Bei Radetzky's Bestattung

[75] 1858.


»Die Meinungen der Zeit verschlingt die Zeit, was aber alle Zeiten groß genannt haben, steht unerschüttert in jedem Wechsel.«

Radetzky's Wiener Ehrenbürger-Diplom.


Der Friede sei mein Wort, die Palme sei mein Zeichen!

Den Lorber, blutgedüngt, umkreist ein Duft von Leichen,

Der Degen wäscht sich blank in Thränen und in Schweiß;

Doch dieser Lorber wuchs im schatt'gen Palmenhage,

Des Heiles Zeichen ward auf diesem Sarkophage

Der Lorberzweig gekreuzt mit einem Palmenreis.


Bei diesem Schwert, noch feucht von warmer Dankeszähre,

Versöhnend liegt ein Stab, – nicht jener schicksalschwere,

Der Schlachtenwetter lenkt, der ehrne Marschallstab, –

Ein schönrer auch, der einst die edle Fieberkranke

– Dich, Austria! – gestützt, daß sie dem Fall entwanke,

Dem Taumel, der sie zog ans schon gegrabne Grab.
[76]

Im schwarzverhangnen Saal entströmt den tausend Kerzen

Ein Licht so hell als mild; – o daß es in die Herzen

Die Größe dieses Manns uns schrieb' in goldner Schrift!

Der Friede sei mein Wort; doch wollt und müßt ihr schlagen,

Dann lob' ich guten Hieb, dann preis' ich kühnes Wagen,

Den Schild der fester hält, den Arm der besser trifft.


Nicht, daß er Wälschlands Schwert entrang der Faust des Sarden

Und jenen Eisenreif, das Kleinod der Lombarden,

So stolz die That, sie macht allein ihn nicht so groß;

Der Steuermann umschifft in Stürmen kühn die Syrte,

Den eingebrochnen Wolf verscheucht ein guter Hirte,

Der treue Vogt beschirmt vor Raub des Burgherrn Schloß.


Er stand vor größerm Feind einst in des Weltkampfs Schranken,

Ein tausendgliedrig Heer bewegte sein Gedanken,

Wie jeden Mörserpark, wie jeden Reiterarm;

Auch das erhob ihn nicht so hoch aus Heldenschaaren,

An Tapfern und Getreu'n, an Kämpfen und Gefahren,

An grünen Kränzen war mein Oesterreich nie arm!


Der Glaube macht' ihn groß, – nicht nur der Jenseitsglaube,

Der sonnentrunkne Flug, verbrüdernd Aar und Taube, –

Ein Diesseitsglaube war's, doch drum nicht minder schön,

Der Glaube, den wir all', ich sag's mit Schmerz, verloren,

Als selbst die Besten frei von Schuld nicht, weise Thoren

Und wache Träumer, – Er doch schritt im Licht der Höhn!


Es stand ein Feind vor ihm, ein schlimmrer Feind im Rücken:

Die Heimat selbst, zerfleischt von Wahn und Zwiespalts Tücken![77]

Verrath und Ohnmacht dort, wo er die Rettung hofft,

Wo sie fürs All, nur nicht fürs Vaterland, entbrannten

Und tanzten um ein Bild, das sie die Freiheit nannten, –

Die alte Tyrannei trägt neue Larven oft.


Die Räthe ohne Rath, von Greisenart die Jungen!

Sie sahn mit stumpfem Sinn die Würfel schon geschwungen

Zum Spiel um dein Gewand, zerrissnes Kaiserreich!

Da hat den Glauben Er an Oestreich festgehalten,

Der sprühte in sein Schwert, der machte jung den Alten,

Da war sein leuchtend Herz der Stern von Oesterreich.


Durch Güte ward er groß, durch Menschlichkeit und Milde!

Zwar war's ein festes Herz, kein biegsam Wachsgebilde;

Der Feldherr wie der Fürst bedarf ein Herz von Erz,

Das manchen Schlag und Brand ertrag' in starrem Gusse;

Der rechten Hochglut braucht's, dann rollt in goldnem Fluße

Wie herrliches Metall, solch' schmelzend Eisenherz.


Du, Mailand, kennst dieß Herz! Du sahst, den du verrathen,

Im Wetterleuchten nahn, im Sturmschritt seiner Thaten;

Da auf dein zitternd Haupt legt' er Verzeihn und Huld.

Am Kaiser Rothbart so verbrachen deine Ahnen;

O möge dieser Sarg an jene Zeit dich mahnen,

An ungleich Strafgericht und an die gleiche Schuld!


In deinem Schutte stampft des Siegers wilder Renner;

Da knien, das Henkerschwert im Nacken, deine Männer,

Den Strick am Hals, das Haupt gefurcht von Noth und Gram,

Sühnkerzen in der Hand, am Leib das Büßerhemde,

Das Leben zu erflehn, das bittre Brod der Fremde;

Das war die Rache, die der Hohenstaufe nahm.
[78]

Daß rings die Fluren blühn, die deine Seide spinnen,

Dir Kunst und Werkfleiß krönt die ungebrochnen Zinnen;

Daß jetzt im Prunkpalast, in Scala's Logen dann,

Auf euren Zauberseen, in seinen Marmorvillen

Ihr Enkel jenem Bild nachsinnen kann im Stillen,

Das ist die Rache, die der Todte hier ersann.


In Schweigen trauerst du; doch an die Sargwand klopfen

Der Liebe Salven laut, die schweren Thränentropfen,

Die Volk und Krieger weint, des »Vaters« nun beraubt.

Traun, solche Lieb' und Macht im Volk kann nur gewinnen,

Wer mit dem Herzen steht im Volke mitten innen,

Doch aus der Schaar empor ragt mit dem ganzen Haupt.


Wo er als Wächter stand, fern an der Landespforte,

Dort sank der Marschallgreis mit einem Feldherrnworte:

»Den Rückzug tret' ich an! Lebwohl, du Kriegerschaar!«

Nicht dort am Ländersaum sein Leib gebettet werde,

Er will den Schlummerpfühl von deutscher Heimaterde

Im Herzen dieses Reichs, deß Herz er selber war.


Ein Rückzug war's, so schön wie wenig Siegesfeiern,

Als er aus Mailands Thor im Sarg mit schwarzen Schleiern,

Mit Siegesfahnen zog und Helden seines Kampfs,

Und vom Tessin bis fern an die Karpathenhänge

Hinrollte Donnergruß und zogen Glockenklänge,

Und überm Zuge hoch die Säule weißen Dampfs!


So schwebte feierlich die dunkle Bundeslade

Durch das Lombardenfeld, die alten Siegespfade,[79]

Dann durch den blauen Golf, das schöne Dogenlehn.

Sie sahn im Sonnenduft mit blanken Gletscherzinken

Tyrol, das Land der Treu, von fern bedeutsam winken

Und fühlten Geistergruß aus Heldengräbern wehn.


Durch Krain und Steier dann. Aus den metallnen Gleisen

Und aus den Bergen klang der Tapfern Lust, das Eisen;

Im Ost war Ungarns Haupt ihm huld'gend zugekehrt.

Das alte Wien umhängt mit Flor die Mauerkrone,

Den Trauerschleier trägt die Anmut auf dem Throne,

Den Sarg des Dieners ehrt gesenkt ein Kaiserschwert.


Doch nordwärts zieht der Held; er grüßte noch von ferne

Sein klangvoll Böhmerland, die Heldenmutter, gerne,

Die Väterburg, wo einst sein Wiegenlied geschallt.

Jetzt stehn am Ziel gereiht Kolonnen und Standarten,

Dort winkt das Mal des Ruhms, der Heldenberg, der Garten,

Des Feldherrn Ruf gebeut zum letztenmale: Halt! – –


So wand der Trauerzug durch Oestreichs blüh'nde Lande

Den dunklen Faden, gleich dem schwarzen Seidenbande,

Das sinnvoll ernst sich schlingt um einen Blumenstrauß,

Als ob der Todte selbst sorgsam zum Kranze winde

Die Länderblumen all, und sie noch fester binde

Mit seinem Todtenflor, und spräch' es segnend aus:


»Seid einig! Daß sich keins in Hochmut überhebe!

Der Stärkste ist zu schwach, daß er vereinsamt lebe,

Schlicht ordne sich und treu ins Ganze jeder Theil;

So blüht aus Demut selbst dem Kleinsten stolze Größe,

Wenn Kraft die Schwäche schirmt und Ueberfluß die Blöße,

Die Buntheit wird zum Schmuck, die Vielheit euch zum Heil!
[80]

Seid Eins in dem Beruf, dem unvergänglich schönen:

Die Freiheit mit dem Recht der Sitte zu versöhnen,

Der Zukunft Korn zu streun in kaum gepflügte Bahn;

Von Sternen seid ein Bund, das ganze Reich umspann' er!

Vielfarb'gen Lichts ein Kern, ein einig Sternenbanner!

Kein schönres glänzte dann selbst überm Ozean.« – – –


Das Hoffen eines Volks belebt die Heldensärge.

Ob jener Rothbart auch sich im Kyffhäuser berge,

Nach hundertjähr'gem Schlaf reibt er das Aug' sich klar,

Im Anblick seines Reichs, im Frühroth es zu laben;

Er frägt: »Ist Deutschland Eins?« und »Fliegen noch die Raben?«

Ich fürcht', er frägt umsonst und schläft noch hundert Jahr.


So wird einst Oestreichs Held dem Heldenberg entsteigen;

Doch freudig soll er schaun auf Habsburgs blühend Eigen,

Das er so reich getränkt aus seines Ruhmes Born!

Und fragen wird er wohl: ob Oestreichs Lerchen fliegen?

Dann ruft: »Sie fliegen noch! sind sonnenhoch gestiegen!« – –

Ach, jetzt nur senkten sie sich trauervoll ins Korn.

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 2, Berlin 1907, S. 75-81.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
In der Veranda
Sämtliche Werke 3: In der Veranda. Hg. von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]
In der Veranda
In Der Veranda: Eine Dichterische Nachlese (German Edition)

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Seltsame Leiden eines Theaterdirektors

Seltsame Leiden eines Theaterdirektors

»Ein ganz vergebliches Mühen würd' es sein, wenn du, o lieber Leser, es unternehmen solltest, zu den Bildern, die einer längst vergangenen Zeit entnommen, die Originale in der neuesten nächsten Umgebung ausspähen zu wollen. Alle Harmlosigkeit, auf die vorzüglich gerechnet, würde über diesem Mühen zugrunde gehen müssen.« E. T. A. Hoffmann im Oktober 1818

88 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon