120. Die Sage von der Teufelsleiter bei Lorch.

[138] (S. Fischer Bd. II. S. 272 etc.)


An dem Einflusse des Wisper- oder Gladbachs in den Rhein liegt der Flecken Lorch oder Lorich und bei demselben sieht man noch heute die Trümmer einer gleichnamigen22 Burg, deren einstigen Erbauer man aber nicht kennt. Einst soll hier ein Ritter Namens Sibo von Lorich gelebt haben, ein armer und tapferer Ritter, aber von launigem und unfreundlichem Charakter. An der Pforte seiner Burg klopfte eines Tages ein kleines Männlein und bat um Herberge. Der Ritter wies den seltsamen Fremdling mit unsanften Worten ab. »Das will ich Dir gedenken«, brummte das Männlein in seinen grauen Bart und zog von dannen. Herr Sibo gedachte des Vorganges nicht weiter, als aber des andern Tages zu Tische geläutet ward, da war seine Tochter, ein blühendes Mädchen von zwölf Jahren, nirgends zu finden. Man schickte Boten über Boten nach ihr aus, zuletzt ging der Vater selbst, um sie zu suchen. Ein Hirtenknabe, bei welchem er Kunde einzog, erzählte, er habe ein Mägdlein gesehen, welche drüben am Fuße des jähen unzugänglichen Kedrichs Blumen gebrochen. Da seien plötzlich einige Männlein auf sie zugekommen, hätten sie bei den Armen ergriffen und wären mit ihr den steilen Berg so behend hinaufgesprungen, wie auf ebenem Boden. »Ach!« setzte der Knabe sich segnend hinzu, »das sind gewiß einige von den schlimmen Berggeistern, die in dem Kedrich hausen und gar leicht zum Zorn gebracht werden!« Der Ritter sah mit Schrecken nach der Bergspitze und erblickte jetzt wirklich sein Töchterchen, die oben stand, und es kam ihm vor, als strecke sie ihre Aermchen nach ihm aus. Er versammelte alsbald seine Leute, ob vielleicht einer darunter die Höhe erklimmen möchte; aber jeder Versuch mißlang. Jetzt befahl er ihnen, Werkzeuge herbeizuholen und einen Weg in den Berg zu machen. Sie gehorchten mit größter Bereitwilligkeit, allein die Arbeiter hatten kaum ihr Werk begonnen, als von dem Gipfel des Berges ein Steinregen herabflog, der Alles zur Flucht nöthigte. Zugleich hörte man eine Stimme, die aus dem Berge[138] zu kommen schien und rief: »So vergelten wir die Gastfreundschaft auf Lorich!«

Der Ritter wendete Alles an, um seine Tochter aus den Händen der kleinen Unholde zu befreien. Er that manches Gelübde, er spendete reichliche Almosen den Klöstern und den Armen, doch nirgends zeigte sich Hülfe und Rath. Tage, Wochen, Monde verstrichen, und des armen Vaters einziger Trost war nur die Gewißheit, daß seine Tochter noch lebe. Denn sein erster Blick am Morgen und sein letzter am Abend war nach dem Kedrich gerichtet und da sah er sie jedesmal auf der Kuppe stehen und hinabblicken.

Wirklich ließen es auch die Gnomen dem Mädchen an nichts fehlen, sie bauten ihr eine kleine, aber artige Wohnung und verzierten die Wände mit Muscheln und Krystallen und farbigen Steinen. Die Bergweiblein fertigten ihr Kleider, schenkten ihr Halsbänder von Korallen und andern Schmuck und suchten sie durch Gesang und Tanz aufzuheitern. Ihr Tisch war täglich mit frischer Milch und süßen Baumfrüchten reich besetzt. So waren bereits vier Jahre verflossen seit dem Tage, wo das arme Mägdlein von den Zwergen entführt worden war, und ihr Vater gab jede Hoffnung auf, sie wiederzusehen. Da kehrte ein junger tapferer Rittersmann, Ruthelm genannt, dessen Burg nur eine halbe Stunde von Lorich entfernt war, aus dem Ungarlande zurück, wo er mit großem Ruhme gegen die Ungläubigen gefochten hatte. Derselbe hatte kaum erfahren, was seinem Nachbar begegnet war, als er zu ihm eilte und seine Bereitwilligkeit aussprach, das Mädchen aus den Händen der Berggeister zu befreien. Der alte Ritter reichte ihm die Hand und versprach ihm seine Tochter zur Frau, wenn es ihm gelinge, seine Unternehmung glücklich zu Ende zu bringen.

Alsbald begab sich der junge Ritter an den Fuß des Kedrichs, um die Gelegenheit des Berges auszuspähen. Aber er sah keine Möglichkeit, die jähe Wand zu ersteigen. So stand er denn in sich gekehrt und sann nach, wie er es doch vollbringen könne; da brach die Dämmerung herein. Eben wollte er den Weg nach seiner Burg zurücknehmen, als ein kleines altes Männchen auf ihn zukam und ihn anredete: »Nicht wahr, Herr Ritter, Ihr habt auch schon von meiner schönen Pflegetochter gehört, die dort auf dem Berge wohnt? Wenn Ihr sie zur Braut haben wollt, so dürft Ihr sie nur holen!« – »Ein Mann, ein Wort«, versetzte der Ritter, »ich hole sie«, und der Zwerg erwiderte lachend: »Ich überlasse Euch die Jungfrau, wenn der Weg Euch nicht zu sauer wird, aber der Preis, den Ihr erringt, ist auch der Mühe werth, ein Mägdlein wie diese giebt es nicht an Schönheit, Verstand und züchtigem Wesen im ganzen Rheingau!« Mit diesen Worten verlor sich der Alte lachend in dem Dickicht, und der Ritter dachte, er habe ihn wohl zum Besten gehabt, denn wenn er den Berg betrachtete, so dachte er, man müsse Flügel haben, hinauf zu kommen.

Da hörte er auf einmal ein zartes Stimmchen ihm einen Gruß bieten und als er sich umsah, stand ein altes Mütterchen vor ihm, die ihn auf die Schultern klopfte und also freundlich zu ihm sprach: »Ich habe mit angehört, was eben mein Bruder mit Euch gesprochen hat; der Vater des Mägdleins hat einst denselben schwer beleidigt, deshalb hat er ihm die Tochter entführt; allein ich denke, der alte Ritter ist durch die vierjährige Entfernung von seiner Tochter hinreichend bestraft und außerdem habe ich[139] das Mägdlein liebgewonnen, als wenn es meine eigene Tochter sei, und darum wünsche ich, daß sie wieder zu den Ihrigen zurückkommt und einen braven Ehegemahl bekommt, denn sie ist eines solchen werth. Mein Bruder hat Euch sein Wort gegeben, daß er sie ziehen lassen will, wenn es Euch gelingt, den Berg zu erklimmen; er wird es nicht brechen, und ich will Euch dazu verhelfen. Nehmt hier dieses Glöckchen und geht damit in's Wisperthal; dort findet Ihr einen abgebaueten Schacht, an dessen Eingange eine Buche und eine Tanne stehen, die in einander verwachsen sind. Tretet ohne Furcht in die Oeffnung und läutet dreimal mit dem Glöcklein. In dem Schachte wohnt mein jüngster Bruder, und sobald er das Glöcklein hört, kommt er herauf; es dient zugleich zum Wahrzeichen, daß ich Euch schicke. Bittet ihn, Euch eine Leiter zu verfertigen, so hoch als der Kedrich, und dann mögt Ihr den Gipfel ohne Gefahr ersteigen.«

