47. Der Dombaumeister zu Cölln.

[60] (Nach S. Weyden, Cölns Legenden, Sagen etc. Cöln 1839, in 8. S. 5 etc.)


Zwar war schon am 14. August 1248, dem Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt, der Grundstein zu dem neuen Dom von Erzbischof Conrad von Hochstaden und König Wilhelm von Holland gelegt worden, allein die innern Streitigkeiten zwischen den Erzbischöfen Engelbert von Falkenburg und Siegfrid von Westerburg hinderten den Fortbau desselben und erst nachdem der neue Erzbischof Wichbold von Holte (seit 1297) den päpstlichen Bannstrahl von der Stadt gelöst, dachte man wieder daran das große Werk zu vollenden. Da erschien auf einmal ein bisher ziemlich unbekannt gebliebener Baumeister Gerhard genannt vor dem Erzbischof und überreichte ihm den von ihm ausgearbeiteten Plan des Chores. Dasselbe stellte ein Zelt vor, von unzähligen Sternbildern belebt, von reichen zierlich durchbrochenen Strebebogen und Steinlauben, in mannigfaltigster Form und Verzierung umgeben, mit Hunderten von luftigen Spitzsäulchen leicht zum Himmel strebend und schön sich einigend mit den nach Norden und Süden auslaufenden, ebenso zierlichen Kreuzflügeln und dem nicht minder reich geschmückten Langhause, das auf zwei gewaltigen, 500 Fuß hohen Thürmen ruhte, zwischen welchen die drei Haupteingänge der Kirche lagen und welche, trotz der gewaltigen Masse, mit den reichen Laubbogen, den leichten zierlichen Gliederungen und Lauben bis zu dem mit künstlichen Rosen durchbrochenen Pfeil schlank und in voller Majestät zum Himmel aufstiegen.[60]

Der Erzbischof aber den Geist des Mannes höchlich bewundernd, der einen so kühnen Plan ersonnen, fragte ihn ob er sich getraue, denselben auch auszuführen, und als derselbe schnell entschlossen geantwortet, daß er, was er bisher nur in der Phantasie fertig gesehen, sich auch mit Gottes Hilfe auszuführen getraue, da stellte ihm jener reichlich alle Mittel dazu zu Gebote und der Meister ging eifrig ans Werk und schaffte so tüchtig und unverdrossen mit seinen Gesellen und Steinmetzen, daß nach 22jähriger Arbeit das Chor in unerreichter Pracht vollendet war und am 27. September 1322 von dem Erzbischof Heinrich von Virneburg eingeweiht werden konnte. Allein ob nun wohl der Name Meister Gerhard's ob dieses herrlichen Werkes in allen Landen gerühmt und gepriesen ward, so schien sich derselbe doch desselben selbst nur wenig zu freuen. Es überkam ihn der Gedanke, daß obwohl er sich noch rüstig und kräftig fühle, ihn doch der Tod in seinem Werke überraschen könne und er so die Ehre der Vollendung einem Anderen überlassen müsse. Diesen Gedanken aber konnte sein Stolz nicht ertragen und so kam es, daß während er früher mit mildem Ernste die Säumigen und Fehlenden zurecht wies, jetzt Strenge und Härte an die Stelle desselben traten, Niemand ihm mehr etwas recht machen konnte und er überhaupt, selbst im Kreise seiner Familie wie umgewandelt und ausgetauscht erschien. Dieses Gefühl des Trübsinns ward jedoch noch mehr durch einen nach Cölln gekommenen fremden Magister angefacht, der ihm täglich vorredete, Niemand sei befähigt, das zu vollenden, was er so herrlich begonnen. Da faßte er den Entschluß, den Bau ganz aufzugeben und alle seine Pläne und Risse zu zerstören, damit auch kein Anderer, wenn es ihm nicht vergönnt sei den hohen Bau zu vollenden, nach ihm es vollführen könne.

So saß er eines Abends im Spätherbst vor seinem Kamine, alle seine Zeichnungen vor sich, fest entschlossen ein Ende zu machen und Alles dem Feuer zu opfern, und hatte schon den Arm erhoben um die großen Pergamentrollen in die Flammen zu schleudern, als sein Auge zufällig durch das hohe Bogenfenster auf den vom Mondenlichte beglänzten Dombau fiel, und da kam auf einmal ein tiefes Gefühl der Reue über seine Kleinmüthigkeit über ihn, eine gewisse, vorher lange nicht gefühlte Wemuth und zugleich Herzensruhe zog in ihm ein, daß er zerknirscht beschloß, nie wieder einem so gottlosen Gedanken Raum in seiner Brust zu geben, sondern fest gelobte, sich mit ganzer Kraft zu Gottes Ehre dem Baue wieder hinzugeben und ihn soweit zu fördern, als es des Ewigen Wille sei. Und mit der Ruhe der Seele erlangte der Meister auch seine Thatkraft wieder, er vermied den fremden Magister, dessen Einflüsterungen er leider ein nur zu geneigtes Ohr geschenkt hatte, und als hätte es gegolten, den Dom in einem Jahre fertig zu machen, wurde an dem Werke so eifrig fortgearbeitet, daß nach Verlauf zweier Jahre der nördliche Thurm sich beinahe zu seiner jetzigen Höhe erhob und als Wahrzeichen des ewigen Baues schon den gewaltigen Krahnen in die Lüfte streckte.

So stand denn eines Abends mit dem Stolze des Bewußtseins, was er vollbracht, Meister Gerhard auf dem Thurme und überschaute selbstgefällig den Riesenbau, als ein kostbar gekleideter Fremdling zu ihm trat und sich als Meister der freien Kunst zu erkennen gab. Er pries mit feuriger Rede den majestätischen Bau, fügte aber bedauernd hinzu, es müsse doch für den[61] Schöpfer desselben ein betrübender Gedanke sein, wenn er sich sagen müsse, daß er sein herrliches Werk nie vollenden, sondern ein Anderer die schöne Frucht seiner mühevollen Saat ernten solle. Auf die Frage des betroffenen Meisters »wer ihn denn daran hindern solle«, versetzte jener: »Das Leben, welches kein sterblicher Mensch über das ihm vom Schicksal gesteckte Ziel zu verlängern im Stande ist!« Da rief der Meister gekränkt und unüberlegt aus: »Ich vollende, was ich begonnen und gehe jede Wette darauf hin ein, und wäre es auch mit dem bösen Feinde selbst!« Der Fremde aber faßte ihn mit eiserner Hand bei der Rechten und sprach: »Topp, ich gehe die Wette ein und sage, ich führe von Trier bis hierher nach Cölln eher ein unterirdisch Bächlein, so daß Enten darauf schwimmen können, ehe Ihr den Bau des Domes vollendet. Verliert Ihr die Wette, so ist Euere Seele mein, gewinnt Ihr sie, so schenke ich Euch zehn verdammte Seelen.« Da dachte der Meister eine gute That zu thun, denn er war seines Werkes sicher und schlug ein, der Fremde aber verschwand in einer Sturmwolke, die über den Dom dahinbrauste.

Von dieser Stunde an aber verfiel der Meister wieder in seinen alten Trübsinn, er konnte sich nicht von dem Gedanken los machen, daß er nun doch seinen Bau nicht vollenden werde, und wie er auch trieb und schaffte, er kam doch nicht so schnell vorwärts, wie er gehofft. Natürlich trug er aber auch seinen innern Kummer mit in seine Familie über, allein allen Fragen seiner besorgten Hausfrau, was ihm fehle und worüber er sich sorge, wich er ängstlich aus, sodaß diese vor Neugierde fast umkam. Da auf einmal kam, freilich in Abwesenheit Meister Gerhards, wieder der fremde Magister ins Haus, fragte seine Gattin nach ihm, wie es ihm gehe, und als er vernommen, daß er sich zwar in soweit ganz wohl befinde, daß aber ein geheimer Kummer an seinem Herzen zu nagen scheine, den sie freilich nicht heilen könne, da er ihn eben verschwiegen halte. Der Fremde aber meinte, es gebe schon ein Mittel, das Geheimniß auch wider seinen Willen ihm abzulocken, und auf ihr Befragen versicherte er ihr, er wolle ihr einen übrigens ganz unschädlichen Trank bringen, den solle sie ihrem Manne unter sein Abendgetränk mischen und sie werde sehen, daß er im Traume ihr alle seine Geheimnisse verrathen werde. Wie gedacht so geschehen, die unglückliche Frau mischte ihrem Manne das höllische Gebräu und richtig versank er sofort in tiefen Schlaf und erzählte ihr wie im Traume redend den Hergang der Sache, seine Begegnung mit dem Bösen und die Wette, fügte aber hinzu: »er wird die Wette doch nicht gewinnen, denn er wird nie einen Tropfen Wasser in dem Bächlein fließen machen, läßt er nicht von Viertel- zu Viertelstunde ein Luftloch in dem Kanale, und daran wird er nicht denken.«

Am andern Morgen aber, als der Meister kaum hinaus auf den Bau gegangen war, kam auch der fremde Magister wieder und erkundigte sich neugierig, ob denn sein Mittel gewirkt habe. Die schwatzhafte Frau aber bejahete nicht blos diese Frage, sondern erzählte ihm auch haarklein, was er ihr im Traume geoffenbart hatte. Als jener aber vernommen, was er wissen wollte, verschwand er plötzlich mit höhnischem Lachen. Meister Gerhard aber stand inzwischen hoch oben auf des Thurmes Platte und trieb die Arbeiter zu immer eifrigerer Thätigkeit an, denn er sah ein schweres[62] Gewitter aus Abend her über die Stadt heranziehen. Noch regte sich kein Lüftchen, es herrschte eine dumpfe Schwüle in den Lüften, da auf einmal glaubte der Meister ein sonderbares Geräusch zu vernehmen, und wahrlich ein lustiges Bächlein rann heran und zwei Enten schwammen auf demselben und ihr munteres Geschnatter scholl herauf in die Luft. Da erfaßte wilde Verzweiflung den Meister, er stürzte sich hinab von der Zinne des Doms, in demselben Augenblick aber entlud sich das Wetter mit furchtbarer Gewalt, mit wildem Grimm rollte der Donner durch die von allen Seiten durch Blitze zerrissene und wie in einem Feuermeer stehende Luft. Von den Thürmen aber erscholl die Feuerglocke, des Meisters Haus stand in Flammen und mit dem Gebäude gingen auch die meisten Pläne desselben in Feuer auf, und wie sich auch viele seiner Collegen bestrebten, das, was er sich im Geiste aufgebaut, zu errathen und in seinem Geiste herzustellen, es blieb Alles bis auf die neueste Zeit nur frommer Wunsch.

Meister Gerhard aber hält noch in nächtlicher Stunde seinen Gang um den Bau, sich an seinem Werke weidend, das noch Keiner nach ihm zu vollenden vermocht hat. Indeß der böse Feind war schon darüber ergrimmt, daß der Bau wenigstens so weit vollendet war, denn im Jahre 1438 schleuderte er eine der mächtigsten Spitzsäulen durch das Gewölbe der Chorrundung, um die Kapelle der heiligen drei Könige zu zerschmettern, und lange noch zeigte man den Steinblock, in welchen des Bösen Krallen eingedrückt waren. Als Wahrzeichen aber und zur Erinnerung an Meister Gerhards Ende ist er, vom Thurm herabstürzend, an der Südseite des Doms in Stein gehauen zu sehen, wie der Böse ihm nachfährt in Gestalt eines zottigen Pudelhundes.

Der geheimnißvolle Bann scheint aber endlich gehoben zu sein, denn bekanntlich gedeiht der Wiederherstellungsbau des herrlichen Werkes zur Freude aller Frommen und Kunstfreunde und wenn er dereinst vollendet sein wird, da wird wohl auch der spukende Meister die langersehnte Ruhe finden.4

4

Ganz anders ist die Sage erzählt bei Ziehnert, Preußens Sagen Bd. I. S. 288 und bei Kiefer S. 37 etc.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 60-63.
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