108. Herzog Rupert von Bingen.

[122] (Nach Geib S. 462 etc.)


Da wo der majestätische Rhein, nachdem er von Mainz herab seine Wogen an den Rebenhügeln und lachenden Fluren des Rheingaus herabrollt, die aus den freundlichen Auen der Pfalz herabstürzende Nahe aufnimmt und mit einem Male zwischen hohen Gebirgen in ein finsteres Thal tretend jetzt in enganschließenden Ufern dahinrollt, liegt am Eingange der Bergschlucht die uralte Stadt Bingen, deren erste Erbauung bis auf den Drusus, den Stiefsohn des Kaisers Augustus zurückgeht.

Als Karl der Große oder sein Nachfolger Ludwig der Fromme das Reich der Franken beherrschte, ward das ganze Land, welches zwischen den Flüssen Heimbach, Simmer, Selz und Vlies von Bingen bis nach Lothringen sich erstreckt, durch einen mächtigen Herzog am Rhein verwaltet. Derselbe besaß eine einzige, sehr schöne Tochter, Namens Bertha. Nun war aber unter den Fürsten des Landes ein gewisser Roland oder Robolaus, von sächsischer Abkunft und dem alten Heidenglauben seines Vaterlandes zugethan, sonst aber ein sehr tapferer Mann. Derselbe sah das schöne Mädchen und verliebte sich dergestalt in dieselbe, daß er ihren Vater um ihre Hand bat; der Herzog aber verweigerte ihm dieselbe nicht, einmal weil er ein wenn auch rauher, aber sonst biederer Mann war, dann aber auch, weil er hoffte, seine Tochter werde ihn für das Christenthum gewinnen und er auf diese Weise dem Himmel eine Seele zuführen. So kam denn die Heirath zu Stande; allein leider hatten sich Vater und Tochter sehr geirrt, der kurze Rausch war bald bei dem rohen Krieger verflogen, er vernachlässigte seine junge Frau und fand bald nur noch an Waffenspiel und andern Frauen Vergnügen, von Bekehrenlassen aber war keine Rede. Die unglückliche Bertha zog sich also, da sie sah, daß sie allen Einfluß auf ihren Mann verloren habe, auf die Burg Laubenheim oder Lubau an dem Ufer, nicht weit von Stromberg gelegen, zurück. Dort betete sie täglich zu Gott, er möge sie von den unauflöslichen Banden, mit denen sie an Roland gekettet war, frei machen; allein umsonst, und so beschloß sie denn wenigstens das Kind, welches sie demselben geboren hatte, in den heiligen Grundsätzen der katholischen Lehre groß zu ziehen. Zwar legte ihr Roland selbst hierbei Schwierigkeiten[122] in den Weg, indem er diese Art der Erziehung eine weibische nannte; allein ehe er noch im Stande war, ihr den kleinen Rupert – so hieß das Kind – wegzunehmen, fiel er in einer Schlacht.

Nach dem Tode ihres Mannes ward ihr aber der Aufenthalt auf der Burg Laubenheim doch zu einsam, sie begab sich also zu ihrem Vater nach Bingen zurück und lebte hier ganz der Erziehung ihres Sohnes, indem sie beharrlich alle Anträge, wieder in den Stand der Ehe zu treten, zurückwies.

Der kleine Rupert wuchs mittlerweile heran, allein sonderbarer Weise zeigte er durchaus gar keine Neigung für alle solche Unterhaltungen und Spiele, welche sonst die Jugend fürstlicher Junker zu erfreuen pflegen; er mochte auch keine der ritterlichen Uebungen theilen, die sonst Knaben seines Standes und Alters zu treiben pflegten; seine einzige Neigung war Almosen zu geben, zu beten und namentlich armen Kindern Gutes zu thun. An einem schönen Frühlingsmorgen, als eben der erste Sonnenstrahl über den schauerlichen Eichenwald des Rüdesheimer Berges hervorleuchtete, wandelte Rupert allein längs dem schattigen Ufer des Rheins. Gefühle der Andacht und der Bewunderung über die Herrlichkeit der Erde stiegen in seinem Herzen auf; es überkam ihn eine Art von Müdigkeit, er setzte sich also auf einen bemoosten Felsen und siehe, es überfiel ihn ein sanfter Schlummer. Da hatte er einen seltsamen Traum. Ein ehrwürdiger Greis im langen weißen Talare mit violettblauem Rande stand nicht fern von ihm am Gestade des Rheins. Um diesen herum gaukelten viele muntere Knaben, deren einer mit dem andern in die silberhelle Fluth sprang und bald wieder zum Vorschein kam. Der Alte hielt ein seidenes Tuch in der Hand und strich damit jedem, der aus den Wellen an das Land trat, über den Leib, worauf die Gestalt des Knaben sich noch weit schöner und lieblicher zeigte, als vorher. Mit frohem Staunen sah Rupert dieses wunderbare Schauspiel. Da erhob sich plötzlich ein großes reizendes Eiland aus dem Strome, der um Vieles breiter und glänzender erschien, als es in der Wirklichkeit der Fall ist. Immergrüne Matten, mit den mannigfaltigsten Blumen geschmückt, dunkele Haine von labyrinthischen Gängen durchzogen, mancherlei Bäume theils in rother und weißer Blüthe schimmernd, theils mit den köstlichsten Früchten beladen, krystallene Quellen, deren Wasser sich von kleinen Hügeln ergoß, wurden von bunten Vögeln, die aus ihrer schwachen Kehle dem Schöpfer ein Loblied sangen, belebt. Dabei erfüllte ein aromatischer Duft von unzähligen Kräutern und Blumen die Gegend umher. Was aber den herrlichen Anblick noch erhöhte, war der himmlische Glanz und der rosenfarbige Schimmer, der die ganze Flur zu einem göttlichen Zaubergemälde schuf. Er sah aber, wie der Greis alle Knaben zu einem schön geformten Kahne führte. Unwiderstehlich zog ihn eine magische Gewalt fort und er trat mit hinein. So fuhren sie über den Fluß nach dem lieblichen Eiland. Der Alte hing nun jedem Knaben ein schneeweißes Gewand um und ließ dann alle wegeilen in das Feld umher, wo sie sich an den tausendfarbigen Blumen und dem Genuß der süßen Frucht ergötzten. In hoher Entzückung wandte sich Rupert zu dem wunderthätigen Mann und sprach: »O höre meine Bitte, laß mich immer weiter mit den Kindern auf dieser beseeligten Flur!« Aber jener entgegnete ihm mit feierlicher Stimme: »Hier ist kein bleibender Aufenthalt für Dich, Du hast Dir durch alle die guten Werke,[123] die Du gethan, einen weit höheren verdient, Dir eine Brücke zum Himmel gebaut, wo Du unter Engeln wohnen wirst. Das Brod, so Du bisher den Armen gereicht, soll Dir dort ein Himmelsbrod und die Kleidung, womit Du sie bedeckt hast, ein Kleid der Unschuld werden!« Mit einem Male erhob sich aus den Blüthenbäumen der Aue ein wunderschöner Regenbogen in vielfarbigem Glanze und wölbte sich von einem Ende der Insel zum anderen gen Himmel empor. Gleich darauf kam eine Schaar kleiner Engel von unnennbarer Schönheit und schwebte mit goldnen Flügeln im Schimmer des Bogens und jetzt erschien über demselben eine glänzende Silberwolke, mit purpurnen Strahlen umringt. In ihr saß das Christkindlein, vor ihm kniete mit Ehrfurcht der kleine Johannes und neben diesem stand ein zartes Lämmchen, um den Hals ein rosenfarbenes Band, mit dem Beide ihr unschuldiges Spiel trieben. Siehe! da flogen zwei Engel zu der Lichtwolke und legten dem heiligen Christ ein Gewand in den Schooß, das ohnlängst der fromme Rupert einem armen Knaben geschenkt hatte. Der Göttliche befahl den Engeln, es um seine eigenen Schultern zu hängen, und als er damit bekleidet war, stand er auf, sprach mit melodischem Tone: »Seht hier das Kleid, welches der kleine Rupert mir geschenkt hat; dafür wird ihm ein hoher Lohn, denn ich bekleide ihn mit dem ewigen Glanze der Heiligkeit.« In unbeschreiblichem Gefühle der Andacht und der seligen Wonne aber stand Bertha's Sohn vor dem göttlichen Kinde. Er streckte seine Arme nach ihm aus; da verschwand Alles um ihn her, sein Traum zerfloß und erwacht lag er auf dem Felsen, am Ufer des dahinströmenden Rheins. Vor ihm aber kniete der arme Knabe, dem er vor einigen Tagen das Kleid gesandt, und dankte ihm mit Thränen für die Gutthat. Rupert aber nahm tief gerührt den Knaben bei der Hand, führte ihn zu seiner Mutter und erzählte ihr sein Traumgesicht. Von diesem Augenblicke an aber entstand in Rupert's Seele der feste Vorsatz, nach Rom zu dem Grabe des heiligen Apostelfürsten zu wallen und dort, allem Treiben der Welt entsagend, ganz sein Leben dem Himmel zu weihen. Als er nun eines Abends vor seine Mutter trat und ihr diesen Entschluß mittheilte, erschrak sie und weinte bitterlich; es gelang ihr auch dadurch, daß sie ihm vorstellte, wie sie, wenn er fort sei, ganz allein sei, ihn zu bewegen, bei ihr zu bleiben. Allein als sie, nachdem er vollends herangewachsen war, ihn in die Gesellschaft edler Jünglinge und tugendhafter Jungfrauen bringen wollte, um ihn als letzten Zweig des alten Fürstengeschlechtes durch diesen Umgang zu einem ritterlichen und frommen Stammvater eines neuen heranzubilden, sah sie bald ein, daß ihre Mühe vergebens sei; er war nun einmal an das religiöse Leben gekettet und das Entgegenkommen seiner neuen Freunde hielt er für Fallstricke des Teufels, um ihn von seinen frommen Entschlüssen abwendig zu machen. Von Neuem tauchte sein Vorsatz, nach Rom zu wallfahren, in ihm auf und dieses Mal ließ er sich nicht wieder abhalten, sondern trat als armer Pilger gekleidet zu Fuß die beschwerliche Reise über die Alpen nach Italien an. Er betete hier in allen Tempeln der Weltstadt, am Grabmale des Apostelfürsten aber legte er das Gelübde ab, sich nur dem geistlichen Berufe zu widmen, sein Herzogthum aufzugeben und all sein Besitzthum unter die Armen zu vertheilen. Nach Hause zurückgekehrt hielt er treulich, was er am Grabe der heiligen Märtyrer versprochen hatte; er entsagte allem irdischen Glanze,[124] weihte sich ganz dem Kirchendienst und stiftete neue Häuser für Arme und Kranke, deren Pflege und Wartung er selbst besorgen half, und lebte mehr wie ein Mönch in seiner stillen Klause, denn als einer der ersten Fürsten des deutschen Reiches. Aber seine Gesundheit war schon durch seine Pilgerreise nach Rom bedeutend geschwächt worden, jetzt konnte er die fortwährenden Anstrengungen am Krankenbette nicht mehr ertragen, er ward selbst krank und siech und der Tod nahm ihn hinweg, ehe er noch sein zwanzigstes Jahr vollendet hatte. Seine irdische Hülle ward in der Kirche zu Bingen bestattet und seine gebeugte Mutter folgte ihm bald nach. Kurz nachher ward er unter die Zahl der Heiligen versetzt und noch bis in dieses Jahrhundert war sein einfaches Pilgergewand, jedoch in einen prächtigen Purpurmantel gehüllt, im Kloster von Eubingen zu sehen.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 122-125.
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