Die Vierdte Abhandelung.

[55] Cardenio. Ein Gespenst in Gestalt Olympiens.

Der Schaw-Platz ist vmb Lysanders Hauß.


Die vorhin mehr denn angenehme Zeit

Der stillen Nacht entsteckt der hellen Lichter Reyen!

Vnd meine nimmer todte Traurigkeit

Erwacht / vnd reitzt mich an mich endlich zu befreyen.

Ihr Fackeln die jhr in den Wolcken brennt!

Die jhr vor diesem mir zu meiner Lust geschienen!

Als ich in toller Liebe mich verkennt /

Seyd nun bereit zur Rache mir zu dienen!

Wo jrr ich hin! wie vorhin mich die Lust

Durch Finsternüß hieß als zur Wache gehen /

So zwingt der Durst der heiß entbrandten Brust /

Lysander, mich nach deinem Blutt' zu stehen.

Wo bleibt mein Feind so spät? Die Häuser sind geschlossen.

Die Gassen sonder Volck / die Sternen fortgeschossen:

Diane bringt hervor ihr abgenommen Licht

Vnd schielt den Erdkreiß an mit halbem Angesicht.

Man hört von weitem nur die wachen-Hunde heulen /

Vnd einsames Geschrey der vngeparten Eulen!

Die Fenster stehn entseelt von jhrer Kertzen Schein

Der Schlaff spricht allen zu vnd wigt die Augen ein /

Nur meine Rache nicht! was seh' ich? Ists zu glauben!

Wie? Oder mag ein Traum mich der Vernunfft berauben?

Daß man Olympens Thür bey hoher Mitternacht /

Eh' jemand klopfft so frey vnd sonder Sorg' auffmacht

Wie? Ein verschleirtes Bild vnd zwar so gantz alleine

Nicht Diener! Fackel! Weib! vnd gleichwol nach dem Scheine

Nicht so geringer Art. Ich muß mich vnterstehn

Zu forschen wer sie sey vnd auff sie zu zu gehn.

Holdseligste / wie ists schaut man so schöne Sonnen

Bey trüber Mitternacht? Diane gibts gewonnen[56]

Vnd deckt mit einer Wolck jhr schamroth Angesicht /

Die Sternen sind erblast ob jhrer Augen Licht.

OLYMPIA.

Mein Herr verzeih' / ich weiß wie wahr so thanes Schertzen /

CARDENIO.

Wie? Glaubt sie / daß mein Wort nicht komm' auß wahrem Hertzen!

OLYMPIA.

Mein Herr siht Sonnen hier vnd gleichwol seh' ich Nacht /

CARDENIO.

Die Sonne siht sich nicht die alle sehend macht.

OLYMPIA.

Mein trüber Schein bezeugt wie nah' ich Sonnen gleiche!

CARDENIO.

Vnd jhr Verstand thut dar daß jhr die Sonne weiche.

OLYMPIA.

Genung mein Herr ich geh!

CARDENIO.

Wohin so spät? allein?

OLYMPIA.

Die Tugend mit sich führt wird nicht alleine seyn.

CARDENIO.

Welch Vnfall zwinget sie bey Nacht sich so zu wagen?

OLYMPIA.

Kein Vnfall / Gunst vielmehr: Solt ich die Warheit sagen.

CARDENIO.

In Warheit grosse Gunst / wol dem / dem sie geschieht /

OLYMPIA.

Mir vnd Olympien! die mit mir aufgeblüht:

CARDENIO.

Mich daucht ich sahe sie auß jhrem Hause treten.

OLYMPIA.

Sie hat den Abend mich zur Malzeit eingebeten.

CARDENIO.

Vnd schlägt jhr Herberg' ab in dem so weiten Hauß?

OLYMPIA.

Mein Herr / wenn lieber kommt / denn hat wer lieb' war auß:

CARDENIO.

Wen mag bey tiffer Nacht Olympe noch erbeiten?

OLYMPIA.

Ihr Eh-Schatz wird gewiß vor Morgen noch einreiten.[57]

CARDENIO.

