Sechste Szene

[267] Ärmliche Stube im Waldhäuschen zu Lopsbrunn.

Liddy, der Baron und Rattengift treten auf.


LIDDY. Rattengift, Sie haben uns schrecklich getäuscht! – Wenn es hier romantisch ist, so – Hu, lieber Onkel, mich schaudert! Lassen Sie anspannen, daß wir aus dieser Banditenhöhle[267] fortkommen!

BARON. Mädchen, du zitterst! Das ist ja sonst deine Art nicht!

LIDDY. Ich flehe, lassen Sie anspannen, lassen Sie anspannen!

BARON. Heda, Hauswirt!


Der Hauswirt tritt herein.


Hast du meine Pferde gefüttert?

DER HAUSWIRT. Ich füttre keine fremde Pferde.


Geht ab.


LIDDY. Der alte Brummbär!

BARON ihm erzürnt nacheilend. Elender Kerl, nun sollst du sie füttern!

LIDDY. Onkel, Onkel, wohin? – Er hört mich nicht und stürmt die Treppe hinunter! – Und nicht einmal ein Licht in der düstren Stube! – – Rattengift, wo sind Sie denn?

RATTENGIFT mit beklommener Stimme. Ich, gnädiges Fräulein, ich –

LIDDY zusammenfahrend. Himmel, was war das? Welch ein Geräusch auf dem Fußboden!

RATTENGIFT zähneklappernd. Es war wohl nur 'ne Maus, die drüber hinlief!

LIDDY. Ach, ich bebe fast vor meinem eignen Atem! Solche Bangigkeit habe ich noch nie empfunden! – Endlich! da kommt der Onkel mit Licht!

BARON kommt in heftiger Bewegung, ein Licht in der Hand. Rattengift, zeigen Sie mir Ihr Gesicht! Nachdem er ihm hineingeleuchtet. Nein, Sie wissen nichts davon! Ich spreche Sie frei!

LIDDY. In aller Heiligen Namen, was soll dies heißen?

BARON. Der Hauswirt ist ein verrätrischer Bube, Nichte! Er läßt eine Menge räubermäßig gekleidetes Gesindel ins Haus, und versagt mir die Pferde!

LIDDY. Jesus! wir sind verloren!


Sie sinkt auf einen Stuhl.


RATTENGIFT in Verzweiflung. Verloren! verloren!

BARON. Und wenn nur die Absicht der Räuber auf unser Geld ginge, aber sie ist auf dich gerichtet, Liddy, auf dich!

RATTENGIFT. O wenn das ist, Liddy, so retten Sie unser Leben, retten Sie unser Leben! Not kennt kein Gebot! Wenn Sie dem Hauptmanne des Trupps in einer Privataudienz, deren etwaigen Folgen sich späterhin ganz leicht auf einer sogenannten Badereise abschütteln –[268]

LIDDY sich stolz emporraffend. Armseliger Versifex schweig, und verkriech dich mit deinem jämmerlichen Leben dort hinter den Ofen! Eine Haarnadel losreißend. Ehe ein einziger dieser Bösewichter auch nur meine Hand berührt, soll diese Nadel zehnfach meine Brust durchbohren! – Auf, teurer Onkel! die Tür verrammelt! der Schwächste ist in der Gefahr oft der Stärkste!

BARON. Edles, heldenmütiges Kind!


Sie verrammeln die Tür.


LIDDY. Den Tisch davorgetragen!

BARON. Der ist uns zu schwer.

LIDDY. Ich trage ihn allein!

BARON. Liddy, Liddy, du zerquetschest dir mit dem ungeheuren Tische die Brust! – Um Gotteswillen, wo bekommst du diese Kraft her?

LIDDY. Ergreifen Sie jenen Degen, und geben Sie mir Ihr Jagdmesser! – Ha, die Bande naht sich!


