Fünfter Aufzug

[432] Saal in der kaiserlichen Burg zu Wien.

Klesel steht wartend, Erzherzog Ferdinand tritt ein.


FERDINAND.

Ists endlich mir gegönnt, bei meinem Oheim,

Mit dem ich sprechen muß, Gehör zu finden?

KLESEL.

Die Türe steht euch offen jederzeit,

Ihr seht ihn täglich, stündlich, wenn ihr wollt.

FERDINAND.

O ja, im Schwall des Hofs, bei Spiel, beim Tanz.

Wohl auch im Kabinett, in eurem Beisein.

KLESEL.

Er ist der Herr und ich sein Diener nur.

Befiehlt er mir zu gehen, geh ich; bleibe,

Wenn er mein Bleiben förderlich ermißt.

FERDINAND.

Nur neulich sprach ich endlich ihn allein,

Nur merkt ich wohl aus den zerstreuten Blicken,

Die stets er warf nach der Tapetentür,

Daß jemand dort versteckt, der uns behorchte.

Und ihr warts, mein ich; leugnets, wenn ihr könnt.

KLESEL.

Wär es geschehn, geschah es auf Befehl:

Gehorchen schließt das Horchen selbst nicht aus.

FERDINAND.

Wir aber wollens länger nicht mehr dulden,

Daß sich ein Fremder eindrängt zwischen uns

Und stört die Einigkeit von unserm Hause.

Wars darum, daß wir uns euch angeschlossen

Und gegen ihn, den rechten, gütgen Herrn?

So daß die Röte mir der Scham noch jetzt,

Indem ich spreche, aufsteigt bis zur Stirne.

Da hieß es, daß ein Haupt dem Reich vonnöten,

Daß nur mit festem Tritt und sicherm Aug

Der Ausweg sei zu finden aus den Wirren,

In denen labyrinthisch geht die Zeit,

Und wir, wir stimmten ein – wärs nie geschehn! –

Doch kaum erreicht das langersehnte Ziel,

Gestillt die Gier des Herren und – des Dieners,

Wankt man auf gleichem Irrweg durch den Wald

Und meint: sich regen sei schon weitergehn.

KLESEL.

Ihr irrt; ein fester Plan beherrscht das Ganze,

Und jeder Schritt führt näher an das Ziel.[433]

FERDINAND.

Doch dieses Ziel, sag ich, es ist verderblich.

Ausgleichung heißts, Gleichgültigkeit für jedes;

Vermengung des, was Menschen ist und Gottes.

Sagt selbst, ob euer Herr –

KLESEL.

Nur meiner?

FERDINAND.

Meiner auch.

Doch einen Abstand bildet wohl, was nah und nächst.

Sagt selbst: war er nicht heißer Tatendurst,

Zu zügeln kaum und kaum zurückzuhalten,

Solang die Krone lag im Reich der Hoffnung;

Und nun, bedeckt mit ihr, als einem Helm,

Den Szepter als ein Schwert in seiner Hand,

Schläft er auf trägen Purpurkissen ein

Und bringt die Zeiten Kaiser Rudolfs wieder.

Ja, schlimmer noch; denn jener war die Wage,

Die beide Teile hielt im Gleichgewicht;

Ihr aber legt, was euch noch bleibt an Schwere,

Der einen Schale zu, und zwar der schlechten,

Der gottverhaßten, der verderblichen.

Ist nicht halb Österreich noch immer protestantisch,

Mit Ketzern nicht besetzt ein jeglich Amt.

Die hohe Schule, deren Rektor ihr,

Ertönt von Worten frecher Kirchenleugner.

KLESEL.

Wir suchen Wissen bei der Wissenschaft,

Der Glaube wird gelehrt von gläubgen Meistern.

FERDINAND.

Fluch jedem Wissen, das nicht aufwärts geht

Zu aller Wesen Herrn und einzgem Ursprung.

KLESEL.

Von oben rinnt der Quell, doch rinnt er nicht zurück,

Wo er das Licht betritt, ist er schon Lauf, nicht Quelle.

FERDINAND.

Seid ihr derselbe, der, ein Kirchenfürst,

Berufen zur Verteidgung ihrer Lehre?

