Todesahnung

[319] Hoch über Innsbrucks Thalgrund, auf einem Felsenstück

Saß Kaiser Max ganz einsam, mit still gesenktem Blick,

Die Armbrust an der Seite, im grünen Jagdgewand,

Und auf dem leichten Hütlein Gemsbart und grünes Band.


Horch, alter, wackrer Schütze, und hört es nicht dein Ohr?

Der Jagdgenossen Rufen, des Trosses Jubelchor!

Auf, auf! und siehst du's nimmer, wie dort der Gemsbock springt,

Daß von den Eisenklauen der harte Felsen klingt!


Wie regungslos und ruhig der greise Jäger sitzt!

Die grauumlockte Stirne sanft auf die Hand gestützt,

Das Auge bald hinunter starr auf die Stadt gebannt,

Bald wieder fernhin schweifend durchs weite Tyrolerland.


Die Gemsen kommen näher und weiden rund um ihn,

Bald lagern sie als Heerde sich rings im weichen Grün

Und sehn mit schwarzen Aeuglein ihn traut und furchtlos an:

Du thust uns wohl kein Leides, du alter kranker Mann!
[319]

Max pflückt von seinem Hute Gemsbart und Seidenband

Und läßt die schmucke Armbrust entsinken seiner Hand:

»Leb' wohl, du lust'ge Zierrath, verweh' nun durch die Luft!

Leb' wohl, du treue Büchse, ruh' in des Thales Gruft!


Du Wonne meiner Jugend, kühnkräft'ge Weidmannslust,

Auch du kannst mir jetzt nimmer erfreun die welke Brust;

Denn ach, ich fühl's, ich selber bin ein gehetztes Wild,

Der Tod der grimme Scharfschütz, deß zielend Rohr mir gilt.«


Und als der Kaiser wieder heim in die Hofburg kam,

Da streckt' er auf das Sammtbett die Glieder, müd' und lahm:

»Heda, Freund Kellermeister, und schenkt mir hurtig ein

Dort den kristallnen Becher mit bestem Rheinfallwein.«


Max nippt am vollen Kelchglas mit herbverzognem Mund:

»Hinweg dieß saure Tränklein! den Gaumen beizt mir's wund!

Am Blocksberg scheint's gewachsen, doch nicht am lauen Rhein;

Füllt mir den zweiten Becher mit allerbestem Wein.«


Max nippt am zweiten Becher und wirft ihn, zornerglüht,

Zu Boden, daß er splitternd rings goldne Tropfen sprüht:

»Ha, leb' ich euch zu lange, wollt ihr mich todeskrank

Und schnell mein Blut vergiften mit solchem Höllentrank?«


Schon blinkt der dritte Becher voll Weines hell und klar,

Daß jedem Zecherherzen schon Lust der Anblick war,

Wie hell in duftigen Perlen der Born im Glase schwoll

Und leuchtend durchs Kristallhaus gleich flüssigem Golde quoll.


Der Kaiser faßt das Kelchglas und nippt zum drittenmal

Und stellt gleich vor sich nieder verdrießlich den Pokal:

»Der Trank ist herb und schneidend wie bittres Schierlingskraut,

Als hätt' aus giftigem Unkraut ihn Satan selbst gebraut.«
[320]

»Beim Himmel!« rief kopfschüttelnd der Kellermeister drauf,

»Kein edleres Gewächse sproßt' je am Rheinstrand auf;

Seht nur den Wein, wie duftig! Wie hell er blinkt und blitzt!

Der ist vom besten Fasse, darauf die Katze sitzt.«


Max aber murmelt leise: »Der Mann hat wahrlich recht,

Der Wein ist gut und edel, der Trinker nur ist schlecht!

Kein Trank mehr will mir munden, kein Brod behagt mir gut,

Mir frommt nur eine Nahrung, nur Christi Leib und Blut!«


Und sinnend schritt der Kaiser nun aus der Burg hinaus;

Nicht ferne läßt er bauen ein prächtiges neues Haus,

Nun will er sich's besehen, ob schon das Werk gedeih',

Wie weit vom wackern Meister der Bau gefördert sei.


Und ringsum wallt er prüfend und ruft dann scheltend aus:

»Ihr Männer, ei was baut ihr da für ein Schneckenhaus!