Der Freiherr und seine Spießgesellen stürmen die Tür und brechen sie nach mehreren Stößen auf; Liddy wirft einem von ihnen das Jagdmesser nach

dem Kopfe; die Schar stutzt einen Augenblick; kurz darauf hört man Mollfels' Stimme; es fallen Pistolenschüsse; die Angreifenden flüchten, Mollfels stürzt herein, und seine Bedienten folgen ihm mit dem gefangenen Freiherrn.


LIDDY. Wir sind gerettet!


Sie liegt ohnmächtig in Mollfels' Armen.


MOLLFELS zum Baron, auf den Freiherrn deutend. Der ist der Anführer dieses verruchten Überfalls, Indem zwei Bediente mit dem Herrn von Wernthal hereintreten. und der da, welchen wir hier in der Nähe auf der Lauer fanden, hat, wie der Freiherr Mordax eingesteht, die Baronesse für 20000 Rtlr. an einen Gastwirts- und Bräute-Sammler verkauft; auch hat er sich sehr vorsichtig alle seine Taschen mit Zwiebeln vollgestopft, um sich nachher damit die Tränen des Bedauerns aus den Augen zu pressen!


Die Bedienten kehren dem Herrn von Wernthal die Taschen um und es fällt eine Menge Zwiebeln heraus.


LIDDY sich erholend. Sie, Mollfels, wagten für mich Ihr Blut; kann meine Hand Sie belohnen, so ist sie die Ihrige![269]

MOLLFELS. Beglückt sinke ich vor Ihnen –

LIDDY. Nicht also! Ein Mann wie Sie, braucht sich vor keinem Mädchen zu beugen! Freudig drücke ich Ihnen den Vermählungskuß auf die Lippen, welche Sie selbst so ungerecht zu verspotten pflegten!

BARON. Wohlgetan! ich segne euren Bund!

RATTENGIFT. Und ich verfertige das Hochzeitscarmen!

LIDDY lächelnd. Rattengift, Sie sind doch entsetzlich feig!

RATTENGIFT. Ich bin ein Dichter, gnädiges Fräulein!

BARON zu Wernthal und dem Freiherrn. Ihr aber, ihr Elenden, die ihr die Schande des Adels seid, sollt unerbittlich die Strafe empfangen, welche ihr verdient! Ich will euch wie die gemeinsten Verbrecher aneinanderknebeln lassen, – euch am hellen Mittage in die Stadt transportieren lassen, – euch –

FREIHERR wird hitzig. Mord und Tod, dies übersteigt mir die Geduld! Mich geknebelt in die Stadt transportieren lassen! Ho, ist das der Dank dafür, daß ich meine Rolle so göttlich gespielt habe? Glauben Sie, ich wüßte nicht, Herr Theaterbaron, daß Sie der Schauspieler V. sind, und daß Sie mir nichts tun dürfen? – Schnell, Herr von Wernthal, wir wollen ins Orchester zu den Musikanten klettern; die sind meine intimen Freunde und krümmen uns kein Haar!


Der Freiherr und der Herr von Wernthal klettern in das Orchester.

Der Schulmeister tritt auf, den Teufel im Käfige auf dem Rücken.


SCHULMEISTER. Gratuliere, Herr Baron, daß Sie mit Ihrer Nichte so glücklich aus den Klauen des Freiherrn Mordax gerettet worden sind!

BARON. Bin ich bei Sinnen, Schulmeister? Ist das nicht der Generalsuperintendent, den Sie im Käfige auf dem Rücken schleppen?

SCHULMEISTER stellt den Käfig auf den Tisch. Hm, wenn der Teufel ein Geistlicher ist, so mag es ein Generalsuperintendent sein, denn dieser frostige Schornsteinfeger ist alleben der Satan in eigner Person!

ALLE ANWESENDE SELBST DER FREIHERR UND WERNTHAL IM ORCHESTER rufen voller Erstaunen. Was? Der Satan? O Wunder!

