804. Gervin von Volmestein und die Stiftung des Klosters Waldsassen.925

[755] Im Jahre 1124 war der junge Gervin von Volmestein aus seiner väterlichen Burg gezogen, um Abenteuer aufzusuchen und sich den Ritterschlag zu verdienen. Lange hörte sein greiser, früh verwittweter Vater, der alte Ritter Gerhard von Volmestein nichts von ihm und schon machte er sich Sorgen, daß sein einziger Sohn verunglückt sein könne, da brachten endlich vorüberziehende Ritter die Nachricht von ihm, er ziehe mit seinem Busenfreunde, dem Markgrafen Diepolt von Vohburg, am Rheine und in Frankreich herum und habe sich überall durch seine Tapferkeit im ritterlichen Spiel und ernster Fehde vielfachen Ruhm erworben, jetzt aber hätten sich Beide mit dem Herzoge Friedrich von Schwaben und dessen Bruder Conrad von Franken gegen den Kaiser Lothar I. vereinigt. Kaum war diese Nachricht gekommen, so ward der alte Ritter krank und starb. Nun vergingen mehrere Jahre und es kam abermals keine Kunde von dem jungen Ritter. Da kam eines Nachmittags im Frühling des Jahres 1135 ein Ritter von einem einzigen Knappen begleitet den Hohlweg zwischen den hohen Felsen, welcher gen Volmestein hinaufführt, geritten. Der Ritter war ein schöner kräftiger Mann, aber sein Aussehen verrieth, daß ein großer Kummer an ihm nage, der Knappe dagegen war ein schlanker, fast mädchenhaft aussehender Knabe, der sonderbarer Weise für nichts Sinn zu haben schien als für seinen Herrn. Als sie an das Thor der Burg kamen, begehrten sie Einlaß, und als der Burgwart[755] nach dem Namen des Ankömmlings fragte, da gab sich der Ritter als den in weiter Ferne geglaubten jungen Herrn zu erkennen. Zwar wunderten sich alle seine Diener, daß er so traurig und bekümmert aussähe, allein sie schrieben die Ursache seinem Schmerz über den Tod seines Vaters zu und wagten weiter keine Frage zu thun. Indeß wich diese trübe Stimmung nicht von dem Ritter, derselbe verschloß sich Tage lang in sein Gemach oder strich durch die dichten Wälder der Gegend oder saß auf den hohen Felsen der Ruhr und blickte Stunden lang in die Berge hinein, ohne ein Wort zu sprechen. Zwar sprach mancher Ritter aus der Nachbarschaft auf seiner Burg ein und versuchte ihm durch heiteres Gespräch ein freundliches Lächeln abzugewinnen oder durch Spiel und beim Becher zu zerstreuen; Alles war umsonst, der Ritter blieb verschlossen und in sich gekehrt. Die Burg Volmestein glich jetzt mehr einem Mönchskloster als einem Ritterschlosse.

Da nahete sich eines Tages, als der Frühling wieder gekommen war, ein fröhlicher und glänzender Zug von Rittern und Damen und Edelknappen und Zofen auf muthigen Rossen der Burg Volmestein; allen voraus aber ritten ein Ritter in glänzender goldener Rüstung und eine Dame in prächtigen seidenen Gewändern, und als sie vor dem Burgthore hielten und Einlaß begehrten, da rief ihnen der Thorwart zu, sein Herr sei für Niemand zu sprechen. Allein dadurch ließen sie sich nicht abweisen, sondern der Ritter rief mit lauter Stimme, man möge es dem Burgherrn melden, sein bester Freund, der Markgraf Diepolt von Vohburg mit seiner Gemahlin Constantia und ihrem Gefolge sei gekommen, um ihn zu besuchen. Als aber dem Ritter diese Nachricht gebracht ward, da erschrack er bis zum Tode und auch sein junger Knappe war wie vom Donner gerührt, allein das half Alles nichts, er mußte seinem Besuche entgegengehen und ihnen ein fröhliches Gesicht zeigen.

Kaum hatte ihn aber der Markgraf erblickt, so sprang er auch vom Rosse, umarmte ihn und sagte, er habe es nicht länger vor Sehnsucht nach ihm aushalten können und sobald der Herzog Conrad sich in Bamberg mit dem Kaiser versöhnt habe, habe er sich von seinem Schlosse aufgemacht, um ihm seine Gemahlin, die er sich aus Italien mitgebracht, vorzustellen. Und auch die Markgräfin trat auf ihn zu, bot ihm ihre Hand und bat ihn um seine Gastfreundschaft. Was konnte er also anders thun als sie Beide herzlich willkommen heißen. Unter dem Gefolge der Markgräfin aber befand sich ein junger Page, der sich dreist hinter seiner Herrin herdrängte und dem die Aufmerksamkeit, welche dieselbe dem Burgherrn schenkte, nicht sehr zu behagen schien.

Leben und Freude kehrten mit den Fremden in die Burg Volmestein ein, dieselbe schien wie umgewandelt, denn vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hörte man jetzt nichts als Musik und den fröhlichen Jubel der Zechenden. Bald wurden große Jagden in den weitläufigen Forsten des Schlosses, bald kleine Turniere in dem Burghofe, bald Lustritte zu den Schlössern der nahewohnenden Ritter unternommen, und in dem Fröhlichsten von allen erkannte Niemand den sonst so stillen Gervin von Volmestein wieder. An die Stelle seiner bisherigen Niedergeschlagenheit trat jetzt eine ebenso ausgelassene Lustigkeit, so daß ein neues Leben in seine Adern eingezogen zu sein schien. Desto bleicher und stiller und kummervoller aber ward der Knappe, ja oft fielen heiße Thränen aus seinen Augen auf seine bleichen Wangen.[756]

So saß denn eines Abends nach einer anstrengenden Jagd der Ritter erschöpft in seinem Schlafgemache und hing seinen Gedanken nach, da sagte ihm auf einmal ein Geräusch an seiner Seite, daß er nicht mehr allein sei und so sah er denn plötzlich seinen Knappen neben sich stehen. Die Züge desselben waren verstört und jetzt fiel auf einmal dem Ritter die Verwandlung in dem Aussehen desselben auf und da er ihm sehr werth war, weil er stets mit der unerschütterlichsten Treue an ihm gehangen hatte, seitdem er ihn aus dem Frankenlande mitgebracht hatte, so drängte es ihn jetzt die Ursache des Kummers seines treuen Dieners zu erfahren. Er frug ihn daher, was ihm fehle und als der Knabe sich weigerte es ihm zu gestehen, so befahl er ihm bei seiner Ungnade die Wahrheit zu bekennen. Da sagte denn der Knappe, sein Kummer sei lediglich daraus entstanden, weil er sehe, daß er, sein Herr, sich einer unwürdigen Leidenschaft hingebe, denn er werde nicht leugnen können, daß er die Gemahlin seines Freundes liebe, diese aber sei seiner Neigung, so verbrecherisch dieselbe an sich schon sei, nicht einmal werth, er könne beweisen, daß sie ihren Gatten auf die schnödeste Weise hintergehe, indem sie ein unsittliches Verhältniß mit ihrem eigenen Pagen unterhalte. Der Ritter wollte nun zwar Letzteres nicht glauben, allein daß er selbst von Liebe zu der schönen Italienerin entbrannt sei, konnte er nicht leugnen, denn der Knappe wußte ja längst, daß er dieselbe früher schon bei der Krönung Conrads in Mailand gesehen, sich in sie verliebt hatte und von ihr verschmäht worden war, weil sie ihm seinen Freund, den schönen Markgrafen von Vohburg vorzog. Dies war auch der Grund gewesen, warum er denselben so plötzlich verlassen hatte und weshalb er bis zu dem Wiedersehen der schönen Frau sich niemals wieder über ihren Verlust hatte trösten können. Als nun aber der Knappe dabei blieb, daß die Gleißnerin ebenso falsch gegen ihren Gatten als gegen ihn sei und ihm Gelegenheit gab, geheimer Zeuge ihrer Buhlschaft mit ihrem Pagen zu sein, da beschloß er sich an der Treulosen zu rächen und dem verrathenen Gatten die Augen zu öffnen.

Für den folgenden Tag war ein Turnier zu Dortmund angesetzt, zu dem alle Ritter der Nachbarschaft eingeladen waren, also natürlich auch Gervin von Volmestein und sein Gast der Markgraf. Sie hatten sich vorher schon verabredet, in einfacher Rüstung hinzureiten, um unerkannt zu kämpfen. Dabei blieb es auch, als der Morgen anbrach, machten sich Beide vollständig gewappnet auf den Weg, nur von zwei Knappen begleitet, unter denen sich aber der Leibknappe Volmesteins nicht befand, der war die Nacht vorher plötzlich in heftigen Fieberwahnsinn gefallen. Mit der frohesten Laune von der Welt ritten Beide fort, allmälig aber ward der Ritter von Volmestein immer ernster, stiller und einsilbiger und so waren sie denn der Ruhr entlang bis ohngefähr eine Viertelstunde weit von dem Damenstift Herdecke gekommen. Da schlug Volmestein seinem Freunde vor, sie wollten einen etwas weiteren, aber anmuthigeren Weg durch den Forst reiten, ihre Knechte aber möchten nur auf der Landstraße fortziehen und in der Herberge beim Stifte wieder mit ihnen zusammentreffen. Natürlich ging der Markgraf auf diesen Vorschlag ein und so ritten sie denn langsam mit einander in das Gebüsch hinein. Als sie eine kurze Zeit schweigend neben einander geritten waren, hielt Volmestein auf einmal still und sprach zu seinem Freunde, er[757] möge ihm einige Augenblicke Gehör schenken, er habe ihm etwas mitzutheilen. Hierauf erzählte er ihm mit bebender Stimme, wie er seine Gemahlin schon in Italien geliebt, aber natürlich zurückgetreten sei, als er gesehen, wie sie scheinbar ihn, den Markgrafen, vorgezogen habe. Später sei es ihm aber doch vorgekommen, trotzdem daß sie seine Gattin geworden sei, als wenn ihr Auge zuweilen liebevoll und sehnsüchtig auf ihm ruhe, er habe dem aufmunternden Blicke nicht widerstehen können, habe sich ihr unbemerkt von ihm genähert und seine Gemahlin habe ihm zu verstehen gegeben, daß ihr Herz eigentlich ihm gehöre. Da habe ihn der Böse verblendet, er habe vergessen, daß er seinem besten Freunde die Treue breche, er habe sich von der Leidenschaft hinreißen lassen und so hätten sie Beide ihn schmählich betrogen. Nach geschehener That habe er aber sein Verbrechen bitter bereut und beschlossen, die schöne Sünderin nie wieder zu sehen, habe also Italien und seinen betrogenen Freund unter einem nichtigen Vorwande verlassen und sei nach Deutschland zurückgekehrt, in der Hoffnung, daß er Beide niemals wiedersehen werde. Da habe das Unglück es gefügt, daß es dem Markgrafen eingefallen sei, ihn auf seiner väterlichen Burg zu besuchen, durch das Wiedersehen und Entgegenkommen seiner treulosen Gemahlin seien alle seine guten Vorsätze umgestoßen worden, er habe abermals sein Vertrauen getäuscht und komme mit dem offenen Geständniß seiner Schuld und der Bitte, sich nach freier Wahl an ihm rächen zu wollen, doch könne er ihm die Nachricht nicht vorenthalten, daß er nicht der einzige sei, um dessen willen ihn sein Weib betrogen habe, er könne ihm den Beweis liefern, daß sie eine Verworfene sei und täglich mit ihrem Pagen buhle und seiner Liebe spotte.

Da entgegnete ihm der Markgraf, er sei ein schändlicher Verräther, dessen Schuld sicher nicht geringer werde, weil auch seine Gattin eine Verworfene sei; er wolle jedoch sein Leben ohne Vertheidigung als Sühne nehmen, ein Gottesurtheil gleich auf dieser Stelle hier solle entscheiden und Gott selbst zwischen ihnen richten. Damit faßte er seine Lanze, legte sie ein, ritt einige Schritte zurück und stürmte dann mit furchtbarer Wuth auf seinen Gegner ein. Dieser aber in der Absicht, sich nicht zu vertheidigen und sein Leben als Sühnopfer hinzugeben, nahm seine Lanze in den Arm und sandte ihre Spitze in horizontale Richtung. Aber gerade dies war das Verderben des Markgrafen. Denn blind sprengte dieser heran und während seine Lanze auf dem Harnisch des Ritters zerschellte, drang dessen still vorgehaltener Speer durch das Visir seines Helmes, zerbrach dieses und fuhr gerade neben dem linken Auge ihm tief in die Stirne hinein. Mit einem Schrei glitt er vom Pferde und stürzte zu Boden und rauschendes Blut strömte hervor aus der tiefen, klaffenden Wunde. Noch einige Male zuckte er schwer zusammen, röchelte und dann blieb er ohne Bewegung und ohne einen Laut von sich zu geben liegen. Bis dahin wußte der Ritter von Volmestein kaum, was geschehen war, als er aber jetzt seinen Freund scheinbar leblos vor sich auf dem Grase hingestreckt liegen sah, da dachte er an nichts als an ihre frühere Freundschaft, er sprang vom Rosse, warf sich über ihn und versuchte ihn in's Leben zurückzurufen. Allein keine Spur von Leben war mehr in ihm, die Augen waren geschlossen, die Hände krampfhaft wie im Todeskampfe zusammengeklemmt, die Lippen unbeweglich, kein Athemzug hörbar, nur ein Strom schwarzen Blutes rann über das todtbleiche Antlitz des Gefallenen[758] herab. Da ergriff ihn Verzweiflung, er warf sich auf sein Pferd und jagte nach dem Stifte Herdecke zu; dort in der Herberge angekommen, rief er den Knechten athemlos zu: »Eilt zu Euerem Herrn, dort links im Walde liegt er in seinem Blute, er ist todt und ich bin sein Mörder!« Damit drückte er seinem schäumenden Rosse die Sporen in die Seiten und sprengte davon, tief in die Gebirge hinein.

Die Knechte eilten nach der bezeichneten Stelle und fanden ihren Herrn leblos und mit Blut überströmt ausgestreckt im Grase liegen, der Körper war noch warm, allein Athem und Leben waren fort. Die Diener versuchten gleichwohl Alles, um zu sehen, ob nicht das Leben zurückzurufen sei. Sie entkleideten ihn, wuschen seine Wunde mit frischem Quellwasser und rieben seine Glieder, allein nichts vermochte ihm das entschwundene Leben wieder einzuhauchen. Endlich aber, als sie ihn auf sein Pferd luden, um ihn nach Volmestein zurückzuführen, wand sich langsam ein tiefer Seufzer aus der schon erstorbenen Brust. Bald darauf schlug der Todtgeglaubte sogar die Augen auf und ob er sie gleich sofort wieder schloß, so war doch in die Knechte neuer Muth gekommen. Sie begannen ihre Belebungsversuche von Neuem, tröpfelten ihm etwas Wein, den sie bei sich führten, auf die Zunge und beschlossen, ihn statt nach Volmestein lieber in das Kloster Herdecke zu schaffen, wo er einer besseren Pflege als auf der Burg genießen könnte. Sie hieben also Zweige von den Bäumen, fertigten daraus eine Tragbahre und trugen ihn nach dem Kloster Herdecke, wo sie ihn der Pflege einer in der Heilung erfahrenen Nonne übergaben, welche die Wunde untersuchte und nicht für unbedingt tödtlich erklärte. Gleich am folgenden Tage langte seine Gemahlin vom Schlosse Volmestein an, sie ward natürlich zu ihm gelassen, allein er gab durch so unzweideutige Zeichen zu verstehen, daß er sie nicht sehen wolle, daß sie sich entfernte und bald darauf, den Zusammenhang ahnend, in Begleitung des Pagen Deutschland verließ und in ihr Vaterland Italien zurückkehrte.

Nach Verlauf eines Vierteljahres war der Markgraf so weit hergestellt, daß er ohne Gefahr die Rückreise in sein Vaterland antreten konnte. Er schied unter reichen Geschenken von den braven Pflegerinnen, allein über die Ursache seiner Verwundung ließ er sich auch bis zum letzten Augenblick nicht aus. Ueberhaupt war sein ganzes Wesen gänzlich verändert, er sprach mit Niemandem mehr als die äußerste Nothwendigkeit verlangte und zog sich in seinem Schlosse zu Eger angelangt gänzlich von allem Umgange mit Menschen ab. Das Einzige, was er mit Eifer betrieb, war, seine Scheidung von seiner treulosen Gattin vom Papste zu erlangen, was ihm denn auch durch bedeutende Geldopfer gelang.

Das Fieber des Edelknappen Volmesteins war um vieles schlimmer geworden, als die Nachricht von dem Kampfe und der Flucht seines Herrn bis zu ihm gedrungen war, allein seine Jugendkraft rettete ihn und so kam er wieder auf. Er entfernte sich aber sofort nach seiner Genesung aus dem Schlosse unter dem Vorwande, seinen Herrn aufsuchen zu wollen. Am nächsten Tage erschien aber an der Pforte des Klosters zu Herdecke eine fremde, von tiefem Grame gebeugte Jungfrau. Sie bat um Einlaß und um die Barmherzigkeit, ihr Leben in den stillen Mauern beschließen zu dürfen. Beides ward ihr gewährt, allein nach Jahresfrist hatte der Gram ihr Herz getödtet.[759]

An einem Sommerabende des Jahres 1136 pochte ein Wanderer an die Pforte des Klosters Siegburg und verlangte den Abt zu sprechen. Als derselbe ihn vor sich ließ, bat er ihn, er möge ihm erlauben in sein Kloster zu treten und hier seine Sünden zu büßen, denn er sei ein schwerer Verbrecher, er bitte auch, daß ihm gestattet werden möge, seinen Namen und sein Verbrechen zu verschweigen. Zwar war dies eigentlich der Sitte des Klosters entgegen, allein gleichwohl machte der Abt in diesem Falle eine Ausnahme und gestand dem Fremden seine Bitte zu. Der neue Bruder aber lebte fromm und gottesfürchtig in dem Kloster Siegburg, er war der unverdrossenste bei der Arbeit, auch bei der schwersten, niedrigsten; der erste, der zum Gebet kam, war er der letzte, der die Kirche verließ. Aber kein Laut kam über seine Lippen. So lebte er vier Jahre in dem Kloster und genoß bei allen seinen Brüdern ebenso viel Liebe als Ehrfurcht. Da kam der Bischof von Regensburg nach Siegburg und wünschte, als er so viel von der Frömmigkeit und christlichen Demuth des jungen Mönchs hörte, daß ihn derselbe begleiten möge, um in seiner Residenz das Amt eines Hausgeistlichen bei ihm zu übernehmen. Zwar weigerte er sich anfangs, allein da der Bischof auf seinem Wunsche bestand, so gab er nach und folgte ihm in seine Residenz. Doch fühlte er sich hier nicht glücklich, es ging ihm viel zu geräuschvoll und glänzend zu und nach einem halben Jahre bat er den Bischof, er möge ihn fort in die Einsamkeit ziehen lassen, wo er als Einsiedler sein Leben beschließen könne. Als ihm nun dieser, obwohl ungern, seine Erlaubniß dazu gegeben hatte, da pilgerte er in grauem Pilgerkleide mit bloßen Füßen und nur mit einem Sacke versehen, in welchem sich grobes schwarzes Brod befand, fort aus der Stadt in den Wald hinein, immer tiefer und tiefer, bis er nach Verlauf von drei Tagen an einen großen Fluß, die Eger, gelangte. In diesen ergoß sich ein klares, freundliches Bächlein. Dem folgte der Pater, bis er an eine dichte düstere Stelle des Waldes kam. Hier blieb er, bauete sich aus Baumzweigen eine Einsiedelei und wohnte darin und lebte einfach von dem klaren Wasser des Bächleins und von den Wurzeln und Beeren des Waldes und diente seinem Herrn und betete zu ihm vom frühen Morgen an bis zur späten Mitternacht.

Als er nun fast zwei Jahre in dieser Abgeschiedenheit verlebt hatte, da begab es sich eines Tages, daß ein Ritter, der nur von einem Knappen begleitet war, durch den Wald ritt. Er erblickte die Einsiedelei, welche er doch früher an diesem Orte nicht gesehen hatte, ritt verwundert darauf zu, stieg vom Rosse und ging näher zu der stillen Wohnung. Da sah er den Einsiedler darin vor einem Crucifix liegen und still beten. Der Ritter betrachtete ihn und erbebte, seine Züge wurden von heftiger Aufregung bewegt, langsam schritt er auf den Betenden zu, pochte ihm auf die Schulter und fragte ihn mit lauter Stimme, ob er ihn kenne. Der Mönch sprang bei dem bekannten Laute in die Höhe, allein da er seinen Freund von sich ermordet glaubte, so hielt er die Aehnlichkeit der Sprache für eine Täuschung und verneinte die Frage des Ritters. Dieser aber versetzte: »Du täuschest Dich nicht, ich bin Dein Freund Diepolt von Vohburg, ich habe Dir längst vergeben; laß uns hier an diesem Orte zusammenbleiben und dem Herrn dienen!« Da faßte auch der Mönch wieder Muth und rief: »O Freund, verzeihe mir!« Lange hielten sie sich stumm umarmt und dann erzählten sie[760] sich ihre Schicksale. Der Markgraf aber ritt nur nach seinem Schlosse zurück, um seine Angelegenheiten zu ordnen, er übergab seine Länder seinem Bruder und behielt sich nur den Wald vor, wo die Einsiedelei lag. Hierher zog er sich zurück und lebte mit seinem Freunde still und gottesfürchtig ein ganzes Jahr hindurch, dann aber baten sie den Bischof von Regensburg um die Erlaubniß, an der Stelle der Einsiedelei ein Kloster erbauen zu dürfen. Diese erhielten sie gern und nach kurzer Zeit erhob sich hier in dem dichten Walde das Kloster Waldsassen, in dem die beiden ritterlichen Freunde als fromme, demüthige Mönche ihr Leben beschlossen.

925

Romantisch behandelt von Stahl S. 62-98.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 755-761.
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