Dritter Aufzug

[296] Gehöft vor Primislaus Hütte wie zu Anfang des ersten Aufzuges. Ein umgewendeter Pflug rechts im Vorgrunde.


PRIMISLAUS rechts in die Szene sprechend.

Bringt nur die Stiere zum ersehnten Stall!

Der Pflug bleibt hier. Ich will darauf mich setzen.

Der Tag war heiß, die Arbeit ist getan.


Er setzt sich, die Stirn in die Hand stützend.


Nun, wackrer Pflügersmann, es steht dir wohl,

Aus deinem schlichten Tun den Blick zu heben

Nach dieses Lebens Höhn, vom Tal zum Gipfel.

Zwar heißts, es war in längst entschwundner Zeit

Im Lande weit begütert unser Stamm

Und licht und hehr in seinen ersten Wurzeln.

Allein was soll das mir? Ist heut doch heut,

Und Gestern aus demselben Stoff wie Morgen.


Nebstdem, daß, wär ich einer der Wladiken,

Ich mich nicht stellte zu so hoher Werbung.

Denn wie im Bienenstock die Königin

Nicht nur die höchste, einzig ist, allein,

Von niedern Drohnen nur zur Lust umflattert,

Indes die Arbeitsbienen Honig baun,

So ist, der auf dem Throne sitzt, nur sich,

Sich selber gleich und niemandes Genoß.

Der Fürst verklärt die Gattin, die er wählt,

Die Königin erniedrigt den als Mann,

Den wählend sie als Untertan erhöht,

Denn es sei nicht der Mann des Weibes Mann,

Das Weib des Mannes Weib, so stehts zu Recht.

Drum wie die Frau ist aller Wesen Krone,

Also der Mann das Haupt, das sich die Krone aufsetzt,

Und selbst der Knecht ist Herr in seinem Haus.


Er ist aufgestanden.


So sprichst du, prahlst, und trägst im Busen doch

Was dich an jene Hoffnung jetzt noch kettet.


Man sage nicht, das Schwerste sei die Tat,[297]

Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung;

Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß.

Mit eins die tausend Fäden zu zerreißen,

An denen Zufall und Gewohnheit führt,

Und aus dem Kreise dunkler Fügung tretend,

Sein eigner Schöpfer zeichnen sich sein Los,

Das ists, wogegen alles sich empört,

Was in dem Menschen eignet dieser Erde

Und aus Vergangnem eine Zukunft baut.

Daß sie mein denkt, daß wach in ihrer Seele

Mein Bild – nicht einmal das: ein Traum, ein Nichts,

Das tausend Formen so wie meine kleiden,

Das nicht einmal ein Name ihr bezeichnet,

Kein Gleichnis, denn sie sah mich damals kaum,

Als uns die Nacht im Wald zusammenführte,

Das weckt in mir ein gleichverworrnes Nichts,

Das doch mein Glück ist, meines Lebens Säule,

Und das zerstören ich nicht mag, nicht kann.


Wär sie ein Hirtenmädchen, nicht Libussa,

Und ich der Pflüger, der ich wirklich bin,

Ich träte vor sie hin und sagte: Mädchen,

Ich bin derselbe, dem du einst begegnet.

Sieh hier das Zeichen. Wirds nun licht in dir,

Wie längst in dieser Brust, so nimm und gib!


Die Hand hinhaltend.


Dann könnte sie nicht sprechen: Guter Mann,

Stellt dort euch zu den Dienern meines Hauses,

Des, wes ihr mich erinnert, denk ich kaum.


Ei, wackrer Mann, setz dich nur wieder hin,

Nimm Käs und Brot aus deiner Pflügertasche

Und halte Mahl am ungefügen Tisch.

Ists eignes Brot doch, das erhält und stärkt,

Das Brot der Gnade nur beengt und lastet.


Er hat sich wieder gesetzt und den Inhalt seiner Tasche auf die Pflugschar ausgelegt.


Sie hat mein Roß, das etwa soviel gilt

Als diese goldnen Spangen, die ich trage,[298]

Und so sind sie mein Eigentum zu Recht.


Ich wollte, sie bestieg einmal den Zelter

Und in Gedanken ihm die Zügel lassend,

Trug sie das Tier hieher.

Doch welch Geräusch?

Täuscht mich mein Aug? Das ist mein Roß; doch leer

Und ohne Reiter, rings von Volk umgeben.

