107. Der Mäusethurm bei Bingen.

[120] (S. Dielhelm a.a.O. S. 662 etc. Geib, die Sagen des Rheinlandes. Mannheim 1844. 8°. S. 476 etc. Gottschalk, Deutschlands Ritterburgen Bd. VI. S. 21 etc.)


Am Eingange des schauerlichen Bergthals, in welches bei Bingen der Rhein strömt, erhebt sich auf dem rechten Ufer zwischen den Gesträuchen und Weinbergen der Rüdesheimer Höhen die stolze Ruine des Schlosses Ehrenfels und inmitten der Fluth ragt auf einer Felseninsel der düstere Thurm hervor, der in der Volkssage unter dem Namen des Mäusethurms so berüchtigt ist. Er steht vor dem sogenannten Binger Loch, wo der Strom staffelförmig über Klippen rauscht, einer Bahn, die man ehemals für sehr gefährlich hielt – man glaubte nämlich, der Strudel schlinge die über ihn wegfahrenden Schiffe hinunter und die Trümmer von dem, was das Binger Loch geraubt, kämen an der Felsenbank von St. Goar erst wieder zum Vorschein – wo aber jetzt die Durchfahrt höchstens noch bei Sturm gefährlich ist. Wenn der Rhein klein ist, so merkt man an dem Felsen um den Thurm gar eigentlich, daß entweder Mauern oder ein anderes Gebäude dabei gestanden hat, wozu aber der Grund einst mit unbeschreiblicher Mühe gelegt worden sein muß. In den größern Steinen erblickt man verschiedene Zeichen von kleinen Kreuzchen oder Radspeichen, in dem Thurme selbst aber ein ausgehöhltes Loch, worein man früher diejenigen, welche sich an dem gegenüberstehenden Zollhause vergriffen hatten, zu sperren pflegte. Ueber den Ursprung des Namens ist man nicht einig. Der gelehrte Spanheimer Abt Johann von Trittenheim14 schreibt, daß dieser Thurm vor Zeiten als eine Warte (specula) zur Wache für das Vaterland erbaut worden sei, und darauf hin erklärt Nic. Serarius15 den Namen so, daß er meint, weil man von hier aus, als von einer Warte, auf die vorüberfahrenden Schiffe, gleich einer Katze auf die Mäuse gelauert habe, sei der Thurm Mäusethurm genannt worden, weil die Alten das Lauern und Ausspüren »mausen« genannt hätten. Andere meinen dagegen, der Thurm habe seinen Namen daher erhalten, weil er lange Zeit, nachdem das dabeistehende Schloß zerstört worden, unbesetzt geblieben sei; die Alten aber hätten ein wüstes Haus, darin Niemand mehr gewohnt, eine Mäuseherberge genannt. Nach noch Andern soll der Erzbischof Willigis von Mainz den Thurm erbaut haben, was man daraus, daß man auf einzelnen Grundsteinen ein Rad, das Wappen von Mainz, eingehauen findet, und aus den folgenden drei unverständlichen[120] Versen, die sich an der St. Stephanskirche zu Mainz finden und auf ihn Bezug haben:


Pontem construxit apud Aschaffburg, bene duxit,

Ac pontem per Naha: miles transit quoque verna.

Et bene Necesse prope Bing Mausen16 dedit esse


beweisen will. Eine andere weit verbreitete Sage lautet aber so17:

