Der Erste Auffzug.

[15] Capitain Daradiridatumtarides Windbrecher von Tausend Mord. Don Cacciadiavolo, Don Diego, seine Diener.


DARADIRIDATUMTARIDES. Don Diego rücket uns den Mantel zurechte / Don Cacciadiavolo, Jch halte / daß das Ostliche Theil des Bartes mit der West Seiten nicht allzuwol überein komme.

DON CACCIADIAVOLO. Großmächtigster Hr. Capiten, es ist kein Wunder! die Haare der lincken Seiten sind etwas versenget von den Blitzen seiner Feurschiessenden Augen.

DARADIRIDATUMTARIDES. Blitz / Feuer / Schwefel / Donner / Salpeter / Bley und etliche viel Millionen Tonnen Pulver sind nicht so mächtig / als die wenigste reflexion, die ich mir über die reverberation meines Unglücks mache. Der grosse Chach Sesi von Persen erzittert / wenn ich auff die Erden trete. Der Türckische Kaiser hat mir etlich mahl durch Gesandten eine Offerte von seiner Kron gethan. Der weitberühmte Mogul schätzt seine retrenchemente nicht sicher für mir. Africa hab ich vorlängst meinen Cameraden zur Beute gegeben. Die Printzen in Europa, die etwas mehr courtese halten Freundschafft mit mir / mehr aus Furcht / als wahrer affection. Und der kleine verleckerte Bernhäuter[15] der Rappschnabel / Ce bugre, Ce larron, Ce menteur, Ce fils de Putain, Ce traistre, ce faqvin, ce brutal, Ce bourreau, Ce Cupido, darff sich unterstehen seine Schuch an meinen Lorberkräntzen abzuwischen! Ha Ma Deesse! merville de monde adorable beauté! Unüberwindliche Schöne! unvergleichliche Selene! wie lange wolt ihr mich in der Courtegarde eurer Ungunst verarrestiret halten?

DON DIEGO. Signor mio illustrissimo! Mich wundert nicht wenig / daß ihr das Bollwerck von Selene noch nicht habt miniren können. Die Damosellen dieses Landes erschrecken / wenn sie euch von Spiessen / Schlachten / Köpff abhauen / Städte anzünden und dergleichen discuriren hören. Sie meinen / daß ihr todos los Diabolos in der Vorbruch / wie die Schweitzer in dem Hosenlatz / traget. Mich dünckt Palladius richte mit seiner anmuthigen Courtesi weit mehr aus / als wir mit allen unsern Rodomontaden.

DARADIRIDATUMTARIDES. Palladius? Wenn er mir itzund begegnete / wolte ich ihn bey der äussersten Zehe seines lincken Fusses ergreiffen / dreymal umb den Hut schleudern / und darnach in die Höhe werffen / daß er mit der Nasen an dem grossen Hundsstern solte kleben bleiben.[16]

DON CACCIADIAVOLO. Es were zu viel / daß er von solchen Rittermässigen Händen sterben solte. Wenn er uns gleich itzund in der furie begegnete / wolte ich ihm bloß in das Gesichte speyen / er würde Zweiffels ohne bald in Asch und Staub verkehret werden.

DARADIRIDATUMTARIDES. Behüte mich der grosse Vitzliputzli, was ist das? dort Es erscheinet von ferne eine Katze. sehe ich zwey brennende Fackeln uns entgegen kommen?

DON CACCIADIAVOLO. Holla! ins Gewehr! ins Gewehr! Die Nacht ist niemands Freund.

DARADIRIDATUMTARIDES. Ey last uns weichen! wir sind ausser unserm Vortheil und möchten verrätherlich überfallen werden. Jch wil nicht von mir sagen lassen / daß ich mich der Finsterniß zu meiner Victorie mißgebrauchet.

DON CACCIADIAVOLO. Bey der Seel des General Wallensteins / sie blasen zu Sturm.

DON DIEGO. Ey last uns stehen bleiben! sehet ihr nicht? es ist eine Katze / die also mit den Augen fünckelt.

DON CACCIADIAVOLO. Es mag der Beelzebub wol selber seyn.

DARADIRIDATUMTARIDES. Ho! ich bin vor ihm unerschrocken. Der gantze Leib zittert mir vom Zorn wie eine Gallart. Jch werde gantz zu lauter Hertze und kenne mich schier selber nicht / ich schwitze vor Begierde zu fechten. Voicus le bras qvi rompt le cours de destins de tous!

DON DIEGO. Des fous! und fähret vor Furcht aus den Hosen.

DARADIRIDATUMTARIDES. Was sagt Don Diego?

DON DIEGO. Jch sage / ihm reissen vor Ungedult zu warten die Hosen entzwey.

CAPITAIN DARADIRIDATUMTARIDES zeucht den Degen aus. Sa! sa! heran /[17] heran / du seyest auch wer du seyst! je brave la main des parqves, ich habe wohl eher alleine dreissig mahl hundert tausend millionen Geister bestanden.

DON DIEGO. Minder eine halbe.

DON CACCIADIAVOLO. Wol was geraß ist dieses? Der Nachtwächter beginnt zu singen / Jhr lieben Leute last euch sagen und dergleichen.

DARADIRIDATUMTARIDES. Bey meinem adelichen Ehren / ich halte doch / es gehen Gespenster um. Was ists von nöthen / daß wir die Zeit so früh auff der Gassen zubringen. Herein / herein ins Gemach. Wer Unglück suchet / der verdirbet darinnen.


Antonia. Selene.


ANTONIA. Liebes Kind / es ist nicht ohn / ich bin deine Mutter / und wolte bey dir thun / was einer ehrliebenden Frauen und Mutter zustehet: Du bleibest aber auff deinem Kopff / und wilst gutem Rathe nicht folgen. Du weissest / unsere Mittel sind in dem Kriege zerronnen: Wir stecken in Schulden / und so es entdeckt wird / verlieren wir unser übriges Credit. Die Kleider / Perlen und Geschmeide / in welchen du herein gehest / gehören meiner Schwester / welche sie eher wird abzufordern wissen / als uns vielleicht lieb seyn möchte. Du weissest / daß wir über zwey gantze Hembde nicht in unserm Vermögen haben. Wer dich von oben besiehet / solte wol meinen / wir hätten den gantzen Spitze Kram von Brüssel erb-eigen. Wer aber etwas genauer auff uns acht giebet / wird wol erkennen / daß nicht alles Gold / was gleisset. Du bist nicht die Jüngste: unter den Schönsten wird man dich nicht verlieren: und ich weiß auffs beste / was hin und wieder an dir zu meistern: Auff Fürsten darffst du nicht hoffen. Das Küh- und Schaff- Fleisch[18] gilt itzt schier mehr / als Jungfern Fleisch. Drumb siehe vor dich / und hilff dir und mir durch eine glückliche Wahl.

SELENE. Frau Mutter! wohl bedacht / hat niemand Schaden bracht. Jch muß mit dem Manne leben / nicht ihr. Es ist bald genommen / aber nicht so leicht davon zu kommen.

ANTONIA. Was mangelt Possidonio? Er ist reich / von hohem Ansehen / im blühenden Alter / hat vornehme Freunde / stehet wol zu Hofe / und liebet dich von gantzer Seele.

SELENE. Ha! Frau Mutter / solt ich meine Zeit mit dem wunderlichen Kopffe zubringen? lieber hättet ihr mich in dem ersten Bade ertränckt.

ANTONIA. Man wird dir mahlen müssen / was dir tügen solle. Cleander, der dich vor begehret / da er in geringerm Stande / wil dich ietzt nicht / da er gestiegen / durch einen zubrochenen Zaun ansehen. Was werden wir an Palladio zu tadeln haben? Du siehest / wie dessen Glücke zu blühen beginnst.