Die Säulenschaar wie winzig! wie enge Hall' und Saal,

Und dunkel wie ein Kerker, gemieden vom Tagesstrahl!«


Der Meister zog das Käppchen: »Erhabner Herr, verzeiht,

Kein schöner Haus, Gott straf' mich, steht in der Christenheit

Die Säulen hoch wie Cedern, der Saal hell wie der Tag,

Die Wölbung fest wie Felsen und leicht wie Laubendach.«


Da lispelt still der Kaiser: »Der Mann hat wahrlich recht,

Es ziemt ein winzig Häuschen dem winzigen Geschlecht;

Den Bau doch eurer Hände kann ich mit Lust nicht schaun,

Drum eine bessre Wohnung will ich mir selber baun.«


Drauf winkt er einen Schreiner ganz insgeheim zu sich:

»Auf, Meister, auf, und zimmert flink einen Sarg für mich,

Schließt wohl in eine Truhe den Eichensarg dann ein,

Und bringt zur Burg mir heimlich den fertigen Todtenschrein.«
[321]

Den Sarg stellt Max zum Bette, wenn Schlaf sein Aug' beschlich,

Und mußt' er auf die Reise, den Sarg nahm er mit sich;

Oft lispeln leise fragend die Höflinge sich zu,

Was wohl für Schätze berge die seltne Eichentruh'.


Einst saß im Abenddunkel Max vor dem Sarg allein

Und sprach mit dumpfer Stimme ins dunkle Haus hinein:

»Ei, vielgereister Ritter, die Herberg' winkt dir schon,

Ei, thronenreicher Kaiser, sieh hier den letzten Thron!


In dich, du Haus des Todes, begraben und versenkt

Sei'n all die eitlen Flitter, die mir die Welt geschenkt!«

Was rings an edlen Schätzen manch schmucker Schrein verbarg,

Faßt er nun bitter lächelnd und senkt es in den Sarg.


Den reichen Purpurmantel und Kron' und Edelstein,

Und goldne Kett' und Zepter versenkt er tief hinein;

Da flog von rückwärts plötzlich ein Schellenhut dazu,

Der schwere Eisendeckel fiel donnernd auf die Truh'.


Aufsprang ergrimmt der Kaiser und wandte sich zurück,

Da stand Kunz von der Rosen vor ihm mit fleh'ndem Blick,

Doch Max stand flammenäugig und rief in Zorneshast:

»Fort! hebe dich von hinnen, langweil'ger, blöder Gast!«


O armer, treuer Kunze, wie brach dir jetzt das Herz,

Wie schnitt dir durch die Seele der größte, herbste Schmerz!

Ach, wie dein altes Auge von bittren Thränen quillt,

Und wie dem grauen Burschen die Brust von Seufzern schwillt!


Der Kaiser sieht ihn weinen, er sieht's mit innrer Qual,

Durch seine Seele leuchtet der Reue milder Strahl,

Sein jähes Wort verwünscht er und rief's nun gern zurück

Und stürzt an Kunzens Busen mit feuchtem Wehmutblick:
[322]

»Vergib! Jetzt fühl' ich's doppelt, bald mach' ich ew'ge Rast!

Denn Alles, was mit Freude, mit Lieb' ich sonst umfaßt,

Ein Weltmeer voller Trümmer liegt's jetzt mir ausgespannt,

Selbst deiner Treue Anker schien morsch in meiner Hand.


Der Baum, der nicht den Boden, der ihn gebar, mehr liebt,

Die Erde, die ihm Nahrung, der Thau, der Trank ihm gibt,

Die Lüfte, die des Mittags ihm sanfte Kühlung wehn,

Ein solcher Baum, beim Himmel! kann nimmer lange stehn.«


Da schlich der Mond ins Zimmer und sah, wie Hand in Hand

Mit Kunz, dem Vielgetreuen, der alte Kaiser stand,

Und sah zwei edle Häupter, ergraut allbeide schon,

Vom Schellenhut das eine, das andre von der Kron'.


Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke,Band 1–4, Band 3, Berlin 1907, S. 319-323.
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Ausgewählte Ausgaben von
Der letzte Ritter
Sämtliche Werke 5: Der letzte Ritter. Spaziergänge eines Wiener Poeten. Herausgegeben von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]

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