Der sie verteidigt auch, o ja, ich weiß,

Solang der Kirche Gold und Rang und Ansehn

Euch noch ein Lohn schien, der des Strebens wert,

Und habt, so sagt die Welt, nicht nur von Glaubensschätzen,

Auch von den Schätzen dieser irdschen Welt

Ein Artiges gehäuft in euern Speichern.

KLESEL.

Man sieht sich vor; die Zeiten schlagen um.[434]

FERDINAND.

So mag der einzelne vielleicht sich trösten,

Doch für den Staat gibt es kein einzelnes,

Für ihn hängt alles an derselben Kette.

Ja, selbst die Mächte, die mit uns vereint,

Die gleichen Wegs mit unsern ebnen Bahnen,

Sie nehmen an der Lauheit Ärgernis

Und ziehen sich zurück. Was bleibt uns dann?

Hispanien, der Papst, das fromme Baiern.

KLESEL.

Von daher also kommts? Mein hoher Herr,

Es sorgt ein jeder doch zunächst für sich,

Der Freund ist, mehr als meiner noch, sein eigner.

Hispanien begehrt die Niederlande

Durch unsern Beistand und mit unserm Blut.

Der Papst ist der Kompaß, des sichre Nadel

Die Richtung anzeigt uns zum fernen Pol;

Allein die Segel stellen und das Ruder brauchen,

Das überläßt er uns; wir hoffen so.

Und endlich Baiern. Arglos frommer Herr,

So seht ihr nicht, wohin sein Streben geht?

Ist Östreich erst verworren und geschwächt,

Steht nichts in Weg ihm zu der Kaiserkrone.

FERDINAND.

Der Baierfürst hegt gottesfürchtgen Sinn,

Das Wohl der Kirche sucht er, nicht sein eignes.

KLESEL.

Will einer erst die Herrschaft Gott verschaffen,

Sieht er in sich gar leicht des Herren Werkzeug

Und strebt zu herrschen, damit jener herrsche.

Auch ist der Seeleneifer und der Eigennutz

Nicht gar so unvereinbar, als man glaubt.

Die Überspannung läßt zuweilen nach,

Und wie der Adler, der der Sonne nächst,

Holt er sich Kräftigung durch irdsche Beute.

Man meints selbst von der Kurie in Rom.

FERDINAND.

Ob ihr nun sprecht, was euch und mir nicht ziemt,

– Ihr nennt, ich weiß es, derlei Politik –

Doch eins tut not in allen ernsten Dingen:

Entschiedenheit; ob unser ihr, ob nicht.

KLESEL.

Was nennt ihr unser? Ich bin meines Herrn.

Er ist mein uns, mein euch, mein ich, mein alles.[435]

Er ist entschieden und ich bin es auch.

Doch wenn die Macht nicht einig wie der Wille,

Wer trägt die Schuld, als jene, die im Dunkeln

Am Hofe selbst sich bilden zur Partei

Und die Parteiung in den Ländern nähren?

In Böhmen selbst, wo man den Majestätsbrief

Erfüllen will, getreulich, ohne Hehl,

Trifft jeder Auftrag Seiner Majestät

Auf einen heimlich widersprechenden,

Gegeben von den Nächsten seines Hauses.

Die Utraquisten wollen Kirchen baun,

Wozu sie Kaiser Rudolfs Brief berechtigt,

Man hindert sie und stellt die Arbeit ein.

FERDINAND.

Null ist der Majestätsbrief, als erzwungen.

KLESEL.

Erzwungen ist zuletzt ein jeder Friede;

Der Schwächere gibt nach. Doch, soll das Schwert

Nicht wüten bis zu völliger Vertilgung,

Muß Friede werden, der nur Friede ist,

Wenn er gehalten wird, ob frei, ob nicht.

Sie sollen Kirchen baun, so wills ihr König.

FERDINAND.

Sagt doch vielmehr nur: Ihr.

KLESEL.

Nun also: Ich,

Sofern mein Rat ein Teil von seinem Willen.

Mich hat umsonst aus meiner Niedrigkeit

Die Vorsicht nicht gestellt auf jene Stufe,

Zu der sonst nur Geburt und Gunst erhebt.

Der Kirche Macht bekleidet mit dem Purpur,

Der mich den Königen zur Seite stellt.

Ich werde nicht vor Menschen feig erzittern,

Und wärens Könige – im Land der Zukunft;

Die nämlich kommen kann, nicht kommen muß.

FERDINAND.

Da wär zu zittern denn an mir?