Wie daß Olympe sie nicht heim begleiten ließ?

OLYMPIA.

Mein Herr ich bin bekand vnd meines Wegs gewiß.

CARDENIO.

Vnd gleichwol hab ich nicht die Ehre sie zu kennen!

OLYMPIA.

Vielleicht doch wol gehört offt meinen Namen nennen.

CARDENIO.

Sie gönne mir / daß ich sie den begleiten mag!

OLYMPIA.

Gar wol: Doch mir ist Nacht so sicher als der Tag.

CARDENIO.

Ich wolte diese Nacht dem Tage weit vorziehen

Wenn sie O schönstes Licht / nicht wolte von mir fliehen!

Wo lencken wir vns hin! nun sich die Gasse theilt

Mein Engel! wie so still! hab etwan ich gefeilt

Daß sie den süssen Mund durchauß vor mir wil schlissen!

Sie melde nur die Schuld ich wil den Frevel büssen

Sie sprech' ein Vrtheil auß; was mag der Vrsprung seyn!

Ist meine Gegenwart die Vrsach jhrer Pein?

Sie melde was sie kränckt / ich wil / wo es zu glauben /

Mich dieser süssen Lust nur jhr zur Lust berauben!

Holdseligste! kein Wort! sie räche sich an mir

Hier ist der scharffe Stahl! die blosse Brust ist hier.

Dafern ich was verwirckt das ihr so sehr entgegen!

Druckt sie ein ander Schmertz? Kan etwa mein Vermögen

Zu jhren Diensten seyn! kein Vnheil ist zu groß:

Sie gebe sich / vnd nur mit einem Seuffzer bloß!

Begleit ich sie zu fern? Sie wil kein Wort verlieren!

Ich kan nur mehr denn wol / O grause Schönste! spüren /

Daß ich / in dem ich jhr wil dienen / sie beschwer.

Ich geh denn / sie verzeih! mich trägt mein Weg die quer.

Auch fordert mich von hier ein nöthiger Geschäffte!

OLYMPIA.

Brich Jammer-schwangres Hertz! brecht jhr erstarrten Kräffte.

Brich meiner Lippen Schloß! wie? oder ists ein Wahn!

Hab ich in solcher Angst die beste Zeit verthan?[58]

Ich / die du falscher Mensch nicht wilst / nicht kanst mehr kennen!

Soll ich Cardenio dir meinen Nahmen nennen!

Erzitter vnd erschrick! Olympen hast du hir!

Die bey geheimer Nacht nur winselt über dir /

Weil sie den Tag nicht darff! hab ich mich raw gestellet

So offt du vnbedacht dich zu mir hast gesellet!

Hieß ich dich hitzig gehn; diß fordert Ehr vnd Glimpff

Jagt dich ein ernstes Wort vnd ein falsch-zornig Schimpff?

Heist diß beständig seyn! auff ewig sich verschweren!

Bist du so meiner Gunst / so indenck meiner Zehren?

So indenck meiner Glut! daß auch der Namen nicht

Dir in die Sinnen kommt: Ob schon dir im Gesicht'

Olympe lebend steht! ob die vor süssen Worte!

Schon streichen in dein Ohr! ob sie schon auß dem Orte

Hervor trit / den du mehr; mehr denn zu viel besucht!

Vnd fragst du wer sie sey! vnd machst dich auff die Flucht.

Indem sie vmb dich zagt! fragst du wohin ich eile?

Bey vngeheurer Nacht! warumb ich nicht verweile

In dem verhasten Bett'? Es ist nicht fern von hier

Ein Garten: Angenehm nicht wegen seiner Zier

Vnd Blumen-reicher Pracht vnd wolgesetzten Heyne.

Ach nein / ich liebe mehr alldar die rauen Steine:

Die man an dessen Seit auß tieffen Hölen bricht!

In welchen Echo sitzt vnd jeder Wort nachspricht /

Daß ich vor weinen offt verschluck vnd in mich fresse /

Ich / die / Cardenio, dein ewig nicht vergesse /

Dein! / dem Olympe Tod! mit welcher in dir starb /

Was vnvergleichlich Ehr' vnd Ansehn dir erwarb.

Dein / den die tolle Brunst verknüpfft hat mit Celinden:

Dem Fräulin sonder Zucht / dem Zunder ärgster Sünden!

Dem Vrsprung deiner Noth! der Quälle meiner Pein /

Vnd die Cardenio, dein Vntergang wird seyn![59]

CARDENIO.

O Schönste! daß sie mich erstarrend vor jhr schauet /

Mich / welchem vor sich selbst vnd seiner Vnthat grauet /

Daß ich so lang' erstumm't; entsteht auß meiner Rew

Die keine Worte findt / Krafft welcher jhre Trew;

Die übertreue Trew / von mir recht außzustreichen!

Olympe! welche Glut wird jhrer Flamme gleichen!

Sie führe mich von hier! die dunckel Einsamkeit

Vorhin durch jhr Gewein / bethrenet vnd beschreyt /

Soll numehr Zeuge seyn (ich haß! ich flieh Celinden!)

Daß sie Olympe nur / nur mächtig mich zu binden!

Ich wandel als entzuckt! mir ist ich weiß nicht wie:

Sie zeige mir den Ort in dem ich auff dem Knie

(Ihr O mein Licht) gesteh / mein überhäufft Verbrechen!

Sie selbst / Olympe sie / sie mag ein Vrtheil sprechen

Das strengste das sie weiß / sie glaube daß ich frey

Vnd hurtig vnd behertzt es auß zu führen sey.


Lysander, zwey Diener / vnd die wahre Olympia.


Entzäumt die Ross' vnd helfft sie vnterdessen führen /

Für vnsern Hinterhof / biß auff mein Wort die Thüren

Entschlossen / Storax folg vnd komm.

STORAX.

Mein Herr ein Wort!

Wir reisen durch die Nacht! vnd könten an dem Ort /

Da wir den Abend spät zum füttern abgestiegen /

Wol biß auff morgen früh' ohn Eckel sicher liegen!

Was ists drey Stunden eh'r in seiner Wohnung seyn!

Was diese Nacht versäumt bracht vns die Früe-Stund ein.

LYSANDER.

Wer in drey Stunden kan sein eigen Hauß erreichen /

Vnd lieber anderswo sich auffhalt; gibt ein Zeichen

Daß er kein rechter Wirth / kein lieber Ehmann sey.

STORAX.

Jetzt wandeln wir zu Fuß da vns das reiten frey![60]

LYSANDER.

Was nützt die Nachbarschafft mit dem Geraß erschrecken

Vnd durch ein wiegrend Roß bey stiller Ruh' entdecken

Daß ich von Hofe komm'?

STORAX.

Es liegt mir dar nicht an /

Nur daß ein Vnglück vns so überfallen kan /

Das zu vermeiden stund / der Mann hat nicht gelogen:

Der vorgab daß die Nacht nicht jeden gleich gewogen.

LYSANDER.

Wer kan dir Schaden thun vor deines Herren Thür?

STORAX.

Wie / wenn man schadete dem Herren neben mir?

LYSANDER.

Erschreckter! fürchst du dich den Degen zu entblössen?

STORAX.

Zwey Klingen thun nicht viel / bey zehn / bey zwantzig Stössen:

LYSANDER.

Ist die genaue Wach nicht hier / nicht dar bestellt?

STORAX.

Sie wacht dem nur zu träg / der auff den Sand gefällt.

LYSANDER.

Das Schwerdt der Oberkeit kan diese Schwerdter dämpffen.[61]

STORAX.

Es wär' jetzt fern von hier / dafern wir solten kämpffen.

Mein Herr / die grosse Stadt beherbergt manchen Geist /

Der sich auß Vbermut / auß Zanck / auß Argwon schmeist:

Der den verdeckten Haß durch Meuchelmord außführet /

Denckt ob jhr aller Freund. Was diesen Himmel zieret /

Vnd durch das dunckel gläntzt; siht manche Thaten an:

Die auch im Mittag nicht die Sonn' entdecken kan!

LYSANDER.

Genung von dem! wir sind / (der Höchste sey gepreiset.)

Auff eigner Schwell' ey klopff! klopff an!

KNECHT.

Er ist verreiset!

STORAX.

Wer ist verreist?

KNECHT.

Mein Herr.

STORAX.

Thue auff / er ist schon hier.

KNECHT.

Wir gingen über Feld.

STORAX.

Wie Dorus? Traumet dir?

LYSANDER.

Klopfft an / er ist voll Schlafs.

KNECHT.

Wer da?

STORAX.

Der Herr ist kommen!

DORUS.

O wol! mein Herr! ich hatt' es vor nicht recht vernommen!

LYSANDER.

Nun munter! öffne bald! wie ists mit dir bewand.

DORUS.

Mein Herr / die Schlüssel sind in vnser Frauen Hand.

Ich geh' vnd zeig es an!

LYSANDER.

O angenehm erwecken!

Wird jhr ein süsser Traum mein Ankunfft auch entdecken?

Mein einig Eigenthum / dein treues Hertze macht /

Daß ich der Fürsten Gunst vnd Hofes Zier veracht.


Olympe durch die Fenster. Lysander. Storax.


Wer dar! mein Hertz!

LYSANDER.

Mein Licht!

OLYMPIA.

O Tausendmal willkommen!

Mein Trost / jetzt schließ ich auff.

LYSANDER.

Ist dir die Furcht benommen![62]

Nun wir versichert sind.

STORAX.

Wir stehn noch vor der Thür.

Man fällt im Augenblick offt zwischen dar vnd hier /

LYSANDER.

Du Blöder! du wirst nicht so leicht dein Leben wagen.

STORAX.

Leicht wagen / aber Herr euch auch die Warheit sagen /

Vnd diß auß treuem Geist / mir ist die Seele feil

Mein Herr vor seinen Leib vnd seines Hauses Heil.


Olympia. Lysander.


OLYMPIA.

Willkommen süsses Hertz! O hochgewünschte Stunden!

LYSANDER.

O liebreich Angesicht! O höchst gewünscht gefunden.

Leid ist mir / daß ich sie gestört in jhrer Ruh.

OLYMPIA.

Mir lieb! mir setzte Furcht vnd grauses Schrecken zu /

In einem herben Traum! wie wol bin ich erwachet /

Sein Ankunfft hat mich Angst- vnd Sorgen-frey gemachet.

Mein Hertz folg ins Gemach!

LYSANDER.

Stracks! Wo mag Dorus seyn?

Laß durch den Hinterhof die Ross' vnd Diener ein.

Du Storax schleuß das Thor! gib acht auff alle Sachen /

Die mit von Hofe bracht.

STORAX.

Ich werd es richtig machen.

Mein Herr sey vnbesorgt.

OLYMPIA.

Last vns nicht länger stehn!

Es ist die tieffste Nacht.

LYSANDER.

Wolan mein Licht / wir gehn.


[63] Cardenio. Das Gespenst in Gestalt Olympiens.

Der Schaw-Platz verwandelt sich in einen Lust-Garten.


Mein Trost! wir gehn so fern! vnd wechseln keine Worte!

Treugt mich das Auge nicht / so sind wir an dem Orte

Den sie bey stiller Nacht zu trauren jhr erwehlt!

Mein Engel! dessen Grimm mein reuend Hertze quält;

Ist jhr gerechter Zorn denn nicht zu überbitten!

Ich hab / es ist nicht ohn / weit ausser Pflicht geschritten!

Mehr auß verzweiffeln / denn aus Abgunst gegen jhr!

Sie Göttin! sie verzeih! die Seel' erstirbt in mir!

Wofern sie Schönste nicht hier wil den Haß ablegen /

Den meine Schuld entsteckt; sie lasse sich bewegen

Der heissen Threnen Fluß! der sanffte Westen-Wind /

Der durch die Sträucher rauscht beseuffzet vnd empfindt

Die vnaußsprechlich' Angst die meine Seele drücket /

Diane die bestürtzt vnd tunckel vns anblicket /

Bejammert meine Noth vnd bittet / wie es scheint /

Vor diesen / der für ihr auff seinen Knien weint:

Sie gönne mir doch nur jhr lieblich Angesichte /

Das Mond vnd Sternen trotzt! vnd mach in mir zu nichte

Durch einen süssen Kuß wo etwas allhier lebt

Das nicht Olympen lieb! die Nacht so vmb vns schwebt

Sey jhr statt einer Wolck der zart-gewirckten Seiden!

Mein Engel! ja sie wird von jhrem Diener leiden!

Daß er / dafern jhr Haß beständig zürnen wil /

Doch nur die Hüll abzieh' / vnd recht das blitzen fühl

So auß den Augen stralt


[64] Der Schaw-Platz verändert sich plötzlich in eine abscheuliche Einöde / Olympie selbst in ein Todten-Gerippe welches mit Pfeil vnd Bogen auff den Cardenio zielet.


CARDENIO.

O Himmel ich verschwinde!

OLYMPIA.

Schaw an so blitzt mein Stral / dein Lohn / die Frucht der Sünde.


Tyche. Celinde. Cleon.

Der Schaw-Platz stellet einen Kirchhof mit einer

Kirchen vor.


TYCHE.

Der Mond ist zimlich hoch / der kalte Wandel-Stern

Läst sich Nord-Ostlich sehn / das Licht ist gleich so fern

Als vns der Abend steht; die muntern Geister lehren

Ein jhn verknüpffte Seel / in dem sie schnarchen hören

Die jrrdisch sind gesinnt; biß sich der Vogel regt /

Der vnserm Thun ein Ziel durch seine Stimme legt.

Nunmehr ist keine Zeit / O Schönste zu verlieren /

Wo wir entschlossen sind das Werck recht außzuführen:

Sie suche denn das Pfand der vnerschöpfften Lust

Der jmmer-festen Trew in jhres Liebsten Brust /

Indem ich seine Seel in jenem Thal erweiche /

Daß sie vns willig sey zum darlehn jhrer Leiche!

Sie stell' jhr Sorgen ein: Vnd zage ferner nicht.

Vor alles Schrecken dien' jhr diß geweyhte Licht.

CELINDE.

Ach soll ich dieser That allein mich vnterfangen.

TYCHE.

Vmb immer-feste Lust vnd Ruhe zu erlangen!

CELINDE.

Allein / in diesem Ort:

TYCHE.

Steht Cleon nicht bey jhr!

CLEON.

Steht jhr ein Vnglück vor so widerfahr es mir!

CELINDE.

Allein den heil'gen Ort die Stunde zu betreten /

CLEON.

Diß thu ich für vnd für; es sey daß ich zu beten

Gesetzte Zeichen geb' / es sey daß man bedacht

Zu fordern diß vnd das / worzu die stille Nacht

Viel angenehmer scheint;

CELINDE.

Diß Stück ist nie gewaget![65]

TYCHE.

Von dieser mehr denn offt / die sie vmb Rath gefraget.

CELINDE.

Die leider mehr denn ich auff solchen Fall behertzt.

TYCHE.

Der Anfang fürchtet offt wormit das Ende schertzt.

CLEON.

Was fürchten wir vns doch! es ist ein eitel schwätzen;

Wormit man Einfalt sucht in Traum vnd Wahn zu setzen /

Meynt man daß sich ein Geist vmb Bein vnd Grab beweg /

Daß hier sich ein Gespenst / dort ein Gesichte reg /

Vnd Eifer vmb sein Asch'? Eröffnet nicht die Grüffte

Aegypten sonder Schew vnd bringt in freye Lüffte

Sein balsamirtes Fleisch das über See verschickt

Ein abgekräncktes Hertz im Sichbett' offt erquickt?

Entgliedern nicht die Aertzt' ohn Einred vnd Bedencken

Viel Körper die man wolt in jhre Ruh' einsencken /

Vmb andern dar zu thun woher die Seuch entsteh'?