SCHULMEISTER. Ja, zum zweiten Male habe ich den bedrängten Erdkreis von ihm erlöst, und wie einen Sperling überliefere ich ihn in einem Vogelbauer dem Menschengeschlechte zum[270] beliebigen Verschlusse!

TEUFEL. Herr Baron, ich beschwöre Sie, befreien Sie mich aus dem Käfige, befreien Sie mich von dem Schulmeister! Er neckt mich in einem fort, läuft mit mir durch Dick und Dünn, kitzelt mich mit langen Nesseln, streut mir in jeder Minute dreimal Sand auf den Kopf –

SCHULMEISTER. Es ist der Teufel, Herr Baron, er hat es verdient, er hat es verdient! Passen Sie auf! Ich will jetzt mein Hauptexperiment mit ihm versuchen! Er soll das Gesangbuch essen und mir hinterdrein Pfötchen geben! Er hält dem Teufel das Gesangbuch hin. Iß! Der Teufel sträubt sich. Iß, Himmelhund, iß!


Der Teufel sträubt sich noch gewaltiger.


EIN DIENER kommt. Eine junge, schöne Dame, der Tracht nach eine Russin, erscheint auf dem Hausflur, man weiß nicht wie!

TEUFEL jauchzt. O das ist meine Großmutter! das ist sicher meine Großmutter! ein russisches Pelzkleid hat sie angezogen, weil sie sich zu verkälten fürchtet!

RATTENGIFT. Sie irren sich, Herr Teufel! Der Bediente spricht nicht von Ihrer Großmutter, sondern von einer Dame, welche noch jung und schön ist!

TEUFEL. Du Tropf! Als ob meine Großmutter alt und häßlich wäre! Weißt du nicht, daß wir Unsterblichen ewig jung bleiben? Wenn ich jedoch demohngeachtet alt und runzlig geworden bin, so ist mein spezieller Gram über die Erfindung der Rumfordschen Suppe schuld daran.


Des Teufels Großmutter, eine blühende Frau im modischen russischen Winteranzuge tritt herein und begrüßt die Gesellschaft mit einer stummen Verbeugung.


DES TEUFELS GROSSMUTTER. Schulmeister, entlassen Sie meinen Enkel aus dem Käfig und verlangen Sie für diese Gefälligkeit, was Sie wollen.

SCHULMEISTER. So verlange ich, Euer Durchlaucht, daß er mir Pfötchen gibt!

DES TEUFELS GROSSMUTTER. Gib Pfötchen!


Der Teufel gibt dem Schulmeister Pfötchen, worauf ihn dieser aus dem Vogelbauer losläßt.


DES TEUFELS GROSSMUTTER. So, lieber Enkel! Sei lustig! Das[271] Scheuern in der Hölle ist vorbei! Du kannst gleich mit mir heimkehren; der heiße, dich wieder erwärmende Kaffee dampft schon auf dem Tische.

TEUFEL. Vortrefflich, Großmütterchen, vortrefflich! – Aber zum Kaffee habe ich gern etwas zu lesen! – Schulmeister, haben Sie vielleicht die Schriften des Professors Krug bei sich, insbesondere diejenige, welche den neuesten Stand der griechischen Sache betrifft?

SCHULMEISTER. Ja, man hat mir heute faule Heringe geschickt; – vermittelst derselben faulen Heringe Indem er mehrere Pakete herauszieht. kann ich Ihnen auch noch mit den Erzählungen von van der Velde, mit den sämtlichen Werken der ertrunkenen Louise Brachmann, und wenn ich nicht irre, sogar mit dem Westöstlichen Divan und Wilhelm Meisters Wanderjahren von Goethe aufwarten.

TEUFEL. Ei, welch ein Haufen gedruckten Zeugs! – Großmutter, hast du keinen Bedienten bei dir, der ihn uns nachträgt?