KLESEL.

Niemand soll zittern!

Vor allem, der im Recht ist und der klug.

FERDINAND auf die Kabinettstüre zugehend.

Da ist denn einer nur, der hier entscheidet.

KLESEL mit einer gleichen Bewegung.

Ich bin bestellt.[436]

FERDINAND.

Und ich, ich bin berufen,

Im Sinn der Schrift. Berufen und – erwählt,

In Böhmen wenigstens als künftger König.


Ein Kämmerling erscheint in der Kabinettstüre.


KLESEL.

Sagt, daß wir warten hier, und sputet euch!


Der Kämmerling geht ins Kabinett zurück.

Klesel geht mit starken Schritten auf und nieder.


FERDINAND sich entfernend.

Der Bauer steckt noch ganz in seinem Leibe

Mit des Emporgekommnen Übermut.


Der Kämmerling hemmt zurück.


FERDINAND.

Hat man gemeldet also?

KÄMMERLING mit einer Einlaßbewegung.

Eminenz.


Klesel geht mit starkem Schritt ins Kabinett.


KÄMMERLING.

Entschuldgen soll ich seine Majestät,

Hochwichtge Nachricht sei aus Prag gekommen,

Sie stehn zu Dienst, wenn das Geschäft beendigt.

FERDINAND.

Ich bins gewohnt, den Dienern nachzustehn.

Wie ists in Prag, vor allem mit dem Kaiser?

KÄMMERLING.

Ein Anfall, wie er öfter schon ihn traf,

Nur stark wie nie, bedroht sein Leben, sorgt man,

Doch gibt man Hoffnung noch – für dieses Mal.

FERDINAND.

Ich bete drum, denn er ist unsre Hoffnung,

Der schutzlos selber, unser einzger Schutz.


Kämmerling geht zurück.


FERDINAND.

Nun denn, der Augenblick der Tat, er kam.

Stirbt Kaiser Rudolf, was wohl furchtbar nah,

Und folgt Mathias auf dem deutschen Throne,

Verdoppeln sich die furchtsamen Bedenken,

Die ihm dies Schwanken in die Brust gelegt.

Des Reiches Fürsten, ketzerisch zumeist,

Hier Sachsen, Brandenburg, die böse Pfalz,

Sie nötigen zu Schonung, schwachem Dulden,

Und jene Spaltung setzt sich endlos fort,

In der Gott selbst so wie sein Wort gespalten.

Vor allem jetzt muß dieser Priester fort,

Des schlimme Schmeichelei, gehüllt in Derbheit,

Ihn ehrlich nennt, wo listig er zumeist.[437]

Des Leichtigkeit in Schrift und Wort und Tat,

Ihn unentbehrlich macht, weil er bequem

Die Herrschaft auflöst in die Unterschrift.

Jetzt oder nie! Seit Monden seh ichs kommen,

Und der ich Festigkeit von andern fordre,

Mir ringen Zweifel selber in der Brust.


Aus der Tasche seines Mantels Briefe hervorziehend.


Bin ich gewappnet nicht mit aller Vollmacht

Von Rom, von Spanien, dem katholschen Deutschland?

Das böse Beispiel, das ich etwa gebe,

Es findet sich geheiliget im Zweck:

Der Ehre Gottes und dem Sieg der Kirche.


Das Barett abnehmend.


So war dem Hohenpriester wohl zumut,

Als er den Ahab tötete im Haus des Herrn.

Er warf sich nieder vor der Bundeslade,

Wie ich jetzt beugen möchte hier mein Knie

Und Gottes Wink erflehn und seine Stimme.

Ich will noch einmal meinen Oheim sprechen,

Ihm vor die Augen legen diese Briefe,

Die alle fordern, was das Heil von allen.

Dann aber rasch, denn er ist wankelmütig!

Der nächste Tag bringt einen andern Sinn,

Und die Gewohnheit ist das Band der Schwäche.


Die Türe im Hintergrunde öffnend.


Seyfried, bist du bereit?

SEYFRIED BREUNER eintretend.

Ich bins seit lange.

FERDINAND.

Nun, diesmal gilts. Besorg erst einen Wagen.

SEYFRIED.

Des Klesel Kutsche, die ihn hergebracht,

Hält unten noch im Hof.

FERDINAND.

Um desto besser.

