Anderes Straff-Gedichte

[189] Futa frequensque via per amici fallere nomen.


Man fragt Eugenie, woher es doch sey kommen/

Daß ich so einsam mir zu leben vorgenommen/

Daß mich ein todtes Buch/ ein rauher Wald ergetzt/

Da Thyrsis unterdeß von so viel Freunden schwätzt/

Die mit gebeugtem Knie ihm schier die Füsse küssen/

Und biß nach Mitternacht vom Morgen ihn begrüssen.

Die/ wenn er über Feld und über See wil gehn/

Als Sclaven/ auf ein Wort/ ihm zu Gebote stehn.

Was mag die Ursach seyn? man hat ja offt verspühret/[189]

Das mich mein Dünckel nicht in mich allein verführet/

Lisander kennt mich wol und Cres rühmt iederzeit

Mein niemals falsches Hertz mit grosser Freundligkeit.

Laocles spricht mir zu: und hat mich hoch gebethen/

Sein über-prächtig Haus was öffter zu betreten/

Die grosse Livia gönnt mir ein günstig Ohr/

Man zeucht mich hier und dar nicht wenig andern vor.

Man kennt und ehrt mich dort/ wo ich noch nie hinkommen/

Viel Seelen haben mich in ihren Bund genommen.

Viel lieb' ich mehr denn mich und bin nicht selber mein/

Dafern zu ihrem Nutz ich kan behülfflich seyn.

Daß ich mich aber nicht mach' iedermann gemeine/

Ist diß wol fragens werth? Viel besser gantz alleine/

Als unter fremden Volck/ das untreu in der That/

Und nichts denn lauter Treu auf falscher Zungen hat.

Mit allen geh ich um. Ich werde nichts versagen/

Dafern es möglich ist. Man mag mich sicher fragen/

Ich wil mir lieber selbst als andern schädlich seyn.

Eugenia ihr wisst den Ursprung meiner Pein.

Doch daß ich allen stracks mein Hertze solt entdecken/

Dünckt mich so rathsam nicht. Ehr wolt ich mich verstecken/

In ein verwüstet Land/ in ein verlassen Feld.

Wo ein verdorrter Baum sich an die Felsen hält/

Der nun mit Fallen dräut. Dieweil in wenig Jahren/

Ich/ was ein falscher Freund vor eine Last erfahren/

Dieweil (wo denck ich hin?) dieweil ich offt erkannt/

Wie man mit Eyden schertzt/ und mit dem Mund und Hand.

Mit Aug' und Lippen lieg'/ ich wil euch nicht erzehlen/

Wie Themison zu nechst ließ mein Gemach bestehlen.

Wie treflich daß er schwur/ als der auf frischer Fahrt

Mit dem gefasten Raub von mir ergriffen ward.

Clearchus wie ihr wißt/ ist offt bey Nachte kommen/

Und hat nächst meiner Thür ein Stücklein vorgenommen/

Das auch den Feind verdroß/ um das ich in der Noth/

In die er sich vertäufft ihm treuen Beystand both.

Um daß ich Ursach bin daß man noch heut' ihn ehret/

Doch diß ist Kinderwerck: Der/ der mich angehöret/

Und mir durch Blut verknüpft; Was hat er nicht erdacht?[190]

Hat er nicht für und für auf meinen Fall gewacht?

Wem hab' ichs/ daß ich steh' und ihm entgieng zu dancken?

O Schande! Lælia begunte selbst zu wancken

Uns schlug mir Beystand ab; Er zog' und rieß zu sich

Was doch mein eigen war. Beatrix hatte mich

Umsonst/ eh' als sie schied/ zu Erben eingesetzet/

Das schöne Gold/ das ihr/ als sie der Todt verletzet/

Noch um den zarten Halß und beyde Brüste hing/

Der beyden Ohren Pracht/ und der so theure Ring

Ward/ als sie noch nicht kalt/ in einem nun verrücket!

Jetzt hat der Mann sein Weib und Kind damit geschmücket!

Schaut seine Kammern an: Was hier und dar zu sehn/

Steht meines Vatern Geld. Ruffin der alle schmähn/

Und keinen loben kan/ wird sich so schöne machen/

Dafern er zu mir kommt: Bald wird er hönisch lachen/

Und lästern was ich schrieb: Weil sein verfluchter Mund

(Trotzt diesem/ den es schmertzt) von mir mit gutem Grund

Nichts schändlichs sagen kan. Kein Tag' ist vor erblichen/

In welchem nicht Levin schier stündlich kam geschlichen/

Und seine Dienst' anboth. Biß er von mir erlangt

(Den er nunmehr nicht kennt) womit er pocht' und prangt.

Da auch was mehr denn sonst/ die Taffel wird besetzet/

Kommt Tallus von sich selbst/ den guter Wein ergötzet/

Und Speise frölich macht. Schleust man die Küchen zu/

Denn hat mein Diener wohl für seinem klopffen Ruh.

Sucht Flaccus guten Rath/ ist Crispus nicht bey Gelde/

Darff Celadon ein Buch/ den fragt man auf dem Felde/

Den fragt man auf der Burg/ den fragt man in der Stadt/

Biß dieser oder der mich angetroffen hat.

Denn heiß ich Herr und Freund/ denn wil Paulin sein Leben

Und Celadon die Seel'/ und Habe vor mich geben.

So bald man ohne mich den Wagen führen kan/

Denn sieht mich Celadon kaum über Achsel an.

Und Crispus acht mich nicht. Und Flaccus hat vergessen/

Wo meine Wohnung war/ und wo ich angesessen/

Was red' ich? Ist ein Mensch/ dem Phillidor bekand/

Und dem verborgen ist/ wie ich mit Hertz und Hand

Ihm beygesprungen bin. Was hab' ich nicht erlitten?[191]

Als er von so viel Angst und grimmer Noth bestritten

Wir in die Armen fiel/ und sein Anliegen klagt

Da ich mein Leben selbst für seines hingewagt.

Was hat er vor und ietzt? Das er mir nicht zu dancken?

Jetzt schmäht mich Phillidor und laufft als in den Schrancken/

Ein rasend tolles Pferd ohn Zaum und Ziegel rennt/

Das weder rechte Bahn noch Menschen-Stimm' erkennt/

Und seinen Meister Tritt/ und durch den Sand umreisset/

Und was entgegen kommt voll Grimm zu boden schmeisset.

Nicht wenig die es schmertzt/ beklagen meine Treu/

Umsonst ihr Liebsten! Ach! es ist nicht heute neu;

Daß Undanck auf den Danck und Schimpff auf Wolthat folge/

Drum mögen immerhin die Scythen an der Wolge

Und dort bey Astracan auf recht und redlich seyn.

Der überklugen Welt geht nur die Falschheit ein.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 3, Tübingen 1963, S. 189-192.
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