Strom

[139] Das Bächlein lärmt, ein spielend Kind am Pfad;

Mit Lasten zieht der mächt'ge Strom indessen

Unhörbar fast, geräuschlos und gemessen,

Schweigsam dahin, ein Mann der Pflicht und That.


Sein Wort: das Brausen ganz nicht zu vergessen

Mahnt ihn des Frachtschiffs Kiel, des Dampfers Rad;

Doch lauter tobt der Werkfleiß am Gestad',

Des Marktes Ruf, Getös von Hämmern, Essen.


Nur wenn das Tagwerk ruht, lautlos die Menge,

Erhebt der Strom die Stimm': ein heilig Rauschen!

Durch schweigend Dunkel zieht's wie Orgelklänge;


Vernehmbar sei's nur für die reinen Sterne

Und für die ernste Nacht! – Doch ihm auch lauschen

Mit Stern und Nacht schlaflose Träumer gerne.

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 2, Berlin 1907, S. 139-140.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
In der Veranda
Sämtliche Werke 3: In der Veranda. Hg. von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]
In der Veranda
In Der Veranda: Eine Dichterische Nachlese (German Edition)