Indes ich noch mit meinem Oheim spreche,

Halt ihn zurück durch irgendeinen Vorwand,

Bis ich dir sage: jetzt! Dann schnell nach Kufstein.

Merk wohl, er darf zurück nicht in sein Haus,

Denn seine Schriften sind vor allem wichtig.

Er kommt. Geh nur und sieh nach deinen Leuten.


Seyfried ab.

[438] Klesel kommt aus dem Kabinett.


FERDINAND.

Darf ich nun endlich meinem Oheim nahn?

KLESEL.

Er ging nur eben nach der Scholßkapelle,

Doch kehrt er wieder, ehrt ihn der Besuch.

FERDINAND.

Es ist kaum zehn, um eilf Uhr ist die Messe.

KLESEL.

Die Andacht bindet sich an keine Zeit.

FERDINAND.

Nun, das habt ihr getan. Ich dank euch drum.

Ich forderte ein Zeichen erst vom Himmel,

Ihr gebt das Zeichen selbst. Noch einmal: Dank!

Das ist der Lohn der Schlauheit, daß sie fein

Den Faden spinnt, bis er, am feinsten, bricht.

Ihr sollt nach Kufstein, Herr!

KLESEL.

Nicht daß ich wüßte!

Mir ist zu reisen weder Zeit noch Lust.

FERDINAND.

Doch wenn ihr müßt?

KLESEL sich dem Kabinette nähernd.

Wer wagt hier zu gebieten?

FERDINAND.

Ihr habt ja selbst des Schutzes euch beraubt.

Der König ist von seinen Zimmern fern,

Gesendet habt ihr ihn nach der Kapelle

Und seid gegeben nun in unsre Macht.

Der Papst will euch in Rom; deshalb nach Kufstein,

Das annoch deutsch und auf dem Weg nach Welschland.

KLESEL.

Der König ruft zurück mich augenblicks.

FERDINAND.

Seid dessen wirklich ihr so sicher?

KLESEL.

– Nein!

Ihm hat die Herrschaft aufgedrückt die Makel,

Die sie der Könge besten nur erspart:

Unsicherheit und Mangel an Entschluß.

Doch später, wenn der Samen aufgegangen,

Den man gesät in den entzweiten Landen,

Verwirrung und Empörung, ja der Krieg

In blutigroter Blüte wuchernd sprossen,

Dann wird man pilgern hin zu Kufsteins Toren,

Dann kehr ich heim in siegendem Triumph.

SEYFRIED eintretend.

Es drängt die Zeit.

FERDINAND.

Sei immer ruhig, Freund,

Er hat dafür gesorgt, daß uns sein Herr[439]

Nicht vor der Zeit hier störe im Beginnen.

Nun aber fort! Es ziemt nicht meiner Würde,

Den Schergen hier zu spielen nebst dem Richter.

Obwohls mich freut, erquickt in meinem Sinn,

– Nicht meinetwillen, nein, um Gottes wegen –

Im Staub zu sehn den Mann, der ihm getrotzt.

Glück auf den Weg! Nach Kufstein also rasch!


Durch die Mitteltüre ab.


KLESEL.

Herr Seyfried, seht, ich war euch stets ein Freund.

SEYFRIED.

Drum habt ihr meiner Schwester auch verweigert

Die Pension, die ihr zu Recht gebührt.

KLESEL.

Sie soll sie haben, und verlangt ihr Gold,

Nennt den Betrag bis dreißigtausend Kronen,

Nur gönnt mir Aufschub, eine Viertelstunde.

Laßt mich zu Hause ordnen noch Papiere,

Man hat so viel, was nicht für jeden taugt.

SEYFRIED.

Ich bin vom selben Stoff wie meine Waffen,

Die Faust von Eisen und die Brust von Erz.


Auf die Seitentüre zeigend.


Dort unser Weg. Verlegt euch nicht auf Bitten.

KLESEL.

Ihr mahnt mich recht. Ich habe hier geboten

Und will nicht betteln um der Bettler Gnade.

Vollführt denn die Befehle eures Herrn,

Der sich von Eisen fühlt, wie euer Harnisch,

Sooft ihn Glaubenseifer vorwärts treibt,

Doch kommts einmal zu menschlicher Zerwürfnis,

Vor jedem zittern wird, der, starken Sinns

Sich dienend aufgedrungen ihm zum Herrn.