SELENE. Wohl Frau Mutter! weil es blühet / so mag es reiff werden! Gelehrte: Verkehrte. Ein Gebündlin Bücher / und ein Packetlin Kinder ist ihre gantze Verlassenschafft. Was kan eine Dame von Qualität vor contentament haben bey einem solchen Menschen? Des Morgens um vier / oder auch eher / aus dem Bette / und unter die Bücher / von dannen auff den Hoff / in die Kirche oder zu den Krancken. Sie träumen an der Taffel / oder belegen die Teller wohl gar mit Brieffen. Den gantzen Tag / steckt ihnen der Kopff voll Mäusenester / und (was der Teuffel[19] gar ist) wenn sie um 12. Uhr wiederum zu Bette kommen / so schlagen sie sich mit tollen Gedancken / machen Verse oder schicken die fünff Sinne gar in Ost-Jndien. Unsere alte wasche Magd / die schwartze Dorabelle, welche lange bey einem Königlichen Rath in Diensten gewesen / hat mich mit Eyd und Thränen versichert / daß eine Bauer-Greta viel besser sich auff dem Strosack befinde / als des gelehrtesten Mannes Frau auff Schwanen Federn.

ANTONIA. Sie sind nicht alle solche Träumer. Unsere Schwägerin Frau Sulpitia hat sich noch niemals beklagt: sie hat die Kasten voll / das Hauß beschicket / die Schüttboden versehen / die Keller sonder Mangel / die Küchen stets leuchtend. Da hergegen Frau Gertrud, die den reichen Wucherer geheyrathet / hunger stirbt / und mehr Maultaschen als Krametsvogel von ihrem Mann aufffressen muß.

SELENE. Dem sey so! ich wil vor mich von keinem Gelehrten wissen. Ein Land-Juncker stünde mir besser an.

ANTONIA. Der seine Hunde lieber siehet / und die grosse Vieh-Magd öffter küsset / als sein redlich Weib. Jch weiß / daß dir das Maul nach dem Narrenfresser / dem Auffschneider / Capitain Lügner / von der Bernhäuterey stincke.

SELENE. Warum / Frau Mutter / daß sie den redlichen Cavalier verkleinert? ich sehe nicht / warum ich ihm nicht günstig seyn solle; Er vermag bey 30000. contenten, weiß seine Person zu präsentiren, ist bey vornehmen Leuten berühmt und beliebet. Er – – –[20]

ANTONIA. Er hat dir vielleicht Brieff und Siegel über sein Vermögen gegeben.

SELENE. Was solt er vor Ursach haben ein mehrers von sich außzugeben als sich in der That befinden möchte?

ANTONIA. Wer auff der Buler vergebenes Reichthum trauet / befindet sich in dem Ehestande mit leeren Händen.

SELENE. Nechst / als er uns in den Garten tractiret / war ja der gantze Tisch mit Gold und Silber besetzet. Er streuete Ducaten aus / als wärens Stroh- Thaler: Die Diamantene Hutschnur und das Gehencke sind allein ein zehn oder zwölfftausend Reichsthaler werth.

ANTONIA. Tochter / Tochter! ich sehe dein Verderben vor Augen.

SELENE. Frau Mutter! könnet ihr mir nicht helffen / so hindert mich auffs wenigste nicht an meinem Glück. Jhr werdet anderwerts erfahren müssen / was euch nicht lieb ist.

ANTONIA. Wehe den Eltern / die ihre Töchterlein zusehr in der Jugend verzärteln!

SELENE. Wehe den Töchtern / die nicht selber ihr bestes suchen / und es auff der wunderlichen Mutter Vorsorge ankommen lassen.


Flaccilla. Sophia.


FLACCILLA. Ach mein Kind! wenn ich dich entweder nie gebohren hette / oder wenn du in meiner Schooß gestorben werest: wie vielem Hertzleid weren wir beyde zeitlich entkommen? was nützet aus hohem Geschlecht entsprossen seyn / wenn man nicht nur den Stand nicht führen / sondern auch das Leben nicht erhalten kan?[21]

SOPHIA. Frau Mutter! es gehe so hart zu als es wolle; man bleibet dennoch nicht von GOtt verlassen.

