Zweiter Aufzug

[366] Freier Platz im kaiserlichen Lager. Im Hintergrunde Gezelte.


EIN HAUPTMANN tritt hinter sich schreitend auf, wobei er eine kurze Partisane wagrecht vor sich hält.

Zurück, sag ich, zurück auf eure Posten!

Seid ihr Soldaten, wie? und flieht den Feind?


Ein Trupp Soldaten kommt von derselben Seite, ein Fahnenträger unter ihnen.


FAHNENTRÄGER.

Wir fliehen, meint ihr, Herr? Nun denn mit Gunst,

Sagt erst: wo ist der Feind, ob vor ob rückwärts?

Ein Krieger ficht wohl, weiß er gegen wen,

Doch wo nicht Ordnung, Kundschaft und Befehl,

Wehrt er sich seiner Haut und weiter nichts.

HAUPTMANN.

So meisterst du, ein Knecht, den Heeresfürsten?

FAHNENTRÄGER.

Ob zehnmal Herr und zwanzigmale Knecht,

Wenn einer irrt, hat doch der andre recht.

Wir waren auf am Damm bei Raab gestellt,

Wir da und fünfzig andre, die der Säbel

Der Türken fraß in dieser blutgen Nacht,

Auf blachem Feld, zur Unterstützung rings

Soweit das Auge trug, nicht Wacht, noch Posten.

Doch machten wir 'nen Kirchhof zum Kastell

Und hielten straff. Da brichts mit einmal los:

Allah, Allah! aus tausend bärtgen Kehlen,

Nicht vor uns, hinter uns. Die Donau durch,

Rauscht wie ein zweiter Strom, quer durch den andern,

Der Spahi und sein Roß. Hilf, Jesu Christ!

Da galt kein Säumen, und war eitel Nacht.

Trapp trapp, da sprengen kaiserliche Reiter

Und jagen andre, kaiserlich wie sie.

Der Musketier schießt los, und den er traf,

Es war sein Landsmann, in des Dunkels Wirren

Die rasche Kugel wechselnd mit dem Freund.

Bald ist das ganze Heer nur eine Flucht,

Ein Jammern und ein Töten und ein Schrein.

In all der Hast vergaß man ganz auf uns,

Zu gehn, zu bleiben waren wir die Meister,[367]

Doch blieben wir. Erst nach drei heißen Stürmen,

Als mancher schon mit seiner Haut bezahlt,

Brach auf das kleine Häuflein; und nicht seitwärts,

Nur Sicherheit für unsre Leiber suchend,

Zum Lager gradaus schlugen wir uns durch.

Und sind nun hier, dem Türken, sucht er uns,

Der Rückkehr Straße schwarz mit Blut zu zeichnen,

Doch ihn zu suchen keineswegs gewillt,

Man zeig uns denn, wer führt und wer befiehlt.

MEHRERE IM TRUPP.

So ists! – Ein Führer erst! – Dann folgen alle.

HAUPTMANN.

So bin ich unter Meutern?


Oberst Ramee kommt.


HAUPTMANN.

Mein Herr Oberst,

Verrat und Aufruhr in des Lagers Mitte.

Die hier und der –


Es haben sich nach und nach immer mehrere gesammelt.


RAMEE halblaut.

Laßt nur, laßt nur für jetzt.

Der Feind im Anzug und das Heer entmutigt,

Man drückt jetzt füglicher ein Auge zu,

Als den Gehorsam noch durch Strenge prüfen.

Was weiß man von dem Feldherrn?

HAUPTMANN.

Prinz Mathias?

RAMEE.

Wen sonst?

HAUPTMANN.

Verschieden gehen die Gerüchte.

Er ward gesehn in Mitte der Verwirrung.

Die einen lassen ihn am rechten Donauufer

Die Straße nehmen nach Haimburg und Wien,

Die andern – Heilger Gott, wenn er den Türken –!

Was machen wir, vereinzelt, ohne ihn?

RAMEE.

Dasselbe, mein ich, was mit ihm, den Frieden.

HAUPTMANN.

Allein der Kaiser will nicht.

RAMEE.

Wollen! Wollen!

Hier fragt sich, was man muß, nicht, was man will.

Auch, ist der äußre Krieg erst beigelegt,

Hat man die rüstgen Arme frei nach innen.

HAUPTMANN.

Was aber soll mit all der Soldateska?

Wir sind in Rückstand mit zwölf Monat Sold.[368]

RAMEE.

Erzherzog Leupold wirbt in Passau Völker,

Wenn hier das Handwerk ruht, fragt an bei uns.

HAUPTMANN.

Und gegen wen –?

RAMEE.

Die Rüstung geht in Passau?

Man weiß noch nicht. Für wen, ich habs gesagt,

Auf jeden Fall für Östreich und den Kaiser.

Wer sind die Männer?


Einige schwarzgekleidete Herren gehen quer über die Bühne. Mehrere grüßen sie mit abgezogenen Hüten.


HAUPTMANN.

Mit den goldnen Ketten?

Die protestantschen Herrn aus Österreich.

Sie kamen, den Erzherzog anzusprechen

In Sachen ihres neuen Christentums

Und halten sich derweile zu den Ungarn.

Das lauscht und flüstert, schleicht und konspiriert.

Wär ich der Prinz, wie wollt ich heim sie senden!

RAMEE.

Heim senden? ei, wenn ihr sie selbst berieft?


Weibergeschrei hinter der Szene.


RAMEE.

Was dort?

EIN SOLDAT eine gefangene Türkin an der Hand führend.

Nein, sag ich, nein!

ZWEI KÜRASSIERE die ihm folgen.

Muß doch! muß doch!

SOLDAT.

Mein ist die Heidin zehn- und hundertmal.

Ihr Haus in Gran fiel mir zum Beuteteil,

Ich wars, der ihren Bräutigam erschlug,

Drum ist sie mein und das von Rechtes wegen.

KÜRASSIER.

Mir drücken sie die Hand.

SOLDAT zur Türkin.