DES TEUFELS GROSSMUTTER. Freilich; ich habe den Kaiser Nero mitgenommen; er steht draußen an der Treppe und putzt die Reitstiefeln, welche ich dir mitgebracht habe.

TEUFEL ruft. Nero, Nero!

DER RÖMISCHE KAISER NERO tritt ein, in Livree, die Reitstiefeln des Teufels in der Hand. Was beliebt Eur Gnaden?

TEUFEL. Her mit den Reitstiefeln! Er zieht sie sich an; – zu Nero. Was treibt dein Kamerad Tiberius?

NERO. Er liegt auf der Bleiche und trocknet seine Wäsche.

TEUFEL. Da tut er klug! – – Hier, guter Nero, – nimm den Stand der griechischen Sache unter den linken und die poetischen Werke der Louise Brachmann unter den rechten Arm, und trag sie uns nach!

NERO. Ganz wohl, Eur Gnaden!

TEUFEL zu der Gesellschaft, schelmisch lachend. Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!


Er, seine Großmutter, und Nero mit den Büchern unter dem Arme, versinken.


SCHULMEISTER. Was war das, Herr Baron?

BARON. Das frage ich Sie, Herr Schulmeister!

RATTENGIFT. Mir geht die Idee zu einer naiv-verrückten Ballade[272] auf: »Nero putzt des Teufels Reitstiefeln!«

BARON. Verwunderst du dich denn nicht, Liddy?

MOLLFELS. Liddy und ich haben nicht gehörig darauf geachtet!

BARON. Das lobe ich; so geziemt es Verliebten! Zu einem eintretenden Bedienten. Ist unsere Kutsche unverletzt?

DER BEDIENTE. Keine Menschenseele hat sie berührt.

BARON. So hol mir den Flaschenkorb, der sich darin befindet.


Der Bediente ab.


Wir wollen uns zur Restauration einige Terrinen Punsch machen!

SCHULMEISTER fällt aus den Wolken. Herr Baron, wie vernünftig Sie sind!


Der Bediente bringt den Flaschenkorb.


RATTENGIFT am Fenster. Aber wer kommt dort noch mit der Laterne durch den Wald? Es scheint, daß er seinen Weg hieher richtet!

SCHULMEISTER ebenfalls am Fenster. O so schlage der Donner darein! Kommt mir der Kerl mit seiner Laterne noch spät in der Nacht durch den Wald, um uns den Punsch aussaufen zu helfen! Das ist der vermaladeite Grabbe, oder wie man ihn eigentlich nennen sollte, die zwergigte Krabbe, der Verfasser dieses Stücks! Er ist so dumm wie'n Kuhfuß, schimpft auf alle Schriftsteller und taugt selber nichts, hat verrenkte Beine, schielende Augen und ein fades Affengesicht! Schließen Sie vor ihm die Tür zu, Herr Baron, schließen Sie vor ihm die Tür zu!

GRABBE draußen vor der Tür. O du verdammter Schulmeister! Du unermeßlicher Lügenbeutel!

SCHULMEISTER. Schließen Sie die Tür zu, Herr Baron, schließen Sie die Tür zu!

LIDDY. Schulmeister, Schulmeister, wie erbittert sind Sie gegen einen Mann, der Sie geschrieben hat!


Es klopft.


Herein!


Grabbe tritt herein mit einer brennenden Laterne.

Der Vorhang fällt.


Quelle:
Christian Dietrich Grabbe: Werke und Briefe. Band 1, Emsdetten 1960–1970, S. 267-273.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Fräulein Else

Fräulein Else

Die neunzehnjährige Else erfährt in den Ferien auf dem Rückweg vom Tennisplatz vom Konkurs ihres Vaters und wird von ihrer Mutter gebeten, eine große Summe Geld von einem Geschäftsfreund des Vaters zu leihen. Dieser verlangt als Gegenleistung Ungeheuerliches. Else treibt in einem inneren Monolog einer Verzweiflungstat entgegen.

54 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon