XIII. Das neue Reich

[269] Jedes neue Werk Georges enthält das Ganze seines Daseins und Erkennens ohne Zuwachs von Stoffmotiven, in einem neuen Licht, auf einer andern Ebene, in verwandeltem Zustand .. wie ja auch jedes einzelne seiner Gedichte, oft jahrelang vor der Rundung eines Bandes veröffentlicht, nachher wirkt als sei es nur aus diesem Gefüge möglich und faßbar, geschlossen in sich wie eine Frucht und doch nur Frucht eben dieses Baumes. Auch das bezeugt den mythischen Sinn, der in jeder Einzelerfahrung einer Lebensstufe den gesamten Reifezustand mitergreift kraft deren er sie macht. Die Motive Georges sind im frühesten wie im jüngsten Werk in engerem oder weiterem Umfang, dumpferen oder deutlicheren Zeichen, kargerer oder üppigerer Fassung die selben: das Ringen der gegenwärtigen Seele um die Weihe des ewigen, allhaltigen und allgültigen Gottbildes im Hier und Jetzt, im schönen Augenblick .. der Kampf des lauteren Stolzes und der ergriffenen Andacht[269] gegen Störungen durch den lärmenden Taumel, die schmutzige Gier und den verworrenen Wahn einer Mit- und Gegenwelt die nichts will als entseelte Dinge oder leiblose Ideale, Ziele, Prozesse .. die großen Gestalten aus der Vorwelt, die noch mitschaffen am heutigen Tag, oder die schönen, worin er heute die Zukunft schaut, glaubt, zeugt .. die Feier der freudigen Mächte, die in heimischer Landschaft ihn sichern, in fremde ihn locken .. die Beschwörung der finsteren Mächte, die heimlich, unterirdisch, verfemt oder drohend das erschlaffte Treiben der jeweils herrschenden auflösen und erschüttern .. die Winke an die Seinen zur Lenkung ihres liebenden Tun und Leidens aus dem Grunde seines mit Entsagung wissenden Herzens und aus der Fülle seines gebieterischen Geistes .. die Winke an die Fremden zum Schutz seines ihm ganz eigenen Raumes .. die Lieder der trunkenen Einkehr in den holden oder schaurigen Nu mit Mensch und Erde oder des Ausschwingens in das verzauberte All.

»Das Neue Reich« heißt Georges jüngstes Buch. Es gehört (wie »Der Teppich des Lebens« und der »Siebente Ring«) weniger zu den Werken des Durchbruchs und der Eroberung (wie die »Hymnen« »Das Jahr der Seele« »Der Stern des Bundes«) worin jedesmal der Übergang in einen neuen Wahrnehmungsumfang selbst Sprache wird, als zu den Zeichen der Herrschaft über diesen Wahrnehmungsumfang. »Das Neue Reich« hat einen dreifachen Sinn: es bezeichnet zunächst den Lebenszustand des Dichters selbst. Die Gesichte und Gesetze, um die er von kindauf, erst dumpf ahnend, dann klar wissend, gerungen – von ihnen selbst bald bestimmt. bald gehemmt, bald belastet, bald erhoben – erscheinen ihm jetzt unverbrüchlich gesichert als eine Ordnung seines Willens, durchwaltet von dem Gott der ihn zum Wort berufen oder von den Lebenskräften die in ihm einmalig kund geworden. »Das Neue Reich« heißt daß George für seine Person wohl noch zu sehen und zu sagen, doch nicht mehr zu forschen und zu rufen hat. Schon der Name des Buches ist ledig der raunenden Zeichensprache seiner früheren, heilig-nüchtern als Ausdruck seiner inneren Befriedung, nicht nur Warnung oder Verheißung. Auch die Kampfgedichte sind jetzt unter die gelassene Gewißheit gestellt, gleichsam überfangen von einem Frieden, der Kämpfe und Waffen braucht, aber nicht mehr scheut. –[270]

Nächst dem persönlichen Herrschaftsgefühl weist der Titel auf ein neues Raumgesicht. Wenn »Der Stern des Bundes« den Sinn der von George gewollten Gemeinschaft erhellte, so sammelt »Das Neue Reich« ihre Inhalte .. und was früher im Wirken gezeigt wurde das erscheint hier als gewirkt aus der Seele des Sehers, umgesetzt in Gemeinschaftsgesichte. Die Vorschau – im »Stern des Bundes« noch der entscheidende Wille – ist hier Überschau geworden, auch sie nicht willenlos, doch nicht mehr genötigt die Ordnung zu schaffen, sondern geneigt sie zu zeigen. Der dritte Sinn des neuen Buchtitels gilt den sinnlich-sittlichen Gewalten selber, die hier zu Worte kommen und durch ihren Dichter, ihren heutigen Mund, sich verwirklichen. »Reich« heißt also einmal Gebietertum, dann Gebiet, dann Gebot. Wie weit George dem was, in seinem Geiste jetzt vollendet, in diesem Werk zutage tritt nach der Überwindung seiner inneren Gefahren, nach der Eroberung neuer Werkmittel und Wirkebenen, nach der Scharung von Jüngern, Folgern und abhängigen Gegnern – also seinem »Neuen Reich« politische oder wirtschaftliche Folgen in Zukunft zumutet oder zutraut, ist gleichgültig. Er selbst sagte einmal, daß jeder wirkliche Urgedanke eines Menschen fruchte, bis er all seine Kräfte erschöpft habe. Und was in dem »Neuen Reich« als Georges Ton, Gebärde, Gestalt, Strahlungsraum und Strahlungsstärke heute schon Wenigen faßbar, Mehreren unausweichlich, Vielen unheimlich da ist, als Zeugnis eines Willens und eines Wissens, das trägt die Male eines solchen Urgedankens – nicht einer Formel oder eines Programmes oder eines Systems, sondern eines menschgewordenen Sinnes.

Wir wenden uns nach diesem Vorblick über den geschichtlichen Raum und den persönlichen Grund von Georges neuem Buch mit notwendiger Bescheidung vor der Aufgabe einen unerschöpflichen Gehalt aus Bildern in Begriffsformeln zu fassen, zu den Gedichten des Werkes selbst.

Es ist abermals eine Feier der unsterblichen Kräfte von ihren Elementen in der Natur über ihre Verkörperung in der Geschichte bis zu ihrer Erscheinung in des Dichters eigenem Gemeinschafts- und Einzeltag, überall zugleich mit der Abwehr des Widergeistes oder Fremdstoffes, woran ihre Gewalt und Gestalt – beides ist für George dasselbe – sich trübt oder bricht. Von aller romantischen Gedächtnispoesie[271] auf antike, mittelalterliche oder exotische Wunschbilder, von der historischen oder artistischen Trümmerwehmut unterscheidet sich Georges Hymnik, Spruchweisheit oder Lied durch die stete Inbrunst des eigenen Willens, der sich den Ferngesichten einverleibt und noch die Sehnsucht nicht als den Verzicht auf drohende Verwirklichung genießt, wie die echten Romantiker, sondern als die beschwingte Vorwegnahme einer Zukunft die er selbst schon verbürgt und befiehlt.

In vier Gruppen gliedert sich die Dichtung des »Neuen Reiches«. Die erste feiert in hymnischen Oden deutsche Heroen in deren Geist der deutsche Segen offenbar geworden durch ihr Werk oder ihr Wesen, oder das deutsche Verhängnis durch ihre Not oder ihren Verderb: Goethe und Hölderlin. In denselben Bereich gehört der Gesang auf Die Kinder des Meeres: Verkörperungen der elementarischen Helle, Weite und Rege womit der Dichter die Trübe, Schwere und Bürde seines Volkes lösen möchte. Zu den großen Menschen und der schönen Natur, menschlicher und irdischer, kommen die ungeheuren Ereignisse Weltkrieg und Umsturz. Auch sie nicht als aktuelle Zeitgeschichte ergriffen, sondern als Zeugnis des ewigen Wandels .. nicht von den Parteien und Völkern aus, sondern eben den Lebenskräften, deren Sinnenbilder oder Werkstoffe die Zeit bietet. Doch sind die Gedichte dieser ersten Gruppe von denen der nächsten unterschieden durch den Bezug auf Geschichte oder Gegenwart, wie sehr auch darin die überzeitliche Götterfeier wirkt: es ist ein Blick von gestern und heute auf das Ewige.

Die nächste Gruppe: »Winke« »Gebete« »Burg Falkenstein« »Geheimes Deutschland« »Der Gehenkte« »Der Mensch und der Drud« »Der Brand des Tempels« »Gespräch des Herrn mit dem Römischen Hauptmann« sind hymnische oder dramatische Beschwörungen der ewigen Gewalten mit näherem oder fernerem Blick auf das dringliche Heute. Sie sind nicht gerichtet an noch wandelbare Helfer und Opfer, sondern winken den steten Lenkern, Heilanden, Dämonen, Mächten oder Gesetzen der Georgeschen Welt, heidnischen, christlichen, geheimen und offenbaren, bald deutlich verkörperten, bald unterirdisch regen.

Die dritte Gruppe: »Sprüche an die Lebenden« und »Sprüche an die Toten« erweitert die persönlichen Winke Georges an die näheren[272] oder ferneren Seinen aus den »Tafeln« des »Siebenten Rings«. Ihre einmaligen Arten und Lagen, Gefahren, Nöte, Gaben, wie sie ihm der persönliche Umgang vor Augen brachte, oder furchtbare Geschicke, womit der Krieg eingriff in seinen nächsten Kreis, faßt George hier in gedrungene Sätze, abermals die schmerzliche Stunde heilend oder sühnend aus einem Wissen um ihr Gesetz oder aus dem amor fati, der aus jeder neuen Drohung der Liebe oder des Todes den ihm notwendigen Sinn ruft, das heißt schafft – wie die Orakel der Alten weniger weissagten was kommen sollte als durch Aussage beschworen was da war.

Das Werk schwingt aus im Lied. Die letzte Gruppe, die man mythische Volkslieder oder Balladen nennen könnte, kehrt aus dem eifervollen Drang und Griff von Ruf, Bann und Lehre, aus der Sammlung des Gottesdienstes an Volk und Gemeinde wieder heim und hinaus in das schwebende Element des Sehens und Sagens, in die gnädige Musik des rein tönenden Wortes, das zugleich die Regung seiner naturischen Seele trägt und den Sinn seines gesichtigen Geistes. Alle großen Werke Georges huldigen mit ganz gelöstem, leichtem, freiem Sang am Ende aller Kämpfe der unbeschwerten Gnade, kraft deren er siegt über jeden Zwang der schweren Welt. Im leichten Lied, der Stimmwerdung der vormenschlichen Schöpfung, der Sinn-werdung des reinen Da-seins im durchgedrungenen Menschen, feiert George jedesmal den Abschied und den Urlaub aus dem Druck seiner Gerichte. So schließt »Der Teppich des Lebens«, das Ringen mit dem Engel und der Gang durch das Schicksal seines Volkes, mit den »Liedern von Traum und Tod«.


In goldnem getön dein leben verrauscht


So warnt er im »Zeitgedicht« des »Siebenten Rings« die allzu ernsten Greise davor in seinen Flüchen sein ganzes Wesen zu sehen:


Und der heut eifernde posaune bläst

Und flüssig feuer schleudert weiß daß morgen

Leicht alle schönheit kraft und große steigt

Aus eines knaben stillem flötenlied.


So schließt sogar das strengste und härteste seiner Werke »Der Stern des Bundes« mit dem Loblied:
[273]

Von aller farbe sang und tanz umschlungen

Von aller frucht und blüte duft umdrungen


und der Anruf an Gott am Ausgang der Fehden und Fahrten ist bei diesem wuchtigen Richter seiner Zeit niemals das schwere Wort, sondern der selige Ton. Aus ähnlichem Grund endet der steilste Dichtungsdom, die »Divina Commedia« mit einem holden Verklingen in Gottes Liebe, die Sonne und Sterne regt .. und so nimmt Shakespeare von seiner gigantischen Schöpfung Abschied mit einem Seufzer an den Luftgeist Ariel: »Dann in die Elemente«. Nur wer ganz bis zum Grund beladen war, findet die innige Freiheit und ihre Musik. Auch Georges grausamer Ernst reift ihn nur zur lieblichen Freude.


Nach diesem Vorblick betrachten wir einige Gipfel des Werkes. Die hymnischen Oden der ersten Gruppe, weit ausladend ungesicherten Raum, ähneln, ohne jede Nachahmung, durch ihren seelischen Ursprung, das heißt ihre Gattung, auch im Gang den Pindarischen. Sie stellen einen gegenwärtigen Inhalt der Freude oder Sorge in die mythische, von der eigenen Leidenschaft durchschwungenen Weite. Sie verherrlichen Götter und Helden im Preis der selbstersehnten oder selbsterzogenen Nächsten, worin sich die Kräfte verheutigen, wie sie in jenen urbildlich verewigt sind. Goethe und Hölderlin sind für George, was für Pindar die olympischen Ahnen der jungen Sieger: mythische Schicksalsträger, Schicksalskünder ihres Volkes, doch darüber hinaus, vermöge der anderen Zeit, auch Schicksals-opfer. »Goethes letzte Nacht in Italien« zeigt den Genius, worin wie in keinem zweiten Deutschen die dunkle Schweife-lust, das Unendlichkeits- verlangen, der faustische Überschwang des gestaltfürchtigen Nordens sich heilt durch das plastische Licht der Sonnenländer, heimgesucht in der schmerzlichen Abschiedsstunde vom zauberischen Zukunftsgesicht einer deutschen Menschheit, worin Rausch und Helle, Fülle und Strenge, Marmor und Rosen sich einen. Immer wieder Georges eignes Wunsch- und Wirkbild – herausgehoben, ja gerissen mit seinem wilden Gefühl der Elemente, mit zärtlicher Gewalt aus der mißbrauchten Goethebildung des wissenschaftlichen Allsammlers, des bequemen Sturm- und Drangmusters und des »Olympiers«. Hier, wie immer schaut George, vielleicht nicht immer Goethegerecht, seine eigene Spannung zwischen erdhafter[274] Wildheit und herrischer Zucht, nach außen strahlend als Kampf zwischen Titanenwut und Götterhuld, in Goethe hinein. Er läßt ihn beklagen daß den Deutschen nicht


Ein seher erstand am beginn ihrer zeiten

Der noch ein sohn war, und nicht ein enkel der Gäa


läßt ihn erinnern rheinische Winzerfeste voll bacchischer Freude, beschwören den römisch imperialen, herb-gewaltigen Schauder, läßt ihn abwehren die deutschen Spitzen und Schnörkel deutscher Gemütswirrnis. Es sind deutsche, nicht goethesche Nöte, die hier in ein trunkenes Nachtgesicht sich mit Inbrunst entladen, georgesche, nicht goethesche Winke an deutsches Dasein. Mag man Goethes Bild, des allhegenden und allgetragenen Seelenbildners einer ihm noch gültigen Gesellschaft, schützen vor dem Urteil des herrischen, gesellschaftsfremden Mächtezwängers – im mythischen Blick auf ihn beleuchtet George die eigene Sehnsucht und ihre in Notzucht zeugende Kraft.

In dem dreiteiligen Hyperion-gedicht legte George dasselbe Leid an deutscher Trübe, Schlaffheit und Entstaltung, denselben Glauben an griechisch-leibhaftige Schöpfungsfülle, dasselbe Heimweh um deren Schwund, denselben Willkomm an deutsche Wiedergeburt aus griechischem Geistessamen dem mythisch gesehenen Hölderlin, Hyperion, in den Mund. Auch hier verdichtet, verhärtet sich die noch im Zorn holdschwingende Stimme Hölderlins, womit die Allnatur christlich-deutsche Herzlichkeit austönt, zu römischer Wucht und katholischem Eifer. Noch bis in die Liebe hinein dringt bei George ein unerbittlicher Wille, bei Hölderlin ein unablöslicher Glaube .. weil George das Zerspellte wieder fassen muß, Hölderlin das Entgleitende füllen. In allen Rufen Hölderlins klingt, lieblich traurig, freudig, das Noch der versunkenen Götter .. aus George der heilige Zorn, der ungeduldige Gram, der frohlockende Zuruf des Wieder, und noch seine Grüße an das Gewog von Blüten in Fluß und Berg und Gau, noch seine Flöten und Harfen, noch sein panisches Raunen entringt sich der grausenvollen Fremdheit oder durchzwingt sie, während Hölderlins Flüche noch zittern aus heimatlicher Hege.

Zwischen die Heroenhymnen und die Zeitgedichte aus dem Krieg hat George den rätselhaften Sang »An die Kinder des Meeres« eingereiht.[275] Die Wunschbilder von ursprünglicher Jugend nimmt et wahr an Gästen seines eigenes Daseins, an Wirten seines eigenen Wanderns .. die Lockung und die Gefahr des Mannes der immer wieder das schweifende, wandelbare, stürmische Element bannen muß in traute Nahgestalt, immer wieder das zärtliche Hie und Jetzt der leibhaftigen Schöne lösen, entlassen, opfern muß an das Fernste, woraus Erneuerung wie Zerstörung kommt. Darum mischen sich in diesen drei Widmungen und ihrem Nachklang genaue Personenbilder, vertrauliche Winke, scharf, fein, fest, mit der berauschenden Sprachwerdung grenzenlosen Sturmes und unfaßbarer Wogen. Darum schließt die Feier mit dem Gleichnis von der Muschel, worin das menschliche Ohr eng und nah das Brausen des Meeres vernimmt.

Nach den Heroen, den menschgewordenen Elementen, das ewige Verhängnis als zeitliches Ereignis. In den großen Gedichten »Der Krieg« und »Der Dichter in Zeiten der Wirren« hat George sich näher als sonst dem Tag zugewandt, der alle erschüttert. Doch auch hier hat er durch die Schlachten und Umstürze hindurch, unter Ergreifung freilich der sinnenharten Einzelgreuel und Schreckgesichte, den aktuellen Weltzustand von dem ihm anvertrauten Menschtum aus überblickt. Was die Mitgetriebenen oder -treibenden aufdröseln in Ursachen und Folgen, Gründe und Zwecke, Taten und Leiden, Wege und Ziele, greift er zusammen in Wesen oder Larventum, Schauder und Wahn, Schuld und Not eines geschehenden Alls. Umschlossen ist das Gedicht »Der Krieg« von zwei visionären Bejahungen. Die eine feiert den Augenblick, den »Schauer« welcher der Krieg beim Ausbruch war .. die andere kündet die Wiederkunft der unsterblichen Kräfte, woraus Menschheit sich verjüngt. Dazwischen liegt das Gericht der Zeit, all dessen was an dem Krieg nicht Augenblick und nicht Ewigkeit war .. die Abrechnung mit den Wähnen und Gierden des verworrenen Kriegstages .. nicht mit Taten, sondern mit Seinsarten der Kriegsmenschheit. Die Taten sind nur Atemzüge ihres fiebernden Leibes. Über den Mord der Lebendigen vergießt keine Träne wer den Mord des Lebens selbst beweint .. den Abfall vom menschlichen Sinn, das Gemein werden der Herzen. Was über die Länder hinweg gespenstisch leer das Ringen der stummen Gewalten begleitete, die Vorwände von Recht und Schuld, von Kriegszielen und Verfassungen, die Reden[276] und Bilder die des grauenvollen Tuns und Leidens spotteten, der flinke Vorwitz und der Treppenwitz der Umlerner, die Geschichtsklitterungen der Kenner, die Wunsch- und Wahnworte der Völker und Parteien: sie alle richtet der Blick auf die steinerne Not, die Pflicht und Opfer heißt, auf die zerfetzten Leichenberge, die man mit »Heidentum« beschönt, auf die Besessenheit der Massen, die Dürre der Treiber, Dem Mißbrauch, den die Zeit und ihre Träger mit »Stoff und Stamm«, mit »Kern und Keim« getrieben, gilt seine Rüge, schwellend von Liebe zu diesem Stoff.

Was in dem »Krieg« vom Ereignis aus betrachtet wird, das sichtet »Der Dichter in Zeiten der Wirren« als seine Aufgabe, als der mit dem ganzen Elend und der ganzen Schmach im Taumel der Parteien von innen her Beladene. Er wehrt den Ratschlag im Wirrwarr ab, den Spruch des Geistes »wo kein allgemeiner trieb ist als der des trogs«


Wo jede zunft die andre

Beschimpfend stets ihr leckes boot empfiehlt

Das kläglich scheiterte, heil sucht in mehrung

Ihr lieben tandes? wo die klügsten fabeln

Vom frischen aufbau mit den alten sünden

Und raten: macht euch klein wie würmer daß euch

Der donner schont der blitz euch nicht gewahrt ...


Gegen die Verantwortungs- und Verhängnismemmen stellt er des Dichters Amt und seine darin verbürgte Verheißung:


Er schürt die heilige glut die über-springt

Und sich die leiber formt ...

Ihm wuchs schon heran

Unangetastet von dem geilen markt

Von dünnem hirngeweb und giftigem flitter

Gestählt im banne der verruchten jahre

Ein jung geschlecht das wieder mensch und ding

Mit echten maaßen mißt, das schön und ernst

Froh seiner einzigkeit, vor Fremdem stolz,

Sich gleich entfernt von klippen dreisten dünkels

Wie seichtem sumpf erlogener brüderei

Das von sich spie was mürb und feig und lau[277]

Das aus geweihtem träumen tun und dulden

Den einzigen der hilft den Mann gebiert


Mit dem Selbstbewußtsein des dichterischen Berufs wirkt in Georges Geist die Abwehr seiner Widerwelt und die Verkörperung seiner Kindschaft. Als sein persönlicher Trost erscheinen dieselben Bejahungen und Verneinungen die in den beiden großen Gedichten dem Volk zugewandt sind: in der Ode an »einen jungen Führer im ersten Weltkrieg«. Dem Gram über das sieglose Ringen des gläubigen Kämpfers, den Tränen um den vergeudeten Schatz wichtigster Jahre, spricht er, wie dem Kampf selbst, einen unmittelbaren Bildsinn aus dem Schicksal solcher Jugend zu:


Jähe erhebung und zug bis an die pforte des siegs

Sturz unter drückendes joch bergen in sich einen sinn

Sinn in dir selber.


Wider die Gründe und Zwecke des bloßen Grübelns und Begehrens, einzelne oder kollektive, stellt George, bis in seine Mahnungen und Willensrufe hinein, die Wirklichkeit der beseelten Gesichte, deren Wert nicht abhängt von Erfolgen des Besitzers und Verlierers, sondern von der Daseinskraft der Sehenden und Gesehenen.

Zwischen den Kriegsgedichten und den Gesängen von den deutschen Lebenskräften kehrt George in sein eigenes Geheimnis zurück mit den Gedichten »Die Winke« und »Gebete«, dem Anruf der Zeichen unter denen die Gesichte seiner Sendung ihm aufgingen und seines eignen Heilbringers selbst, den er aus zauberhaften Raumaugenblicken sich bewahrt im Sturz der taumelnden Schicksale und der im Schweifen und Kreisen des Unermeßlichen als fester Stern ihn lenkt und bestrahlt.

Dann folgen die großen Oden vom Deutschtum. »Burg Falkenstein« wendet den Blick von der rheinischen Burg- und Hügellandschaft – einem gegenwärtigen Zauber, dem der Dichter mit dem Vertrauen einer lebenslangen Gemeinschaft, mit der Andacht und Einsicht des Mitgewachsenen sich widmet – zurück in den Gefühls- und Wehmutsspuk dieses Geisterraumes, in den Reiz des traurigen Sinnens und Singens, in alles was als Romantik, als Geschichtsschatten und als Stimmungshusch solcher Stätten die deutsche Seele lockt und lähmt. Er wendet den Blick voraus und umher aus derselben Heimat und[278] Heimelichkeit in die Zukunft, aus erneuertem Herzen in den verwunschenen Schicksalsbezirk, damit er statt der Gespenster wieder Geburten zeitigt. Immer wieder aus dem Hier und Jetzt, aus dem Nu der bestimmten Gestalt sammelt er und entsendet er was sich verloren hatte zu herbstlichen Schemen. In »Burg Falkenstein« wird die Stätte der Herkunft zum Halt des verwunschnen Wanderns .. die nächste Ode »Geheimes Deutschland« weissagt die Umkehr des weltdurchrasenden, gierigen, lärmenden Taumels (der alle Schöpfung entleert und entkräftet, indem er sie benutzt) .. Umkehr durch das letzte Geheimnis der Mächte, durch Heraufkunft neuen Raums in den Raum, das heißt: Aufbruch unverbrauchten Lebens aus dem gehegten Herzen des Volkes, das dem Dichter Glauben gegeben durch menschliche Gestalten, Ereignisse, Begegnungen – Vorgänge seines unscheinbaren, leisen Tages und zu gleich Wunderzeichen des mythensichtigen Auges.

Die nächsten Gedichte legen Georges Spannung (oder Erfahrung) seines steten Weilens im gegenwärtigen Leben und der keimhaft darin sprengenden Wandlung – Umkehr, Umsturz, Einbruch – auseinander in Zwiesprache. »Der Gehenkte« antwortet dem Frager, der ihn vom Galgen schneidet, als die Stimme der Schmach, der Verfehmung, des Frevels, wodurch die gehegte und sittige, gültige und stattliche, schein- und schattenhafte Vorhandenheit allein insgeheim bestehen kann und insgeheim gewendet wird. Was jeweils Tugend, Ordnung, Macht dünkt, bedarf eines unterirdischen Tilgers, zugleich Hegers und Erneuerers, des Trägers der künftigen Gottesgesichte. Genauer ertönt hier eine Lehre Georges, die schon der »Siebente Ring« verkündet: sein Glaube an die Erneuerung der Welt aus dem Fernsten, an ihren Umbau auf dem Stein des Anstoßes, der Grundstein wird .. an den Vollzug jeder heilsamen Tat durch die jeweiligen Verbrecher, ja Zuchthäusler. In solchen Gedichten (auch der »Täter« im »Teppich des Lebens« gehört dazu) verrät George den Abgrund, woraus seine vielgepriesene und vielbelächelte Schönseligkeit steigt. Mit Genießertum hat sie nichts zu tun, sondern setzt – wie der griechische Apollo Gäa und die Titanen, wie Dantes Paradies seine Hölle, wie Shakespeares Lustspiele seine Tragödien, den Aufenthalt in der unbarmherzigen Schrecknis voraus.[279]

Das Zwiegespräch zwischen Mensch und Drud, das heißt zwischen dem erdverheerenden Forsch- und Nutzgeist und der nährenden, zeugenden geheimen Lebenskraft, kündet dieselbe Einsicht, die der »Gehenkte« sittlich-gesellschaftlich versinnbildet, aus der Natur:


Uns tilgend tilgt ihr euch ... ..

Nur durch den zauber bleibt das leben wach.


Das ist keine romantische Sehnsucht nach glücklicheren Urzuständen oder gar nach gesetzloser Freiheit des geistfeindlichen Lebensschwelgers, sondern der nüchterne Spruch des Mannes der vermöge seiner innersten Spannung Geist gegen Leben, Leben gegen Geist schützt, grenzt, wägt, den Göttern gebend was den Göttern ist: den verborgenen Kräftewandel .. dem Menschen das seine: Gestalt, Sinn und Gesetz.

»Das Gespräch des Herrn mit dem römischen Hauptmann«, abermals fern von den schwülen Gemütsnebeln und der Glaubensgeilheit, römisch sachlich, aber im mythischen Raum, gibt den Fragern Bescheid welche die Erlösung von außen her erwarten ohne Fülle und Glut des eigenen Wesens. Es empfängt jeder, auch vom Heiland nur, so viel er geben kann, und Gott offenbart sich nur dem der sein Geheimnis wenn nicht weiß so doch wächst. Die Gotteskunde ist aufgehendes und übergehendes Menschtum, die Gnade von oben nur verwirklichtes Herz von innen: auch hier in christlichem Gleichnis Georges Lehre von der Verleibung des Gottes und der Vergottung des Leibes, wobei Leib den erscheinenden Augenblick, Gott die menschensinnvolle Allkraft bedeutet.

»Der Brand des Tempels« – nicht mehr Dialog, sondern schon echt dramatisches Geschehnis- und Gebärdenbild – rückt die Zusammenbrüche des großen Krieges auf das Blickfeld des Sinnsehers: Priester und Greise empfangen vor dem belagerten Tempel, der alle Schätze und Überlieferungen ihres Volkes enthält, die Botschaft von Art, Tun und Wort des erobernden Hunnen, seinen Bescheid an die verschiedenen Bittsteller: Händler, Bürgerfrauen und an die schöne Königstochter, die ihn um Gnade angeht. Sein Aussehen, sein Gehaben, seine Vorgeschichte, sein Verhalten zu Heer und Volk, zur Mutter und zum nächsten Freund, der ihn verraten, erscheinen in kurzen Berichten, welche ewige menschliche Verhältnisse vergegenwärtigen, in der[280] Stunde des Untergangs. Das gesamte sichere Dasein, behütete Erbschaft eines Gemeinwesens, seit Jahrhunderten Besitz und Bildung, Alltagsgier, Neid und Furcht von Bürger und Pöbel auf der einen Seite .. auf der andern der Kriegsfürst mit seiner Mann- und Weibszucht, seiner Härte um des richtigen Fugs willen und seiner auch gegen ihn selbst unerbittlichen Bindung an erkannte Gesetze, jenseits von Wünschen persönlicher Güte, Rache oder Liebe – all diese gedrungenen, mit nackter Einfalt und feierlicher Stärke vorgestellten Verhängnisse, richtet und sichtet der Dichter von dem Zusammenbruch her, der die bequemen Werte in Frage stellt, die geheimen in die Erscheinung drängt. Das Drama wird beherrscht von der Gestalt des Gebieters, die nicht selbst erscheint, sondern entrückt und gegenwärtig zugleich aus den Berichten der Sprecher herein wirkt: eine Durchdringung derjenigen inneren Kräfte deren George selbst sich mächtig weiß, seiner eigenen Einsichten, Wünsche, Zwänge mit solchen die als mythische Machtbilder im Völkergedächtnis weiterleben, zumal die Gottesgeisel Attila. Den Sinn des sagenhaften Verheerers faßt und formt der heutige leise Dichter aus der von ihm überall wahrgenommenen, erlittenen und gefeierten Spannung zwischen dem kaum merkbaren Lebenskeim einer neuen Welt, die aus ihm selbst werden will, und dem offenbaren, bald verkörperten, bald chaotischen Umsturz einer fertigen Welt. Wie George selbst sich zur steigenden und stürzenden Zeit verhält im Herzen, zu den Bindungen des Blutes, der Gemeinschaft und der Freundschaft, zu Volk, Weib und Schar – oft ausgesprochen in einzelnen Bildern, Winken, Lehren .. seit dem »Siebenten Ring« zumal im »Stern des Bundes« – das rückt er hier in straffe Gebärdenbilder dramatisch zusammen, zugleich Gesichte und Kunde. Die gierige, neidische Menge, die in Krisenzeiten ihren Verderb nicht merkt, aber schafft .. die ratlosen Ratsherrn und Pfleger, Hüter und Mehrer jetzt entwerteten Erbes, die »Eingereihten und die Rückgewandten«, das ziellose Wirrsal von »Hunger und Liebe« von Besitz und Geschlecht, die gesammelte, von ihm erleuchtete und geblendete Wucht seines Heeres, des menschlichen Werkzeuges und Wirkkörpers – der Abfall auch und gerade des getreusten Helfers, die Hemmnis und die Abwehr auch und gerade der engsten Naturbindung: der mütterlichen .. die Ehrfurcht und der Verderb gerade[281] der holdesten Versuchung, der schönen, reinen, hohen Frau, die um Gnade fleht – all das steigt aus Befehlen des Georgeschen Geheimsinnes, woran er mehr leidet als seine Opfer, aus dem Gerichtetsein des Richters, hier empor in gestaltige Bekenntnis und Erkenntnis. Noch die Vorgänge und Figuren umwittert hier die schaurige Helle mythischen Landes. Noch die nüchtern klaren Sätze, römisch hart und lapidar, pochen von der finsteren Leidenschaft eines Verhängnisses. »Das Gleichgewicht der ungeheuren Wage« zwischen der geheimen Bürde des einen Wandelträgers und der herausgestellten Widerwelt, gibt Georges Versen im »Brand des Tempels« zugleich die Dichte eines selbstsicher geschlossenen Ich und die Weite einer öffentlichen Monumentalität, worin eine starke Seele ihre räumliche Macht gefunden, worin ein ungeheurer Nu sich gezeitigt, verewigt.

Die »Sprüche an die Lebenden« übergehen wir: es sind Winke vertrauter Gemeinschaft, ganz deutbar nur von denen die sie verlangt oder veranlaßt haben .. getragen (wie alle Dichtung Georges) von dem einmaligen Augenblick als dem höchsten Gott und von dem steten Gesetz dieses Charakters. Noch als Lehrer und Liebender unter dem Wandel der grenzensprengenden oder grenzenerfüllenden Stunden, der bezaubernden Begegnungen, der erschütternden Trennungen hält und lenkt er das Auge auf die Übergänge des Eingeweihten und Einzuweihenden. Bald sind es gemeinsame Erlebnisse auf dem Weg durch die Landschaft, bald die Formeln – Warnung oder Ermunterung – für das Lebensgesetz einer Alterstufe, für die Schicksalsgefahr dieses und jenes Gefährten, Schülers, Jüngers, bald Lehren aus der Ernte eines langen Lebens, niemals abgelöst vom einmaligen Wirken und darum nicht als Allgemeinsentenzen verwendbar, doch gesättigt mit dem Wissen eines Mannes der nicht anders kann .. dessen Dasein ein Gesetz mitverkörpert und wahrsagt, indem er es wahrnimmt.

Die »Sprüche an die Toten« sind Nachrufe an Opfer des Krieges, aus dem Gemeinschaftsverhängnis deren besonderen Sinn deutend, beleuchtend, verherrlichend, sühnend .. unheimlich abermals durch das mythische Schauen von Einzelschicksalen, die nach Hunderttausenden zählen und doch dadurch daß dieser Dichter sie wahrnimmt teilhaben an seiner überzeitlichen Bildkraft.[282]

Wir wenden uns dem letzten Kreis des »Neuen Reichs« zu, den mythischen Liedern und Balladen, dem Ausschwingen der gedrungenen Seele vom jahrzehntelangen Sinnen und Fügen. Es sind die leichtesten, holdesten Töne vielleicht in Georges gesamtem Schaffen und dabei doch nicht in romantisches Geträller und Geklingel zerlöst, sondern fest und klar, mit der markigen Einfalt der besten Volkslieder und zugleich mit der schaurigen Ferne, wie von einem anderen Stern her .. Gesichte bannend aus dem Bereich alter Mären und Bräuche und doch zugleich seine heutige Weisheit mit eindeutend: »Das Lied« von dem Knecht, der im Wunderwald verirrt seine fremde Kunde nach langen Jahren wieder heimbringt, und von der Gemeinde nicht verstanden, als verwahrloster Hirt dienstbar, nur den Kindern sein Lied weitergibt


Bis in die spätste zeit ...


Das ist als Ballade ein Grundglaube Georges: die Herkunft des dauernden Zaubers aus der Entrückung und Verwandlung, die Geburt und Bewahrung des Wunders in den schlichten und lauteren Seelen. Auch dies Gedicht ist keine sinnige Allegorie, sondern umwittert von dem reinen Fernhauch und dem Einkehrglück woraus es schwingt. Im »Schifferlied« tönen schlicht und sacht die Mordgefahren des leidenschaftlichen Herzens (wie sie Georges ganzes Werk vom »Algabal« über »Verrufung« und »Der Täter« im »Teppich des Lebens« und das »Zeitgedicht«: und »Porta nigra« im »Siebenten Ring« bis zu den Flüchen im »Stern des Bundes« durchschüttern) zusammen mit der sehnsüchtigen Andacht zum lieblichen Wesen: böse Tat, frommer Verzicht und karger Abschied ins Dunkel .. sechzehn Verse voll harten Geschehens und wilden Gefühls im verhaltenen Klang.

Ein weiteres seiner Gedichte (Horch, was die dumpfe Erde spricht) wägt in ähnlicher Weise die freie Schwebe des Einzelnen, seine geflügelten und wallenden Augenblicke, seine Gesellungen, Begegnisse, Träume zusammen mit dem dumpfen Natur- und Schicksalsgrund, seinen lockersten Flug mit dem unterirdischen Zwang des unlenkbaren Nu – ein Sibyllenspruch, immer wieder nächtig raunend aus dem durchlebten ungelösten Geheimnis und schwingend in seliger Weisheit.[283]

Auch im »Seelied« wird ein einziger schöner Anblick, Augenblick ausgewogen gegen ein gesamtes Dasein:


Mein herd ist gut, mein dach ist dicht,

Doch eine freude wohnt dort nicht.

Die netze hab ich all geflickt

Und küch und kammer sind beschickt.


So sitz ich, wart ich auf dem strand,

Die schläfe pocht in meiner hand:

Was hat mein ganzer tag gefrommt,

Wenn heut das blonde kind nicht kommt.


In dem nächsten, »Die törichte Pilgerin«, versinnbildlicht sich der Wahn der die unwiderbringliche Gnade, das rechte Begegnen verkennt, der erlisten oder erzwingen will was dem Kairos zusteht: das Mädchen dankt dem Helfer der die Hingestürzte aufhebt und merkt nicht im Zufall, der nicht wiederkehrt, Schicksal und Willen zugleich.

»Der Letzte der Getreuen« stellt sein Leben auf den Augenblick des Untergangs mit dem verbannten König. Im Gedicht »Das Wort« bannt sich dasselbe Grunderlebnis vom Augenblick, der Wesen schafft, zeugt oder aufhebt, durch den es erscheint, wirkt und dauert, in die Mär von der Norn, die einem Wunder- und Schätzefinder seine Beute benamt und sichert oder verschweigt und vernichtigt. Hier ist der schöpferische Augenblick ein Wort, wie in den vorigen Gedichten eine Gestalt, ein Ziel, ein Erinnern – immer die heilige Hochzeit zwischen dem unwägbaren Hier und Jetzt und dem faßbaren Immer und Überall, bald fruchtbar, bald verderblich.

Dasselbe Mysterium das in der Natur aus dem Samen fleischlich, stammlich, gesellschaftlich, geographisch, politisch und wie immer durch allgemeine Gegebenheiten bestimmter und deutbarer Menschen in einem unbestimmbaren und undeutbaren Einungsnu einen Heros oder Heiland für Jahrtausende zeitigt – dasselbe Mysterium offenbart und birgt sich in jedem menschlichen Geschick. George, der strengste Gesetzesfröner, hat dies Mysterium immer wieder, in erschütternden und beseligten Gesichten, in ergebenen und drohenden Gebeten verkündet. Als Gesinnung ist das Leben im Geheimnis des Augenblicks, das in den Liedern des »Neuen Reichs« mannigfach[284] erscheint und ertönt, für immer formuliert in Shakespeares »Reif sein ist alles« .. als Ereignis und Verhängnis in dem Wort »jacta est alea«. Auch das Verhängnis des Würfels winkt aus Georges letztem Werk im Gedicht »Die Becher«. Dann aber schwingt er aus in die Feier der unfaßlich innigen und weiten Elemente, worin und woraus die Menschenstunde reift und zeugt. »Das Licht« das einzige Sekunden des Sehers verherrlicht und doch für alle leuchtet .. Sturm und Meer, von fernher sausend, um einen Stamm zu brechen und in einer Muschel zu dröhnen .. und zuletzt der liebliche Zauber der Erde haftend an der unersetzlichen Gestalt und alles beginnend, alles durchdringend, alles vollendend, unfaßbar wie die Welt und wirklich wie der heilige Nu.[285]

Quelle:
Gundolf, Friedrich: George. Berlin 31930, S. 269-286.
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