Der Jüngling that wie ihm die Alte gesagt hatte. Er eilte auf der Stelle in das Wisperthal und fand den verlassenen Schacht und gab das Zeichen mit der Glocke. Kaum hatte er zum dritten Male geläutet, als ein graues Männlein, mit einem Grubenlichte in der Hand, aus der Tiefe kam und nach seinem Begehr fragte. Der Ritter brachte ihm seine Bitte vor und der Alte hieß ihn gutes Muthes sein, er möge sich nur bei Tagesanbruch am Fuße des Kedrichs einfinden. Zugleich nahm er ein Pfeiflein aus einer Quertasche und pfiff dreimal, und im Nu wimmelte das Thal von kleinen Bergmännchen, die Beile, Sägen und Hämmer trugen. Der Ritter hörte noch auf seinem Heimwege das Geräusch der fallenden Bäume und die Schläge der Beile, und in sein Herz kam Hoffnung und Freude. Schon beim ersten Hahnenschrei kam er zum Kedrich und fand bereits die Leiter aufgestellt und wohl befestigt. Ein kleines Grauen wandelte ihn an, da er die ersten Sprossen bestieg, aber sein Muth wuchs mit jedem Schritte in die Höhe. Glücklich erreichte er den Gipfel, als eben die Morgenröthe über dem hohen Gebirge aufflammte, und das Erste, was sein Auge oben erblickte, war das Mägdlein. Auf einer Moosbank zwischen wilden Rosen und würzigen Kräutern lag sie in süßem Schlummer hingegossen, der Ritter konnte sich nicht satt sehen an ihr, endlich aber sank er auf die Kniee vor ihr nieder, drückte einen Kuß auf ihre Stirn, weckte sie und sagte, als sie erwacht war, er sei gekommen, um sie zu ihrem Vater zurückzuführen. Die Jungfrau wußte nicht, was ihr geschah; endlich aber gewann sie Zutrauen zu dem jungen Manne und dankte ihm für seine Kühnheit. Mittlerweile erschien auch das alte Männlein, welches sie entführt hatte, begleitet von seiner Schwester, und ob er wohl den Zusammenhang ahnete, als er die Leiter erblickte, so nahm er doch sein Wort nicht zurück, sondern versetzte, er solle das Mägdlein mit sich nehmen, nur müsse er die Leiter auch wieder hinabsteigen, das Mägdlein wollten sie auf einem bequemeren Wege an den Fuß des Berges bringen. Der Ritter ließ es sich gern gefallen, die Leiter wieder hinabzuklimmen und als er glücklich unten angelangt war, fand er auch die Jungfrau bereits am Fuße des Berges vor, dorthin hatte sie der Berggeist durch die Höhlen des Berges bis zu einem verborgenen Ausgang, der in's Freie führte, gebracht. Beim Abschied reichte das Mütterchen der Jungfrau ein schönes Kästchen von versteinertem Palmenholze, mit kostbaren[140] Steinen angefüllt, mit den Worten: »Das ist der Brautschatz, den ich für Dich gesammelt habe.«

Nun kehrte das junge Paar auf die Burg zurück und der alte Sibo gab seinem Versprechen zufolge dem jungen Ritter die Hand seiner Tochter; von diesem Augenblicke an aber ward kein Wandrer mehr ungastlich von seinem Schlosse abgewiesen. So oft aber die junge Frau später eines Knaben oder Mädchens genas, kam auch das graue Mütterchen aus dem Kedrich und brachte ein Pathengeschenk. Die Leiter stand noch viele Jahre hindurch am Berge und die Umwohner hielten sie für das Werk eines bösen Geistes und gaben darum dem Kedrich den Namen der Teufelsleiter.

Eine andere Sage23 berichtet über den jetzigen sehr steilen Weg auf den Berg, den man übrigens immer noch die Teufelsleiter nennt, es sei einst ein verwegener Mensch diesen Berg, den sonst kaum Jemand zu Fuß zu besteigen waget, mit seinem Pferde hinaufgeritten. Man zeigte früher auf dem Rathhause zu Lorch noch den Zaum oder auch den Sattel desselben.

22

Nach Gräter in der Idunna 1812 S. 184 hieß die Burg Rheinberg.

23

Nach Dielhelm S. 674.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 138-141.
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