Wo greifft die Kunst nicht hin! hat man der Menschen Weh /

Nicht offt durch Menschen-Blut / Fleisch / Glieder vnd Gebeine

Vnd feistes Marck gestillt? Durch todter Nieren Steine

Bricht der / der in vns wächst! man gibt nichts neues an!

Doch sucht man hier bey Nacht / in dem der Tag nicht kan

Bedecken derer Neid / die sich auff vns entzünden /

Weil wir zu aller Noth weit schneller Mittel finden

Als jhre Kunst vermag / die so manch weites Land

Vor mehr denn Menschlich hält / Haß rührt auß Vnverstand.

CELINDE.

Man kan ja jedes Bild mit schöner Farb anstreichen.

TYCHE.

Ich geh' / jhr: Fördert euch; last nicht die Zeit hin schleichen /

Die keinmal wieder kommt.

CELINDE.

Es sey gewagt.

CLEON.

Die Thür /[66]

Ist offen; was wir thun bleibt zwischen jhr vnd mir!

Sie folg' ich wil die Grufft deß Ritters leicht entschlissen!

CELINDE.

Wohin verfällt ein Weib die so viel leiden müssen.


Cardenio.


Ach! tödtlich Anblick! ach! abscheulichstes Gesicht!

Ach grausamstes Gespenst! vmbringt mich noch das Licht?

Wie! oder ist der Geist bereits der Last entbunden

Vnd hat die Frucht der Schuld / der Sünden Sold gefunden?

Wo bin ich! faul ich schon in einer finstern Grufft?

Trägt mich die Erden noch? Zieh' ich noch frische Lufft

In die erschreckte Brust! ich schaw den Himmel zittern;

Ich schaw der Sternen Heer Blut-rothe Stralen schittern!

Wo bin ich! ists ein Traum / heischt mich der Richter vor?

Klingt seine Rechts-Posaun durch mein erschälltes Ohr?

Wie! oder geh ich wol durch dunckel grause Wege

So einsam / so allein / durch vngebähnte Stege /

Wo deß Gewissens Wurm stets die Verbrecher nagt:

Wo ein verdammter Geist der von sich selbst verklagt /

Vnd durch sich überzeugt in ewig-neuem Schrecken

Sucht seine Missethat vergebens zu verstecken?

Ach Gott! der Götter Gott! geh ich noch in der Zeit?

Beschleust mich schon das Ziel der langen Ewigkeit?

Ich fühle ja daß ich mit Gliedern noch vmbgeben!

Ists möglich: Daß ich kan nach solchem Anblick leben!

Doch ja! du grosser Gott du trägst mit mir Geduld

Vnd gönnst mir etwas Frist / die übermaste Schuld

In die ich mich verteufft dir weinend abzubitten:

Ich HErr / bin von der Bahn der Tugend abgeglitten:

Ich bins der in dem Koth der Laster sich gewühlt

Mehr viehisch als ein Vieh / der nimmermehr gefühlt

(Wie hart du angeklopfft) dein innerlich anschreyen /[67]

Der mehr denn lebend tod / (ob schon du wilst befreyen)

Doch an der Sünden Joch / die schwere Ketten zeucht!

Der vor dir (Heil der Welt) in sein Verterben fleucht /

Mein Vater! ich kehr' vmb! ich knie vor diese Thüren

Vor dein geweihtes Hauß. Was aber mag sich rühren?

Was poltern hör ich an! mir stehn die Haar empor!

Verfolgt mich diß Gespenst biß an die heilgen Thor!

Hat sich der gantze Styx die Nacht auff mich verbunden!

Hat sich Cocytus Heer in diese Stadt gefunden.

Mein Gott! ich muß von hier! halt inn! was gibst du an?

Halt inn Cardenio! ob auch ein Rauber kan

Sich an den sichern Ort bey stillem Dunckel wagen

Vnd an geweyhtes Gold die frechen Hände schlagen!

