Fünfter Auftritt

[764] Phaon. Vorige


PHAON.

Das ist Melittens Stimme! Ha, Verwegner,

Wagst dus, die Hand zu heben gegen sie?


Rhamnes läßt Melitten los.


PHAON.

So täuschte mich doch meine Ahnung nicht,

Als ich dich sah mit leisespähnden Blicken,

Dem Wolfe gleich, in ihre Nähe schleichen.

Doch hast du dich verrechnet, grimmer Wolf,

Es wacht der Hirt, und dir naht das Verderben!

RHAMNES.

Herr, der Gebietrin Auftrag nur befolg ich.

PHAON.

Wie, Sapphos Auftrag? Sie befahl es dir?

O Sappho, Sappho! Ich erkenne dich!

Doch leider nur zu spät! Warum zu spät?

Noch ist es Zeit, die Bande abzuschütteln

Von mir und ihr; beim Himmel, und ich wills![764]

Du allzufertger Diener fremder Bosheit –

Warum –? Melitta, du siehst bleich, du zitterst?

MELITTA.

O, mir ist wohl!

PHAON.

Dank du den Göttern, Sklave,

Daß ihr kein Steinchen nur den Fuß geritzt,

Beim Himmel! jede Träne solltest du

Mit einem Todesseufzer mir bezahlen! –

Du scheinst ermattet! lehne dich auf mich,

Du findest nirgends eine festre Stütze!

Blick her, Verruchter, dieses holde Wesen,

Dies Himmelsabbild wolltest du verletzen!

RHAMNES.

Verletzen nicht!

PHAON.

Was sonst?

RHAMNES.

Nur – Doch verzeih,

Was ich gewollt, ich kann es nicht vollführen.

Drum laß mich gehn!

PHAON Melitten loslassend.

Bei allen Göttern, nein!

Mich lüstets, eurer Bosheit Ziel zu kennen!

Was wolltest du?

RHAMNES.

Sie sollte fort.

PHAON.

Wohin?

RHAMNES.

Nach – das ist der Gebieterin Geheimnis.

PHAON.

Du sagst es nicht?

RHAMNES.

Sie hat es hier verschlossen,

Und fest bewahrt es ihres Dieners Brust.

PHAON.

So öffne denn dies Eisen! Dank dir, Sappho!

Du gabst mir selber Waffen gegen dich!


Den Dolch ziehend.


Verhehle länger nichts, du siehst mich fertig,

Die strengverschloßne Lade zu erbrechen!

MELITTA.

O schone seiner! Hin nach Chios sollt ich!

PHAON.

Nach Chios?

MELITTA.

Ja, ein Gastfreund Sapphos hauset dort,

Er sollte wohl Melitten ihr bewahren!

PHAON.

Wie, übers Meer?

MELITTA.

Ein Kahn dort in der Bucht!

PHAON.

Ein Kahn?

MELITTA.

So sprach er, ists nicht also, Vater?[765]

RHAMNES.

Nicht Vater nenne mich, du Undankbare,

Die frech du die Gebieterin verrätst.

PHAON.

Ein Kahn? –

MELITTA zu Rhamnes.

Was tat ich denn, daß du mich schiltst?

Er fragte ja!

PHAON.

Ein Kahn? – So seis! – das Zeichen,

Ich nehm es an! Von euch kömmts, gute Götter!

Zu spät versteh ich eure treue Mahnung!

Sie ist es oder keine dieser Erde,

Die in der Brust die zweite Hälfte trägt

Von dem, was hier im Busen sehnend klopfte!

Ihr zeigt mir selbst den Weg. Ich will ihn gehn!

Melitta, ja, du sollst nach Chios, ja!

Doch nicht allein! – Mit mir, an meiner Seite!

MELITTA.

Mit ihm!

PHAON.

Verlaß dies feindlich-rauhe Land,

Wo Neid und Haß und das Medusenhaupt

Der Rachsucht sich in deine Pfade drängen,

Wo dir die Feindin Todesschlingen legt.

Komm! Dort der Kahn, hier Mut und Kraft und Stärke,

Zu schützen dich, wärs gegen eine Welt!


Faßt sie an.


MELITTA ängstlich zu Rhamnes.

Rhamnes!

RHAMNES.

Bedenkt doch, Herr!

PHAON.

Bedenk du selber,

Was du gewollt, daß du in meiner Hand!

RHAMNES.

Herr, Sapphos ist sie!

PHAON.

Lügner! Sie ist mein!


Zu Melitten.


Komm folge!

RHAMNES.

Die Bewohner dieser Insel,

Sie ehren Sapphon wie ein fürstlich Haupt,

Sind stets bereit beim ersten Hilferuf,

In Waffen zu beschützen Sapphos Schwelle.

Ein Wort von mir und Hunderte erheben –

PHAON.

Du mahnst mich recht! Fast hätt ich es vergessen,

Bei wem ich bin und wo. – Du gehst mit uns![766]

RHAMNES.

Ich, Herr?

PHAON.

Ja du, doch nur bis zum Gestade,

Ich neide Sapphon solche Diener nicht!

Wenn wir in Sicherheit, magst du zurückekehren,

Erzählen, was geschehn und – doch genug,

Du folgst!

RHAMNES.

Nein, nimmermehr!

PHAON.

Ich habe, denk ich,

Was mir Gehorsam schaffen soll!

RHAMNES sich dem Hause nähernd.

Gewalt!

PHAON vertritt ihm den Weg und geht mit dem Dolche auf ihn zu.

So fahre hin denn, wie du selber willst!

Geringer Preis für dieser Reinen Rettung

Ist des Verruchten Untergang!

MELITTA.

Halt ein!

PHAON.

Wenn er gehorcht!

RHAMNES der sich auf die entgegengesetzte Seite zurückgezogen hat.

O wehe, weh dem Alter,

Daß nicht mehr eins der Wille und die Kraft!

PHAON.

Jetzt, Mädchen, komm.

MELITTA.

Wohin?

PHAON.

Zu Schiffe! fort!

MELITTA von ihm weg in den Vorgrund eilend.

Ihr Götter! Soll ich?

PHAON.

Fort! Es streckt die Ferne

Uns schutzverheißend ihren Arm entgegen.

Dort drüben überm alten, grauen Meer

Wohnt Sicherheit und Ruh und Liebe!

O folge! Unterm breiten Lindendach,

Das still der Eltern stilles Haus beschattet,

Wölbt, Teure, sich der Tempel unsers Glücks.


Sie ergreifend.


Erzitterst du? Erzittre, holde Braut,

Die Hand des Bräutigams hält dich umschlungen!

Komm mit! und folgst du nicht, bei allen Göttern,

Auf diesen Händen trag ich dich von hinnen

Und fort und fort, bis an das End der Welt.

MELITTA.

O Phaon![767]

PHAON.

Fort, die Sterne blinken freundlich,

Die See rauscht auf, die lauen Lüfte wehen

Und Amphitrite ist der Liebe hold.


Zu Rhamnes.


Voraus du!

RHAMNES.

Herr!

PHAON.

Es gilt dein Leben, sag ich dir!


Alle ab.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 764-768.
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