Zur Zeit des deutschen Königs Arnulf war ein kluger aber sehr herrschsüchtiger Mann, Namens Hatto, Erzbischof zu Mainz. Dieser verleibte die nach des h. Rupert's Tode erledigte Stadt Bingen seinem Erzstift ein und erbaute auf jener Rheininsel einen Zollthurm, aus dem der heutige Mäusethurm geworden ist. Nun begab es sich, daß einst das gesegnete Rheinland von einem schweren Unstern heimgesucht ward. Erst kam eine solche Hitze und Dürre, daß Alles auf den Feldern versengte und vertrocknete; dann kam aber eine starke Wasserfluth, die vernichtete, was von der Hitze noch übrig gelassen war. Natürliche Folge war eine furchtbare Hungersnoth. Nur Hatto fühlte keine Noth, denn während Niemand etwas hatte, waren seine Speicher von oben bis unten gefüllt, und obwohl er unter den Häuptern der Christenheit zählte, schämte er sich nicht, jüdischen Getreidewucher zu treiben. Das Volk strömte nun täglich nach seinem Palast und bat um Brod; allein nur gegen Bezahlung ließ sich der erbarmungslose Fürst herbei, seine Vorräthe aufzuthun; wer kein Geld hatte, mußte unter Schmähungen auf Bettler und Müßiggänger abziehen. Da nun aber der Erzbischof an sich schon wegen seiner Härte nicht sonderlich beliebt war, rottete sich eines schönen Tages das Volk zusammen und belagerte ihn in seinem Schlosse und wollte sich mit Gewalt Eingang erzwingen. Allein der Kaiser schickte ihm eine starke Schaar Söldner zur Hülfe und so wurden die Empörer leicht bewältigt und eine Menge Gefangener in das Schloß geführt. Da sprach Hatto mit bitterem Hohne: »Sie strebten nach meiner Frucht; gut! man sperre sie dort in eine der Scheunen!« Die Waffenknechte schleppten sie hin und der Grausame befahl, die Scheuer in Brand zu stecken. Bald loderten die Flammen rings empor und das Klagegeschrei der Unglücklichen, für die aller Weg der Rettung verschlossen war, drang zum Himmel. Da rief mit teuflischem Gelächter der Erzbischof: »Hört, hört, wie die Kornmäuse pipen!«

Zwar war nun der Bösewicht des Aufstandes los, allein der Strafe Gottes konnte er nicht entgehen. Als er des Abends nach dem Schmause in sein prächtiges Schlafgemach ging, hörte er plötzlich ein Gepolter und ein grausiges Pfeifen. Kalter Schauer fuhr ihm durch die Glieder; mit einem Mal sprangen Mäuse aus allen Wänden und fielen über ihn her. Heulend rief er seine Diener zu Hülfe, allein sie konnten sich ihrer nicht wehren, bekreuzten sich und flohen. Endlich warf er sich auf's Pferd, eilte mit einem Trupp seiner Knechte den Strom hinab und suchte Schutz in der Burg Ehrenfels. Aber seine Quäler kamen auch hier her, wimmelten bald im ganzen Schlosse herum und plagten und bissen ihn. Da wachte sein[121] Gewissen auf, da fühlte er seine Sünden und erhob ein Gebet zum Himmel. Aber die gerechte Rache, die ihn treffen sollte, war noch nicht vollendet. Er floh jetzt auf einem Kahne zu dem Mauth- oder Zollthurm, der auf der kleinen Rheininsel steht, und ließ sein Bett an Ketten darin aufhängen. Aber die Mäuse schwammen durch die Fluth ihm nach, schlüpften durch alle Gitter und Löcher und hackten ihre Zähne so lange in seinen Leib, bis er den Geist aufgab, ja selbst sein Name in den Tapeten des Gemaches ward von den wüthenden Thieren zernagt. Kaum war dies geschehen, so verschwand das ganze Heer der Mäuse sowohl aus den Schlössern als aus dem Lande. Der Ort aber, wo Hatto seinen Lohn gefunden, hieß seit dieser Zeit zur Erinnerung der Mäusethurm. Noch heute soll bei Nacht, wenn der Sturm braust und die Wogen grollen, sein Gespenst gleich einer grauen Wolke das finstere Gemäuer umschweben.

14

Hirschauische Chronik u.d.J. 967 S. 35.

15

De rebus Mogunt. L.W. pag. 696 etc.

16

Nach einer andern und bessern Abschrift liest man Bingunensem.

17

Dieselbe Sage findet sich auch in Polen von dem König Popiel (s. Kaufmann, Quellen S. 100.)

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 120-122.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Sagenbuch des Preußischen Staats
Sagenbuch des Preußischen Staats: Erster Band
Sagenbuch des Preußischen Staats: Zweiter Band
Sagenbuch des Preußischen Staats: Erster Band
Sagenbuch des Preußischen Staats: Zweiter Band

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Unsühnbar

Unsühnbar

Der 1890 erschienene Roman erzählt die Geschichte der Maria Wolfsberg, deren Vater sie nötigt, einen anderen Mann als den, den sie liebt, zu heiraten. Liebe, Schuld und Wahrheit in Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

140 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon