1191. Der Venetianer.

[963] (S. Ey a.a.O. S. 40.)


Vor Zeiten lebte in Lautenthal ein armer Bergmann, der zwar reich an Kindern war – er hatte deren acht – aber desto ärmer an Geld und Gut. Er quälte sich schwer um das tägliche Brod, schämte sich keiner Arbeit, war fleißig und thätig und ruhte nicht Tag und Nacht, um etwas zu verdienen. Schlechtigkeit mußte ihm aber vom Leibe bleiben, und wenn er auch mit Frau und Kindern hungern mußte, Unrecht that er darum doch nicht. Im Frühjahr holte er einstmals Schilf in einem Waldteiche; als er sich zwei tüchtige Bunde zurecht gemacht hatte, ward er müde und legte sich hin. Es war gerade ein recht heißer Tag und im Schatten der hohen Bäume schlummerte es sich so herrlich. Wie lange er da geschlafen hatte, das wußte er nicht. Er wachte indeß wieder auf, denn es weckte ihn Jemand und siehe da stand ein Mann vor ihm, der war recht freundlich und liebreich gegen ihn und fragte ihn, wie es gehe. Der Bergmann wollte erst nicht recht mit der Sprache heraus, er war noch halb im Schlafe. Der Fremde ward aber immer zutraulicher und der Bergmann schließlich munterer und fing auch an zu sprechen und sagte, »er habe viel Noth; er müsse für acht Kinder Brod schaffen, und dazu sei schlimme Zeit, wenig zu verdienen, da wisse man wol, wie es einem gehe.« Der Fremde sagte: »Wenn Du mir vertrauen willst, so kann ich Dir helfen und Du bist mit einem Male allen Leides ledig!« – »Wenn das Gott gebe«, sagte[963] der Bergmann, »so wolle er ihm auf den Knieen danken, er wolle ja gerne Alles thun, wenn er aus seiner Noth kommen könne, nur müsse er nichts Unrechtes von ihm verlangen.« – »Nein,« sagte der Fremde, »das verlange ich nicht von Dir, Du vertraust mir also unbedingt?« – »Ja, von Herzen gern, wenn Ihr es gut mit mir meint!« – »Das versteht sich von selbst«, sagte der Fremde. »So lege Dich nur wieder hin und schlafe, dann wirst Du sehen, wie's kommt.« Der Bergmann ist noch herzlich müde und denkt auch »im Schlaf kann man nicht leicht sündigen« und schläft ein. Wie lange er diesmal geschlafen hat, hat er wieder nicht gewußt. Als er wieder aufwacht, liegt er auf einem Bette von Sammt und Seide, in der Stube stehen an den Wänden die schönsten Geräthschaften, Kommoden, Tische, Stühle, Kanapees von blankem Holze und mit Sammt überzogen, die hübschesten Spiegel hängen an den Wänden in Goldrahmen, ebenso auch große Bilder mannshoch, als wenn sie lebten. An der Thür stehen zwei Diener in Kleidern, die von Gold und Silber starren, und die gewartet haben, daß er aufwachen soll. Wie nun der Bergmann seine Augen aufgeschlagen hat und sich verwundert über die Pracht und über Alles, was er da sieht, da treten die Diener ans Bett und fragen, ob der Herr gut geschlafen habe. »O ja,« sagt der Bergmann. »Aber meine Herren, wo bin ich denn?« – »In Venedig,« sagt der eine Diener recht ehrfurchtsvoll. »In Venedig?« antwortet der Bergmann, »mein Himmel, wie komme ich denn dahin?« – »Das wird der Herr schon wissen und erfahren,« sagt der andere Diener. »Dürfen wir beim Aufstehen helfen?« – »Ach!« antwortet der Bergmann, »das bin ich nicht gewohnt. Ich kann allein aufstehen.« Er steigt aus dem Bette und will sein Zeug anziehen, das ist aber fort und die Diener ziehen ihm andere Kleider an, viel schönere, und putzen ihn ordentlich heraus, daß er aussieht, wie der vornehmste Herr. Auch hat er sich aus einem silbernen Waschbecken waschen müssen, der Diener reicht ihm in krystallenem Kruge Mundwasser, Alles auf's Beste und Feinste. Der Bergmann verwundert sich in einem fort und schüttelt mit dem Kopfe, er weiß gar nicht, ob denn Alles so in Wirklichkeit ist oder ob er nur träumt. Hierauf fragen die Diener, womit sie ihm aufwarten können. »Ach,« sagt der Bergmann, »ich habe Hunger, ich möchte gern etwas essen!« Gleich laufen die Diener fort und es dauert nicht lange, so bringen sie ihm ein Frühstück, besser kann es der König nicht haben, sie tragen auch auf, daß der Tisch knackt. »Na,« denkt der Bergmann, »wenn Du doch issest und trinkst und satt wirst, so ist es kein Traum!« Er setzt sich hin und ißt und trinkt, bis er nicht mehr kann, denn es schmeckt ihm Alles so gut, wie ihm noch nichts geschmeckt hat, der Braten und das schöne weiße Brod und dazu der starke Wein, der so feurig gewesen ist. Nun wird er dreister und fragt die Diener, wo denn ihr Herr stecke und wer das wäre. Eben wollen ihm die Diener antworten, da kommt der Herr zur Thüre herein und das ist gerade der gewesen, der freundliche und liebreiche Mann, den der Bergmann dort bei Lautenthal gesehen und gesprochen, der ihm gesagt hat, er solle nur wieder einschlafen, dann würde sich's weiter finden. Der kommt auf ihn zu, reicht ihm die Hand und fragt: »Na, wie gefällt Dir es hier?« – »O,« sagt der Bergmann, »wem sollte es hier nicht gefallen, aber meine armen Kinder und meine gute Frau! Eine Bitte hätte ich, sagt mir, wie bin ich hierher gekommen und was habt Ihr mit mir im Willen?« – »Ich will Dich beglücken«,[964] spricht der Herr, »wenn Du mir vertraust. Doch will ich Dir gleich beweisen, daß ich Dich schon lange gekannt habe, daß ich von Deiner Vergangenheit und daß ich Deine Zukunft weiß. Tritt vor diesen Spiegel, darin wirst Du sehen, wie es Dir ergangen ist.« Als der Bergmann davor steht, sieht er sich, wie er seine jetzige Frau als Mädchen fragt, ob sie seine Frau werden wolle; dann, wie er sie als Braut in die Kirche führt und Hochzeit hat; und noch manches andere, was er schon längst vergessen hat, woran er aber gleich wieder denkt und was ihm auch gleich einfällt. Vor Verwunderung kann er kein Wort sprechen. Da führt ihn der Herr zum zweiten Spiegel. Jetzt sieht er, wie seine Frau und Kinder zu Hause weinen, jammern und wehklagen um ihn, denn sie meinen, er sei todt. Das macht den Vater weichherzig und die Thränen laufen ihm über die Backen. Zuletzt muß er auch noch vor einen dritten Spiegel treten. Hier sieht er, wie er mit seiner Familie in großem Wohlstand lebt, dann aber auch, wie er durch Habsucht wieder in Armuth zurücksinkt. »Sieh«, sagte der Venetier, »das Letztere wird nicht geschehen, wenn Du mir folgen willst.« – »Ach, ich will alles thun, was Ihr mir sagt«, spricht der Bergmann, »sagt nur, was ich thun soll.« – »Willst Du noch länger hier bleiben, so steht es Dir frei, willst Du aber nach Hause, so kann das auch geschehen«, spricht der Herr. »Ach ja«, antwortet der Bergmann, »ich will den Meinigen zu Hilfe kommen, ich kann nicht so lange das Elend ansehen, in welchem sie sind. Sage nur, theurer Gönner, wie kann ich helfen?« Darauf erhält er zur Antwort: »Wenn Du nach Hause kommst, so grabe unter dem Baume, der in Deinem Garten steht, ein Loch, zwei Fuß tief, bei Nacht, zwischen eilf und zwölf Uhr. Dann wirst Du darin eine gelbe Erde finden, davon drücke Dir jedesmal zwei Kugeln, so groß, daß Du sie mit beiden Händen umspannen kannst, und trage sie nach Goslar und verkaufe sie an den Goldschmied. Du darfst aber nicht mehr als die Woche zweimal zwei Kugeln machen und verkaufen. Machst und verkaufst Du mehr, so ist es Dein Unglück. Sieh, hier will ich Dir auch noch etwas machen, das Dir gleich auf die Beine hilft. Hier habe ich eine Erdart, und da mehrere Flüssigkeiten, wenn ich davon etwas auf die Erde gieße, nur ein Paar Tropfen, und drehe dann in der Hand Kügelchen daraus, so entstehen die schönsten Edelsteine.« Er probirt es und giebt die so gemachten Edelsteine, die leuchten wie eine Sonne, dem Bergmann zum Andenken und sagt, »wenn Du nach Goslar kommst, so bekommst Du schweres Geld dafür!« Der Bergmann bedankt sich mit Thränen im Auge aufs Herzlichste dafür, wickelt sie recht sorgfältig ein und steckt sie in die Tasche. »Nun«, spricht der Venetianer, »komm und laß uns noch ein wenig spazieren gehen. Du mußt doch auch sehen, wie es in Venedig ist.« Des Abends spät kommen sie erst wieder nach Hause und der Bergmann weiß gar nicht mehr, was er alles Schönes und Herrliches gesehen hat. Der Herr wünscht ihm gute Nacht. Die Diener sind dem Bergmann beim Ausziehen wieder behilflich, er muß sich wieder in das schöne Bett legen und ist gleich vor übergroßer Müdigkeit eingeschlafen. Als er am andern Morgen aufwacht, liegt er wieder unter der Tanne. Erst meint er, er habe geträumt, greift daher gleich in die Tasche, da stecken aber die beiden Edelsteine, die der Venetianer ihm gemacht und geschenkt hat. Nun packt er gleich auf, und geht nach Goslar, verkauft sie und bekommt dafür schweres Geld. Jetzt[965] macht er, daß er damit nach Haus kommt. Wie er in die Hausthür tritt, da stürzen ihm Frau und Kinder vor Freuden entgegen, hängen sich an seinen Hals, an seine Hände und Beine, daß er erst gar nicht zu Worte kommen kann. Dann geht's ans Fragen, ob er auch Geld mitgebracht habe, sie wären alle hungerig, fast zum Verhungern. Nun wird gleich fortgeschickt und Fleisch und Brod gekauft und das erste Mal nach langer Zeit können sich Frau und Kinder satt essen. Das ist eine Freude und ein Jubel gewesen, wie nie zuvor. Des Abends geht der Bergmann zwischen eilf und zwölf Uhr in den Garten und findet Alles so, wie es der Venetianer gesagt hatte. Lange Jahre ist der Bergmann folgsam und genügsam gewesen und ward ein grundreicher Mann, doch am Ende fährt ihm der Geizteufel in den Kopf, er macht in einer Woche zum dritten Male Kugeln und bringt sie nach Goslar. Als er mit voller Tasche zurückkommt, wird er müde, er mag wollen oder nicht, er muß sich unter eine Tanne legen und schläft ein. Da erscheint ihm der Venetier, weckt ihn auf und spricht: »Siehst Du, jetzt wirst Du wieder arm werden, wie Du früher gewesen bist. Das hast Du von Deiner Habgier!« und damit verschwindet er. Und so wie er gesagt hat und wie es der Bergmann in dem Spiegel gesehen hat, so ist es auch gekommen. Er hat noch am Ende verhungern müssen.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 963-966.
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