Was weiß ich; ob nicht Gott mich an den Tempel führ

Zu retten seine Kirch! wie fein: Daß ich verlier /

Gelegenheit das Schwerdt einmal vor Gott zu zucken:

Vnd Mördern auß der Faust den schweren Raub zu rucken /

Ist diß mein grosser Mut! ach nein. Die Kling ist frey

Der steh'/ auff den ichs wag / dem guten Vorsatz bey.

Die Thüre wie ich fühl gibt nach vnd ist entschlossen!

Diß zeigt nichts redlichs an! die Riegel weggeschossen!

Gewiß sind Rauber hier! wie komm' ich auff die Spur;

Dort hängt von oben ab an Gold gewürckter Schnur

Ein köstlich hell-Cristall in dem die Flamme lebet

Die durch ein Tacht ernährt auff reinem Oele schwebet /

In reiches Silberwerck / vor Anstoß / eingesenckt.

Wie daß die Rauber nicht den schönen Schmuck gekränckt /

Der sich doch selbst entdeckt? Was kan ich hierauß schlissen!

Es geh nun / wie es geh / so muß ichs dennoch wissen!

Warumb entzünd ich nicht die Kertze vom Altar

Bey dieser Ampel Glantz! vnd suche wo die Schar

Sich zu verbergen sucht! hier ist noch nichts entwendet;

Doch haben sie vielleicht das Stück nicht recht vollendet.[68]

Was aber find ich hier! wie? Ein entseelte Leich

Gelehnt an diese Maur! von Fäule blaw vnd bleich!

Verstelltes Todten-Bild! weit eingekrämpffte Lippen!

Was sind wir arme doch! so bald man an den Klippen

Deß Todes scheitern muß / verschwindet die Gestalt

Die vorhin frische Haut wird vor dem Alter alt /

Vnd Stanck / vnd Staub / vnd nichts! was aber hier zu sagen!

Ob nicht der Cörper wol auß seiner Grufft getragen

Indem man Särg erbricht! vnd mit erhitztem Mut

Durchstanckert Asch vnd Bein' vmb das verfluchte Gut.

Wer rennt der Thüren zu / so lang / so schwartz bekleidet?

Halt an! er ist dahin! der frembde Fall beneidet

Die nie erschreckte Faust! doch einer wird allein

Zu diesem Kirchen-Raub nicht außgerüstet seyn.

Vnd recht! dort stralt ein Licht auß dem entdeckten Grabe!

Wol daß ich in dem Nest das Wild ergriffen habe!

Was habt ihr Mörder vor.

CELINDE.

Weh! weh! mir! ich bin tod.

CARDENIO.

O Gott was find ich!

CELINDE.

Ach! ich sterb in höchster Noth.

CARDENIO.

Ist diß Celinde; wil mich ein Gespenst erschrecken!

CELINDE.

Wil mich Cardenio auß dieser Grufft erwecken!

CARDENIO.

Celinde schaw ich sie!

CELINDE.

Schickt ihn der Himmel mir!

CARDENIO.

Zu ihr in diese Grufft!

CELINDE.

Mein Herr ich sterb allhier!

CARDENIO.

Ists möglich daß ich sie Celind' allhier soll schauen!

CELINDE.

Er schau't mich hier verteufft in vnerhörtes Grauen.

CARDENIO.

Wer führt sie in ein Grab.

CELINDE.

Verzweiffeln Herr / vnd er!

CARDENIO.

O grauses Wunderwerck!

CELINDE.

Mir leider viel zu schwer.[69]

Wofern sein Haß auff mich noch wie vorhin erbittert;

So schaw er auff ein Hertz / das in der Angst erzittert

In die es sich gestürtzt / mein Herr / vmb jhn allein!

Vnd stosse seinen Stahl zu enden diese Pein

Durch die entblöste Brust: Dafern er mit mir armen

Mitleiden tragen mag / so woll' er sich erbarmen /

Vnd führe mich von hier!

CARDENIO.

Ists! oder ists ein Schein!

Soll sie Celinde denn in lauter Warheit seyn!

Nein; das Gespenst / das durch Olympen mich gefället;

Hat in Celinden sich den Augenblick verstellet /

Vnd läst wofern ich sie mit einer Hand berühr!

Ein schändlich Todten-Bild / gleich als vorhin / für mir.

CELINDE.

Er rette wo er kan! er rette mich Betrübte!

Er rette dieses Hertz / das jhn so hertzlich liebte.

CARDENIO.

Sie steige zu mir auff.

CELINDE.

Es hält mich etwas an!

Doch schaw ich nichts als jhn. Er reiche (wo er kan)

Mir den behertzten Arm! O Gott! last vns von hinnen!

CARDENIO.

Celinde möcht ein Mensch so frembden Fall ersinnen!

Wie kommt sie an den Ort bey vngeheurer Nacht?

CELINDE.

Mein Herr / er forsche nicht! wenn ich von hier gebracht

Wil ich mein Elend ihm ohn Vmbschweiff glatt außlegen

Mein Herr von hier!

CARDENIO.

Schaw ich den Todten sich bewegen?

Er eilt dem Grabe zu; die Glieder zittern mir!

Die Schenckel sind erstarrt:

CELINDE.

Mein Herr! mein Hertz von hier.


Das Gespenst deß Ritters.


Deß Höchsten vnerforschliches Gerichte

Schreckt eure Schuld durch dieses Traur-Gesichte

Die jhr mehr tod denn ich! O selig ist der Geist

Dem eines Todten Grufft den Weg zum Leben weist.


[70] Reyen.


Dennoch kan die letzte Macht

Die vns sterben heisset /

Vnd ins Grabes lange Nacht /

Von der Erden reisset:

Dennoch kan sie über dich

Mensch nicht gantz gebitten /

Weil der Geist von jhrem Stich

Wird vmbsonst bestritten.


Zwar der Leichnam gehet ein

Hertz vnd Augen brechen

Wenn sich in der letzten Pein

Arm' vnd Glieder schwächen /

Das geliebte Fleisch verfällt

Wie bey heisser Sonnen

Sich ein Bild von Wachs verstellt /

Biß es gantz zerronnen.


Bringt Aspaltens Hartz hervor

Balsam / Nard' vnd Myrrhen.

Was Socotor' je erkor /

Was die / so stets jrren

Vmb Sarunbun lasen auff /

Bringet Specereyen /

Die Molucc je gab zu kauff /

Hier wird nichts gedeyen.


Was du an dir trägst ist Staub /

Es kam von der Erden.[71]

Vnd muß durch der Jahre Raub

Staub vnd Erden werden.

Was verwahrt die raue Grufft

Vnter jhrem Steine /

Der auch stumm / von sterben rufft /

Als verdorrt Gebeine?


Aber vnser bestes Theil

Weiß nichts von verwesen /

Es bleibt in den Schmertzen Heil /

Sterben heist's genesen /

Es ergetzt sich ob dem Licht /

Das es vor nicht kante

Als es in deß Leibes Pflicht

Zeit vnd Welt verbante.


Doch / dafern es nicht verkehrt

Mit deß Fleisches Wercken;

Die deß höchsten Richters Schwerdt

Heist zur Straff auffmercken.

O wie selig ist die Seel

Die von Leib vnd Sünden

Loß / nach jhres Kerckers Höl

Kan die Freyheit finden.


Sie weiß nichts von Ach vnd Leid

Das die Menschen quälet /

Weil sie in der Ewigkeit

Ihre Ruh' erwehlet /

Doch wird keine für vnd für

Dieser Lust genissen /

Die nicht einig lernt in dir

HErr den Lauff beschlissen.

Quelle:
Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde Oder Unglücklich Verliebete. Stuttgart 1968, S. 55-72.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Droste-Hülshoff, Annette von

Ledwina

Ledwina

Im Alter von 13 Jahren begann Annette von Droste-Hülshoff die Arbeit an dieser zarten, sinnlichen Novelle. Mit 28 legt sie sie zur Seite und lässt die Geschichte um Krankheit, Versehrung und Sterblichkeit unvollendet.

48 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon