Zweiter Auftritt.


[110] Lord Tyrconnel. Steele.


LORD TYRCONNEL. Mein Herr, ein Wort! Keine Umstände! Bitte! Ich komme in einer Angelegenheit zu Ihnen, von der Sie wissen werden, daß sie in diesem Augenblick ganz London beschäftigt. Ja, die schändliche Grausamkeit der Lady Macclesfield gegen ihren Sohn – Schnell. es ist ihr Sohn – er ist es! Alle Stimmen, alle Zeugnisse, alle Untersuchungen in den Registern der Kirchen – in den Annalen der Schulen non Lincolnshire – von St.-Albans –

STEELE. Ihr Name, mein Herr!

LORD TYRCONNEL. Lord Tyrconnel.

STEELE. Mylord, ich weiß, Sie sind der berühmte großartige Beförderer der Ansprüche unsers Freundes! Der Philanthrop Lord Tyrconnel! Ultor et vindicator der Rechte der Natur, wie Sie sich in den Zeitungen nennen! Man sagt, Sie beteten die hartherzige Mutter einige Jahre an, wurden, glaub' ich, nicht erhört, zuletzt förmlich verabschiedet – jetzt ergreifen Sie –

LORD TYRCONNEL. Diese Gelegenheit, mich zu rächen? Nein, Sir, denken Sie edler von mir – Und dennoch: Allerdings, ich gestehe, daß ich die Gräfin hasse und nicht Moralist genug bin, meinem Hasse nicht all das Material zu verschaffen, das mir die Aufführung dieser Dame selbst darbietet.

STEELE. Legen Sie sich keinen Zwang auf! Wir Journalisten kommen so oft in den Fall, zu beobachten, wie mit der Wahrheit oder mit dem, was man dafür hält, Motive verbunden sein können, die den Kampf für das Gute und Edle auch immer für uns selbst sehr vorteilhaft machen. Womit kann ich dienen?

LORD TYRCONNEL. Mister Steele, Ihre Feder ist scharf wie die Waffe des Schwertfisches. Sie haben mit ihr den Walfischbauch des vorigen Ministeriums durchsägt –

STEELE. Sie sprechen ja wie ein Grönlandsfahrer.

LORD TYRCONNEL. Weil ich an den Nordpol denke, an das ewige Eis, das ein Herz bedecken kann! Steele, wie können Sie in Ihrem Journal über diesen Gegenstand schweigen? Über die[110] Sache Ihres besten Freundes! Sie, Sie müssen diesen Skandal einer Mutter, die ihren Sohn nicht anerkennen will, aus der entrüsteten Konversation Londons in die Journalistik einführen! Sie müssen der Nachwelt die Kunde von einem Weibe hinterlassen, das im Angesicht der unwiderleglichsten Zeugnisse für die Echtheit ihres Sohnes dem Muttergefühl trotzt und mit der schnödesten Grausamkeit und Kälte ein Besitztum zurückweist, um welches sie von allen Müttern Londons beneidet wird. Von dem Ruhm Savages abgesehen, wo findet man einen Sohn, der mit mehr Beharrlichkeit und Sanftmut die Laune seiner Mutter erträgt! Sie verweigert ihm ihr Haus, er heftet seinen lechzenden Blick an ihre Fenster. Sie zerreißt seine Briefe, er ist froh, die Fetzen davon wiederzubekommen, weil ihre Hand sie berührt hat! Lady Macclesfield ist ein Ungeheuer, ganz London sagt es; um sie zu demütigen, müssen es auch die öffentlichen Blätter sagen.

STEELE. Mylord, Richard Savage ist mein Freund. Nächst einem weiblichen Wesen, das Sie nicht kennen, bin ich es wohl, der sein Schicksal am meisten beklagt; aber ich kann nicht sagen, daß mir die Aufführung meines Freundes gefällt. Es ist, denk' ich, eines Mannes nicht würdig, sich in dem Grade, wie es von Lady Macclesfield geschieht, mit Füßen treten zu lassen –

LORD TYRCONNEL. Es ist seine Mutter –

STEELE. Die Liebe eines Kindes küßt die Rute, die es züchtigt – wollen Sie sagen, aber hier trifft sie einen Mann – einen Charakter –

LORD TYRCONNEL. Savage ist ein Jüngling – voll der edelsten Schwärmerei! Denken Sie sich ihn, wie er seine Jugend hindurch über seine ihm verborgene Herkunft brütet, Vater und Mutter nicht kennt und plötzlich entdeckt, daß eine der ersten Damen des Königreichs ihm das Leben gab. Nun Dichter, Phantast, früher auch, wie ich höre, in den Tag hinein lebend und den Adel seines Gemüts, tollkühn genug, der Gefahr des Scheiterns in wilder Gesellschaft aussetzend – Kennt er die Täuschungen des Lebens? Kennt er mehr als die Welt der Bücher? Was wird ihm Liebe und das Wesen der Frauen sein? Etwas, was er nur im Bereiche der Kunst erfahren hat. Nun entdeckt er diese Mutter, findet sich im Leben zurecht, fühlt sich im Wirklichen heimisch, hat den Brennpunkt für sein Herz gefunden, die erste Anknüpfung für ein Verständnis der Welt – sein ganzer innerer Mensch ist in einem neuen Schwung und Aufruhr –

STEELE beiseite. Scheint eine wirkliche Überzeugung des Mannes zu sein![111]

LORD TYRCONNEL. Steele, mit einem Wort: Töten Sie dies Weib!

STEELE. Ich bewundere Ihre Menschenkenntnis, Mylord! Sie mögen recht haben; aber doch, sind es nicht Torheiten, die Richard begeht? Gleich als er die unglückliche Entdeckung machte, hat er sich in ein Meer von Schulden gestürzt, aus dem ihn seine Freunde nicht wieder herausfischen können. In dem märchenhaften Vertrauen, die Mutter würde alles bezahlen, was er brauchte, um anständig vor ihr zu erscheinen, hat er die Kleidermagazine der Stadt ausgekauft, Wagen und Pferde, ich sage Wagen und Pferde, angeschafft, eine glanzvolle Wohnung bezogen – der Hebräer Matthews schoß alles vor –

LORD TYRCONNEL. Ich bin reich – es wird sich Hilfe schaffen lassen.

STELLE. Ich sage Ihnen, dieser liebenswürdige, aber tolle Schwärmer, der jetzt den jungen Lord Rivers spielt und sich kaum noch um die heutige Aufführung seines Stücks bekümmert, ist wie ein Verbrecher, der, hundertmal gestraft, sein Vergehen nicht lassen kann. Alles Geld, das ihm seine Freunde steuerten, verwendet er zu dem einen Zweck, seiner Mutter zu imponieren, mit vier Pferden hundertmal des Tags an ihrem Hause vorüberzufahren, ihre Dienerschaft zu bestechen, ihr heimlich Überraschungen zu bereiten, glänzende Gesellschaften zu geben, um von sich reden zu machen und auf den Ehrgeiz der stolzen Frau zu wirken –

LORD TYRCONNEL. Aber alles das macht mir ja diese Mutter nur noch fürchterlicher! Und Sie können das dulden, Sie, Steele, der die Literatur des Tags erfunden hat, Sie, Steele, der jene olympischen Blitze der öffentlichen Meinung schmiedete, die zerschmetternd aus Ihrer Hand in den Lug und Trug unserer verdorbenen Sitten und Meinungen niederfahren?

STEELE beiseite. Ein Akteur, der mit seinem Kostüm auf die Straße rennt und den Brutus ganz in Wirklichkeit spielt! Laut. Mylord! Je verheerender meine Waffe ist, desto vorsichtiger muß man mit ihr umgehen. Die öffentliche Meinung ist nicht immer die richtende Themis, sondern weit öfter eine Harpyie, die nichts wieder herausgibt, was sie einmal zerrissen hat. Beschuldigt sie einmal die Tugend eines Engels, der Himmel selbst kann ihn nicht wieder rein waschen. Tausend Rechtfertigungen, tausend Widerlegungen – immer bleibt etwas hängen.

LORD TYRCONNEL. Hier ist von einem Teufel die Rede! Ich hab' es selbst gesehen, Sir, daß Richard Savage sich vor ihren im vollsten Lauf ansprengenden Wagen stellt, der Kutscher mußte[112] innehalten, sie blickt zum Schlag heraus, erkennt ihren Sohn, der ihr ein Blumenbukett darreichen will, und befiehlt ihren Leuten mit zorniger Gebärde, zuzufahren. Hätten ihn nicht andere weggerissen, er wäre gerädert worden.

STEELE. Nun sagen Sie selbst, sind das von meinem Freunde nicht Tollheiten? Bald schwingt er sich auf den Schlag ihrer Kutsche und wirft ihr im währenden Fahren Gedichte zu; bald schlägt er welche an die Tür ihres Hotels, bald wirft er in ihre Theaterloge seidene Tücher; wenn sie im Park fährt, er steckt hinter jedem Strauch; wo sie etwas in der City kauft, er mischt sich in den Handel; wenn sie die Kirche besucht –

LORD TYRCONNEL. Lady Macclesfield besucht nicht die Kirche –

STEELE. Mylord, die Geschichte ist bis jetzt nur noch eine Komödie. Wenn ich sehe, daß mein Freund in Wahrheit unglücklich ist, wenn sein Äußeres abfällt, wenn er mit seinen tausend Torheiten auch die einstellt, auf Rechnung seiner Anerkennung seitens dieser Mutter wie ein Fürst zu leben, und noch eins – wenn sie gegen den außerordentlichen Beifall, den sein dichterisches Talent heut' in Drurylane finden muß, gleichgültig bleibt – sehen Sie, da regt sich der Stolz des Schriftstellers und der esprit de corps, der uns alle, selbst zuweilen Produktion und Kritik, zusammenhält – dann, Mylord, dann fragen Sie wieder an.

LORD TYRCONNEL. Mister Steele, eine Biographie der Dame, von Bedeutungsvoll. meiner Hand geschrieben, steht Ihnen zu Diensten. Studieren Sie inzwischen die Lehre von den Giften, die Zoologie der afrikanischen Wüste, studieren Sie die Verirrungen des weiblichen Gemüts von Messalina bis auf Katharina von Medici, und Sie werden sich von mir noch Bilder und Vergleichungen borgen müssen, um den Charakter der Lady ganz zu er schöpfen. All die Bitterkeit Ihres Ausdrucks, Ihre ironischen Wendungen, Ihre zermalmenden Sarkasmen – ich bitte Sie, Mister Steele, sparen Sie sie für dieses Autodafé auf! Zudringlich vertraulich. Ich bin ein Bewunderer Ihres Geistes, Mister Steele, ich gehöre schon lange zu Ihren guten Freunden, Mister Steele, ich billige auch Ihre politischen Ansichten, Mister Steele, ich bin – überhaupt frei von allen Vorurteilen, Mister Steele, ich nehme nicht ohne Grund Partei für Gegenstände der Öffentlichkeit, ich liebe die Humanität, denn ich – doch Ihre Zeit ist kostbar! Richard Savage werd' ich, wenn er es gestattet, adoptieren als meinen Sohn! Man soll mich den »Vater eines Sohnes« – ihn »den Sohn eines Vaters« nennen – Doch, ich rüste mich auf den heutigen Abend.[113] Sein Stück muß einen großartigen Triumph erleben! Morgen bring' ich Ihnen die Nachricht über den Eindruck des Erfolgs auf die Mutter, und dann, dann, Steele, dann – beginnen – Sie! Ab.

STEELE ihm verächtlich nachsehend. Diese liberalen Edelleute! Nur weil sie eitel und zuweilen – furchtsam sind, geben sie sich das Ansehen, als liebten sie Humanität und Freiheit! Ihre Stammbäume bleiben immer dieselben, ob sie nun wild und knorrig im Wald ihrer Privilegien dem Sturm der Zeit trotzen, oder ob sie zierliche kleine Döschen daraus drechseln, die sie dem Zeitgeist präsentieren, um ein galantes Prischen daraus zu nehmen. Der will für die Tugend und das Unglück einstehen? Der will, da er vergeblich der stolzen Lady den Hof machte, sich jetzt an ihr rächen und noch eine Dividende dazu bei der öffentlichen Meinung gewinnen? Darin hat er recht: – ich werde mich seinem Antrag nicht entziehen dürfen – denn Savage und Miß Ellen leiden unter dem Verhältnis, das ganz London beschäftigt; aber Nimmt Briefe und Korrekturen. als Lückenbüßer für mein Journal will ich doch die Bemerkung brauchen – daß in dieser Welt keine Wahrheit mehr dankbar ist, zu der nicht hinten – eine, wenn auch noch so kleine, versteckte Hühnersteige des Interesses führt. Ab zur Seite.


Quelle:
Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1912], S. 110-114.
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Richard Savage, Sohn einer Mutter
Dramatische Werke: Richard Savage; Oder, Der Sohn Einer Mutter Ottfried. Wullenweber. Der Dreizehnte November. Fremdes Glück (German Edition)

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