Erster Aufzug

[347] Auf dem Kleinseiter Ring zu Prag. Feldmarschall Rußworm, ohne Waffen, von der Stadtwache geführt, an deren Spitze eine Gerichtsperson. Rechts im Vorgrunde Don Cäsar mit Begleitern. – Früher Morgen.


GERICHTSPERSON.

Im Namen kaiserlicher Majestät

Ruf ich euch zu: Laßt ab!

DON CÄSAR.

Ich nicht, fürwahr!

Ihr gebet den Gefangnen denn heraus,

Den man zurückhält ohne Fug und Recht.

GERICHTSPERSON.

Nach Recht und Urteil, wie's der Richter sprach.

DON CÄSAR.

So war das Urteil falsch, der Richter toll.

Der Mann hat einen anderen erschlagen,

Weil jener ihn erschlug, kam er zuvor nicht.

GERICHTSPERSON.

Der Richter kam zuvor, hätt ers geklagt.

DON CÄSAR.

Ha, Feiger Schutzwehr, die von Feigen stammt,

Wer hat ein Schwert und bettelt erst um Schutz?

Dann: wenn Belgioso fiel von seiner Hand,

Geschahs auf mein Geheiß.

RUSSWORM.

Mit Gunst, Don Cäsar.

Ich war euch stets mit Neigung zugetan,

Als einem wackern Herrn von raschen Gaben,

Wohl auch erkennend und mich gerne fügend

Dem, was in euch von höherm Stamm und Ursprung.

Doch hat Feldmarschall Rußworm seiner Tage

Befehl gegeben andern oft und viel,

Empfangen nie, als nur vom Heeresfürsten.

Ob falsche Nachricht, Ohrenbläser Tücke

Mich trieb zur Tat, die nun mich selbst verdammt,

Ob meine Dienst in mancher Türkenschlacht

Rücksicht verdienen, Mildrung und Gehör,

Das mag der Richter prüfen und erwägen;

Allein, daß Belgiojoso euch im Weg,

Euch Nebenbuhler war in euerm Werben,

Hat seinen Tod so wenig ihm gebracht,

Als, war ers nicht, es ihn vom Tod errettet.

DON CÄSAR.

Nun denn, so faßt mich auch und führt mich mit![347]

Denn wahrlich, hätt ihn dieser nicht getötet,

Belgioso fiel durch mich, ich hatts gelobt.

GERICHTSPERSON.

Wir richten ob der Tat, den Willen Gott.

DON CÄSAR.

Ich aber duld es nicht! Mit diesem Schwert

Entreiß ich euch die Beute, die euch lockt.

Setzt an! Auf sie! Macht den Gefangnen frei!

GERICHTSPERSON.

Zu Hilfe der Gerechtigkeit!


Bürger kommen aus ihren Häusern.


RUSSWORM.

Laßt ab!

Ihr seid zu schwach und bringt die Stadt in Aufruhr.

Steht meinen Feinden offen, nun wie vor,

Des sonst so gütgen, meines Kaisers Ohr,

So rettet mich kein Gott. Laßt ab, laßt ab!

Zu beten scheint jetzt nötger als zu fechten.

Wo ist der Minorit?

DON CÄSAR.

Und ich solls ansehn,

Es ansehn, ich, mit meinen eignen Augen?


Lukrezia kommt mit ihrem Vater aus einem Hause rechts im Vorgrunde.


DON CÄSAR.

Ha, Heuchlerin, so kommst du, dich zu weiden

Am Unheil, das durch dich, um deinetwillen da?

Sieh, dieser ists, der deinen Buhlen schlug,

– Er tats, nicht ich, doch freut mich, was er tat –

Ein Ende setzte jenem nächtgen Flüstern,

Den Ständchen, dem Gekos, drob Ärgernis

Den Nachbarn kam, besorgt um scheue Töchter;

Er tats, und statt dafür ihn zu belohnen,

Schleppt man ihn vor den Richter und verdammt ihn.

PROKOP zur Gerichtsperson.

Ist es gestattet, Herr, auf offner Straße

Ehrbare Mädchen zu beschimpfen also?

DON CÄSAR.

Ehrbare Mädchen? Ha, sie täuscht dich, Alter,

So wie sie mich getäuscht und alle, alle Welt!

Wohin nur geht ihr? Je, zur Kirche wohl!

Da weift sie ab die volle Sündenspule,

Um neue drauf zu winden, still bemüht.

Warum gehst du in Schwarz? Dir starb kein Blutsfreund.

Register führ ich über alles Unheil,

Das dich bedroht und das dich schon betraf.[348]

Kein Blutsfreund starb dir. Warum denn in Schwarz?

Klagst du ob dem, den dieser Mann erschlug?

Sprich ja, und dieses Schwert – O Nacht und Greuel!

Warum in Schwarz?

PROKOP.

Komm, laß uns gehn, mein Kind!

DON CÄSAR.

Geh nicht, und du! – Bleib noch! – Lukrezia!


Prokop mit seiner Tochter ab.


Ich will ihr nach! – Und doch! – Rußworm, verzeih,

Mich übermannte, blendete der Zorn.

Doch soll darob nicht deine Sache leiden.

Zum Kaiser geh ich, fordre deine Freiheit,

Und weigert ers – Glaub nur, er wird es nicht! –

So werf ich vor ihm ab die Gnaden alle,

Die Lasten, die mir seine Laune schuf,

Gönn andern das Bemühn, ihm zu gefallen,

Und such in Ungarn Türkensäbel auf.

Leb wohl! Ihr andern aber merkt euch dieses Wort:

Wird ihm ein Haar gekrümmt, eh neue Botschaft,

Des Kaisers eigener Befehl es heischt,

Zahlt euer Kopf für jede rasche Regung.


Im Vorübergehen vor Lukrezias Hause.


Haus, sei verdammt, du Hölle mir von je!


Ab.

Rußworm wird nach der andern Seite abgeführt.


Verwandlung.


Saal im kaiserlichen Schlosse zu Prag. Durch die Mitteltüre treten Hofleute auf, die sich im Hintergrunde zerstreuen.

Ein Kämmerer kommt durch den Haupteingang, hinter ihm Klesel und Erzherzog Mathias.


KLESEL.

Ich bitt euch, Herr!

KÄMMERER.

Fürwahr, es kann nicht sein.

KLESEL.

Ein Augenblick Gehör.

KÄMMERER.

Sie sind beschäftigt.

KLESEL.

Des Kaisers Bruder selbst.

KÄMMERER.

Wenn auch, wenn auch!

Doch will ich wohl versuchen, obs gelingt.


Ab in eine Seitentüre rechts.


MATHIAS.

So viel denn brauchts, den Kaiser nur zu sehn![349]

KLESEL.

Den Kaiser? Herr, glaubt ihr, wir sind so weit?

Bei Wolfen Rumpf, geheimen Kämmerer,

Sucht ihr nun Audienz.

MATHIAS.

Du heilger Gott!

Und das im selben Schloß, denselben Zimmern,

Wo ich an unsers Vaters Hand einherging,

Mit meinem Bruder – der geliebtre Sohn.

KLESEL.

Je, der geliebtre Sohn! Da liegt es eben!

Hätt euer Vater minder euch geliebt,

Was gilt es, euer Bruder liebt' euch wärmer.

MATHIAS.

Entehrt, verstoßen!

KLESEL.

Hart, ich geb es zu.

Doch war der Schritt bedenklich wohl genug,

Der euch zuletzt gebracht aus allen Hulden.

Reist ab von Wien ins ferne Niederland,

Stellt an die Spitze der Rebellen euch,

Entzweit die Höfe von Madrid und Wien;

Und, was das Schlimmste, kehrt dann endlich heim

Und habt nichts effektuiert.

MATHIAS.

Ich ward getäuscht,

Oranien betrog mich um den Sieg.

Doch war der Plan, gesteht es, göttlich schön:

Hineinzugreifen in den wilden Aufruhr

Und aus den Trümmern, schwimmend rechts und links,

Sich einen Thron erbaun, sein eigner Schöpfer,

Niemand darum verpflichtet als sich selbst.

KLESEL.

Ich seh es kommen. Weht der Wind von daher?

Hab, was du hast, woher dus hast, gilt gleich,

Gekauft, ererbt – nur nicht gestohlen, Herr.

Zwar Politik nennt so was aquiriert

Und findt sich wohl dabei.

MATHIAS.

Mit mir ists aus.

Ich will den Kaiser untertänig bitten,

Mir zu verleihn die Stadt und Herrschaft Steyr,

Dort will ich leben und dafür entsagen

All meinem Erbrecht, aller Sukzession,

Die mir gebührt auf österreichsche Lande.

Der Anfallstag, er fände mich im Grab.[350]

KLESEL.

Nun allzuwenig, wie nur erst zuviel.

So treibt ihr euch denn stets im Äußersten,

O Maximilians unweise Söhne!


Nachdem er sich umgesehen, leise.


Eur Spiel steht gut, ihr habt die Trümpfe, Herr!

Harrt aus! Harrt aus! Und nur nichts von Entsagung,

Von Schäferglück! Begehrt mir ein Kommando

In Ungarn! Ein Kommando, sag ich, Herr!

Was soll euch Steyr? Der Wagebalken steht,

Und kurze Frist so schnellt ein Quentchen mehr

In eurer Schale, diese in die Höh.

Auf euch ruht Habsburgs Heil, das Heil der Kirche,

Ruht unser aller Heil.

MATHIAS.

Mit mir ists aus!

KLESEL.

Ich seh es ist, und so geb ich euch auf.

Hier kommt Herr Rumpf, führt selber eure Sache.


Er tritt zurück.

Wolf Rumpf kommt aus der zweiten Seitentüre rechts, Schriften unter dem Arme, gebückten Ganges, der Kämmerer hinter ihm.

Der Kämmerer zeigt mit der Hand auf Erzherzog Mathias. Rumpf geht, ohne darauf zu achten, der Mitteltüre zu. Nachdem er sie fast erreicht hat, tritt ihm Klesel in den Weg.


KLESEL.

Eur Strengen! Darf Erzherzogliche Durchlaucht

Gehör beim Kaiser hoffen?

RUMPF.

Kann nicht sein.

KLESEL auf Mathias zeigend, der im Vorgrunde steht.

Dort sind Sie selbst.

RUMPF.

Je, Diener, Diener! – Geht nicht.

Des Kaisers Majestät sind unwohl. – Acta,

Negotia.

KLESEL.

Nur wenige Minuten.


Leise zu Mathias.


Drängt ihn! Drängt ihn!

MATHIAS.

Herr Rumpf, gebt mir die Hand!

RUMPF.

Je, meritiers nicht. Aber kann nicht sein.

Nicht wohl geruht; empfinden sich turbiert

Mit mal di testa. Wage meinen Dienst,

So ich es permittier.[351]

KLESEL.

Ihr scherzt, Herr Rumpf.

Wer kennt nicht eure Macht an diesem Hof.

RUMPF.

So scheints, so scheints. Doch sind der Herr gar streng.

Je näher ihm, so näher seinem Zorn.

Noch gestern abend, waren hoch ergrimmt,

Sein kein Philipp der Dritte, schrieen sie,

Diktieren sich zu lassen von Privaden.

Mußt meinen Abzug nehmen eilig durch die Tür.

Es darf nicht sein. Ich kann nicht, kann nicht, nein!


Er entfernt sich von ihnen.

Don Cäsar stürmt zur Türe herein.


DON CÄSAR.

Wo ist der Kaiser? Nun, Perückenmann,

Ist er zu sprechen?

RUMPF.

Huldreichst guten Morgen

Señor Don Cäsar. Gott erhalt eur Gnaden.

DON CÄSAR.

Wie gehts dem Kaiser?

RUMPF.

Gut. Verwunderlich.

Der Herr verjüngen sich mit jedem Tage,

Sehn wie ein Dreißiger. Sagt ich doch heut nur:

Daß sie so selten öffentlich sich zeigten,

Die Weiber sei'ns, die drob am meisten klagten.

Da lachten Seine Majestät.

DON CÄSAR.

Ich glaubs wohl.

War ich dabei, ich hätte auch gelacht.

Ein Dreißiger! mit solchem Bauch und Beinen.

Wie nun, kann ich ihn sprechen?

RUMPF.

Allerdings.

Ein Weilchen nur hochgnädige Geduld.

Des Kaiser Majestät sind –


Er spricht ihm ins Ohr, auf Mathias zeigend.


DON CÄSAR.

Gut denn, gut.

Wem ist das Pferd, das man im Hofe führt?

RUMPF.

Ach, euer, wenn ihr wollt. Der Kaiser hat es heute

Besehen und gekauft.

DON CÄSAR.

Ich wills besteigen.


Ab.


MATHIAS.

Wer ist der junge Mann?[352]

KLESEL.

So wißt ihr nicht?

Ein Findelkind, im Schlosse hier gefunden.

Der Kaiser liebt ihn sehr. Begreift ihr nun?

MATHIAS.

Don Cäsar?

KLESEL.

Wohl, er selbst. – Nun, noch einmal,

Begehrt in Ungarn ein Kommando.

MATHIAS.

Wozu?

KLESEL.

Ihr sollt noch hören. Doch verlangt es!


Ein Kämmerer tritt ein.


KÄMMERER.

Erzherzog Ferdinand aus Steiermark

Sind angekommen, bitten um Gehör.

RUMPF.

Du liebe Zeit! Ihr Gnaden sind willkommen.


Kämmerer ab.


KLESEL.

Seht ihr? Da kommt der künftge Kaiser an,

Der Erb von Österreich, wenn ihr nicht vorseht.

MATHIAS.

Ich will in Ungarn ein Kommando suchen.

Dann – Hab ich dich verstanden? – Klesel, dann,

Die Macht in Händen –

KLESEL.

Nur gemach, gemach!

Ihr habt die Macht noch nicht.

MATHIAS.

Und ich soll betteln?

KLESEL.

Um Gotteswillen, ihr verderbt noch alles.


Ein Kämmerer öffnet die Seitentüre rechts.


RUMPF.

Der Kaiser kommt. Ich bitt eur Durchlaucht freundlichst,

Abseit zu treten, bis ich angefragt.

MATHIAS.

Ich muß den Kaiser sprechen und ich bleibe.

RUMPF.

Bedenkt!

MATHIAS.

Ich habs gesagt.

RUMPF.

Nun denn, mit Gott!

Stellt euch dorthin. Der Kaiser geht vorüber,

Wenn er zur Messe sich verfügt. Vielleicht

Will euch das Glück, daß er euch sieht und anspricht.

Er kommt.

KLESEL.

Verfärbt ihr euch? Nur Mut, nur Mut!

Der Augenblick gibt alles oder nimmt es.


Alles steht in ehrfurchtsvoller Erwartung. Erzherzog Mathias zieht sich bis hinter die Seitentüre links zurück. Klesel in seiner Nähe.

[353] Zwei Trabanten treten aus der Seitentüre rechts und stellen sich daneben auf; dann einige Pagen, zuletzt der Kaiser, auf einen Krückenstab gestützt.

Zwei Männer, Gemälde haltend, knieen auf seinem Wege. Er bleibt vor dem ersten stehen, betrachtet es, zeigt dann mit dem Stocke darnach hin und

bezeichnet an seinem eigenen linken Arme die Stelle, wo das Bild ihm verzeichnet scheint. Er schüttelt den Kopf, das Bild wird weggebracht.

Er steht vor dem zweiten und gibt Zeichen der Billigung. Endlich nickt er Rumpfen zu, daß dieses zu behalten sei. Zugleich hebt er drei Finger der rechten Hand empor.


RUMPF.

Zweitausend?

RUDOLF heftig und stark.

Drei.


Er tritt zum Tische, auf dem mehrere Bücher liegen. Er ergreift eines derselben.


RUMPF.

Aus Spanien.

RUDOLF heiter.

Lope de Vega.

RUMPF.

Depeschen auch von eurer Majestät

Gesandten an dem Hofe zu Madrid.


Rudolf schiebt die auf dem Tische liegenden Briefschaften verächtlich zurück. Er setzt sich und liest, das aufgeschlagene Buch in der Hand.


RUMPF.

Erzherzog Ferdinand sind angelangt.


Rudolf sieht, aufhorchend, einen Augenblick vom Buche weg und liest dann weiter.


RUMPF.

Don Cäsar waren hier.


Rudolf, obige Bewegung.


RUMPF.

Sie kommen wieder.

KLESEL zu Mathias.

Nehmt euch nur Mut! Ihr zittert, weiß es Gott.


Der Kaiser lacht unterm Lesen laut auf.


KLESEL.

Die Zeit ist günstig. Seine Majestät

Scheint frohgelaunt. Versuchts!

RUDOLF im Lesen.

Divino autor,

Fenix de España.


Mathias nähert sich ihm.


MATHIAS.

Gnädger Herr und Kaiser,

Ich habs gewagt, aus meinem Bann zu Linz –

RUDOLF vom Buche aufblickend.

Sortija del olvido – Ei, ei, ei!

»Ring des Vergessens« – Ja, wer den besäße![354]

MATHIAS.

Ob ihr vergönnt –


Er läßt sich auf ein Knie nieder.


Bereit, mein Herr und Kaiser,

Die Rechte alle, die mein Eigentum,

Und die man mir beneidet, aufzugeben,

Mein Erbrecht auf die österreichschen Lande,

Die Hoffnung, einst zu folgen auf dem Thron,

Für einen Ort, um ruhig drauf zu sterben.


Er legt die Hand auf die Armlehne von des Kaisers Stuhl.


RUDOLF.

Wer da? – Rumpf! Will allein sein! – Rumpf, allein!

Allein.

MATHIAS.

Mein Kaiser und mein Herr!

RUDOLF den Stock gegen Rumpf gehoben.

Allein!

RUMPF.

Ich sagt es ja, doch seine Durchlaucht drängten.

RUDOLF mit steigender Heftigkeit.

Allein!

RUMPF zu Mathias.

Entfernt euch, gnädger Herr!

KLESEL.

Kommt, kommt!

Verloren geht sonst alles.

MATHIAS.

Gott!

RUDOLF vor sich hin.

Allein.

MATHIAS.

Führt mich ins Grab, da wird mir doch wohl Ruh.


Ab, von Klesel geführt.


RUDOLF dumpf.

Allein!

RUMPF.

Was nun beginnen? Gott!


Er hebt das Buch auf, das der Kaiser weggeworfen hat, und reicht es ihm.


Das Buch!


Rudolf weist es zurück.


RUMPF.

Berichte sind aus Ungarn eingelangt:

Raab ist entsetzt und Papa wird belagert.

Die Malkontenten sollen willens sein –


Lebhafter.


Ein Kaufmann aus Florenz hat sich gemeldet.

Geschnittne Steine führt er aller Art

Von hohem Werte.

RUDOLF.

Sehn![355]

RUMPF.

Allein die Preise

Sei'n unerschwinglich.

RUDOLF.

Albern.

RUMPF.

Soll ich also? – Gut.

Der spanische Orator Balthasar

Zuñiga wünscht Gehör.


Der Kaiser schüttelt den Kopf.


RUMPF.

Beliebts euch etwa

Nunmehro die Berichte –?


Der Kaiser stößt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.


RUMPF.

Guter Gott!


Don Cäsar kommt.


RUMPF.

Ihr kommt zur rechten Zeit. Versucht, ob etwa –

DON CÄSAR.

Ich küß eur Majestät die hohen Hände.


Der Kaiser mißt ihn mit zornigem Blicke.


DON CÄSAR.

Ihr scheint nicht gut gelaunt, doch muß ich sprechen.

Es gilt ein Leben, gilt wohl mehr als dies.

Es hat ein Kriegsgericht, ob eines Totschlags,

Verübt im herben Fall der Selbstverteidgung,

Zum Henkersschwert verurteilt Herman Rußworm,

Den treusten Diener eurer Majestät,

Den Helden in der Türken heißen Schlachten.

Ich bitt euch nun, das Urteil aufzuheben,

Das Unsinn ist, Verrücktheit, Gotteslästrung.

Euch zu erhalten ein so teures Leben,

Mir einen Freund, den ich nicht lassen kann

Und retten muß, gält es das Äußerste.


Rudolf sieht Wolfen Rumpf fragend an.


RUMPF.

Es ist von wegen Herman Rußworm,

Der, halb gereizt und halb aus leidgem Zufall,

Den Obersten erschlug.


Der Kaiser wirft, wie suchend, die auf dem Tische liegenden Papiere untereinander.


RUMPF.

Vielleicht das Urteil?

Es lag zur Unterschrift in dero Kabinett.

Soll ich vielleicht –? Ich gehe, es zu holen.


Ab durch die Türe rechts.


DON CÄSAR.

Ich dank eur Majestät denn nur im voraus[356]

Für die Begnadigung des wackern Manns,

Der alles ist, was dieses Wort besagt,

Indes sein Feind ein Weiber-, Pfaffendiener,

Ein Heuchler und ein Schurk! Und wenn der Rußworm

In Zornesglut sich allzuweit vergaß,

So denkt: derselbe Zorn, der hier den Gegner schlug,

Gewann euch auch in Ungarn zwanzig Schlachten.


Rumpf kommt mit einem gesiegelten Paket zurück.


RUMPF.

Das Urteil.


Er reicht die Schrift dem Kaiser, der sie zurückweist.


RUMPF.

Guter Gott – Beliebt vielleicht

Eur Majestät, hochgnädig zu bestimmen,

Was Dero Absicht mit so wichtger Schrift?


Der Kaiser nimmt das Paket, liest hohnlachend die Aufschrift und gibt es zurück.


RUMPF.

Ich weiß recht wohl: die äußre Fertgung lautet

An Rat und Schöffen eurer Altstadt Prag.

Doch, wenn das Urteil wirklich unterschrieben,

Wie ich vermuten sollte –


Der Kaiser stößt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.


DON CÄSAR.

Gnädger Herr!

Ich muß euch bitten für zwei Augenblicke

Die feindlich düstre Laune aufzugeben,

Die sich in diesem Schweigen wohlgefällt.

Bedenkt: kommt dieses Urteil, so gefertigt

Und unterschrieben, auf das Prager Schloß,

So stirbt mein Freund.

RUDOLF.

Er stirbt! – Und du mit ihm,

Wagst ferner dus, ein Wort für ihn zu sprechen. –

Entarteter! Ich kenne deine Wege.

Du schwärmst zu Nacht mit ausgelaßnen Leuten,

Stellst nach den Kindern ehrbar stiller Bürger,

Hältst dich zu Meutern, Lutheranern.

DON CÄSAR.

Meuter

Hab ich mit meiner Freundschaft nie beehrt.

Und was den Glauben, Herr, betrifft, da richtet

Nur Gott.

RUDOLF.

Ja, Gott und du. Ihr beide, nicht wahr?[357]

Glaub du an das, was deine Lehrer glaubten,

Die Weiseren, die Bessern laß entscheiden,

Dann kommts wohl noch an dich. – Der Rußworm stirbt!

Und dank es Gott und einem Rest von Neigung,

Daß ich die Helfer, sie, die darum wußten,

Die lobten, billigten den feigen Mord,

An Belgiojoso freventlich vollbracht,

Nicht ebnermaßen suche mit dem Schwert. –

Das Mädchen, dem du nachstellst, wüsten Sinns,

Laß frei!

DON CÄSAR.

Nein, Herr, denn sie betrog mich.

RUDOLF.

Meinst du?

Cäsar, solang die ewgen Sterne kreisen,

Betrügt der Mann das Weib.

DON CÄSAR.

Zum mindsten wars so

Mit einer Frau, die mir gar nah verwandt.

RUDOLF.

Die dir verwandt? So kennst du deine Mutter?

Und kennst du den, der dir das Leben gab?

Sag ja! Sag ja! und ewiges Gefängnis,

Entfernt vom Strahl des gottgegebnen Lichts –

So haben in den Sternen sies gelesen:

Je näher mir, mir um so grimmrer Feind.

Und also steht er da, hohnlachend, trotzend,

Wie einst der Teufel vor des Menschen Sohn.

Fort dieses Lachen, fort! – Gib deine Waffen!

Nehmt ihn gefangen! – Wie, ihr zögert? weilt?

So will ich selbst mit meiner eignen Hand –


Zu einem Trabanten, der zu äußerst rechts steht.


Leih deine Partisan mir, alter Freund!

Daß ich –


Indem er den Stock fahren läßt, um nach der Partisane zu greifen, wankt er und ist im Begriff zu fallen. Die Umstehenden eilen herzu, ihn zu unterstützen.


Legt ihr die Hand an mich? Rebellen ihr!

Yo soy el emperador! Der Kaiser ich!

Bin ich verkauft im Innern meiner Burg,

Und ist kein Schirmer, ist kein Helfer nah?


Erzherzog Ferdinand erscheint in der Türe.
[358]

ERZHERZOG FERDINAND.

Viel Glück ins Haus! – Wie, eure Majestät?

Was ist? Was war? Wer sagts?

DON CÄSAR zu Rumpf, der ihn zu begütigen strebt.

Mich kümmerts wenig,

Ob tausend Teufel mir entgegengrinsen!

ERZHERZOG FERDINAND zu Don Cäsar, die Hand leicht ans Schwert gelegt.

Geht, junger Mensch! Ihr lernt sonst einsehn,

Daß uns der Böse nah, wenn man ihn ruft.

Fort ihr! und ihr!


Die Anwesenden ziehen sich gegen den Hintergrund. Don Cäsar in ihrer Mitte, von Rumpf geleitet. Alle ab.


ERZHERZOG FERDINAND zum Kaiser tretend.

Mein kaiserlicher Herr!

RUDOLF.

Wer seid ihr? Wer? Und wie erkühnt ihr euch?

ERZHERZOG FERDINAND.

Eur Neffe bin ich, Herr, und euer Knecht,

Fernand von Gräz, zu jedem Dienst bereit.

RUDOLF sich von der Berührung zurückziehend.

Es bien! es bien! All gut! Seid uns willkommen!

ERZHERZOG FERDINAND.

Wollt ihr nicht sitzen, Herr? Ich sehs, der Zorn,

Er zehrt mit Macht an euerm edlen Sein.


Er leitet den Kaiser zum Lehnstuhle.


RUDOLF sitzend.

Seht ihr, so halten wirs in unserm Schloß. –

So dringt die Zeit, die wildverworrne, neue,

Durch hundert Wachen bis zu uns heran,

Und zwingt zu schauen uns ihr greulich Antlitz. –

Die Zeit, die Zeit! Denn jener junge Mann,

Wie sehr er tobt, er ist doch nur ihr Schüler,

Er übt nur, was die Meisterin gelehrt. –

Schaut rings um euch in aller Herren Land,

Wo ist noch Achtung für der Väter Sitte,

Für edles Wissen und für hohe Kunst?

Sind sie vom alten Tempel ihres Gottes

Nicht ausgezogen auf den Berg von Dan,

Und haben dort ein Kalb sich aufgerichtet,

Vor dem sie knieen, ihrer Hände Werk?[359]

Es heißt: den Glauben reinigen. Daß Gott!

Der Glaube reint sich selbst im reinen Herzen,

Nein, Eigendünkel war es, Eigensucht,

Die nichts erkennt, was nicht ihr eignes Werk.

Deshalb nun tadl ich jenen Jüngling, straf ihn,

Und fährt er fort, erreicht ihn bald sein Ziel,

Allein erkenn auch, was ihn so entstellt.

Deucht mirs doch manchmal grimmiges Vergnügen,

Mit ihm zu ringen, in des Argen Brust

Die Keime aufzusuchen der Verkehrtheit,

Die ihm geliehn so wildverworrne Welt.

Die Zeit kann ich nicht bändgen, aber ihn,

Ihn will ich bändgen, hilft der gnädge Gott.

ERZHERZOG FERDINAND.

Ihr werdets, Herr, und bändigtet die Zeit,

Wär euch der Wille dort so fest als hier.

RUDOLF.

Mein Ohm, der fünfte Karl, hats nicht gekonnt,

Sankt Just sah ihn als büßenden Karthäuser.

Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,

Ich kann es auch nicht.

ERZHERZOG FERDINAND.

O des argen Mißtrauns

In euer edles Selbst und seine Gaben!

Wollt erst nur, wollt! und Gottes Beistand wird

Wie ein erhört Gebet auf euch sich senken.

Die Zeit bedarf des Arztes und ihr seids.

RUDOLF.

Ein wackrer Arzt, der selber Heilung braucht!

Und dann: Allein!

ERZHERZOG FERDINAND.

So wärt ihr, Herr, allein?

Verzeiht dem Schüler, der den Meister meistert.

Um euch schart sich die Hälfte einer Welt,

Die treu noch ihrem Gott und seinem Abbild:

Dem Fürsten auf dem angestammten Thron.

Für euch ist Spanien, der Papst, ist Welschland,

Des eignen Erblands ungebrochne Kraft,

Noch nicht verführt von falschen Glaubenslehren.

Zählt eure Schar, und zehnfach, hundertfach

Wiegt sie die Gegner auf, die, schwach an Zahl,

Nur scheinbar sich durch Regsamkeit verdoppeln.

RUDOLF.

Der Arme viel, wo aber bleibt das Haupt?[360]

ERZHERZOG FERDINAND.

Ihr selbst, dem niemand gleich an Sinn und Wissen.

Dann noch die edlen Fürsten eures Hauses,

Die Gott als Helfer selbst euch anerschuf.

RUDOLF.

Sprecht ihr von euch?

ERZHERZOG FERDINAND.

So werde nie mir Heil,

Als je mein Sinn ein andres Trachten kannte,

Als Östreichs Wohl und Jesu Christi Ruhm.

Mein Alter heißt mich lernen statt zu lehren.

Auch bin nicht ichs, die Brüder sinds, die Nächsten,

Der edle Max, Albrecht der sinnig weise,

Und jener Dritte – Erste, den nur eben

Im Vorgemach ich kummervoll –

RUDOLF sich abwendend.

Es bien!

ERZHERZOG FERDINAND.

Seht ihr, da senkt das alte Mißtraun wieder

Sich nebelgleich herab auf eure Stirn!

O, weh uns, wenn es wahr, was man sich sagt,

Daß jener finstern Sternekundgen einer,

Die euern Hof zum Sammelplatz erwählt,

Mit astrologisch dunkler Prophezeiung

Euch abgewandt von euerm edeln Haus,

Gefahr androhend von den Nahverwandten.

O, weh uns, wenn es so, und ihr für Schein

Den wahren Vorteil aufgebt, aller Heil.

RUDOLF auffahrend.

Für Schein? für Schein? So kennst du diese Kunst,

– Wenns eine Kunst – daß du so hart sie schmähst?

Glaubst du, es gäb ein Sandkorn in der Welt,

Das nicht gebunden an die ewge Kette

Von Wirksamkeit, von Einfluß und Erfolg?

Und jene Lichter wären Pfennigkerzen,

Zu leuchten trunknen Bettlern in der Nacht?

Ich glaub an Gott und nicht an jene Sterne,

Doch jene Sterne auch, sie sind von Gott.

Die ersten Werke seiner Hand, in denen

Er seiner Schöpfung Abriß niederlegte,

Da sie und er nur in der wüsten Welt.[361]

Und hätt es später nicht dem Herrn gefallen,

Den Menschen hinzusetzen, das Geschöpf,

Es wären keine Zeugen seines Waltens,

Als jene hellen Boten in der Nacht.

Der Mensch fiel ab von ihm, sie aber nicht.

Wie eine Lämmerherde ihrem Hirten,

So folgen sie gelehrig seinem Ruf,

So heut als morgen, wie am ersten Tag.

Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein,

In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht.

Und wers verstünde, still zu sein wie sie,

Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd,

Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr,

Ihm würde leicht ein Wort der Wahrheit kund,

Die durch die Welten geht aus Gottes Munde.

Fragst aber du: ob sie mir selber kund,

Die hohe Wahrheit aus der Wesen Munde?

So sag ich: nein, und aber wieder: nein.

Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,

Der Dinge tiefster Kern ist mir verschlossen.

Doch ward mir Fleiß und noch ein andres: Ehrfurcht

Für das, daß andre mächtig und ich nicht.

Wenn aber, ob nur Schüler, Meister nicht,

Ich gerne weile in den lichten Räumen;

Kennst du das Wörtlein: Ordnung, junger Mann?

Dort oben wohnt die Ordnung, dort ihr Haus,

Hier unten eitle Willkür und Verwirrung.

Macht mich zum Wächter auf dem Turm bei Nacht,

Daß ich erwarte meine hellen Sterne,

Belausche das verständge Augenwinken,

Mit dem sie stehn um ihres Meisters Thron. –


Immer leiser sprechend.


Wenn nun der Herr die Uhr rückt seiner Zeit,

Die Ewigkeit in jedem Glockenschlag,

Für die das Oben und das Unten gleich,

Ins Brautgemach – des Weltbaus Kräfte eilen

– Gebunden – in der Strahlen Konjunktur –

Und der Malefikus – – das böse Trachten – –


[362] Er verstummt allmählich. Sein Haupt sinkt auf die Brust. Pause. Erzherzog Ferdinand tritt ihm, besorgt, einen Schritt näher.


RUDOLF emporfahrend.

Ist jemand hier? – Ja so! – Was solls? –

Ihr spracht von meinem Bruder, von Mathias.

Ich seh, es ist ein Plan. Was also will man?

Warum verließ er seinen Bann zu Linz?

ERZHERZOG FERDINAND.

Und wenns der Wunsch nach Tätigkeit nun wäre?

RUDOLF.

Nach Tätigkeit? Ist er denn tätig nicht?

Er reitet, rennt und ficht. Wir beide haben

Von unserm Vater Tatkraft nicht geerbt,

– Allein ich weiß es, und er weiß es nicht.

Was also noch? Zum mindsten will ich zeigen,

Daß nicht der Sterne Drohn, daß euer Trachten,

Die Heimlichkeit der nahverwandten Brust,

Mir Mißtraun gab und gibt. – Die Klugheit riete,

Zu halten ihn in heilsamer Entfernung,

Allein ihr wollts. Was also solls mit ihm?

ERZHERZOG FERDINAND.

Er wünschte –

RUDOLF.

Nun?

ERZHERZOG FERDINAND.

In Ungarn ein Kommando.

RUDOLF.

Hat er schon je, und wo hat er gesiegt?

Zwar ist der Mansfeld dort, ein tüchtger Degen,

Der gönnt ihm gern die Ehre des Befehls

Und tut die Pflichten selbst. Schickt ihn denn hin!

Doch heißt ihn zügeln seine Tätigkeit;

Er füge sich des Feldherrn beßrer Einsicht.

Auch sind der Krieger dort, der Führer viel,

Die zugetan der neuen Glaubensmeinung.

Es ist jetzt nicht die Zeit noch da der Ort,

Zu streiten für die Wahrheit einer Lehre.


Da Erzherzog Ferdinand zurücktritt.


RUDOLF.

Was ist? Was geht ihr fort?

ERZHERZOG FERDINAND.

Nicht anzuhören,

Wie Östreichs Haupt, wie Deutschlands Herr und Kaiser

Das Wort führt den Abtrünnigen vom Glauben.

RUDOLF.

Das Wort führt, ich? Kommt euch die Lust zu scherzen?[363]

Allein wer wagts, in dieser trüben Zeit

Den vielverschlungnen Knoten der Verwirrung

Zu lösen eines Streichs.

ERZHERZOG FERDINAND.

Wers wagte? Ich!

RUDOLF.

Das spricht sich gut.

ERZHERZOG FERDINAND.

Nur das? Es ist geschehn.

In Steier mindestens, in Krain und Kärnten

Ist ausgetilgt der Keim der Ketzerei.

An einem Tag auf fürstlichen Befehl

Bekehrten sich an sechzigtausend Seelen

Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus.

RUDOLF.

Und ohne mich zu fragen?

ERZHERZOG FERDINAND.

Herr, ich schrieb

So wiederholt als dringend, aber fruchtlos.

RUDOLF die auf dem Tische liegenden Papiere untereinanderschiebend.

Es ist hier wohl Verwirrung oft mit Schriften.

ERZHERZOG FERDINAND.

Da schritt ich denn zur Tat, dem besten Rat.

Mein Land ist rein, o wär es auch das eure!

RUDOLF.

Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus?

Mit Weib und Kind? Die Nächte sind schon kühl.

ERZHERZOG FERDINAND.

Durch Drangsal, Herr, und Schmerz erzieht uns Gott.

RUDOLF.

Und das im selben Augenblick, wo du

Die Sachsenfürstin freist, die Protestantin?

ERZHERZOG FERDINAND.

Gott gab mir Kraft, die Neigung zu besiegen,

Wenn ihrs erlaubt, so steh ich ab von ihr

Und werbe um des Baierherzogs Tochter.

RUDOLF.

Sie ist nicht schön.

ERZHERZOG FERDINAND.

Ihr Herz ist schön vor Gott.

RUDOLF eine Gebärde des Schiefgewachsenseins machend.

Beinah –

ERZHERZOG FERDINAND.

Gerad ihr Sinn, ihr Wandel und ihr Glauben.

RUDOLF.

Nun, ich bewundre euch. – Weis deine Hände!

Ist das hier Fleisch? lebendig, wahres Fleisch?

Und fließt hier Blut in diesen bleichen Adern?[364]

Freit eine andre, als er meint und liebt –

Mit Weib und Kind, bei zwanzigtausend Mann,

In kalten Herbstesnächten, frierend, darbend!

Mir kommt ein Grauen an. Sind hier nicht Menschen?

Ich will bei Menschen sein. Herbei! Herein!


Mit dem Stocke auf den Boden stampfend. Die Hofleute kommen zurück.


RUDOLF.

Die Kinderzeiten werden wieder wahr.

Und mich umschauderts wie Gespensterglauben.


Zu Erzherzog Ferdinand.


Weilt ihr noch länger hier bei uns in Prag,

Treibts euch zurück vielleicht schon nach der Heimat?

ERZHERZOG FERDINAND.

Ich reise nächst, wenn manches erst geschlichtet


Lebhaft.


Und meinen Bruder ich euch vorgestellt.

RUDOLF.

So ist der Leupold da? Wo ist, wo weilt er?

RUMPF.

Im Schloßhof tummelt er das türksche Roß,

Das ihr gekauft und das Don Cäsar schulte.

Sie jubeln, daß der Erker widerhallt.

RUDOLF.

Sie jubeln? Tummelt? Ein verzogner Fant,

Hübsch wild und rasch, bei Wein und Spiel und Schmaus.

Wohl selbst bei Weibern auch; man spricht davon.

Allein er ist ein Mensch. Ich will ihn sehn,

Den Leupold sehn! Wo ist er? Bringt ihn her!


Einige sind gegangen.


RUDOLF zu Ferdinand.

Beliebts euch unterdessen, die Gemächer,

Die man euch hier bereitet, zu besehn?

Wo bleibt der Range? Warum kommt er nicht?

ERZHERZOG LEOPOLDS STIMME von außen.

Señor!

RUDOLF.

Aha, er ruft. – – Was gibt es dort?


Aus der Seitentüre links ist ein Hofbedienter herausgetreten.


RUMPF.

Die Kapelläne fragen untertänigst,

Ob eure Majestät den Gottesdienst –

RUDOLF das Barett abnehmend und Mantel und Kleid ordnend.

Des Herren Dienst vor allem.


[365] Zu Erzherzog Ferdinand.


Wenns beliebt!


Zu den übrigen.


Und kommt mein Neffe, heißt ihn nur uns folgen.

ERZHERZOG LEOPOLD zur Türe hereinstürzend.

Mein gnädger Ohm!


Da er den bereits geordneten Zug sieht, stutzt er und zieht das Barett ab.


RUDOLF.

Nur dort, an eure Stelle.


Auf einen Wink Erzherzog Ferdinands stellt sich Leopold ihm zur Seite.

Der Zug setzt sich in Bewegung, die beiden Erzherzoge unmittelbar vor dem Kaiser. Nach einigen Schritten tippt letzterer Erzherzog Leopold auf die Schulter. Dieser wendet sich um und küßt ihm lebhaft die Hand. Der Kaiser winkt ihm liebreich drohend Stillschweigen zu, und sie gehen weiter. Die übrigen folgen paarweise.

Der Vorhang fällt.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 2, München [1960–1965], S. 347-366.
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