Vierter Auftritt.


[24] Uriel. Judith.


URIEL.

Ich komme, Freundin, weil Ihr es gewünscht,

Und hoffe, daß ich Fremden nicht begegne.

JUDITH.

Weil ich es wünsche, seid Ihr nur gekommen?

Wo weilt Ihr? Warum flieht Ihr? Großer Gott,

In dieser Zeit, in dieser schwerbedrängten!

Was hab' ich alles nicht vernehmen müssen?

URIEL.

Von meinem Streite mit der Synagoge?

JUDITH.

Was kümmert mich die Synagoge –!

Nein, Uriel, Ihr habt entfliehen wollen!

Ist es denn wahr, daß Ihr so grausam scheiden,

So plötzlich über Nacht verschwinden könntet?

URIEL.

Seid kalt! Ich bitt' Euch, laßt den sanften Ton!

Seid, was Ihr werden müßt, das Weib Jochais.

Es ist so oft erörtert – oft beweint –

Was reißen wir die alten Wunden auf!

JUDITH.

Ihr sollt nicht von Ergebung reden!

URIEL.

Judith!

JUDITH.

Ich hass' Euch, wenn Ihr so gelassen sprecht!

URIEL.

Ihr wißt, bei unserm Volk herrscht die Familie,

Der Vater will, das Kind gehorcht – die Bande,

Die erst von Eisen, werden Rosenketten!

Ich kenne das, das Leben ist ein Treibhaus –

JUDITH.

Sagt das, Acosta, wenn Ihr einsam geht

Mit Euern kalten zweifelnden Gedanken,[24]

Sagt das nicht hier, hier an dem Marmortisch,

Wo Ihr das wärmste Leben mir erschlossen!

Kennt Ihr das grüne, stille Laub nicht mehr,

Den Frieden nicht, wo Euer Mund von Kriegen,

Vom Sturm der Weltgeschichte mir erzählt?

O, Uriel, dies sind die Blumengärten,

Wo ich gewandelt bin an Euerm Arm,

Euch da, Euch dort ein selten Kraut gezeigt –

Ihr saht es an, Ihr nanntet es mit Namen,

Ihr brachtet Feuer, wunderbare Gläser,

Ihr zeigtet, wie Natur dem Geist gehorcht,

Wie im Metall, im Kiesel, in der Pflanze

Geheimnisvolle Kräfte schlummern – wie?

Und in uns selber wäre alles tot?

Da wäre nichts, was aus der Asche stiege,

Kein Funke aus dem Stahl, aus Gift kein Balsam?

Nein, Uriel, Ihr habt einmal gebaut

Vor meinen Augen eine Himmelsleiter,

Und nun ich oben schwebe in dem Äther,

Im Reich der seligsten Verklärung, zieht Ihr

Die Staffel fort? Nie kann ich rückwärts finden,

Nie mehr mit dem Gemeinen mich verbinden!

URIEL.

Was wir uns sind, mit Tränen steht es, Judith,

Auf jedem grünen Rasen hier geschrieben.

Doch soll's nicht sein – es wird nicht sein – ich kenn' es,

Das Wildhinstürmende paßt nicht für uns.

Vielleicht, wenn wir mit Büchern nicht verkehrt,

Von Sternen nicht, vom Weltall nie gesprochen

Und nur an Nächstes uns geklammert hätten,

Vielleicht, daß dann die wilde Ungeduld

Der ungezähmten Triebe tobt' und schriee –

Doch wolle mich der Himmel davor schützen,

Daß ich, dem Schmerz mich nicht geduldig fügend,

Dich je an einen Scheideweg geführt

Und grausam ausgerufen hätte: Liebe,

Hier mußt du wählen oder untergehn!

Weißt du – was mich bedroht? Der Bann, die Ächtung!

Fluch wird von euern Wohnungen mich treiben!

Nie darfst du den Verfluchten lieben – ja!

Für eine Ehre halt' ich diesen Fluch,

Doch kann ich sie mit jemand teilen wollen?

JUDITH.

Acosta, wird ein Volk die Edelsten,

Die Besten seines Stammes wohl verwerfen?[25]

URIEL.

Und dennoch wird's geschehn – zum letzten Male,

Judith!


Er ergreift ihre Hand.


... Leb' wohl!


Erblickt Jochai.


Ha, Ben Jochai hier!

Und Gäste ringsum? Sind wir nicht allein?

Was tust du? Mädchen, ehren willst du mich?

Demüt'gen kann mich nur der bunte Schwarm!


Quelle:
Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 3, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1912], S. 24-26.
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Ausgewählte Ausgaben von
Uriel Acosta
Uriel Acosta: Trauerspiel in Funf Aufzugen (German Edition)

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