V. Sagen und Sänge

[107] Wie das Hellas der Hirten- und Preisgedichte, so ist auch das ritterliche Mittelalter in den Sagen und Sängen gegenwärtiges Leben Georges, etwa gleichzeitig und aus denselben Gründen damals sichtbar und bildsam, geschichtlicher Sinnbilder fähig geworden. Es ist keine Bildungswählerei, wenn Griechentum und Mittelalter, wenn überhaupt verschiedene Zeiten zusammen in einem Menschen leben – freilich leben und in ihm, nicht bloß geistern und um ihn .. eben das wäre abermals Romantik, die sich in jede Vergängnis beliebig[107] einfühlen und aus jeder herausschlupfen kann. Der Romantiker ist nicht geschichtshaltig, sondern geschichtssüchtig, wie er natursüchtig ist, und so verschieden von dem schöpferischen Besitzer und Besessenen wie ein Schauspieler von dem Wesen dessen Rolle er spielt. Es ist auch nicht Zwiespalt oder Vielfalt, wenn ein Dichter gleichzeitig das hellenische Leibtum und das katholische Seelentum hegt .. es ist nicht einmal Vielgötterei, sondern Mehrschichtigkeit, die jedem lebendigen Geschöpf, jedem geschichtlichen Charakter, erst recht dem kosmischen Gestalter eignet. Wir alle sind komplexe Wesen .. Heidentum oder Christentum, Mittelalter, Renaissance oder Barock kann unser Leben ineinander, unser Denken, Nennen und Blicken nur nacheinander oder nebeneinander fassen. Der Begreifer muß sie sondern und ordnen, der Bildner muß sie läutern und runden, wenn er sie beherrschen will – und wer auswählt, benennt, beleuchtet und formt wird eben dadurch das Ganze als ein Sonderes zeigen: .. er muß »ins Licht setzen« »hervortreten« »zu Wort kommen lassen« »heraustreiben« »zur Geltung bringen«. Nicht alles was in uns wirkt kann auf einmal reden und gelten, und wenn das Sein raum- und zeitlos ist: seine Erscheinung ist nur in Raum- und Zeitformen, d.h. Sonderungen, möglich.

So scheinen die Sagen und Sänge ein den Hirtengedichten fremder Bereich nur wenn man sie auf Begriffe oder Stoffe abzieht. Sie enthalten dieselbe Seele, ja dieselbe Sinnesart, wirksam in anderer Lage, in anderer Richtung und an anderen Massen. Sie haben denselben Grundwillen, aber in neuer Stimmung und Farbe, durch ein bisher verborgenes Seelenfluidum, das zugleich ein Geschichtsfluidum ist! Als Seelenfluidum benennen wir es am besten mit Georges eigenem Wort »Ferndunkel und Fahrfreude« .. als Geschichtsfluidum: Rittertum in seinen menschlichen Urformen Andacht, Minne, Fehde, Treue. Gemeinsam ist beiden Büchern, wie beiden Zeitaltern denen sie ihre Sinnbilder entnehmen und ihrem Dichter, im Gegensatz zumal gegen unsere Zeit, das Maß und die Weihe: in den Hirtengedichten ein Maß des schönen Leibes und die Weihe der sinnlich selbstgenugsamen Gegenwart, des gefüllten Ich .. in den Sagen und Sängen das Maß »der Höhen und der Tiefen« und die Weihe des erstrebten Ziels, der wunderhaften Ferne, des ersehnten Du, sei es Gott, Geliebte[108] oder Freund. George müßte kein Deutscher sein, wenn ihm nicht auch dieser Drang nach dem Andren neben dem Halt im gegebenen Raum und Augenblick eingeboren wäre, das gotische Wandern, Wundern und Wölben neben dem griechischen Haften, Hegen und Stellen, und nur dadurch daß er beide Triebe vereint war er fähig auch seinen gotischen Drang so unromantisch darzustellen wie es in den Sagen und Sängen geschehen ist.

Der bloße Romantiker kann das romantische Schweifen zwar ausdrücken, aber nicht formen – man lese Tieck oder Novalis .. ein bloßer Plastiker könnte es zwar schildern, aber nicht füllen und durchseelen – wie etwa der geruhsame Walter Scott oder seine bürgerlich-deutschen Nachahmer, bis zu Gustav Freytag herab. Ebenso konnte kein nur-faustischer Mensch, kein Suchender und Strebender den Faust vollenden, sondern nur ein überfaustischer Bildnerwille. Alle wirklichen Gefäße des Mittelalters, alle Denkmale denen unsere romantischen Schulen ihre romantischen Zeichen entnahmen, stammen von Menschen in denen außer dem »Mittelalter«, wie die Romantiker es einseitig verstanden und entdeckten, noch der antike Raum- und Leibsinn gewaltig war: vor allem Dante, Shakespeare, Cervantes. Ja die katholische Kirche mit ihren Ordnungen und Bauten, das Rittertum mit seinen Burgen, Fehden und Sängen waren selbst weit entfernt von der dämmrigen Dumpfheit, dem verblasenen Geträume, der schwelgerischen Sehnsucht und minnigen Verschwärmung die seit dem Ofterdingen und dem Sternbald selbst bei genauerer geschichtlicher Kenntnis die populäre Vorstellung vom Mittelalter beherrschten. Zwar weiß das der Gelehrte und der Gebildete, ja der Halb- und Drittelsgebildete, und dennoch hat erst George wie für das Griechentum so auch für das Rittertum die dichterische Entromantisierung vollbracht, aus den in ihm noch bild- und wort-wachen überzeitlichen Kräften jener Zeitalter. Die Sagen und Sänge sind keine lyrischen Minne-, Andachts- und Fahrt-Stimmungen eines empfindsamen Geschichtsbetrachters, oder eines Schauspielers in Ritterrüstung, sondern die persönliche Heraufkunft der überpersönlichen Kräfte die im Rittertum Geschichte sind. Es ist die Er-innerung (anamnesis) eines neuen Menschen – die Er-neuung (nicht Wiederholung) einer alten Zeit, die Äußer-ung einer ewigen Lage.[109]

Was ist das Neue an Georges Mittelalter? Was trennt es ebenso von dem Walters und Wolframs wie von Novalis und Tieck seine Echtheit es trennt? Zunächst schon der Ausgangspunkt: Georges Dichtung ist der persönliche Durchbruch übergesellschaftlicher Geschichtskräfte. Rittertümliche Sinnbilder sind ihm gekommen, weil sie die ausdrucksvollsten Formen für bestimmte einmalige Spannungen und Schichten seines Wesens waren, die faßlichsten Geschichts-zeichen für kosmisches Geschehen in seiner menschlichen Seele: hier wie überall sucht er die Urbilder, und hier wie überall erfindet er sie nicht, sondern findet sie in der Geschichte, die in jedem ihrer Augenblicke ein neues Urgeheimnis offenbart und ihre unerschöpfbare Ewigkeit in menschlichen Zeitaltern nach und nach auswirkt. Die schweifende Gottsuche, die sinnlich-übersinnliche Minne, die Mannentreue, die Fahrfreude und der Fernenzauber haben im Rittertum ihre musterhafte Gesellschaftsform gefunden. Die deutschen Dichter des Mittelalters haben das Urbildliche dieser Kräfte weder gewollt noch gesehen, nur das Gesellschaftliche davon: Walter, Wolfram und Gottfried sind Gesellschaftssänger hohen Ranges, aber auch ihre persönlichsten Verse durchbricht nirgends ein Urton, ein übergesellschaftlicher Schauer, höchstens außergesellschaftliche Probleme und Gedanken. Sie sind die Dichter der ritterlichen Sitte, Gesellschaft und Gesinnung: einen Dichter der ritterlichen Seele, der ritterlichen Lebenskräfte, die in den Staufenkaisern, in den Kreuzzügen, Fehden und Turnieren und in manchen Bildwerken alter Dome glühen, gab es nicht. Diese Kräfte sind wohl in den Minnesängern Fleisch und Blut gewesen, aber nicht Sprache geworden, nicht dichterisches Wort. Was sie sagen und singen sind nicht die ritterlichen Lebenskräfte selbst sondern deren gesellschaftliche Niederschläge und Spiegelungen. Der einzige Dichter in dem die Seele und das Leben des Gesamtmittelalters selbst Sprache, Urton, kosmisches Wort gefunden hat ist Dante. Schon seine Vita nuova wiegt als dichterische Offenbarung mittelalterlichen Wesens (nicht mittelalterlicher Dinge, Verhältnisse, Sitten – das verwechselt man immer!) die gesamte höfische Epik und Lyrik auf .. doch gerade das Rittertum ist bei ihm nur beiläufig zu Wort gekommen.

Damit der Geist eines Zeitalters, einer Gesellschaft kosmische[110] Sprache (nicht nur gesellschaftliche Rede, gleichviel ob gebundene oder ungebundene) werde, muß er übergesellschaftliche Person werden, und das geschieht nur in Durchbruchs- und Wende-zeiten. Nur diese bringen Menschen hervor denen die bisher sprachlosen Lebenszustände fragbar und sagbar, persönliche Leidenschaft, einmaliges Schicksal werden, in ihnen zum »Brenn- punkt« verdichtet – vollendet, erfüllt und damit überwunden. Sind solche Erben sterbender Zeit Dichter, so geben erst sie ihr, aus ihr heraus und jenseits von ihr, die überzeitliche Sprache, das ewige Leben: so Dante dem Mittelalter, Shakespeare der Renaissance, Goethe dem Rokoko. Das deutsche Rittertum hat einen solchen Dichter bei seinem Untergang nicht gefunden. Jedoch wie bei uns nie ein Zeitalter als Gesellschaft sich rein ausgelebt hat, sondern unausgelebt durch unsere ganze Geschichte als unerlöstes Element unterirdisch mitgeführt wird (und nicht nur unsere deutschen Kräfte, sondern fast alle europäischen, die anderswo längst zu einem geschichtlichen Sein kristallisiert sind, geistern oder gähren bei uns immer noch als kosmisches Werden) so hat bei uns auch noch spät die Seele des Rittertums eine persönliche, übergesellschaftliche Dichtersprache finden können: das ist geschehen in Georges Sagen und Sängen – eine Wiedergeburt also der ritterlichen Seele, nicht eine Wiederholung der ritterlichen Sitte.

George hat aus den dinglichen Niederschlägen der Ritter-Kultur, Geräten, Bauten, den überlieferten Gesellschaftsgeberden (dazu gehört auch das Empfindungszeremoniell des Minnesangs und der Epik) all das herausgesogen was seine persönlichen Spannungen färben und fassen konnten. All diese Dinge – in der Ritterpoesie selbst entweder kindliche Sachenfreude, behagliche Schilderung, selbstgenugsame Augenweide oder Konventionen, Gemeinplätze, mehr Chiffern als Ausdruck gewohnheitlichen Denkens, Fühlens und Begehrens – hat George aus ihrem Konventionsbereich gelöst und mit seinem Willen durchglüht, mit seinem Schicksal gefüllt. Jetzt erst sind die Sachen der Feudalzeit, welche die Romantik zu Stimmungsrequisiten benutzte, zu wirklichen Sinnenbildern seelischer Zustände geworden, zu geistigem Raum. Erst bei George atmet die alte Kapelle die mystische Inbrunst eines jungen Minners und Gottesstreiters – die ritterliche Form der Georgischen Spannung zwischen Weihe und[111] Liebe. Erst hier ist »die Stadt mit alten Firsten und Giebelbildern« die bis zum letzten Schnörkel durchseelte Schicksalsstätte für ein wirklich gelebtes »Leben dunklen Duldertums«. Erst hier ist jedes Kleid, jedes Gemach, jedes Gerät getränkt bis in die kleinste Faser mit dem Sinn der jeweiligen Beter-, Minner-, Kämpfer-, Suchermotive die nur George so herzlich ergriff.

Wie mit den Dingen so auch mit den Gebärden und Gefühlen. Erst bei George, nirgends bei den deutschen Minnesängern sind die Bewegungen wirklicher Ausdruck des seelischen Geschehens, die Gefühle wirklich verkörpert: nichts wird bei ihm bloß berichtet oder ausgesagt. Mit der gewaltigen Verdichtung ganzer Atmosphären in einen einzigen Wink, ganzer Schicksale in ein vor- und rückdeutendes Wort, mit der seit den Hymnen erreichten beseelenden und ballenden Bildkraft und durch Wegfall jeder bloßen Beziehungsrede hat George hier Stoff, Kraft, Geschehen des Rittertums, die bei der höfischen Poesie nebeneinander lagen und redselig sich sonderten zu Schilderei, Bericht oder Erguß, in eins geschaffen und so erst der Seele den Leib, dem Leib die Sprache und der Sprache den Ton gegeben. Man wird im ganzen deutschen Mittelalter kein Gedicht finden das die ritterlich keusche zwischen Minneglut und Gottesfurcht ringende Jünglingsseele knapper zugleich geberdete, austönte und enthüllte wie die wenigen Verse der »Sporenwache«:


Der jüngling bittet brünstig Den da oben

Und bricht gelernten Spruches enge schranken

Die hände fromm vors angesicht geschoben,

Da wurde unvermerkt in die gedanken

Ihm eine irdische gestalt verwoben.


Ja, das Parsival-tum selbst wird in dem umfassenden Epos des Wolfram mit all seinen Abenteuern, Taten und Kämpfen nirgends so augen- und seelenhaft gegenwärtig, dringt so unausweichlich uns nirgends als Art und Gestalt mit seiner Luft entgegen wie in solchen Versen:


Der bodenblumen stilles und bescheidnes heer

Der knappe ging darüber hin gedankenleer ....


oder:


Die schönen blicke still und grad zum himmelrand ....
[112]

Nirgends ist der Geist des Abenteuers, die trutzig glühende Gefahrgier eindrucksvoller gebannt als in den kargen Worten:


Am abend nach den wäldern die vor schrecknis pochen

Ist er nach tod und wunden gierig aufgebrochen.


Alle Lichtensteiner und Wolkensteiner verblassen zu farblosem Gerede gegen die bebende Selbstvernichtung des verschmähten Minners »Im unglücklichen Tone dessen von ...« Wo hat der unverlierbare Adel und der martervolle Überschwang bewußt hoffnungsloser Hingabe aus Stolz und Demut solche Töne gefunden? Nur Dantes Vita Nuova hat diesen Gehalt lyrisch bewältigt: bei den eigentlichen Minnesängern bleibt er Konvention oder Fratze.

Und so jedes der typisch mittelalterlichen Motive: die Essenz der Gralssage, das Wesen des frommen Geheim-bundes, der zu Gottes Ehre und der Menschen Heil jede Gefahr und Not auf sich nimmt, ohne irdischen Lohn nur in der göttlichen Weihe sich verherrlichend, es ist inniger duftiger kerniger in der »Irrenden Schar« enthalten als in allen Lohengrin- und Titurel-legenden zusammen. Die Mannentreue – dies mittelalterliche Aufglühen des dorischen Eros, der blutgeschweißte Bund aus Liebe und Tat, aus »Wachs und Eisen«, aus Zärtlichkeit und Härte – hat in George spät ihren Seelengesang erhoben: »Der Waffengefährte«. Das Verliegen des Rittertums ist ein vielgenanntes und beredetes Motiv der ritterlichen Gesellschaft: seinen Schicksals-gehalt hat erst George herausgeholt mit wenigen pochenden und horchenden Tönen, deren jeder lebt, nicht nur sagt. Die holde Stille und Wehmut gottseliger Beschaulichkeit, die zärtliche Reife des Frommen der für sich entsagt hat und doch die schweifende, weltoffene Jugend fühlt und hegt, die firne Weisheit des alternden Herzens im Einklang mit dem ungeduldigen Drang des Jünglings, die vita activa und die vita contemplativa, Gurnemanz und Parsifal, Lorenzo und Romeo – dies ewige Paar hat George in zwölf Versen mittelalterlich, gegenwärtig, ewig beschworen – mit einer sinnlichen Fülle, seelischen Tiefe, Rundung und Ferne die kein feudaler Poet auch nur ahnte: »Der Einsiedel« ist ein reines Beispiel für Georges Kraft der Raum-, Zeit- und Lebensballung.


Ins offne fenster nickten die hollunder

Die ersten reben standen in der bluht,[113]

Da kam mein sohn zurück vom land der wunder,

Da hat mein sohn an meiner brust geruht.


Ich ließ mir allen seinen kummer beichten,

Gekränkten stolz auf seinem erdenziehn –

Ich hätte ihm so gerne meinen leichten

Und sichern frieden hier bei mir verliehn.


Doch anders fügten es der himmel sorgen –

Sie nahmen nicht mein reiches lösegeld.

Er ging an einem jungen ruhmes-morgen,

Ich sah nur fern noch seinen schild im feld.


Niemals ist der Wunderglaube des frommen Herzens, der Marienkult, die Gebetsglut unsrer alten Dome und Kapellen in ihrer eigentlichen Geschichtszeit so zu innerstem und äußerstem »Wort« gekommen wie in »Das Bild«, niemals die ekstatische, opfersüchtige, entsagungstrunkene Spannung der Minne, die tiefblaue und rosenrote Innigkeit der Marienliebe, das jungfräulich flaumige Zittern und Brennen und das Staunen und Raunen des Märchens wie in den »Sängen eines fahrenden Spielmanns«.

Genug, alle mittelalterlichen Motive sind hier wirklich erst »Motive« d.h. Beweg-Gründe, oder tiefer verdeutscht »Wirksamkeiten« geworden – weil sie hier erst ganz Mensch geworden sind .. sie waren vorher Dinge, Begebenheiten, Verhältnisse. Der welthaltige, geschichtshaltige deutsche Dichter hat sie aus ihrer dinglichen Starre gelöst, als sein Schicksal an diese Lage seines Lebens rührte. Denn das Mittelalter hat nicht ihn geweckt, sondern in ihm wachten Begierden, Gebete und Gewalten auf die im Mittelalter ihre Zeichen fanden. Sie wählten sich jene Motive, wie wir uns Worte wählen die in der Sprache schon immer waren, um das auszudrücken was uns grade eben und grade uns bewegt: es muß aus uns kommen und vor uns da gewesen sein.

Genau so wie das Verhältnis jedes Redenden zum Wortschatz seiner Sprache ist das Verhältnis des Dichters zum Zeichenschatz der Geschichte. Die Geschichte selbst kennt noch nicht ihren Bedeutungsgehalt, sie west, aber sie wählt nicht – der Grieche weiß nicht was »griechisch«, der Ritter nicht was »ritterlich« ist: er tut es, aber er[114] sagt es nicht. Die Geschichte ist die Sprache, aber nicht der Sprecher. Dem geschichtshaltigen Dichter allein fallen die nötigen Zeichen ein, weil er das in sich hat was durch sie ausgedrückt werden will. So ist George der Singer und Sager der deutschen Vor-welt (Vor-welt wie man von Vor-bild spricht) wie der Seher und Sager der griechischen. Auch in diesem Bezirk menschlicher Urbilder hatte er die Schatten beschworen und mit Blut getränkt, bis sie ihm Rede standen: keine edle Form des Menschentums, kein wahres Bild darf verloren gehen, wenn nicht der Mensch selbst verarmen soll. Bewahren, d.h. bald wecken und rufen, bald zeigen und zaubern, kann die wahren Bilder menschlicher Haltung nicht der bloße Kenner, d.h. der gelehrte Historiker, und nicht der bloße Genießer oder Sucher, d.h. der Romantiker, sondern nur der in jedem Sinn echte Dichter, der Seher der sie als Blutserbe, als Verhängnis, als Anamnese (oder wie man es auslegen mag, vom Leib, vom Schicksal, von der Seele her – physiologisch, historisch, metaphysisch) in sich hat, ja der sie west.

Quelle:
Gundolf, Friedrich: George. Berlin 31930, S. 107-115.
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