49. Die Sage von der h. Ursula und den 11000 Jungfrauen.

[64] (Nach O. Schade, die Sage von der h. Ursula etc. Hannover 1854 in 8. S. 29 etc.)


In christlicher Zeit, als bereits die Enden der Erde sich zu Gott bekehrt hatten, lebte in Britannien ein König mit Namen Deonotus, der getreu alle Bräuche des katholischen Glaubens erfüllte, und also seine Unterthanen regierte, daß er allezeit gedachte, wie er selber wieder Gott unterthänig sein müßte. Er hatte eine Gemahlin, die an Adel und Glanz der Tugenden ihm gleich kam, Beide warteten mit Sehnsucht eines Sohnes, Gott aber schenkte ihnen eine Tochter. Weil sie nun einst wie David den Bären (ursus zu Latein genannt) erschlagen sollte, das ist den Teufel, fügte es Gott, daß sie in der Taufe Ursula genannt ward. In königlichen Ehren erzogen däuchte ihr die Welt doch geringe, vielmehr sann sie dem Gesetze des Herrn nach Tag und Nacht. Außer diesen Gaben des Herzens war sie noch von wunderbarer Schönheit, also daß der Ruf davon in die Weite ging. So vernahm von ihrer Schönheit und ihren Tugenden ein wilder Heidenfürst, der dachte alsbald, wie er sie seinem Sohne vermählen wolle. Er sandte Boten an den Vater der Jungfrau mit reichen Geschenken und noch reicheren Versprechungen, aber auch Drohungen, falls er die Bitte nicht erfüllte. Da sie nun ihr Anliegen dem König Deonotus vorgetragen hatten, schien es diesem unwürdig seine Tochter, die dem himmlischen Bräutigame verlobt war, aus dessen Armen loszureißen und heidnischer Lust unterwürfig zu machen. Auf der andern Seite aber (weil er nicht mächtig genug war, den Heiden zu trotzen) sah er schon im Voraus vor Augen seine Leute gemetzelt, sein Land verwüstet, die Tempel entweiht und die Gläubigen in den Händen[64] der Ungläubigen. Ursulen aber ging das Leid des frommen Königs, ihres Vaters, sehr zu Herzen und wie einst die heilige Judith und Esther, lag auch sie für die Befreiung ihres Vaterlandes in Fasten und Beten die Nächte, daß sie die Worte ihres Bräutigams vernehme, mit dem sie schon eine Seele war. Wie sie nun einst vor Ermattung in Schlummer gesunken war, erleuchtete sie Gott durch ein Gesicht und zeigte ihr den weiteren Gang ihres Lebens, die Zahl ihrer Genossen und die Palme des Märtyrertodes, was alles durch den endlichen Ausgang bewährt ward. Da aber der Morgen dämmerte, kam sie zu ihrem trauernden Vater mit heiterem Angesichte und sprach: »Wirf Dein Anliegen auf den Herrn, der wird Dich versorgen und wird wohl den Gerechten nicht ewiglich in Unruhe lassen. Achte meine Worte für weiser als meine Jahre. Denn der Herr hat mir durch ein Gesicht kund gethan, daß Du und der Jüngling, der meiner begehrt, zehn Jungfrauen durch Adel und Schönheit ausgezeichnet, erleset und einer jeglichen und mir je Tausend, 11 Schiffe rüstet und 3 Jahre Zeit gönnet, nach deren Verlauf geschehe, was des Herrn Wille ist.« Da ward der König erfreut, ließ die Boten kommen und verkündete ihnen, was die Jungfrau forderte und setzte die Frist fest, damit der Königssohn Zeit hätte, durch das Bad der Taufe und Unterrichts des katholischen Glaubens theilhaftig zu werden. Da gingen die Boten fröhlich heim zu ihrem Herrn. Und da der König und sein Sohn ihre gute Botschaft erfuhren, war großer Jubel bei Hofe und im ganzen Lande. Und der Sohn drang in den Vater, daß er ihn alsbald taufen ließe. Und die Jungfrauen wurden auserlesen, zu Hofe geführt und herrlich geschmückt, und die Schiffe bereitet und geziert, und es regten sich alle Hände um die Wette. Bald waren die Fahrzeuge fertig und die Jungfrauen versammelt und man zog, Pinnosa, die edelste der edeln, an der Spitze zur Königin. Da trat die h. Ursula unter das Heer, dankte und lobte Gott und ermahnte die Kampfgenossen zur göttlichen Liebe und Gehorsam. Sie aber lauschten der Rede, erhoben ihre Herzen zu Gott und gelobten, ihren Fahneneid schwörend, Christo und seiner heiligen Lehre Treue. Das Meer war nahe; auf ein Zeichen fliegen sie zu den Schiffen, gehen in die See und beginnen ihre Uebung, bald zusammen, bald wie Krieg, bald wie Flucht. So thaten sie alle Tage, und der fromme König und die Großen des Reichs standen dabei, und das neugierige Volk jubelte zu den jungfräulichen Spielen. So waren drei Jahre mit diesem Vorspiele des Martyriums verbracht und der gelobte Tag der Hochzeit erschien. Da ward Ursulen bange und sie bat ihre Genossen, daß sie an die Thür der göttlichen Barmherzigkeit stärker klopften und ermahnte sie, nicht das Rüstzeug der Keuschheit zu verlieren, mit dem sie drei Jahre dem himmlischen Könige ohne Teufel gedient hätten. Da brachen alle in Thränen aus und riefen gen Himmel, daß die Keuschheit ihrer Königin nicht zu Grunde ginge. Gott aber, der allezeit nahe ist denen, die ihn mit Ernst anrufen, erhörte ihr Flehen. Er ließ einen Wind hervorkommen, der wehte einen Tag und eine Nacht, und sie kamen glücklich und wohlbehalten in den Hafen Tile. Am Gestade, errettet wie einst die Juden vor den Reisigen Pharao's, stimmten sie ihr Brautlied an, das jubelnd zu den Ohren Zebaoths aufstieg. Am andern Morgen stiegen sie wieder zu Schiff und zogen den Strom hinauf[65] und kamen endlich zur Metropole Germaniens (Cölln), wo nun ihre Gebeine in Frieden ruhen. Da erschien der heiligen Jungfrau Ursula im Traume ein Mann mit englischer Klarheit. Deß erschrak sie, aber der Mann tröstete sie und sprach: »Wisse, Tochter, Du sollst mit Deinem Heere gen Rom ziehen, allda beten und wieder hierher kehren in Frieden. Euer keine soll vorher umkommen. Denn hier ist Euch Ruhe bestimmt von Ewigkeit: denn Ihr habt einen guten Kampf gekämpfet und sollt hier die Last Eurer Leiber ablegen und mit der Glorie der Märtyrer ins himmlische Brautgemach eingehen.« So sprach der Mann und verschwand. Als es Tag ward, berief sie die Jungfrauen zur Versammlung und erzählte Alles; sie aber jubelten, daß sie gewürdigt seien, für den Namen Christi Schmach zu leiden. Sie opferten Dankopfer und zogen stromauf bis Basel, banden ihre Schiffe daselbst fest und pilgerten zu Fuße nach Rom. Sie besuchten allda die Tempel der Heiligen wachend und betend und zogen dann dieselbe Straße gen Basel zurück, bestiegen ihre Schiffe und kamen glücklich wieder nach Cölln. Davor lag gerade das Volk der Hunnen. Die Jungfrauen aber stiegen ohne Arg aus, da ihnen die Milde der Einwohner schon einmal kund geworden war. Da stürzten plötzlich die Horden der Barbaren über sie her wie Wölfe in Schafheerden einbrechen und vertilgten eine unsägliche Menge mit unmenschlicher Grausamkeit. Als nun die Würger zur heiligen Ursula kamen, waren sie vom Zauber ihrer Schönheit gerührt und ihr Fürst selber wie vom Blitz getroffen bequemte sich zu schmeicheln und trug ihr an den Besieger Europas zum Gemahle zu nehmen. Die Jungfrau aber gedachte was Gottes ist und wies solchen Bräutigam ab wie den Fürsten der Finsterniß. Da ergrimmte der Heide und befahl sie zu tödten. Von einem Pfeile durchbohrt sank sie zu der herrlichen Schaar ihrer Genossen nieder, der himmlische Edelstein, und abermals getauft in der Taufe des Bluts zog sie mit ihren siegenden Schaaren gekrönt zur himmlischen Burg Cölln, aber die selige und noch seliger durch den unvergleichlichen Schatz sollte durch ihre Befreiung erfahren, wie der Tod seiner Heiligen werth gehalten ist vor dem Herrn. Denn es erschienen den Feinden so viel Reihen Bewaffneter als sie Jungfrauen gemordet hatten, die sie verfolgten und denen sie nicht zu widerstehen vermochten, so daß sie in wilder Flucht alle davon eilten. Da zogen die Cöllner aus den Thoren und fanden die Leichname der Jungfrauen, die sie schon von früher her kannten. Sie verehrten sie nicht wie Menschen, sondern wie Gott in menschlichen Leibern. Sie suchten die zerstreuten Glieder zusammen, bedeckten sie und gruben sie ein, legten andere in Särge und in kurzem (wie es noch heute dort zu sehen) ruhten die Ueberreste der heiligsten Jungfrauen zum ewigen Ruhme Cöllns in Frieden. Seit der Zeit hat es Niemand gewagt im Umkreise der jungfräulichen Grabstätte einen Leichnam zu beerdigen. Eine Zeit nachher aber kam ein gottseliger Mann, Clematius mit Namen, durch göttliche Gesichter ermahnt, gleichsam durch eine Gesandtschaft der heiligen Jungfrauen erregt, aus dem fernen Osten, der eine Kirche zu Ehren der heiligen Jungfrauen erbaute.

Es war aber unter dem heiligen Heere eine Jungfrau Namens Cordula, die hatte sich jenes Tages allein in einem Schiffe verborgen, am andern Tage aber freiwillig mit männlichem Muthe gestellt und war so mit gleichem Ruhme der triumphirenden Schaar der Märtyrer gefolgt. Daran soll Niemand[66] Arges haben, sintemal nicht Petrus der Verleugner, noch Thomas der Zweifler von apostolischen Ehren verworfen sind.

Lange Zeit hernach erschien diese heilige Cordula der frommen Helentrud. Sie war über menschliche Kunst wunderbar gekleidet und trug auf dem Haupte einen Kranz von Lilien mit Rosen durchwebt. Sie sprach: »Ich bin eine der heiligen Cöllnischen Jungfrauen, die den Tag des Triumphes überlebend am folgenden sich freiwillig den Henkern gestellt und in Christo sterbend nicht ihre Genossen verlassen noch die Märtyrerkrone verloren hat. Aber meines Namens wird nicht gedacht. Darum bin ich Dir erschienen, daß man meiner am folgenden Tage sich erinnere.« Da nun Helentrud nach ihrem Namen fragte, antwortete die Heilige, sie solle ihr an die Stirn schauen, da stände er eingegraben. Sie gehorchte, sah und las, und erkannte genau den Namen Cordula.

Um die Mitte des 7. Jhdts. soll nun zuerst der h. Cunibert, Bischof zu Cölln, den Leichnam der h. Ursula durch die Erscheinung einer weißen Taube aufgefunden haben. Ein halbes Jahrhundert später entdeckte man die Gebeine einer andern Jungfrau, der h. Cunera, als aber im Jahre 1106 Cölln belagert worden und die Mauern an mehreren Stellen zum Sturze gekommen waren, die Cöllner aber dieselben nach dem Abzug der Feinde wieder herrichten wollten und deshalb den Grund tiefer ausgruben, siehe da erschienen zwei Jungfrauen in himmlischem Lichte strahlend und ermahnten die Grabenden, daß sie der Stätte mehr Ehrfurcht zollten, in der die Schaar der Eilftausend, zu denen sie selbst gehörten, begraben läge. Als die Kunde dieses Wunders sich verbreitete, strömte das Volk zusammen, man fand mehrere Leichname, die feierlich gehoben wurden, und vertheilte sie an verschiedene Kirchen, selbst nach Belgien. Im Jahre 1123 kam der h. Norbert, der 1120 den Orden der Prämonstratenser gegründet hatte, nachmals aber Erzbischof von Magdeburg ward, ausdrücklich zu dem Zwecke nach Cölln um Reliquien zu suchen. Er setzte den Seinigen ein Fasten an und auf dringendes Gebet erschien ihm eine von der Zahl der 11000 Jungfrauen, gab ihren Namen und ihre Begräbnißstätte speciell an und ward am andern Tage feierlich gehoben und mit andern Reliquien nach Premontré geschafft.

Im Jahre 1155 begann nun die 9 volle Jahre andauernde allgemeine Aufgrabung des St. Ursulafeldes, die die Auffindung und Hebung von Tausenden von Leichnamen des heiligen Heeres zur Folge hatte.5 Diese Ausgrabungen leitete der Abt Gerlach von Deutz und nach ihm der Abt Harbernus. Man fand außer weiblichen Gebeinen aber auch männliche Leichname, Särge und steinerne Täfelchen mit Inschriften, auf denen Namen, Titel und Würden der Märtyrer verzeichnet waren. Als Patronin der Stadt Cölln ist aber die h. Ursula mit ihrer Gesellschaft auf dem linken Flügel des berühmten Dombildes abgebildet. In der nach ihr genannten Kirche sieht man aber ein marmornes Grab, geschmückt mit ihrem Bilde, zu deren Füßen eine Taube sitzt, die, als der vorhin genannte Cunibert im Jahre 640 in dieser Kirche die Messe las, von der Höhe des Chores herabflog[67] und nachdem sie sich mehrere Male auf sein Haupt gesetzt, sich in einer Seitenhalle niederließ, wo sie aber bald wieder verschwand. Das ist dieselbe Stelle, wo man beim Nachgraben ihre Leiche mit einer ehernen Tafel, die die Inschrift Sancta Ursula trug, gefunden hatte.

5

Daß der St. Ursulaacker identisch ist mit dem Marterplatz der Ursulagesellschaft, behauptet noch Wallraf, Ausgew. Schriften. Cöln 1861. S. 71.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 64-68.
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