Ists wahr? – Sie kann nicht reden.

Wenns wahr, so spalt ich ihr den Kopf. Doch jetzt,

Jetzt ist sie mein und –

KÜRASSIERE die Hand am Säbel.

Wollen eben sehn.

SOLDAT.

Kommt an, kommt an! Ob einer gegen zwei.

Ist niemand da, der einem Landsmann hilft?

HAUPTMANN zwischen sie tretend.

Zurück, Samländer, ketzerische Hunde!

KÜRASSIER.

Was sagen Mann?[369]

HAUPTMANN.

Ists etwa nicht bekannt,

Daß Türk und Lutheraner stets im Bunde?

Wie ging sonst alles schief in Rat und Lager?

Die heute nacht der Flucht das Beispiel gaben,

Die Ketzer warens, sinnend auf Verrat.

FAHNENTRÄGER im Vorgrunde rechts.

Wer das sagt, lügt.

HAUPTMANN sein Schwert halb gezogen.

Mir das? Wer hat gesprochen.

ZWEITER SOLDAT rechts im Vorgrunde.

Mit Gunst: hat er doch recht. Hier dieser Mann,

Obgleich ein Luthrischer und Kirchenleugner,

Gefochten hat er in der heutgen Schlacht

Wie einer, der gedenkt des ewgen Heils.

Und ob ich gleich als rechter Katholik

Verdammen muß, was seine Predger lehren,

Im Lager hier sind alle Tapfern Brüder,

Und somit meine Hand.

FAHNENTRÄGER einschlagend.

Hier meine.

MEHRERE ein Gleiches tuend.

Freund und Bruder!

RINGS HERUM.

Auf ja und nein!

Trotz Papst und Rom?

Wir alle!

HAUPTMANN.

Hört ihr?

RAMEE.

Laßt nur!

GESCHREI im Hintergrunde.

Hoheisa! Die Zigeuner!


Im Hintergrunde tritt schlechte Musik auf. Einige Paare folgen, sich bei den Händen haltend und zum Tanze anschickend. Die anwesenden Soldaten sammeln sich bei dem dort stehenden Marketenderzelte. Musik und Tänzer gehen hinein.

Gelächter, Zutrinken.


KLESEL von der rechten Seite kommend.

Du heilger Gott! bin ich im Christenlager,

Und dient katholschen Fürsten dieses Heer?

RAMEE.

Wenn euch das kränkt, seid wohlgemut,

Das Lager wird euch fürder nicht mehr ärgern.

Ihr seid nach Prag berufen, wissen wir,

Der Kaiser sieht euch hier nicht allzugern.

Wann reist ihr ab?[370]

KLESEL.

Wenns meine Pflicht erheischt,

Die keineswegs mir Prag bis jetzt bezeichnet.

Der Seelenhirt gehört in seinen Sprengel.

RAMEE.

Und ist eur Sprengel hier im Lager? Neustadt,

Neustadt und Wien, dort leuchte euer Licht.

Ihr seid hier schuld an manchem Schief und Argem,

Setzt eure Meinung durch und führt den Krieg

Als eine Wallfahrt nach 'nem Gnadenort,

Nebstdem, daß wenig Gnad in euerm Tun.

Verkehrt ihr doch mit eitel Protestanten

Und wendet euerm Herrn die Herzen ab,

Die ihm bereit aus den getreuen Landen.

Doch ist zur Zeit ein andres Regiment.

Mathias, dieses Lagers Fürst und Führer,

Er fand den Rückweg nicht der andern Flüchtgen,

Und die Erzherzoge, die ihr berieft

Aus Gräz und Wien, zu einem Ratschlag, heißt es,

Sie sind im Lager, treten in sein Amt

Und werden euerm Flüstern wenig horchen.

KLESEL.

Ob ihr beleidigt mich, es sei verziehn,

Allein um aller Heilgen willen sagt,

Was von Erzherzog Mathias euch bekannt.

RAMEE.

Bekannt, daß nichts bekannt. Er ist nicht hier,

Ob nun in Wien, ob – Hoffen wir das Beste,

Euch sei genug: im Lager ist er nicht.

Drum reist nur ab; wenn ihr nicht vorher noch

Bei denen, die ihm folgen im Befehl,

Und die dort nahn, wollt euer Heil versuchen.

Stellt euch in Ordnung! Die Erzherzoge.


Die im Hintergrunde Befindlichen stellen sich in eine Reihe. Von der linken Seite kommen die Erzherzoge Ferdinand, Leopold und Maximilian.


MAXIMILIAN ein beleibter, wohlbehaglicher Herr.

Die Wege rütteln wie das böse Fieber.

Hat noch von unserm Bruder nichts verlautet?

KLESEL der in den Vorgrund rechts getreten, auf sie zugehend.

Gott segne euern Eintritt, edle Herrn!


Die Erzherzoge sehen nach der entgegengesetzten Seite und gehen quer über die Bühne ab.
[371]

KLESEL sich zurückziehend.

Du heilger Gott!

ERZHERZOG LEOPOLD der zurückgeblieben, links in den Vordergrund tretend.

Ramee!

OBERST RAMEE zu ihm tretend.

Erlauchter Herr!

ERZHERZOG LEOPOLD.

Es steht hier schlimm, und doch, bedenk ichs recht,

Möcht ich fast sagen: gut. Sie haben Pläne.

Das Lager hier, ich fürchte, löst sich auf.

Hast du versucht, ob ein und andre willig,

Bei uns zu dienen im Passauer Heer?

RAMEE.

Bei zwanzig Führer.

LEOPOLD.

Halt, sprich leise, hier!


Er zieht sich mit ihm nach der linken Seite, wo Ramee zu ihm spricht.


KLESEL in der Mitte der Bühne mit einer Bewegung gegen den Erzherzog.

Ob ichs versuche, noch einmal versuche?


Eine Gruppe Soldaten rechts im Vorgrunde.


ERSTER halblaut.

Des Kaisers Sohn, Don Cäsar, ist im Lager.

Er wirbt Gehilfen zu geheimem Anschlag.

Es soll 'ner Kutsche mit zwei Frauen gelten,

Begleitet nur von wenigen Berittnen.

ZWEITER.

Das wär ja wie ein Räuberüberfall.

ERSTER.

Des Kaisers Sohn und Räuber? Dann zuletzt,

Was kümmerts dich? Sieh hier, man zahlt mit Gold.


Münzen zeigend.


ZWEITER.

Gehst du?

ERSTER.

Ja wohl! und Kunz und Hans und Märten.

KLESEL im Mittelgrunde.

Nein, lieber sterben als den Einsichtslosen

Die Einsicht opfern und gerechten Stolz.

LEOPOLD zu Ramee.

Sei rasch und klug und hüte dich vor dem!


Auf Klesel zeigend, ab.


ZWEITER SOLDAT rechts im Vorgrunde.

Hier hast du mich! Solls bald?

ERSTER.

Heut abend.

ZWEITER.

Gut![372]

GESCHREI hinter der Szene.

Vivat! Vivat!

RAMEE.

Was ist?

HAUPTMANN in die Szene nach links blickend.

Ein Mann – umgeben –

In ungrisch niedrer Tracht. – 's ist der Erzherzog.

RAMEE.

Mathias?

HAUPTMANN.

Wohl! – Nun vivat, vivat denn,

Wers treu mit Östreich meint und seinem Haus.


Klesel, der bei dem Worte Mathias zusammengefahren, stürzt jetzt auf den Hauptmann zu, ihm die Rechte mit beiden Händen drückend, dann eilt er nach der linken Seite ab.


ALLE in derselben Richtung folgend.

Vivat! Vivat!

RAMEE.

Nun, vivat denn wir alle!


Er schließt sich an.


ERSTER SOLDAT aus der Gruppe rechts.

Wir kommen noch zurecht. Doch wahrt die Zunge!


Sie ziehen sich nach der rechten Seite zurück.

Die Bühne ist leer geworden.


Verwandlung.


Das Innere eines Zeltes. Kurzer Raum, im Hintergrunde durch einen Vorhang geschlossen.

Von außen hört man noch immer vivat rufen.

Erzherzog Mathias in einfachem ungarischem, bis an die Kniee reichendem Rocke, ein paar Diener hinter sich, von der rechten Seite.


MATHIAS.

Ha, jubelt nur, ihr wackern, treuen Jungen!

Diesmal fürwahr gings nahe gnug an Leib.


Sein Kleid besehend, zu den Dienern.


Gebt einen andern Rock! – Und doch, laßt immer!

Nicht trennen will ich mich von diesen Kleidern,

Bis abgewaschen dieses Tages Schimpf.

Doch einen Stuhl, denn auszuruhn geziemt sich,

Eh man die Kraft zu neuem Wirken spannt.

KLESEL von rechts eintretend.

Gebt Raum! Gebt Raum! Ich muß zu meinem Herrn!


Sich vor ihm auf die Kniee werfend und seine Hand fassend.


Ihr seids, ihr lebt! O, uns ist allen Heil![373]

MATHIAS Klesel emporhebend.

Habt Dank, mein Freund, habt Dank für eure Liebe.

Ja, diesmal galts. Ein Zoll, ein Haar,

Und Prinz Mathias ging zum dunkeln Land,

Wo Fürsten sich als Bettlergleiche finden.


Sein Kleid zeigend.


Der Riß hier, schau! Das war ein türkscher Säbel,

Den einzeln ich, der einzelne bestand.

Es gab zu tun,


Mit einer Handbewegung.


doch eine schiefe Quart

Des alten Mazzamoro, unsers Lehrers

Aus früher Knabenzeit, das endlich half.

Ein alter Landmann gab mir diesen Rock,

Und so kam ich zurück ins eigne Lager.


Diener haben einen kurzen Mantel gebracht.


MATHIAS.

Was solls? – Sagt ich denn nicht –? Es gilt wohl gleich.


Diener ziehen ihm das ungarische Kleid aus und geben ihm den Mantel um, während dessen.


KLESEL.

Wie waren wir besorgt seit Flucht und Schlacht.

MATHIAS.

Die Schlacht ging schief. Der alte Mansfeld

Mit seinem Zaudern hat das Heer verderbt,

Da ist kein Mann für tüchtges Werk und Wagen.

Dagegen diese Türken,


Den Mantel zurechtziehend, die Diener entfernen sich.


wahr bleibt wahr.

Sonst schützt ein Fluß den drangelehnten Flügel,

Sie aber schwimmen durch mit Roß und Mann,

Und was ein Bollwerk schien, wird Punkt des Angriffs.

In Zukunft sieht man sich wohl vor. – Nun aber,

Was geht für Nachricht von den Flüchtigen?

Sind sie zurück im Lager? Fehlen viel?

KLESEL.

Ein Dritteil, sagt man, fast des ganzen Heers.

MATHIAS auf und nieder gehend.

Ein Dritteil, schlimm!

KLESEL.

Nicht wahr? Ihr seht nun selbst –

MATHIAS.

Es finden manche sich wohl später ein.

Doch hätt ich nicht gedacht –[374]

KLESEL.

Der Rest entmutigt,

So daß kein Mittel, als –

MATHIAS stillestehend.

Erneuter Angriff.

KLESEL.

Als Frieden.

MATHIAS.

Neuer, doppeltstarker Angriff.

KLESEL.

Ihr wart ja doch vor kurzem überzeugt,

Daß nur allein Vertrag –

MATHIAS.

Vor kurzem, ja.

Da war ich Sieger. Aber nun: besiegt.

Bei diesem Wort empört sich mir das Blut

Und steigt vom Herzen glühend in die Wangen.

Mir schwebt ein Plan vor aus Vegetius.

Bewährt sich der, dann sprechen wir des weitern.

KLESEL.

Ist das eur Wort, im selben Augenblick,

Wo die Erzherzoge, von euch berufen,

Im Lager schon, zu handeln von dem Frieden?

MATHIAS.

Sie mögen sich den Krieg einmal besehn,

Mitmachen etwa gar, dergleichen frommt

Für Gegenwart und Zukunft; endlich gehn,

Wohin sie Laune treibt, Beruf, Geschäft.

KLESEL.

Und wenn der Kaiser nun erfährt, daß man

Hier Rat gehalten gegen seinen Willen.

MATHIAS.

Erfahren mußt ers, ob nun so, ob so.

KLESEL.

Doch schützte der Erfolg vor seinem Zorn.

MATHIAS.

Den besten Schutz gibt in der Faust das Schwert.

KLESEL.

Und wenn er euch nun ab vom Heer beruft?

MATHIAS.

Vielleicht gehorcht ich nicht.

KLESEL.

Gestützt auf was?

Der Feldherr, der Gehorsam weigert, heißt

Verräter, aber wer den Frieden gibt

Dem ausgesognen Land, wärs ohne Auftrag,

Er ist der Retter, Abgott seines Volks.


Halbleise.


Vergaßt ihr denn, daß Sultan Amurat,

Der Frieden braucht, dem Geber dieser Ruh

In Ungarn Macht und Einfluß gerne gönnt;

Sowie, daß Östreichs Stände beiden Glaubens

Dem Retter in der Not sich in die Arme,[375]

Die doch auch Hände haben – freudig stürzen.

MATHIAS.

Ich habs gesagt. Die Schmach ertrüg ich nicht.

EIN DIENER anmeldend.

Die Herrn Erzherzoge.

KLESEL.

Um Gottes willen!

Erkennt doch, daß es Wahnsinn, was ihr wollt.

Und doch – kommts wie ein Lichtstrahl nicht von Oben?

Es ist zu spät. Bleibt, Herr, bei eurer Weigrung.


Sich nach dem Vorgrunde entfernend.


Vielleicht reift unsern Anschlag grade dies.


Die Erzherzoge werden eingeführt.


MAX.

Nun Bruder, Gott zum Gruß. Doppelt willkommen,

Als kaum entronnen solcher Fährlichkeit.

Nun aber ans Geschäft. Man rief uns her,

Als Zeugen dachten wir, von einem Sieg,

Um zu bewundern eure Strategie;

Doch scheint Gott Mars, der strahlende Planet,

Vorläufig in rückgängiger Bewegung.

MATHIAS.

Aus Vor- und Rückwärts bildet sich der Kreislauf.

MAX.

Doch bleibt man hübsch im Kreis und kommt nicht vorwärts.

Nun, Bruder, sei nicht unwirsch, gings mir auch doch

Viel anders nicht im Streit um Polens Krone.

Sie fingen mich sogar, trotz Stand und Würde.

Der Krieg kennt nicht Respekt, er zahlt auf Sicht.

Hier bring ich dir die Neffen, die du kennst,

Obgleich seitdem


Auf Leopold zeigend.


gewachsen


Auf Ferdinand.


und gealtert.

Sie kamen her, den Kreislauf zu studieren

Des Gottes Mars. Auch will man, heißts, beraten

Um dies und das. Zuletzt denn sind wir hier.

FERDINAND auf Max zeigend.

Des Bruders Gruß, nicht teilend seinen Scherz.

LEOPOLD.

Und hocherfreut, euch, Oheim, wohl zu finden.[376]

MATHIAS.

Das geht nun so im Lager ab und zu,

Bald oben und bald unten. Ists gefällig?

Ein Imbiß findet sich wohl noch zur Labung.

MAX.

Ich liebe nichts vom Krieg, am wenigsten

Die Kriegerkost. Ein deutscher Ordensmeister

Will alles ordentlich, zumal die Tafel.

Wir haben uns aus unsrer Reiseküche

Im Wagen schon gestärkt und danken freundlichst.

Auch will ich keine Lorbeern hier erwerben;

Drum rasch nur ans Geschäft, ist das beendigt,

Kehr ich nach Wien zurück, sobald nur möglich,

Und wo ein Weg noch von den Türken frei.

Du scheinst nicht meiner Meinung, Leopold?

Bleib hier, gebrauch dein Schwert! Du bist noch jung,

Und kommts zur Flucht, bewegst du rüstge Beine.

Ich bin von Blei, das zwar aus der Muskete

Ein rasches Ding, sonst aber träg und schwer.

Nun aber: wo der Ratstisch und die Stühle?


Klesel zieht an einer Schnur, der Vorhang des Zeltes öffnet sich und zeigt einen grünbehangenen Tisch und Armsessel.


MAX.

Der Teppich grün, ah, so bin ichs gewohnt.

An einem roten Tisch fiel mir nichts ein,

Ein blaubehangner führte grad ins Tollhaus,

Doch grün, das stärkt das Aug und den Verstand.

Kommt sitzen denn, ihr Herrn!


Leise zu Mathias.


Doch hier ist einer,

Der überlei mir dünkt in unserm Rat.

KLESEL zu Mathias.

Befehlt ihr irgend noch, erlauchter Herr,

Sonst, mit Erlaubnis, zieh ich mich zurück.

MAX.

Bleibt immer denn und führt das Protokoll!

Man spricht sonst her und hin und weiß zuletzt

Nicht ja noch nein und wer und was gesprochen.


Zu den übrigen.


Geht sitzen, sitzen! Kommt!


Kleseln das Ende rechts am Tische anweisend.


Hier euer Platz![377]

Doch mir zulieb, sprecht erst, wenn man euch fragt.

Nun, Leopold?

LEOPOLD am Ende links.

Ihr wißt, ich stehe gern.

MAX.

Ich weiß, ich weiß! In Gräz vorm Bäckerladen

Hast du gestanden, eisern, stundenlang,

Bis sich die holde Mehlverwandlerin

Am Fenster, günstig, eine Venus, zeigte.

LEOPOLD.

Ein Stadtgeklatsch.

MAX.

Es klatschte wie von Küssen,

Und niemand wußt es, als die ganze Stadt.


Zu Klesel.


Tunkt ihr die Feder ein? Ihr werdet doch nicht

Das alles setzen schon ins Protokoll?

Seht nur, er mahnt uns, Klügeres zu sprechen

Und er hat recht, nun also denn: zur Sache.

Komm sitzen, Leopold!

LEOPOLD.

Nicht, bis ich weiß:

Ob mit des Kaisers Willen, ob entgegen

Wir uns vereinen hier zu Spruch und Rat.

MATHIAS nach einer Pause.

Sagt etwas, Klesel!

KLESEL.

Wenn ich also darf:

Es will gewiß der Mensch sein eignes Bestes.

Wird nun des Kaisers Bestes hier beraten,

Kann man noch zweifeln, ob es auch sein Wille?

LEOPOLD.

Ich aber will nur, was ich selber will,

Und Herrscher heißt, wer herrscht nach eignem Willen.

MATHIAS.

Man merkt es wohl, ihr sucht des Kaisers Gunst.

LEOPOLD.

Wer sie nicht wünscht, ist nicht sein Untertan.

MATHIAS.

Doch hängt ein Nebenvorteil manchmal noch

Der Demut an, die nur Gehorsam schien.

FERDINAND.

Komm, Bruder Leopold, es soll nicht heißen,

Daß wir aus Gräz Gerüchten Nahrung geben,

Die Erberschleichung gegen das Gesetz

Auf unsers Hauses Wappenmantel spritzen.

LEOPOLD.

So will ich hören denn, doch sitzen nicht.

MATHIAS.

Wie's euch beliebt.[378]

MAX.

Nun also denn: was solls?


Da Klesel nach einer Schrift in seinem Busen greift.


MAX.

Laßt stecken, Herr, wir wissen was ihr bringt:

Ein künstlich ausgefeilt Elaborat,

Das uns den Frieden mit den Türken soll

Als rätlich, nötig, unerläßlich schildern.

Ihr seid der Widerhall von euerm Herrn,

Wenn nicht vielmehr das Echo er von euch.

Und deshalb ohne Vorwort zur Beratung.

Der Friede wäre gut, allein der Kaiser,

Des Landes Haupt und Herr, er will ihn nicht.

Nebstdem, daß unter solchen Schmeichelhüllen

Ein Anschlag, meint man, andrer Art sich birgt.


Zu Klesel.


Ich will euch schelten, Herr, drum hieß ich euch

Hier sitzen unter uns; da Bruderliebe

Und Fürstenachtung mir nicht will gestatten,

Zu schelten meinen Bruder, euern Herrn.

Die Stände, sagt man, protestantschen Glaubens

Aus Österreich verkehren still mit euch,

Und als den Preis der Sichrung vor den Türken,

Nebst Zugeständnis ihrer Glaubensübung,

Verspricht man einem Fürsten unsers Hauses,

Den ich nicht kennen will, nicht nennen mag,

Ein neuerdachtes Schützeramt zu gründen,

Halb abgesondert von dem Stamm des Reichs.

Ihr seht, was ihr gesponnen, kam ans Licht.

Seid noch ihr für den Frieden?

KLESEL.

Durchlaucht, ja.

Wenn diesmal auch Verleumdung wahr gesprochen,

Was gut, bleibt gut, wär auch der Geber schlimm.

MAX.

Und, Bruder, du? – Allein was frag ich noch,


Auf Klesel zeigend.


Hat dieser deine Meinung doch gesprochen.

MATHIAS.

Glaubst du?


Zu Klesel.


Sagt eure Meinung noch einmal.

KLESEL.

Den Frieden, hoher Herr.[379]

MATHIAS.

Und ich den Krieg.

Ich bin beschimpft im Angesicht der Welt.

Die Ehre unsrer Waffen stell ich her,

Dann mag die Klugheit und die Furcht beraten.

MAX.

Nun, Bruder, sei nicht kindisch, möcht ich sagen.

Hoffst du, geschlagen mit dem ganzen Heer,

Nun, mit dem halben, Sieg dir zu erringen?

Von hier bis Wien ist nirgends eine Stellung,

Die Mauern Wiens verfallen, ungebessert,

Ein Wandelgang für friedliche Bewohner,

Nicht eine Abwehr gegen solchen Feind.

KLESEL die Feder eintauchend, eifrig.

So seid ihr für den Frieden?

MAX.

Ich? Bewahr!

KLESEL.

Doch spracht entgegen ihr dem Krieg.

MAX.

Ei, laßt mich!

FERDINAND zu Mathias.

Wozu noch kommt, daß es mich heidnisch dünkt,

Für Kriegesruhm und weltlich eitle Ehre,

Das Wohl des Lands, der ganzen Christenheit

Zu setzen auf ein trügerisches Spiel.

LEOPOLD.

Fernand, sie haben dich.

FERDINAND.

Was fällt dir ein?

LEOPOLD.

Wer billigt, der bewilligt wohl zuletzt.

FERDINAND fortfahrend.

Auch sind im Heer beinah nur Protestanten,

Und wo der Glaube fehlt, wo bleibt die Hoffnung?

KLESEL zu Mathias.

Beliebts euch, hoher Herr?

MATHIAS.

Was das betrifft,

So weiß ich keinen gläubiger als mich.

Doch ist das Land, sind seine höchsten Stellen

Mit diesen Protestanten ja besetzt.

Muß ich sie schonen nicht, will ich sie brauchen?

Muß ich sie brauchen nicht, wenn zwingt die Not?

Und sag ichs nur: die Fähigsten, die Kühnsten,

Die Ketzer sinds, ich weiß nicht, wie es kommt.

KLESEL auf sein Papier herabgebeugt, wie vor sich.

Der Krieg ist dieser Spaltung Keim und Wurzel.[380]

FERDINAND auf Klesel.

Da spracht ihr wahr, wenn irgend jemals sonst!

Weil Ruhe war in meiner Steiermark,

Weil ich bei Ketzern brauchte nicht zu betteln,

Gelangs mir, ihre Rotte zu zerstreun;

Und deshalb, wäre nicht des Kaisers Wille,

Stimmt ich in euern Antrag freudig ein.

Doch gäb es einen Ausweg, wie mir deucht,

Der Krieg und Frieden gleicherweis vereint:

Den Waffenstillstand –


Zu Klesel.


Schüttelt ihr den Kopf?

MATHIAS.

Und soll er nicht, solang sein Kopf ihm eigen?

Glaubt ihr, der Türke werde müßig gehn,

Für Waffenruh und solchen armen Tand

Des Vorteils sich begeben, der ihm lacht?

– Wenn er im Vorteil ja, wie's wirklich scheint. –

Das ist der Fluch von unserm edeln Haus:

Auf halben Wegen und zu halber Tat

Mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.

Ja oder nein, hier ist kein Mittelweg.

FERDINAND.

Wenn man uns drängt, das ist nicht Brauch noch Sitte.

MATHIAS.

Es drängt die Zeit; wir selbst sind die Bedrängten.

FERDINAND.

Und kennt man die Bedingungen des Feinds?

KLESEL den Stuhl rückend.

Das ist zu wissen leicht aus erster Quelle.

Des Ofner Bassa Sekretär und Dolmetsch

Ist hier im Lager; wenn ihr es gestattet,

Führ ich ihn her, hört selbst dann, was er bringt.

MAX.

Mir ist gemein nichts mit den grimmen Türken.

FERDINAND heftig.

Weiß sonst man irgend, frag ich noch einmal,

Die Punkte, die der Heide nimmt und gibt.

KLESEL.

Der Stand wie vor dem Krieg.

MAX.

Das wäre billig.

LEOPOLD.

Halt aus, Fernand, halt aus! Kehr ruhig heim.

Ich bleibe hier; wärs als gemeiner Reiter,

Wärs auf den Trümmern des zerstörten Wiens,[381]

Durch Blut und Krieg mit allen seinen Schrecken,

Zu fechten für des Kaisers Macht und Willen.

FERDINAND sich mit Abscheu von ihm wendend.

Nun Frieden also denn!

LEOPOLD.

Fernand, auch du?

FERDINAND.

Fragst du mich noch, der du mich selber zwingst,

Mir schildernd alle Greuel des Verweigerns?

KLESEL ruhig zu Mathias.

Ihr seid für Krieg?

MATHIAS.

Wenn man mich überstimmt!

LEOPOLD.

Hier ist noch einer. Ohm, wir sind zu zwei.

MATHIAS.

Gerade deshalb Frieden auch.

MAX.

Wir sind zu Ende.

KLESEL.

Vorerst erlaubt, daß mit zwei Worten nur

Dem Pfortendolmetsch, der im Lager harrt,

Den Ratschluß ich verkünde samt dem Frieden.

FERDINAND.

Warum so rasch?

KLESEL.

Wir haben dann, was ihr

In eurer Weisheit wünschenswert erachtet:

Stillstand der Waffen. Denn, o Herr, bedenkt!

Benützt der Türke seinen jetzgen Vorteil

Und schneidet ab das Heer im Rücken gar,

So steigert er, befürcht ich, seine Fordrung,

Und unsre Opfer steigern sich zugleich.

MAX.

Schreibt immer denn!

FERDINAND.

In mir ringts wirren Zweifels.

Was gäb ich nicht, wär mir der Schritt erspart.

MAX.

Zuletzt hat unser Bruder jüngster Zeit

So sehr sich von Geschäften rückgezogen

Und aufgeschoben, was doch unverschieblich,

Daß ihm ein milder Zwang vielleicht erwünscht.

LEOPOLD.

Ihr werdet sehen, was ihr angerichtet.


Klesel klingelt, ein Diener erscheint.


KLESEL den gefalteten Zettel übergebend.

Des Ofner Bassa Sekretär. Sogleich!


Diener ab.


MAX.

Noch einmal sag ich denn: wir sind zu Ende.

KLESEL.

Nicht ganz, erlauchte Herrn!


[382] Aufstehend.


Wenn ich bisher

Nur auf Erlaubnis sprach und wider Willen,

Tret ich nun auf in meinem eignen Amt,

Als Seelenhirt, als Redner für ein Volk

Und als Vertreter unsers heilgen Glaubens.

Dieselbe Stimme, die in Wien und Neustadt

Zu Tausenden bekehrt mit ihrer Macht,

Erheb ich nun mit gleichem Feuereifer

Im Angesicht der Gegenwart und Zukunft.

Ihr schloßt den Frieden, edle Herrn, allein

Wenn ihn, gesetzt, der Kaiser nun verwirft?

MAX.

Er wird es nicht.

LEOPOLD.

Er wirds.

KLESEL zu Leopold höhnisch.

Ihr habts getroffen

Und kennt, so scheints, des Kaisers tiefste Meinung.


Mathias will auffahren, Klesel hält ihn mit einer Handbewegung zurück.


FERDINAND.

Das sagt ihr uns, nachdem der Bote fort,

Der unser Wort verpfändet an den Türken?

KLESEL.

Die Not erkennend, schloßt ihr den Vertrag,

Doch erst gehalten sind Verträge wirklich.

Wenn nun der Kaiser euern Schluß verwirft?

MAX.

Dann waschen wir in Unschuld unsre Hände.

KLESEL.

Das wäre Unschuld, schlimmer noch als Schuld.

Dies edle Land, es darf nicht untergehn

Und alles, was dem Menschen hoch und heilig,

Nicht von dem Überdruß, den Wechsellaunen

Und der Entfernung zwischen Prag und Wien

Abhängig sein zu drohendem Verderben.

Am heutgen Tag, vertragend mit dem Feind,

– Obgleich vorläufig nur, auf spätern Abschluß -

Erkanntet in euch selber ihr die Macht,

Zu sorgen für des Vaterlandes Beste.

Doch nicht der Kaiser nur ist wankelmütig,

Der Türk ist treulos, als ein Heide schon,

Im ganzen Reich der fernen Möglichkeiten

Ist nichts als Zweifel, Arglist und Gefahr.[383]

Ihr könnt nicht immer hier zu Rate sitzen,

Deshalb ist nötig, daß für alle einer

Mit Macht bekleidet, wenns die Not erheischt,

Zu handeln als des Hauses Hort und Säule.

LEOPOLD.

Er spricht für seinen Herrn.

KLESEL.

Diesmal nicht also!

Befragt ihr mich, wen ich vor allen liebe,

Wen ich an Tapferkeit, an hohem Sinn

Voran den Fürsten mancher Länder setze,

So ist die Antwort: ihn dort, meinen Herrn.

Allein zu solchem Amt fehlt ihm die Festigkeit,

Nicht Kraft, doch das Beharren im Entschluß.

MATHIAS zornig.

Ich will euch zeigen, ob ich fest, ob nicht.

KLESEL.

Auch hat man uns geheimes Einverständnis.

Mit Ketzern, Unzufrieden schuld gegeben,

Das darf nicht sein bei anvertrauter Macht.

Erzherzog Maximilian wäre rein.

MAX.

Ich bin entwohnt des Wirkens und Befehlens,

Mich träfe ganz, was meinen Bruder halb.

KLESEL.

Nun denn: ein Muster hier der Festigkeit,

Der Herr der Steiermark, der, rascher Tat,

Die Ketzerei getilgt in seinem Land.

MATHIAS.

Was fällt euch ein? Ist euch denn nicht bekannt,

Daß diese Gräzer um des Kaisers Gunst,

Mit Hoffnung wohl, zu folgen auf dem Thron,

Der eine laut, der andre leise buhlen?

FERDINAND zu Klesel.

Auch, habt gerühmt ihr meine Festigkeit,

Vergaßt ihr ihre Wurzel: das Gewissen;

Das eine Beugung etwa mir erlaubt

Zu gutem Zweck, wie etwa heut und jetzt;

Doch Übertretung, förmliche Verletzung

Mir nicht gestattet, gält es eine Krone.

Mathias ist des Hauses Ältester,

Tut not denn übertragene Gewalt,

Wie es fast scheint, so sei sie ihm vertraut.

MATHIAS.

Ja, mir gebührts von allen und mit Recht.[384]

KLESEL ein Papier aus dem Busen ziehend.

Da braucht es nur noch eure Unterschrift.

LEOPOLD.

Seht ihr den Schalk? er hats schon in der Tasche.

KLESEL.

Die Vollmacht, ja, allein der Name fehlt.


Die Schrift hinhaltend.


Er blieb hier weiß.

FERDINAND zu Max.

Wenns, Oheim, euch genehm.


Sie lesen die Schrift.


LEOPOLD.

Schreibt nur Rudolphus, so bleibts nach wie vor.

Ihr habt uns hier am Narrenseil geleitet,

Ich geh nach Prag und zeigs dem Kaiser an.

MATHIAS.

Das dürft ihr nicht.

KLESEL demütig.

Herr, das war die Bedingung:

Geheim zu halten, was beschloß der Rat.

LEOPOLD sein Wehrgehäng zurechtrichtend.

So will ich nur im offnen und geheimen

Den Kaiser schützen, den ihr doch bedroht.

FERDINAND.

Ich setze denn Mathias.

MAX.

Immerhin.

FERDINAND unterzeichnend.

Und hier die Unterschrift.

MAX ebenso.

Sowie die meine.

FERDINAND der aufgestanden ist.

Wenn ich betrachte dieses Unglücksblatt,

So gehts durch meine Seele wie Verderben.

KLESEL.

Sie liegt noch hier; es braucht nur, sie zerreißen,

So stehen wir auf gleichem Platz wie vor.

FERDINAND.

Ich fühle wohl, es muß. Komm, Leupold, mit nach Graz,

Es drängt mich, mein Gewissen auszuschütten

Vor dem, der seine Zukunft kennt und löst.

MAX aufstehend.

Es ist geschehn. Nun, Bruder, aber höre.

Sei fest und treu! Vor allem aber wisse:

Warst eines Sinnes du mit diesem Mann,


Auf Klesel zeigend.


Ich hätte die Gewalt dir nicht gegeben.

Drum brauch ihn, er ist klug, doch hüte dich.[385]

MATHIAS streng.

Ich werde wohl und hab ihn heut erkannt.

FERDINAND.

Vielmehr begehr ich, daß ihr ihn gebraucht,

Er ist ein Eifrer für die fromme Sach.

LEOPOLD.

Du zitterst ja!

FERDINAND.

Laß nur, es geht vorüber.

LEOPOLD.

Wir haben keinen guten Kampf gekämpft.

MATHIAS.

Wollt ihr schon fort?

MAX.

Laß uns! wir sind betrübt.

Und ohne Abschied denn! – Geht ihr?

FERDINAND UND LEOPOLD.

Wir folgen.

MATHIAS.

Zur Kutsche wenigstens nehmt das Geleit.

Auf baldges, frohes Wiedersehn.

DIE ERZHERZOGE.

Wir hoffens.


Sie gehen, von Mathias geleitet.


KLESEL.

Nun rasch ans Werk! Vor allem die Depeschen.


Er setzt sich und schreibt.


MATHIAS zurückkommend.

Wie, du noch hier? Du trittst vor meine Augen,

Nachdem du erst gesprochen wider mich?

KLESEL aufstehend.

Herr, wider euch? für euch! Ihr habt die Schrift,

Die euch zum Herren macht in diesem Land.


Da Mathias zu ihm tritt.


Wenn ihr mich stört, such anderwärts ich Ruh.

Es gilt zu schreiben, schreiben, rasch und viel.

Und diese Schrift, ihr sollt mir sie noch küssen,

Wie ich sie küsse jetzt.

Wir sind geborgen.


Er tritt ins Innere des Zeltes, dessen Vorhänge er herabläßt.


MATHIAS.

Er ist ein Rätsel, was er tut und spricht,

Und seine Rede streitet mit ihm selber.

– Nun ja, die Schrift –


Freudig auffahrend.


He, Klesel, Klesel, höre!


Er tritt an den Vorhang.


Er gibt nicht Antwort. Laß ich ihn denn jetzt!

Ein Meer von Bildern schwimmt vor meiner Seele.


[386] Auf die Seitentüre zugehend, bleibt er stehen, als ob er umkehren wollte, geht aber nach einigem Besinnen ab.

Gegend in der Nähe des kaiserlichen Lagers. Abenddämmerung. Man hört einige Flintenschüsse hinter der Szene. Prokop, ein bloßes Schwert in der Hand, kommt mit seiner Tochter.


PROKOP.

Komm, meine Tochter, noch hält dieser Arm

Und fühlt sich stark genug, dich zu verteidgen.


Zwei kaiserliche Soldaten folgen.


ERSTER.

Gebt euch, sag ich. Ihr lebtet längst nicht mehr,

Wär nicht die Furcht, das Mädchen zu verletzen.

PROKOP rufend.

Janek! Basil!

ZWEITER.

Die hörten auf zu hören.

Ihr seid der einzig Lebende, drum hört!

PROKOP.

So will ich sterben denn, mein Kind verteidgend.

Allein was wird aus ihr, wenn ich erlag.

ERSTER.

Das eben, Herr, bedenkt und weicht der Not,

Sonst eins, zwei, drei, und euer Tag ist aus.


Sie nähern sich ihm.


PROKOP.

Lebt denn kein Retter mehr im weiten All?

Kein Helfer, der bedrängte Unschuld schirmt?


Trompeten in der Nähe.


PROKOP.

Hört ihr?


Ein dritter Soldat kommt.


ERSTER.

Was ist?

DRITTER.

Die Herrn Erzherzoge.

Die, stark begleitet, aus dem Lager kehren,

Ein Unstern führt sie eben hier vorbei.

Wir sind zu schwach, entflieht!

ERSTER.

Ich werde wohl!

Der Lohn, zum Glück, ward vorhinein bezahlt.


Sie ziehen sich zurück.


PROKOP.

Wir sind gerettet, Kind! Lukrezia, hörst du?


Erzherzog Leopold und Oberst Ramee kommen mit Begleitung, die bloßen Schwerter in der Hand.


LEOPOLD.

Nicht Türken sinds, des eignen Lagers Auswurf,

Zu Brudermord gezuckt das feige Schwert.

Verfolgt sie, gebt dem Henker seine Beute!


[387] Ramee und einige in der Richtung der Flüchtigen, ab.


LEOPOLD.

Und wer seid ihr?


Erzherzog Ferdinand mit Dienern und Fackeln ist gekommen.


PROKOP gegen Ferdinand gewendet.

Ein Bürger, Herr, von Prag,

Mit seiner Tochter, die euch dankt die Rettung.

Ein Mächtiger am Hof verfolgte sie;

Deshalb nun wollt ich sie nach Dukla bringen

Zu einer Tante, die dort lebt im Schloß.

Allein der Kriegslärm, damals weit entfernt,

Er überholte uns auf unsrer Reise.

Seitdem nun irren wir auf Seitenwegen

Und hofften in dem Christenlager Schutz.

LEOPOLD Lukrezias Hand fassend.

Erholt euch, schönes Kind.

LUKREZIA die Hand zurückziehend.

Nicht schön, doch ehrbar.


Ramee und seine Begleiter kommen mit einem in einen dunkeln Mantel Verhüllten zurück.


RAMEE.

Den einzgen nur gelang es zu ereilen.

LEOPOLD.

Verhüllt ihr euch? Es ist nicht Fastnachtzeit!

Die Fackel her!


Ein Diener leuchtet hin.


LUKREZIA.

O Gott, er ists.

ERZHERZOG FERDINAND.

Don Cäsar!

PROKOP.

Derselbe, den wir flohn.

FERDINAND.

Wie kommt ihr hieher?

DON CÄSAR.

Fragt nicht und laßt mich frei.

FERDINAND.

Nicht also, Freund!

Der Kaiser will euch gern in seiner Nähe,

Und ihr bedürft, so seh ich, strenger Hut.


Zu einem Befehlshaber.


Geleitet ihn mit eurer Schar von Reitern

Und sagt dem Kaiser, wenn ihr kommt nach Prag –

Allein das tu ich selbst, wenns an der Zeit.

Geht nur! Ihr haftet mir für seine Stellung.


Don Cäsar wird fortgebracht.


PROKOP.

Allein was wird aus uns?[388]

ERZHERZOG FERDINAND.

Schließt euch nur an,

Bis ihr die Grenze habt erreicht von Mähren,

Wo sicher euer Weg.

PROKOP.

Nehmt tausend Dank.

Komm nur, mein Kind!


Nach Don Cäsar hinweisend.


Er kann nicht weiter schaden.


Ab mit Lukrezia.


LEOPOLD.

Nun, Bruder, sieh, wir taten doch ein Gutes.

FERDINAND.

Nachdem wir Schlimmes erst, ich fühls, getan.

LEOPOLD.

Sei nicht betrübt, es findet sich noch alles.

Was halb du weißt und halb ich dir verschwieg:

Das Heer in Passau, das ich, andern Vorwands,

Seit lange werb, es stellt die Wage gleich

Und gibt dem Kaiser wieder seine Rechte.

FERDINAND die Arme auf seine Schultern legend.

Nichts Unvorsichtiges, mein Freund und Bruder!

LEOPOLD während Ferdinand sich auf ihn stützt.

Voraussicht ist ja Vorsicht, oder nicht?

Die Klugheit gibt nur Rat, die Tat entscheidet.

Es soll sich alles noch zum Guten wenden.


Indem sie abgehen, fällt der Vorhang.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 2, München [1960–1965], S. 366-389.
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