981. Das Kloster zu Rulle.

[822] (S. Raven in d. Mittheil. d. hist. Vereins zu Osnabrück Bd. I. S. 264. Poetisch behandelt v.J. Crane, Sagen des Hase-Thales. Osnabrück. 1854, in 12. S. 25 etc.)


Wenn man von Osnabrück her aus dem Hasethore über den Stettefluß durch die Bauerschaft Haste geht, so kommt man zunächst auf den Haster Berg, von wo man eine sehr weite Aussicht hat. Nach Norden zu erblickt man, umgeben von wenigen Häusern mit rothen Dächern, zwischen Wald und Wiesen und Ackerland eine nicht sehr große Kirche mit zwei Thürmen. Um dorthin zu gelangen, geht man da, wo der Lechtinger Bach und die Ruller Fluth, welche später die Stette bilden, nur durch eine schmale Wiese getrennt sind, über zwei hölzerne Stege in einen dunklen Wald von hohen schlanken Buchen, und nicht gar weit, am Ausgange des Waldes nach Westen, liegt hinter einer hohen Mauer jene Kirche mit den beiden Thürmen. Sie war früher als Klosterkirche mit dem der h. Jungfrau geweihten Nonnenkloster Rulle, von welchem noch ein Flügel übrig ist, verbunden. Von diesem Kloster giebt es aber noch drei Legenden, welche also lauten.

Das Kloster zu Harste (jetzt Haste) war durch eine zufällig entstandene Feuersbrunst in Asche gelegt worden, und es geschah nun Alles, um möglichst bald dasselbe wieder aufzubauen. Aber siehe, auf einmal ward das auf dem Boden des abgebrannten Klosters zusammengebrachte Holz für das neue Gebäude am andern Morgen auf dem Platz zu Rulle, wo das Kloster noch steht, durch göttliche Einwirkung zusammengestellt gefunden. Deswegen ist im Jahre 1244 am Geburtstage der h. Jungfrau das Kloster von Harste nach Rulle versetzt und unter dem Probste Conrad und der Aebtissin Mechtilde bestätigt, daneben auch mit einem besonderen Privilegium vom Papst Alexander begnadigt worden.

Im Westen der Kirche liegt ein Brunnen, unmittelbar vor den Trümmern des Klosters; er ist mit einer Mauer umgeben und es führen zu[822] seinem Wasser, das sich durch einen offenen Graben in einen Teich ergießt, mehrere Stufen hinab. Derselbe führt den Namen Marienbrunn von folgender Begebenheit. Als es nämlich durch Gottes Willen geordnet war, daß das Kloster Rulle auf dem Platze stehen sollte, den es nachher einnahm, fanden sich zwar viele gute Herzen, welche dieses heilige Werk fördern halfen, allein es gab auch viele mißgünstige Leute, welche nicht einwilligen wollten, daß das Kloster auf diesem Platze stände und nicht aufhörten, ihr Vieh und ihre Schafe dort zu weiden. Nun war aber ein Hirt bei den Schafen, welcher stumm und taub geboren war. Als dieser mit seinen Schafen auf den Platz kommt, wo jetzt der Brunnen ist, da findet er einen schönen rothen Stock, auf welchem mit goldenen Buchstaben geschrieben war: »Marien-Brunn.« Der Schafhirt zieht den Stock heraus, da entspringt der Brunnen und alsbald bekommt der Schäfer seine Sprache und sein Gehör. Als dies bekannt geworden war, da haben die Leute ihre Einwilligung dahin gegeben, daß das Kloster hier sollte auferbaut werden; nach der Zeit ist hier vielen Kranken, Lahmen, Blinden und Andern geholfen worden und es werden noch bis auf den heutigen Tag hier Viele gesund.

In der Kirche findet sich noch heute ein altes Bild (copirt bei Raven a.a.O.), an dessen vier Ecken viermal die Zahl 1347 angebracht ist. Man erblickt darauf im Hintergrunde das Kloster, im Vordergunde die Geistlichkeit mit den Nonnen und der Gemeinde neben einer auf Grashalmen sich erhebenden, von drei Kerzen eingeschlossenen Büchse knieen und von Wallfahrern getragene Fahnen mit dem Zeichen des h. Kreuzes in der Luft wehen. Auf der linken Seite sieht man bereits die Kapelle, welche an dem Platze, wo man die Büchse fand, später erbaut ward, und eine Prozession, welche aus dieser Kapelle in die Klosterkirche zieht. Weiterhin an der Ostseite der Kirche, da wo jetzt der schöne Buchenwald sich befindet, am Rande des Gehölzes und in demselben steht eine Reihe von Zelten und Buden, was auf den nachmals so berühmten Wallfahrtsort Bezug hat. Dieses Bild soll eine Begebenheit versinnlichen, welche auf einer Pergamenttafel vom Jahre 1538 erzählt wird, die früher zu Rulle in der Jungfrauenkirche am Hochaltar gehangen haben soll, sich jetzt aber im Archive der Landdrostei zu Osnabrück befindet. Sie lautet in hochdeutscher Uebersetzung also:

»In dieser Weise ist hier auf dieser Stätte zu Rulle gefunden das wahre, heilige und theure Blut unsers lieben Herrn Jesu Christi, wie hiernach geschrieben steht. Die Büchse, welche Ihr noch heutzutage sehet, worin der h. Leib und das theure Blut unsers lieben Herrn Jesu Christi sich befindet, die war gesetzt auf den Altar auf ein seidenes Kissen. Und die Jungfrauen des Klosters wollten eine Gabe sich erbitten, wie sie denn auch wirklich thaten, und wollten eine Monstranz machen lassen. Dazu gab denn ein jeglicher guter Mensch etwas, beides, Silber und Gold, was ein Jeglicher vermochte und was ihm Gott in sein Herz sandte. Es kamen aber böse, aus Herzensgrund verkehrte Leute; die sahen das Silber und das Gold um die Büchse hängen, und stahlen die Büchse und trugen sie so weit vom Kloster weg, auf die Stätte, da jetzt die Kapelle steht; und das Silber und das Gold wurde davon genommen und die Büchse wurde verborgen unter einen Dornenbusch. Da geschah es, daß vierzehn Nächte nach der Zeit, daß die Büchse verloren war und die Leute zur Kirche gingen, diese[823] drei schöne Kerzen sahen, welche dort standen und brannten. Deshalb gingen die Leute zu dem Herrn, der hier Verwalter war, und zu der Versammlung der Jungfrauen und sagten ihnen, was sie gesehen hatten. Da dachten sie alsbald, ob dort das Sacrament nicht verborgen wäre. Als sie dann auf die Stätte kamen, wo nun die Kapelle steht, da fanden sie die Büchse, hoch erhoben über der Erde, stehend auf drei Grashalmen. Und um dieses großen Wunders und Zeichens willen mochte es Niemand wagen, die Büchse anzufassen. Sie sandten aber Boten in die Stadt an das Capitel und zu den weisesten Lehrern aus der Geistlichkeit und andern Meistern in der Schrift, die sie finden konnten. Da kamen mit der Gemeine die Geistlichen und gingen mit den Jungfrauen hin, alle in einer prächtigen Prozession, an die Stätte zu der Büchse, und sahen da Gottes Macht und Kraft an der Büchse, da sie die Büchse aufthaten. Da hatten sich verwandelt fünf Hostien in fünf Stücke Fleisches, und die Büchse war ganz voll klaren Blutes, daß sie mochte übergehen. Als nun die Herren das sahen, daß sich die fünf Hostien also verwandelt hatten in Fleisch und Blut und sahen auch die Büchse stehend auf drei Grashalmen, da ward ein großes Weinen und Schreien unter der Geistlichkeit und dem gemeinen Volke. Und sie nahmen die Büchse auf mit großer Ehrfurcht und brachten sie wieder in das Kloster. Und die weisesten Herren kamen zusammen und belehrten sich unter einander und konnten es nirgends beschrieben finden, was sie mit dem Fleische möchten thun, das da floß drinnen in dem Blute Christi und das sich also wahrhaftig verwandelt hatte in dem heiligen Sacramente unsers Herrn. Sie nahmen aber einen Priester, der überredete sich, daß er das Fleisch verzehrte; und derselbe starb am dritten Tage. Und es that manches schöne Zeichen das heilige Blut, also daß hier großer Ablaß war und daß hier eben so große Wallfahrten waren, als sonst in diesem ganzen Lande. Danach, als diese Wallfahrten so überaus groß wurden, da kamen böse, niederträchtige Leute, aus Abgunst ihres Herzens, und nahmen das Caporal von dem Altare, steckten es in die Büchse und wischten das wahre Blut hinein und steckten das blutige Caporal in vielen Stückchen in den Altar, auf daß sie das heilige Blut vertilgen möchten. Dann nahmen sie die Büchse und schabten sie an der einen Seite so dünn, daß man hindurchsehen konnte, wie durch ein Glas. Aber das Blut darin wollte nicht weg, das Ihr noch heutzutage sehet, und das blutige Caporal in dem Krystalle ist das wahre theure Blut, wie es vom Leibe Christi floß. Also ist hier fürwahr und gewiß das heilige Blut zweier Wege; und es that manches schöne Zeichen, welches zu lang zu beschreiben wäre, wie es noch heutzutage und alle Tage thut an einem jeglichen guten Menschen, der es mit Innigkeit seines Herzens anruft. Und es ward gefunden nach Gottes Geburt im Jahre 1347 des Sonntags vor St. Martin und zu Zeiten eines Propstes, geheißen Wedekindus von Rakinghausen und zu Zeiten der edelen Frau Adelheide von Diepholz, Aebtissin in Rulle; denen Gott gnädig sei, Amen!«

Durch die Wunderzeichen nun, welche zu Rulle durch die Kraft des heiligen Blutes geschahen und meist in Hilfe bei Kindesnöthen, Blutungen, Augenkrankheiten und Blindheit, Lähmungen, Sprachlosigkeit und Stummheit, wider böse Geister, die fallende Sucht, Auszehrung und Verrücktheit bestanden, aber freilich sich auch noch weiter erstreckten – denn einmal bekam eine[824] Mutter, die ihre Kinder durch den Tod verloren hatte, dieselben wieder, und ein anderes Mal (1622) ist ein verstorbener Knecht seinem bei Verden wohnenden Bruder erschienen, begehrend, er möchte selbst für ihn mit einem Opfer nach Rulle gehen und eine Messe lesen lassen, so werde er zum Angesichte Gottes zugelassen und vom Fegfeuer erledigt werden, so auch verrichtet worden ist – ist dieses Kloster in großen Ruf gekommen, also daß alljährlich am ersten Mai und am Freitag vor Pfingsten eine unzählige Menge Menschen dort zusammenströmten, um der Prozession, welche durch die benachbarten Felder, Fluren und Wälder zog, beizuwohnen und der Wunder des heiligen Blutes und des heiligen Brunnens theilhaftig zu werden. Die Menge der Wallfahrer zog denn auch bald Krämer und Schenkwirthe herbei, welche in Buden und Zelten ihre Waare feilboten, aber damit kam auch viel liederliches Gesindel dahin, so daß der daselbst nach und nach immer mehr getriebene Unfug den Erzbischof von Köln, Maximilian Friedrich, veranlaßte, am 6. Febr. 1784 ein Verbot, welches diese Wallfahrt sehr beschränkte, ergehen zu lassen. Die alte Kapelle wurde im Jahre 1819 niedergerissen, aber die Wallfahrt, bei welcher die Wallfahrer von Meppen nach altem Herkommen allen andern vorgehen, zählt noch immer an jenen genannten Tagen gegen 2000 andächtige Theilnehmer.153

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S. Nugae venales Rullenses, d.i. Rullische Fragen, entdecket von Parrhasio Alethe. o.O. 1707. in 12. (S. Unschuld. Nachr. 1707. S. 905 etc.)

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 822-825.
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