wackern Männer dasselbe hörten, wollten sie es erst nicht glauben, nachher aber verlangten sie die sofortige Bestrafung der Gräfin und erkannten ihr einstimmig den Feuertod zu, aber so, daß sie in Eisenschuhen auf einen glühenden Rost treten und dann in einem Kessel mit Oel gesotten werden solle. Dies erbarmte jedoch den Grafen und er bat um Gnade für das gottlose Weib. Allein Alle erklärten, sie verdiene solche nicht, es wäre denn, daß Gott durch ein offenbares Wunder sich für sie in's Mittel schlage. Da stieß der Graf zornig sein Schwert in den Rasen, und siehe – Gott ließ ein Wunder geschehen, denn es sprang alsbald ein lustiger Quell aus der grünenden Matte hervor. Die Anwesenden staunten und lobten Gott, der Ritter von Takau aber, der am hitzigsten für ihre Bestrafung gesprochen, sagte: »Herr Graf, fället Ihr jetzt selbst ein mildes Urtheil, denn ich wage nicht gegen ein göttliches Zeugniß zu streiten.« Darauf beschloß der Graf, seine Gemahlin durch Todesangst zu strafen, ließ den Rost und die Eisenschuhe bringen, einen Oelkessel füllen und ein tüchtiges Feuer darunter anschüren, daß der Rost bald glühte wie Hochofengluth und das Oel im Kessel sott und wallte. Dann gebot er sein Weib herbeizuführen. Dieselbe kam bleich und entstellt herangeschwankt und vermochte vor Scham ihren Blick nicht von der Erde aufzuheben; als ihr aber ihr Gemahl das furchtbare Urtheil verkündete und sie die Werkzeuge[390] ihrer Qual erblickte, da sank sie zusammen und wurde ohnmächtig fortgetragen. Dies schien ihrem Gemahl aber genug der Strafe zu sein, er entließ also seine Vasallen und Bürger, dankte den Pflegeeltern seiner Knaben und behielt letztere sämmtlich bei sich, um sie selbst groß zu ziehen, seine Gemahlin aber sendete er in's Kloster. Es erzählt aber die Sage, die Knaben wären zu kräftigen Jünglingen herangeblüht und hätten sich weit und breit durch ihre kriegerischen Tugenden einen großen Namen erworben und es wäre viel Redens gewesen von dem Grafen von Querfurt und seinen zwölf Söhnen.

Die Eselswiese ist nun aber noch heute in Querfurt ein wohlbekannter Ort, denn hier ist alljährlich am dritten Osterfeiertage ein lustiger Jahrmarkt, wo die Töpfer den Grafen Bruno auf der Eselin sitzend gar schön aus Thon geformt verkaufen und zwar in Folge des Privilegiums, welches der Graf jenem Töpfermeister, der sechs seiner Knaben erzogen hatte, zum ewigen Andenken verliehen hatte. Das Kirchlein auf der Wiese steht auch noch, freilich in anderer Gestalt, und ist jetzt der Schießstand für die Vogelschützen. Auch der durch Bruno's Schwert aus der Erde hervorgerufene Quell ist noch vorhanden und heißt der Brunoquell. In der Schloßkirche zu Querfurt erblickt man aber noch heute das Grabmal des Grafen von Querfurt; er ist hier als geharnischter Ritter abgebildet, um den zwölf Engel (seine 12 Söhne) knieen.

538

S. Liebelt, Memorabilien der Stadt Querfurt. Querfurt 1818 in 8. S. 15 etc.

539

So Ziehnert Bd. II. S. 8 etc.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 387-391.
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