FLACCILLA. Was wollen wir anfangen? womit wollen wir uns erhalten? alle Mittel sind hinweg: Dein Mannbares Alter erfodert einen Bräutigam: Der Mangel aller Hülffe schneidet dir alle Hoffnung ab: deine Tugenden sind an diesem Orte ungangbare Müntze: Die grossen Versprechungen / dich zu befördern / werden zu Wasser? der Princessin / die dich in ihren Hoff vor diesem anzunehmen gesinnet / ist bereits eine andere auffgedrungen.

SOPHIA. GOtt sorget dennoch für uns / und hat mehr als ein Mittel / die Seinigen zu erhalten.

FLACCILLA. Diese Worte füllen den Magen nicht / und tügen weder zu sieden noch zu braten. Wenn du jenem Edelman werest etwas besser an die Hand gegangen / oder noch gehen wolltest / es stünde bequemer um mich und dich.

SOPHIA. Ha! Frau Mutter / lieber das Leben verlohren / als die Ehre: lieber Hunger gestorben / als die Keuschheit hindan gesetzt.

FLACCILLA. Man muß aus der Noth eine Tugend machen. Solche grosse Worte stehen reichen Damen / nicht verlassenen Kindern / an. Wir haben zwey Tage sonder Kirchen Gebot gefastet / und wissen noch heute weder Brod noch Zugemüse. Wir haben nichts zuverkauffen / nichts zu versetzen / haben beyde kein gutes Kleid / und alles / was du an dem Leibe trägest / ist mit Nadeln zusammen gestecket / als die Schindeln auff einem Kirchen Dache mit den Nägeln. Wo du an den Wind komst / so wehet er dir alle Flecke von der Haut. Was Rath bey diesem Zustand?

SOPHIA. Ach / meine Mutter! warum mir nicht eher ein Messer durch die Brüste gestecket / als mich ermahnet von der Tugend abzusetzen? Jst kein ander Mittel zu leben /[22] so lasset uns dienen! düncket euch diß in diesem Ort zu schändlich / so lasset uns einen unbekandten suchen!

FLACCILLA. Fleug Vogel sonder Federn! Wo wollen wir uns hinmachen sonder Zehrung? werden wir so bald für Mägde angenommen werden / wenn wir uns nur anmelden? wer wird nicht dein Gesicht in Verdacht ziehen / und genau nach unserm Zustand forschen? Jch weiß wohl mein Kind / daß ich wider GOtt / und Stand / und dich thue / in dem ich auff solche Gedancken gerathe / aber der / dem das Wasser biß an die Lippen laufft / muß lernen schwimmen. Hetten wir indessen nur auff einen oder zwey Tage Vorrath / so könten wir versuchen / ob und wie deinem Vorgeben nachzukommen.

SOPHIA. Wir haben nichts / als uns selbst zu versetzen oder zu verkauffen.

FLACCILLA. Auff dieses Pfand pflegt niemand nichts zu leihen / es verstehet sich zu geschwinde.

SOPHIA. Wohlan / ich habe noch etwas / daß ich ausser meiner Ehre wagen kan.

FLACCILLA. Du hast vielleicht einen verborgenen Schatz gefunden / und komst mir für / wie die Goldmacher / die in höchster Armuth von viel Tonnen Goldes zu reden wissen.

SOPHIA. Der Schatz ist offenbahr / ob er wohl nicht viel werth. Schneidet mir diese Haar von dem Haupt / und verkauffet sie irgens einer Hoff Damen.

FLACCILLA. Der Gewinn von dieser Kauffmanschafft wird so groß nicht seyn.

SOPHIA. Geringe Handelsleute müssen nicht gar zu grossen Gewinn hoffen. Löset mir die Flechten auff! Lasset uns hinein! denn die Noth leidet keinen Auffschub.

FLACCILLA. O höchste Tugend! wie unwerth bist du in diesem Armuth / und wie ungeachtet in diesem Elend!


[23] Sempronius.


SEMPRONIUS. Αἰὼν πάντα φέρει, Sed omnia vincit Amor, Omnia, id est, omnes homines, & omnia pecora Campi, & nos cedamus Amori, saget das Wunder der Lateinischen Poeten Virgilius. Wer solte gegläubet haben / daß ich / der ich ein Wunder bin inter eruditos hujus seculi, und numehr meine fünff und sechtzig Jahr cum summa reputatione erreichet / mich auffs neue solte per faces atque arcus Cupidinis haben überwinden lassen? Ach Coelestina! ach Coelestina! tu mihi spes voti, tu mihi summus Amor, wenn ich deine rosenliebliche Wangen betrachte / werde ich verjünget / als ein ander Phoenix. Aber quid haec suspiria solus montibus & sylvis? Virgilius Ecloga 2. Warum greiff ich nicht zu Mitteln / und versuche / was zu erhalten. Hasce amoris mei interpretes Epistolas, Cicero ad Atticum, habe ich heute früh (Aurora Musis amica) mit höchstem Judicio & ingenio zusammen gesetzet / und warte nur auff Gelegenheit / ihr selbige durch ein bequemes subject, welches sie kenne / zu überantworten. Hir in der Nähe wohnet eine bequeme Frau die alte Cyrille, die sich gar gerne zu solchen Legationen gebrauchen läst / & nisi me fallit animus,[24] so ist dieses ihr Hauß. Sed eccum, illa ipsa prodit, last uns hören in hoc angulo, was vor excursus sie vorbringen werde.


Die alte Cyrille. Sempronius.


CYRILLA. Kätterle schleuß das Haus wohl zu / und wo die Braut kommt der ich rathen solte / so gib ihr das Wasser / wenn sie dir 3. Ducaten eingeliefert hat. Wird Don Diego nach mir fragen / so sage / daß ich in seinen Geschäfften ausgegangen bin. Es ist ietzt alles theur: die Welt ist gar auff die Neige kommen: die Jungfern sind so geitzig / wie der Teuffel / und die junge Gesellen haben lauter lauter Nichts in dem Beutel. Es ist gar eine ander Welt / als da ich noch jung war: die Liebe ist gar gestorben. Nun muß ich gehen und sehen / ob ich heute was verdienen kan. Nu das walte / der es walten kan. Matthes gang ein / Pilatus gang aus / ist eine arme Seele draus. Arme Seele wo kommst du her? Ach das ist ein tröstlich Gebet!

SEMPRONIUS. Prolixam texit fabulam, interrumpam & alloqvar. Bona dies, bona Dies!

CYRILLA. Aus Regen und Wind / und aus dem feurigen Ring.

SEMPRONIUS. Bona dies, Cyrille.

CYRILLA. Was sagt Herr Jonipis, ô ja die is.

SEMPRONIUS. Ha! Bestia / verstehestu nicht was ich sage?

CYRILLA. Ja freylich bin ich die beste / es ist in der[25] gantzen Stadt keine so redliche fromme Frau / Herr Criccronigs.

SEMPRONIUS. Ego appellor Sempronius.

CYRILLA. Ob ich Semmeln oder Honig ha? Ne Herr Grigories, ich verkäuffe nicht mehr Obst und Näscherey.

SEMPRONIUS. Jch sage euch nicht von Semmeln oder Honig / sondern wündsche euch einen guten Morgen.

CYRILLA. Dem wird der Engel Uriel nehmen sein Horn / und blasen drein Tit titu.

SEMPRONIUS. Was murmelt ihr?

CYRILLA. Jch bete ein tröstlich Gebet vors Feber und böse Wetter.

SEMPRONIUS. Seponamus ista.

CYRILLA. Ob ich Seiffe haben müste. Ja freylich lieber Herr Procrecriis. Die Wäsche kost viel Geld / man muß vor ein Muderhemdlin einen guten Groschen geben.

SEMPRONIUS. Ey lasset uns diß beyseite setzen! höret nur / ich sage euch ἀληϑῶς, purè.

CYRILLA. Da soll euch der Teuffel dafür holen / sagt ihr / daß ich eine alte Hure bin? das kan mir kein redlicher Mann mit gutem Gewissen nachreden / du alter graubärtiger ungehangener Dieb / du darffst mir nicht viel / ich gäte dir den Bart aus.

SEMPRONIUS. Ey / ihr verstehst mich nicht redet / ich rede Griechisch und Lateinisch ἀληϑῶς purè.

CYRILLA. Saget mir nicht mehr von der alten Hure oder ...

SEMPRONIUS. ἀληϑῶς, purè, das heist in der Warheit / ich[26] weiß doch wohl / daß ihr eine redliche Frau seyd; die gantze Stadt haud negat.

CYRILLA. Daß ich mirs Haupt gebadt / was gehet der gantzen Stadt daran ab.

SEMPRONIUS. Surdo narro fabulam.

CYRILLA. Ey Herr / redt doch kein Polnisch mit mir / ich versteh euch nicht.

SEMPRONIUS. Jch rede nicht Polnisch / ich rede Lateinisch.

CYRILLA. Ey ihr seyd ein Doctoribus, und ich bin nicht studiret, wozu dienet der Lateinische Unrath?

SEMPRONIUS. Quid Gallo margaritam?

CYRILLA. Ja im Keller ist Margrite.

SEMPRONIUS. Eine Sau fragt nicht nach Muscaten.

CYRILLA. Muscaten in warm Bier sind gut vor die Mutter-Kranckheit.

SEMPRONIUS. καλῶς με ὑπέμνησας.

CYRILLA. Ja wenn ich kalt aaß / so nisete ich.

SEMPRONIUS. καταγέλας μου.

CYRILLA. Ja die geele Kuh!

SEMPRONIUS. Ey nun ad rem tandem.

CYRILLA. Redet ich hab es verstanden.

SEMPRONIUS. Höret Frau Cyrille, ihr könnet mir übermassen beförderlich seyn in einer Sachen / welche ist Grandis momenti.

CYRILLA. Scheltet ihr von gotz Elementen? je Herr / es ist grosse bittre Sünde.

SEMPRONIUS. Grandis momenti / heist eine Sache von Wichtigkeit. ἀλλὰ ταῦτα ἐάσωμεν.[27]

CYRILLA. Ja so meent ihr?

SEMPRONIUS. Nein doch! planè non!

CYRILLA. Jch bin keine Nonn.

SEMPRONIUS. Höret doch recht zu!

CYRILLA. Ey Herr / so müst ihr reden / daß ich es verstehen kan.

SEMPRONIUS. Jhr kennet Jungfrau Coelestinam wohl / nostin'?

CYRILLA. Herr / sie wohnt nicht gegen Osten / es ist gerade gegen Mittag.

SEMPRONIUS. An dieselbe habe ich einen Brieff von Importantz zu bestellen.

CYRILLA. Habt ihr mit derselben einen Tantz zubestellen?

SEMPRONIUS. Jch sage / daß ich ihr hanc Epistolam, diesen Brieff / gerne zustellen wolte.

CYRILLA. Aber ist dieser gestolne Brieff vom Tantzen?

SEMPRONIUS.. Doch / er ist nicht vom tantzen / er ist vom lieben.

CYRILLA. Aber wer hat den Brieff geschrieben?

SEMPRONIUS. Ego.

CYRILLA. Jch kenne den guten Mann nicht.

SEMPRONIUS. σχεδόν, das ist / ich in eigner Person.

CYRILLA. Jhr Gelehrten habt wunderliche Nahmen. Aber stehet in dem Brieffe / daß ihr Jungfer Coelestinam liebhabt?

SEMPRONIUS. Divinavit.

CYRILLA. Die Jungfer hält nichts vom König David.[28]

SEMPRONIUS. Meine wehrteste Zierde! redet mein bestes / was ihr in meinem Hause begehren werdet / das ist alles euch zu Dienst. Tua sunt, posce.

CYRILLA. Wie sprechet ihr / Pfui Hund / huste? Herr Cecronius werdet ihr meine Jahre auff dem Halse haben ihr werdet genung husten.

SEMPRONIUS. Jch sage darvon nicht / ich bitte / ihr wollet meine Sache bey Jungfrau Coelestina befördern / und ihr diesen Brieff de manu in manum überantworten.

CYRILLA. Ha / ha / nu merck ich / wo der Hase liegt. Für wen seht ihr mich an? vor eine alte Kuppelhure? Solt ihr mir diß anmuthen? was hindert mich / daß ich nicht anfange Zeter zuruffen / muß ich diß auff meine alte Tage erleben? Ha! a! a! a! a! a!

SEMPRONIUS. Ey Frau Cyrilla was bildet ihr euch ein? Meinet ihr / daß ich solche Sachen fürhabe? aliter catuli olent, aliter sues, sagt Plautus. ἄλλο κορώνη φϑέγγεται.

CYRILLA. Was? soll ich mich an Hals hängen?

SEMPRONIUS. Ey nein doch / Jch bin ein ehrlich Mann / und ihr eine ehrliche Frau / und habe etwas ehrliches für / beschweret euch nicht mir in dieser Sach behülfflich zu seyn. Jhr dürffet derowegen in euren Geschäfften nichts versäumen / und schauet / um daß ich euch den Morgen auffgehalten habe / und vielleicht verhindert / so nehmet diese zwey Ducaten / accipe.

CYRILLA. Ach in Warheit Herr Kikilorius, ihr seyd ein lieber redlicher Herr / ihr sorget allein für das liebe Armuth. Euch zugefallen will ich gern den Gang auff mich nehmen. Einem andern thäte ichs bey meiner Seelen nicht. Wo habt ihr euren Brieff?[29]

SEMPRONIUS. Dieser ists. Wie wolt ihr aber in das Hauß kommen / quis recludet tibi Januam, wer wird euch das Schloß eröffnen?

CYRILLA. Kümmert euch nicht / kümmert euch nicht! last mich nur machen; Frauen List / über alle List. Jch will Flachs oder Schleyer Leinwand hin zuverkauffen tragen / oder schon sonst was erdencken.

SEMPRONIUS. Bringet ihr mir gute Antwort wieder / so sollet ihr einen neuen Rock haben / und solt gekleidet werden à vertice ad talos.

CYRILLA. Viertzig Thaler die sind gut mit zu einem neuen Rock. Nu / nu Herr Senckelhorius / es wird sich wohl schicken; Jch gehe gleich drauff zu.

SEMPRONIUS. Darauff verlasse ich mich. Vale basilicè, athleticè, pancraticè, ἔρρωσο ὲυδαιμόνως, das heist / guten Morgen.

CYRILLA. GOtt der HErr bewahre euch. Das ist ein gut Glück gewesen: Der Segen hat geholffen: es war doch in einem Wege mit zu Jungfer Sophien. Nu last uns weiter: Die heilige Sanct Margritte / die bitt ich / daß sie mich behüte / für Püffen / Fallen und vor Schlägen / auff allen meinen Wegen. Ach du lieber heiliger Sqventz, bewahre mir Hüner und Gäns.

Quelle:
Andreas Gryphius: Horribilicribrifax Teutsch. Stuttgart 1976, S. 15-30.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Horribilicribrifax
Horribilicribrifax Teutsch: Scherzspiel
Horribilicribrifax

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Papinianus

Papinianus

Am Hofe des kaiserlichen Brüder Caracalla und Geta dient der angesehene Jurist Papinian als Reichshofmeister. Im Streit um die Macht tötet ein Bruder den anderen und verlangt von Papinian die Rechtfertigung seines Mordes, doch dieser beugt weder das Recht noch sich selbst und stirbt schließlich den Märtyrertod.

110 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon