478. Die Sage von dem Grafen von Gleichen.562

[415] Im Jahre 1224 vermählte sich Kaiser Friedrich II. der Hohenstaufe zu Rom mit Jolantha, der Tochter des vertriebenen Königs von Jerusalem Johann von Brienne, und bekam mit ihr den Anspruch auf das Königreich Jerusalem und das gelobte Land, welches zu der Zeit die Sarazenen im Besitz hatten. Dieses wieder zu gewinnen, zog der Kaiser auf Anrathen des Papstes Gregor IX. mit einer ansehnlichen Armee nach dem Orient (welcher Zug in der Geschichte der vierte Kreuzzug genannt wird) und eroberte im folgenden Jahr 1229 das ganze Königreich, ward auch zu Jerusalem als König gekrönt. Den Kaiser begleitete als Feldoberster Ludwig der Heilige, Landgraf in Thüringen und Hessen, der heil. Elisabeth Ehegemahl, nebst Graf Ludwigen zu[415] Gleichen, Graf Günthern von Kefernburg, Graf Burkharden von Brandenburg, Graf Meinharden von Mühlberg Graf Heinrichen zu Stolberg und Herr Hartmann, Edlen und Herrn zu Heldrungen und vielen andern thüringschen Rittern und Edlen. Allein Landgraf Ludwig ward in Sicilien krank und starb zu Otranto im 28. Jahre seines Alters den 17. September 1227 an einem hitzigen Fieber und wurde daselbst so lange beigesetzt, bis dessen Soldaten und Hofleute wieder zurückmarschirten, welche ihn dann auf seine Veranlassung mit sich nahmen und nach Reinhardsbrunn führten. Ob nun wohl Landgraf Ludwig gedachter Maßen gestorben war, so folgten dennoch Graf Ludwig VI. von Gleichen und die andern Grafen und Herren dem Kaiser ganz begierig in das gelobte Land nach und es wollte jeder seinen Heldenmuth gegen die Sarazenen sehen lassen. Insonderheit hatte Graf Ludwig von Gleichen etliche Male gegen die Ungläubigen tapfer gefochten. Als er nun aber einstmals aus Ptolemais mit wenigen Soldaten und Bedienten spazieren geritten, soll er durch eine starke streifende Rotte mit zwei vertrauten Dienern aufgefangen und den Soldaten in Aegypten nach Alkair zugeführt worden sein, welches jedoch auch noch auf eine andere Art erzählt wird.

Weil er nun aber den barbarischen Sarazenen seinen Stand nicht offenbaren, sondern lieber gleich andern gemeinen Gefangenen sein Ungemach mit Geduld überstehen wollen, ist er auch ihnen gleich gehalten und mit schwerer, fast unerträglicher Dienstbarkeit belegt worden. Es hat sich aber des Sultans Melechsala (Andere setzen dafür einen andern sarazenischen Herrn) einzige Tochter in diesen Grafen verliebt, als sie gewahr geworden, daß er Alles mit sonderbarer Geschicklichkeit emsig verrichtete. Im Spazierengehen soll sie ihm öfter zugesehen und in der Arbeit etliche Male mit freigebiger Hand geholfen und sein Joch mit ihrem freundlichen Zusprechen merklich gelindert haben.

Nachdem sie nun aber von einem Bedienten des Grafen, der auch gefangen war, erfahren, daß dieser Herr, welchen sie so oft wegen seiner Geschicklichkeit und Schönheit bewundert, ein vornehmer deutscher Graf sei, hat sie unterschiedliche Jahre hindurch vertrauliche Kundschaft mit ihm gemacht, auch sich endlich so weit gegen ihn herausgelassen, daß, wofern er sie zur Ehe nehmen, friedlich mit ihr leben und solches mit einem theuren Eide bekräftigen wolle, wäre sie gesonnen, ihn nicht allein von der schweren Dienstbarkeit zu erlösen, sondern ihm auch einen solchen Schatz zum Heirathsgut zuzuwenden, daß er dabei seinen Stand rittermäßig führen könnte.

Ob nun wohl dem Grafen seine Freiheit, welche höher als Gold zu schätzen ist, sehr lieb war, so konnte er doch nicht bergen, daß er zu Hause bei seinem Abzuge eine Gemahlin mit zwei Kindern verlassen, auch unter den Christen der Gebrauch nicht sei, mehr als eine Gemahlin zu haben. Weil aber die Prinzessin inständig um seine Erklärung bat, damit sie nicht in ihrer Liebe verrathen würde, so sagte ihr Graf Ludwig die Ehe eidlich zu, und gab ihr zu verstehen, er müsse aus der Noth eine Tugend machen. Und da durch Gottes Hilfe und ihren Vorschub er seines Elends entnommen und auf freien Fuß gestellt werden solle, wäre er gesonnen, dem Papste diesen Fall vorzutragen, an dessen Dispensation oder Zulassung er ebensowenig als an seiner Gemahlin Einwilligung zweifeln wolle.

Hierauf soll im Geheim ein Schiff auf Venedig durch treue Bedienten bestellt worden sein, allwo beide sammt einigen vertrauten Dienern mit gutem[416] Glücke in wenig Tagen ankommen, sich bald nach Rom begeben, die Sache bekannt gemacht, die Dispensation gesucht und solche auch vom Papste Gregorio IX. erhalten haben. Daraus reisten beide wieder nach Venedig, wohin Graf Ludwig einen Bedienten von Gleichen verschrieb, bei welchem er sich nach dem Zustande seines Landes und seiner Gemahlin erkundigte, auch durch selbigen seiner Gemahlin seine Ankunft und wunderbare Erlösung eröffnete. Von dem Papste hatte er Zeugnisse über seine Dispensation und auch wegen der Taufe seiner Erlöserin und andern Gemahlin, mit welchen er die Zulassung der zweiten Ehe bekräftigt und bezeugt hat. Nach diesen Verrichtungen reisten sie durch Italien über das Gebirge durch Baiern und Franken nach Thüringen. Als sie noch zwei Tagereisen von dem Schlosse Gleichen waren, ging Graf Ludwig voraus und ließ die sarazenische Prinzessin nachführen, damit er sich vorher mit seiner ersten Gemahlin dieser Sache halber unterreden und Anstalten zu ihrer Bewillkommnung machen könnte. Er eilte fort und fand seinen Hof, welchen er seit vierzehn Jahren nicht gesehen, noch ganz betrübt, wurde aber von seiner Gemahlin erkannt und mit unglaublicher Freudenbezeigung empfangen.

Diese glückliche Ankunft ist bald im ganzen Lande erschollen, da denn sowohl seine Räthe und Bedienten, Vasallen und vornehme Unterthanen, auch viele benachbarte vornehme Grafen und Herren nach Gleichen geeilt und diesen Herrn beglückwünscht haben. Seine Gemahlin aber, sobald sie ausführlich vernommen, daß die sarazenische Prinzessin ihren werthen Gemahl aus solcher schweren Dienstbarkeit und Lebensgefahr wunderbar errettet habe und die Ursache sei, daß er durch Gottes Beistand sein Vaterland wieder ansichtig worden, willigte von Herzen gern in die andere Verehelichung und fuhr auch der Prinzessin entgegen, ihr für die Liebe und erwiesene Gütigkeit zu danken. Solchergestalt geschah die Einholung derselben mit großer Vergnügung und wurde selbige mit großer Pracht in das Schloß Gleichen geführt. Der Ort aber unter dem Schlosse Gleichen, woselbst die Gräfin, Graf Ludwig und die Prinzessin Anno 1249 zuerst zusammenkamen, wird daher das Freudenthal genannt, unter welchem Namen auch bis in die neuere Zeit ein Haus daselbst gestanden hat.

Die Sponde oder das Schlafbett, dessen sich hernach diese drei Eheleute mit einander bedient, wurde noch zu Anfange dieses Jahrhunderts auf dem Schlosse Gleichen in der sogenannten Junkerkammer in ziemlicher Größe, von dicken starken Stollen, rundem gewölbten Himmel oder Decke, grün angestrichen in alter Manier, wiewohl ziemlich baufällig, als eine sehenswürdige Antiquität den Besuchern gezeigt. Ebenso ward der Türkenbund, den besagte Sarazenin ihrer gewöhnlichen Landesart nach auf dem Haupte zu tragen pflegte und außer demselben ein goldenes Kreuz, so sie mit sich in dieses Land gebracht, auf dem Hause Tonna in dem Archive daselbst verwahrt.

Diese Stücke wollen zu Anfange des vorigen Jahrhunderts Einige noch in der Grafschaft Spiegelberg gesehen haben. Es soll auch ein sehr kostbarer von ihr herrührender Ring nach Aussterben der Gräflich Gleichischen Familie an das berühmte Schenkische Geschlecht gekommen und endlich zu Jena an einen Juden für eine namhafte Summe Geldes verkauft worden sein. Ueberdies ward auch der Weg, durch welchen man zu dem Schlosse Gleichen den Berg hinauf fährt, welchen diese Sarazenin erst räumen, ausführen und[417] mit großen Steinen hatte pflastern lassen, für immer der Türkenweg genannt. In Michael Saxe's, weiland Hofpredigers zu Tonna, Bericht von den Grafen zu Gleichen findet man, wie eine allgemeine Sage sei, daß die königliche Prinzessin denselben habe machen lassen, aus Erbarmen, weil sie gesehen, wie übel und elend die armen Leute in diesem bösen, tiefen, gefährlichen Wege sich gemartert haben. Wie ingleichen der Ort, wo sie von ihrem geliebten Herrn und dessen erster Gemahlin bei ihrer ersten Ankunft auf- und angenommen worden, ganz nahe vor dem Schlosse unter einer Linde gezeigt wird. In dem eben erwähnten Berichte steht auch, wie vor Alters auf dem Schlosse Gleichen ein Teppich gewesen, darauf ihre Ankunft in Thüringen mit Kameelen und anderer seltsamen Rüstung abgemalt gewesen, sammt ihrer und vieler Fürsten und Könige Wappen, aber als solcher abgemalt, sei er durch untreue Diener entwendet worden. Letzteres ist jedoch nicht wahr, sondern es befand sich vielmehr derselbe noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in dem burggräflich Kirchbergischen Schlosse zu Farrenroda unweit der Stadt Eisenach, wohin er mit anderem Heirathsgute von Gleichen aus gekommen war. Es war derselbe aber in acht verschiedene Felder getheilt. In dem ersten sieht man, wie der Graf von seiner Gemahlin Anno 1227 Abschied nimmt und seine Kinder segnet; in dem andern steht sein ganzer Feldzug ordentlich entworfen; das dritte zeigt, wie er unweit der Stadt Ptolemais, wo er Commandant gewesen, von den Sarazenen gefangen und in Ketten geschlossen und fortgeschleppt wird; in dem vierten steht, wie die sarazenische Prinzessin den Grafen bei seiner harten Feldarbeit gewahr wird und sich mit ihm unterredet; in dem fünften sieht man den Abschied aus dem Lande seiner Drangsale, wie sie mit einander zu Schiffe eilen; in dem sechsten, wie seiner ersten Gemahlin die Ankunft durch ein Schreiben kundgethan wird; das siebente stellt des Papstes Dispensation vor, nach welcher die Taufe und Trauung geschehen; endlich wird in der achten der Einzug in das Schloß Gleichen vorgestellt, wo die Sarazenin von der ersten Gemahlin empfangen wird.

Es sollen aber diese drei Eheleute mit einander sehr friedlich gelebt und gegen einander innige Liebe bezeugt haben, und obwohl die Sarazenin sehr schöner Gestalt gewesen, hat doch der Graf keine Kinder mit ihr erzeugt. Sie hat aber nichts desto weniger der ersten Gemahlin Kinder also geliebt und gepfleget, als wären sie ihr eigen, wodurch denn der eheliche Frieden beständig erhalten worden ist.

Etliche Scribenten erzählen jedoch diese Begebenheit etwas anders, und zwar, daß Graf Ludwig von Gleichen in einem harten Scharmützel mit den Sarazenen bei Ptolemais gefangen und nebst andern in einem vergitterten Thurm zu Alkair, darauf er sich gleichwohl hat umsehen können, verwahret worden sei. Da ihn nun des Sultans Tochter im Vorübergehen gesehen, daß er eine schöne ansehnliche Person sei, und vernommen habe, daß er hohen Stammes und gräflicher Abkunft wäre, habe sie eine herzliche Liebe auf ihn geworfen. Als nun der Sultan einst mit seinen vornehmsten Hofleuten ein Freudenmahl gehalten, sei die Tochter wohlgeputzt zum Vater in das Gemach getreten, habe einen demüthigen Fußfall gethan und dem Vater angelegen, ihr eine Bitte nicht zu versagen; nachdem nun der Vater, welcher die Tochter sehr geliebt, ihr solche gewähren zu wollen erklärt, habe sie den Grafen losgebeten und zu einem ehelichen Gemahl begehrt. Der Vater, ob er wohl[418] darüber bestürzt gewesen, habe dennoch seine Zusage nicht zurückziehen wollen, sondern ihr Beides eingewilligt, die Tochter reichlich begabt und mit ihrem neuen Ehemanne, dem Grafen, stattlich aus seinem Lande nach Venedig begleiten lassen.

Auf dem Petersberge zu Erfurt und zwar in dem Münster oder der Klosterkirche zu St. Peter liegen nach der Sage gedachte drei Personen vor dem sogenannten Gleichischen Altare begraben; ihre Bildnisse sollen auf dem erhabenen Steine ausgehauen sein, welcher das Grab bedeckt und sich seit dem Jahre 1813 im Dom zu Erfurt befindet. In der Mitte soll Graf Ludwig, zur Rechten die sarazenische königliche Prinzessin mit einer Krone auf dem Haupte, welche ihn aus der Gefangenschaft befreit, und zur Linken die erste Gemahlin, so eine Gräfin von Kefernburg gewesen, sein. Unten auf dem Grabmale sieht man die Zahl 1227, welches das Jahr, in welchem er aus Thüringen soll abgereist sein, wie die alten Chroniken beglaubigen. Wann dieser Graf Ludwig gestorben sei, findet man nirgends angegeben, außer in einem alten Manuscripte, daß zuerst die Sarazenin, dann die Gräfin von Kefernburg im hohen Alter verstorben, endlich sei auch Graf Ludwig im 60. Jahre seines Alters 1264 aus dieser Welt abgeschieden.

Das Portrait der sarazenischen Prinzessin, freilich aus weit späterer Zeit, befand sich früher in der Kunstkammer auf dem sachsen-gothaischen Schlosse Friedenstein. Sie hat darauf einen weißen Türkenbund auf dem Haupte, darüber aber einen weißen, eine halbe Elle hohen spitzigen Hut mit Gold und Perlen besetzt, daran ein weißer Flor hinten herabhängt; es ist dies ohne Zweifel eine von den Arracins oder runden Hauben von geblümtem Silberstück, die so spitzig wie ein Zuckerhut und in einen feinen weißen durchscheinenden Flor eingewickelt sind, welches dereinst die Hauptkopfbedeckung der Frauen in der Türkei war. Ihre gelben (blonden) Haare sind über der Stirne von dem Scheitel zu beiden Seiten bis über die Ohren nach türkischer Manier zierlich gefaltet, und hinten im Nacken in einen Knopf zusammengebunden. An jedwedem Ohre hängt eine schöne lange Perle. Um den Hals hat sie ein rothes Bändchen, daran vorn ein halber Mond mit einem doppelten goldenen Kettchen festgemacht ist. Ihr Oberrock ist um den Hals bis an die Brust mit Zobel verbrämt und es liegt sowohl das Leibstück als der Aermel sehr fest an, blond von Farbe mit goldenen Streifen und sowohl vorn herunter als am Aermel mit Edelsteinen und Zahlperlen reichlich besetzt. Von den Schultern bis an den Gürtel und etwas weiter hat sie ein Kamisol von blauem Atlas, mit Baumwolle ziemlich dick gefüttert, welches nur mit einem Knopfe, der oberhalb der Brust angeheftet ist, obenhin zugemacht wird, im Uebrigen ist es um den Gürtel ziemlich eng und hat auch enge Aermel, welche nur bis an den halben Arm gehen, von wo sich das Uebrige der weiten Hemdärmel bis zu den Händen artig hervorthut. Von dem Gürtel aber bis auf die Schenkel ist Alles auf eine sehr niedliche Weise gefältelt. Die Prinzessin ist aber nicht weiter gemalt, als bis an den halben Arm, so daß man also von der übrigen Kleidung nichts sieht.

Außer diesem Gemälde gab es aber früher noch einige andere; auf diesen wird sie in einem weiten Oberkleide von weißer Farbe, mit rothen golddurchwirkten Streifen, welches oben um den Hals enge zugeht und daselbst wie auch vorn herunter besetzt ist, dargestellt; über der Stirne und an jedem[419] Ohre hängt eine große Perle. Die Haare sind über der Stirne über einander geschlungen, über beiden Ohren befinden sich gekräuselte kurze Locken und noch andere Zierrathen, welche weiter über den Rücken hinabhängen und unter dem Hute geht ein weißes Tuch darüber. Der Hut steht auf einem weißen Häublein mit Spitzen, ist gut eine Hand hoch und ebensowohl wie das hinten herabhängende Tuch weiß mit rothen Streifen. Der Mantel ist über den linken Arm herabgeschlagen und mit Zobel verbrämt. Allein schon zu Anfange des vorigen Jahrhunderts hielten alle Kenner diese Gemälde nicht für ächt.

Diese ganze Historie ist aber durch Nicolaus Rothen von Altenburg in einer Comödie gar artig vorgestellt und auf Herzog Friedrich Wilhelms Administrators von Chursachsen anderer Heirath mit der Pfalzgräfin bei Rhein, Anna Maria (mit welcher gedachter Herzog Anno 1591 zu Neuburg an der Donau Beilager gehalten am 29. Augustus und am 20. September zu Weimar ankam), im Jahre 1591 zu Weimar gespielt worden. Nicht weniger hat auch Friedrich Hermann Flayder über diese Begebenheit eine lateinische Comödie verfertigt, so in dem Collegium illustre zu Tübingen den 25. August 1625 gehalten und in demselben Jahre noch allda unter dem Titel »Ludovicus Ligamus« im Druck erschienen ist. Hieraus erhellt, daß bis zu jener Zeit Niemand an der Wahrheit dieser Erzählung gezweifelt hat.

In späterer Zeit hat sich jedoch herausgestellt, daß alle für dieselbe vorgebrachten Beweise die Kritik in keinerlei Weise aushalten. Placidus Muth, der letzte Prälat des Petersklosters zu Erfurt, hat die genauesten Nachsuchungen in den päpstlichen Archiven zu Rom anstellen lassen, um ein Breve zu finden, in welchem der Papst die Erlaubniß zur Doppelehe dem Grafen von Gleichen ertheilt habe, allein nicht die geringste Nachricht, daß je ein Papst in solcher Weise dispensirt habe, hat sich gefunden. Ebenso schweigen alle gleichzeitigen Chronisten über die Anwesenheit eines Grafen von Gleichen bei dem Kreuzzuge, welchen Ludwig der Heilige mit dem Kaiser Friedrich II. unternahm. In einer noch ungedruckten Reinhardsbrunner Chronik werden alle Grafen und Edelleute im Gefolge des Landgrafen genannt, aber man findet darunter keinen Grafen von Gleichen. Ebensowenig gedenkt Kaiser Friedrich II. in seiner den Reichsständen unter dem 18. März ertheilten Nachricht von dem Erfolge seines Zuges in das gelobte Land mit keiner Sylbe eines Grafen von Gleichen. Sogar über den Namen des Grafen ist man in Ungewißheit, denn man weiß nicht, ob er Ernst oder Ludwig geheißen, ja man kann nicht einmal darthun, ob ein Graf dieses Namens das Schloß zu der Zeit, wo Kaiser Friedrich den Kreuzzug unternahm, in Besitz gehabt habe. Ebensowenig stimmen die Angaben über den Namen sowohl der ersten Gemahlin des Grafen als auch der Sarazenin überein, und darum wird die Sage immer verdächtiger. Man hat demnach als einzigen Stützpunkt immer noch den bereits erwähnten Grabstein angesehen. Allein als man denselben im Jahre 1813 aufhob, um ihn in den Dom zu versetzen und in der Erde nachgrub, fand man in geringer Tiefe sechs Todtenköpfe und mehrere Knochen und bei weiterer Nachsuchung Stücke von einem bretternen Sarg und Gebeine von vorzüglicher Größe und in natürlicher Lage. Alle diese gut erhaltenen Gebeine wurden zu Skeletten zusammengesetzt, unter welchen das männliche eine Länge von 7 Fuß erreichte. Die andern Knochen erwiesen sich als weibliche[420] und ein Kopf konnte in seiner Bildung sogar als asiatisch gelten. Folglich nahm man an, daß dies wirklich das Grab des zweibeweibten Grafen von Gleichen sei. Genaue Untersuchungen über dieses Monument haben es jedoch außer allen Zweifel gesetzt, daß unter ihm Graf Sigismund I. von Gleichen mit seinen beiden Gemahlinnen Agnes Gräfin von Querfurt und Katharina Gräfin von Schwarzburg ruht. Da für Namen und Sterbejahr auf dem Steine kein Platz war, so hing man vor dem Chor der Peterskirche dem Grabe gerade gegenüber einen hölzernen runden Schild auf, dessen Inschrift, soweit sie noch leserlich, ist:


Anno domini 1494 uff Sonnabent vor Letare

ist verschidn der Edel Wolgeborn Her

Sigmund Graff zu Gleichen und Her.


Der Chronist des Petersklosters, Nicolaus von Syghen, schildert diesen Graf Sigismund als einen Mann von kolossaler Größe und unerschütterlicher Tapferkeit, wie es kaum einen ähnlichen in Thüringen gegeben, und es kann daher wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß das große, sieben Fuß lange männliche Skelett ihm angehört und die weiblichen Gebeine die seiner beiden Frauen sind. Dieser Graf Sigismund ist jedoch nicht mit einem früheren ebenfalls zweifelhaften Sigismund zu verwechseln. Derselbe wäre, wie einige Schriftsteller erzählen, der Sohn eben jenes oben erwähnten Ludwigs von Gleichen gewesen und hätte vielfach mit der Stadt Erfurt in Fehden gelebt. Er wird in der Sage wegen seines unruhigen Kopfes Ludwig der Wunderliche genannt und heißt auch darum, weil er sein eigenes Schloß und Haus Schwabhausen, auch andere Oerter in Brand gesteckt haben soll, der Thüringer Teufel. Sein Sohn soll Ludwig der Hoffärthige oder der Siebente gewesen sein, der Landgraf Albrecht dem Unartigen in Thüringen gegen seine Söhne Friedrich mit der gebissenen Wange und Dietzmann beistand.

Eine sonderbare Erscheinung ist es, daß man einen altfranzösischen Roman entdeckt hat, in dem die Geschichte eines französischen Ritters Gilion de Trasignyes und seiner Gemahlin Maria enthalten ist (herausgegeben nach der einzigen zu Jena befindlichen Handschrift von Dr. O.L.B. Wolf im Jahre 1839). Dieselbe stimmt genau mit der Sage vom Grafen von Gleichen und es wäre wohl möglich, daß diese abenteuerliche Geschichte in Liedern verbreitet ward und so auch nach Thüringen kam, da ja, wie nicht zu bestreiten ist, mehrere Grafen von Gleichen, wie Graf Hermann 1344, Graf Ludwig 1461 mit dem Herzog Wilhelm von Sachsen in das gelobte Land zogen und auch Graf Sigismund I. die nämliche Absicht hegte, aber auf dem Wege dahin andern Sinnes ward.

562

Nach Melissantes, Curieuse Beschreibung von Bergschlössern in Deutschland. Frankfurt u. Leipzig 1713. S. 16. etc. Eine Zusammenstellung aller hierauf bezüglichen Stellen giebt Hofrath Hesse in der Jenaischen Allg. Lit. Z. 1837 No. 38 sq. und im Serapeum Bd. XXV. S. 113 sq.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 415-421.
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