Er wird mein Rächer sein. Ich ahn ihn schon

Und höre seine Tritte aus der Ferne.

EIN DIENER der die Mitteltüre öffnet, anmeldend.

Herr Oberst Wallenstein.

KLESEL.

Hört ihr den Namen?

SEYFRIED.

Jetzt ist nicht Zeit zu sprechen. Dort hinaus.


Aus der Seitentüre sind Trabanten herausgetreten.


KLESEL zu Seyfried, der vorausgehen will.

Zurück! Mir bleibt der Vorrang, wärs in Ketten.


[440] Er geht mitten durch die Trabanten ab. Seyfried folgt. Oberst Wallenstein ist eingetreten und sieht ihnen verwundert nach.

Erzherzog Ferdinand kommt durch die Mitteltüre.


FERDINAND.

Wir freuen uns, Herr Oberst, euch zu sehn.

Ihr kommt aus Prag?

WALLENSTEIN.

Auf einem Umweg, ja.

FERDINAND.

Wie stehts im Schloß?

WALLENSTEIN.

Verwirrung allerorten.

Man spricht von Krankheit, manche gar von Tod.

FERDINAND.

Verhüt es Gott!

WALLENSTEIN.

Er wird wohl etwa, denk ich.

Allein im Land bedarf es unsre Sorge,

Da ist das Unterste zuoberst, Herr.

FERDINAND.

Vielleicht das Oberste zuunterst bald.

WALLENSTEIN.

Man hat den Bau der Kirchen eingestellt,

Die ihnen zugesagt der Majestätsbrief.

FERDINAND.

Das hat er nicht.

WALLENSTEIN.

Nun, auch gut, also nicht.

Allein sie glaubens, und der Aufstand lodert

In Braunau, Pilsen, weit herum im Land.

Schon bis nach Prag erstreckt sich die Bewegung.

Der Mathes Thurn liegt dort im Hinterhalt.

FERDINAND.

Und unsre Treuen, Martiniz, Slawata,

Des Landes fromme Pfleger, dulden sies?

WALLENSTEIN.

Sie haben Ärgeres bereits erduldet.

Der Mathes Thurn ließ eben, als ich abging,

Nach einer alten Landessitte, sagt er,

Sie aus den Fenstern werfen am Hradschin,

Im vollen Landtag und im besten Sprechen.

Doch sind sie unverletzt, seid unbesorgt.

Sie haben noch gar höflich sich entschuldigt,

Weil nach dem Rang sie nicht zu liegen kamen,

Zuoberst, weil zuletzt, der Sekretär.

Betrachtet Böhmen drum als feindlich Land.

FERDINAND.

Nun, um so besser denn!

WALLENSTEIN.

Ihr seid mein Mann!

Drum eben ist Gewalt Gewalt genannt,

Weil sie entgegentritt dem Widerstand.[441]

Und wie im Feld der Heeresfürst gebeut,

Nicht fremde Meinung oder Tadel scheut,

So sei auch in des Landes Regiment

Ein Gott, ein Herr, ein Wollen ungetrennt.

Ich will nun noch zu seiner Majestät.

FERDINAND.

Laßt das auf später. Setzt für jetzt euch hin,

Schreibt die Befehle an die Garnisonen.

WALLENSTEIN.

Das ist bereits geschehn.

FERDINAND.

Durch wen? und wann?

WALLENSTEIN.

Da auf den Stationen, als ich herritt,

Man mit den Pferden zögerte, wie's Brauch,

Benutzt ich jede Rast und schrieb die Orders

An die entfernt gelegnen Truppen selbst,

Sie teils nach Brünn, teils her nach Wien bescheidend.

Erwartet heut noch die Dampierrschen Reiter,

Kapraras Fußvolk auch ist wohl schon nah.

Der Krieg hat Füße denn doch nur und Hände,

Wenn er Geschwindigkeit mit Kraft vereint.

FERDINAND.

Und das nahmt ihr auf euch?

WALLENSTEIN.

So sollt ich nicht?

FERDINAND.

Ich dank euch, Herr; und denk euch wohl zu brauchen,

Wenn mich einst Gott auf diesen Thron gesetzt.

Doch will ich mich auch hüten, nehmts nicht übel,

Daß ihr nicht mehr mir dient, als lieb mir selbst.

WALLENSTEIN.

Wer kann wohl sagen, meint ein altes Sprichwort:

Aus diesem Brunnen will ich niemals trinken!

Die Zeit entscheidet da, Herr – und der Durst.

ERZHERZOG FERDINAND die Mitteltüre öffnend.

Herbei, wer in den Vorgemächern draußen

Und treu es meint mit Östreichs edlem Haus.


Mehrere treten ein.


FERDINAND.

In Prag hat sich der Pöbel, Glaubenspöbel

Erfrecht, was nimmermehr zu dulden ziemt.

Wer Christ und Edelmann, ist aufgefordert,

Zu ziehn mit uns für Gott und für das Recht.

EINIGE.

Seht uns bereit!

ANDERE.

Mit Gut und Blut und Leben![442]

FERDINAND.

Besendet Tilly, schreibt an Baierns Herzog,

Daß uns ihr Beistand sicher, wenn er not.

Obwohl für jedes Menschenleben gern

Ich einen Teil hingäbe meines Selbst,

Will ich nicht ruhn, bis dieses böse Schlingkraut

Vertilgt in jeder Windung bis zum Kern.


Trompeten in der Ferne.


WALLENSTEIN ans Fenster eilend.

Das sind, weiß Gott! schon die Dampierrschen Reiter.

Die habt ihr nun wie Würfel in der Hand.


König Mathias kommt aus dem Kabinette.


MATHIAS.

Was sind das für Trompeten? und was solls?

FERDINAND.

Die Truppen, Herr, die sich nach Prag bewegen,

Wo frecher Aufruhr uns die Stirne beut.

MATHIAS.

Die Früchte das von dem geheimen Treiben,

Das hinter unserm Rücken still bemüht.

Schickt nach dem Kardinal!


Da die Angeredeten verlegen zurücktreten.


Was zögert ihr?

FERDINAND.

Er ist nur eben abgereist nach Kufstein.

MATHIAS.

In diesem Augenblick? Ist er von Sinnen?

FERDINAND.

Gerad in diesem Augenblick, mein König.


Auf das Kabinett zeigend.


Gefällts euch, hier ins Innre einzutreten,

So leg ich euch die Gründe dienstlich vor.

MATHIAS streng.

Sprecht öffentlich, damit ich offen richte.

FERDINAND Schriften aus dem Mantel ziehend, halblaut.

Die Briefe hier von Baiern, Spanien, Rom,

Den einzgen Stützen unsrer guten Sache,

Die nur auf die Entfernung dieses Manns

Den Beistand uns verheißen, den wir brauchen.

Hier Oberst Wallenstein, er kommt aus Prag

Und meldet uns, daß dort der Aufstand rege.

Die Andersgläubigen der andern Länder

Erwarten nur das Zeichen solchen Ausbruchs,

Um zu vereinen sich zu gleichem Trotz.

Glaubt ihr, daß wir mit unsern eignen Kräften,


Auf die Schriften zeigend.
[443]

Nicht unterstützt von gleichgesinnten Mächten,

Dem Sturm gewachsen, der uns rings bedroht?

MATHIAS.

Wär Klesel hier, er wüßte des wohl Rat.

FERDINAND.

Er ist kaum auf dem Weg. Geliebt es euch,

So bringen Boten ihn noch heut zurück.

Allein alsdann verzeiht, wenn ich mich selbst

Vereine mit den Schreibern dieser Briefe,

Zurück mich ziehend in mein stilles Land.


Mit gebeugtem Knie die Schriften hinhaltend.


MATHIAS die Schriften ihm heftig aus der Hand nehmend.

Wir wollen sehn! – Herr Oberst Wallenstein,

Ihr kommt von Prag. Wie steht es mit dem Kaiser?


Mit einem Seitenblicke auf Erzherzog Ferdinand.


Ich fühle mich nur jetzt an ihn gemahnt.

WALLENSTEIN.

Er ward so oft im Leben totgesagt,

Daß nun auch kaum man den Gerüchten glaubt,

Die Unheil kündend sich vom Schloß verbreiten.

Doch überholt ich an der Taborbrücke

Ein Sechsgespann mit kaiserlichem Wappen

Und Herren drin in Schwarz, vielleicht in Trauer.

Hier sind sie, deucht mich; hört die Antwort selbst.


Herzog Julius von Braunschweig und einige Hofleute, die reichverzierte Kleinodiengehäuse tragen, sämtlich in Trauer, treten ein.


MATHIAS.

Ich weiß genug. Es sprechen eure Kleider.

Mein Bruder tot. Wär ich es erst nur auch.


An der Türe des Kabinetts.


Und niemand folge mir! Ich will allein sein.


Er geht hinein.


FERDINAND.

Und ist es so?

JULIUS.

Es ist. Ein jäher Anfall,

Der noch der Hoffnung Raum ließ, weil er öfter,

So sagen seine Diener, ihn ergriff.

Doch diesmal wars der Tod. Er ist geschieden.

FERDINAND.

O, daß der Drang der Zeit mir Weile gönnte,

Ihn zu beweinen, wie er es verdient.

Er war ein frommer Fürst.

JULIUS.

Wohl, und ein weisrer,

Als ihm die Hast der Übereilung zugibt.[444]

FERDINAND.

Doch zeigt die Weisheit sich im Handeln meist.

JULIUS.

Wo nichts zu wirken, ist auch nicht zu handeln.

Die Zeit hilft selbst sich mehr, als man ihr hilft.

Wir bringen die Insignien des Reichs,

Das einem andern nun zu Recht gehört,

Ein Erbe, der die Erbschaft schon besitzt.

Und so nun, meine Freundespflicht erfüllt,

– Er war mein Freund, ich wenigstens der seine –

Empfehl ich dieses Land in Gottes Schutz

Und kehre rück zu meinem, das mich ruft.

FERDINAND.

Vor allem noch nehmt unsers Hauses Dank,

Herr, und erlaubt, daß bis zur äußern Tür –

JULIUS ablehnend.

Der Tod macht gleich. Wir alle müssen sterben.


Er geht. Seine Begleiter setzen die Kapseln mit den Insignien auf einen rechts im Hintergrunde stehenden Tisch.

Militärmusik in der Ferne.


WALLENSTEIN ans Fenster eilend.

Das ist Kapraras Fußvolk, wie ich sagte.

FERDINAND.

Laßt diese Töne schweigen, die den Jubel

In unsers Herzens Trauer spottend mischen.

– Auch stört es etwa Seine Majestät,

Die jetzt wohl schwer von anderen Gedanken.


Es ist jemand auf den Balkon getreten und hat mit den Schnupftuch ein Zeichen gemacht. Die Musik schweigt.


FERDINAND.

Und so im Geist der Leichenfeier folgend

Des hingeschiednen Herrn, laßt uns ihn rächen.

Zwar Rache ziemt dem echten Christen nicht,

Doch seine Feinde strafen, die auch unsre;

Und strafend sie, wärs mit dem Äußersten,

Zugleich erretten von dem ewgen Tod.

Ein kurzer Feldzug nur steht uns bevor –

WALLENSTEIN in der Menge.

Der Krieg ist gut, und währt' er dreißig Jahr.

FERDINAND.

Wer sprach? Was fällt euch ein? Und warum dreißig?

Ists doch, als ob mit wiederholtem Schall

Das Wort von allen Wänden widertönte.

Ein kurzer Feldzug, sagt ich, und so ists.

Was fällt euch ein? Und warum dreißig eben?[445]

WALLENSTEIN.

Ei, Herr, man nennt so viel ein Menschenleben.

Und eh nicht, die nun Männer, faßt das Grab,

Und die nun Kinder, Männer sind geworden,

Legt sich die Gärung nicht, die jetzt im Blut.

FERDINAND.

Wir achten euch als wohlerprobten Krieger,

Als tüchtgen Führer, wohl dereinst als Feldherrn,

Doch zum Propheten seid ihr noch zu jung.

Und wenn ihr, wie man sagt, in Sternen lest,

So denkt an Kaiser Rudolfs traurig Wissen.

Nun laßt uns die Befehle noch bereiten,

Daß jedem kundig, wo sein wahrer Punkt.

Denn gleich der Tat ehr ich die kluge Schrift;

Die Feder schlägt oft sichrer als die Waffe.


Musik und Lärm auf der Straße.


Vivat Mathias!

FERDINAND.

Schweigt man nimmer denn?

EIN DIENER der eingetreten ist.

Der Tod des Kaisers hat sich schon verbreitet.

Man jauchzt dem neuen Herrn. Man will ihn sehn.

AUF DER STRASSE.

Vivat Mathias!

FERDINAND auf das Kabinett zeigend.

Geh denn einer hin

Und sage – Meldet Seiner Majestät

Des Volkes Wunsch und der Getreuen Bitte.


Der Diener geht ins Kabinett.


FERDINAND.

Man muß die Stimmung nützen, wenn sie neu.

Gealtert teilt sie gern des Alters Zweifel

Und frägt nach Gründen; endlos im Warum?

MATHIAS aus dem Kabinette.

Wird mir denn nimmer Ruh? Was soll es noch?

FERDINAND.

Das Volk, von dem Ereignis unterrichtet,

Das seinen Herrn beruft zum deutschen Thron,

Dazu die Krieger, die ins Feld sich rüsten,

Verlangen euch zu sehn, erlauchter Herr.

MATHIAS.

Nun denn, nur schnell.

FERDINAND auf die Glastüre zeigend.

Vielleicht hier vom Balkon.

MATHIAS.

Geht ihr mit mir und steht an meiner Seite,

Vielleicht erkennt das Volk dann, wer sein Herr.


Erzherzog Ferdinand tritt mit einer ehrerbietigen Verbeugung zurück.
[446]

MATHIAS.

So öffnet denn die Tür! – Und –


Mit einer Abschiedsbewegung.


Gott befohlen!


Er tritt auf den Balkon. Jubelgeschrei von außen.


FERDINAND.

Wir wollen denn nicht länger lästig fallen.

Ich selber ziehe nicht mit euch ins Feld.

Doch will ich sorgen, daß, dieweil ihr fern

Die Feinde tilgt mit scharfgeschliffner Waffe,

Die Gegner in dem Rücken eures Heers,

Die heimlichen, deshalb gefährlichsten,

Gejätet und gesichtet und getilgt,

Auf daß das Land ein wohlbestellter Garten,

Ein Ährenfeld, zu Frucht dem höchsten Herrn.


Indem die Anwesenden sich öffnen und einen Durchgang bilden.


FERDINAND.

Es geht in Krieg, seid froh, Herr Wallenstein.

WALLENSTEIN.

Ich bins.

MEHRERE.

Wir auch, und währt es dreißig Jahr.

– Ja, wärens dreißig. – Dreißig! – Um so besser.


Indem sie Wallenstein die Hand schütteln, alle ab.


MATHIAS der vom Balkon zurückkommt.

Was sprechen sie von Krieg und dreißig Jahren?

Ich werd es nicht erleben. Glück genug.

Und übrall Lärm. Ich aber brauchte Stille,

Tönts doch in meinem Innern laut genug;

Und wieder öde, daß kein Widerhall

Des allgemeinen Jubels rückerklingt.

Am Ziel ist nichts mir deutlich als der Weg,

Der kein erlaubter war und kein gerechter.


Sein Blick trifft die Reichskleinodien, er wendet die Augen ab.


O Bruder, lebtest du, und wär ich tot!

Gekostet hab ich, was mir herrlich schien,

Und das Gebein ist mir darob vertrocknet,

Entschwunden jene Träume künftger Taten,

Machtlos wie du, wank ich der Grube zu.

Ich will ins Freie, mich zerstreun – und doch,

Wie ein Magnet ziehts mir die Augen hin[447]

Und täuscht mit Formen, die nicht sind, ich weiß.

Reicht denn dein Haß herüber übers Grab,

Selbst nach der Strafe noch?


Lärm und Musik von neuem aus der Ferne.


MATHIAS gegen den Tisch gekehrt in einiger Entfernung niederknieend und wiederholt die Brust schlagend.

Mea culpa, mea culpa,

Mea maxima culpa.

VON DER STRASSE.

Vivat Mathias!


Indem das Vivatrufen fortwährt und Mathias das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, fällt der Vorhang.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 2, München [1960–1965], S. 432-448.
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Napoleon oder Die hundert Tage. Ein Drama in fünf Aufzügen

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In die Zeit zwischen dem ersten März 1815, als Napoleon aus Elba zurückkehrt, und der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni desselben Jahres konzentriert Grabbe das komplexe Wechselspiel zwischen Umbruch und Wiederherstellung, zwischen historischen Bedingungen und Konsequenzen. »Mit Napoleons Ende ward es mit der Welt, als wäre sie ein ausgelesenes Buch.« C.D.G.

138 Seiten, 7.80 Euro

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Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

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Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

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