Ein Märchenerzähler in Irland

[296] »In Shannon's Fluth, am Feenpalaste,

Ist Gold das Dach und Kristall die Wand,

Die schlanken Säulen sind silberne Maste,

Und jede Scheib' ein geschliffner Demant.

Nun horcht fein auf, ihr Jungen!«


An Shannon's Bord steht, Einsturz drohend,

Ein Bau von Erde, wie für den Dachs

Am Boden ein Bündel Reisig lohend,

Da wohnt der arme Pfeifer des Sacks.

Und weiter erzählt er den Kindern:


»Holdselige Fee aus Königsgeschlechten!

O Schönheit von Erins Blut und Schlag!

Schwarz ist ihr Haar, wie sein Himmel in Nächten,

Blau ist ihr Aug', wie sein Himmel am Tag.

So seid doch still, ihr Jungen!«


Sein krankes Weib, in Lumpen zerrissen,

Besänftigt schwer den Säugling, der schreit;

An Mutterbrüsten schon darben müssen!

Entbehrung fürs Leben lernt er bei Zeit!

Und weiter fährt der Spielmann:
[297]

»Und Elfenkinder, rothwangige Kleine,

Gar liebliche Pagen, dienen der Fee,

Ihr Wort ist Gesang, wie des Vogels im Haine,

Ihr Leib ist Glanz, wie der Weihnacht Schnee.

So haltet Fried', ihr Jungen!«


Am Schopfe zerrt der rothköpfige Harry

Den pockennarbigen Jack, wie im Krampf,

Dazwischen heult die schielende Mary;

Um eine Kartoffel ein Zwergenkampf!

Und weiter fährt der Alte:


»In ewiger Jugend der schönste Ritter

Der holden Fee zu Füßen sitzt,

Von selbst ertönt ihm zur Seite die Zither,

Er schlummert, auf ihren Schooß gestützt.

Was stöhnt ihr nun, ihr Jungen?«


Ein Schnarchen der Kinder um die Wette!

Nach hitzigen Schlachten Waffenruh!

Der Pfeifer selbst auf die harte Stätte

Sinkt todesmatt, als sänk' er zur Truh',

Und fällt in Schlaf und Träumen:


Er ist verwandelt! Er selbst der Ritter,

Der zu den Füßen der Feie sitzt!

Von selbst ertönt ihm zur Seite die Zither,

Er schlummert, auf ihren Schooß gestützt,

Schlägt auf zu ihr die Augen:


»Holdselige Fee, das war ein Bangen!

Welch böser Traum! Noch bebt mein Leib!

Die sanften Elfen unbändige Rangen!

Ein Bettler ich, du ein häßlich Weib,

Ein Dudelsack die Zither!
[298]

Gottlob, daß ich nun Wahrheit schaue,

Der Alpdruck bösen Traums verging!

Wahrheit ist dein Aug', das süße, blaue,

Wahrheit am Tisch Rostbeef und Pudding,

Wahrheit ja Ale und Porter!«


Wie er an ihren brennenden Lippen

So selig des schnöden Traums vergißt!

Wie schwelgt und praßt er! Kein halbes Nippen!

Ein voller Zug, der ganz genießt

Die herrlichen Feengaben!

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 1, Berlin 1907, S. 296-299.
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Gedichte
Sämtliche Werke 2: Gedichte. Hg. von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]
Sämtliche Werke 4: Jugendgedichte. Gedichte früherer und späterer Zeit. Ungedruckte Gedichte. Hg. von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]

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