[44] 60. Die Rübe.

Der äußern Form nach eins der ältesten Märchen, nämlich aus einem lateinischen Gedicht des Mittelalters übersetzt und zwar nach der in Strassburg vorhandenen Papierhandschrift (MS. Johann. [44] C. 102. aus dem 15. Jahrh.) worin es 392 Zeilen in elegischem Versmaß bildet und Raparius überschrieben ist. Eine andere gleichzeitige wird zu Wien aufbewahrt, (Denis II. 2. p. 1271. Cod DLXII. R. 3356.) Das Gedicht selbst mag indessen bereits im 14. Jahrhund. verfaßt worden seyn, ohne Zweifel nach mündlicher Volkssage, vielleicht eben aus dem Elsaß. Denn die große Rübe gehört zu den Volksscherzen, und in dem Volksbuch von dem lügenhaften Aufschneider (auch ins Schwedische übersetzt. Lund 1790.) heißt es: »Als ich nun weiter fortwanderte und nach Straßburg kam, sah ich daselbst auf dem Feld eine solch große Rübe stehen, als ich noch niemals eine gesehen und ich glaube, daß einer mit einem Roß in drei langen Sommertagen dieselbe nicht umreiten könne.« Dem Märchen selbst fehlt es nicht an merkwürdigen Beziehungen. Der mißrathene Versuch, den Glückserwerb zu überbieten, da doch das unschuldige Herz fehlt, in viel andern Märchen. Die Erlösung aus dem Sack ist genau die aus dem Brunnen- Eimer in der Thierfabel, wo der Fuchs den dummen Wolf berückt, hinunter ins Himmelreich einzugehen, damit ihn dieser herausziehe; als sie sich unterwegs in den Eimern begegnen, spricht der Fuchs die bekannten spöttischen Worte: »so gehts in der Welt, der eine auf, der andere nieder!« Dieser Sack und Eimer sind ferner wiedernur die Tonne, worin der kluge Mann von den dummen Bauern ersäuft werden soll (s.I. 61. und Scarpafieo bei Straparola) der aber einem vorbeigehenden Hirten weiß macht, daß wer sich hinein lege, zu einer Hochzeit und großen Würde abgeholt werden sollte. In allen diesen Märchen ist der Wünschelsack oder das Glücksfaß von der komischen Seite dargestellt, denn der Mythus wandelt gern den Ernst in Schimpf um. An die ernsthafte Seite erinnert aber unser Raparius am bedeutendsten: wie hier der Mann am Baum hängend Weisheit lernt, schwebt der nordische Weise in der Luft und lernt alle Wissenschaft (Runacapituli)


veit, ek, sat ek hiek vindga meidi a

nátur allar niu.


(weiß ich, daß ich hing am winddurchwehten Baum[45] ganzer neun Nächte lang.)

tha nam ek frevaz ok frodr vera.

(Da begann ich berühmt und klug zu werden.)

Odin setzt sich unter die Galgenbäume, redet mit den Hängenden und heißt darum hanga–god (–tyrdrottinn) Dieser mythischen Wichtigkeit wegen möge die darauf bezügliche Stelle des Originals zugleich eine Probe des Stils geben:


Tunc quasi socraticus hunc laeta voce salutat

et quasi nil triste perpatiatur ait:

»salve! mi frater, hominum carissime salve!

huc ades, ut spero, sorte favente bona.«

Erigit ille caput stupidosque regirat ocellos,

ambigit et cujus vox sat et unde sonet.

Dum super hoc dubitat, utrum fugiat maneatve,

huc movet ire timor et vetat ire pudor.

Sic sibi nutantem solidat constantia mentem,

dixit: »item resonet vox tua, quisquis es hic?«

De sacco rursus auditur vox quoque secundo:

»si dubitas, quid sim, suspice, tolle caput;

in sacco sedeo, sedet sapientia mecum,

hic studiis didici tempore multa brevi.

Pape! scolas quaerunt longe lateque scolares,

hic tantum veras noveris esse scolas.

Hic, phas si sit adhuc hora subsistere parva,

omnia nota dabit philosophia michi,

ac cum prodiero, puto me sapientior inter

terrigenas omnes non erit unus homo.

Pectore clausa meo latet orbita totius anni,

sic quoque sideroi fabrica tota poli,

lumina magna duo complector vi rationis,

nec sensus fugient astra minora meos.

Sed neque me signa possent duodena latere,

quas vires habeant, quas et arena maris.

Flatus ventorum bene cognovi variorum,

cuilibet et morbo quae medicina valet1;

vires herbarum bene cognovi variarum,

et quae lit volacrum vis simul et lapidum.

Septem per partes cognovi quaslibet artes;

si foret hic Catho cederet atque Plato.

Quid dicam plura? novi bene singula jura,

caesareas leges hic studui variae.[46]

Qualiter et fraudes vitare queam muliebres2.

gratulor hoc isto me didicisse loco.

Hic totum didici, quod totus continent orbis,

hoc totum saccus continet iste meus;

nobilis hic saccus precioso dignior ostro,

de cujus gremio gratia tanta fluit.

Si semel intrares, daret experientia nosse,

hic quantum saccus utilitatis habet.«


1

S. Runacap. 9.

2

S. Runacap. 24. 25.

Quelle:
Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. 2 Bände, Band 2, Berlin 1812/15, S. XLIV44-XLVII47.
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