Bin ich im Land der Märchen und der Wunder?

Doch folgen die Wladiken, seh ich nun,

Die sich erdachten etwa solchen Fund,

Um zu ergänzen, was nur halb in ihrer

Und halb in meiner Hand. Kommt immer, kommt!

Ich fühle mich als Herr in meinem Haus.

Und so brech ich mein Brot. Ist doch der Pflüger,

Indem er alle nährt, den Höchsten gleich:

Wie Wasser und wie Luft, die niemand kauft,

Doch mit dem Leben zahlt, entbehrt er ihrer.


Die drei Wladiken kommen, von Volk begleitet, von der linken Seite.


BIWOY.

Hier blieb der Zelter stehn, hier ist der Ort.

DOMASLAV.

Und hier der Mann, der, wie Libussa sprach,

An einem Tisch von Eisen sitzt, sein Brot

Auf einer Pflugschar mit den Händen teilend.

BIWOY.

Derselbe ists, er ist der nämliche,

Der unsern Streit geschlichtet.

LAPAK.

Mir wirds hell.

PRIMISLAUS aufstehend.

Glück auf ihr Herrn! Was führt euch her zu mir?


Man hat das Pferd gebracht.


PRIMISLAUS hinzutretend und es streichelnd.

Ha, Prischenk, du mein Roß, du wieder heim?

LAPAK.

Sein Roß?

PRIMISLAUS.

Noch einmal denn: was führt euch her?

DOMASLAV.

Der Fürstin Wort.

PRIMISLAUS.

Libussas?

LAPAK.

Sie befahl,

An ihren Hofhalt dich mit uns zu führen.

PRIMISLAUS.

Galt mir auch, euch zu folgen, der Befehl?

LAPAK.

Das nicht.[299]

PRIMISLAUS.

Doch, wenn ichs nun verweigerte,

Kommt ihr mit Macht, mich nötgenfalls zu zwingen.

Seid unbesorgt, ich folg euch ohne Zwang.

Was aber war der hohen Ladung Grund?

DOMASLAV.

Wir wissens nicht.

LAPAK.

Vielleicht doch ward ihr kund,

Daß du ein schlauer Richter bist zu eignem Nutzen,

Und wünscht als Richter dich zu Nutz dem Volk.

Zum mindsten lag ein Fall vor, der verwirrte.

PRIMISLAUS.

Ich richte niemand als mich selber etwa,

Und täusche nicht, als wer sich selbst getäuscht.

DOMASLAV.

Besteig das Roß denn und folg uns nach Hof.

PRIMISLAUS.

Dies Tier, das meine Fürstin hat getragen,

Besteige niemand, der nicht eignen Rechts,

Nebstdem, daß es das ihre, und ich wünsche,

Daß es das ihre bleibe, nach wie vor.

Dann, sollt ich mit der Arbeit Staub beladen

Mich nahn dem Ort, wo Arbeit nur ein Gast,

Nicht der Bewohner ist? Ich geh ins Haus

Und schmücke mich, wie sich der Landmann schmückt.

Auch, da man Höhern naht mit Ehrengaben,

Bring ich von Früchten und von Blumen ihr,

Wie sie der Armut eignen, ein Geschenk.

So lang, ihr Herrn, zerstreut euch im Gehöft.

Man reicht euch Met und Milch und nährend Brot,

Auf daß gestärkt wir gehn, wo Stärke not.


Er entläßt sie mit einer Handbewegung und geht in die Hütte.


LAPAK.

Hast du gehört?

DOMASLAV.

Wie stolz.

BIWOY.

Nun, um so besser.

Stolz gegen Stolz, wie Kiesel gegen Stahl,

Erzeugt, was beiden feind, den Feuerstrahl.


Alle nach der linken Seite ab.


Verwandlung.


Tiefes Theater. Im Hintergrunde auf einem Felsen das Schloß der Schwestern Wlasta und Swartka vom Hintergrunde nach vorn kommend.


WLASTA.

So weigern mir die Schwestern, deine Fraun,

Den Eintritt denn?[300]

SWARTKA.

Sie sind nicht gern gestört.

WLASTA.

Und wissen sie: ich komme von Libussen.

SWARTKA.

Sie wissen es.

WLASTA.

Und doch –?

SWARTKA.

Und doch. – Verzieh!

Sie steigen nieder von dem jähen Abhang,

Den Weg vom Schloß ins Freie. – Tritt zurück!

Wenn sie vorübergehen, sprich sie an.


Kascha und Tetka sind von der Höhe herabgekommen.


KASCHA.

Ich sage dir: die Wasserwage zittert,

Der Boden bebt, die Zeit gebiert ein Neues.

WLASTA.

Erlauchte Frau.

KASCHA.

Ah, Wlasta, sei gegrüßt!

Willkommen hier im Freien, denn im Schloß

Wars nicht gegönnt.

WLASTA.

Und wer verbots?

TETKA.

Wir selber.

Wer aufmerkt, der gebeut selbst und gehorcht.

WLASTA.

Die Fürstin, meine Frau –

KASCHA.

Wir wissen es.

Libussa will zurück in ihrer Schwestern Mitte,

Empört von ihres Volkes wildem Trotz.

Sag ihr, das kann nicht sein.

WLASTA.

Du meinst wie ich.

KASCHA.

Vielleicht nicht ganz. Allein – und sag ihr das –

Wer gehen will auf höhrer Mächte Spuren,

Muß einig sein in sich, der Geist ist eins.

Wems nicht gelungen, all die bunten Kräfte

Im Mittelpunkt zu sammeln seines Wesens,

So daß der Leib zum Geist wird, und der Geist

Ein Leib erscheint, sich gliedernd in Gestalt,

Wem irdsche Sorgen, Wünsche und das Schlimmste

Von allem, was da stört – Erinnerung,

Das weitverbreitete Gemüt zerstreun,

Für den gibts für den keine Einsamkeit,

In der der Mensch allein ist mit sich selbst.

Die Spuren ihres Wirkens, ihres Amts,

Sie folgen künftig ihr, wohin sie geht.[301]

Wozu noch kommt, daß in der letzten Zeit

Die Neigung, scheints, die Neigung zu dem Mann,

In ihrem edlen Innern Platz gegriffen;

Zum mindsten war das Kleinod, das du brachtest,

Als Zeichen deiner Sendung, nicht mehr strahlend,

Gewesen wars in einer fremden Hand.

Sie kann nicht mehr zu uns zurück, denn störend

Und selbst gestört, zerstörte sie den Kreis.


Sie tun ein paar Schritte. Wlasta tritt ihnen in den Weg.


WLASTA.

Doch gebt ihr Rat der Fürstin, wie sie bändigt

Die Meinungen des Volks, mit sich im Kampf.

KASCHA.

Kennt einen Weisern sie im Volk als sich,

So steige sie vom Stuhl und gönn ihn jenem.

Doch ist die Weisre sie, wie sies denn ist,

So gehe sie den ungehemmten Gang,

Nicht schauend rechts und links, was steht und fällt.

Der Fragen viel erspart die feste Antwort.

Ich sehe rings in weiter Schöpfung Kreisen

Und finde übrall weise Nötigung.

Der Tag erscheint, die Nacht, der Mond, die Sonne,

Der Regen tränkt dein Feld, der Hagel triffts,

Du kannst es nützen, kannst dich freuen, klagen,

Es ändern nicht. Was will das Menschenkind,

Daß es die Dinge richtet, die da sind.

TETKA.

Das Denken selbst, das frei sich dünkt vor allen,

Ist eigner Nötigung zu Dienst verfallen.

Hat sich der Grund gestellt, so folgt die Folge,

Und zwei zu zwei ist minder nicht noch mehr

Als vier, ob fünf dir auch willkommner wär.

Wer seine Schranken kennt, der ist der Freie,

Wer frei sich wähnt, ist seines Wahnes Knecht.

KASCHA.

Hoffst du durch Überzeugen dich geschützt?

Es billigt jeder das nur, was ihm nützt.

Ein einzges ist, was Meinungen verbindet:

Die Ehrfurcht, die nicht auf Erweis sich gründet.

Der Sohn gehorcht, gab sich der Vater kund,

Den Ausspruch heiligt ihm der heilge Mund.

Daß einer herrsche, ist des Himmels Ruf,[302]

Weil zum Gehorchen er die Menschen schuf.

Wir selbst, als Schwestern deiner Fürstin gleich,

Gehorchen ihr, weil ihrer ward das Reich.

Und fällts zu widerstreben jemand ein,

Mag er versuchen erst, kein Mensch zu sein.


Indem die Fürstinnen ihren Weg fortsetzen und Wlasta, wie zu neuen Vorstellungen, ihnen zur Seite folgt, gehen alle nach links ab.

Saal in Libussas Schlosse. Zur rechten Seite ein Thron auf Stufen.


DOBROMILA kommt von der rechten Seite, zurücksprechend.

Der Erker hier reicht weiter in das Feld!


Sie tritt an ein Fenster, das sie öffnet.


LIBUSSA von derselben Seite kommend.

Und siehst du hier auch nichts?

DOBROMILA.

Wie vor, noch immer,

Ringsum von den Wladiken keine Spur.

LIBUSSA.

Ich sagte dir, du sollst nach Wlasta sehn,

Die ich gesandt zu meinem Schwesterpaar,

Und die, halb Mann sie selbst, nach Männerart

Die Zeit mit Vielgeschäftigkeit zersplittert.

Sagt einer Frau: Tu das! sie richtets aus;

Der Mann will immer mehr, als man geheißen.

Liebt sie zu sprechen, lüstets ihn zu hören,

Und was er seine Wißbegierde nennt,

Ist Neugier nur in anderer Gestalt.

Wenn nicht zu träg, er spräche mehr als sie.


Ich will zu meinen Schwestern auf Hradschin!

Zur Gnade leben trotzigen Vasallen,

Die alles, was Gewicht, weil es Gehalt,

Erst auf der Wage eignen Zweifels wägen,

Der nur bezweifelt, was ihm nicht genehm.

Das soll nicht sein mit Krokus Fürstentochter.

Sie mögen sich bestreiten, sich bekriegen,

Vielleicht wird sie die Not, doch nie das Wort besiegen.


Fast reut es mich, daß ich die Toren sandte

Nach jenem andern Toren, wie es scheint,

Der, trotzig so wie sie und stolz dazu,

Dort zögert, wo die Eile noch zu langsam.[303]

Wenn ich gewürdigt ihn, noch sein zu denken,

Wenn unter dieser Stirn, in dieser Brust

Die Spuren noch lebendig jenes Eindrucks,

Den gebend ich empfing, was hält ihn ab,

Hervorzutreten aus der Dunkelheit

Des Ohres und der Nacht ans Licht des Auges,

Den Dank zu holen, ob auch nicht den Lohn?

Und unter solchen wär mein Los zu weilen?

Wohl etwa gar, wie die Wladiken meinen,

Mein Selbst geknüpft an einen ihrer Schar?

Die Glieder dieses Leibes, die mein eigen,

Zu Lehen tragen von der Niedrigkeit?

Der Hand Berührung und des Atems Nähe

Erdulden, wie die Pflicht folgt einem Recht?

Mich schaudert. All mein Wesen wird zum: Nein.

Es soll sich Wlasta einem Mann vermählen

Und ihre Kinder folgen mir im Reich.

DOBROMILA.

Ich sehe Staub.

LIBUSSA.

Nun, Staub ist eben nichts.

DOBROMILA.

Allmählig doch entwickeln sich Gestalten.

Ha, die Wladiken sinds.

LIBUSSA.

Und Wlasta nicht?

DOBROMILA.

Der Zug umgibt dein zügelfreies Roß.

LIBUSSA.

Das keinen Reiter trägt?

DOBROMILA.

Ich sehe keinen.

Vor allen her nur geht ein einzelner,

Geschmückt mit Blumen wie –

LIBUSSA.

Ein Opfer etwa?

Ich will des Schrittes Unlust ihm ersparen,

Und schien die Frau ihm nicht des Kommens wert,

Soll ihm die Fürstin wert der Achtung scheinen.


In die Hände klatschend.


Herbei, ihr Diener, Mägde dieses Hauses,

Umgebt, die euch gebeut, in voller Schar,

Auf daß, wer Hohes sonst nicht kann erkennen,

Zum mindsten mit dem Aug es nehme wahr.


Von der rechten Seite ist Libussens Gefolge eingetreten und hat sich in Reihen gestellt. Sie selbst besteigt den Thron.

[304] Primislaus kommt von der linken Seite. Hinter ihm die Wladiken und Volk. Er trägt einen Kranz von Ähren und Kornblumen auf dem Kopfe, in der rechten Hand eine Sichel, mit dem linken Arme hält er einen Korb mit Blumen und Früchten.


PRIMISLAUS.

Auf dein Geheiß erschein ich, hohe Fürstin,

Mit Landmanns Gaben und in Landmanus Schmuck,

Und dir zu Füßen leg ich meine Habe.

Den Kranz von Ähren, die der Fluren Krone

Und minder nicht von Gold als Fürstenschmuck,

Ich neig ihn vor der Fürstin Diadem.

Die Sichel, die mein Schwert, der Waffen beste,

Denn sie bekämpft der Menschen ärgsten Feind,

Des Name schon ein Schreckensbild: die Not,

Ich strecke sie, von höhrer Macht besiegt.

Und dies mein Schild, bemalt nicht nur mit Zeichen,

Geschmückt mit Inhalt und mit Wirklichkeit,

Das Wappen meines Standes, meines Tuns,

Ich biet es dir als ärmliches Geschenk,

Wie es dem Höhern wohl der Niedre beut,

Der sich als niedrig weiß, obgleich nicht fühlt.

Und so aus meinem Haus, das meine Burg,

Komm ich zu Hof und, neigend dir mein Knie,

Frag ich, o Fürstin: was ist dein Gebot.


Er kniet.


LIBUSSA.

Es scheint, du sprichst als Gleicher zu der Gleichen.

PRIMISLAUS.

Dir neigt sich nicht mein Knie nur, auch mein Sinn.

LIBUSSA.

Doch wenn sich beide nicht aus Willkür beugten,

Erreichten sie wohl etwa doch mein Maß?

Steh auf!

PRIMISLAUS.

Wenn meine Gaben du erst nahmst,

Der Geber sieht in ihnen sich verschmäht.

LIBUSSA.

So nehmt sie denn! Ich liebe diese Blumen,

Weil sie als Meinung gelten ohne Wert.


Man hat den Korb zu ihren Füßen gesetzt.


Du nennst sie deinen Schild. Ein einfach Wappen!

Doch wär ein Wahlspruch etwa beigefügt,

Was gilts? er wäre stolz, so wie sie einfach.

PRIMISLAUS der aufgestanden ist.

Ein Wahlspruch auch fehlt meinem Schilde nicht,[305]

Demütig aber ist er, wie die Zeichen.

Du liebst in Rätseln auszusprechen dich

Und knüpfst daran die höchsten deiner Gaben.

Dich selbst. Erlaube, daß ich ähnlich spreche.


Den Korb aufnehmend und ihr darreichend.


Unter Blumen liegt das Rätsel

Und die Lösung unter Früchten.

Wer in Fesseln legte, trägt sie,

Der sie trägt, ist ohne Kette.

LIBUSSA die Blumen betrachtend.

Das ist nun wohl des Ostens Blumensprache,

Die träumend redet mit geschloßnem Mund,

Und diese Rosen, Nelken, saftgen Früchte

Sind wohl geordnet zu geheimem Sinn.

Bei beßrer Muße findet sich die Deutung.


Den Korb abgebend.


Doch Rätsel geben ziemt nur der Gewalt,

Die Rätsel lösen eignet dem Gehorsam.

Drum offen, da geheim nur, was vertraut:

Sahst du mich irgend schon?

PRIMISLAUS.

Wer sah dich nicht,

Als dich das Land mit seiner Krone schmückte?

LIBUSSA.

Und sprach ich je zu dir?

PRIMISLAUS.

Zu mir, wie allen,

Die als dein Wort verehren dein Gesetz.

LIBUSSA.

Der Zelter, den ich sandte, ohne Leitung,

Er blieb in deines Hauses Räumen stehn.

War er je dein?

PRIMISLAUS.

Und wär ers ja gewesen,

Wenn ich ihn gab, war er nicht mehr mein eigen.

Ein Mann geht zögernd vorwärts, rückwärts nie.

LIBUSSA.

Ein Mann, ein Mann! Ich seh es endlich kommen.

Die Schwestern mein, sie lesen in den Sternen,

Und Wlasta führt die Waffen wie ein Krieger,

Ich selber ordne schlichtend dieses Land;

Doch sind wir Weiber nur, armselge Weiber:

Indes sie streiten, zanken, weinerhitzt,

Das Wahre übersehn in hastger Torheit[306]

Und nur nach fernen Nebeln geizt ihr Blick,

Sind aber Männer, Männer, Herrn des All!

Und einen Mann begehrt ja dieses Volk;

Das Volk, nicht ich; das Land, nicht seine Fürstin.

Du giltst für klug, und Klugheit ist ja doch

Ein Notbehelf für Weisheit, wo sie fehlt.

Sie wollen einen Richter, der entscheide,

Nicht was da gut und billig, fromm und weise,

Nein, nur was recht, wieviel ein jeder nehmen,

Wieviel verweigern kann, ohn eben Dieb

Und Schelm zu heißen, ob ers etwa wäre.

Dazu bist du der Mann, wies mindstens scheint.

Allein der Richter sei vor allem frei

Von fremdem Gut, soll er das fremde schützen.

Drum sag nur an: ist nichts in deinen Händen,

Was mir gehört und du mir vorenthältst?

PRIMISLAUS.

Dein bin ich selbst und all, was ich besitze,

Was ich besaß ist nicht in meiner Hand.

LIBUSSA.

Mir widert dieser Reden Doppelsinn,

Die nichts als Stolz, als schlechtverhüllter Hochmut.

Drum frag ich offen dich zum letztenmal –

Doch regt sich auch der Stolz in dieser Brust,

Ausweichen den zu sehn, den ich begrüßt,

Den zu bemerken nur ich mich gewürdigt.

So höre du auch eine Gleichnisrede,

Sie soll mir zeigen, ob du weise bist.


Vom Throne herabsteigend.


Ein König hatte sich verirrt beim Jagen

Und fand bei einem Landmann Dach und Schutz.

Des andern Tags, zur Hofburg heimgekehrt,

Vermißt er – einen Ring, ihm wert, ja heilig,

Den er bei Nacht, man weiß nicht wie, verlor.

Da läßt verkünden er auf allen Straßen,

Daß, wer das Kleinod, seines Vaters Erbteil,

Ihm wiederbringt, belohnt mit reichen Gaben

Ihm nächst soll stehen, hoch in seiner Gunst.

Was hättest du getan, warst du der Landmann?

PRIMISLAUS.

Vielleicht fühlt ich mich durch die Tat belohnt.[307]

Und jener Ring, als Ausdruck des Bewußtseins,

War teurer mir als selbst der höchste Lohn.

LIBUSSA.

So tat er auch, der Tor. Er gab ihn nicht.

Doch bald darauf brach aus in jener Gegend

Ein Aufstand, den veranlaßt – was weiß ich? –

Vielleicht des Königs Güte, wie so oft.

Doch jener Fürst, der nicht nur milder Vater,

Auch strenger Richter, sammelt rasch ein Heer,

Zieht gegen die Empörer und besiegt sie.

Ein Teil fällt durch das Schwert, der Überrest,

Er harrt gefangen eines gleichen Schicksals

Durch Henkershand. Da läßt der Fürst verkünden:

Der allgemeinen Strafe sei entnommen

Der einzige, der das vermißte Kleinod

Ihm wiederbringt; als Lohn für jenen Dienst,

Den er, ob Pflicht, doch seinem Herrn erwiesen.

PRIMISLAUS lebhaft.

Nun weiß ich die Geschichte, hohe Frau!

LIBUSSA.

Was also tat der Mann, wenns dir bekannt?

PRIMISLAUS.

Er warf den Ring am Weg in einen Busch.

Unschuldig, sprach er, soll mich Unschuld schützen,

Wenn schuldig, sei die Strafe mir der Schuld.

Auf alle gleich der Fürst den Zorn entlade,

Dem Zufall dank ich nichts, noch eines Menschen Gnade.

LIBUSSA.

Weißt du, was nun geschah?

PRIMISLAUS.

Ich weiß es nicht.

LIBUSSA.

Der Fürst gab alle gleich dem Schwerte hin.

Verloren war der Ring, doch auch der Mann.

Ich habe mich getäuscht, du bist nicht klug,

Du kannst nicht Richter sein in diesem Land.

Es sinkt der Tag. Gönnt ihm für heut die Herberg.

Zeigt ihm das Schloß mit allen seinen Schätzen,

Damit er sehe, was ein Herr und Fürst.

Am nächsten Morgen mag er heimwärts reisen

Und tafeln an dem selbstgewählten Tisch,

Vom selben Stoff, wie seine Worte weisen:

Der Kopf, das Herz, so wie sein Tisch, von Eisen.


Indem sie mit einer geringschätzigen Handbewegung sich abwendet und Primislaus tiefverneigend dasteht, fällt der Vorhang.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 2, München [1960–1965], S. 296-308.
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